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Igby Goes Down – Igby allein in New York

Igby Goes Down

Von Lucas Knabe

Tragikomödie // Der 17-jährige Jason jr. (Kieran Culkin) wird von jedem nur Igby genannt. Seine Mutter Mimi (Susan Sarandon) ist eine wohlhabende Furie, sein älterer Bruder Ollie (Ryan Phillippe) ein elitärer und schnöseliger Emporkömmling, sein gleichnamiger Vater Jason (Bill Pullman), ein dem Leben gegenüber gleichgültiger und ausgebrannter Starkraucher, während Igbys Patenonkel D. H Banes (Jeff Goldblum), ein in den Hamptons wohnender Sonnyboy und Geschäftsmann im Anzug, seine Frau betrügt. Mit dieser chaotischen Konstellation, die von einem auf dem Papier vielversprechenden Ensemble verkörpert wird, schickt uns Regisseur Burr Steers auf eine knapp zweistündige Reise mit dem rebellischen Taugenichts Igby auf der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, umringt vom Ruf der Freiheit und dem Druck, familiäre Erwartungen zu erfüllen.

Motive zeitloser Familienklischees

Die Grundkonstellation des Films ist bereits durch diese kurze Einleitung weitgehend erschlossen und vertraut. Ein vermeintlich privilegierter Jugendlicher, gleichzeitig das Subjekt der Handlung, will nicht den Weg gehen, der wahrscheinlich schon vor seiner Geburt vorbestimmt war. Die Erwartungshaltungen und der Druck, den Idealen der Familienmitglieder zu entsprechen, die sich darüber hinaus selbst nicht einig sind und ihre Maxime in einem Tauziehen verhandeln, erzeugen beim Spross eine immunisierte Abneigung gegen alle Bitten und Forderungen seiner Ernährer. Sein Betragen und die Leistungen in der Schule sind dürftig, verbale Gefechte mit Lehrern und Vorgesetzten stehen auf der Tagesordnung, der Rausschmiss droht, Hobbys, Vorlieben und Freunde sind alles andere als karriereförderlich und der Konsum von Drogen – zu der ich auch körperliche Akte der Liebe zählen möchte – ist nicht weit. Kurzum karikiert der Film alltägliche und unpolitische wie zeitlose Konflikte von Familien und Jugendlichen, die wohl von noch keiner Generation gänzlich vermieden werden konnten.

Igby entflieht seiner Familie …

Zu dieser Art des rebellischen Coming-of-Age-Films könnte man „Igby Goes Down“ auf den ersten Blick ohne Weiteres zuordnen. Man könnte behaupten: „Frei von jeder Innovation oder gesellschaftlichem Zeitgeist zeigt sich ein generisches Teenie-Drama in einer bekannten und vielfach reformierten Grundkonstellation der Liebe, Wut, Hoffnung und des Verlusts, die nicht zuletzt mit einem realistischeren und kühleren Weltbild an die Gaunerkomödien seines Bruders Macaulay Culkin erinnert.“ Dazu später mehr. Zentral sei erstmal die rhetorische These, ob dem Film mit dieser profanen und von Rezipienten durchaus gebräuchlichen Aussage Genüge getan wird.

Es ist schwer, ein Teenager zu sein

Der eine Teil der Wahrheit muss der These beipflichten, dass sich der Film durchaus einem erprobten Repertoire des Coming-of-Age-Films bedient, weswegen er seit seiner Veröffentlichung nicht unbedingt dazu beitrug, seine Genres oder die Sehgewohnheiten westlicher Konsumenten zu erweitern oder prägend zu gestalten, was an dieser Stelle lediglich sein Schattendasein erklären und nicht die Qualität absprechen soll, die nun der zweite Teil der Wahrheit verkünden kann. Denn so bekannt Motive, Figurenbilder und die Performance auch sind, es muss gleichfalls konstatiert werden, dass „Igby Goes Down“ diese Instrumente zu einem erfrischenden und kurzweiligen Stück einfädelt, das unterhält und durch die stimmige Berg- und Talfahrt einer Taugenichts-Komödie aus der Perspektive des charismatischen und originellen Charakters Igby besticht.

… und will neu anfangen

Darüber hinaus schafft es Burr Steers Werk, elegant zwischen komischen und ernsten, zwischen glückerfüllten und trostlosen Stimmungen zu wechseln, etwa wenn Igby und dessen Bruder ihrer todkranken Mutter Sterbehilfe leisten und sich dabei Situationskomik und Mimis Vergänglichkeit in authentischem Stil die Hand reichen, ohne albern oder absurd zu wirken. Damit werden eindrucksvolle Momente kreiert, die den Film für mich zu einem Geheimtipp gemacht haben. Gleiches gilt, wenn Igby erfährt, dass sein amouröses Abenteuer mit Sookie (Claire Danes) ein Ende findet, weil sie es plötzlich vorzieht, mit seinem Bruder eine kurzweilige Liebelei zu führen, woraufhin Igby mittellos und vom Liebeskummer geplagt zu „Don’t Panic“ von Coldplay durch die Häuserschluchten New York Citys schlurft. Das Wechselspiel der Gefühle leitet die Spannungskurven des Films großartig und spiegelt gleichzeitig die klischeehafte Gefühlswelt eines an den Herausforderungen des Lebens scheiternden Teenagers aus einer amoralischen Perspektive wider.

Jugend ohne Wokeness

Dabei kann man aus heutiger Sicht eine gewisse Prüderie und einen Konservativismus feststellen, denn so jugendlich, rebellisch und exzentrisch die Teenager des Films auch sind, ihre Charakterzeichnungen bleiben traditionsverbunden. Bis auf die Szenen, in denen an der eigenen Mutter eine stümperhafte Sterbehilfe absolut stimmig inszeniert wird oder Igby als 17-Jähriger einen Joint raucht, werden keinerlei Tabus gebrochen oder Diversitäten installiert. Will man heutzutage mit einer Handvoll Figuren eine Gesellschaft klischeehaft abbilden, wird dies sicherlich deutlich bunter, diverser und enttabuisierter aussehen. Im Jahr 2002 wagt sich Regisseur Steers offensichtlich noch nicht auf dieses Glatteis, sondern er bildet eine gutbürgerliche Gesellschaft heterosexueller Weißer aus den Augen eines Slackers ab, die allesamt dem Alkohol, Sex und Geld nahestehen. In aller Neutralität soll dies lediglich eine gesellschaftliche Entwicklung anzeigen, die durch das Medium Film erfahrbar ist – der Film könnte diesbezüglich als Quelle der 2000er-Jahre rezipiert werden.

Ein Spin-off?

Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, dass einem als Kenner der Filme „Kevin – Allein zu Haus“ (1990) und „Kevin – Allein in New York“ (1992) mit Kieran Culkins älterem Skandalbruder Macaulay Culkin unweigerlich Parallelen zu „Igby Goes Down“ ins Auge stechen. Es wirkt so, als wolle Burr Steers Kieran Culkin in die gleiche Rolle stecken, die einst seinem Bruder zu Weltruhm verhalf, nur erwachsener, eben nicht aus der Sicht eines problematischen Achtjährigen, sondern aus der eines problematischen Siebzehnjährigen, der nicht von Ganoven auf Trab gehalten wird, sondern von personifizierten Problemen des Erwachsenwerdens. Kurioserweise kommt Bruder Kieran in den beiden Erfolgsfilmen seines Bruders die unrühmliche Rolle des bettnässenden und Cola trinkenden Cousins Fuller zu. 2002, also 17 Jahre nach „Kevin – Allein zu Haus“, spielt Kieran nun die erste Geige als Sonderling der Familie und meistert das mit Bravour. Selbstverständlich handelt es sich beim vorliegenden Film nicht um ein Spin-off, jedoch gewinnt dieses Gedankenspiel an Relevanz, wenn man sich die Eckdaten, Relationen und Konstellationen der beiden Filme ansieht.

Sookie (l.) bringt Igby auf andere Gedanken

Abschließend will ich betonen, dass es sich bei „Igby Goes Down“ um eine gelungene Tragikomödie handelt, die ein kritisches Gesellschaftsbild aus den Augen des Bummelanten Igby in schwarzhumoriger und erfrischender Weise zeigt. Ein visuelles und auditives Feelgood-Movie in Reinkultur.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Susan Sarandon haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jeff Goldblum und Bill Pullman unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 6. November 2020 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Igby Goes Down
USA/D 2002
Regie: Burr Steers
Drehbuch: Burr Steers
Besetzung: Kieran Culkin, Susan Sarandon, Jeff Goldblum, Bill Pullman, Claire Danes, Jared Harris, Amanda Peet, Ryan Philippe, Rory Culkin
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Kieran Culkin und Regisseur Burr Steers, Featurette „Auf den Spuren von Igby“, nicht verwendete Szenen (mit Kommentar des Regisseurs), nur Mediabook: 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach
Label: justbridge entertainment
Vertrieb: Rough Trade Distribution

Copyright 2020 by Lucas Knabe

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 justbridge entertainment

 

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Parasite – Wer sind die Schmarotzer?

Gisaengchung

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Wenn vier Schwergewichte sich streiten, freut sich der Außenseiter: Satte elf Oscar-Nominierungen hatte Todd Phillips’ „Joker“ erhalten. Sam Mendes’ Weltkriegsdrama „1917“, Martin Scorseses Gangster-Epos „The Irishman“ und Quentin Tarantinos Hollywood-Reflektion „Once Upon a Time in Hollywood“ waren jeweils für zehn Academy Awards nominiert worden. Und dann kommt da so ein dahergelaufener Südkoreaner wie „Parasite“ an, bei dem man schon die sechs Nominierungen für respektabel genug hält und ihm vielleicht nur den Oscaras als bester Auslandsfilm zutraut – und der holt plötzlich nicht nur den, sondern auch noch die beiden wichtigsten überhaupt als bester Film und für Regisseur Bong-Joon-ho, dazu auch den ebenfalls bedeutsamen fürs beste Originaldrehbuch. Die Tragikomödie ist sogar der erste fremdsprachige Film überhaupt, den die Academy zum besten Film des Jahres kürte. Potztausend! Die Goldene Palme beim Cannes Film Festival 2019 verblasst da fast schon. Ganz zu schweigen von den etlichen weiteren Preisen, die „Parasite weltweit abgeräumt hat.

Ziehen sich Gegensätze wirklich an? Familie Kim …

Die bissige Gesellschaftssatire erzählt vom Aufeinandertreffen der Familien Kim und Park. Die Kims sind gesellschaftliche Außenseiter, leben in einer armseligen Souterrain-Wohnung, wo sie versuchen, sich mit ihren Smartphones ins WLAN unvorsichtiger Nachbarn einzuloggen. Geld kommt nur tröpfchenweise herein, etwa wenn die Familie für einen Lieferservice Pizzakartons faltet – wenn auch in suboptimaler Qualität. Die prekäre Lage findet ein unerwartetes Ende, als Sohn Ki-woo (Choi Woo-sik) über einen Kumpel einen Job als Aushilfslehrer bei den wohlhabenden Parks bekommt – er beginnt, die Tochter Da-hye (Ji-so Jung) in Englisch zu unterrichten. Die dafür notwendigen Unterlagen hat seine künstlerisch begabte Schwester Ki-jung (Park So-dam) ihrem Bruder kurzerhand gefälscht. Bald darauf gelingt es Ki-woo, Ki-jung ebenfalls einen Job im Haus der Eheleute Park (Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong) zu verschaffen – als Kunst-Erzieherin von Sohnemann Da-song (Jung Hyun-jun). Dabei bleibt es nicht.

Die Flodders Südkoreas?

Die Kims sind prollig, wenn auch nicht so sehr wie die Flodders aus „Flodder – Eine Familie zum Knutschen“ (1986). In „Parasite“ geht es auch nicht ganz so brachial zu wie in der niederländischen Komödie. Dennoch wird auch hier das soziale Ungleichgewicht absurd überzeichnet. Dabei erweisen sich sowohl die jungen Ki-woo und Da-hye als auch ihre Eltern (Song Kang-ho, Jang Hye-jin) als überraschend talentiert, was die Erledigung von Aufgaben für die oberen Zehntausend angeht. Sie können jedoch nicht verhindern, dass ihnen die mühsam erlangte Kontrolle über die Situation aufgrund ein paar unglücklicher Umstände entgleitet, was ein so irrwitziges wie rabenschwarzes Finale zur Folge hat und die Tragikomödie geradezu zur Farce, wenn nicht Groteske macht.

… und die Parks könnten unterschiedlicher nicht sein

Allein schon die Visualisierung ihrer Wohnverhältnisse belegt den fundamentalen Unterschied zwischen beiden Familien. Der schmutzige Verschlag der Kims kontrastiert enorm zur geräumigen, blitzblanken Villa der Parks mit ihren klaren Linien. Die Parks nehmen Menschen in prekären wirtschaftlichen Situationen anscheinend gar nicht mehr wahr, stören sich lediglich an einem sonderbaren Geruch, den sie aber gar nicht exakt definieren können. Doch wer ist der titelgebende Parasit? Dazu schrieb Florian Schneider in seiner Rezension zum Kinostart: Der Regisseur vermeidet sensibel die eindeutige Parteinahme oder eine klare Aussage zu der Frage, wer denn nun eigentlich der wahre Parasit sein mag – das obliegt dem Auge und Urteil des Betrachters. Dieses Urteil sollte insgesamt nicht nur aufgrund der zahlreichen Auszeichnungen überschwenglich ausfallen, sondern weil „Parasite“ überschwengliches Lob verdient hat. Regisseur Bong Joon-ho hat schon 2013 mit Snowpiercer einen außergewöhnlichen filmischen Kommentar zu sozialer Schieflage und der riesigen Kluft zwischen Arm und Reich abgegeben. Mit „Parasite“ setzt er seinem bisherigen Schaffen die Krone auf. Und es gibt der vielgescholtenen Academy of Motion Picture Arts and Sciences eine große Portion Glaubwürdigkeit zurück, dass sie einem solch außergewöhnlichen Werk die beiden wichtigsten Oscars zuerkannte, obwohl es nicht mal in Hollywood produziert wurde, sondern in Südkorea.

Kooperation von capelight und Koch

In Deutschland haben capelight pictures und Koch Films den Film in einer Kooperation in die Lichtspielhäuser gebracht und anschließend auch fürs Heimkino veröffentlicht. Wie schon bei „Suspiria“ (2018) hat jedes Label ein Mediabook im jeweils eigenen Format produziert – die Koch-Mediabooks fallen bekanntermaßen kompakt aus, so auch in diesem Fall; capelight hat sich wie gewohnt für das auf dem Markt verbreitetere Format entschieden. Das Bonusmaterial fällt üppig aus (siehe unten), der Sammler hat die Qual der Wahl oder schlägt doppelt zu.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bong Joon-ho haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Song Kang-ho unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. April 2020 als Limited 2-Disc Edition Steelbook (4K UHD Blu-ray & Blu-ray, exklusiv bei einem großen Online-Händler), 5. März 2020 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (4K UHD Blu-ray & 2 Blu-rays, zwei Formate und Covermotive) Blu-ray und DVD

Länge: 132 Min. (Blu-ray), 127 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Gisaengchung
KOR 2019
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Jin Won Han
Besetzung: Song Kang-ho, Lee Sun-kyun, Cho Yeo-jeong, Choi Woo-sik, Jang Hye-jin, Park So-dam, Park Myeong-hoon, Jung Hyun-jun, Ji-so Jung, Kang Echae, Jeong Esuz, Andreas Fronk
Zusatzmaterial: Bong Joon-ho Interview (11 Min.), Bong Joon-ho Q&A beim Filmfest München (51 Min.), Bong Joon-ho – Expect the Unexpected TIFF 2019 (5 Min.), Bong Joon-ho Masterclass auf dem Toronto International Film Festival (62 Min.), Cast and Crew Q&A beim Toronto International Film Festival (17 Min.), Making-of, Die Charaktere, TV Spots, Keine Spoiler, Grüße von den Darstellern, Hinter den Kulissen
Label/Vertrieb: capelight pictures / Koch Films

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2020 capelight pictures / Koch Films

 

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Roads – Freundschaft kennt keine Grenzen

Roads

Kinostart: 30. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Drama // Ein nachdrücklich vorgetragenes, langgezogenes „Fuck“ entflieht in den nordafrikanischen Nachthimmel – direkt zu Beginn von „Roads“ macht uns dessen Protagonist, der junge Engländer Gyllen (Fionn Whitehead), lautstark auf seine missliche Lage aufmerksam. Ist er doch mit einem Wohnmobil mitten in der marokkanischen Küsteneinöde gestrandet. Da er keinerlei Ahnung hat, warum das alte Ding nicht mehr anspringt, versucht er, per Telefon Hilfe zu holen – vergeblich. Whitehead, der seit „Dunkirk“ (2017) und Netflix’ interaktivem Filmexperiment „Black Mirror – Bandersnatch“ (2018) als einer der größten Shootingstars der britischen Schauspielszene gilt, wird dabei in der Darstellung der frustrierten Verzweiflung seiner Figur nicht nur von uns Voyeuren im Kinosessel beobachtet: Aus dem Gebüsch am Straßenrand betrachtet der junge Schwarzafrikaner William (Stéphane Bak, „Elle“) ebenfalls gespannt die Szenerie.

Es fährt kein Bus nach Nirgendwo: Gyllen (r.) ist in Marokko gestrandet und trifft auf William

Nach einigem Zögern erbarmt sich William und gesellt sich zu Gyllen, der mittlerweile verzweifelt aufgegeben hat und sich der einzig sinnvollen Lösung in einer ausweglosen Situation hingibt: mit einem Bier auf dem Dach des Wohnmobils zu verweilen. Schließlich ist heute ja auch noch dessen 18. Geburtstag, das muss gefeiert werden. Der etwa gleichaltrige William erweist sich als außerordentlich geschickter Motorenkenner und bringt die alte Schrottlaube tatsächlich wieder zum Laufen. Ohne zu zögern bietet Gyllen seinem Helfer anschließend bedeutungsschwanger an, ihn mit seinem nun wieder funktionstüchtigen Gefährt „irgendwohin mitnehmen zu können“. In heutiger Zeit ist wohl allen Beteiligten sofort klar, was in Bezug auf einen jungen Schwarzafrikaner, der sich zuvor in einem Gebüsch in Nordafrika versteckt hat, damit gemeint sein könnte.

Roadtrip nach Europa

Wie sich herausstellt, ist der junge Londoner Gyllen zusammen mit seiner Mutter und deren neuem Ehemann auf Familienurlaub in Marokko. Seit dem einige Jahre zurückliegenden Tod seines kleinen Bruders ist die Beziehung zur Mutter außerordentlich angespannt, ganz zu schweigen vom Verhältnis zu seinem neuen Stiefvater, nachdem auch noch die Ehe seiner Eltern nach dem Todesfall in die Brüche ging. Da Gyllen es in der Gegenwart seiner „neuen“ Familie nicht mehr länger aushielt, hat er kurzerhand das Wohnmobil seines Stiefvaters geklaut und die Flucht aus dem Feriendomizil ergriffen. Ohne Führerschein und nennenswerte Fahrfertigkeiten lautet sein Ziel: Nordfrankreich, wo sein leiblicher Vater mittlerweile lebt. William ist glücklicherweise deutlich besser im Fahren geübt und hat zudem die gleiche Richtung als Ziel. Er will in Calais nach seinem großen Bruder Baptiste suchen, der aus dem heimatlichen Kongo Richtung Großbritannien in ein vermeintlich besseres Leben aufgebrochen war und von dem seit Monaten jedes Lebenszeichen fehlt. Für die beiden verlorenen jugendlichen Seelen beginnt ein aufregender Roadtrip über Landes- und Kontinentalgrenzen hinweg, bei der sich aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft schnell eine innige Freundschaft zwischen den ähnlich gestrickten Jungen entwickelt. Auf ihrem Weg werden sie vor eine ganze Reihe an Herausforderungen gestellt werden und müssen einige Abenteuer bewältigen – und genretypisch natürlich unterwegs auch eine Vielzahl an skurrilen Bekanntschaften machen, unter anderem mit Moritz Bleibtreu als undurchschaubarer Arschlochausgabe eines Rastafari-Hippie-Aussteigers namens Luttger.

Wem können die jungen Reisegefährten trauen – etwa dem deutschen Hippie-Aussteiger Luttger?

Der gebürtige Hannoveraner Sebastian Schipper (* 1968) machte zunächst als Schauspieler in meist kleineren Rollen der deutschen Film- und Fernsehlandschaft wohl nur geringfügig auf sich aufmerksam. Anderes gilt jedoch für seine Aktivitäten hinter der Kamera. Mit dem Hamburg-Mythos „Absolute Giganten“ (1999) schuf er mit seinem Regiedebüt direkt einen absoluten Kultfilm, in späteren Werken wie „Ein Freund von mir“ (2006) dirigierte er bereits namhafte Darsteller wie Daniel Brühl und Jürgen Vogel. Den größten öffentlichen Rummel dürfte jedoch seine letzte Regiearbeit verursacht haben: „Victoria“ (2015). Das 140-minütige One-Cut-Experiment zeigte auf beeindruckend innovative filmische Weise einen verhängnisvollen Abend der jungen Spanierin Victoria, die in einer Berliner Partynacht eine Bande lokaler Draufgänger kennenlernt. Kann Schipper – dem die Produktion seines bislang wohl größten Triumphes so einige schlaflose Nächte bereitete – mit „Roads“ nun an seine Achtungserfolge anknüpfen?

Bunter Genremix

Die Antwort darauf lautet ganz eindeutig: Ja! Und noch weit mehr als das: Mit „Roads“ bietet uns Schipper ein wunderbares filmisches Gesamtkunstwerk, das gleich die Merkmale einer ganzen Reihe an Genres in sich vereint, egal ob Drama, Komödie oder dokumentarisch angehauchter sozialer Realismus. Und als sei dies noch nicht abwechslungsreich genug, sorgt die der Wahl zum Roadmovie meist innewohnende Kurzweiligkeit erst recht für großes Unterhaltungs- und Spannungspotenzial. Unterstützung erhielt Schipper beim Drehbuchschreiben mit Oliver Ziegenbalg durch einen wahren Kenner dieses populären Genres, wie dieser zuletzt mit „25 km/h“ erst eindrucksvoll bewiesen hat. Zentrales Thema des neuesten Werks von Schipper neben Flüchtlingsproblematik und Rassismus: das Coming of Age seiner beiden Protagonisten. Womit durchaus mittlerweile eine Art Leitmotiv in den Filmen des Regisseurs erkennbar ist, handeln doch bereits „Absolute Giganten“ wie auch „Victoria“ von den Problemen des Heranwachsens und deren nicht immer unproblematischen Auswirkungen für die betroffenen jungen Menschen. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen: „Roads“ dürfte in dieser Reihe den Platz als Schippers bisher komplettester und wohl auch bester Film einnehmen.

Auf einem Roadtrip darf natürlich auch der Spaß nicht zu kurz kommen

Spannend wird die Coming-of-Age-Thematik von „Roads“ vor allem durch das Zusammenführen zweier junger Heranwachsender, die zwar unter vollkommen unterschiedlichen Vorzeichen aufgewachsen sind, im Prozess des Heranwachsens aber vor ähnliche Probleme gestellt werden. Während William im ärmlichen Kongo aufwuchs, stammt Gyllen aus behüteten Verhältnissen in London. Doch entgegen klischeehafter Mutmaßungen über den „armen Flüchtling“ erweist sich William als außerordentlich kultiviert und gebildet, da er zum Beispiel eine christliche Schule besucht hat und darüber hinaus bekennender Filmfreak ist – dank letztgenannter Charakteristik hat der Junge definitiv meine Sympathien. Er betont zudem stets, kein Flüchtling zu sein, da er ausschließlich nach Frankreich will, um nach dem Wohl seines Bruders zu schauen. Sein langfristiger Plan ist vielmehr, in seiner Heimat zu leben und diese zu einem besseren Ort für die Menschen dort zu machen. Gyllen hingegen ist vor allem damit beschäftigt, weiterhin mit den Folgen des Verlustes seines kleinen Bruders fertig zu werden und überhaupt zu ermitteln, welche Richtung sein Leben einmal einschlagen soll und was denn seine Bestimmung sein könnte. Doch wenn es dann beispielsweise um Dinge wie Fußball, Liebe, Freude am Leben oder auch einfach nur ungehemmten Haschisch-Konsum (die Altersfreigabe von sechs Jahren halte ich auch und gerade deswegen übrigens für grundfalsch) geht, spielen unterschiedliche Herkunft und soziale Vorzeichen überhaupt keine Rolle mehr und wir haben es hier einfach nur mit zwei äußerst sympathischen jungen Männern zu tun.

Ziemlich beste Freunde: Gyllen und William

Schipper kann sich hierbei voll und ganz auf ein hervorragendes Darstellerduo verlassen. Gibt Whitehead den gleichzeitig sensiblen wie auch stets kämpferisch-bemühten, loyalen Gyllen sowohl mit einer beeindruckenden schauspielerischen Intensität als auch emotionalen Bandbreite zum Besten, so ist insbesondere der hierzulande bislang weit weniger bekannte Stéphane Bak hervorzuheben. Der 22-Jährige, der in Frankreich bereits seit dem 14. Lebensjahr öffentlich als Stand-up-Comedian auftritt und als „Frankreichs jüngster Comedian“ sowie zunehmend auch als Schauspieler dort mittlerweile äußerst populär geworden ist, kann als nachdenklicher, gewissenhafter aber auch immer wieder äußerst humorvoller William vollauf begeistern. Da auch die Chemie zwischen den beiden Schauspielern zu stimmen scheint, bringen sie uns die stetig enger werdende Beziehung ihrer Figuren glaubhaft und sehr sympathisch rüber. Und wer weiß, ob da in „Roads“ nicht auch noch mehr als freundschaftliche Gefühle bei dem Leinwand-Duo im Spiel sind?

Kein „White Savior“

Als Roadmovie, das sich auch mit kritischen Themen wie Rassismus anhand der gemeinsamen Reise eines vermeintlich ungleichen Duos beschäftigt, bewegt sich „Roads“ zumindest in Teilen in ähnlichen filmischen Gefilden wie der in diesem Jahr Oscar-prämierte „Green Book“. Gerade diese Tragikomödie gilt allgemein als ausgesprochen gut gemachter Film, hat jedoch insbesondere in der amerikanischen „Black Community“ für einigen öffentlichen Aufruhr gesorgt, wie ich im Nachzuge meiner Rezension feststellen musste. Wurde darin vor allem eine mitunter vermeintlich zu harmlose Darstellung des historischen Rassismus in den USA bemängelt, so sorgte vor allem die Debatte rund um den „White Savior“-Diskurs wiederholt zu Kritik an Peter Farellys Film. Obwohl „Roads“ und „Green Book“ etwa gleichzeitig produziert wurden und es demnach für Schipper als Intention natürlich unmöglich ist, so wirkt sein neuestes Werk doch ein Stück weit wie eine passende Reaktion auf die Debatte rund um den US-Erfolg mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali. Lässt uns unsere mediensozialisierte Prägung am Beginn von „Roads“ doch vermutlich folgenden Plot erwarten: William als der arme schwarze Flüchtling aus Afrika, der von dem wohlwollenden, gutherzigen und mit den nötigen Ressourcen und Wissen ausgestatteten Europäer Gyllen die dringend benötigte Hilfe auf seinem Fluchtweg nach Europa bekommt, den er allein kaum bewältigen könnte. Seinen ganz persönlichen „weißen Retter“ also.

Gyllens Blick zurück: Die persönliche Vergangenheit lastet schwer auf dem jungen Londoner

Doch Schipper tut uns diesen Gefallen nicht und sprengt in seinem Film vermutlich bewusst derartige Erwartungen. Meist ist es William, der das Heft in die Hand nimmt. Er weiß genau, was er will. Obendrein will er ja überhaupt nicht nach Europa fliehen, sondern dort nur nach dem Wohl seines großen Bruders schauen und dann wieder in die Heimat zurückkehren. Gyllen dagegen ist derjenige, der wiederholt Hilfe benötigt. Er kann das defekte Wohnmobil nicht reparieren geschweige denn überhaupt anständig fahren. Zudem leidet er unter der Trauer um seinen kleinen Bruder und seinen veränderten familiären Verhältnissen, sodass er in diesem Film eigentlich der „wahre“ Flüchtling ist – ein Flüchtling vor der eigenen Vergangenheit, Gegenwart sowie der Angst vor der ungewissen Zukunft als heranwachsender Mann. Doch wäre auch diese Gleichung wiederum zu einfach, denn Schipper zeigt uns in „Roads“, dass es vollkommen gleichgültig ist, wo wir herkommen und welche Probleme wir haben. Nur gemeinsam können wir es schaffen, in dem wir uns gegenseitig zur Seite stehen und uns unter die Arme greifen. Insbesondere, wenn wir gerade erst dabei sind, erwachsen zu werden. Auch wenn bestimmte Aspekte des „weißen Retters“ immer mal wieder – bewusst oder unbewusst – aufgegriffen werden, wie beispielsweise dem materiellen Nutzen von Gyllens europäischem Pass, des Wohnmobils seines Stiefvaters oder dessen väterlicher Kreditkarte für die gemeinsame Reise – Gyllen handelt in erster Linie immer aufgrund einer Mischung aus sozialer Ader und jugendlicher Naivität sowie später zunehmend aus Zuneigung zu seinem Freund William. Und nicht aus Eigennutz, wie es wohl der zu Recht viel gescholtene Held im „White Savior“-Film tun würde. Freundschaft und Menschlichkeit scheren sich halt nicht um so etwas Belangloses und Willkürliches wie nationale oder kulturelle Grenzen.

Refugees still welcome

Mit der Darstellung der Situation in Calais gewinnt „Roads“ noch einmal an zusätzlicher, gesellschaftspolitischer Tiefe. Regisseur Schipper entschied sich bewusst dazu, dort an den original betroffenen Schauplätzen zu drehen, wodurch seine filmische Darstellung der weiterhin existierenden Flüchtlingsproblematik beinahe schon dokumentarische Züge annimmt. Es gelingt ihm hier zudem gekonnt, den Wechsel im Ton des Coming-of-Age-Roadmovies hin zu einem sozialrealistischen Drama zu vollziehen und uns somit ein wichtiges Thema unserer Zeit schonungslos vor Augen zu führen: Die großen, öffentlich massiv wahrgenommenen Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre dürften zwar vorerst vorbei sein und auch die mediale Berichterstattung hat sich rapide verringert – die Menschen kommen aber weiterhin nach Europa, in der vagen Hoffnung auf ein eventuell ein klein wenig besseres Leben. Nur, um dann etwa in Orten wie Calais grüppchenweise in Notunterkünften oder Zeltlagern im Wald vor sich hin zu vegetieren, mit der steten Angst vor der wenig zimperlichen Staatsgewalt im Nacken. Ebenso die unermüdlichen Hilfsorganisationen, die trotz Ressourcenmangel und einer repressiven Politik ihr Bestmögliches versuchen, den Menschen vor Ort zumindest etwas zu helfen. Ob es uns gefällt oder nicht: Menschen in Not werden verständlicherweise auch weiterhin ihr Glück in unserer vermeintlich besseren Welt suchen. Und Menschen verdienen Hilfe, jederzeit. Während hingegen diejenigen, deren politische Karrieren nahezu einzig und allein auf Basis hasserfüllter Abgrenzung und Hetze gegenüber diesen Hilfsbedürftigen basieren, beispielsweise auf Ferieninseln im Mittelmeer residieren, um dort bei Koks und Wodka Red Bull nach den Millionen russischer Oligarchinnen zu gieren. Die Welt ist schon ein verrückter, oft leider sehr trauriger Ort.

William ist von den Zuständen in Calais geschockt

In meiner nun ziemlich genau einjährigen Tätigkeit als Schreiber auf diesem wunderbaren Blog habe ich bereits eine stattliche Zahl an Pressevorführungen besuchen und meinen Senf zu allerlei Filmen abgeben dürfen. „Roads“ dürfte in dieser Reihe mit mitunter wirklich tollen Filmen für mich persönlich den bis dato besten Film darstellen. Zumindest hat mich kaum eines dieser Werke so nachhaltig berührt und beeindruckt und ich merke bereits beim Schreiben dieser Zeilen, dass es in meiner Cineasten-Seele schon wieder kribbelt und sie sich wünscht, nach dem Kinostart am 30. Mai den Film gleich noch einmal im Kino anzuschauen.

Großes Kino

Sebastian Schipper bietet uns ein abwechslungsreiches, ausgesprochen unterhaltsames wie emotionales Roadmovie über das Coming of Age zweier herzenssympathischer Jungen, mit denen zusammen wir sehr oft lachen, aber auch weinen und bangen sowie an an deren wachsender Freundschaft wir uns erfreuen. Durch seine schonungslose Darstellung aktueller gesellschaftspolitischer Themen gelingt ihm zudem der anspruchsvolle Spagat zwischen Spaß und Ernst, ohne jemals allzu sehr der Gefahr zu erliegen, zu kitschig, rührselig oder gar oberlehrerhaft zu geraten. Etwas Kitsch und Rührseligkeit sind natürlich immer erlaubt. Für die emotionale Abrundung sorgt der stets stimmige und abwechslungsreiche Soundtrack, der von keinen Geringeren als den deutschen Indierock-Veteranen „The Notwist“ beigesteuert wurde, das soll hier am Ende keinesfalls unter den Tisch fallen. Von ganzem Herzen kann ich daher nur raten: Geht ins Kino und schaut euch „Roads“ an – ihr werdet es nicht bereuen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sebastian Schipper sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Wohin wird ihr Weg Gyllen und William am Ende führen?

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Roads
D/F/GB 2019
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Oliver Ziegenbalg
Darsteller: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Ben Chaplin, Marie Burchard, Moritz Bleibtreu, Paul Brannigan, Gabriella de Souza, Josué Ndofusu
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Studiocanal Filmverleih

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/05/27 in Film, Kino, Rezensionen

 

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