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Horror für Halloween (XVI): Class of Nuke ’em High – Neben dem Kernkraftwerk geht’s rund

Class of Nuke ’em High

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Manche Cineasten rümpfen die Nase, aber unter Trash- und Exploitationfans genießt die im Staat New York ansässige Independent-Filmschmiede Troma Entertainment Kultstatus – und das ausgelutschte „Kult“ ist hier einmal berechtigt. Das Unternehmen wurde 1974 von den Produzenten und Regisseuren Lloyd Kaufman und Michael Herz gegründet, gehört. Zu den bekanntesten Werken aus dem Hause Troma gehört „Atomic Hero“ („The Toxic Avenger“, 1985) um einen chronischen Loser, der aufgrund radioaktiver Verseuchung zum Superhelden mutiert. Auch die ein Jahr später entstandene Horrorkomödie „Class of Nuke ’em High“ thematisiert die Bedrohung durch nukleare Kontamination. Es war die Zeit, in welcher der Reaktorunfall im Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania im März 1979 und die
Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 der Welt die Gefahren der Nutzung der Kernkraft vor Augen führten, was sich zwangsläufig auch im Film niederschlug, und das eben nicht nur in ernsthaften Dramen wie „Das China-Syndrom“ („The China Syndrome“, 1979), sondern auch in der Exploitation. Für „Class of Nuke ’em High“ setzte sich Troma-Gründer Kaufman einmal mehr selbst auf den Regiestuhl, den er sich in diesem Fall mit Richard W. Haines teilte.

It could contaminate the whole town.

That’s not so bad.

Hm – ob „Halb so wild“ die passende Antwort auf die Befürchtung ist, dass die ganze Stadt radioaktiv verseucht werden könnte? Im Kernkraftwerk von Tromaville (!) in New Jersey kommt es zu einem nuklearen Zwischenfall. Einem Bedenkenträger erwidert Kraftwerks-Leiter Finley (Pat Ryan) unwirsch: I don’t give a wet fart what you think. („Ich gebe einen feuchten Furz darauf, was Sie denken“.) Derlei Dialoge geben von Anfang an den derben Ton von „Class of Nuke ’em High“ vor.

Mikrowellen sind gefährlich!

Die in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks gelegene Highschool von Tromaville bekommt die Auswirkung des radioaktiven Lecks umgehend zu spüren: Als ein Schüler verseuchtes Wasser trinkt, erleidet er daraufhin einen grausamen Tod. Finley lenkt von seiner Anlage ab, indem er darauf hinweist, der Schüler habe daheim gleich zwei Mikrowellenöfen (!) stehen.

Die vormaligen Mitglieder der „Honour Society“ der Highschool sind bereits vor einiger Zeit zu aufmüpfigen und brutalen Punks mutiert – Folge der Nähe zum Kernkraftwerk? Jedenfalls terrorisiert die Gang, die sich passenderweise „Cretins“ nennt, seitdem ihre Mitschüler. Ein Kraftwerksarbeiter verkauft ihnen Marihuana, das er auf dem Werksgelände anbaut. Super Idee: Die „Cretins“ verkaufen die Joints als „Atomic High“ weiter. Vielleicht aber doch keine so super Idee …

„Class of Nuke ’em High“ bedient ein paar Klischees aus Highschool-Szenarien von Teenie-Komödien, das aber auf dermaßen überkandidelte Weise, dass es eine wahre Freude ist. Das geht selbstverständlich mit eher laienhafter Schauspielkunst einher. Zwar haben einige spätere Stars wie Kevin Costner und Samuel L. Jackson in der Frühzeit ihrer Karrieren in Troma-Produktionen mitgewirkt, hier jedoch tritt niemand in Erscheinung, den wir später in prominenteren Rollen bemerkt hätten.

Verstrahlung kann sonderbare Folgen haben

Zwar sind die Auswirkungen nuklearer Kontamination bis hin zur Strahlenkrankheit und zum Tod weitgehend bekannt, das muss im Trash-Sektor aber niemanden hindern, hemmungslos bizarre Mutationen, derbste Hautausschläge und fiese Wesensveränderungen herbeizufantasieren. In „Class of Nuke ’em High“ ist all dies zu beobachten. Die Schülerinnen und Schüler – ob verstrahlt oder nicht – rennen bisweilen wie aufgescheuchte Hühner durch die Gegend. Und wenn das gerade erst geborene Monster zügig zu stattlicher Größe herangewachsen ist, kennt das ausgelassene und tödliche Treiben endgültig kein Halten mehr.

„Class of Nuke ’em High“ hatte einige Fortsetzungen zur Folge, die ich nicht gesehen habe. Es gibt ohnehin zu viele Filme, ich muss mir nicht jedes Franchise vollständig zu Gemüte führen. Vermutlich sind die Sequels ähnlich überdreht wie der Erstling, der seinen Kultstatus als Troma-Highlight und Exploitation- und Trash-Klassiker völlig zu Recht genießt. 1992 indiziert, wurde der Streifen 2016 von der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen. Neuveröffentlichungen lassen aber auf sich warten. Ob die zuvor erschienenen ungeprüften Hartboxen und Mediabooks von ’84 Entertainment zu erschwinglichen Preisen lieferbar sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Mir reicht meine 2-Disc Edition mit Blu-ray und DVD aus dem englischen Hause Arrow Video, die in puncto Bild- und Tonqualität sowie Bonusmaterial gewohnt vorbildlich abgeliefert hat und im Booklet einen interessanten Text über den Troma-Gründer Lloyd Kaufman enthält.

Veröffentlichung: 14. Mai 2012 als DVD in limitierter kleiner und großer Hartbox (je drei Covervarianten), 23. September 2015 als limitiertes 3-Disc Ultimate Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs) und als Blu-ray in limitierter großer Hartbox (zwei Covervarianten)

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Class of Nuke ’em High
USA 1986
Regie: Richard W. Haines, Lloyd Kaufman (als Samuel Weil)
Drehbuch: Richard W. Haines, Mark Rudnitsky, Lloyd Kaufman, Stuart Strutin
Besetzung: Janelle Brady, Gil Brenton, Robert Prichard, Pat Ryan, James Nugent Vernon, Brad Dunker, Gary Schneider, Théo Cohan, Gary Rosenblatt, Mary Taylor, Anthony Ventola, Arthur Lorenz, Lauren Heather McMahon
Zusatzmaterial u. a.: Audiokommentar mit Lloyd Kaufman, Originaltrailer, Vollbild-Fassung, Interviews mit den Darstellern, entfernte Szenen, „Der Mann der das AKW baute“, Artworks & Photos, Tromavilla-Cafe: Highschool Losers, Aroma du Troma, PSA: Gratis & Geil, nur Blu-ray und Mediabook: Audiokommentar mit Kai Naumann und Marcel Barion, Kurzfilm „Tannenberg“ (Regie: Danilo Vogt, 15 Min.), nur Mediabook: 12-seitiges Booklet mit einem Text von Ivo Ritzer
Label/Vertrieb: ’84 Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot – Die Jagd nach dem Monster

The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot

Von Lucas Gröning

Abenteuerdrama // Ein Mann (Aidan Turner), uniformiert in Nazi-Kluft, dringt in ein Gebäude ein. Darin warten weitere Menschen in Uniformen der Nationalsozialisten. Der Mann kommt zu einer Rezeption. Er gibt dort seine Waffen ab und kann passieren. Plötzlich findet er sich in einem langen Gang wieder. Sein Ziel: die Tür am Ende des Ganges. Er nähert sich ihr mit langsamen Schritten. Auf seinem Weg holt er allerhand Materialien aus verschiedenen Winkeln seiner Kleidung heraus. Er greift unter seinen Hut, in seine Jacke, seine Hose, in einen seiner Schuhe. Aus all diesen Materialien hat er sich in Sekundenschnelle eine Waffe gebaut. Es wird klar, dass sich hinter der Tür eine Zielperson befindet. Eine Zielperson, die es zu infiltrieren gilt. Doch wer soll überhaupt getötet werden? Und wer ist der Mann, der mit dem Mord beauftragt wurde? Fragen über Fragen, die sich beim Sehen des illustren Schauspiels stellen. Mit schnelleren Schritten nähert sich der Mann seinem Ziel und wir Zuschauer nähern uns den Antworten auf unsere Fragen. Als der Mann angekommen ist öffnet er die Tür, tritt herein und … Cut.

Calvin Harris führt im Alter ein ruhiges Leben

Es ist der Beginn von Robert D. Krzykowskis Debütfilm „The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot“ nach eigenem Drehbuch. Der Regisseur, vorher lediglich durch seinen Kurzfilm „Elsie Hooper“ und kleinere Produktionsjobs bekannt, hat es bereits mit dieser einen Szene, die auch gut aus einem James-Bond-Film hätte stammen können, geschafft, beim Zuschauer ungeheure Neugier zu wecken. Eine fantastische Szene, die so viele Fragen aufwirft, welche der Jungregisseur uns allerdings bereits mit dem Titel seines Werkes beantwortet. Die geheimnisvolle Zielperson des Mannes ist der Führer des nationalsozialistischen Deutschlands von 1933 bis 1945: Adolf Hitler. Der Mann, der den Flur entlang auf die Tür zuläuft, ist der Mann, der ihn töten wird und auch der Mann, der voraussichtlich das legendäre Monster Bigfoot töten wird. Wem das alles jetzt sehr verwirrend und trashig vorkommt, der hat zumindest teilweise recht, denn Geschichte, Fiktion und das Verhältnis beider zueinander wird von „The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot“ tatsächlich in Teilen auf diese Art verhandelt.

Der alte Mann

Wir machen einen Zeitsprung. Jahre später, irgendwann in den 1980er-Jahren, sehen wir einen alten Mann (Sam Elliott) am Tresen einer Bar. Es ist der Mann, der viele Jahre zuvor Adolf Hitler getötet hat. In der Folge zeigt uns der Film das Leben des Mannes, der auf den Namen Calvin Barr hört. Er zeigt uns die langsamen, gequälten Schritte, die er geht, sein bescheidenes Heim, seinen Hund und seinen Alltag, der aus täglichen Spaziergängen zu seinem Bruder (Larry Miller) und dem nächtlichem Schauen von Fernsehserien besteht – ein tristes Leben. Immer wieder beobachten wir Calvin dabei, wie er einen traurigen Blick in den Spiegel wirft. Gleichbedeutend mit dem Spiegelblick ist die Ankündigung eines Zeitsprunges. Krzykowski zeigt uns dann das Leben des Mannes, wie es früher war, vor dem Mord am nationalsozialistischen Despoten. Er zeigt uns den Job, den Calvin vor dem Hitler-Attentat hatte. Er zeigt uns das Kennenlernen und die ersten Dates mit der Frau (Caitlin FitzGerald), mit der sich Calvin später verloben wollte, was jedoch aus unterschiedlichen Gründen nie funktionierte. Außerdem zeigt er uns die Vorbereitung auf die wichtige Mission, den Diktator des „Dritten Reichs“ zu ermorden. Es sind gerade diese zwei Aspekte, die das Leben des Calvin Barr in der Vergangenheit so sehenswert machen – Die Liebe zu Maxine und die abenteuerliche Mission, das Monster des Nationalsozialismus zu vernichten. Beide Lebensinhalte fehlen dem alternden Calvin in der Gegenwart der 80er, jedoch soll sich bald ein neues Monster zeigen, das zur Strecke gebracht werden muss.

Die Suche nach dem Guten

Eines Tages klopfen zwei FBI-Agenten (Ron Livingston, Rizwan Manji) an seine Tür und überreden ihn, sich einer neuen Gefahr anzunehmen. Er, der Adolf Hitler unter der Vertuschung aller beteiligten Regierungen ermordet hat, soll sich aufmachen, den Bigfoot zu töten. Dieser ist im Film der Überträger einer gefährlichen, tödlichen Krankheit, die sich im Falle eines Weiterlebens des Wesens über die gesamte Welt ausbreiten könnte. Nach ein wenig Überzeugungsarbeit willigt Calvin ein und begibt sich auf die Reise. Dabei wird er stets von seinem inneren Drang getrieben, das Böse und Schlechte aus der Welt zu verbannen. Viele Szenen zeigen uns, wie sich das herzensgute Wesen und die Suche nach dem Guten in der Welt in den Aktionen des Hitler-Mörders manifestieren. So ist er im Rahmen einer ständig mitschwingenden Melancholie nach bestem Willen freundlich und gibt beispielsweise einen gefundenen Lottoschein mit einem Gewinn zurück, ohne den Gewinn einzustreichen. Zugleich manifestiert sich dieses absolut Gute in seiner damaligen Freundin Maxine, die stehts nach Moralvorstellungen handelt, die die meisten Menschen wohl als richtig und gut ansehen würden. Im Zuge dessen wird sie von Calvin sogar als Heilige bezeichnet. Nach diesem absolut Guten strebt auch Calvin, findet in der Gegenwart jedoch erst mit der Jagd auf Bigfoot seine Chance, dieser Suche in einem angemessenen Rahmen nachzugehen, obwohl er selbst dem Zuschauer bereits seit Beginn als rechtschaffende Person vorgestellt wird. Nicht umsonst ist der Protagonist als einer der wenigen Menschen immun gegen die Krankheit des Bigfoot. Somit wird Calvin selbst zum Repräsentanten des Guten und Heiligen, findet jedoch von sich selbst abgesehen zu wenig davon in einer von Egosimus, Korruption und Bosheit geprägten Welt.

Ein wilder Genremix

Diese Suche nach dem Guten erzählt Robert D. Krzykowski, indem er sich bei verschiedensten Filmgenres bedient. In Grundzügen sehen wir ein Drama, das von der Suche nach der eigenen Existenz, dem Sinn des Lebens und dem, wie bereits erwähnt, absolut Guten in der Welt geprägt ist. Darüber hinaus werden uns Szenen gezeigt, die an Agentenfilme angelehnt sind. Andere Abschnitte wie die Anfangsszene der Gegenwartserzählung erinnern an Western, gepaart mit einem Schuss klassischer Action. Zu guter Letzt sehen wir klare Referenzen an das Trashgenre – vor allem beim Aufeinandertreffen des Protagonisten und des Bigfoots und natürlich bei der grundlegenden Ausgangslage des Films, indem Geschichte bewusst verfälscht und mit bekannten fiktionalen Erzählungen vermischt wird. Damit macht uns der Regisseuer und Verfasser des Drehbuchs klar, dass wir diesen Film aus historischer Sicht nicht ernst zu nehmen haben. Auf Basis dieser einigermaßen abwegigen, aber immerhin logisch hergeleiteten Geschichte erzählt uns der Filmemacher tatsächlich eine schöne Story, die viele Fragen rund um das Alter, den Sinn des Lebens und das Streben nach einem bestimmten Lebenszustand stellt. Krzykowskis Werk weiß dabei von der ersten bis zur letzten Sekunde zu unterhalten, auch wenn dem Film die intellektuelle Tiefe anderer großer Werke abgeht, die dieselben Fragen aufwerfen. Darüber hinaus stimmt das Verhältnis der Längen in den einzelnen Szenen ab und an nicht. Manche wirklich spannende Szenen brechen teilweise abrupt ab, während andere, weniger fesselnde Passagen sich oft sehr langgezogen anfühlen. Die tolle Geschichte, die starken schauspielerischen Leistungen, allen voran von Hauptdarsteller Sam Elliott, die schönen Kulissen, sowie die wundervolle Musik von Joe Kraemer („Jack Reacher“, „Mission: Impossible – Rogue Nation“) machen jedoch vieles wieder wett. Auch die tolle Kameraarbeit von Alex Vendler („The Woman“, „Melvin Goes to Dinner“) soll hier Erwähnung finden.

Bald muss sich Calvin auf die Jagd nach einer neuen Gefahr machen

Somit bleibt ein technisch hervorragendes Drama, das seine Zuschauer unterhalten dürfte, dabei die großen Fragen des Lebens stellt, im Hinblick auf eine zufriedenstellende Beantwortung oder zumindest den Versuch dieser Beantwortung gegenüber vergleichbaren Filmen jedoch abfällt.

capelight pictures hat das Werk kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht. Die gewohnt sorgfältig produzierte Edition enthält den Film als Ultra HD Blu-ray, Blu-ray, und DVD. Im Booklet findet sich ein interessantes Interview mit Regisseur Robert D. Krzykowski. Geführt wurde es von „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Leonhard Elias Lemke im Auftrag von „Deadline – Das Filmmagazin“.

14. Juni 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Ultra HD Blu-ray, Blu-ray & DVD) Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Ultra HD Blu-ray und Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot
USA 2018
Regie: Robert D. Krzykowski
Drehbuch: Robert D. Krzykowski
Besetzung: Sam Elliott, Aidan Turner, Sean Bridgers, Ron Livingston, Caitlin FitzGerald, Larry Miller, Ellar Coltrane, Rizwan Manji, Mark Steger, Nikolai Tsankov
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Robert D. Krzykowski, Behind the Scenes, entfallene Szenen, Interview mit Soundtrack-Komponist Joe Kraemer, Robert D. Krzykowskis Kurzfilm „Elsie Hooper“, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Robert D. Krzykowski
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & 3er-Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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Moor-Monster! Bestie oder Wischmopp?

Moor-Monster!

Von Volker Schönenberger

Horrorkomödie // Im Spätsommer 2013 begaben sich mehrere Gruppen von Touristen in eine abgelegene Moorgegend im Staat Kentucky.

Echt jetzt!

Total gruselig!

Ein Jahr später fand man dieses Videomaterial …

Im Anschluss an diese verheißungsvolle Ankündigung per Texttafel sehen wir Found-Footage-Aufnahmen einer dreiköpfigen Familie, die im Wohnmobil unterwegs ist. Vaddern ist ganz begeistert von der Landschaft, Mudder und Tochter nörgeln. Glücklicherweise folgt alsbald eine weitere Texteinblendung:

Aber das Videomaterial ist stinklangweilig! Deshalb zeigen wir Ihnen stattdessen diesen Film hier.

Ein schöner Gag zum Einstieg, der Sinn für Humor verrät – ob feingeistig oder grobschlächtig, möge jede/r selbst entscheiden. Zum nun wirklich folgenden Auftakt von „Moor-Monster“ versenken zwei Typen ein Fass Atommüll in einem Moorteich. Der eine fühlt sich beobachtet, aber womöglich leidet er nur an Anatidaephobie – der Angst von einer Ente beobachtet zu werden.

Sheriff Cohen sorgt für Recht und Ordnung – oder so

Drahtzieher und Auftraggeber der beiden Umweltverschmutzer ist Gangsterboss Frank Corman (Jürgen Lill), der sich vorzugsweise im heimischen Wellness-Bereich lümmelt, sprich: an seinem Pool. Die illegale Müllverklappung hat allerdings die Entstehung einer fiesen Kreatur zur Folge – genau: das titelgebende Moor-Monster, das sicher auch eine Karriere als Wischmopp anstreben könnte. In der Folge metzelt sich das humanoide Biest durch eine Underground-Nummernrevue, die sich gewaschen hat und für keinen Gag und keine Anspielung zu schade ist. Dabei kommen auch Freunde nackter Tatsachen auf ihre Kosten. Wird Sheriff Cohen (Thomas Brandl) der Bedrohung Herr werden? Immerhin hat er die Großwildjäger Jack Wood (Thomas Pill) und Jackie Franco (Monika Brandl) als Unterstützung, das Trio kann aber ein Moor-Monster-Massaker in einem Drive-in-Kino nicht verhindern.

Eine zünftige Kissenschlacht darf nicht fehlen

Eine überdimensionale Ente im Trenchcoat (also doch berechtigte Anatidaephobie!) will unter dem Decknamen „Duck Throat“ (sehr schön!) geheime Informationen über die illegale Giftmüllentsorgung an den Mann bringen, wird aber von zwei Killern daran gehindert – eben jenen Fass-Versenkern vom Auftakt. Anderswo werden „die üblichen Verdächtigen“ verhaftet – mit zahlreichen Anspielungen wie diesen verraten die Macher von „Moor-Monster!“ ein profundes filmisches Wissen. Sie zu entdecken, macht viel Spaß. Auch im Slasher-Kino der 80er bewegen sie sich sicher.

Underground-Trash mit Laiendarstellern

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir haben es mit Underground-Trash in Reinkultur und Laiendarstellerinnen und -darstellern zu tun. Das ist sicher nicht jedermanns Sache, aber ein solches Nischenprodukt zielt ohnehin nicht auf ein Millionenpublikum. Die Besetzungsliste ist im Vergleich zu manchen anderen Undergroundfilmen recht groß, wenn ich das richtig einschätze, da sollte allein der Familien- und Freundeskreis aller Beteiligten einen gewissen Absatz der DVD sichergestellt haben.

Duck Throat will ein Geheimnis enthüllen

Für Kostüme und Ausstattung plünderten die Produzenten von Brandl Films zweifellos hemmungslos überall, wo sie passende Requisiten und Klamotten finden konnten, und sei es in der Besenkammer der Eltern Brandl. Die Produktionsfirma ist das Projekt der Geschwister Monika, Günther und Helmut Brandl, die bereits seit 1998 gemeinsam Filme drehen, mittlerweile mit einem motivierten Stamm-Team. Die Filmografie umfasst bereits mehr als 50 Produktionen, beachtlich für ein solches Independent-Familienprojekt. Der Vertrieb erfolgt über den hauseigenen Online-Shop – auch „Moor-Monster!“ befindet sich im Sortiment. Brandl Pictures kann sogar für die Produktion von Hochzeits-Videos gebucht werden, wie ein Werbefilm zu Beginn der DVD offenbart. Dass sie ein paar visuelle Tricks drauf haben, zeigen die Brandls in „Moor-Monster!“. Wer traut sich?

Hier wird anderes enthüllt

Die kleine, aber feine deutsche Underground-Szene (oder ist sie gar nicht so klein?) scheint gut vernetzt zu sein: Günther Brandl ist mir bei meinen wenigen Ausflügen in den teutonischen No-Budget-Film mehrfach über den Weg gelaufen, so in „Weakness of a Sick Mind“ mit einer Gastrolle und in „Antithese“, wo er die Hauptfigur spielt.

Wann taucht das Moor-Monster wieder auf?

„Moor-Monster!“ wirkt gelegentlich wie der ausgelassene Karnevals-Ausflug einer überkandidelten Freundes-Clique, aber etwas mehr Blut, Schweiß und Tränen wird wohl doch dahinterstecken, wobei es sich um Lachtränen gehandelt haben dürfte – über andere Körperflüssigkeiten wagen wir nicht zu spekulieren. Keine Darstellerin und kein Darsteller sind sich für irgendeine Albernheit zu schade. Der rote Handlungsfaden geht bei all dem Klamauk ab und zu ein wenig verloren, eine Weile fragte ich mich, wann denn endlich mal wieder die titelgebende Kreatur in Erscheinung tritt.

Das Moor-Monster schlägt zu

Langeweile kommt nicht auf, dennoch scheint mir „Moor-Monster!“ zu lang geraten zu sein. Zwar gibt es keine Längen (das wäre dann ja doch Langeweile gewesen), aber mir reichen bei einer Horrorparodie – und damit haben wir es zu tun – doch knackige knapp anderthalb Stunden wie etwa bei „Scary Movie“. Vermutlich sprudelten die Geschwister Brandl bei ihren Drehbuch-Sessions nur so vor Ideen – ein wenig Alkohol mag dabei auch gesprudelt sein. Ein paar Einfälle hätten sie sich natürlich auch für „Moor-Monster 3“ aufsparen können, denn „Moor-Monster 2“ gibt es seit 2017 bereits. Auf der streng limitierten und möglicherweise bereits nicht mehr erhältlichen Blu-ray „P.S.Y.C.H.O. Productions Film Festival #1“ findet sich unter den zehn dort versammelten Underground-(Kurz-)Filmen auch eine 68 Minuten lange Fassung von „Moor-Monster!“. Dass der Film in der Zweistundenfassung zu lang ist, ist meine höchst subjektive Wahrnehmung, anderen mag er genau so die perfekte Dauer haben – man kann ja für den Filmabend auch einfach einen Kasten Bier mehr kaufen. Der Spaß an der Sache ist den Darstellern von „Moor-Monster!“ jedenfalls in jeder Szene anzusehen, und er hat sich auch auf mich übertragen. Das gelingt manch „großer“ deutscher Komödie schon lange nicht mehr. Merkt’s euch, Til, Matthias, Elyas und Bully!

Weil’s so schön ist – einfach nur so

Veröffentlichung: 12. November 2014 als DVD

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Moor-Monster
D 2014
Regie: Günther Brandl, Helmut Brandl, Monika Brandl
Drehbuch: Günther Brandl, Helmut Brandl, Monika Brandl
Besetzung: Thomas Pill, Monika Brandl, Katharina Buchberger, Günther Brandl, Christian Meilhammer, Romy Glasel, Jürgen Lill, Nicole Silvia Abl, Vicky Vampire
Zusatzmaterial: Outtakes (7:29), Behind the Scenes (2:06), 20 (!) geschnittene Szenen, Bildergalerie, Musikvideo „Them“: „Maneating Mutant Monster“, der Autokino-Film (3:29), Fake-Trailer „Angriff der Riesenschnecke“, Trailershow, züchtiges Wendecover
Label/Vertrieb: Brandl Pictures

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2018 Brandl Pictures

 

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