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Die Welt der Sensationen – Die Show muss weitergehen

The Big Circus

Von Ansgar Skulme, für den dies sein 150. Text bei „Die Nacht der lebenden Texte“ ist. Herzlichen Glückwunsch!

Zirkusdrama // Nachdem er sich mit seinen ehemaligen Geschäftspartnern, den Borman Brothers, überworfen hat, will Henry Jasper Whirling (Victor Mature) mit einem eigenen Zirkus durchstarten. Dazu fehlt es lediglich am notwendigen Startkapital. Die Bank seines Vertrauens hat Lust auf das Projekt, aber kein Vertrauen in Whirlings Umgehen mit Geld. Daher wird ihm gegen seinen Willen der Sparfuchs Randy Sherman (Red Buttons) als Prüfer zur Seite gestellt. Der mit besonderen Vollmachten ausgestattete Sherman engagiert über Whirlings Kopf hinweg prompt die versierte Werbefachfrau Helen Harrison (Rhonda Fleming). Whirling schmeckt das alles nicht besonders, aber es muss immer weitergehen – und während einer Tournee durch das ganze Land wollen viele Hände geschüttelt und Menschen aller Altersklassen sowie verschiedener sozialer Schichten gewonnen werden. Stärke zieht Whirling aus der Loyalität seiner Schwester Jeannie (Kathryn Grant), seines Sprechstallmeisters Hans Hagenfeld (Vincent Price), des Clowns Skeeter (Peter Lorre) und der Artisten um Zach Colino (Gilbert Roland), die für Whirling ihren letzten Penny geben würden, weil sein Zirkus ihr Leben ist. Doch der Konkurrenzkampf zwischen den Direktoren der verschiedenen Shows im Land ist groß und es mehren sich Hinweise auf einen Saboteur in den eigenen Reihen.

Das klassische Hollywood-Kino lag Ende der 50er-Jahre, rückblickend betrachtet, bereits in den finalen Zügen. Neben einem zunehmenden Bedeutungsgewinn von Fernsehproduktionen brachten die 60er schließlich auch viele visuelle und narrative Innovationen, die spätestens in der zweiten Hälfte jenes Jahrzehnts das Kapitel „Classical Hollywood“ endgültig schlossen. „Die Welt der Sensationen“ ist einer der letzten Hollywood-Filme der klassischen Ära, der im Grunde durch und durch so aussieht und wirkt, als hätte er auch zehn oder fünfzehn Jahre früher entstanden sein können. Für den Hauptdarsteller Victor Mature war es gleichzeitig eine Art kleines Lebewohl. Er verabschiedete sich kurz darauf für zwei Filme in Richtung Italien, legte danach eine etwa fünfjährige Pause ein und kehrte dann nur noch vereinzelt vor die Kamera zurück. Der Star aus Filmen wie „Faustrecht der Prärie“ (1946), „Der Todeskuss“ (1947), „Schrei der Großstadt“ (1948) und „Samson und Delilah“ (1949) war in der zweiten Hälfte der 50er bereits vermehrt in britischen Produktionen aufgetreten, mit „Die Welt der Sensationen“ und Jacques Tourneurs „Timbuktu“ eroberte er sich 1959 aber noch einmal in US-Filmen das Publikum. Selbst denjenigen, die seine schauspielerische Variabilität gelegentlich wegzudiskutieren versucht haben, sollte auffallen, dass Mature als Zirkusdirektor, der ein Mann der großen Gesten ist, erstaunlich glaubwürdig funktioniert. Man könnte sogar sagen, dass „Die Welt der Sensationen“ vielleicht so etwas wie sein Husarenstück ist, zu einem Zeitpunkt, an dem er in Hollywood eigentlich schon abgeschrieben zu sein schien.

Schlagkräftige Startaufstellung

Immerhin muss man in Betracht ziehen, dass es sich hierbei nicht nur um eine technisch aufwendige Produktion in CinemaScope und Technicolor handelt, sondern dass Mature eine Besetzungsliste anführt, zu der unter anderem der damals frisch gebackene Oscar-Preisträger Red Buttons (bester Nebendarsteller für „Sayonara“, Preisverleihung 1958) gehört. Neben ihm treten Vincent Price und Peter Lorre auf, die man zumindest aus heutiger Sicht durchaus als Ikonen betrachten kann – obendrein in ungewöhnlichen Parts, an denen sie, trotz für ihre Verhältnisse relativ geringer Rollengröße, offensichtlich viel Freude hatten. Vincent Price als Moderator in der Manege und Peter Lorre als klassischer Zirkus-Clown mit allen Schikanen – und das sogar noch im selben Film! Wirklich geniale Besetzungsideen. Es gibt zweifellos Fans, die allein schon deshalb zuschauen wollen, um diese beiden in diesen Rollen zu sehen. Ein wenig scheint es, als hätten Lorre und Price die Chance beim Schopf gepackt, einmal einen Zirkusfilm zu drehen, und dem Faktor, dass es sich um keine allzu teure Produktion handelt, nicht unnötig große Bedeutung beigemessen. Frei nach dem Motto: besser in einer mittelgroßen Rolle dabei gewesen als gar nicht. Am Set eines Zirkusfilms mag es sich für den einen oder anderen Schauspieler ähnlich angefühlt haben wie für ein Kind im Schlaraffenland – allerdings gilt das gerade im Kontext des klassischen Hollywoods sicher nicht nur für dieses Genre.

Nicht minder ideal besetzt ist Gilbert Roland, der den am Trapez und Hochseil gewieften Zach Colino mit der für ihn typischen charismatischen Mischung aus stilsicherer Eleganz und südländisch geprägter Männlichkeit, gleichzeitig ewiger Frauenschwarm und emotionaler Familienmensch, genauso glaubhaft zum Leben erweckt wie Victor Mature den Zirkusdirektor. Ähnlich wie auch bei Mature gilt für Roland gleichfalls, dass er zwar häufig zu überzeugen und mit seinen Qualitäten auf der Leinwand zu vereinnahmen wusste, aber nur selten so dermaßen auf den Punkt, quasi perfekt besetzt war wie in „Die Welt der Sensationen“. Die Rolle atmet von der ersten bis zur letzten Sekunde alles, was Gilbert Roland als Schauspieler auszeichnet. Viele Schauspieler haben in ihrem Leben zumindest einmal eine Rolle gespielt, bei der man das Gefühl hat, dass sie irgendwann einmal kommen musste. Die Besetzungen von Mature, Price und Lorre kann man als starke Geniestreiche bezeichnen, aber Roland strahlt sogar regelrecht etwas Unvermeidliches aus – als hätte es gar keine andere Option geben können und der Part sei unmittelbar für ihn geschrieben worden.

Auf Seiten der Damen schlägt sich Rhonda Fleming wacker mit den Vorverurteilungen herum, mit denen ihre Rolle als Frau, die als Werbechefin im Zirkus Whirling angeblich fehl am Platze sei, zu kämpfen hat. Diskussionen um eine Frauenquote in männerdominierten Unternehmen sind heute bekanntlich aktueller denn je und werden bereits hier unterhaltsam auf die Schippe genommen. Auch die zweitgrößte Frauenrolle zeigt sich willensstark: Whirlings flirtfreudige Schwester will unbedingt am Trapez auftreten, obwohl die Familie bereits einen schweren Schicksalsschlag in der Manege erlitten hat und ihr Bruder sie deswegen davon abzuhalten versucht, ihren Traum zu verwirklichen. Gespielt wird sie von Kathryn Grant, die hier zum letzten Mal vor jahrzehntelanger Pause für einen Kinofilm vor der Kamera stand, da sie sich nach den Dreharbeiten weitestgehend ins Privatleben an der Seite ihres Ehemanns Bing Crosby zurückzog, mit dem sie bis zu dessen Tod 1977 zwanzig Jahre verheiratet blieb. In den 60ern und 70ern wirkte sie sporadisch in TV-Produktionen mit und feierte erst im Jahr 2010 ein kleines Leinwand-Comeback, war jedoch leider unmittelbar vor dem US-Kinostart dieses Films („Queen of the Lot“) in einen Autounfall verwickelt, bei dem sie schwer verletzt wurde und ihr zweiter Ehemann zu Tode kam. Erfreulicherweise sind die 1923 geborene Rhonda Fleming und die 1933 geborene Kathryn Grant, deren Name zu Kathryn Crosby wurde, heute immer noch unter uns.

Jubel, Trubel, Sensationen, Superlative

Das massenwirksame Highlight voller Sensationen und Attraktionen, was er zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Produktion gewesen ist, ist der Zirkus heute nicht mehr, da vor allem der Einsatz von Tieren in diesem Kontext mittlerweile sehr kritisch betrachtet wird. Umso erfreulicher ist es, dass sich „Die Welt der Sensationen“ bereits verstärkt auf artistische Darbietungen konzentriert und zudem schon früh im Film ein Tierquäler durch die Hauptfigur zur Verantwortung gezogen wird, was man als bewusstes Statement werten kann, wenngleich die Messlatte, wo unangemessener Umgang mit Tieren bereits beginnt, heute zweifellos eine andere ist als vor 60 Jahren.

Dem Produzenten Irwin Allen schwebte für „Die Welt der Sensationen“ eigentlich ein mit 40 Stars gespicktes Projekt vor, das gegenüber „The Story of Mankind“ (1957) dahingehend sogar noch eine Steigerung gewesen wäre, bei dem er zuvor nicht nur produziert, sondern auch selbst Regie geführt hatte. Erstaunlicherweise ist diese ansehnlich besetzte Zeitreise niemals mit einer deutschen Fassung veröffentlicht worden. „The Story of Mankind“ war von den Warner Brothers in die Kinos gebracht worden, für „Die Welt der Sensationen“ zunächst Columbia Pictures im Gespräch. Letztlich realisierte aber Allied Artists, ein im Fenster von 1947 bis 1953 schrittweise aus Monogram Pictures hervorgegangenes Unternehmen, das Projekt und Irwin Allen blieb als Produzent sowie im Drehbuch-Team hinter den Kulissen. Columbia brachte stattdessen 1959 im Zirkus-Sektor George Shermans „Menschen ohne Nerven“ heraus. Monogram war seit Anfang der 30er-Jahre für eher niedrig bis sehr niedrig budgetierte Filme bekannt und „Die Welt der Sensationen“ eine willkommene Möglichkeit, diesem Image unter der erst einige Jahre wehenden Flagge von Allied Artists einen kleinen Strich durch die Rechnung zu machen. Gedreht wurde sogar auf dem Gelände von MGM. Letztlich landete auch „Die Welt der Sensationen“ viele Jahre später im Rechtestock der Warner Brothers und kam über deren „Archive Collection“ zu seiner DVD-Veröffentlichung in den USA. An den Kinokassen war der Film rentabel und der wagemutige Versuch, ein Prestige-Projekt ausgerechnet im Sektor des Zirkusfilms zu starten, kann mit Blick auf Allied Artists insofern durchaus als geglückt betrachtet werden.

Dass der Zirkusfilm selbst im klassischen Hollywood-Kino, das beileibe nicht gerade als die sparsamste Epoche der Filmgeschichte bekannt ist, ein nur recht selten angefasstes Subgenre des Dramas bildet, ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass Zirkusfilme eigentlich nur dann so richtig funktionieren können, wenn sehr viel Geld darin steckt. Insbesondere in den 50er-Jahren, als die Technik mehrere neue Höhepunkte erreichte (zum Beispiel 3D und CinemaScope), brauchte man zumindest ohne kunterbunte Farb-Kameraarbeit in dem Sektor eigentlich gar nicht erst anfangen. Ende der 50er waren außerdem die Breitwand-Formate längst Pflicht und das sogenannte „Vollbild“-Format im Kino bereits circa fünf Jahre überholt. Zudem erscheinen hohe Investitionen in Statisten, die Stars doubelnde Artisten und zusätzliche Acts sowie die gesamte Ausstattung beim Zirkusfilm mehr oder minder unvermeidlich, da es ein völliges Paradox ist, sich auf das Parkett der „größten Schau der Welt“ zu wagen, aber dann nach Kleinklein auszusehen. Es ist ausgesprochen mutig, dass sich Allied Artists dennoch nicht scheute und sogar mehr Geld in die Stars als das Drumherum investiert zu haben scheint, wenngleich es derer zumindest keine 40 Personen geworden sind.

Der Film ist ziemlich clever inszeniert und kaschiert das trotzdem offensichtlich weit unterhalb der großen Studios angesiedelte Budget insbesondere durch die Präsenz der starken Schauspieler-Crew, die immer wieder im Vordergrund darüber hinwegtäuscht, dass Massenszenen relativ schlau umgangen oder mit vergleichsweise wenigen Statisten und ein paar rahmenden Parade-Aufnahmen umspielt werden. Man sieht vom Publikum den ganzen Film über eigentlich kaum nennenswerte Details, es führt gewissermaßen ein Schattendasein innerhalb der Handlung, obwohl es doch eine der wichtigsten treibenden Kräfte hinter den Aktionen der Protagonisten ist – dies ist allerdings so intelligent inszenatorisch umgesetzt worden, dass es nicht stört. Die gänzliche Hülle und Fülle, die den Zirkus eigentlich umgibt, reißt der Film immer wieder an, ohne aber jemals in die Vollen zu gehen. Der Fokus liegt total auf den sieben im Vordergrund stehenden Figuren (Whirling und seine Schwester, Sherman, Hagenfeld, Skeeter, Zach Colino und Helen Harrison), und die sieben Personen, die diese Rollen spielen, stehlen den Film gewissermaßen völlig, gemeinsam mit ein paar sehenswerten Artistik-Nummern und zumeist kurz gehaltenen Tier-Auftritten.

Stars in der Manege

Natürlich bewegt sich „Die Welt der Sensationen“ im Windschatten von Cecil B. DeMilles „Die größte Schau der Welt“ (1952), versucht aber gar nicht erst, künstlich mit dessen enormer Größenordnung zu wetteifern. „Die größte Schau der Welt“ hatte ein in etwa doppelt so hohes Budget und generierte daraus sensationelle Einspielergebnisse an den Ticket-Schaltern. „Die Welt der Sensationen“ kann jedoch gut und gern zum sehenswerten Repertoire des klassischen US-Zirkusfilms gezählt werden – neben Produktionen wie „Trapez“ (1956) und „Held der Arena“ (1964), wobei Letztgenannter als sehr später Vertreter sicher trotzdem viele signifikante Merkmale der klassischen Ära aufweist, unter anderem weil es eines dieser Projekte ist, für die John Wayne mehrere Altstars um sich versammelte. Wer es hingegen lieber in Serien-Form, aber trotzdem klassisch und amerikanisch mag, wird bei „Corky und der Zirkus“ (1956–58) sowie „Zirkusdirektor Johnny Slate“ (1963–64) fündig, wobei die Serie um Johnny Slate mit Originaltitel „The Greatest Show on Earth“ schon allein deswegen Interessantes verspricht, weil Jack Palance den Zirkusdirektor spielt und als Vorlage der eingangs dieses Absatzes besagte DeMille-Film von 1952 diente.

Im Rückschluss ist „Die Welt der Sensationen“ folglich auch ein gutes Beispiel für eine von einem zu Unrecht wenig beachteten Regisseur inszenierte klassische Hollywood-Produktion. Joseph M. Newman hat hier aus begrenzten Mitteln nicht nur eine Menge herausgeholt und sehr klug mit den gegebenen Möglichkeiten gehaushaltet, in einem für diese Herausforderung zudem besonders komplizierten Genre, sondern auch im Verlauf seiner Karriere bewiesen, dass er in diversen Genres zu überzeugen wusste. Zu Newmans Filmografie zählt beispielsweise der Film noir „Der Henker saß am Tisch“ (1950), der Fans und Analytikern des Genres durchaus kein Unbekannter ist. Ich persönlich mochte auch „Abandoned“ (1949) und „Immer jagte er Blondinen“ (1954) als weitere Beiträge zum Noir von ihm. Darüber hinaus hat Newman mit „Metaluna IV antwortet nicht“ (1955) einen Science-Fiction-Reißer realisiert, der zu denen gehört, die sich bis heute einen gewissen Kultstatus erarbeitet haben – Ostalgica hat ihn bereits auf Blu-ray und DVD veröffentlicht. Sogar Newmans erfolgreichste Filme scheinen aber meist in einer Form diskutiert worden zu sein, die dem Regisseur relativ wenig Bedeutung zugestand. Eintönigkeit war ihm jedoch offenbar ein Fremdwort, selbst im Western blieb er auffallend abwechslungsreich: „Der rote Reiter“ (1952) schickt Tyrone Power in Kanada auf Heldenreise, „El Tigre“ (1955) spielt bereits um 1700 und zeigt Jack Palance als Hauptprotagonist zu Zeiten, als sich noch die Spanier in Neu-Mexiko und Kalifornien austobten. Daneben findet man aber auch Western vor typischerer Kulisse in Newmans Portfolio: „Die Letzten der 2. Schwadron“ (1958), der sicher einer der besten Western mit Joel McCrea ist, mit dem er kurz danach auch noch „Drauf und dran“ (1959) realisierte. Einmal ist McCrea hier der an seine Grenzen gehende, Indianer hassende, auch optisch verbraucht wirkende Soldat, das andere Mal der aufrechte Sheriff; einmal geht es um den Widerstreit mit Indianern, einmal um Gesetz und Ordnung in der Stadt, womit die beiden Hauptthemen des damaligen Westerns bedient sind. Sogar einen Film über eine Fallschirmeinheit der Feuerwehr – thematisch schon beinahe so etwas wie ein Unikat innerhalb der Epoche – hat Joseph M. Newman einst gedreht: „Die Feuerspringer von Montana“ (1952) mit Richard Widmark. Kurzum: Newman probierte immer wieder etwas Neues aus und es wurde ihm offensichtlich auch zugetraut, mit einer gewissen Summe Geld in der Hand des Öfteren neue Pfade zu betreten.

Nach „Die Welt der Sensationen“ ging es mit seiner Karriere dennoch nicht mehr lange weiter. 1961 erschienen noch einige Regiearbeiten von Joseph M. Newman auf der Leinwand, die gänzlich oder in Teilen dem Überbegriff Kriminal- oder Gangsterfilm zugeordnet werden können. Darunter findet sich ein Biopic über den Schauspieler und Tänzer George Raft, der in die Unterwelt verwickelt gewesen ist, mit deutschem Titel „Der tanzende Gangster“ – Newman kannte auch den wirklichen Raft, insbesondere durch die Zusammenarbeit an dem Film „Geheimdienst schlägt zu“ (1951). Unter Newmans letzten Kino-Ausflügen findet sich außerdem die einzige Episode der TV-Serie „Der Asphaltdschungel“, die mittels einer verlängerten Fassung für eine Kino-Auswertung aufbereitet wurde. Hinzu gesellte sich auch noch ein Western: „Massaker im Morgengrauen“ (1961). Ansonsten inszenierte Newman von 1960 bis 1965 nur noch für das Fernsehen und zog sich dann aus der Branche zurück. Er starb allerdings erst 2006, im Alter von 96 Jahren, und wurde noch kurz vor seinem Tod anlässlich der Arbeiten von Kollegen, mit denen er bekannt gewesen war, interviewt. Während der 30er-Jahre wurde bei der Oscar-Verleihung eine Zeitlang auch die beste Regieassistenz prämiert – in dieser Phase war auch Newman in jener Kategorie zweimal für die begehrte Auszeichnung nominiert. Über Regisseure seines Schlages aus der zweiten oder sogar dritten Reihe des klassischen Hollywoods sollte häufiger geschrieben und gesprochen werden.

Alles außer Ackermann

„Die Welt der Sensationen“ kam in Deutschland das erste Mal 1960 in einer gekürzten Fassung in die Kinos, bereits 1979 wurde der Film im Auftrag der ARD ein weiteres Mal synchronisiert. Anlass hierfür dürfte das Bestreben gewesen sein, die Geschichte in voller Länge zu präsentieren, da die Kinofassung auch später noch im Fernsehen gesendet wurde und insofern wahrscheinlich nie als verschollen gegolten hat. Erfreulich ist, dass beide Synchronfassungen sehr gelungen und hörenswert sind. Auch die zweite deutsche Version schafft es, atmosphärisch immer noch annehmbar zu funktionieren, trotz der verspäteten Entstehung nach 20 Jahren. Ein überraschender Höhepunkt der Neufassung ist die Besetzung von Christian Wolff in der Hauptrolle, dem es erstaunlich gut gelingt, das Charisma von Victor Matures Originalton einzufangen, obwohl man angesichts von Wolffs Film- und Fernsehauftritten in der Regel sicher nicht allzu schnell auf die Idee käme, gedankliche Parallelen ausgerechnet zu Mature zu ziehen. Wolff war bereits damals sowohl vor der Kamera als auch als Synchronsprecher sehr erfahren, erlangte aber später vor allem durch seine TV-Hauptrolle in „Forsthaus Falkenau“ nachhaltige Bekanntheit, die er von 1988 bis 2006 bemerkenswert lange verkörperte. Wolff ist gegenüber Heinz Engelmann in der ersten Synchronfassung sogar die originellere Besetzung, da Engelmann in den 50er-Jahren sehr häufig für diesen und jenen Star irgendwann einmal eingesetzt wurde. Bedauerlicherweise wurde hier auf Matures langjährigen Stammsprecher Curt Ackermann verzichtet, der in anderen um 1959/1960 in Deutschland erschienenen Filmen mit Victor Mature aber noch für ihn zu hören ist. Unabhängig davon ist Heinz Engelmann aber auch hier eine dermaßen sichere Bank, dass die Synchronfassung trotz dieses Kontinuitätsbruchs Freude macht, da Engelmann für die allermeisten Schauspieler, die er synchronisierte zu funktionieren wusste, was eine verblüffende Begabung ist, die in dieser Form – mit unglaublich vielen sehr gut gelingenden Einsätzen für viele verschiedene Schauspieler in Hauptrollen – Seltenheitswert genießt.

Sowohl mit der ersten als auch der zweiten deutschen Synchronfassung wurde „Die Welt der Sensationen“ bei Fernsehausstrahlungen leider im falschen Bildformat gesendet. Da eröffnet sich dem geneigten Betrachter beim Blick auf die Neuabtastung für internationale DVD-Veröffentlichungen, auch farblich, wirklich ein ganz anderes Filmerlebnis. Der Zirkusfilm ist nun gerade eines der Genres, bei denen Farbe und deren Gestaltung im Raum oft eine besonders große Rolle spielen und insofern ist eine ordentliche Abtastung des Bildes im korrekten Format Gold wert. Obwohl die USA schon vor mehr als zehn Jahren vorgelegt haben, wartet man in Deutschland leider immer noch vergeblich auf eine Heimkino-Veröffentlichung. Dabei hätte „Die Welt der Sensationen“ wegen seiner Schauspieler, aufgrund des relativ selten bewirtschafteten Genres sowie aufgrund kleiner Trash-Facetten, wenn man an die vergleichsweise kostengünstige Produktion und die etwas reißerische Kriminalnebenhandlung denkt, eigentlich sogar das Potenzial für eine Liebhaber-Veröffentlichung im Mediabook oder in einer Hartbox.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Rhonda Fleming haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Victor Mature und Vincent Price unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 22. Juni 2009 als DVD

Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: The Big Circus
Österreichischer Alternativtitel: Panik im Zirkus
USA 1959
Regie: Joseph M. Newman
Drehbuch: Irwin Allen, Charles Bennett, Irving Wallace
Besetzung: Victor Mature, Red Buttons, Rhonda Fleming, Gilbert Roland, Kathryn Grant, Vincent Price, Peter Lorre, David Nelson, Adele Mara, Charles Watts
Verleih: Allied Artists Pictures
Label/Vertrieb: Warner Archive Collection

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Draußen wartet der Tod – Mit Lockenkopf ins Western-Getümmel

The Last Frontier

Von Volker Schönenberger

Western // Hui, da trägt der gute Victor Mature aber einen skurrilen Lockenkopf zur Schau. Im selben Jahr wie „Draußen wartet der Tod“ drehte er mit „Der Speer der Rache“ („Chief Crazy Horse“) einen Western, in dem er einen Indianer verkörperte – den berühmten berühmten Häuptling Crazy Horse.

Die Indianer lauern schon

In „The Last Frontier“, so der Originaltitel, verkörpert Mature den Trapper Jed Cooper, dem nach erfolgreicher Jagd mit seinen Freunden Gus (James Whitmore) and Mungo (Pat Hogan) der Indianerhäuptling Red Cloud (Manuel Dondé) all ihre Pelze nebst Pferden und Gewehren abgenimmt. Der Stammesführer ist ungehalten, weil sich in seinen Jagdgründen Soldaten breitmachen. So lässt sich das Trio im nahe gelegenen Fort Shallan von Captain Glenn Riordan (Guy Madison) als Scouts anwerben. Jed verguckt sich schnell in die aparte Corinna Marston (Anne Bancroft), Ehefrau des Kommandanten Colonel Frank Marston (Robert Preston), der anfangs abwesend ist und sich bei seiner Rückkehr als tyrannischer und unbelehrbarer Mann entpuppt.

Indianer gegen Soldaten – und Victor Mature mittendrin

Weite Landschaften, Indianer auf dem Kriegspfad, Soldaten mit einem starrsinnigen Kommandanten, der keine Hemmungen hat, seine Männer in den Tod zu schicken, ein tapferer Held und eine schöne Frau – „Draußen wartet der Tod“ weist viele typische Merkmale eines klassischen Hollywood-Westerns auf und ist doch ein ungewöhnliches Werk in der Filmografie des großen Western-Spezialisten Anthony Mann („Meuterei am Schlangenfluss“). Das liegt nicht nur, aber hauptsächlich an der Figur Jed Cooper, von Victor Mature trotz der erwähnten Frisur mit ganz viel Spielfreude verkörpert. Der zum Scout gewordene Trapper trinkt gern mal einen, grölt dann herum und hält mit seiner Meinung nicht hinter den Berg, während er sich einen grinst. Das verleiht dem Film eine etwas absonderliche Leichtfertigkeit, die das ernste Thema der Indianerkriege in den Hintergrund rücken lässt. Unklar bleibt auch, weshalb Cooper unbedingt Soldat werden will, liebt er doch seine Freiheit und gibt er sich doch auch als ziviler Scout gern mal ungehorsam. Sieht der Trapper es als so erstrebenswert an, endlich „zivilisiert“ zu werden? Die Frage muss hier offen bleiben.

Noch ahnen Jed Cooper (M.) und seine Freunde nicht, dass …

Die Leichtfertigkeit schwindet später, wenn sich der Konflikt zwischen Jed Cooper und Colonel Marston zuspitzt. Das gipfelt in einem intensiven Zweikampf zwischen dem Scout und einem Untergebenen Marstons und einer anschließenden bedrohlichen Ruhe vor dem Sturm. Die Dreiecksgeschichte zwischen Cooper, Marston und dessen Frau Corinna stört da fast etwas, sie dient in erster Linie dem Zweck, den Konflikt der beiden Männer zu verschärfen. Die junge Anne Bancroft („Die Reifeprüfung“) hatte da zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Laufbahn noch nicht viel Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Die hatte allerdings Guy Madison („Der brennende Pfeil“), dessen Nebenrolle als Captain Riordan anfangs recht unbedeutend wirkt. Mit der Zeit entwickelt die Figur aber großes Profil – Riordan schwankt zwischen seinem Gehorsam als Offizier, seiner Loyalität zur Armee und seinem gesunden Menschenverstand, der ihm sagt, dass er seinen Vorgesetzten Colonel Marston stoppen muss.

… sich die Indianer nehmen, was sie begehren

Die Bild- und Tonqualität der Blu-ray ist gelegentlich uneinheitlich. Ein paar Mal lässt die Bildschärfe am Rand etwas nach. Insgesamt aber eine anständige Veröffentlichung eines schönen Westerns, auch wenn er nicht zu den bekanntesten und auch nicht zu den besten Regiearbeiten Anthony Manns zählt.

Abgebrannt gelangen die drei Trapper …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Victor Mature unter Schauspieler.

… nach Fort Shallan

Veröffentlichung: 7. Dezember 2017 als Blu-ray, 30. Oktober 2015 als DVD

Länge: 8 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Last Frontier
USA 1955
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Philip Yordan, Russell S. Hughes, nach dem Roman „The Gilded Rooster“ von Richard Emery Roberts
Besetzung: Victor Mature, Guy Madison, Robert Preston, Anne Bancroft, James Whitmore, Russell Collins, Peter Whitney, Pat Hogan
Zusatzmaterial: Bildergalerie, Trailershow, Wendecover
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films (Blu-ray), Al!ve AG (DVD)

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 explosive media / Koch Films

 

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Blut im Schnee – Eine Frage des Blickwinkels

Dangerous Mission

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Ein Mafia-Mord in einem New Yorker Nachtclub wurde von einer Person beobachtet, die das Ganze besser nicht gesehen hätte. Die Auftraggeber setzen daraufhin einen weiteren Killer an, der verhindern soll, dass die Geschehnisse an die Öffentlichkeit geraten. Die Spur führt ins bergige Hochland des Bundesstaats Montana – und dort lauern nicht nur gefährliche Menschen, sondern auch gefährliche Naturgewalten. Chief Ranger Joe Parker (William Bendix) versucht herauszufinden, welche Rollen Matt Hallett (Victor Mature) und Paul Adams (Vincent Price) spielen, die es beide auf jedes nur mögliche Date mit der schönen Louise Graham (Piper Laurie) abgesehen haben. Als Mörder wird zunächst der Indianer Katoonai Tiller (Steve Darrell) gejagt, doch nicht nur seine Tochter Mary (Betta St. John) hat Zweifel an der Schuld des Mannes. Ein Eingeborener ist schnell einmal zum Sündenbock gestempelt, denn ihm glaubt sowieso kaum jemand. Indessen gerät der als Zeugenmörder angeheuerte Killer ins Zweifeln, ob er seinen Job wirklich erledigen soll, doch die Mafia hat vorgesorgt und ihm einen weiteren Gangster hinterher geschickt, der dafür zu sorgen hat, dass der Menschenjäger den Job macht, für den er engagiert wurde, und ihn daran erinnern soll, was ihm andernfalls blüht.

„Blut im Schnee“ ist ein nennenswerter Genre-Mix, der bei der Kritik nicht gut ankam, aber differenziert betrachtet werden sollte. Einerseits ist es sicherlich berechtigt, dem Film vorzuwerfen, dass versucht wurde, möglichst viel Effektreiches zusammenzuwerfen – es wurde in 3D gedreht, was dem Publikum damals besondere Sensationen versprach. Andererseits muss man dem Streifen zugutehalten, dass sich die Story relativ ungewöhnlich zwischen Film noir, Abenteuer, Katastrophenfilm und (Neo-)Western bewegt. Der Film ist letztlich nichts Halbes und nichts Ganzes, erzählt seine Geschichte aber in einer Art und Weise, dass man ihm attestieren muss, inmitten der diversen Filme, bei denen man glaubt, sie zuvor schon einmal gesehen zu haben – weil sie sich zu sehr an konkreten Vorbildern und Genre-Konventionen orientieren –, doch recht eigenständig zu wirken. Ich habe wirklich sehr, sehr viele Filme des klassischen Hollywood-Kinos gesehen und auch viele, die sich untereinander ähnelten, aber es ist schwierig, ein Pendant zu „Blut im Schnee“ zu finden. Das macht das Krimidrama sympathisch, auch wenn es zweifelsohne spannender erzählt sein könnte und zu wenig aus seinen Figuren herausholt – die im Ansatz durchaus interessant und zum Teil überraschend ambivalent gedacht sind.

Überhastetes Ende

Die guten Ansätze beginnen schon damit, dass wir es zunächst einmal zwar mit einem Noir zu tun haben, der allerdings in Farbe produziert wurde und damit schon einmal mit der größten Konvention dieses Genres bricht, auf die es heute auch gern einmal weitestgehend reduziert wird. Noirs in Farbe sind ein generell zu wenig beleuchtetes, unterschätztes Thema – viele Definitionen des Noirs gehen zu einseitig davon aus, dass in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Bezogen auf schwarz-weiße Noirs sind diese Analysen auch oft sehr spannend, aber es waren eben nicht alle Noirs schwarz-weiß. Dass man sich auch bei der Produktion von „Blut im Schnee“ der visuellen (Schwarz-Weiß-)Traditionen des Noirs vollauf bewusst war, sieht man schon in der ersten Szene mehr als deutlich und auch später noch in der einen oder anderen Sequenz – im weiteren Verlauf des Films besonders prägnant in der Passage, als Louise Graham beinahe das Bewusstsein verliert.

Der nächste positive Ansatz ist die Figur des Killers, der sein potenzielles Opfer in die Berge verfolgt. Die Kritik warf der Rolle bzw. der Entlarvung der Person teils Vorhersehbarkeit vor – ich sehe das völlig anders. Der Aspekt, dass dieser Killer in einem Zwiespalt steckt und den Mord beinahe an den Nagel hängt, ehe er erneut unter Druck gesetzt wird, findet in den negativen Besprechungen dieses Films kein Gewicht. Es wurde seitens der Regie sicherlich versäumt, hier noch mehr herauszukitzeln und noch mehr hinsichtlich der Identität des Killers in die Irre zu führen, jedoch ändert das nichts daran, dass die Killer-Figur alles andere als ein Stereotyp ist. Sie gibt „Blut im Schnee“ einen noiresken doppelten Boden, der des Genres grundsätzlich würdig ist. Schädlich ist allerdings, dass man den Killer in der letzten halben Stunde dieses relativ kurzen Films dann einfach zu sehr frontal in ein überhastetes Finale hetzt, das von der differenziert durchdachten Rollengestaltung und der Qualität der beteiligten Schauspieler letztlich nicht mehr viel übrig lässt.

Weiterhin stieß es auf Kritik, dass der Waldbrand angeblich zusammenhanglos in die Geschichte gepresst wurde, da man damit gut spektakuläre 3D-Bilder kreieren konnte. Ich halte dem entgegen, dass dieser unerwartete Einschub angenehm mit Konventionen bricht und zusätzliche Verwirrung hinsichtlich der wirklichen Absichten des Killers schürt. Mehrfach wird die Figur hilfsbereit und gutmütig gezeigt, ehe schließlich die Maske fällt – letzteres wiederum nur gezwungenermaßen. Nicht zuletzt ein anderer Pluspunkt des Films: Die Zahl der 50er-Hollywood-Filme, die Indianer in einer zeitgenössischen Geschichte des Jahrzehnts verorten und damit Elemente eines Neo-Westerns generieren, ist überschaubar – und einer dieser Filme ist „Blut im Schnee“. Dazu die ebenfalls eher ungewöhnliche Schneekulisse, der beängstigende Lawineneinschlag und die vielleicht banale, aber trotzdem eindrucksvolle Szene mit der zerstörten Hochspannungsleitung und dem freidrehenden Stromkabel – zu der mir kein adäquates Pendant im damaligen Hollywood-Kino einfällt. Es sind Kleinigkeiten, aber eben viele Kleinigkeiten, die für sich allein alle nicht die Welt bedeuten, diesen Film jedoch zu einem Werk machen, das ausdrücklich kein Meilenstein, aber trotzdem etwas Besonderes ist.

Mature & Price – Ein vierfaches Wiedersehen

„Blut im Schnee“ war der dritte von insgesamt vier Filmen, in denen Victor Mature und Vincent Price gemeinsam zu sehen waren. Bereits zuvor hatten sie in den Noirs „Moss Rose“ (1947) und „Die Spielhölle von Las Vegas“ (1952) mitgewirkt – erstgenannter ein klassisches Exemplar, das im viktorianischen London spielt, der andere ein im damaligen Hier und Jetzt angesiedelter Genrebeitrag. So gesehen haben alle drei Noirs der beiden, einschließlich des Genre-Mix-Farbfilms „Blut im Schnee“, etwas Individuelles, obwohl es im Grunde alles Thriller sind, die unterschiedlichen Noir-Traditionen folgen. Das macht die Vielseitigkeit dieses Genres wunderbar transparent. Der rückblickend wohl denkwürdigste und größte Film, den Mature und Price gemeinsam drehten, sollte allerdings folgen: Das gut besetzte Zirkusdrama „Die Welt der Sensationen“ (1959), in dem Mature seine letzte Hollywood-Hauptrolle – mit namentlicher Nennung an erster Stelle des Vor- bzw. Abspanns – spielte. Neben Filmen wie „Die größte Schau der Welt“ (1952), „Trapez“ (1956) und „Held der Arena“ (1964) zweifelsohne einer der besten und wichtigsten Zirkusfilme des Hollywood-Kinos vor 1965 – in einem Genre mit überschaubarer Anzahl an Beiträgen. Sicherlich aber auch einer der unbekanntesten Zirkusfilme, da Victor Mature zu den Stars des 50er-Hollywoodkinos gehört, die von der Filmwissenschaft geradezu peinlich totgeschwiegen werden. Es sei denn, man redet von „Samson & Delilah“ (1949) – dann ist es etwas anderes, aber auch dann redet man vor allem vom Regisseur, Cecil B. DeMille.

Der Mann mit der kernigen Stimme

In Deutschland verbindet Victor Mature und Vincent Price zudem der Synchronsprecher Curt Ackermann. Er synchronisierte in den 50er-Jahren zwar etliche Stars, aber kaum einen so häufig wie Victor Mature – dieser lieferte sich dahingehend gewissermaßen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Jeff Chandler. Als Stimme von Mature – und auch als Stimme von Chandler – funktioniert die Verbindung von Schauspieler und Synchronsprecher so hervorragend, dass Curt Ackermann hier praktisch nicht adäquat zu ersetzen war. Zwei der besten Stammsprecher-Kombinationen, die die klassische Synchronisation hervorgebracht hat. Bekannter ist Ackermann heute aber als Stimme von Robert Mitchum, ab Mitte der 50er-Jahre, oder auch durch seine Rollen als Stimme von Vincent Price, beginnend mit dem Wachsfiguren-Horror „Das Kabinett des Professor Bondi“ (1953). Er synchronisierte Price zwar nicht allzu häufig, wird von einigen Price-Fans aber trotzdem als seine beste deutsche Stimme angesehen. In „Blut im Schnee“ hört man Ackermann als Stimme von Victor Mature, während Vincent Price von Wolfgang Lukschy synchronisiert wurde. Mir persönlich gefällt Curt Ackermann als Stimme beider sehr gut, ich mag allerdings auch Wolfgang Lukschy für Vincent Price lieber als in vielen seiner Synchronhauptrollen der damaligen Zeit, da er als Held relativ häufig fehlbesetzt war. Trotzdem favorisiere ich als Synchronsprecher von Vincent Price aber Friedrich Joloff, der ihn, dem jetzigen Recherche-Stand nach zu urteilen, zwar nur in vier Filmen synchronisierte, darunter aber denkwürdig in dem Epos „Die zehn Gebote“ (1956).

Wir – und unser heutiges Filmwissen …

Abschließend noch ein Spoiler – wer den Film noch nicht kennt, bitte ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterlesen: Ein weiterer Aspekt, der mir an „Blut im Schnee“ sehr gut gefällt, ist, dass der Film es relativ lange gut schafft, auch die von Victor Mature verkörperte Hauptfigur als möglichen Killer unter Verdacht zu halten. Mich hätte es bis zur Entlarvung von Vincent Price tatsächlich nicht überrascht, wäre doch Mature der Übeltäter gewesen und Price – gerade erst als Star geboren – hier zum Helden avanciert. Leider wird Price zu früh entlarvt und, wie oben bereits beschrieben, zum Finale hin unnötig demontiert. Man muss zudem auch gewichten, dass es rückblickend vielleicht naheliegend sein mag, dass Vincent Price sich am Ende als der Schurke entpuppt, damals allerdings war Price noch bei weitem nicht so sehr mit dem Image behaftet, häufig negative Rollen zu spielen. Hier taucht er zunächst als unscheinbarer, biederer Tourist in einem Hotel auf – wer da gleich die Alarmglocken schrillen hört, hat eben einfach zu viele seiner späteren Filme im Hinterkopf. Price war 1954 noch nicht als Horrorfilmdarsteller etabliert und als Schurkendarsteller auch nicht – schon allein deswegen, weil er bis Anfang der 50er-Jahre auch noch regelmäßig in mittelgroßen Nebenrollen zu sehen war. In „Moss Rose“, der ersten Zusammenarbeit mit Victor Mature, spielte Price sogar einen Polizei-Inspektor. Ganz so simpel ist es mit der Vorhersehbarkeit dann eben doch einfach nicht. Aus heutiger Sicht ist es natürlich einfach gesagt, dass Price am Ende sowieso meistens der Schurke ist. Zugegebenermaßen wurde eine angebliche Vorhersehbarkeit auch schon von zeitgenössischen Kritikern bemängelt, aber hier wurde meines Erachtens übersehen, dass es keine Selbstverständlichkeit war, dass Victor Mature als Täter sowieso ausscheidet, nur weil er die Hauptrolle spielte. Wenn man Mature natürlich von vornherein ausschließt, läuft alles auf Price hinaus – das ist richtig, aber dann eben auch nicht das Versäumnis des Films oder der Regie, sondern Vorurteilen geschuldet. Aus meiner Sicht, wurde seitens der Drehbuchautoren und der Regie sehr deutlich probiert, Mature über geraume Zeit des Films undurchschaubar zu belassen – und das ist für so eine Rolle im damaligen Hollywood-Kino sogar recht ungewöhnlich und positiv zu erwähnen. Auf dieser Basis kann ein Noir durchaus gut funktionieren. Unglücklich ist aber in jedem Fall, dass das für die bisherigen DVD-Veröffentlichungen verwendete Plakatmotiv den Täter eindeutig preisgibt. Vermutlich war das auch schon bei der Kinoauswertung ein Problem.

Wiederentdeckung wünschenswert

Wieder einmal haben sich die Spanier als Vorreiter entpuppt: „Blut im Schnee“ gibt es – genau wie auch „Schwarze Trommeln“ – zwar dort als DVD, allerdings noch nicht einmal aus den USA oder Großbritannien. Die spanische DVD enthält sogar ein umfangreiches Booklet, und der Originalton ist auch dabei – so lassen wir uns das gefallen. Ob man aber die 3D-Fassung des Films irgendwann noch einmal zu Gesicht bekommen wird, bleibt ebenso abzuwarten wie eine deutsche oder amerikanische DVD. RKO-Produktionen erscheinen in Deutschland leider sowieso nur selten auf DVD – eine Marktlücke, die es dringend zu schließen gilt. Da RKO bereits 1955 umfangreiche Neustrukturierungsmaßnahmen vollzog und binnen weniger Jahre gänzlich aus der Filmproduktion verschwunden war, während andere Studios wie Paramount, Warner, Universal, Fox, Columbia, Disney oder MGM jahrzehntelang alle Krisen irgendwie überstanden, scheint sich für RKO-Filme heute kaum noch jemand zuständig zu fühlen. Es ist eben das eine Studio der sogenannten „Big Five“, das sozusagen auf der Strecke geblieben ist. Von den „Big Five“ war es damals zwar auch das kleinste, dennoch aber eines der wichtigsten Studios Hollywoods. In Spanien hat man 2016 zumindest einmal nachgelegt und gleich eine ganze Box mit für RKO entstandenen Victor-Mature-Filmen veröffentlicht. Diese enthält neben „Blut im Schnee“ unter anderem auch die vorausgegangene zweite Zusammenarbeit mit Vincent Price: „Die Spielhölle von Las Vegas“. In Italien gibt es zumindest die Einzeledition von „Blut im Schnee“ seit 2016 auch auf DVD. Werden wir die nächsten sein?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Victor Mature und Vincent Price sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Spanien): 20. Juli 2011 und 30. März 2016 als DVD

Länge: 75 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dangerous Mission
USA 1954
Regie: Louis King
Drehbuch: Horace McCoy, W. R. Burnett, Charles Bennett
Besetzung: Victor Mature, Piper Laurie, William Bendix, Vincent Price, Betta St. John, Harry Cheshire, Steve Darrell, Walter Reed, Marlo Dwyer, Dennis Weaver
Verleih: RKO Radio Pictures

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Filmplakat: Fair Use

 

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