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The Ghost Ship – Hier regiert nur einer, der Captain und sonst keiner!

The Ghost Ship

Von Ansgar Skulme

Mysterythriller // Der junge Marine-Offizier Tom Merriam (Russell Wade) wurde von Kapitän Will Stone (Richard Dix) ausgewählt, um die Crew auf dem von ihm kommandierten Schiff zu verstärken. Stone wägt sich in Sicherheit, gegenüber Merriam eine väterlich-dominante, freundlich, aber bestimmt diktierende Rolle einnehmen zu können. Tief in diesem Kapitän ist der feste Glaube daran verwurzelt, dass alle Menschen an Bord die ihnen von ihm zugedachte Rolle erfüllen müssen. Wer davon abweicht, muss mit gravierenden Konsequenzen rechnen – mit möglicherweise sogar lebensbeendenden Folgen. Auf dem Schiff gelten Stones Regeln, als sei es gewissermaßen sein eigener, schwimmender Staat, denn auf hoher See kann man schnell einmal den Bezug zur Außenwelt und den Boden unter den Füßen verlieren. Merriam hat nicht die Absicht, diese Form der Leitkultur zu unterstützen, muss jedoch der Realität ins Auge sehen, dass man auf See wiederum auch schlecht einfach so davonlaufen kann, wenn sich der Kapitän gegen ihn stellen sollte und die Mehrheit an Bord weiterhin gespenstisch schweigt.

RKO wird zu den fünf größten Studios des klassischen Hollywoods gezählt, da es, ebenso wie Paramount, MGM, Fox und Warner, die Voraussetzungen erfüllte, den Markt zu kontrollieren – insbesondere durch eigene Filmtheater. Selbst Universal, Columbia und Disney galten damals, im Vergleich zu den besagten „Big Five“ beziehungsweise „Major-Studios“, noch als klein. Auch die Großen klotzten allerdings nicht nur, sondern verfügten zusätzlich über eine Art von „Low-Budget-Abteilung“, da man allein mit teuren, aber eben auch zeitaufwendigen Projekten den Markt nicht genug hätte füttern können. Kostengünstige Filme trugen einerseits dazu bei, dass die marktführenden Studios auch in der Breite gut in den Kinoprogrammen aufgestellt waren, andererseits konnten somit auch Genres und Publikumsgruppen erreicht werden, die gar nicht nach besonders viel Glanz und Gloria verlangten. Man wilderte also gewissermaßen im Revier der Studios, die günstige Filme produzierten, weil sie sich viel mehr nicht oder nur selten leisten konnten, und adaptierte ein Stück weit deren Ästhetik aus derartigen Produktionen – einschließlich gegebenenfalls recht kurzer Laufzeiten. Es mag ja beispielsweise Menschen geben und auch damals schon gegeben haben, die sich ungern länger als 70 Minuten in ein Kino setzen – und in 70 Minuten lassen sich nun einmal auch bestimmte Genre-Formen besser erzählen als andere.

Mach da mal einen Film draus …

Die neun der von Val Lewton für RKO produzierten, von 1942 bis 1946 veröffentlichten Filme, die von vielen Kritikern dem Horrorbereich zugerechnet werden, kann man sicherlich als eine der berühmtesten Reihen bezeichnen, die im Low-Budget-Sektor eines der fünf großen Studios im klassischen Hollywood-Tonfilm realisiert worden sind. Ein Auslöser für die Mission, die Lewton damit erfüllte, dürfte gewesen sein, dass mit Universal bereits seit 1931 ein kleineres Studio den Horrorfilm-Sektor dominierte. Man dürfte sich auch bei RKO die Frage gestellt haben, warum man diesen Kuchen weiterhin freiwillig einem kleineren Konkurrenten überlassen sollte. Der Horrorfilm mochte als Genre zwar reißerisch sein, das war der Western allerdings auch. Kein Grund also, des sogenannten „Anspruchs“ wegen oder aus Angst vor dem theoretisch denkbaren Verlust des Teils des Publikums, der kleine spannungsgeladene Filmchen (heute würde man oft einfach sagen: Trash) verabscheute, einfach so auf das Geldverdienen mit Produktionen dieser Güteklasse zu verzichten. Paramount, MGM, Fox und Warner wagten im Laufe der 30er und 40er auch einzelne Versuche im Horror-Bereich, doch hierbei handelt es sich eher um so etwas wie Einzelstücke, allerdings meist zweifellos sehr ansehnliche, mit nicht immer sonderlich niedrigem Budget. RKO wollte offensichtlich mehr und nutzte in den frühen 40er-Jahren gemeinsam mit Val Lewton die Gunst der Stunde – denn selbst bei Universal erschöpfte sich der Horror-Bereich so langsam in vor allem immer mehr Sequels für die Dracula-, Frankenstein- und Wolfsmensch-Reihen.

Dass „The Ghost Ship“ ein Low-Budget-Film ist, erkennt man unschwer beispielsweise daran, dass der Anlass für die Handlung letztlich ein bereits bestehendes Filmset gewesen ist. Eine klassische Entstehungsgeschichte im Hinblick auf kostengünstige Produktionen: zunächst die Absicht, ein teures Set einfach noch einmal auszuwerten, dann ein dazu passendes Drehbuch, dazu ein bereits beim Studio unter Vertrag stehender Hauptdarsteller (hier: Richard Dix). Für „Pacific Liner“ (1939) hatte RKO kostenintensiv ein Schiffsset bauen lassen, das Jahre später immer noch warmgehalten wurde. Passend zum Schiff sollte nun eine Geschichte entstehen, die als fünfter Teil gut auf den Weg passte, den Lewton zuvor mit „Katzenmenschen“ (1942), „Ich folgte einem Zombie“ (1943), „The Leopard Man“ (1943) und „The Seventh Victim“ (1943) eingeschlagen hatte. Daraus wurde: „The Ghost Ship“.

Auf falschen Fährten

Ein Kuriosum der Val-Lewton-Horrorfilmreihe ist, dass man sich zumindest bei manchen der Filme absolut darum streiten kann, inwiefern sie überhaupt Kriterien erfüllen, die sie zu einem Horrorfilm machen. Das gilt für „The Seventh Victim“, und für „The Ghost Ship“ sogar noch mehr. Die Tatsache allein, dass der Film mit dem Wort „Geisterschiff“ im Titel ködert, ein solches im engeren Sinne dann aber gar nicht liefert, kann sicherlich nicht als entscheidendes Argument gelten. Im strengeren Sinn wird der Horrorfilm aber durchaus oft so definiert, dass er im Gegensatz zu beispielsweise dem Thriller übernatürliche Elemente oder Elemente, die es in der Realität (wahrscheinlich) gar nicht gibt, enthält – wenn auch möglicherweise nur in Form einer einzelnen Figur, wie zum Beispiel eines Vampirs, eines Zombies oder eines Werwolfs. Diese Definition ist auf „The Ghost Ship“ aus meiner Sicht jedoch nicht anwendbar.

Ich kann mich zudem absolut mit der erweiterten Definition für Horrorfilme anfreunden, dass man sicherlich auch gruselige Filme, die atmosphärisch eine Stimmung des „blanken Horrors“ erzeugen, als Horrorfilm zählen kann, wenn nicht sogar sollte, auch wenn die Übeltäter einfach nur ganz „normale“, wenngleich verrückte Menschen sind, insofern diese Filme um einiges abgründiger in Szene gesetzt sind als das, was man durchschnittlich von einem Thriller erwarten darf. Dieser Kategorie gehört zweifellos auch mehr als einer der „Horrorfilme“ an, die ich bereits bei „Die Nacht der lebenden Texte“ besprochen habe und die meiner Autoren-Seite hier im Blog zu entnehmen sind.

Was „The Ghost Ship“ angeht, behaupte ich allerdings, dass er der letztgenannten Definition ebenfalls nicht zugeordnet werden kann, da hier, auch für damalige Verhältnisse, selbst mit verstörend wirkenden Grusel-Elementen kaum gearbeitet worden ist. Der Captain des Schiffs mag in seinem wirren Kopf sicherlich einen sonderbaren Film schieben und zunehmend neben der Spur unterwegs sein, jedoch äußerst sich dies bei Licht betrachtet kaum explizit in Mimik und Gestik. Er wirkt sogar im Vergleich zu beispielsweise einem Serienmörder, wie man ihn aus diversen klassischen Krimis und Thrillern kennt, relativ harmlos. Das Auftreten des sicher recht gruselig aussehenden Skelton Knaggs in einer Nebenrolle, der hier mit betonten Äußerlichkeiten und mysteriöser Aura gewissermaßen das spätere Image von Klaus Kinski im deutschen Kino der frühen 60er vorwegnimmt, aber witzigerweise im Endeffekt eine engagierte, loyale Rolle spielt, macht ebenso wenig den gesamten Film zu einem Horror-Streifen. Selbst Tote gibt es nur wenige, also bleiben dann noch das natürlich etwas einsam und gottverlassen daherkommende Setting und der Titel, der im Grunde aber schon fast als Etikettenschwindel bezeichnet werden kann. Als Psychothriller oder Mysterythriller mag ich ihn gern einstufen und als solcher ist dieser Film auch tauglich, aber darüber hinaus ist „The Ghost Ship“ im Grunde genommen vor allem so etwas wie ein „Horrorfilm, der keiner ist“ – mag die Crew des Schiffs die Geschehnisse an Bord nun teils fälschlich für das Werk von Geistern halten oder auch nicht. Aber zugegebenermaßen ist es einer der Filme, die wegen eines aus meiner Sicht großen Genre-Missverständnisses zumindest keine akuten Nachteile bei der Kritik oder beim Publikum erlitten haben. Die Lewton-Reihe bewegt sich immer wieder einmal auf sehr dünnem Eis, was ihren Horror-Status anbetrifft. Kritiker zweifeln beispielsweise auch bei „The Curse of the Cat People“ (1944) die Zugehörigkeit zum Horror-Genre an. Auch ob „The Leopard Man“ nicht eher ein Serienkiller- als ein Horrorfilm ist, ist hier im Blog bereits diskutiert worden.

Wenn etwas im Kopf nicht stimmt

Klar ist, dass in Lewtons Horror-Produktionen absolut ein Bemühen spürbar ist, sich inhaltlich deutlich von Universal abzugrenzen. Durchdrehendes Kopfkino und die zerbrechliche Psyche des Menschen spielen immer wieder eine Rolle. Es geht weniger als bei Universal darum, mit spektakulären, düsteren Charakteren in die Werbung für den Film gehen zu können und auch weniger darum, abgelegene Regionen als gruselige Schauwerte zu präsentieren, sondern häufig sehr dezidiert um eine relativ enge Verschmelzung von Wirklichkeit und Horror. Im Gegensatz zu „The Seventh Victim“, der auch schon wesentlich eher Psychothriller als Horrorfilm ist, hat „The Ghost Ship“ allerdings noch nicht einmal wirklich durch eine betont abgründige Inszenierung auffällige Momente.

Eigentlich hätte „The Ghost Ship“ bereits ausgezeichnet in die „Whistler“-Reihe gepasst, mit der Richard Dix kurz darauf bei Columbia Pictures seine Karriere ausklingen ließ. In dieser auf einer Radio-Serie basierenden filmischen Adaption spielte Dix in sieben recht kurzen Streifen immer wieder unterschiedliche Charaktere, die sich schweren moralischen Herausforderungen stellen müssen und an ihre Grenzen getrieben werden. Keine Heldenfiguren, zum Teil eigentlich sogar Schufte, Eigenbrötler oder zumindest nicht besonders sympathische Kerle. Schon der erste Film, „The Whistler“ (1944), hatte es in sich: Hier setzt Dix einen Killer auf sich selbst an, überlegt es sich mit dem eingefädelten Quasi-Selbstmord dann aber noch einmal anders. Der Killer aber ist längst auf der Jagd nach ihm und der Kontaktmann, der ihn vermittelt hat, nicht mehr greifbar. „The Ghost Ship“ war Richard Dix’ letzter Kinostart, bevor er sich mit den sieben „Whistler“-Filmen am Stück von der Leinwand verabschiedete.

Immer wieder Richard Dix

Dix, der schon die gesamten 20er-Jahre über beim Film aktiv gewesen und bereits zu Stummfilm-Zeiten zu einem zugkräftigen Star herangewachsen war, schaffte – im Gegensatz zu sehr vielen anderen Stummfilm-Zugpferden – nicht nur erfolgreich den Sprung als Träger von Hauptrollen in den Tonfilm, sondern überrascht in Produktionen aus den 30ern und 40ern auch immer wieder mit einem recht natürlich wirkenden Schauspiel-Stil. Er erwies sich in seinen Tonfilmen letztlich als eine Art krasse, fleischgewordene Antithese zu der Erkenntnis, dass es dem einen oder anderen Stummfilm-Schauspieler zweifellos schwergefallen ist, sich das extrovertierte Mienenspiel und große Gesten eigens für den Tonfilm abzugewöhnen. Dix spielte sogar naturalistischer als etliche Hollywood-Stars der ersten beiden Tonfilm-Jahrzehnte, die im Stummfilm noch gar nicht im Einsatz gewesen waren.

Richard Dix eroberte sich frühzeitig Legenden-Status. Er war unter anderem der erste männliche Hauptdarsteller, der für seine Beteiligung an einem Film, der bei der Oscar-Verleihung als bester Film prämiert wurde, zeitgleich eine Nominierung als bester Hauptdarsteller erringen konnte – gemeint ist „Pioniere des Wilden Westens“ (1931; Originaltitel: „Cimarron“). Zudem wurde ihm auch noch im Alter von über 50, bis hin zu seiner letzten Filmrolle schwerpunktartig als Hauptprotagonist das Vertrauen geschenkt. Da Richard Dix den weitaus größten Teil seiner Tonfilme drehte, während in Deutschland gerade die Nazis an der Macht waren, sind leider viele seiner Filme nie in Deutschland ins Kino gekommen. Das Glück, das beispielsweise James Cagney, Edward G. Robinson und Humphrey Bogart hinsichtlich einer späteren Wiederentdeckung ihrer 30er- und 40er-Jahre-Filme für das deutsche Fernsehen hatten, wurde Dix ebenfalls nicht zuteil. Dies ist unter anderem den Rechtepaketen geschuldet, da Filme mancher Hollywood-Studios aus dieser Epoche, mangels vorliegender Ausstrahlungsrechte, einfach seltener als Produktionen anderer Studios eine TV-Renaissance in Deutschland erlebten. Somit dürfte Richard Dix in Deutschland heute nicht allzu vielen Filminteressierten ein Begriff sein, obwohl er letztlich einer der konstantesten und bei Karriereende auch dienstältesten Hauptfiguren-Darsteller des Kinos seiner Epoche gewesen ist. Stars, die sowohl in den 30ern als auch den 40ern Erfolg hatten, gab es viele, aber nur bei den wenigsten dieser kommen, wie bei Dix, zu jenem Block auch noch die 20er mit einer Reihe von Hauptrollen dazu.

Richard Dix starb im September 1949 im Alter von nur 56 Jahren, hatte sich aber schon vorher aus gesundheitlichen Gründen aus dem Filmgeschäft zurückgezogen und daher auch auf den achten Teil der „Whistler“-Reihe verzichtet, nach dem diese dann auch beendet wurde. Er fiel letztlich Problemen mit seinem Herzen zum Opfer, die wohl auch bereits mitursächlich für sein Karriereende gewesen waren. Für jemanden, über den es heißt, er habe lange Zeit ein starkes Alkoholproblem gehabt, Mitte der 40er sogar so stark, dass er am Set häufig Schluckauf gehabt habe, hat er sich bemerkenswert lang und in schauspielerisch guter Verfassung in zudem recht umfangreichen, tragenden Rollen vor der Kamera präsentiert. Privat lebte Dix recht zurückgezogen auf einer Ranch, wo er jedes Jahr große Mengen an Hühnern und Truthähnen heranzüchtete, umgeben von phasenweise etwa drei Dutzend Hunden, die ihm Gesellschaft leisteten. Aus zwei Ehen hatte er vier Kinder, darunter ein adoptiertes Mädchen.

Der Veteran und die Neulinge

Ein spannender Aspekt der ausklingenden Karriere des Richard Dix ist ferner, dass er während einiger seiner letzten Dreharbeiten mit zwei damals noch blutjungen Regisseuren zusammenarbeitete, die sich später durchaus einen Namen in der Filmgeschichte machen sollten: William Castle (* 1914) inszenierte vier der sieben „Whistler“-Filme mit Dix, Mark Robson (* 1913) inszenierte „The Ghost Ship“. Für Robson war „The Ghost Ship“ erst sein zweiter Kinofilm als Regisseur, dem nur eine andere Lewton-Produktion, „The Seventh Victim“, knapp vorausgegangen war. Was für William Castle die „Whistler“-Reihe war, wurde für Robson erst recht die Kooperation mit Val Lewton. Er steuerte vier Filme zu Lewtons Horror-Projekten als Regisseur bei, schloss die Reihe mit „Isle of the Dead“ (1945) und „Bedlam“ (1946) schließlich ab; darüber hinaus fungierte er zuvor bei den drei von Jacques Tourneur inszenierten Beiträgen zur Reihe („Katzenmenschen“, „Ich folgte einem Zombie“ und „The Leopard Man“) als Cutter. Lediglich an den beiden Filmen, für die Robert Wise als Regisseur zum Einsatz kam („The Curse of the Cat People“ und „Der Leichendieb“), der erst zur Reihe stieß, als Robson bereits vom Cutter zum Regisseur aufgestiegen war, war Mark Robson für die Val-Lewton-Horrorreihe wohl nicht unmittelbar beteiligt, verwirklichte in dieser Zeit in Zusammenarbeit mit Lewton aber das Drama „Youth Runs Wild“ (1944) – einen der wenigen Filme, die der bereits 1951 jung verstorbene Lewton über seine Horrorreihe hinaus produzierte. Ähnlich wie der Film-noir-Fuchs Mark Hellinger war Lewton eine der, zumindest aus heutiger Sicht, ganz großen Produzenten-Hoffnungen Hollywoods, die seinerzeit überraschend im Alter von rund 45 Jahren plötzlich aus dem Leben gerissen wurden und somit nur wenige, aber überwiegend heute noch namhafte Produktionen hinterlassen haben.

Bedauerlicherweise sind die von Val Lewton realisierten Projekte in Deutschland nur bruchstückhaft auf DVD verfügbar, was offensichtlich vor allem daran liegt, dass die meisten davon – wie auch „The Ghost Ship“ – nie synchronisiert worden sind, denn die wohl nur drei synchronisiert vorliegenden Teile des neunteiligen Horror-Blocks sind hierzulande auch auf DVD veröffentlicht worden. Ein Sektor, der zweifellos nach einer Auswertung mit Untertiteln oder extra für die DVD erstellten Synchronfassungen schreit. Es wäre nicht das erste Mal, dass der Horrorfilm-Bereich via Blu-ray und DVD zu neuen deutschen Synchronfassungen käme.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mark Robson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 29. Januar 2008 in der „Val Lewton Horror Collection“ als DVD (6-Disc-Auflage), 4. Oktober 2005 in der „Val Lewton Horror Collection“ als DVD (5-Disc-Auflage)

Länge: 69 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch, Spanisch, Französisch
Originaltitel: The Ghost Ship
USA 1943
Regie: Mark Robson
Drehbuch: Donald Henderson Clarke, nach einer Vorlage von Leo Mittler
Besetzung: Richard Dix, Russell Wade, Edith Barrett, Ben Bard, Skelton Knaggs, Edmund Glover, Sir Lancelot, Alec Craig, Dewey Robinson, George DeNormand
Verleih: RKO Radio Pictures

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 
 

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Der Leichendieb – Boris Karloff als Grabschänder

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The Body Snatcher

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // In Edinburgh lehrt 1831 der über die Grenzen des Königreichs hinaus angesehene Arzt Dr. MacFarlane (Henry Daniell). Mit Kindern kann er nicht allzu gut umgehen, lehnt die Operation eines querschnittsgelähmten Mädchens ab, weil ihm Forschung und Lehre über die Behandlung Kranker gehen. Den jungen Medizinstudenten Donald Fettes (Russel Wade) macht er zu seinem Assistenten. Fettes bekommt dadurch mit, dass sich MacFarlane für seine Forschungen nicht ganz lauterer Methoden bedient: Weil es an Leichen für Autopsien mangelt, lässt sich MacFarlane des Nachts illegal organisierte Körper bringen. Der Leichendieb ist John Gray (Boris Karloff), ein Kutscher, der auch vor Mord nicht zurückschreckt.

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Tagsüber arbeitet John Gray als Kutscher

Die Verfilmung von Robert Louis Stevensons Kurzgeschichte „Der Leichenräuber“ beginnt unspektakulär und entwickelt auch über die kurze Laufzeit von 69 Minuten eher sanften Schauder als tiefes Grauen. Dafür liegt das Augenmerk auf den Skrupeln oder einem Mangel daran bei einigen der handelnden Figuren. Im Fokus stehen die sinistren Auftritte des Leichendiebs John Gray, der weiß, dass er seinen Auftraggeber Dr. MacFarlane in der Hand hat. Es mag nicht Karloffs bester Film sein, gilt aber als eine seiner eindrucksvollsten Rollen. „Der Leichendieb“ lebt mehr von seiner Atmosphäre und der feinen Figurenkonstellation als von handfestem Horror und ist Pflichtprogramm für Freunde von Boris Karloff, Bela Lugosi und Produzent Val Lewton.

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Die Studenten erlauben sich mit Fettes (r.) einen Scherz

Die Verortung im Edinburgh des Jahrs 1831 ist kein Zufall. Stevenson ließ sich bei seiner Kurzgeschichte von den sogenannten West-Port-Morden durch die Serienkiller William Burke und William Hare inspirieren, die 1827 und 1828 in Edinburgh 16 Morde begingen, um die Leichen an eine medizinische Hochschule zu verkaufen. Im Film sind die Taten mehrfach Thema, es ist sogar zu sehen, wie John Gray einen Mord mit der nach William Burke benannten Methode des Burking begeht. Die Komödie „Burke & Hare – Wir finden immer eine Leiche“ (2010) mit Simon Pegg und Andy Serkis in den Titelrollen ist eine filmische Umsetzung der West-Port-Morde.

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Dr. MacFarlane (3. v. r.) benötigt neue Leichen für Studienzwecke

Acht gemeinsame Filmauftritte hatten Boris Karloff und Bela Lugosi, beginnend 1934 mit „Die schwarze Katze“. „Der Leichendieb“ markiert ihre letzte Kooperation, wobei Lugosi als Diener von Dr. MacFarlane eine recht kleine Nebenrolle hat, immerhin aber auch eine markante Szene mit Karloff. Der wiederum begann mit dem Film eine Reihe von drei von Val Lewton produzierten Filmen: Es folgten im selben Jahr „Isle of the Dead“ und 1946 „Bedlam“.

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Ein Grab wurde geschändet, ein Hund getötet

In den USA in der schönen „Val Lewton Horror Collection“ erschienen, die mittlerweile gesucht ist, hat Studiocanal „Der Leichendieb“ 2012 im Rahmen der Reihe „Arthaus Retrospektive“ auf DVD in den Handel gebracht. Mangels Sichtung kann ich über die Bildqualität der deutschen Veröffentlichung keine Aussage machen. Sie ist allerdings mit einer Länge von 69 Minuten offenbar um zehn Minuten gekürzt, was die deutsche DVD völlig abwertet. Dem Vernehmen nach fehlen alle Anspielungen auf Burke und Hare sowie zwei der gruseligsten Szenen. Musste das sein? Da lob ich mir meine Val-Lewton-Box.

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Der Leichendieb (l.) hat seinen Auftraggeber in der Hand

Die „Arthaus Retrospektive“ von Studiocanal Home Entertainment haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Wise sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Boris Karloff und Bela Lugosi unter Schauspieler.

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Diener Joseph bekommt etwas mit

Veröffentlichung Deutschland: 6. September 2012 als DVD
Veröffentlichung USA: 4. Oktober 2005 als Bestandteil der 5-DVD-Box „The Val Lewton Collection“ mit neun Spielfilmen und einer Doku

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Kutschfahrt des Grauens

Länge: 79 Min. (USA), 69 Min. (D)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel:
Originaltitel: The Body Snatcher
USA 1945
Regie: Robert Wise
Drehbuch: Philip MacDonald, Val Lewton (als Carlos Keith), nach einer Kurzgeschichte von Robert Louis Stevenson
Besetzung: Boris Karloff, Bela Lugosi, Henry Daniell, Edith Atwater, Russell Wade, Rita Corday, Sharyn Moffett, Donna Lee
Zusatzmaterial: Wendecover
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Fotos & Packshot: © 2012 Studiocanal Home Entertainment

 

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Isle of the Dead – Boris Karloff auf der Insel der Toten

Isle of the Dead

Von Volker Schönenberger

Horror // Der Schweizer Maler Arnold Böcklin (1827–1901) schuf zwischen 1880 und 1886 eine Serie von fünf Gemälden, die den Titel „Die Toteninsel“ bekamen. Sein Zyklus diente als Inspiration für „Isle of the Dead“, was sich schon im Vorspann offenbart – eins der Gemälde wird darin gezeigt. Die Insel im Film ist obendrein der auf Böcklins Werken nachempfunden, und zu Beginn steuert ein Nachen sie an, ganz wie auf den Bildern.

Die Pest bricht aus

Es ist die Zeit der Balkankriege im Vorfeld des Ersten Weltkriegs. Im Boot befinden sich der griechische General Nikolas Pherides (Boris Karloff) und der US-Journalist Oliver Davis (Marc Cramer). Während die Truppen des Generals ihre Gefallenen bergen, will Pherides die Grabstätte seiner Frau besuchen. Doch ihre Gruft erweist sich als leer. Auf der Insel treffen die beiden Neuankömmlinge unter anderem auf den britischen Diplomaten St. Aubyn (Alan Napier) und dessen kränkelnde Ehefrau Mary (Katherine Emery) sowie den Schweizer Archäologen Dr. Aubrecht (Jason Robards Sr., Vater des gleichnamigen, bekannteren Schauspielers). Dessen Haushälterin Madame Kyra (Helen Thimig) schürt bei Pherides die Angst vor einem Wrukolakas, einem vampirischen Dämon. Stattdessen jedoch bricht kurz darauf die Pest aus.

Atmosphäre geht bei „Isle of the Dead“ über Storytelling. Das macht aber nichts, über diese düstere Insel geht man auch ohne ausgefeilten Handlungsstrang gern. Regisseur Mark Robson fehlt sicher das Händchen von Jacques Tourneur, dem Regisseur, mit dem Produzent Val Lewton 1942 und 1943 mit „Katzenmenschen“, „Ich folgte einem Zombie“ und „The Leopard Man“ seine RKO-Horror-Ära startete. Es fehlt etwas der zündende Funke, die Handschrift von Val Lewton holt dennoch einiges heraus. Das stimmungsvolle Setting und Boris Karloffs Präsenz heben „Isle of the Dead“ dann doch über den Durchschnitt.

Boris Karloff und Val Lewton

Nach „The Seventh Victim“, „The Ghost Ship“ (beide 1943) und dem Jugenddrama „Youth Runs Wild“ (1944) markiert der Film die vierte Zusammenarbeit zwischen Lewton und Robson. Ein Jahr später folgte noch „Bedlam“ (1946). Seinen spektakulärsten Film drehte Robson viel später: 1974 mit dem randvoll mit Stars inszenierten Katastrophenfilm „Erdbeben“. „Isle of the Dead“ ist nach „Der Leichendieb“ („The Body Snatcher“, 1945) und vor „Bedlam“ der zweite von drei Filmen, die Boris Karloff unter Regisseur Robson und Produzent Lewton gedreht hat – feine Arbeiten allesamt.

Empfohlen von Martin Scorsese

Meisterregisseur Martin Scorsese („GoodFellas“, „Casino“, „The Wolf of Wall Street“) hat „Isle of the Dead“ in seinen persönlichen Kanon der gruseligsten Filme aller Zeiten aufgenommen. Das mag mit einer Angst zusammenhängen, lebendig begraben zu werden, denn Scorsese begründet das mit einer Szene, in der das Szenario vorkommt; es ist dennoch bemerkenswert, zeigt es doch einerseits, dass sich moderne Filmemacher auch heute von sehr alten Filmen inspirieren lassen, zum anderen offenbart es den Einfluss, den die Filme von Produzent Val Lewton auf heutige Regisseure haben.

Böcklins Gemädlezyklus „Die Toteninsel“ ist im Werk von Produzent Val Lewton nicht nur bei „Isle of the Dead“ Thema: Bereits zwei Jahre zuvor diente eins der Gemälde als subtile Andeutung in „Ich folgte einem Zombie“: Man sieht es im Zimmer der bedauernswerten, mit dem Zombie-Fluch belegten Patientin Jessica Holland (Christine Gordon) hängen.

The Val Lewton Horror Collection

Da die Kollaboration zwischen Mark Robson und Val Lewton hierzulande sträflich vernachlässigt worden ist, erlaube ich mir, auf die 5-DVD-Box „The Val Lewton Horror Collection“ hinzuweisen, die 2005 in den USA erschienen ist. Sie enthält neun Filme aus der überschaubaren Produzenten-Filmografie Lewtons, darunter vier Regiearbeiten Robsons – es fehlt „Youth Runs Wild“, der ja kein Horrorfilm ist. Leider ist die Box vergriffen und im Gebrauchthandel mittlerweile recht teuer. Auch nach den Einzel-DVDs mit jeweils zwei Filmen kann man Ausschau halten. Sie enthalten allerdings keine deutsche Tonspur und sind nur in Playern abspielbar, die den nordamerikanischen Regionalcode akzeptieren.

Produzent Val Lewton

Über Val Lewton habe ich auch in gedruckter Form geschrieben: Ausgabe #12 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ mit dem Titelschwerpunkt Horror enthält einen von mir verfassten Beitrag über die Produzentenlegende. Das Heft ist allerdings mittlerweile vergriffen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mark Robson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Boris Karloff unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 4. Oktober 2005 als Bestandteil der 5-DVD-Box „The Val Lewton Collection“ mit neun Spielfilmen und einer Doku

Länge: 72 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch, Spanisch, Französisch
Originaltitel: Isle of the Dead
USA 1945
Regie: Mark Robson
Drehbuch: Ardel Wray
Besetzung: Boris Karloff, Ellen Drew, Marc Cramer, Alan Napier, Katherine Emery, Helene Thimig, Jason Robards Sr., Ernst Deutsch
Vertrieb: Turner Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

 

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