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Horror für Halloween (XX): Maggie – Arnie und die Untoten

Maggie

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Arnold Schwarzenegger in einem Zombiefilm? Nun gut, was sein Action-Kollege Dolph Lundgren in „Battle of the Damned“ (2013) und später in „Zombie Shooter“ (2017) kann, kann Arnie schon lange. Doch während die schwedische Kampfmaschine bei seinen Begegnungen mit den Untoten dem Action-Sujet treu blieb, hat sich der Österreicher für ein Drehbuch mit einem ernsthaften Ansatz entschieden.

Wade wehrt sich gegen einen zombiefizierten Nachbarn

Eine Zombie-Pandemie hat in den USA Millionen Todesopfer gefordert, bevor es gelang, die weitere Ausbreitung zu stoppen. Maggie Vogel (Abigail Breslin) ist von einem Untoten gebissen worden und sieht sich mit ihrer schleichenden Zombiefizierung konfrontiert. Das mag zwar sechs bis acht Wochen dauern, scheint aber unausweichlich zu sein. Nach zweiwöchiger Suche hat ihr Vater Wade (Schwarzenegger) seine Tochter in einer Klinik gefunden. Er bringt sie heim, zu seiner Frau Caroline (Joely Richardson), Maggies Stiefmutter. Zur Sicherheit quartiert das Ehepaar die gemeinsamen Kinder bei einer Tante ein.

Schwarzenegger verzichtet auf Gage

Ein Drehbuchdebüt gepaart mit einem Regiedebüt – bemerkenswert, dass sich Arnold Schwarzenegger dieses Independent-Projekts als Produzent annahm. Das Skript geisterte anscheinend schon einige Jahre in der Branche herum, fand sich 2011 in einer Liste der interessantesten Drehbücher ohne Verfilmungskontrakt. Für die Hauptrolle verzichtete er sogar auf seine Gage. Schwarzeneggers Präsenz ist Fluch und Segen zugleich: Seine schauspielerische Leistung überzeugt auf ganzer Linie, Wades Verzweiflung, das Ringen darum, was zu tun das Richtige ist, sind jederzeit nachvollziehbar. Er nimmt sich zurück, verzichtet auf markige Sprüche. Aber er ist eben eine beeindruckende Gestalt und ein Superstar, das lenkt ein klein wenig vom Plot ab. Der positive Eindruck seiner reifen Leistung überwiegt aber klar.

Der Vater hat seine infizierte Tochter nach Hause geholt

Auch schon wieder zehn Jahre her, dass Abigail Breslin in ihrem ersten Zombiefilm „Zombieland“ mitgespielt hat. In der Titelrolle von „Maggie“ muss sie verletztlicher und weniger cool agieren, meistert das erwartungsgemäß ohne Probleme.

Von FSK 18 auf 16 herabgestuft

Anfangs unverständlicherweise mit einer Altersfreigabe ab 18 Jahren versehen, wurde „Maggie“ später auf FSK 16 heruntergestuft, was völlig ausreicht. Action ist Mangelware, der Body Count so gering wie kaum einmal in einem Zombiefilm. Stattdessen dominieren bedächtige, bisweilen beinahe statische Einstellungen mit herabgesetzter Farbsättigung, nur wenige Untote treten in Erscheinung. Kein Wunder, dass sich viele Genrefans von „Maggie“ enttäuscht zeigen. Auf plakative Zombie-Action hoffenden Filmguckern entgeht aber eine gerade wegen des Verzichts auf die üblichen Elemente und Motive außergewöhnliche kleine Perle. Zwar erlebt hier auch die Welt eine Tragödie riesigen Ausmaßes, „Maggie“ bricht das jedoch auf eine bewegende Vater-Tochter-Geschichte herunter, die ohne apokalyptische Sequenzen und Zombiehorden auskommt. Schön, wenn ein für ausgelutscht gehaltenes Subgenre ab und zu doch noch neue Facetten hervorbringen kann.

Vom Arzt holt sich Wade Rat

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Abigail Breslin haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Arnold Schwarzenegger unter Schauspieler.

Kann er seine Tochter Maggie schützen?

Veröffentlichung: 27. Mai 2016 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 28. August 2015 als Blu-ray im limitierten Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: Maggie
USA/CH 2015
Regie: Henry Hobson
Drehbuch: John Scott 3
Besetzung: Arnold Schwarzenegger, Abigail Breslin, Joely Richardson, Douglas M. Griffin, J. D. Evermore, Rachel Whitman Groves, Jodie Moore, Bryce Romero, Raeden Greer, Aiden Flowers
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Henry Hobson, Making Maggie: Behind the Scenes (18 Min.), Interviews mit Henry Hobson und Arnold Schwarzenegger (28 Min.), Originaltrailer, Trailershow, nur Mediabook: 12-seitiges Booklet
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © splendid film

 

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Horror für Halloween – Das nächste Gewinnspiel: 1 x Die Schlange im Regenbogen als Limited Collector’s Edition Mediabook

Verlosung

Zombies haben weit mehr zu bieten als bräsig durch die Gegend zu schlurfen und Menschen anzuknabbern. 1988 ging Wes Craven („The Last House on the Left“) weit zurück in der Mythologie der Untoten und schuf mit „Die Schlange im Regenbogen“ einen höchst ansehnlichen Grusler, in welchem er seine Horrorstory auf clevere Weise mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im diktatorisch geführten Haiti vermengte. Koch Films hat das Werk im Mediabook-Format mit Blu-ray und DVD veröffentlicht und uns ein Exemplar zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerin oder des kommenden Gewinners!

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 2,70 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel sind bis Sonntag, 20. Oktober 2019, 22 Uhr, folgende Fragen zu beantworten, was euch nach Lektüre von meiner Rezension des Films und einem Blick auf meine Zombies-Rubrik keine Probleme bereiten sollte:

1. Auf welchem Platz meiner persönlichen und höchst subjektiven Rangliste der Zombiefilme befindet sich „Die Schlange im Regenbogen“ derzeit?

2. Welche Ungenauigkeit enthält der deutsche Filmtitel?

3. Unter welchem politischen Regime ist die Handlung angesiedelt?

4. Von wessen Schicksal ist die Figur Christophe Durand inspiriert?

5. Welche beiden Filme, die Zombies nicht als Menschenfresser zeigen, sondern das klassische Voodoo-Motiv des Untoten als willenloser Sklave aufgreifen, siedle ich in meiner Zombiefilm-Rangliste noch etwas höher an?

Einen Fehlschuss gebe ich euch – jeder hat ja mal einen Blackout, daran soll die Teilnahme nicht scheitern, also landet Ihr mit vier korrekten Antworten im Lostopf. Minimal fehlerhafte Schreibweisen und Tippfehler toleriere ich, wenn klar ist, wer oder was gemeint ist. Alle Kommentare werden erst nach Ende der Abgabefrist veröffentlicht. Während der Laufzeit des Gewinnspiels werde ich nach und nach die Namen aller bislang eingegangenen Kommentatorinnen und Kommentatoren hier unten auflisten.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Die Gewinnerin oder den Gewinner werde ich im Lauf von etwa zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie oder ihn auch per E-Mail benachrichtigen. Wer sich spätestens drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht zurückmeldet, verliert den Anspruch auf das Mediabook. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Achtung, Sonderregel: Im Rahmen der diesjährigen „Horror für Halloween“-Strecke wird es fünf Gewinnspiele geben – vier davon, bei denen je ein Mediabook zu gewinnen ist, gefolgt vom Hauptgewinnspiel mit zahlreichen Preisen, darunter wiederum einige Mediabooks. Um eine einigermaßen gerechte Verteilung zu gewährleisten, lege ich fest: Wer eines der vier Mediabooks aus den Einzel-Gewinnspielen gewinnt, verwirkt sein Recht auf eines der drei übrigen einzeln ausgelobten Mediabooks sowie darauf, sich beim Hauptgewinnspiel als eine/r der ersten acht einen Preis aussuchen zu dürfen.

Bislang teilgenommen haben (mit fünf korrekten Antworten, sofern nicht anders vermerkt):

01. Jens Albers
02. Filmschrott
03. Frank Warnking sollte bei den Fragen 2 und 5 noch nachbessern.
04. Thomas
05. Oliver Maey
06. Daniel hat bei Frage 5 drei Titel genannt, landet aber dennoch im Lostopf.
07. Rainer Pampuch
08. Christian Anger
09. Klaus Marquardt
10. DirkB
11. Andreas H.
12. Thomas Hortian, dessen Hinweis auf einen dritten Film nicht von der Hand zu weisen ist, auch wenn sie in diesem nicht als willenlose Sklaven gezeigt werden, aber in der Tat auch nicht als Menschenfresser. Das von Thomas genannte, bei mir weit vorn platzierte Werk habe ich erst kürzlich wieder geschaut, Rezension folgt noch im Rahmen der diesjährigen „Horror für Halloween“-Strecke.
13. Rico Lemberger

Die Rezension von „Die Schlange im Regenbogen“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Horror für Halloween (V): Seoul Station – Das Potenzial des Wutbürgers

Seoulyeok

Von Lucas Gröning

Anime-Horror // Im Jahr 2016 feierte „Train to Busan“ Premiere bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes. Für Yeon Sang-ho war es die erste Realfilm-Regiearbeit, vorher war der Südkoreaner international lediglich durch seine Arbeit an den Animes „The King of Pigs“ (2011) und „The Fake“ (2013) aufgefallen, und das auch nur bei Festival-Publikum. Mit „Train to Busan“ jedoch setzte er sich direkt ein Denkmal, stellt der Zombiefilm doch eines der wohl rasantesten und besten Werke dar, die in den vergangenen Jahren rund um die lebenden Toten entstanden sind. Im gleichen Jahr inszenierte Sang-ho einen weiteren Zombiefilm, der als direktes Prequel zu „Train to Busan“ betrachtet werden kann und mit dem er zu seinen Ursprüngen als Anime-Regisseur zurückkehrte: „Seoul Station“ feierte seine Premiere beim Brussels International Fantastic Film Festival 2016 und gewann dort den „Silbernen Raben“.

Hye-seon (l.) muss die Miete für ihre Wohnung aufbringen

Mit seinem direkten Bezugsfilm „Train to Busan“ hat „Seoul Station“ bis auf das Thema und die gleiche Zombie-Epidemie – also die Ansiedlung im selben Film-Universum – jedoch recht wenig gemeinsam. Keine gemeinsamen Figuren, unterschiedliche Orte und natürlich der komplett unterschiedliche Stil beider Werke seien erwähnt. Und auch darüber hinaus grenzt sich „Seoul Station“ deutlich von „Train To Busan“ ab. Während die Realverfilmung als rasanter, schnell geschnittener Actionfilm durchgeht, in welchem politische Botschaften lediglich im Subtext zu lesen sind, stellt sich „Seoul Station“ in dieser Hinsicht ganz in die Tradition von beispielsweise George A. Romeros „Dawn of the Dead“ und nutzt das Szenario der Zombie-Apokalypse für eine Gesellschaftskritik erster Güte.

Gescheiterte Existenzen

Die junge Hye-seon lebt mit ihrem Freund Gi-ung in einer Wohnung in Seoul. Die beiden haben Probleme, die Miete für ihre Wohnung zu bezahlen. Hye-seon, die vor einiger Zeit als Prostituierte gearbeitet hat, wird von Gi-ung aufgefordert, ihre alte Tätigkeit wieder aufzunehmen, wogegen sie sich jedoch wehrt – und nach einem Streit verschwindet sie. Trotzdem stellt Gi-ung eine Anzeige seiner Freundin ins Netz, die sie als Sexobjekt anpreist und damit potenzielle Kunden ihn kontaktieren können. Bald darauf nimmt tatsächlich Seok-gu Kontakt mit Gi-ung auf – doch er stellt sich dem jungen Mann erbost als Hye-seons Vater vor, der seine Tocher sucht. Die streift währenddessen durch die Stadt zum U-Bahnhof – der titelgebenden Seoul Station, die jedoch, wie sie feststellen muss, just in dem Moment von einer Horde Zombies überrannt wird. Neben der Station scheinen die lebenden Toten aber auch die ganze Stadt eingenommen zu haben, womit ein Überlebenskampf der verbleibenden Menschen beginnt.

Bald bricht in der Stadt die Zombie-Apokalypse aus

Es dauert lange, bevor der Zuschauer überhaupt den ersten bissigen Kollegen zu Gesicht bekommt. Das nutzt „Seoul Station“ ganz bewusst, um die Ausgangssituation der südkoreanischen Bevölkerung in Seoul zu etablieren. An jeder Ecke sehen wir Obdachlose und Zugehörige der unteren Mittelschicht. Ihrer aussichtslosen Zukunft begegnen diese im kapitalistischen Sinne gescheiterten Existenzen mit dem Schwelgen in Erinnerungen an alte Zeiten – ein Gefühl der Nostalgie, das den gegenwärtigen Zeitgeist auch in der Mittelschicht ständig begleitet und in den ärmeren Gesellschaftsregionen umso stärker ausgeprägt zu sein scheint. Den Obdachlosen dienen zur Bewältigung ihrer Situation vor allem Krankenhäuser als Unterschlupf, wodurch ein Kampf um die begehrten, jedoch zahlenmäßig begrenzten Betten beginnt. Bei den Verlierern dieses Kampfes entstehen in der Folge Gefühle der Unzufriedenheit bis hin zu Zorn – der perfekte Nährboden für Aggression. Die angestaute Wut richtet sich folglich nicht nur gegen die Gewinner des großen Wettstreites um das begehrte Kapital, im Film auch als „Diktatoren“ bezeichnet, sondern auch auf jene Menschen, die gesellschaftlich gesehen auf derselben Stufe stehen wie diese „Wutbürger“ selbst. Darüber hinaus zeigt auch das Schicksal der Protagonistin Hye-seon und ihrem Freund die Verzweiflung der Abgehängten der Gemeinschaft, denn auch der Verkauf des eigenen Körpers wird im Angesicht drohender Obdachlosigkeit zu einer Option.

Selbst Gefängniszellen dienen fortan als Orte zum Durchschnaufen

Wie bereits erwähnt erinnern sich die Menschen in „Seoul Station“ zu diesem Zweck zurück an längst vergangene Zeiten, in denen die Welt für ihr Gefühl noch in Ordnung war. Was wir hier bemerken, ist der gegenwärtige Konservatismus, mit dem einige – gar viele – glauben, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen zu können. Die Erinnerung ist hier vor allem von Zeiten geprägt, in denen der global operierende Kapitalismus selbst noch nicht das Ausmaß angenommen hat, das wir heute auf dem Planeten beobachten können – hier dargestellt vor allem die immer weiter auseinanderklaffende Lücke zwischen Arm und Reich und das damit verbundene stückweise Verschwinden der Mittelschicht. Eine Nostalgie, welche die Menschen allerdings nicht nur auf politischer und wirtschaftlicher Ebene beschäftigt, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich. Ein Beispiel für einen zwischenmenschlichen Konflikt haben wir wunderbar zwischen Gi-ung und Seok-gu dargestellt. Gi-ung wird vom Älteren immer wieder als schwächlich bezeichnet, was auch mit immer fieseren Schimpfwörtern untermauert wird. Hier finden wir das Propagieren eines längst veralteten, weil im Zuge der industriellen Revolution unnötig gewordenen Männlichkeitsbildes. Seok-gu stellt dabei dieses alte Bild des Mannes dar. Er ist groß, stark, aktiv und nimmt die meisten Probleme initiativ auf eigene Faust in die Hand. Nur ein Beispiel für die gesellschaftlichen Kontrapunkte, welche die Konflikte der Menschen untereinander zementieren.

Eine Revolution der Anarchie

Es sind Konflikte, die in der Folge zu einem Aufbegehren der Abgehängten führen, dargestellt durch die Zombie-Apokalypse. Im Rahmen dieser „rebelliert“ zunächst die Unterschicht, beginnend mit einem einzigen alten Obdachlosen, der die Revolution in gewisser Weise anführt. Hierbei folgt der Film dem Schneeballprinzip, das wir aus zahlreichen Zombiefilmen kennen: Wird ein Mensch gebissen und stirbt, erwacht er kurze Zeit später als untoter Menschenfresser. Mt der Zeit breitet sich so das Zombievirus unter den Bewohnern Seouls aus, wodurch die gesamte Stadt in Anarchie versinkt. Folge: der egoistische Kampf um das persönliche Wohl und ein damit einhergehendes steigendes Misstrauen untereinander. Ein zivilisiertes Zusammenleben ist somit nicht mehr möglich, das Ergebnis ist Anarchie. Im Zuge dessen sind demokratische Grundrechte unter den Menschen außer Kraft gesetzt, die gesellschaftlichen Normen gehören der Vergangenheit an. Besonders interessant gestaltet sich hier die Rolle des Staates: Nutzt dieser in Form von Polizei und Militär seine Kräfte zunächst zum Schutz der Menschen, tritt er im Verlauf der Handlung als Institution auf, um die Übriggebliebenen zusammenzupferchen, sie von sich selbst abzuschotten und somit das Risiko einer Verbreitung der Seuche zu minimieren. Somit handelt der Staat in dieser Notsituation nicht mehr im Interesse der Bevölkerung, sondern verfällt im Angesicht der drohenden Ohnmacht in eine Schockstarre, in der er jede potenzielle Gefahr von sich wegschieben will. Auch Tötungen seitens der staatlichen Gewalt dienen fortan als probates Mittel.

„Seoul Station“ geht in diesen Zeiten einigen wichtigen Fragen rund um unserer geamtgesellschaftliche Entwicklung auf die Spur. Inwiefern begünstigt das Auseinanderklaffen von Arm und Reich die Möglichkeit einer Anarchie? Inwieweit sind bürgerkriegsähnliche Zustände am Ende der Entwicklung eine Möglichkeit? Inwiefern kann der Staat seine Position ausnutzen, um den Status quo wiederherzustellen? Ist eine Wiederherstellung des Status quo wünschenswert oder übrhaupt möglich? All das verhandelt Yeon Sang-hos Anime in gut anderthalb Stunden. Zusätzlich zur soziologischen Debatte schafft es der Film außerdem, extrem unterhaltsam zu sein. Er ist mit der angesprochenen Lauflänge nicht zu lang, zeigt uns großartige Bilder in einer für dieses Genre im Medium Film ungewöhnlichen Optik und fährt mit einigen interessanten Storyentscheidungen und Wendungen auf. Einziger Wermutstropfen sind die nur im Ansatz interessant geschriebenen Charaktere, bei denen es mir schwerfiel, konstant mitzufühlen und mich näher für sie zu interessieren. Das ist allerdings ein Punkt, der angesichts der straight durcherzählten Geschichte und der fantastischen Optik nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Somit bleiben ein wirklich toller Zombiefilm und eine absolute Empfehlung, vor allem natürlich für Genrefans – vorzugsweise im Doppelpack mit „Train to Busan“ und in dieser Form auch in diversen Heimkino-Editionen erschienen.

Veröffentlichung: 29. September 2017 als Doppel-Blu-ray und Doppel-DVD (jeweils inkl. „Train to Busan“), 30. Juni 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Steelbook (2 Blu-rays, inkl. „Train to Busan“), 31. März 2017 als Blu-ray und DVD, 3. Februar 2017 als Limited 2-Disc Special Edition Mediabook (2 Blu-rays, inkl. „Train to Busan“)

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: Seoulyeok
KOR 2016
Regie: Yeon Sang-ho
Drehbuch: Yeon Sang-ho
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: splendid film
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenbilder & Packshots: © 2017 splendid film

 

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