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Roads – Freundschaft kennt keine Grenzen

Roads

Kinostart: 30. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Drama // Ein nachdrücklich vorgetragenes, langgezogenes „Fuck“ entflieht in den nordafrikanischen Nachthimmel – direkt zu Beginn von „Roads“ macht uns dessen Protagonist, der junge Engländer Gyllen (Fionn Whitehead), lautstark auf seine missliche Lage aufmerksam. Ist er doch mit einem Wohnmobil mitten in der marokkanischen Küsteneinöde gestrandet. Da er keinerlei Ahnung hat, warum das alte Ding nicht mehr anspringt, versucht er, per Telefon Hilfe zu holen – vergeblich. Whitehead, der seit „Dunkirk“ (2017) und Netflix’ interaktivem Filmexperiment „Black Mirror – Bandersnatch“ (2018) als einer der größten Shootingstars der britischen Schauspielszene gilt, wird dabei in der Darstellung der frustrierten Verzweiflung seiner Figur nicht nur von uns Voyeuren im Kinosessel beobachtet: Aus dem Gebüsch am Straßenrand betrachtet der junge Schwarzafrikaner William (Stéphane Bak, „Elle“) ebenfalls gespannt die Szenerie.

Es fährt kein Bus nach Nirgendwo: Gyllen (r.) ist in Marokko gestrandet und trifft auf William

Nach einigem Zögern erbarmt sich William und gesellt sich zu Gyllen, der mittlerweile verzweifelt aufgegeben hat und sich der einzig sinnvollen Lösung in einer ausweglosen Situation hingibt: mit einem Bier auf dem Dach des Wohnmobils zu verweilen. Schließlich ist heute ja auch noch dessen 18. Geburtstag, das muss gefeiert werden. Der etwa gleichaltrige William erweist sich als außerordentlich geschickter Motorenkenner und bringt die alte Schrottlaube tatsächlich wieder zum Laufen. Ohne zu zögern bietet Gyllen seinem Helfer anschließend bedeutungsschwanger an, ihn mit seinem nun wieder funktionstüchtigen Gefährt „irgendwohin mitnehmen zu können“. In heutiger Zeit ist wohl allen Beteiligten sofort klar, was in Bezug auf einen jungen Schwarzafrikaner, der sich zuvor in einem Gebüsch in Nordafrika versteckt hat, damit gemeint sein könnte.

Roadtrip nach Europa

Wie sich herausstellt, ist der junge Londoner Gyllen zusammen mit seiner Mutter und deren neuem Ehemann auf Familienurlaub in Marokko. Seit dem einige Jahre zurückliegenden Tod seines kleinen Bruders ist die Beziehung zur Mutter außerordentlich angespannt, ganz zu schweigen vom Verhältnis zu seinem neuen Stiefvater, nachdem auch noch die Ehe seiner Eltern nach dem Todesfall in die Brüche ging. Da Gyllen es in der Gegenwart seiner „neuen“ Familie nicht mehr länger aushielt, hat er kurzerhand das Wohnmobil seines Stiefvaters geklaut und die Flucht aus dem Feriendomizil ergriffen. Ohne Führerschein und nennenswerte Fahrfertigkeiten lautet sein Ziel: Nordfrankreich, wo sein leiblicher Vater mittlerweile lebt. William ist glücklicherweise deutlich besser im Fahren geübt und hat zudem die gleiche Richtung als Ziel. Er will in Calais nach seinem großen Bruder Baptiste suchen, der aus dem heimatlichen Kongo Richtung Großbritannien in ein vermeintlich besseres Leben aufgebrochen war und von dem seit Monaten jedes Lebenszeichen fehlt. Für die beiden verlorenen jugendlichen Seelen beginnt ein aufregender Roadtrip über Landes- und Kontinentalgrenzen hinweg, bei der sich aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft schnell eine innige Freundschaft zwischen den ähnlich gestrickten Jungen entwickelt. Auf ihrem Weg werden sie vor eine ganze Reihe an Herausforderungen gestellt werden und müssen einige Abenteuer bewältigen – und genretypisch natürlich unterwegs auch eine Vielzahl an skurrilen Bekanntschaften machen, unter anderem mit Moritz Bleibtreu als undurchschaubarer Arschlochausgabe eines Rastafari-Hippie-Aussteigers namens Luttger.

Wem können die jungen Reisegefährten trauen – etwa dem deutschen Hippie-Aussteiger Luttger?

Der gebürtige Hannoveraner Sebastian Schipper (* 1968) machte zunächst als Schauspieler in meist kleineren Rollen der deutschen Film- und Fernsehlandschaft wohl nur geringfügig auf sich aufmerksam. Anderes gilt jedoch für seine Aktivitäten hinter der Kamera. Mit dem Hamburg-Mythos „Absolute Giganten“ (1999) schuf er mit seinem Regiedebüt direkt einen absoluten Kultfilm, in späteren Werken wie „Ein Freund von mir“ (2006) dirigierte er bereits namhafte Darsteller wie Daniel Brühl und Jürgen Vogel. Den größten öffentlichen Rummel dürfte jedoch seine letzte Regiearbeit verursacht haben: „Victoria“ (2015). Das 140-minütige One-Cut-Experiment zeigte auf beeindruckend innovative filmische Weise einen verhängnisvollen Abend der jungen Spanierin Victoria, die in einer Berliner Partynacht eine Bande lokaler Draufgänger kennenlernt. Kann Schipper – dem die Produktion seines bislang wohl größten Triumphes so einige schlaflose Nächte bereitete – mit „Roads“ nun an seine Achtungserfolge anknüpfen?

Bunter Genremix

Die Antwort darauf lautet ganz eindeutig: Ja! Und noch weit mehr als das: Mit „Roads“ bietet uns Schipper ein wunderbares filmisches Gesamtkunstwerk, das gleich die Merkmale einer ganzen Reihe an Genres in sich vereint, egal ob Drama, Komödie oder dokumentarisch angehauchter sozialer Realismus. Und als sei dies noch nicht abwechslungsreich genug, sorgt die der Wahl zum Roadmovie meist innewohnende Kurzweiligkeit erst recht für großes Unterhaltungs- und Spannungspotenzial. Unterstützung erhielt Schipper beim Drehbuchschreiben mit Oliver Ziegenbalg durch einen wahren Kenner dieses populären Genres, wie dieser zuletzt mit „25 km/h“ erst eindrucksvoll bewiesen hat. Zentrales Thema des neuesten Werks von Schipper neben Flüchtlingsproblematik und Rassismus: das Coming of Age seiner beiden Protagonisten. Womit durchaus mittlerweile eine Art Leitmotiv in den Filmen des Regisseurs erkennbar ist, handeln doch bereits „Absolute Giganten“ wie auch „Victoria“ von den Problemen des Heranwachsens und deren nicht immer unproblematischen Auswirkungen für die betroffenen jungen Menschen. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen: „Roads“ dürfte in dieser Reihe den Platz als Schippers bisher komplettester und wohl auch bester Film einnehmen.

Auf einem Roadtrip darf natürlich auch der Spaß nicht zu kurz kommen

Spannend wird die Coming-of-Age-Thematik von „Roads“ vor allem durch das Zusammenführen zweier junger Heranwachsender, die zwar unter vollkommen unterschiedlichen Vorzeichen aufgewachsen sind, im Prozess des Heranwachsens aber vor ähnliche Probleme gestellt werden. Während William im ärmlichen Kongo aufwuchs, stammt Gyllen aus behüteten Verhältnissen in London. Doch entgegen klischeehafter Mutmaßungen über den „armen Flüchtling“ erweist sich William als außerordentlich kultiviert und gebildet, da er zum Beispiel eine christliche Schule besucht hat und darüber hinaus bekennender Filmfreak ist – dank letztgenannter Charakteristik hat der Junge definitiv meine Sympathien. Er betont zudem stets, kein Flüchtling zu sein, da er ausschließlich nach Frankreich will, um nach dem Wohl seines Bruders zu schauen. Sein langfristiger Plan ist vielmehr, in seiner Heimat zu leben und diese zu einem besseren Ort für die Menschen dort zu machen. Gyllen hingegen ist vor allem damit beschäftigt, weiterhin mit den Folgen des Verlustes seines kleinen Bruders fertig zu werden und überhaupt zu ermitteln, welche Richtung sein Leben einmal einschlagen soll und was denn seine Bestimmung sein könnte. Doch wenn es dann beispielsweise um Dinge wie Fußball, Liebe, Freude am Leben oder auch einfach nur ungehemmten Haschisch-Konsum (die Altersfreigabe von sechs Jahren halte ich auch und gerade deswegen übrigens für grundfalsch) geht, spielen unterschiedliche Herkunft und soziale Vorzeichen überhaupt keine Rolle mehr und wir haben es hier einfach nur mit zwei äußerst sympathischen jungen Männern zu tun.

Ziemlich beste Freunde: Gyllen und William

Schipper kann sich hierbei voll und ganz auf ein hervorragendes Darstellerduo verlassen. Gibt Whitehead den gleichzeitig sensiblen wie auch stets kämpferisch-bemühten, loyalen Gyllen sowohl mit einer beeindruckenden schauspielerischen Intensität als auch emotionalen Bandbreite zum Besten, so ist insbesondere der hierzulande bislang weit weniger bekannte Stéphane Bak hervorzuheben. Der 22-Jährige, der in Frankreich bereits seit dem 14. Lebensjahr öffentlich als Stand-up-Comedian auftritt und als „Frankreichs jüngster Comedian“ sowie zunehmend auch als Schauspieler dort mittlerweile äußerst populär geworden ist, kann als nachdenklicher, gewissenhafter aber auch immer wieder äußerst humorvoller William vollauf begeistern. Da auch die Chemie zwischen den beiden Schauspielern zu stimmen scheint, bringen sie uns die stetig enger werdende Beziehung ihrer Figuren glaubhaft und sehr sympathisch rüber. Und wer weiß, ob da in „Roads“ nicht auch noch mehr als freundschaftliche Gefühle bei dem Leinwand-Duo im Spiel sind?

Kein „White Savior“

Als Roadmovie, das sich auch mit kritischen Themen wie Rassismus anhand der gemeinsamen Reise eines vermeintlich ungleichen Duos beschäftigt, bewegt sich „Roads“ zumindest in Teilen in ähnlichen filmischen Gefilden wie der in diesem Jahr Oscar-prämierte „Green Book“. Gerade diese Tragikomödie gilt allgemein als ausgesprochen gut gemachter Film, hat jedoch insbesondere in der amerikanischen „Black Community“ für einigen öffentlichen Aufruhr gesorgt, wie ich im Nachzuge meiner Rezension feststellen musste. Wurde darin vor allem eine mitunter vermeintlich zu harmlose Darstellung des historischen Rassismus in den USA bemängelt, so sorgte vor allem die Debatte rund um den „White Savior“-Diskurs wiederholt zu Kritik an Peter Farellys Film. Obwohl „Roads“ und „Green Book“ etwa gleichzeitig produziert wurden und es demnach für Schipper als Intention natürlich unmöglich ist, so wirkt sein neuestes Werk doch ein Stück weit wie eine passende Reaktion auf die Debatte rund um den US-Erfolg mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali. Lässt uns unsere mediensozialisierte Prägung am Beginn von „Roads“ doch vermutlich folgenden Plot erwarten: William als der arme schwarze Flüchtling aus Afrika, der von dem wohlwollenden, gutherzigen und mit den nötigen Ressourcen und Wissen ausgestatteten Europäer Gyllen die dringend benötigte Hilfe auf seinem Fluchtweg nach Europa bekommt, den er allein kaum bewältigen könnte. Seinen ganz persönlichen „weißen Retter“ also.

Gyllens Blick zurück: Die persönliche Vergangenheit lastet schwer auf dem jungen Londoner

Doch Schipper tut uns diesen Gefallen nicht und sprengt in seinem Film vermutlich bewusst derartige Erwartungen. Meist ist es William, der das Heft in die Hand nimmt. Er weiß genau, was er will. Obendrein will er ja überhaupt nicht nach Europa fliehen, sondern dort nur nach dem Wohl seines großen Bruders schauen und dann wieder in die Heimat zurückkehren. Gyllen dagegen ist derjenige, der wiederholt Hilfe benötigt. Er kann das defekte Wohnmobil nicht reparieren geschweige denn überhaupt anständig fahren. Zudem leidet er unter der Trauer um seinen kleinen Bruder und seinen veränderten familiären Verhältnissen, sodass er in diesem Film eigentlich der „wahre“ Flüchtling ist – ein Flüchtling vor der eigenen Vergangenheit, Gegenwart sowie der Angst vor der ungewissen Zukunft als heranwachsender Mann. Doch wäre auch diese Gleichung wiederum zu einfach, denn Schipper zeigt uns in „Roads“, dass es vollkommen gleichgültig ist, wo wir herkommen und welche Probleme wir haben. Nur gemeinsam können wir es schaffen, in dem wir uns gegenseitig zur Seite stehen und uns unter die Arme greifen. Insbesondere, wenn wir gerade erst dabei sind, erwachsen zu werden. Auch wenn bestimmte Aspekte des „weißen Retters“ immer mal wieder – bewusst oder unbewusst – aufgegriffen werden, wie beispielsweise dem materiellen Nutzen von Gyllens europäischem Pass, des Wohnmobils seines Stiefvaters oder dessen väterlicher Kreditkarte für die gemeinsame Reise – Gyllen handelt in erster Linie immer aufgrund einer Mischung aus sozialer Ader und jugendlicher Naivität sowie später zunehmend aus Zuneigung zu seinem Freund William. Und nicht aus Eigennutz, wie es wohl der zu Recht viel gescholtene Held im „White Savior“-Film tun würde. Freundschaft und Menschlichkeit scheren sich halt nicht um so etwas Belangloses und Willkürliches wie nationale oder kulturelle Grenzen.

Refugees still welcome

Mit der Darstellung der Situation in Calais gewinnt „Roads“ noch einmal an zusätzlicher, gesellschaftspolitischer Tiefe. Regisseur Schipper entschied sich bewusst dazu, dort an den original betroffenen Schauplätzen zu drehen, wodurch seine filmische Darstellung der weiterhin existierenden Flüchtlingsproblematik beinahe schon dokumentarische Züge annimmt. Es gelingt ihm hier zudem gekonnt, den Wechsel im Ton des Coming-of-Age-Roadmovies hin zu einem sozialrealistischen Drama zu vollziehen und uns somit ein wichtiges Thema unserer Zeit schonungslos vor Augen zu führen: Die großen, öffentlich massiv wahrgenommenen Flüchtlingsbewegungen der vergangenen Jahre dürften zwar vorerst vorbei sein und auch die mediale Berichterstattung hat sich rapide verringert – die Menschen kommen aber weiterhin nach Europa, in der vagen Hoffnung auf ein eventuell ein klein wenig besseres Leben. Nur, um dann etwa in Orten wie Calais grüppchenweise in Notunterkünften oder Zeltlagern im Wald vor sich hin zu vegetieren, mit der steten Angst vor der wenig zimperlichen Staatsgewalt im Nacken. Ebenso die unermüdlichen Hilfsorganisationen, die trotz Ressourcenmangel und einer repressiven Politik ihr Bestmögliches versuchen, den Menschen vor Ort zumindest etwas zu helfen. Ob es uns gefällt oder nicht: Menschen in Not werden verständlicherweise auch weiterhin ihr Glück in unserer vermeintlich besseren Welt suchen. Und Menschen verdienen Hilfe, jederzeit. Während hingegen diejenigen, deren politische Karrieren nahezu einzig und allein auf Basis hasserfüllter Abgrenzung und Hetze gegenüber diesen Hilfsbedürftigen basieren, beispielsweise auf Ferieninseln im Mittelmeer residieren, um dort bei Koks und Wodka Red Bull nach den Millionen russischer Oligarchinnen zu gieren. Die Welt ist schon ein verrückter, oft leider sehr trauriger Ort.

William ist von den Zuständen in Calais geschockt

In meiner nun ziemlich genau einjährigen Tätigkeit als Schreiber auf diesem wunderbaren Blog habe ich bereits eine stattliche Zahl an Pressevorführungen besuchen und meinen Senf zu allerlei Filmen abgeben dürfen. „Roads“ dürfte in dieser Reihe mit mitunter wirklich tollen Filmen für mich persönlich den bis dato besten Film darstellen. Zumindest hat mich kaum eines dieser Werke so nachhaltig berührt und beeindruckt und ich merke bereits beim Schreiben dieser Zeilen, dass es in meiner Cineasten-Seele schon wieder kribbelt und sie sich wünscht, nach dem Kinostart am 30. Mai den Film gleich noch einmal im Kino anzuschauen.

Großes Kino

Sebastian Schipper bietet uns ein abwechslungsreiches, ausgesprochen unterhaltsames wie emotionales Roadmovie über das Coming of Age zweier herzenssympathischer Jungen, mit denen zusammen wir sehr oft lachen, aber auch weinen und bangen sowie an an deren wachsender Freundschaft wir uns erfreuen. Durch seine schonungslose Darstellung aktueller gesellschaftspolitischer Themen gelingt ihm zudem der anspruchsvolle Spagat zwischen Spaß und Ernst, ohne jemals allzu sehr der Gefahr zu erliegen, zu kitschig, rührselig oder gar oberlehrerhaft zu geraten. Etwas Kitsch und Rührseligkeit sind natürlich immer erlaubt. Für die emotionale Abrundung sorgt der stets stimmige und abwechslungsreiche Soundtrack, der von keinen Geringeren als den deutschen Indierock-Veteranen „The Notwist“ beigesteuert wurde, das soll hier am Ende keinesfalls unter den Tisch fallen. Von ganzem Herzen kann ich daher nur raten: Geht ins Kino und schaut euch „Roads“ an – ihr werdet es nicht bereuen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sebastian Schipper sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Wohin wird ihr Weg Gyllen und William am Ende führen?

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Roads
D/F/GB 2019
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Oliver Ziegenbalg
Darsteller: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Ben Chaplin, Marie Burchard, Moritz Bleibtreu, Paul Brannigan, Gabriella de Souza, Josué Ndofusu
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Studiocanal Filmverleih

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/05/27 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Jim Jarmusch (II): Paterson – Die Schönheit des Banalen

Paterson

Von Simon Kyprianou

Beauty seduces us to attention, for the fragility of life, it seduces us to tenderness. (Christoph Hochhäusler in einer Laudatio auf die Regisseurin Claire Denis)

Melodram // Jim Jarmusch ist ein bewundernswert konsequenter Filmemacher: Seit seinem ersten Film „Permanent Vacation“ (1980) hat er seinen postmodernen Stil konsequent beibehalten, weiterentwickelt und in seinem neuesten Film „Paterson“, so scheint es, abermals radikalisiert. Die Postmoderne, deren Theorien – kurz gesagt – von einer Welt aus willkürlichen, nicht zusammenfügbaren, gleichwertigen Fragmenten ausgehen, bildet Jarmusch in „Paterson“ konsequent ab: Wir sehen sieben Tage im Leben des Busfahrers und Poeten Paterson (Adam Driver, „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“), der in Paterson in New Jersey nordwestlich von New York City wohnt. Jeder Tag verläuft mehr oder weniger gleich, jeden Morgen schwebt Jarmuschs Kamera immer gleich über dem Bett von Paterson und seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani). Jeder Tag ist gleich, gleich bedeutend beziehungsweise gleich unbedeutend, jeden Tag trifft Paterson die selben Leute und tut die selben Dinge. Tagsüber fährt er Bus, in seiner Mittagspause schreibt er, abends geht er mit dem Hund seiner Frau spazieren und stattet seiner Lieblingsbar einen Besuch ab, wo er mit Barmann Doc (Barry Shabaka Henley) plaudert.

Paterson steuert seinen Bus durch Paterson …

Jarmusch verzichtet völlig auf den Anspruch eine Geschichte im herkömmlichen Sinne zu erzählen. Kein sinnstiftendes Zeichensystem verweist auf irgendwelche größeren Zusammenhänge, das Geschehen verweist nur auf sich selbst.

Der Dichter und die Schönheit

Patersons Gedichte haben Alltäglichkeiten und Banalitäten zum Inhalt, eines davon handelt beispielsweise von Streichholzschachteln. Durch Patersons genauen Blick aber erheben seine Gedichte jene vermeintlichen Banalitäten, indem sie den Blick auf eine ihnen anhaftende verborgene Schönheit freistellen. So funktioniert dann auch der Film – es ist wirklich ein äußerst schöner Film, womöglich Jarmuschs schönster – der durch den intimen und aufmerksamen Blick auf eine vermeintlich banale Woche, voller vermeintlich banaler Ereignisse, Momente äußerster Zärtlichkeit und Schönheit freilegt. Er schaut die Dinge nicht nur an, es scheint als schauten die Dinge auch zurück, sozusagen. Paterson sucht überall nach Schönheit und findet sie in Streichholzschachteln und Menschen, die zum Rhythmus einer Waschmaschine rappen, und kleinen Mädchen, die Geschichten schreiben. Und so ist sozusagen auch der Film auf der Suche nach der Schönheit.

… lebt mit seiner Frau Laura …

Auch wenn mir nicht alle Regiearbeiten von Jarmusch zusagen, die postmoderne Ironie, die oft nur ins Leere mündet, mich oft langweilt (nicht nur bei Jarmusch, auch bei anderen postmodernen Filmemachern) – die Konsequenz von „Paterson“ hat mir gefallen. Es ist ein bescheidener Film, ein selbstsicherer Film, ein zärtlicher und intimer Film, mit dem Jarmusch spät in seiner Karriere die Höhe seiner Kunst erreicht hat.

… ein geruhsames Leben …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Adam Driver in der Rubrik Schauspieler.

… und führt den Hund Gassi

Veröffentlichung: 9. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 118 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Paterson
USA/F/D 2016
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Nellie, Rizwan Manji, Barry Shabaka Henley, Trev Parham, Troy T. Parham, Brian McCarthy, Frank Harts, Method Man,
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 Weltkino Filmverleih GmbH Universum Film

 

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Buffalo 66 – Das Kunstwerk eines Enfant terrible

Buffalo ’66

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Ruhig ist es geworden um Vincent Gallo. Das egomanische Multitalent hatte seinen letzten großen Filmauftritt als mutmaßlicher Talibankämpfer in „Essential Killing“ (2010) für den er auf den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Preis als bester Darsteller gewann. 2016 verklagte Gallo Facebook, da sich ein Unbekannter in dem sozialen Netzwerk mit einem Fake-Account als der Schauspieler ausgab. Selbst Freunde des Schauspielers erkannten den Betrug nicht. Eine Dame schickte dem falschen Gallo sogar ein Nacktfoto. Die Klage zog der inzwischen 55-Jährige später zurück. Ansonsten ist er derzeit als Werbefigur unter anderem für das italienische Brillenlabel Persol aktiv. Seine lauten Jahre gehören offensichtlich der Vergangenheit an.

Billy wurde gerade aus dem Knast entlassen

Früher kannte der Künstler, der in den 80ern mit Jean-Michel Basquiat (1960–1988) musizierte und malte, keine Gnade. Nach seinem Regiedebüt „Buffalo 66“ wetterte er unter anderem offen gegen seine Schauspielkolleginnen Christina Ricci und Anjelica Huston. Die zum Drehzeitpunkt 17-jährige Ricci würde wie eine Puppe schauspielern und sei viel zu fett. Huston habe dafür gesorgt, dass sein Werk nicht beim Filmfestival in Cannes uraufgeführt wurde. Stattdessen lief „Buffallo 66“ beim Sundance Festival. Da Gallo keinen Preis gewann, schimpfte er ordentlich über den damaligen Jurypräsidenten Paul Schrader („Dog Eat Dog“), auch über das Festival ließ er sich in despektierlicher Weise aus: „Ich will einen Film machen mit einer behinderten, schwarzen jüdischen Lesbe als Protagonistin, damit ich einen Filmpreis in Sundance gewinnen kann“.

Ein unmoralisches Angebot eines Rassisten

Solche Aussagen machten ihn nicht nur bei den Studiobossen in Hollywood unbeliebt. Nach der Kontroverse um eine angeblich echte Fellatio-Szene in seinem zweiten Regiewerk „The Brown Bunny“ (2003) und seinem öffentlichen Disput mit dem amerikanischen Filmkritiker Roger Ebert war der selbstverliebte Gallo endgültig als Enfant terrible gebrandmarkt.

Er entführt die Tänzerin Layla

Für Schlagzeilen sorgte der Künstler nur noch mit obskuren Angeboten auf seiner Homepage. Unter anderem stellt er dort seine sexuellen Dienste zur Verfügung, auch sein Sperma kann für einen stolzen Preis erworben werden. Allerdings behält sich der radikale Republikaner und Antisemit das Recht vor, Frauen „mit extrem dunkler Hautfarbe den Zuschlag zu verweigern, da er diese Art von Integration nicht fördern wolle“. Käuferinnen, die beweisen, dass sie eine natürlich blauäugige Blondine sind oder direkt von einem deutschen Wehrmachtssoldaten abstammen, können dagegen auf einen Rabatt hoffen. Noch Fragen?

Billys Mutter ist riesiger Fan der Buffalo Bills

Mit diesem Hintergrundwissen fällt es natürlich schwer, Gallos „Buffalo 66“ als eine der interessantesten und unkonventionellsten Independent-Produktionen der 90er-Jahre zu würdigen. Allerdings sind viele andere Künstler privat durch Eskapaden oder fragwürdige Äußerungen aufgefallen, haben aber dennoch hervorragende Filme abgeliefert. Da kommen einem etwa Mel Gibson, Tom Cruise oder Woody Allen in den Sinn – um nur einige wenige bekannte Namen zu nennen.

Zurück in Buffalo

Gallo übernahm für sein Debüt als Regisseur nicht nur zusätzlich die Hauptrolle, sondern er schrieb auch das Drehbuch und komponierte die Musik. Der Kontrollfreak spielt den frisch aus dem Knast entlassenen Billy Brown. Seine Eltern (Ben Gazzara, Anjelica Huston) wissen nichts von seiner Inhaftierung. Um ihnen weiterhin die Lüge eines intakten Lebens vorzugaukeln, nimmt er kurzerhand die junge Tänzerin Layla (Christina Ricci) als Geisel. Sie soll seine liebende Ehefrau mimen. Bei dem Treffen in seinem Elternhaus und den Streifzügen durch seine Heimatstadt Buffalo kommt langsam ans Licht, was in Billys Vergangenheit so alles schief gelaufen ist.

Zwei verlorene Seelen: Billy und Layla

„Buffalo 66“ ist für Gallo ein sehr persönliches Werk. Er selbst wuchs in Buffalo auf, gedreht wurde in seinem einstigen Elternhaus. In der Stadt war er selbst ein Außenseiter; bereits mit 17 Jahren kehrte er ihr den Rücken. Sein Billy ist ein mehr als bemitleidenswerter Antiheld. Zu Beginn des Films sucht er verzweifelt nach einem Ort, wo er seine volle Blase entleeren kann. Egal, an welchem Ort er pinkeln gehen will, er wird stets bei seinem Vorhaben gestört. Billy ist wie ein Kind, allein kaum überlebensfähig. Mit seiner aufbrausenden Art handelt er sich stets Ärger ein. Wie sich bei den knappen Gesprächen am Essenstisch zeigt, trägt besonders seine Mutter an diesem Zustand die Hauptschuld: Am Tag seiner Geburt verlor ihr heiß geliebtes Footballteam – die Buffalo Bills – ein wichtiges Spiel. Seitdem musste er stets als Sündenbock für ihre Frustrationen herhalten. Ironie des Schicksals: Ausgerechnet eine verlorene Sportwette, bei der Billy bei einem fiesen Gangster (Mickey Rourke) ein Vermögen auf einen Superbowl-Sieg der Buffalo Bills setzte, brachte ihn den Knastaufenthalt ein. Auch Geisel Layla wirkt wie eine verlorene Seele, die sich trotz Billys unfreundlicher Art bald mit ihm verbunden fühlt.

Von Bild-in-Bild-Collagen, Ozu und Surrealismus

Gallo tobt sich in „Buffalo 66“ künstlerisch vollkommen aus. Über das Geschehen legt er ab und an Bild-in-Bild-Collagen, die auch das komplette Bild einnehmen können und mehr aus Billys trauriger Vergangenheit erzählen. Man merkt schnell: Er ist ein Junge, der nie Liebe erfahren hat und Intimitäten scheut. In den Familienszenen orientierte sich Gallo mit seinen statischen Einstellungen offen am Stil des japanischen Meisterregisseurs Yasujirô Ozu. Besonders „Ein Herbstnachmittag“ (1962) gibt Gallo als einen seiner Lieblingsfilme und Haupteinfluss für „Buffalo 66“ an. Dazu wechselt er häufig überraschend die Bildausschnitte, streut Gallo immer wieder wunderschöne, surrealistische Momente mit ein, etwa wenn Billys Vater sein Gesangstalent zum Besten gibt oder Layla auf der Bowlingbahn zu tanzen beginnt.

Egal, was man von dem Provakateur Gallo halten mag: „Buffalo 66“ strotzt vor Kreativität, ist tieftraurig, witzig, bizarr und romantisch zugleich. Mit dem Film ist ihm ein außergewöhnliches Kunstwerk gelungen, in dem jederzeit die Energie und unterdrückte Wut seines Machers spürbar sind.

Surreale Szene auf der Bowlingbahn

Veröffentlichung: 2. Februar 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Buffalo ’66
USA/KAN 1998
Regie: Vincent Gallo
Drehbuch: Vincent Gallo, Alison Bagnall
Besetzung: Vincent Gallo, Christina Ricci, Ben Gazzara, Mickey Rourke, Rosanna Arquette, Jan-Michael Vincent, Anjelica Huston
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 

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