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Bearkittens – Delinquentinnen im Wald

Bearkittens

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Weil sie kinderpornografisches Material auf den Computer ihres Mathelehrers geladen hat, muss die 17-jährige Alicia (Viginia Roncalli) Sozialstunden ableisten. Die 23-jährige Alexandra (Sara Mahle) hat gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen und dieselbe Strafe aufgebrummt bekommen: Gemeinsam mit einigen anderen Delinquentinnen ihrer Altersgruppe sollten sie im Wald Müll sammeln. Dabei kam es offenbar zu einem gewaltsamen Todesfall, denn es geht ja jetzt schließlich um Mord, oder nicht? So erfahren wir es im Prolog, in welchem sich die Damen allesamt vorstellen – eine Verhörsituation, so viel wird deutlich.

Wie wird man die Sozialarbeiterin los?

Mit dem nun einsetzenden Vorspann beginnt die Story von „Bearkittens“: Der nur etwas älteren Sozialarbeiterin Petra (Stefanie Borbe) kommt die schwierige Aufgabe zu, die Gruppe bei ihrem Trip in den Wald zu betreuen. Vorher muss sie sich noch von ihrer Vorgesetzten eine Predigt anhören, weil sie sich verspätet hat. Stilecht mit Klampfe bewaffnet, versucht Petra, ihre sieben Schützlinge mit ihrem Enthusiasmus anzustecken – der Erfolg bleibt erwartungsgemäß aus. Die straffälligen jungen Frauen machen lieber ihr eigenes Ding. So pirscht etwa Svenja (Hannah Bortz) lieber allein durch den Wald, begegnet dabei dem etwas verklemmten Naturfreund Max (William Schmidt), der wild campt. Gegen Abend wollen die Damen ungestört Party machen. Doch wie stellt man die Sozialarbeiterin kalt? Ein paar ihr untergejubelte Schlaftabletten sollen dazu beitragen, dass Petra zügig einschlummert.

Lästige Aufgabe: Müllsammeln im Wald

Die Indie-Komödie „Bearkittens“ entstand als Abschlussarbeit eines Seminars für Filmschauspiel an der Schauspielschule Bühnenstudio Hamburg. Dozent Lars Kokemüller alias Lars Henriks zeichnete dabei für Drehbuch und Regie verantwortlich, seine Partnerin Nisan Arikan war für die Produktion und den Schnitt zuständig. Die neun Hauptrollen übernahmen natürlich acht Studentinnen und ein Student des Seminars. Es mangelt somit an darstellerischer Erfahrung, die Leistungen schwanken erwartungsgemäß, was für Mimik und Gestik auf der einen und Dialoge auf der anderen Seite gleichermaßen gilt. Mangelnde Routine gleicht die Besetzung aber durch Engagement und Spielfreude aus, und als Ensemble harmonieren alle gut miteinander – das wird besonders in ein paar Einstellungen deutlich, in denen alle gemeinsam im Bild sind. Einiges wirkt wie Overacting, womöglich war eine gewisse Überzogenheit aber auch gewollt.

Einsatz von Rückblenden

Der Score gerät stimmig, auch die Kameraführung hält professionelles Niveau, sie hätte vielleicht etwas mehr Dynamik vertragen. Gelegentlich bricht die Chronologie der Story mit Rückblenden zu Ereignissen aus dem Leben ein paar der jungen Damen auf. Danach ahnen wir, wie sie zu den problembehafteten jungen Ladys geworden sind, die sie sind. Das kostet ein wenig Tempo und hat mir keine nachhaltigen Erkenntnisse gebracht. Eine kurze Splatter-Sequenz hat mich verwundert zurückgelassen.

Schubladensuche

Etwas schwer fällt es, „Bearkittens“ einem Genre zuzuordnen, was beileibe nicht als Makel anzusehen ist. Aufgrund seiner dramatischen Elemente und dem – auch schwarzem – Humor erscheint mir Tragikomödie als passend. Wer sich selbst davon ein Bild machen will, kann dies bei Amazon Prime tun. In den USA ist „Bearkittens“ sogar auf Blu-ray erschienen. Zwar nur ein kleines Label und eine auf 50 Exemplare limitierte Auflage, dennoch bemerkenswert, dass eine deutsche Independent-Hochschul-Produktion es über den großen Teich schafft.

In Maine prämiert

Beim auf Indies spezialisierten Sanford International Film Festival im US-Staat Maine wurde „Bearkittens“ 2018 mit dem Tommy Award für den besten Spielfilm und dem Preis fürs beste Ensemble geehrt. Bis zum Goldenen Bären oder der Goldenen Palme ist es noch ein weiter Weg, aber einen Anfang haben Lars Henriks und sein gesamtes Team gemacht.

Da gibt es angenehmere Beschäftigungen

Veröffentlichung: 14. März 2020 bei Amazon Prime
Veröffentlichung (USA): 14. April 2020 als Blu-ray (Start der Vorbestellbarkeit)

Länge: 71 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel:
Originaltitel: Bearkittens
D 2018
Regie: Lars Henriks
Drehbuch: Nisan Arikan, Lars Henriks
Besetzung: Stefanie Borbe, Hannah Bortz, Lisa Eschenbrenner, Maren Kraus, Sara Mahle, Virginia Roncalli, William Schmidt, Lorina Seipp, Kionia Winter, Laetitia Au, Robin Guillaud Bongarts, Ulrich Gall, Hanna Goossens, Ev Meinardus, Alena Oellerich, Claudia Reimer, Lennart Wollmershäuser, Anna Koslowski
Zusatzmaterial:
Produktion: Bühnenstudio Hamburg / Obsessive Filmemakers

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Filmplakat & Trailer: © 2018 Obsessive Filmmakers

 

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Gewinnspiel: 2 x Weakness of a Sick Mind auf DVD

Verlosung

Aus dem fränkischen Film-Underground kommt das Psychodrama „Weakness of a Sick Mind“ von Dominik Heit zu uns. Das Label Dirt ’n Dust Films in Gestalt von Produzent, Drehbuchautor, Regisseur, Kameramann, Cutter und Hauptdarsteller Dominik Heit hat uns davon zwei DVDs zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür vielen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen oder Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu meiner Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 14. Juni 2020, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle nach Start des Gewinnspiels veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Das „nach Start“ erwähne ich, weil sich aufgrund eines vorherigen Gewinnspiels unter der Rezension bereits Antworten finden. Wer seinerzeit bereits kommentiert hat und erneut teilnehmen will, muss also erneut kommentieren, kann dies aber natürlich mit einer identischen Antwort. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Ich benötige obendrein die Zusage, dass die Sendung nicht von Minderjährigen entgegengenommen werden kann. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die DVD. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Die beiden DVDs gehen an

– Robert Jost,
– Seb.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Weakness of a Sick Mind“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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Das Wundern des jungen Ulysses – In der Wohnung des Selbstmörders

Von Volker Schönenberger

Kurzfilm-Doku-Drama // Eine stinknormale Wohnung in irgendeinem Ort – eine beiläufig eingeblendete Restaurantrechnung und ein Kinoticket bieten die Möglichkeit an, dass wir uns in Hamburg befinden, aber von großer Bedeutung ist das wohl nicht. Auf dem Sofa stapeln sich einige Bücher und Aktenordner, der Läufer auf dem Fußboden des Wohnzimmers ist verrutscht und verdreckt, auf dem Sessel liegt ein langes Küchenmesser. Bei näherem Hinsehen offenbart sich weiterer Schmutz. An den Wänden finden sich etliche Ölbilder (oder sind’s Aquarelle?) von Kindern und Jugendlichen, viele der jungen Menschen sind nur leicht bekleidet oder ganz nackt. Auch Raffaels Engel aus dessen Gemälde „Sixtinische Madonna“ finden sich hier gerahmt wieder.

Der Blick der Kamera fällt auf einen kräftigen Haken an der Decke, ein aufgeschlagenes enzyklopädisches Buch über Forensik zeigt ein Kapitel über Strangulation und Erhängen. Eine mit Gummihandschuh geschützte Hand blättert in selbstgezeichneten Comicheften, in welchen ebenfalls junge Menschen abgebildet sind. Einer der Titel: „Das Wundern des jungen Ulysses“.

Keine einzige Dialogzeile ist während der gut 17 Minuten zu hören, die der kunstvolle Kurzfilm „Das Wundern des Ulysses“ des Flensburgers René Wiesner dauert. Mit schwermütigen, monotonen Klängen des Komponisten Stephan Ortlepp untermalt, scheint sich trotz hellen Tageslichts, das in die Wohnung einfällt, ein düsteres Bild einer gequälten Seele zu skizzieren. Kein Konsum für nebenbei, aber aufgrund der kurzen Dauer gut unmittelbar wiederholt zu schauen, was ich auch getan habe.

Trotzdem wären mir einige Fragen offen geblieben, hätte ich nicht im Netz einiges nachlesen können, so etwa in einem englischsprachigen Interview mit René Wiesner, dessen Lektüre ich aber ebenso für nach der Sichtung des Kurzfilms empfehle wie das Lesen des folgenden Absatzes, weil „Das Wundern des jungen Ulysses“ seine Wirkung der Rätselhaftigkeit nur dann entfaltet, wenn man zuvor wenig über die Entstehung weiß. Der Versuch des Enträtselns der von Wiesner gedrehten Aufnahmen ist kein Versuch mehr, wenn man weiß, wohin die Reise geht oder gegangen ist. Andere Rezensionen, die ich bislang im Netz gefunden habe, verraten ohne Warnung leider zu viel.

Spoilerwarnung für den folgenden Absatz

„Das Wundern des jungen Ulysses“ entstand nur zufällig. Wiesner, den das Thema Tod seit jeher umtreibt, erfuhr von einer Wohnung, in der sich der Mieter erhängt hatte. Er kontaktierte den Vermieter und erhielt Gelegenheit, darin zu drehen. Alle Aufnahmen sind daher dokumentarisch. Selbstverständlich war der Leichnam längst abtransportiert, auch ergeben sich zumindest für mich keine Hinweise auf Identität des Toten oder seiner Familie. Das oben verlinkte Interview enthüllt weitere Details, aber ich will nicht alles abschreiben, also belassen wir es dabei. Die im Film gezeigten Comicseiten und ihre Textbestandteile bestätigen jedenfalls einen Verdacht, der sich zuvor langsam aufgebaut hatte: Sexueller Missbrauch ist das Thema, welches den Bewohner oder die Bewohnerin des Appartements umgetrieben hat. War die Person Täter oder Opfer? Oder beides?

Ab hier geht es wieder spoilerfrei weiter

„Das Wundern des jungen Ulysses“ entzieht sich einer Einordnung. Es ist kein Spielfilm, die Bezeichnung Dokumentarfilm scheint mir aber auch nicht ganz passend. Mangels besserer Ideen habe ich mich für Doku-Drama entschieden, im Wissen, dass damit oft andere Formate gemeint sind. Jedenfalls pfeift Wiesner auf Konventionen herkömmlichen Filmemachens, ihm geht es um authentische Impressionen von Tod und Todesnähe, ein Thema, das sich durch sein gesamtes Wirken als Underground-Kurzfilmer zieht, so auch in seinem zehnminütigen „Ossarium“ zu bemerken. Das ist sicher nichts für ein Publikum, das nur herkömmliche Filmformate schauen will, bietet aufgeschlossenenen Konsumenten aber die Chance auf völlig neue Filmerlebnisse, erst recht, wenn sie Wiesners Faszination vom Tod teilen.

Das US-Underground-Label Putrid Productions hat „Das Wundern des jungen Ulysses“ auf einer auf 150 Exemplare limitierten DVD mit dem Titel „René Wiesner’s Pulp Films“ veröffentlicht. Sie enthält zusätzlich Wiesners viertelstündigen „Addio Uomo – The Last Road of Man“ sowie dessen von Magnus Blomdahl verantwortete Fassung „Addio Uomo – The Blomdahl Cut“ (6:51 Min.), den Neunminüter „Todessehnsucht“ und den zehnminütigen „Ossarium“ (alle von 2018). Die DVD kann im Online-Shop von Putrid geordert werden, für deutsche Kunden wird das angesichts der Versandkosten allerdings vergleichsweise teuer. Ob und wann auch eine deutsche DVD erscheint, ist offen. Unklar ist ebenfalls, ob Wiesner selbst ausreichend Exemplare zur Verfügung gestellt bekommt, um einzelne Interessenten in Deutschland zu versorgen. Der Underground-Filmemacher kann beispielsweise über Facebook kontaktiert werden. „Das Wundern des jungen Ulysses“ ist mal wieder etwas ganz anderes und allein schon deshalb einen Blick wert.

Das Wundern des jungen Ulysses

Veröffentlichung (USA): 19. April 2020 als DVD als Teil der Kollektion „René Wiesner’s Pulp Films“ (Vile Video Productions DVD #1)

Länge: 17:09 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: entfällt
Untertitel: keine
Originaltitel: Das Wundern des jungen Ulysses
D 2019
Regie, Drehbuch, Produktion, Kamera, Schnitt: René Wiesner
Besetzung: entfällt
Zusatzmaterial: Trailer „Mondo Siam“
Produktion: RW Films
Label/Vertrieb: Putrid Productions

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Plakat: © 2020 RW Films (René Wiesner), Trailer & DVD-Cover: © 2020 Putrid Productions

 

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