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Horror für Halloween (II): Blood Quantum – Immun gegen die Zombie-Seuche

Blood Quantum

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Hütet euch, Abkommen mit den Einwohnern des Landes zu treffen, in das ihr geht, sonst seid ihr dem Untergang geweiht. Schlagt ihre Altare in Stücke, zertrümmert ihre heiligen Steine und brennt ihre Wälder nieder. Hütet euch, Abkommen mit den Einwohnern des Landes zu treffen. Denn wenn sie sich ihren Dämonen hingeben und ihnen Opfer bringen, werdet ihr auch Opfer zu bringen haben. Und wenn ihr ihre Töchter für eure Söhne auswählt, werden sie eure Söhne dazu bringen, das Gleiche zu tun. Mit dieser Einblendung einer als „altes Siedler-Sprichwort“ benannten Weisung beginnt „Blood Quantum“ von Regisseur und Drehbuchautor Jeff Barnaby, der zuvor außer fünf Kurzfilmen lediglich das Krimidrama „Rhymes for Young Ghouls“ (2013) inszeniert hat.

Zombie-Lachse und ein untoter Hund

Wie sein Langfilm-Debüt startet auch Barnabys jüngstes Werk in einem sogenannten Indianerreservat, genauer: dem Red Crow Indian Reservation in der kanadischen Provinz Québec. Der Fischer Gisigu (Stonehorse Lone Goeman) bemerkt eines Tages im Jahr 1981 entsetzt, dass die Lachse, die er gefangen und getötet hat, wieder zum Leben erwachen – sogar ein Tier, das er gerade ausgeweidet hat. Sein als Sheriff tätiger Sohn Traylor (Michael Greyeyes) gibt gleichzeitig einem kranken Hund den Gnadenschuss. Als der Ordnungshüter bei seinem Vater eintrifft, ist kurz darauf auch der tote Vierbeiner im Kofferraum wieder zum Leben erwacht und äußerst aggressiv, sodass ihn Traylor mit zwei Schüssen erneut niederstreckt. Vater und Sohn verbrennen die Fische und den Hund.

Lysol setzt Zombies als Abschreckung ein

Weitere beunruhigende und gewalthaltige Ereignisse führen zu der Erkenntnis: Ein unbekannter Erreger verwandelt Menschen und Tiere in blutrünstige Zombies, die „Z“ genannt werden (in der deutschen Synchro ungenau „Seds“ ausgesprochen). Es stellt sich heraus, dass Angehörige der indigenen Völker immun gegen die Ausbreitung der Seuche sind. Sechs Monate später haben die Bewohner des Reservats dieses zu einer Festung ausgebaut, um sich vor den Infizierten zu verbarrikadieren.

Sie rennen!

Zur Klarstellung: Bei diesen Zombies handelt es sich um infizierte Wüteriche, die nicht herumschlurfen, sondern rennen. Gleichwohl ist „Blood Quantum“ weniger Horror-Action als ein Horrordrama, das sich Zeit nimmt, seine Figuren und die Beziehungen zu charakterisieren. Auch das Ausmaß der Katastrophe im ersten Abschnitt des Films entwickelt sich bedächtig, die Spannungsschraube dreht sich langsam, aber stetig. Prologe, denen ein Zeitsprung folgt, dauern üblicherweise nur ein paar Minuten – hier vergeht mehr als eine halbe Stunde bis zur Einblendung „6 Monate später“. Ungewöhnlich, aber passend.

Traylor (M.) hat es nicht leicht mit Sohn Joseph (l.) und Stiefsohn Lysol

If they’re red they are dead, if they’re white they bite (Wenn sie rot sind, sind sie tot, wenn sie weiß sind, beißen sie) – so steht es am behelfsmäßigen Tor des Reservats geschrieben, vor dem sich ab und zu Hilfesuchende einfinden. Traylor hat die Führung über die Siedlung übernommen. Zwischen seinem Sohn Joseph (Forrest Goodluck) und seinem Stiefsohn Lysol (Kiowa Gordon) kommt es immer wieder zu Spannungen, weil Joseph Neuankömmlinge anbringt, während Lysol den Flüchtlingsstrom eindämmen will. Das darf mit Fug und Recht als Kommentar zur Debatte um Flüchtende und andere Immigranten interpretiert werden, und Traylor als moralische Instanz äußert es deutlich: Manchen Leuten in Red Crow passt das nicht, doch Überlebende können wir nicht hängen lassen. Starke Stellungnahme, die zeigt, dass auch Genrefilme gesellschaftsrelevante Themen aufgreifen können, ohne dass das aufgesetzt wirkt. Dafür lassen sich im Zombiefilm natürlich weitere Beispiele finden. Wie würden wir Weiße uns fühlen, wenn wir um Hilfe bittend irgendwo anklopfen und abgewiesen werden?

Ab dem wievielten Blutstropfen gehörst du dazu?

Zum Filmtitel: Die sogenannten Blood Quantum Laws definieren in den USA die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Volksgruppe der indigenen Völker Nordamerikas (Native Americans, also gebürtige Amerikaner). Kriterium ist dabei der Anteil an „full blood native americans“ unter dessen Vorfahren. Schon der mit „Blutmenge“ übersetzte Ausdruck Blood Quantum impliziert, dass er enorm kontrovers behaftet ist. Bei vielen der indigenen Völker („Stämme“) gehört er nicht zu den Zugehörigkeitskriterien. Mangels fundierter Kenntnisse meinerseits möge dies als kurze Erläuterung genügen.

Der Sheriff riskiert viel

Die weitgehend handgemachten Splatter- und Make-up-Effekte sind nicht von schlechten Eltern. Von der Kettensäge durch den Kopf bis zum durchtrennten Rumpf und dem Knabbern an Eingeweiden und einem Penis (!) ist vieles vertreten, was den Fan blutiger Details frohlocken lässt. Die FSK-18-Freigabe der ungeschnittenen Fassung erscheint völlig gerechtfertigt. Nun ist eine mit internen Problemen behaftete Schar verbarrikadierter Überlebender nicht mehr der allerletzte Schrei, war es schon bei „The Walking Dead“ nicht mehr. „Blood Quantum“ driftet aber trotz eines hohen Familiendrama-Anteils nie in Soap-Gefilde ab und setzt seinen Blick auf eine Gruppe des Crow-Volks stimmig ein. Die von einem zurückhaltenden Score passend untermalte ruhige Erzählweise behält Jeff Barnaby bis zum Ende bei, umso nachhaltiger wirken die heftigen Gewalt-Eruptionen.

Diversität bei Cast und Crew

Der erfahrene Traylor-Darsteller Michael Greyeyes ist bereits in der Serie „Fear the Walking Dead“ auf Zombies gestoßen. Weitere zentrale Figuren des Films werden von Schauspielerinnen und Schauspielern verkörpert, die wie er Angehörige eines nordamerikanischen indigenen Volks sind. Regisseur Jeff Barnaby gehört dem Volk der Mi’kmaq an, drehte den Film im Listuguj Mi’gmaq First Nation-Reservat in Québec, wo er geboren wurde und aufwuchs, sowie im Kahnawake-Reservat. Diversität bei Cast und Crew ist somit gewährleistet, sollte bei einer solchen Geschichte auch selbstverständlich sein.

Weltpremiere beim TIFF

„Blood Quantum“ feierte seine Weltpremiere im September 2019 in der „Midnight Madness“-Sektion des renommierten Toronto International Film Festivals (TIFF), ging im Anschluss auf große Festivaltour durch Nordamerika und Europa sowie Südkorea. Die Deutschlandpremiere erfolgte im Januar 2020 bei den „Fantasy Filmfest White Nights“. Da verwundert es etwas, dass bis heute überhaupt keine Festivalpreise herauskamen. In Verbindung mit der nur durchschnittlichen IMDb-Userwertung von 5,5 (Stand September 2020) ergibt das eine für mich überraschend moderate Rezeption.

Gisigu weiß sich zu wehren

Auf den Covern des Mediabooks sowie der Blu-ray und DVD zitiert Koch Films die Video-Rezension des Escapist Magazine deutlich enthusiastischer: Einer der besten Zombie-Filme des 21. Jahrhunderts. Wörtlich sagte der Rezensent: I Mean this movie kicks some ass! This movie’s one of the best zombie flips of the 21st century right up there with “Train to Busan”. Und etwas später: Definitely check this one out, one of the best films of the year! Auch den Gorehounds gab er Hoffnung: It’s also hell-bent on delivering top-tier no-bullshit blood splattering gut munching gore spewing chainsaw shotgun samurai saw battle-axe whatever the hell else is, they got horror mayhem, because who the hell decided you can’t do all of that at once. Das ist nicht übertrieben. „Blood Quantum“ vereint auf unprätentiöse Weise Drama und Tragik mit handfestem Horror und politisch-gesellschaftlichen Kommentaren. Ein Film, der im Gedächtnis bleibt.

Veröffentlichung: 24. September 2020 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Blood Quantum
KAN 2019
Regie: Jeff Barnaby
Drehbuch: Jeff Barnaby
Besetzung: Michael Greyeyes, Elle-Máijá Tailfeathers, Forrest Goodluck, Kiowa Gordon, Olivia Scriven, Stonehorse Lone Goeman, Brandon Oakes, William Belleau, Devery Jacobs, Gary Farmer, Kent McQuaid, Felicia Shulman
Zusatzmaterial: Making-of (13 Min.), „Midnight Madness“-Q&A mit den Machern (27 Min.) & „Midnight Madness“-Interviews (10 Min.) vom Toronto International Filmfestival, zensierter Original-Trailer, unzensierter Original-Trailer, Original-Teaser, deutscher Trailer, Trailershow, nur Mediabook: Booklet
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2020 Koch Films

 

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Horror für Halloween (I): Peninsula – Zurück auf die Halbinsel der Zombies

Train to Busan 2

Kinostart: 8. Oktober 2020

Traditionen wollen gepflegt werden, daher widmen wird uns bei „Die Nacht der lebenden Texte“ auf dem Weg zu Halloween 2020 einmal mehr dem filmischen Horror, hier ohnehin immer wieder gern genommen. Vom heutigen Herbstbeginn bis zum 31. Oktober werden einige meiner Autoren und ich euch wieder ausgesuchte Genrebeiträge vorstellen. Wir hoffen, dass alle dem Horrorgenre offen gegenüberstehenden Leserinnen und Leser auf die eine oder andere Neu- oder Wiederentdeckung stoßen. Vom großen Klassiker bis zum kleinen Geheimtipp wird die Bandbreite groß sein. In gewohnter Manier werde ich auch ein paar Gewinnspiele mit der einen oder anderen Preziose dazwischenschieben, ganz am Ende wird es womöglich wieder etwas üppiger.

Von Volker Schönenberger

Incheon ist verwüstet worden

Horror // Ob es aus Marketing-Sicht die richtige Entscheidung des deutschen Verleihs war, als Filmtitel „Peninsula“ zu wählen? Der Originaltitel „Train to Busan 2“ ist zwar auch nicht das Gelbe vom Ei, da überhaupt kein zweiter Zug nach Busan fährt; mit dem englischen Wort Peninsula – für Halbinsel – wird aber vermutlich eine nennenswerte Zahl an Kinogängerinnen und -gängern nichts anfangen können. Schon gut, ich weiß ja, dass „Peninsula“ auf der Koreanischen Halbinsel spielt – das tun allerdings viele koreanische Filme. Ebenso spielen viele italienische Filme auf einer Halbinsel.

Aber bevor ich mich in Nebensächlichkeiten verliere, lieber zum Film: Vier Jahre nach dem Ausbruch der Zombie-Invasion in Südkorea – siehe „Train to Busan“ (2016) – fristen der ehemalige Soldat Jung-seok (Gang Dong-won) und sein Schwager Chul-min (Kim Do-yoon) ein armseliges Dasein als Geflüchtete in Hongkong. Jung-seoks Schwester und ihr Sohn – Chul-mins Familie – waren auf dem Fluchtschiff gestorben, weil ein Infizierter die Seuche mit an Bord gebracht hatte. Ein Gangsterboss macht den beiden ein Angebot, das sie nicht ablehnen können: Mit zwei anderen sollen sie per Schiff nach Südkorea zurückkehren und dort einen Lkw finden, der eine große Ladung Banknoten enthält.

Jooni ist misstrauisch

Die Landung im Hafen von Incheon gelingt dem Quartett problemlos. Ein fahrtüchtiges Auto ist schnell gefunden, und der kleine Trupp setzt sich in Bewegung, um in der verwüsteten Stadt nach dem Lastwagen zu suchen. Im Dunkel der Nacht gelingt es den vieren, Begegnungen mit Untoten zu vermeiden. Der Lkw ist schnell gefunden, doch dann stellt sich heraus: Sie sind nicht allein. Die Miliz „Unit 631“ unter Captain Seo (Koo Gyo-hwan) und seinem brutalen Sergeant Hwang (Kim Min-Jae) beherrscht das Gebiet, wobei Hwang die Zügel mehr in der Hand hält als sein Vorgesetzter. Chul-min gerät in Gefangenschaft. Jung-seok findet sich unversehens im Auto der beiden minderjährigen Schwestern Jooni (Re Lee) und Yu Jin (Lee Ye-won) wieder. Weil die ältere Jooni einen heißen Reifen fährt, gelingt ihnen die Flucht.

Gleiches Inferno, neue Protagonisten

„Train to Busan“ war 2016 ein echtes Horror-Highlight im Zombie- oder Infiziertengenre und gewann dem arg ausgelutschten Untoten-Genre ein paar neue Facetten ab. Regisseur Yeon Sang-ho lieferte im selben Jahr gleich ein sehenswertes Anime-Prequel hinterher: „Seoul Station“. Bei der Fortsetzung „Peninsula“ setzte er sich ebenfalls auf den Regiestuhl. Es gibt allerdings kein Wiedersehen mit Figuren aus dem Erstling, die Handlung folgt neuen Personen, spielt aber im selben Universum.

Lasset die Spiele beginnen!

Herausgekommen ist ein enorm tempo- und actionreicher Zombie-Reißer. Die Frage, ob er dem Vorgänger das Wasser reichen oder ihn gar übertreffen kann, lässt sich allerdings deutlich verneinen. „Train to Busan“ behandelte anhand einer zufällig zusammengewürfelten Gruppe von ums Überleben kämpfenden Menschen durchaus auch gesellschaftliche Fragen, das Prequel „Seoul Station“ wartete gar mit ganz offenkundiger Systemkritik auf. „Peninsula“ hingegen setzt fast ausschließlich auf die Actionkarte. Emotional und tiefgründig wird es lediglich ein wenig im individualmoralischen Feld, doch dazu später mehr.

Grüße an „Mad Max“

Hatte „Train to Busan“ noch eine Handschrift, die die südkoreanische Produktion von Hollywood abgrenzte, so bedient sich „Peninsula“ dafür umso mehr der Versatzstücke des westlichen Kinos. Mehrfach kommt es zu rasanten Auto-Verfolgungsjagden, die teilweise etwas unübersichtlich geraten und bei denen trotz Dunkelheit allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit (eines Unfalls) getrotzt wird. Speziell zum Finale erinnert das gerade mit den aufgemotzten Fahrzeugen der Verfolger sehr an die „Mad Max “-Filme – zugegeben australische Produktionen, aber doch dem westlichen Actionkino zuzurechnen. Das ist rasant und eine Weile packend, jedoch hätte jede Verfolgungsjagd eine Winzigkeit kürzer inszeniert werden können, weil es irgendwann repetitiv wirkt, wenn noch eine Kurve und noch eine Kurve mit gekonntem Drift-Manöver genommen wird. Dass dabei reihenweise Infizierte über den Haufen gefahren werden, versteht sich von selbst.

Chul-min muss ums Überleben kämpfen

Im befestigten Areal der Unit 631 lässt Sergeant Hwang Gefangene in eine Arena treiben, um dort zwei Minuten lang Infizierte auf sie zu hetzen – es darf gewettet werden, wer überlebt. Derlei Lustbarkeiten in endzeitlichen Szenarien kennen wir nicht erst seit „The Walking Dead“ (im vom „Governor“ beherrschten Woodbury), auch „Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ hatte sie schon 1985 zu bieten („Zwei Mann geh’n rein, ein Mann geht raus!“). Sie beruhen letztlich alle auf dem „Panem et circenses“-Prinzip der alten Römer, nach welchem man den Pöbel mit Brot und Spielen ruhigstellen kann.

Infizierte Raserei oder untotes Phlegma?

Immerhin originell: Bei den Untoten greift der Regisseur die alte Debatte „schlurfende Zombies vs. rasende Infizierte“ auf, indem er einfach beides zeigt. Die Tendenz geht zur Hochgeschwindigkeit, weil der Fokus ja auf Action liegt, gleichwohl bekommen wir auch die tranigen Zombies zu sehen. Völlig außer Acht lässt der Film die nahe liegende Frage, wovon sich die Untoten in den vier Jahren seit der Ereignisse von „Train to Busan“ ernährt haben. Aber zugegeben: In puncto Ernährungs- und Verdauungsfragen der Zombies gibt es kaum Filme, die dem Rechnung tragen oder dies überhaupt thematisieren. Im Zombiegenre muss man bezüglich Logiklöchern einige Augen zudrücken, so auch hier. Ich kann das, will aber als Rezensent darauf hingewiesen haben.

Wer will schon mit diesen Gesellen in die Arena steigen?

Im koreanischen Kino muss immer mit einer gehörigen Portion Pathos gerechnet werden. Gibt es überhaupt koreanische Kriegsdramen, die ohne auskommen? Auch das Horrorgenre macht davor nicht Halt. Schon bei „Train to Busan“ war das zu beobachten, hielt sich aber im Rahmen. „Peninsula“ legt davon eine ganze Schippe drauf, damit muss man umgehen können. Wenn geliebte Menschen sterben oder dem Tode nah sind, werden ihre Nächsten natürlich von Gefühlen überwältigt. Das ist schon verständlich, bekommt hier aber in ein paar Fällen etwas zu viel Raum – und der ist dann noch mit dem erwartbaren getragenen Score untermalt. Ganz dicke kommt es gegen Ende, wenn ein Aufopferungsmotiv und ein Schuld-und-Sühne-Komplex aufeinanderprallen und enorm lange offen bleibt, ob beide Figuren überleben oder draufgehen – oder nur eine der beiden.

Der frische Wind hat sich verzogen

„Train to Busan“ brachte 2016 enorm frischen Wind ins Zombiegenre. Damit kann bei einem Sequel kaum gerechnet werden, von daher will ich auch gar nicht einer Enttäuschung das Wort reden. „Peninsula“ hat gute Produktionswerte und lässt Langeweile gar nicht erst aufkommen, was mehr ist, als man vom Gros der Untoten-Schocker heutiger Tage behaupten kann. Wer die Fortsetzung als wenig innovativen Action-Reißer akzeptiert, kann sie mit Genuss schauen, und diesen Genuss habe ich während der Pressevorführung des Films auch verspürt.

Hauptsache Sergeant Hwang hat seinen Spaß

Wenn es nach Regisseur Yeon Sang-ho geht, ist nach drei Teilen noch lange nicht Schluss, wie er im August 2020 verkündete. Da es viele andere Überlebende auf der Halbinsel gebe, würde er gern die Geschichte auch dieser Menschen erzählen, auch wenn er selbst nicht unbedingt Regie führen würde. Gerüchteweise ist wie bei „Train to Busan“ auch ein Anime-Prequel in Vorbereitung. Lassen wir uns überraschen!

Jung-seok will seinen Schwager retten

Länge: 116 Min.
Altersfreigabe: FSK noch nicht bekannt
Originaltitel: Train to Busan 2
KOR 2020
Regie: Yeon Sang-ho
Drehbuch: Park Joo-Suk, Yeon Sang-ho
Besetzung: Gang Dong-won, Lee Jung-hyun, Re Lee, Kwon Hae-hyo, Kim Min-Jae, Koo Gyo-hwan, Kim Do-yoon, Lee Ye-won, Daniel Joey Albright, Bella Rahim
Verleih: Splendid Film GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2020 Splendid Film GmbH

 

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Vetala – Untote in indischer Netflix-Serie

Betaal

Von Volker Schönenberger

Horror-Miniserie // In der indischen Mythologie bezeichnet Vetala oder Betaal einen Wiedergänger, also einen aus dem Jenseits zurückgekehrten Toten, einen wiederbelebten Leichnam. Das erinnert natürlich nicht zuletzt an die guten alten Zombies. Mit der gleichnamigen vierteiligen indischen Miniserie erhält das arg überstrapazierte Untotengenre eine reizvolle neue Facette.

Lasst den Tunnel zu!

Zu Beginn der ersten Folge bekommen wir per Texteinblendung den letzten Eintrag des Tagebuchs von Colonel Lynedoch (Richard Dillane) zu lesen, der vom 17. Juni 1857 datiert: We came to help these people. But they resist. The mutiny has reached us. How dare they? I will use their own guardians against them. I will harness the Betaal’s curse, and grind these savages into the dirt … It seems there are rebels in the tunnel. I must go … Der britische Kolonial-Offizier beklagt sich also darüber, dass die Menschen, denen er helfen wollte, Widerstand leisten. Der Aufstand sei nah, nun werde er gegen die Rebellen ihre eigenen Wächter einsetzen, den Fluch Betaals entfachen und die Wilden zu Staub zermalmen. Anscheinend haben sich Rebellen im Tunnel verschanzt.

Der indische Aufstand von 1857

Eine etwas später gezeigte Gedenktafel verrät, dass Lynedoch der „90th Taunton Volunteers“ der East India Company angehörte, die während des Indischen Aufstands von 1857 spurlos verschwand. Im Hier und Heute Zentralindiens will das Bauunternehmen Surya Development erwähnten Tunnel für eine bedeutsame Verkehrstrasse erschließen. Doch das unbeugsame Dorf Nilja leistet Widerstand, wehrt sich nach Kräften gegen das Projekt. Die Zeit drängt, weil sich der Ministerpräsident persönlich zur Einweihung angekündigt hat. Ajay Mudhalvan (Jitendra Joshi), leitender Angestellter des Konzerns, gerät unter Druck und beauftragt die von Kommandantin Tyagi (Suchitra Pillai) geleitete „Baaz Squad“ der Polizeieinheit CIPD mit der Räumung von Dorf und Tunnel.

Die Baaz Squad eröffnet das Feuer

Das CIPD steht gerade unter besonderer Beobachtung, weil ein vorangegangener Einsatz der Baaz Squad zu Toten geführt hatte. Der Spezialeinheit wird brutales Vorgehen und sogar Mord vorgeworfen. Tyagi kennt dann auch diesmal keine Gnade und befiehlt ihrem Unteroffizier Vikram Sirohi (Viineet Kumar) sogar, das Feuer auf die Dörfler zu eröffnen, die den Eingang des verbarrikadierten Tunnels blockieren. Weil Sirohi zögert, lässt Mudhalvan einen eigens zu diesem Zweck vorbereiteten Sprengsatz detonieren, um die Eskalation herbeizuführen. Das gelingt, und nach kurzem Feuergefecht dringt die Baaz Squad in den Tunnel vor. Dort erwartet die Einsatzkräfte eine unheimliche Begegnung der mörderischen Art. Doch es sind nicht die erwarteten maoistischen Naxaliten-Rebellen, die sich dort verschanzt haben – Tote erheben sich …

Systemkritik und koloniales Erbe

Sowohl Kapitalismuskritik als auch Anspielungen auf die Kolonialgeschichte Indiens in Zombie-, Verzeihung: Vetala-Horror zu verpacken – Respekt! Allein damit hat es sich „Vetala“ bereits verdient, ein großes internationales Publikum zu erreichen. Der Widerstand der Dörfler gegen die Umsiedlung ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Geld regiert eben auch in Indien die Welt, ein paar Tote sind als Kollateralschäden zu verschmerzen. Das bekommt in der ersten Episode „Der Tunnel“ breiten Raum. Speziell Ajay Mudhalvan erweist sich als besonders skrupelloses Exemplar der kapitalistischen Gattung.

Little Drummer Boy schlägt den tödlichen Takt

In der zweiten Folge „Die Baracken“ verbarrikadieren sich die Baaz Squad und einige andere Überlebende in einer alten Kaserne der Briten und harren der Dinge, die da kommen. Die Zombies, so wir die Wiedergänger denn so nennen dürfen, schlurfen nicht langsam in Verwesung begriffen wie bei George A. Romero, sie sind schnell – sehr schnell. Ab und zu marschieren sie auch recht diszipliniert, der militär-kolonialen Vergangenheit des britischen Empires geschuldet. Und ein untoter Soldat schlägt die Trommel dazu. Kostümierung und Szenenbild haben mir gut gefallen, in den alten Militär-Räumlichkeiten der Briten haben mich einige Sets sogar ein wenig an das Videospiel und dessen Verfilmung „Silent Hill“ erinnert. Das bringt Atmosphäre, und für Hochspannung ist jederzeit gesorgt.

Shah Rukh Khan und Blumhouse

„Vetala“ ist ein Projekt von Red Chillies Entertainment, der Produktionsfirma, die der indische Superstar Shah Rukh Khan und seine Ehefrau Gauri Khan 2003 gegründet haben. Vermutlich mangels eigener Horror-Erfahrung, holte man sich diese in Gestalt von Blumhouse Productions hinzu, seit der Jahrtausendwende mit etlichen Genrewerken erfolgreich, darunter die Reihen „Paranormal Activity“, „The Purge“ und „Insidious“. Auch bei Jordan Peeles außergewöhnlichem Rassismus-Horrortrip „Get Out“, Spike Lees Ku-Klux-Klan-Drama „BlacKkKlansman“ und M. Night Shyamalans Mystery-Thriller „Glass“ handelt es sich um Blumhouse-Produktionen. Das Unternehmen war 2018 auch an der Entstehung von „Ghul“ beteiligt, der ersten Horror-Miniserie von „Vetala“-Schöpfer Patrick Graham, die bislang ebenfalls exklusiv bei Netflix zu sehen ist. Der nicht gerade indische Name fällt auf, und in der Tat handelt es sich bei Graham um einen Briten, der in Mumbai arbeitet. Seiner IMDb-Biografie zufolge ist er einer der wenigen westlichen Autoren und Regisseure, die in der indischen Filmindustrie tätig sind.

Gegen die Untoten muss schon …

„Vetala“ ist bislang nicht deutsch synchronisiert worden und kann in englischer Tonspur mit beispielsweise deutschen oder englischen Untertiteln geschaut werden. Ich empfehle aus atmosphärischen Gründen die Original-Fassung in Hindi mit zahlreichen englischen Einschüben. Das koloniale Erbe Indiens erwacht mit „Vetala“ auf clevere Weise zu neuem, untotem Leben. Die üblichen Zombies herkömmlicher Machart bringen mittlerweile kaum noch neue Impulse, da lohnt der Blick auf dem südasiatischen Subkontinent umso mehr.

Lucio Fulci lässt grüßen

Ganz am Ende der letzten Episode „Der Oberst“ gönnt sich „Vetala“ eine schöne Hommage an Lucio Fulcis „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ (1979) auch unter den Titeln „Zombi 2“ und „Zombie Flesh Eaters“ bekannt. Zombies in Indien hat es im Übrigen bereits 2014 in „The Dead 2“ gegeben, dabei handelt es sich aber nicht um eine indische Produktion, sondern um eine britische. Sogar eine Fortsetzung von „Vetala“ erscheint möglich, wenn auch nicht unbedingt wahrscheinlich. So oder so kann es jedenfalls mit indischem Horror gern weitergehen.

Die vier Episoden:

Der Tunnel (The Tunnel, 45:44)
Die Baracken (The Barracks, 49:47)
Der Kampf (The Battle, 46:57)
Der Oberst (The Colonel, 45:33)

… großes Kaliber aufgefahren werden

Veröffentlichung: 24. Mai 2020 bei Netflix

Länge: 188 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Hindi (mit Englisch), Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Hindi, Französisch, Russisch
Originaltitel: Betaal
IND 2020
Regie: Patrick Graham, Nikhil Mahajan
Drehbuch: Patrick Graham, Adhir Bhat, Suhani Kanwar
Besetzung: Viineet Kumar, Aahana Kumra, Suchitra Pillai, Jatin Goswami, Siddharth Menon, Manjiri Pupala, Jitendra Joshi, Syna Anand, Meenal Kapoor, Ankur Vikal, Richard Dillane
Streaming-Plattform: Netflix

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Plakate & Trailer: © 2020 Netflix

 
 

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