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Simon Templar Vol. 3 – Was von der Serie übrig blieb

The Saint

Von Tonio Klein

Krimiserie // Nun hat Pidax auch den dritten Teil seiner Simon-Templar-Kollektion herausgebracht. Während in den ersten beiden Boxen keine Unterschiede gegenüber der schon vor Jahren herausgegebenen Edition zu verzeichnen waren, ist dies nun anders: Es fehlen die Folgen „Hermetico – Die unsichtbare Region“ und „Die sizilianische Mafia“, bei denen es sich um Specials in Farbe und Spielfilmlänge handelt (wenn auch auf Basis einer Doppelfolge und eines Zusammenschnitts zweier alter Folgen, so die Internet Movie Database).

Nur der Trailer bringt Farbe ins Spiel

Neulinge mögen sich über die Charakteristika der sehr britischen Schmunzelkrimifolgen bei meiner Rezension von „Simon Templar – Vol. 1“ informieren. Hier sei nur noch auf Spezifisches von Volume 3 eingegangen. Die Serie wechselte ab Staffel 5 von Schwarz-Weiß zu Farbe, und die unten nach Staffel und Folge gekennzeichneten Folgen zeigen: Diesmal gibt’s nur Schwarz-Weiß. Das ist ja nicht von Nachteil, aber es sei angemerkt, weil Pidax die Box als teils in Farbe kennzeichnet. Einfach von der Vorgängeredition mit den beiden Farb-Specials übernommen? Dies ist im Grunde Etikettenschwindel und verdankt sich nur einem kurzen Serien-Trailer, der als Bonus in schlechter Qualität enthalten ist und vernachlässigt werden kann. Unerfindlich ist, dass die auf dem Cover und auch hier mangels Alternativen veröffentlichten Fotos in Farbe sind und (ohne Garantie, etwas übersehen zu haben) nicht aus den Folgen der vorliegenden DVDs stammen. Bei den DVD-Aufdrucken ist dies sogar noch offensichtlicher, sieht man doch unter anderem ein Szenenfoto aus „Ein Texaner in Monte Carlo“, der in Volume 2 statt 3 enthalten ist. Alles in allem eine etwas lieblose Edition, bei der zudem wünschenswert wäre, im Menü zu sehen, welches die beiden audiokommentierten Folgen sind – man muss es mühsam anhand eines Tonspur-Tests heraussuchen.

Connery? Nein, Moore, Roger Moore, spielt mit

Das war’s dann aber auch mit dem Mäkeln; kommen wir zu den Folgen. Hier ist – rückblickend – eine Entwicklung auszumachen, die erst nach den Schwarz-Weiß-Streifen einsetzte. Es wurde mondäner, im positiven Sinne abgefahrener, im negativen Sinne künstlicher. Doch auch in den vorliegenden Folgen ist Simon Templar (Roger Moore) der unverwechselbare Charmebolzen und Lebemann, der eher durch Zufall in Kriminalfälle hineingezogen wird, den Schwachen hilft, die Fäuste schwingt und weiblichen Reizen nicht abgeneigt ist. Aber das kommt ein wenig geerdeter daher. So gibt es zwar wieder die vorgegaukelten Drehorte in halb Europa und den USA, aber ohne dies wie eine Monstranz vor sich herzutragen. Verhältnismäßig viele Folgen spielen in London oder einem anderen Ort in Good Old England.

Jugendjahre sind keine Flegeljahre

Templar, der sich selbst in den späteren Episoden deutlich keuscher als Roger Moores spätere Paradefigur James Bond verhielt, nimmt sich hier beim anderen Geschlecht noch weiter zurück. Swinging London und mondäne Moden standen erst bevor; der Gespielinnen gibt es meist nur eine einzige, und diese ist die zu Beschützende oder die Frau, der man nicht trau. Im zuletzt genannten Sinne haben die Filme wieder ein paar schöne Plot Twists zu bieten, zudem manch herrlich schrullige Nebenfigur. Templar ist gewohnt Templar in einer schnöseligen wie spaßigen und nicht zu übertriebenen Überheblichkeit. Wobei das eher daran liegt, dass eben Roger Moore den Mann spielt, der in den Romanen von Leslie Charteris böser angelegt ist. „He’s a crook“, so Moore in einem kurzen Bonus-Interview. Nun ja, Moore ist eher Moore. Was auch gar nicht schlimm ist. Er ist kein Shakespeare-Mime und muss es auch nicht sein. Mit Templar etablierte er sowohl sich als auch sein Image, was er in den alten Folgen noch öfter mit direkt ans Publikum gewendeten Intros zelebriert. Das eine war wohl untrennbar mit dem anderen verbunden; so berichten Mitwirkende von einer ansteckenden und die Dreh-Kollegialität extrem förderlichen guten Laune des Hauptdarstellers.

Schwarz-Weiß-Malerei

Die Filme sind nicht mehr und nicht weniger als routinierte Unterhaltung. Dass das Team pro Staffel viele Folgen heraushauen musste, ist dem Ergebnis an der einen oder anderen Stelle anzumerken. Miese Rückprojektionen und mehrfach verwendete Kulissen sind in Schwarz-Weiß und bei weniger spektakulären Orten, die es eben nur im Studio gab, weniger bemerkbar. Indes fallen die wirklich in jeder Folge gleichen Musiksequenzen arg auf, wenn man nicht wie in der guten alten TV-Zeit eine Folge pro Woche guckt, sondern sich so richtig die Kante gibt, wie das heutige Serienfans tun. Und du liebe Zeit: Den Trompetenfehler im Abspann höre ich inzwischen überdeutlich. Ist nicht wirklich schlimm, aber hier haben offenbar vorgegebenes Arbeitstempo und Budget dazu geführt, das nicht einfach noch einmal spielen zu lassen, sodass alle Schwarz-Weiß-Folgen den Misston nun an der Backe haben. Später wurden übrigens Musik und Credits etwas verändert, um sich der mittlerweile weltweit populären Bond-Serie anzunähern. In den hier vorliegenden Folgen fehlt dies noch.

Stars und solche, die es werden sollten

Dafür gibt es aber ein Wiedersehen mit Eunice Gayson in „Simon Templar und der unsichtbare Millionär“ und „Simon Templar auf Diamantenjagd“. Obwohl nie ein Superstar, hat sie einen gewissen Kultstatus als erstes Bond-Girl, als das sie noch vor wenigen Jahren Gast beim Braunschweig International Film Festival (BIFF) war, bevor sie hochbetagt starb. Moment, die erste, war das nicht Ursula Andress, die mit dem Tauchermesser und dem Bikini? Nein, Gayson war als Running Gag geplant, in der Rolle der Sylvia Trench, die mit Bond knutschen darf, dann aber zugunsten der Rettung von Königin und Vaterland abgelegt wird. Das durfte sie dann zwar nur in den ersten beiden Filmen sein („James Bond 007 jagt Dr. No“ und „Liebesgrüße aus Moskau“), aber sie kam Sean Connerys James Bond näher als Roger Moores Simon Templar. Dafür hat sie hier mehr Auftrittszeit – immerhin. Im Übrigen ist die Stargast-Präsenz eher überschaubar. Donald Sutherland, in kleiner Rolle in „Simon Templar und ein Selbstmord“, sollte seine große Zeit noch vor sich haben. In „Simon Templar und das Double für den Tod“ tritt Samantha Eggar auf, die später in Hollywood an der Seite des älteren Cary Grant und des jungen Terence Stamp überzeugte – in „Nicht so schnell, mein Junge“ (1966) und „Der Fänger“ (1965).

Eine Hassliebe: Simon Templar und die Polizei

Ein paar Appetithappen: „Simon Templar und das Labyrinth der Stimmen“ ist eine New-York-Folge um einen gangsterbeschützenden Winkeladvokaten, die gut ist, aber die Seltsamkeit aufweist, dass Templar in der ersten Hälfte kaum vorkommt. In der London-Folge „Simon Templar und die Smaragde“ darf sich Roger Moore lange vor seinem Bond „Der Mann mit dem goldenen Colt“ (1974) ein bisschen in fernöstlicher Kampfkunst bewähren. Der untertitelte „The Man Who Was Lucky“, dessen deutsche Synchronisation wohl verschollen ist, ist ein erfreulich schnörkelloser, für die Serienverhältnisse harter Krimi aus dem Gangster- und Schutzgelderpressermilieu. Und so weiter … Keine Flops, keine Albernheiten, aber irgendwie ist auch mal gut jetzt. Zugegeben, für meine leichte Übersättigung können die Macher nichts. Eine schöne Jugenderinnerung, bei der der Lack aber ab ist, wenn man zu schnell zu viel daran herumschnüffelt.

Wo schöne Frauen sind, wartet Simon Templar schon im Hintergrund

Die Episoden im Einzelnen:

01. Simon Templar und das Labyrinth der Stimmen (The Element of Doubt) (1/8)
02. Simon Templar und der Glückspilz (The Man Who Was Lucky) (1/11)
03. Simon Templar und das Double für den Tod (Marcia) (2/6)
04. Simon Templar und die Kiste voller Diamanten (The Rough Diamonds) (2/10)
05. Simon Templar und der unsichtbare Millionär (The Invisible Millionaire) (2/22)
06. Simon Templar und der große Fuchs (The High Fence) (2/23)
07. Simon Templar und die Teestunde (The Miracle Tea Party) (3/1)
08. Simon Templar und das Syndikat (The Death Penalty) (3/9)
09. Simon Templar und ein halbseidenes Mädchen (The Imprudent Politician) (3/10)
10. Simon Templar jagt Wühlmäuse (The Frightened Inn-Keeper) (3/20)
11. Simon Templar und ein Selbstmord (The Happy Suicide) (3/23)
12. Simon Templar und die Startflagge (The Chequered Flag) (4/1)
13. Simon Templar und das Wochenende in Paris (The Abductors) (4/2)
14. Simon Templar und die vierte Runde (The Crooked Ring) (4/3)
15. Simon Templar und die Smaragde (The Smart Detective) (4/4)
16. Simon Templar auf Diamantenjagd (The Saint Bids Diamonds) (4/7)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Roger Moore und Donald Sutherland haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 3. Juli 2020 und 21. November 2008 als DVD

Länge: 780 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch (mit Ausnahme einer Folge), Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Saint
GB 1962–1965
Regie: Peter Yates u. a.
Drehbuch: Harry W. Junkin u. a., nach Romanen von Leslie Charteris
Besetzung: Roger Moore, Samantha Eggar, Eunice Gayson, Jane Merrow, Donald Sutherland
Zusatzmaterial: Serientrailer, Audiokommentar zu „Simon Templar auf Diamantenjagd“ (u. a. Roger Moore) und „Simon Templar und ein Selbstmord (Jane Merrow), Kurzinterview mit Roger Moore, Wendecover
Label 2020: Pidax Film
Vertrieb 2020: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2008: Koch Media

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Das Boot – Die komplette erste Staffel: Auf Feindfahrt im Atlantik

Das Boot – Die komplette erste Staffel

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama-Serie // Um gleich mit einem stellenweise verbreiteten Irrtum aufzuräumen: Bei der Fernsehserie handelt es sich mitnichten um ein Remake von Wolfgang Petersens „Das Boot“ von 1981, auch nicht um eine Neuverfilmung von Lothar-Günther Buchheims Roman von 1973; wir haben es vielmehr mit einer neuen Geschichte zu tun, die im Kriegsjahr 1942 beginnt, mithin ein Jahr nach den Ereignissen von Petersens Film.

Ein deutsches U-Boot sinkt

Das deutsche U-Boot „U 113“ gerät auf Feindfahrt im Atlantik unter Beschuss eines Kampfflugzeugs der Alliierten. Dabei geht Korvettenkapitän Ulrich Wrangel (Stefan Konarske) über Bord. Die „U 113“ taucht ab, wird aber schließlich von Wasserbomben tödlich getroffen und sinkt mit Mann und Maus auf den Meeresgrund.

Neues Kommando „U 612“

Die im französischen Hafen von La Rochelle stationierten U-Boote stehen kurz vor neuen Einsätzen. Fregattenkapitän Heinrich Gluck (Rainer Bock) klagt gegenüber Kriminalrat Hagen Forster (Tom Wlaschiha) von der Gestapo über die Probleme, für die neu in Dienst gestellten Unterwasserfahrzeuge erfahrene Besatzungen zu bekommen. Der junge Kapitänleutnant Klaus Hoffmann (Rick Okon) bekommt das Kommando über die funkelnagelneue „U 612“ übertragen. Kurz vor dem Auslaufen muss er noch der Hinrichtung eines Untergebenen beiwohnen, der vom Kriegsgericht wegen Feigheit zum Tode verurteilt wurde. Hoffmanns Aussage hatte maßgeblich dazu beigetragen. Als 1. Wachoffizier wird dem Kapitänleutnant der Oberleutnant zur See Karl Tennstedt (August Wittgenstein) zugeteilt, der mehr Erfahrung als Hoffmann hat und selbst auf ein U-Boot-Kommando gehofft hatte.

Für ihn überraschend wird Oberfunkmaat Frank Strasser (Leonard Scheicher) an Bord beordert. Sein Vorgänger hat bei einem Unfall an Bord gerade schwere Brandverletzungen davongetragen. Strassers Schwester Simone (Vicky Krieps) ist erst kurz zuvor in La Rochelle eingetroffen. Die Elsässerin ist als Übersetzerin zur Kommandantur der deutschen Besatzer in La Rochelle versetzt worden.

Vom Kinohit zur Serie

Kinohits zu Serien auszuwalzen – der Trend ist also auch nach Deutschland geschwappt. In den USA geht das oft mit anständigem „Production Value“ einher, und das kann auch für die erste Staffel von „Das Boot“ konstatiert werden. Die Ausstattung wirkt wertig und authentisch, sofern ich das als Laie beurteilen kann. Bezüglich der Sprachfassungen auf Blu-ray und DVD empfehle ich im Übrigen diejenige, in der die Figuren je nach Situation und Herkunft deutsch, französisch oder englisch sprechen. Wenn alle deutsch sprechen, wirkt das im La Rochelle der Kriegsjahre absurd.

Beim Bordellbesuch der niederen Dienstgrade in der Nacht vor dem Auslaufen ertönt „J’attendrai“ von Rina Ketty, das auch im 1981er-Film zu hören war. Keine Frage, die Serie will den Geist des großen Vorgängers verströmen. Das gelingt im Einzelfall auch mal recht anständig, etwa in der Einstiegssequenz, wenn die Männer in „U 113“ angstvoll das Detonieren der Wasserbomben erwarten. Insgesamt ist Wolfgang Petersens Meisterwerk aber natürlich eine viel zu hohe Messlatte. Es zählt zu den Glanztaten der deutschen Kino- und Fernsehgeschichte, ob in der ursprünglichen Kinofassung von 1981, als TV-Mehrteiler von 1985 oder im Director’s Cut von 1997. Mehr geht nicht, was die Darstellung der Erlebnisse einer deutschen U-Boot-Besatzung im Zweiten Weltkrieg angeht.

Kaleun Hoffmann (r.) und sein „Eins WO“ Tennstedt …

An einem derart großen Vorbild zu scheitern, ist halb so wild, da ja auch unterhalb dessen viel Luft für hohe Qualität ist. Leider hat die Serie einige andere Probleme. Eines davon kann man mit einem Vergleich der Crews der beiden im Fokus stehenden U-Boote belegen: Bei Petersens „U 96“ hatten wir Charakterköpfe wie Jürgen Prochnow, Klaus Wennemann, Martin Semmelrogge, Erwin Leder, Heinz Hoenig, Claude-Oliver Rudolph, Jan Fedder, Ralf Richter und dergleichen. Diese Kerle konnte man gut auseinanderhalten. Das kann man von der Crew von „U 612“ nicht behaupten. Am meisten heraus sticht hier noch der Torpedo-Obermechanikermaat Josef Wolf (Klaus Steinbacher) heraus. Das liegt zum einen an seinem breiten bayrischen Akzent, zum anderen daran, dass er ein absoluter Unsympath ist, von dem anzunehmen wäre, dass ihm seine Kameraden beizeiten die Hammelbeine lang ziehen, was leider unterbleibt. Dass die Crew weniger Ausstrahlung hat, wird zwar sogar logisch erklärt, da wie erwähnt ein Kriegsjahr ins Land gezogen ist und nun „Grünschnäbel“ anmustern. Es bleibt aber ein Manko. Da helfen auch ein paar zotige Sprüche unter Deck nichts, die doch daran erinnern, was die Kerle an Bord der „U 96“ für wunderbare Typen waren.

Die Stimmung richtet sich gegen den Kaleun

Als Unruhestifter erweist sich auch ausgerechnet „Eins WO“ Tennstedt, der aus persönlichen Motiven fast schon offen Befehle seines Kaleuns in Frage stellt und ihm Informationen vorenthält. Das ist zur Verschärfung der heiklen Situation an Bord aus dramaturgischen Gründen erforderlich, was ich nicht weiter ausführen will, um Spoiler zu vermeiden; es überzeugt aber ganz und gar nicht. Völlig unvermittelt aufgrund von ein paar Gerüchten schlägt an Bord plötzlich die Stimmung zuungunsten des Kommandanten um. Das wirkt schlicht herbeifabuliert. Dem Darsteller August Wittgenstein ist das nicht anzulasten, er verleiht seiner Figur Tennstedt das Profil, das sie laut Drehbuch haben soll. Kaleun Hoffmann ist da nachvollziehbarer charakterisiert. Vielleicht Glück für Rick Okon, der so gegenüber Wittgenstein profilierter wirkt.

… werden keine Freunde mehr

Um die Erlebnisse eines deutschen U-Boots im Zweiten Weltkrieg auf Serienlänge zu strecken, ohne dass es langweilig wird, muss man die enge Röhre des Gefährts zwangsläufig häufig verlassen. An verschiedenen Handlungssträngen und -orten ist nichts auszusetzen, sofern sie ein schlüssiges Ganzes ergeben. Das ist hier nicht gegeben, speziell die Verbindungsglieder wirken arg zurechtgeschustert: Von der „U 612“ geht es über die Strasser-Geschwister schnurstracks zum französischen Widerstand. In dieser Gemengelage beginnt obendrein plötzlich eine lesbische Romanze, die in meinen Augen aufgesetzt wirkt und die Story nicht voranbringt. Später wird anderswo jemand vom Saulus zum Paulus, ohne dass sich diese charakterliche Entwicklung angedeutet hätte.

Der großindustrielle Strippenzieher

Den Vogel schießt ein weiterer Nebenstrang rund um den Amerikaner Samuel Greenwood (Vincent Kartheiser) ab, dessen Vater (Kevin McNally) sich als Großindustrieller entpuppt, der munter bei Hitlers Aufrüstung als Finanzier mitgewirkt hat. Was soll das denn plötzlich? Leutselig darf Greenwood seinen Opportunismus verkünden – ihm geht es nicht um sein Land, sondern um sein Bankkonto. Dass ihm zuvor schon unterstellt wurde, ein Jude zu sein, passt da ins miese Bild. Nichts für ungut, aber dem Publikum so nebenbei Geschichtsklitterung unterzujubeln, geht gar nicht. Das Ganze muss auch noch von Greenwood selbst ausgiebig erläutert werden, weil es sich im Gesamtszenario nicht inszenieren lässt. Solche Erklärszenen schaden immer, so auch hier.

Was geschah in der Atlantikschlacht?

Die deutschen U-Boote hatten das Vereinigte Königreich eine Weile auf üble Weise im Würgegriff. Ich weiß nicht, wie viel Tonnage in Form der allierten Versorgungs-Geleitzüge die „grauen Wölfe“ auf den Grund des Ozeans geschickt haben und wie viele Menschen das das Leben gekostet hat (die deutschen U-Boot-Fahrer hatten selbst enorme Verluste). Fest steht, dass die Atlantikschlacht ein höchst bedeutsamer Kriegsschauplatz war. Darum geht es in der Serie aber gar nicht, darüber erfahren wir nichts. Auch nichts von den Entbehrungen und der Angst und der Enge, der die Männer an Bord immer wieder über Wochen ausgesetzt waren. Wolfgang Petersen hat das 1981 hinbekommen.

Wie wird es weitergehen?

Langsam wird es Zeit, auch mal wieder etwas Positives zu schreiben: Über die gesamten acht Episoden der ersten Staffel gibt es immer wieder intensive Szenen, die mich in ihren Bann gezogen haben. So konstruiert einiges auch erscheinen mag, ist all das doch fesselnd genug inszeniert, um dranbleiben zu wollen. Was wird aus Kaleun Hoffmann? Ich will es wissen. Welche Facetten wird Gestapo-Mann Hagen Forster noch offenbaren? Ich will es wissen. „Game of Thrones“-Star Tom Wlaschiha hat gegenüber seiner mysteriösen Rolle in der Fantasy-Serie etwas Bauch zugelegt, das macht sein Charisma aber nicht minder faszinierend. Forster behandelt sie Übersetzerin Simone Strasser mit großem Respekt, macht ihr sehr behutsam den Hof und hat frühzeitig zu erkennen gegeben, wozu er fähig ist. Vielleicht der interessanteste Charakter der Serie.

Übersetzerin Simone Strasser hat einen heiklen Posten

Man kann meine Kritikpunkte ignorieren und die Serie „Das Boot“ als die aufwendige deutsche Produktion genießen, die sie ist. Regisseur Andreas Prochaska („Das finstere Tal“) hat sich damit für weitere hochkarätige Aufgaben empfohlen. Dennoch: Als internationale Produktion in La Rochelle, München, Prag und auf Malta gedreht, ist sie für den Weiterverkauf in andere Märkte ausgerichtet. Das merkt man der Serie an, ich hatte oft den Eindruck, ein Produkt zu schauen. Kein Vergleich mit Petersens Geniestreich. Ob ich die zweite Staffel auch schauen werde? Ich bin unschlüssig. Vielleicht nutze ich die Zeit lieber, mal wieder das Original zu schauen.

Die Episoden der ersten Staffel:

1. Neue Wege
2. Geheime Missionen
3. Verluste
4. Zweifel
5. Loyalität
6. Gegen die Zeit
7. Verdammt
8. Abrechnung

Veröffentlichung: 6. Dezember 2019 als Limited 4-Disc Special Edition Blu-ray (Digipack im Schuber), 3-Disc Edition Blu-ray und 3-Disc Edition DVD

Länge: 480 Min. (Blu-ray), 461 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch, Deutsch/Englisch/Französisch
Originaltitel: Das Boot – Die komplette erste Staffel
D/CZ 2018
Regie: Andreas Prochaska
Drehbuch: Tony Saint, Johannes W. Betz, nach Motiven der Romane „Das Boot“ und „Die Festung“ von Lothar-Günther Buchheim
Besetzung: Tom Wlaschiha, Thierry Frémont, Rick Okon, August Wittgenstein, Leonard Scheicher, Franz Dinda
Zusatzmaterial: Interviews mit den Darstellern, Regisseur und Experten, Making-of, Dokumentation „Entscheidung im Atlantik“, 48-seitiges Booklet
Label/Vertrieb: Bavaria Fiction GmbH, WDR mediagroup GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshots & Trailer: © 2019 Bavaria Fiction GmbH, WDR mediagroup GmbH,
Szenenfotos auch: © Nik Konietzny

 

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Michael Striss: Columbo – Der Mann der vielen Fragen (Buchrezension): Keine weiteren Fragen!

Columbo – Der Mann der vielen Fragen

Von Tonio Klein

Film-Sachbuch // Nachdem ich die Erstauflage des Pfarrers (!) Michael Striss auf Amazon in den Himmel (!!) gelobt habe, ist nach zwölf Jahren, 2019, eine Neuauflage erschienen. Weite Teile werde ich von meinem alten Text übernehmen, vorausgeschickt sei: Das Buch hat sich noch verbessert und ist nach einer Books-on-Demand-Veröffentlichung 2007 im September 2019 im Büchner-Verlag erschienen.

Blick ins Innere

Zu Striss stehe ich mittlerweile in Briefkontakt, damals aber noch nicht. Neben einem Update aufgrund des zwischenzeitlichen Todes Peter Falks sowie Ergänzungen in einigen Fußnoten ist vor allem auf den Gewinn hinzuweisen, der sich aus der Einführung zahlreicher farbiger Abbildungen ergibt. Diese finden sich zwar nicht auf Hochglanzpapier und sind auch etwas zu dunkel geraten. Aber sie und die Bildunterschriften harmonieren perfekt mit dem Text und unterstreichen stets einen Aspekt, der sich auch im Text findet. Ebenfalls löblich ist das vorher nicht vorhandene Namens- und Filmregister.

Von Dostojewski bis zur Bibel: Alles über Columbo

Striss gelingt es meisterhaft, die Kult-Elemente nicht nur höchst vergnüglich für den Fan zusammenzutragen, sondern das Buch hat auch einen beachtlichen Mehrwert. Der Autor verbindet seine Analyse mit Dostojewski, Soziologie, Religion, Psychologie, Sprachtheorie, um nur die wichtigsten Bereiche zu nennen. Und wer jetzt meint, dies müsse in Kauderwelsch abgleiten, der wird sich bei der Lektüre aufs Schönste getäuscht fühlen. Das Buch, ein wahres Kompendium von „Columbo“, widmet sich gleichermaßen den Hintergründen (Entstehungsgeschichte, Kurzbio des Hauptdarstellers, Würdigung von wichtigen Nebendarstellern, Rezeption, Entwicklung, Revival nach etwa zehnjähriger Pause) wie dem Geschehen auf der Mattscheibe selbst – in wie gesagt allen erdenklichen Richtungen. Immer kenntnisreich, nie langweilig oder zu hochgestochen.

Noch ein Blick ins Innere

Es ist gar nicht so leicht, niveauvoll und verständlich zugleich zu schreiben, Striss gelingt es. Gute Kenntnisse in den oben genannten, bei einem Serienbuch nicht unbedingt zu erwartenden Bereichen hat er durchweg, was man zum Beispiel anhand der seltenen Übersetzung des biblischen Gebots mit „Du sollst nicht morden“ erkennen kann. Üblicherweise wird dies mit „… töten“ wiedergegeben, aber Striss hat recht!

Folge für Folge: Bestandteile und schlüssige Bewertungen

Auch die Darstellung aller 69 Folgen gelingt. Sie nimmt einen Großteil des Buches ein und ist mehr als nur eine Auflistung: komplette Nennung von Cast und Crew, originale und deutsche Erstausstrahlung, kurze Inhaltsangabe und eine Auflistung der Dinge, die wir über wiederkehrende Elemente der Serie wie der Hauptfigur erfahren, schön nach Kategorien geäußert. Abschließend eine Bewertung, bei der ich mich naturgemäß nicht immer anschließen kann, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und der Autor lädt auch ausdrücklich dazu ein, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Er argumentiert meist so schlüssig, dass man das auch bei einem anderen eigenen Eindruck goutieren kann, nur ein Beispiel: Er mag die ungewöhnliche Folge „Undercover“ nicht, ich mag sie. Aber auch er bringt auf den Punkt, was unter anderem an ihr gelungen ist (ein Wechselspiel mit Identitäten durch Kostümierungen, die letztlich den Charakter von Columbo bestätigen, der gerade dann und nur dann als Cop erkannt wird, wenn er es mal nicht will). Nur ist seine Gewichtung anders. Damit kann ich nicht nur sehr gut leben, sondern das erzeugt bei mir große Bewunderung und Respekt für auch andere Ansichten (den man eh haben sollte, aber durch Striss’ Erklärungen wird dies noch gesteigert).

Ein wunderbares Buch, das Beachtung und Verbreitung verdient.

© 2007 Michael Striss

Columbo – Der Mann der vielen Fragen
Analyse und Deutung einer Kultfigur
Veröffentlichung Erstauflage: 16. August 2007 (Books on Demand)
Veröffentlichung aktualisierte und ergänzte Neuauflage: 11. September 2019
512 Seiten, 15,0 x 22,0 cm, kartoniert, mit farbigem Bildteil
Verlag: Büchner-Verlag
Preis: 25 Euro (Print), 22 Euro (ePDF)

Copyright 2020 by Tonio Klein

© 2019 Büchner Verlag

 

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