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True Detective – Die komplette zweite Staffel: Warum all die Kritik?

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True Detective – Season 2

Von Simon Kyprianou

Krimiserie // Ben Caspere verschwindet und wird einige Stunden später verstümmelt und gefoltert am Rande des Highways tot aufgefunden. Er hatte eine hohe Position in der Stadtverwaltung des kalifornischen Industriestädtchens Vinci inne. Sein Tod bereitet vielen Leuten Unbehagen: Der Gangster Frank Semyon (Vince Vaughn) hatte Landgeschäfte mit Caspere gemacht und muss nun erfahren, dass sein Geld futsch ist – sein gekauftes Land ebenfalls. Die drei Polizisten Ani Bezzerides (Rachel McAdams), Ray Velcoro (Colin Farrell) sowie Paul Woodrugh (Taylor Kitsch) von der Highway Police übernehmen gemeinsam den Fall. Nicht nur der Fall beschäftigt die Detectives: Woodrugh hadert mit seiner Sexualität, Velcoro mit seiner Alkohol- und Drogensucht, Bezzerides mit einem schrecklichen Ereignis in ihrer Vergangenheit. Frank Semyon wird wieder in die Gangsterwelt gezogen, die er mit den Landgeschäften eigentlich hinter sich lassen wollte.

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Bezzerides (l.) und Woodrugh ermitteln

An die erste Staffel erinnern nur noch Matthew McConaugheys und Woody Harrelsons Namen im Vorspann, der auch in der zweiten Staffel von „True Detective“ wieder ein ästhetischer Hochgenuss ist. Alles andere hat sich radikal verändert, und vielleicht ist das der Grund, warum die Staffel so viel Ablehnung erfahren hat. Sie macht es den Zuschauern allerdings auch nicht immer leicht: Der Krimi-Plot ist nur noch Oberfläche. Inmitten einer Lawine von Namen, Informationen, Lügen, Korruption, Verstrickungen und Zusammenhängen behält man unmöglich den Überblick – wie die Figuren ist man als Zuschauer orientierungslos.

Die Lösung des Falls ist sekundär

Am Ende ist die Aufklärung des Falls dann auch noch ganz banal. Die Oberflächlichkeit des Plots ist aber nichts Schlechtes. Das Zentrum bilden – mehr noch als bereits in der ersten Staffel – die Figuren. Manche von ihnen stecken voller Träume und Lebenshunger, andere hingegen sind lebenssatt und sehnen den Tod geradezu herbei. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie wissen mit sich und ihrer Welt nicht viel anzufangen.

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Velcoro (l.) kämpft um das Sorgerecht für seinen Sohn

Die Figuren von Serienschöpfer Nic Pizzolatto sind wie schon in der ersten Staffel von beachtlicher, vor allem auch berührender Charaktertiefe. Wenn seine Figuren mit ihrem Leben, mit ihrer Sexualität, mit ihrer Kindheit hadern, sich hoffnungsvoll ihren Träumen hingeben oder aneinander Halt finden, dann gelingen Momente von großer Intimität. Außerdem dürfte diese Staffel von „True Detective“ eine der interessantesten und klügsten aktuellen Reflexionen über Geschlechterrollen sein.

Die feinen Songs von Lera Lynn

Die 35mm-Fotografie von Staffel 1 ist passé, sie wird eingetauscht gegen flirrende, rauschende Digitalbilder. Immer wieder sehen wir die Landschaften von oben, und können die Ausweglosigkeit, die allgegenwärtige Uneindeutigkeit und Paranoia auch topologisch begreifen. Immer wieder werden fiebertraumartige Momente erzeugt, Nahtoderfahrungen, surreale Momente, weil sich die Figuren immer mehr vom Leben entfernen. Eine heruntergekommene Bar wird zu einem bizarren Fluchtort, einer Zwischenwelt, virtuos verfremdet durch Lera Lynns in Zusammenarbeit mit T Bone Burnett entstandene Lieder. Nur an diesem von der Welt abgeschirmten Ort können die Figuren immer wieder kurz zu sich selbst finden.

Wieder einmal bringt diese Serie auch ihre Schauspieler zu Höchstleistungen; man hat McAdams, Vaughn, Kitsch noch nie so gut gesehen wie hier. Den schlechten Kritiken zum Trotz: mit das Beste und Komplexeste, was wir 2015 erleben konnten.

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Semyon und seine Frau betreiben nach dem fehlgeschlagenen Geschäft Schadensbegrenzung

Die Episoden der zweiten Staffel von „True Detective“:

01. Das Totenbuch des Westens (The Western Book of the Dead)
02. Die Nacht findet dich (Night Finds You)
03. Vielleicht morgen (Maybe Tomorrow)
04. Alles geht nieder (Down Will Come)
05. Andere Leben (Other Lives)
06. Kirche in Trümmern (Church in Ruins)
07. Schwarzes Land und Motelzimmer (Black Maps and Motel Rooms)
08. Omega Station (Omega Station)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Rachel McAdams haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Colin Farrell, David Morse, Vince Vaughn und Fred Ward unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 28. Januar 2016 als 3-fach-Blu-ray und 3-fach-DVD

Länge: ca. 500 Min. (Blu-ray), 483 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Originaltitel: True Detective – Season 2
USA 2015
Regie: Justin Lin u. a.
Drehbuch: Nic Pizzolatto
Besetzung: Colin Farrell, Rachel McAdams, Taylor Kitsch, Vince Vaughn, Kelly Reilly, Ritchie Coster, David Morse, Christopher James Baker, Fred Ward
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2015 Warner Home Video

 
 

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Das Filmjahr 2015 – Top Ten Simon Kyprianou (I)

Von Simon Kyprianou

10. Inherent Vice – Natürliche Mängel

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Inherent Vice – Natürliche Mängel (© Warner Bros. Ent.)

Der lockerste Film des Jahres, ein frecher Scherz, ein chilliger Jux. Ewig pulsierender und plätschernder Nonsens, die Welt nur noch eine bedeutungslose Halluzination durch die Augen eines dauerbekifften Schwachkopfs. Am Ende aber durchbrechen Nächstenliebe und Menschlichkeit den Schleier des Uneindeutigen –und das war einer der schönsten Kinomomente des Jahres.

9. Blackhat

Farben, Formen, Körper in Bewegung – „Blackhat“ ist pures Kino. Michael Manns digital-rauschendes Kino ist sinnlich und betörend wie eh und je, wurde von der Kritik aber leider ziemlich verkannt.

8. A Most Violent Year

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A Most Violent Year (© SquareOne / Universum Film)

In seinen vergilbten Bildern erzählt J. C. Chandor wieder mal vom (Über-)Leben einzelner Menschen inmitten einer kapitalistischen Welt. Am reinsten und besten gelang ihm das in „All Is Lost“, „A Most Violent Year“ ist aber auch ganz wunderbar, im besten Sinne altmodisch, entschleunigt.

7. Was heißt hier Ende?

Dominik Grafs Dokumentation über Michael Althen – ein wehmütiger, schöner Film. Nicht nur das Porträt eines Filmkritikers, seiner Liebe zum Kino, und allem was mit Kino zu tun hat, sondern ganz nebenbei auch eine Lebensgeschichte und ein Stück deutsche Geschichte.

6. Steve Jobs

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Steve Jobs (© Universal Pictures Germany GmbH)

Michael Fassbenders Darstellung ist unglaublich faszinierend, man kann sich ihr kaum entziehen. Danny Boyles Inszenierungsstrategie ist aber nicht minder virtuos und liefert eine präzise Analyse der Figur, fernab der sonstigen oftmals trockenen Formelhaftigkeit von Biopics.

Besondere Erwähnung: Als Serie kann „True Detective“ keinen Platz in meiner Top Ten bekommen. Die große Mehrheit der Kritiken zur zweiten Staffel war vernichtend, auch die Zuschauer waren ernüchtert, wohl hauptsächlich weil sich Staffel 2 komplett von der ersten löst – in jeder Hinsicht. Aber Staffel 2 ist ein Meisterwerk, das ich zum Heimkinostart in wenigen Wochen ausführlich besprechen werde.

Zu meinen Rängen 5 bis 1 gelangt Ihr hier.

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/01/01 in Film

 

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