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Daylight – Mit Stallone im Tunnel

Daylight

Von Volker Schönenberger

Katastrophen-Thriller // Das nenne ich perfektes Timing: Kurz nachdem ich mit dem südkoreanischen „Tunnel“ (2016) und dem norwegischen „The Tunnel – Die Todesfalle“ (2019) zwei jüngere Katastrophen-Thriller im Tunnel rezensiert habe, veröffentlicht Turbine Medien Rob Cohens „Daylight“ (1996) mit Sylvester Stallone als schmuckes Mediabook. Die Gelegenheit kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen.

Feuersbrunst im Holland Tunnel

Der (im Film nie benannte) Holland Tunnel verbindet die Insel Manhattan in New York City mit Jersey City in New Jersey. Die Interstate 78 (ähnlich einer deutschen Autobahn) unterquert darin den Hudson River. Gedreht wurde „Daylight“ in den berühmten Cinecittà-Studios in Rom, weil es dort flutbare Sound Stages in ausreichender Größe gab.

Feuersbrunst im Holland Tunnel

An diesem Abend befindet sich in der Rush Hour auch ein Lkw-Konvoi unter den Fahrzeugen, der Sondermüllfässer geladen hat, um sie illegal in New Jersey zu entsorgen. Ein Auto mit drei jungen Juwelendieben rast auf der Flucht vor der Polizei in den Tunnel. Der Fahrer verliert die Kontrolle über den Wagen, hebt ab und wird auf die Ladefläche eines der Lastwagen geschleudert. Eine gigantische Explosion bringt Teile des Tunnels zum Einsturz und löst eine Feuerwalze aus, der sofort etliche Menschen zum Opfer fallen. Andere werden inmitten der Trümmer eingeschlossen.

Kit Latura wagt den Abstieg

Zufällig befindet sich Kit Latura (Sylvester Stallone) zum Zeitpunkt der Katastrophe am Tunneleingang. Der ehemalige Leiter des Katastrophenschutzes verdingt sich als Taxifahrer, seit er vor einiger Zeit aufgrund bestimmter (vorerst nicht ausdrücklich erläuterter) Ereignisse seines Postens enthoben wurde. Es gelingt ihm, das Heft des Handelns an sich zu reißen und durch einen Lüftungsschacht zu einer Gruppe Eingeschlossener zu gelangen, darunter die erfolglose Bühnenautorin Madelyne Thompson (Amy Brenneman), die dem Big Apple gerade den Rücken kehren will, der sehr von sich eingenommene Roy Nord (Viggo Mortensen), Chef einer Sportartikelfirma, der Polizist George Tyrell (Stan Shaw), die voneinander entfremdeten Eheleute Sarah und Steven Chrighton (Karen Young, Jay O. Sanders) und ihre halbwüchsige Tochter Ashley (Danielle Harris) sowie ein paar jugendliche Insassen eines Gefangenentransports (darunter Sylvester Stallones 2012 verstorbener Sohn Sage).

Bei den Überlebenden muss er sich durchsetzen

„Twister“ (1996) hatte Mitte der 1990er-Jahre eine kleine Welle an Katastrophenfilmen eingeleitet. „Daylight“ startete im Dezember 1996 in den US-Kinos, sieben Monate nach dem Tornado-Thriller. Trotz großer Erwartungen spielte das Tunnel-Inferno weltweit nur knapp das Doppelte seiner Kosten von 80 Millionen US-Dollar ein. An den US-Kinokassen erzielte „Daylight“ sogar nur 33 Millionen Dollar, galt deshalb in Hollywood als Flop, was dem damaligen Top-Star Sylvester Stallone einen kleinen und Regisseur Rob Cohen („Dragonheart“) einen größeren Karriereknick bescherte, von dem sich Cohen erst 2001 mit „The Fast and the Furious“ erholte.

Abstieg durch die Ventilatoren

An der Action und den Schauwerten kann es nicht gelegen haben, diese sind beträchtlich, beginnend mit der gewaltigen Feuersbrunst im Tunnel mit ihren zahlreichen Opfern. Es folgen etliche Situationen, in denen Beteiligte haarscharf mit dem Leben davonkommen oder ihr Leben lassen. Wer das für effekthascherisch hält, liegt völlig richtig, aber Effekthascherei ist dem Katastrophenfilm ja geradezu systemimmanent. Glaubwürdigkeit und Logik hingegen sind in vielen Fällen eher entbehrlich, so auch hier. Natürlich ist es spannend, wie sich Kit Latura durch die überdimensionalen Ventilatoren des Lüftungsschachts hangelt, auch wenn wir zu diesem frühen Zeitpunkt des Films natürlich wissen, dass er durchkommt. Arg überkonstruiert wirkt allerdings, wie er in dieser Passage in Lebensgefahr gerät und viermal nahezu in letzter Sekunde davonkommt – sogar mit angezeigtem Countdown. Ganz so dreist kommt es in der Folge immerhin nicht mehr.

Madelyne und Kit geben einander Halt

Die Charakterzeichnungen des kleinen ums Überleben kämpfenden Trupps sind mit Schablone am Reißbrett entstanden, auch das kennt man vom Genre zur Genüge, obwohl es auch anders geht, wie beispielsweise der Klassiker „Poseidon Inferno – Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) beweist. Stallone ragt aufgrund seiner Starpower etwas aus dem ansonsten weitgehend gleichberechtigten Ensemble heraus. Sein Kit Latura ist ein gradliniger, aufrechter Typ, der tut, was ein Mann eben tun muss, Selbstzweifel inbegriffen. Man kann den Schauspieler Stallone mit Häme überziehen, wenn man will – oder ihn trotz seiner nicht zu leugnenden darstellerischen Limitierungen einfach ab und zu gern anschauen (was ich bevorzuge).

Mediabook mit Dolby-Atmos- und Auro-3D-Tonspuren

Das „Daylight“-Mediabook von Turbine Medien enthält zwei Blu-rays, die sich lediglich im Ton unterscheiden: Auf der einen Disc sind je eine deutsche und englische Tonspur in Dolby Atmos enthalten, auf der anderen in Auro-3D. Zusätzlich enthalten beide Discs die deutsche und die englische Fassung in DTS 2.0. Mangels technischer Ausstattung habe ich mit der 2.0-Tonspur vorliebgenommen, an der ich in beiden Sprachfassungen ebenso wenig auszusetzen hatte wie an der Bildqualität. Kernstück des Zusatzmaterials auf den Discs ist außer dem Audiokommentar von Regisseur Rob Cohen ein gut halbstündiges Making-of, hinzu kommen weitere Features (siehe Auflistung unten). Das mit 40 Seiten üppig ausgefallene Booklet beginnt mit einem Vorwort von Rob Cohen, der in fesselnder Weise von einem Nahtoderlebnis berichtet, das er 1979 bei einer Feuersbrunst in Boston hatte. Es folgen Texte von Tobias Hohmann über Sylvester Stallone, den Katastrophenfilm im Allgemeinen und die Entstehung von „Daylight“ im Besonderen. Ein Interview mit Rob Cohen beschließt das Booklet. Einmal mehr eine feine Edition aus dem Hause Turbine Medien. „Daylight“ hat viel Kritik eingesteckt, aber auch seine Fans gefunden. Zu den Highlights des Katastrophenfilms zählt der Tunnel-Thriller nicht, bietet gleichwohl spannende Action-Unterhaltung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Rob Cohen haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Viggo Mortensen und Sylvester Stallone unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. April 2021 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (2 Blu-rays), 3. Februar 2011 als Blu-ray, 15. Mai 2003 als DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Daylight
USA 1996
Regie: Rob Cohen
Drehbuch: Leslie Bohem
Besetzung: Sylvester Stallone, Amy Brenneman, Viggo Mortensen, Dan Hedaya, Jay O. Sanders, Karen Young, Claire Bloom, Vanessa Bell Calloway, Renoly Santiago, Colin Fox, Danielle Harris, Sage Stallone, Barry Newman
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar von Regisseur Rob Cohen, Making-of (33 Min.), Featurette USA (6 Min.), Featurette International (8 Min.), „Memories with Muscle“ – Make-up-Legende Giannetto De Rossi über seine Arbeit mit Sylvester Stallone (12 Min.), Musikvideo „Whenever There Is Love“ (5 Min.), US-Teaser und -Trailer, deutscher Trailer, Bildergalerie, 40-seitiges Booklet mit einem Vorwort von Rob Cohen, Texten von Tobias Hohmann und einem Interview mit Rob Cohen
Zusatzmaterial Blu-ray & DVD: keins
Label/Vertrieb Mediabook: Turbine Medien
Label/Vertrieb Blu-ray & DVD: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Mediabook-Packshot: © 2021 Turbine Medien,
Blu-ray-Packshot: © 2011 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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Green Book – Eine besondere Freundschaft: So etwas können wir gerade gut gebrauchen

Green Book

Kinostart: 31. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Tragikomödie // Mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachtet Frank „Tony Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen, „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“) eindringlich zwei leere Gläser in der Spüle seiner Wohnung, die er sich mit seiner Frau Dolores (Linda Cardellini) und seinen zwei jungen Söhnen teilt. Hat besagte Ehefrau aus diesen Gläsern doch kurz zuvor erst zwei afroamerikanischen Klempnern Wasser zum Trinken angeboten. Im Amerika der 1960er-Jahre und insbesondere der New Yorker Bronx war ein Besuch ebensolcher Handwerker wohl nicht nur Grund genug, dass die halbe Verwandtschaft zu Besuch kam, um die scheinbar schutzlose Hausfrau zu beschützen. Auch Frank lässt sich von der rassistischen Grundstimmung seiner anwesenden Verwandten und Freunde nur allzu leicht dazu verleiten, die Handwerker mit skeptischen Blicken zu bedenken und später die besagten Trinkgefäße doch lieber still und heimlich im Mülleimer zu entsorgen.

Solange die Bezahlung stimmt, ist Tony für fast jeden Job zu haben

Frank ist ein grundsolider, eher einfach gestrickter Typ und gerade deswegen im Grunde genommen ein an sich herzenssympathischer Zeitgenosse. Seinen deutlich leichter von der Zunge gehenden Spitznamen „Tony Lip“ (sein Nachname wird im Film noch einige phonetische Komplikationen verursachen) hat er sich bereits zu Schulzeiten redlich verdient – scheint der Gute doch tatsächlich in der Lage zu sein, sich mit seiner verbalen Schlagfertigkeit wirklich aus jeder Situation noch irgendwie herausquasseln zu können. In der Schule hat er es allerdings nicht über die siebte Klasse hinaus geschafft. Seine wahre Schule war die harte Realität des Lebens auf den Straßen in der New Yorker Bronx. Dort hat er nahezu jeden noch so ungemütlichen Job ausgeübt, den es für einen Italo-Amerikaner aus der Arbeiterschicht dort gibt.

Liebender Familienvater – Knallharter Türsteher

So auch seine aktuelle Beschäftigung als Türsteher im renommierten Nachtclub „Copacabana“. Bei der der kompromisslose Haudegen nicht einmal davor zurückschreckt, frevelhafte Gäste rüde aus dem Laden zu werfen, selbst wenn er von deren Mafia-Verbindungen weiß. Als das Etablissement kurz nach seiner letzten Rauswurfaktion für einige Monate wegen Renovierungsarbeiten schließen muss, bekommt Tony Wind vom Jobangebot eines gewissen „Doc“ Shirley, der für acht Wochen einen Fahrer sucht. Im Glauben, es mit einem wohlhabenden Arzt zu tun zu haben, der bestimmt gutes Geld springen lässt, macht er sich erwartungsvoll auf den Weg zum Vorstellungsgespräch. Die finanzielle Versorgung seiner Familie hat für ihn stets höchste Priorität.

Doc (r.) ist nicht der ganz der Auftraggeber, den Tony erwartet hat

Umso erstaunter ist er, als er in dessen New Yorker Luxuswohnung direkt über der berühmten Carnegie Hall als Auftraggeber nicht den von ihm erwarteten weißen Arzt vor sich hat, sondern einen weiteren Afroamerikaner (Mahershala Ali, „Moonlight“). Dieser stellt sich als „Doc“ Don Shirley vor, seines Zeichens nicht nur ein überaus gebildeter Mann, sondern auch ein außerordentlich talentierter, aufstrebender Konzertpianist. Dessen Plattenlabel will ihn auf große Konzert-Tour durch den Mittleren Westen und vor allem den Süden der USA schicken. In den 1960ern-Jahren stellt das aufgrund von Shirleys Hautfarbe ein Unterfangen dar, dass mit gewissen Risiken verbunden ist.

Der richtige Mann für den Job?

Dank seiner Fertigkeiten scheint Tony für den Job als fahrender Bodyguard perfekt geeignet zu sein. Und obwohl die grundverschiedenen Männer bereits beim Vorstellungsgespräch verbal auf Kollisionskurs gehen, bekommt er schlussendlich dennoch den Job. Tonys wichtigstes Hilfsmittel bei der anstehenden Tour: das berüchtigte „Green Book“, das Lokale und Motels auflistet, in denen auch schwarze Amerikaner willkommen sind beziehungsweise solche Herbergen, in denen ausschließlich afroamerikanische Bürgerinnen und Bürger bewirtet und untergebracht werden.

Die beiden Männer könnten in ihren Wesenszügen kaum unterschiedlicher sein

Zu Beginn des mehrwöchigen Roadtrips entsteht jedoch der Eindruck, als werde der gefürchtete, stets lauernde Alltagsrassismus gar nicht das größte Problem sein. Vielmehr scheinen die endlosen gemeinsamen Stunden im Auto für die beiden Extremcharaktere eine viel größere Herausforderung darzustellen. Wem der beiden Männer wird es schwerer fallen, mit seinem ungewohnten Mitfahrer klarzukommen?

Buddy-Komödie mit ernstem Hintergrund

Trotz des ernsten und vor allem bedrückenden historischen Hintergrunds schafft es Regisseur Peter Farrelly, dass Potenzial der gemeinsamen, kammerspielartigen Zeiten seiner beiden Protagonisten auf äußerst unterhaltsame Weise für einen überraschenderweise ausgesprochen humorvollen Film zu nutzen. Im Gegensatz zum slapstickartigen und mitunter etwas stumpfen Humor seiner ersten Regieerfolge wie „Dumm & Dümmer“ (Regiedebüt 1994) und etwa „Verrückt nach Mary“ (1998) gelingt es dem komödienerfahrenen Regisseur in „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ jedoch, dessen komödiantische Möglichkeiten mit ungemein viel Feingefühl und intelligentem Wortwitz anspruchsvoll zur vollen Entfaltung kommen zu lassen.

Der belesene Doc hält vor allem von Tonys vulgärer Sprache nicht sonderlich viel

Sein größtes Glück ist hierbei natürlich, auf zwei fantastische Hauptdarsteller setzen zu dürfen. Die hauchen den sympathischen und hochinteressanten Figuren mit ihrer Schauspielkunst nicht nur eine Menge Leben und Wärme ein, sondern harmonieren darüber hinaus auch bestens im Zusammenspiel. Viggo Mortensen verkörpert den leicht dickbäuchigen, dauerquasselnden Vielfraß Tony sprichwörtlich mit Haut und Haaren – man muss ihn als Typen einfach gern haben. Einen wie „Tony Lip“ wüsste wohl jeder gern als Beschützer an seiner Seite. Seine dennoch mitunter etwas rüde anmutenden Verhaltensweisen, sein ausgeprägter Straßenslang – all das steht im krassen Gegensatz zum stets zugeknöpften und außerordentlich bedacht agierenden Doc Shirley.

Finden Sie es eigentlich gut, wie Sie reden?

Für den kann es derzeit kaum einen besseren Darsteller geben als Mahershala Ali. Kann er doch zum wiederholten Male durch seine Fähigkeit zur Darstellung von vornehmlich zurückhaltend und verschlossen agierenden Charakteren überzeugen, deren wenige aber umso imposantere Gefühlsausbrüche durch sein kraftvolles Spiel dadurch umso beeindruckender wirken. Erneut weise ich darauf hin, auch diesen Film nach Möglichkeit in der englischsprachigen Originalfassung zu schauen. Nicht nur wegen des von Mortensen präsentierten, großartigen New Yorker Slangs. Ein beachtlicher Teil der Komik des Films beruht auf Tonys vermeintlichen sprachlichen Defiziten sowohl in Aussprache als auch Grammatik und Inhalt – zumindest in den Augen von Doc Shirley, der dies seinen Fahrer nur zu gern und wiederholt wissen lässt. Inwiefern das in der deutschen Fassung gleichwertig umgesetzt werden kann, kann ich nicht beurteilen.

Nichtsdestotrotz müssen sie sich miteinander arrangieren

Doch schlägt „Green Book“ notwendigerweise auch immer wieder ernste Töne an. Das Thema Rassismus wird trotz all der zahlreichen, humorvollen Momente sowie der feinen Komik immer wieder mit allem nötigen Ernst und Respekt angemessen in Erinnerung gerufen. Gerade die humorigen Elemente sowie die zunehmende Freundschaft, die sich zwischen den so unterschiedlichen Protagonisten entwickelt, sind als Gegengewicht zur Ernsthaftigkeit mancher Sequenzen eine ausgesprochen gute Wahl. Wird hierdurch der Rassismus doch vor allem als das entlarvt, was er ist: eine himmelsschreiende Dummheit, ohne nachvollziehbare Grundlage, ohne Recht auf Existenz. Gerade Tony ist durch seine manchmal etwas einfach anmutende, naive Art als Figur besonders gut in der Lage, die Absurdität hinter dem „Konzept“ einer rassistischen Weltanschauung im Lauf der Geschichte immer stärker herauszustreichen. Dadurch legt er bei seinen Gegenübern deren fehlende argumentative Basis für deren auf Vorurteilen basierendes Weltbild schonungslos offen.

Ein Mann, bereit sich zu ändern

Tonys zunächst noch bestehender latenter Rassismus, der in seiner anfänglichen Glasbeseitigungsaktion zum Ausdruck kommt, entspringt ein Stück weit auch seinem mangelnden Wissen von der Welt außerhalb der Bronx. Ist er doch mitunter beinahe schon von einer kindlichen Überraschung befallen, wenn er etwa feststellen muss, dass sich Doc überhaupt nicht so verhält, wie „seine Leute“ es doch eigentlich tun würden – zumindest in Tonys Vorstellung, versteht sich. Seine gemeinsame Zeit mit dem Pianisten versetzt ihn in die Lage, zu lernen, dass die Welt nicht immer die zu sein scheint, die sie in ihrer tückischen Einfachheit manchmal zu sein vorgibt. Und insbesondere Tonys Frau Dolores profitiert dabei besonders von der intellektuellen Nachhilfe durch Doc.

Tonys Ehefrau Dolores ist von der ungewohnt poetischen Seite ihres Mannes überrascht und berührt

Besonders tragisch angelegt ist dagegen die Figur des Doc als verlorene, einsame Seele zwischen den Welten. Trotz seiner begnadeten Talente am Klavier und seiner guten Bildung – von den meisten „Weißen“ wird er dennoch nie als einer der „Ihren“ angesehen. Wohingegen er, im feinen Anzug und mit entsprechender Attitüde, in den heruntergekommenen Motels „seiner Leute“ ebensowenig Anschluss findet. Dass Doc darüber hinaus auch noch homosexuell zu sein scheint, macht die ganze Sache für ihn erst recht nicht einfacher.

Doc hingegen scheint nirgends so wirklich dazuzugehören

Aber auch der daher verständlicherweise zurückhaltend agierende Doc ist wiederum in der Lage, dank Tonys Unbedarftheit ganz andere Facetten des Lebens kennenzulernen und seinem „wahren Ich“ vielleicht ein Stück weit näherzukommen. Umso toller wirkt die Beobachtung der filmischen Entwicklung dieser wunderbaren Freundschaft, in der beide Männer zunehmend voneinander zu lernen verstehen und ihre Ressentiments überwinden können.

Auf der Bühne ist er jedoch ganz in seinem Element

Die Geschichte wirkt umso großartiger, wenn man sich deren Echtheit vor Augen führt: Bis ins hohe Alter waren die realen Vorbilder eng miteinander befreundet und starben nur wenige Monate voneinander. Interessanterweise hat Tonys Sohn Nick Vallelonga dann auch am Drehbuch der filmischen Umsetzung dieser berührenden Freundschaft mitgewirkt, der in der amerikanischen Filmwelt bereits vielfältige Erfahrungen sammeln konnte – unter anderem als Schauspieler („GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“) sowie Regisseur („Stiletto“). Für eine gewisse Authentizität ist in „Green Book“ also gesorgt – und auch den titelgebenden Reiseführer hat es leider tatsächlich gegeben.

Ein Film, den wir gerade gut gebrauchen können

Der populäre US-Komiker Seth Myers hat in seiner Late-Night-Show ein Segment mit dem Titel „The Kind of Stories We Need Right Now“, in der er besonders skurrile und vor allem positive Meldungen aus aller Welt vorstellt und somit ein Gegengewicht zu dem Irrsinn aus Trumps Präsidentschaft zu setzen versucht, mit dem er sich ansonsten mehrheitlich beschäftigt. In diesem Sinne kann man auch „Green Book“ durchaus als einen Film betrachten, den man aufgrund seiner positiven Botschaft und Feel-Good-Movie-Attitüde gerade in der heutigen Zeit gern anschauen mag. Denn der im Film behandelte Rassismus sowie die rüde wie stumpfsinnige Ablehnung gegenüber Fremden allgemein ist gewiss kein Relikt der hier behandelten Zeit. Ganz im Gegenteil, sind die Ewiggestrigen doch nahezu überall auf dem Vormarsch, wie es scheint – zumindest muss man sie und ihre Ansichten leider wieder zunehmend wahrnehmen.

Trotz seiner Berühmtheit muss der Pianist schmerzhaft feststellen, dass er nicht überall willkommen ist – Tony (r.) versteht die Welt nicht mehr

Wenn man bei „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ zumindest mal nach etwas Anlass zur Kritik Ausschau halten will, dann lässt sich anführen, dass dieser positive Grundtenor und die Moral von der Geschichte mitunter ein klein wenig zu dick aufgetragen sind. Ebenso wie die manchmal etwas zu offensichtlichen Entwicklungen der beiden Hauptfiguren und ihrer Freundschaft. Dies wäre allerdings wirklich die berühmte Nadel im Heuhaufen eines rundum gelungenen Filmwerks. Denn geht es hier doch weniger um die Frage, ob Tony und Doc zu Freunden werden, sondern vor allem darum, auf welche Weise dies geschieht. Der Weg ist das Ziel – und dieser bietet ein höchst unterhaltsames Filmerlebnis. Die zahlreichen Auszeichnungen und Nominierungen bei hochklassigen Preisverleihungen sind gerechtfertigt – allein fünf Nominierungen bei den anstehenden Oscar-Verleihungen, Golden Globes für Drehbuch, als bester Film (Musical/Komödie) und Mahershala Ali, unverständlicherweise als Nebendarsteller. Gelingt doch nicht nur ein gelungener künstlerischer Spagat zwischen einer Vielzahl an Genres wie Komödie, Historienfilm, Biopic und Roadmovie – auch die Balance zwischen intelligentem Humor und ernsten Tönen ist durchweg gelungen. Obwohl es neben dem Grund zum Lachen auch immer wieder Grund zum Weinen und Ärgern gibt – das Lachen überwiegt. Schaut euch „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ selbst an, ich kann die Tragikomödie nur wärmstens empfehlen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Viggo Mortensen sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Ziemlich beste Freunde: Doc (l.) und Tony

Länge: 131 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Green Book
USA 2018
Regie: Peter Farrelly
Drehbuch: Peter Farrelly, Brian Hayes Currie, Nick Vallelonga
Besetzung: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Don Stark, Brian Stepanek, Sebastian Maniscalco, Iqbal Theba, Dimiter D. Marinov, Mike Hatton, Tom Virtue, Paul Sloan
Verleih: Entertainment One Germany

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat, Trailer & Szenenfotos: © 2018 Entertainment One Germany

 

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Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück: Zerbrechliches Paradies

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Captain Fantastic

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, alles hinter sich zu lassen, dem Lärm, dem Druck und den Konventionen der modernen Welt zu entfliehen? Einfach einen Neuanfang zu machen, abgeschieden von der Zivilisation nach eigenen Regeln und autark im Einklang mit der Natur zu leben. Ben (Viggo Mortensen) und seine Frau Leslie (Trin Miller) haben diesen Schritt gemacht: Im Nordwesten der USA haben sie sich in der Einsamkeit der Berge ihr kleines Paradies aufgebaut.

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Aussteiger Ben und seine Familie leben in der Isolation nach eigenen Regeln

Leslie sehen wir nur in kurzen Rückblenden. Sie ist schon seit längerer Zeit in der Stadt wegen Depressionen in einer Psychatrie in Behandlung. Ben führt derweil die Erziehung der sechs Kinder allein fort. Täglich trainiert er seine Sprösslinge in der Jagd, im Klettern und im Nahkampf. Der hochgebildete Aussteiger unterrichtet die Kinder auch. Anspruchsvolle Kost wie „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor M. Dostojewski und Vladimir Nabokovs „Lolita“ stehen neben anderen Literaturklassikern bei den Älteren auf dem Lehrplan. Die Kleinen haben keine Probleme damit, die „Bill of Rights“ auswendig aufzusagen. Am Abend wird der vom ältesten Sohn Bo (George McKay) erlegte Hirsch am Lagerfeuer gegessen und gemeinsam musiziert. Weihnachten und andere christliche Bräuche existieren für die Familie nicht, dafür wird am 7. Dezember der Geburtstag von Noam Chomsky gefeiert.

Die Idylle wird jäh gestört, als Ben die Nachricht erhält, dass Leslie Selbstmord begangen hat. Ihr Vater Jack (Frank Langella) macht Ben für den Tod seiner Tochter verantwortlich. Er stellt klar: Leslie soll gegen ihren Willen in ihrer Heimatstadt in New Mexico beerdigt werden. Ben ist auf der Trauerfeier nicht willkommen. Doch der denkt gar nicht daran. In einem alten Schulbus macht sich Ben mit den Kindern auf die Reise zur Beerdigung, um Leslie ihren letzten Wunsch zu erfüllen.

Autobiografische Einflüsse

Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Matt Ross („Aviator“) blickt mit seiner warmherzigen Komödie auf die eigene Jugend zurück. Mit seiner Mutter lebte er für einige Zeit in Kommunen irgendwo im Nirgendwo in Nordkalifornien und Oregon. „Während der Pubertät wurde es besonders schwierig“, erinnert sich Ross im Presseheft. „Ich war von gleichaltrigen Jugendlichen getrennt, als ich begann mich für das andere Geschlecht zu interessieren. Meine Freunde waren weit weg. Ich wollte aber sozialen Austausch in meinem Leben.“

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Die Geschwister haben ihre Sachen gepackt, um zur Beerdigung ihrer Mutter zu fahren

Dieser Konflikt tritt bei dem Roadtrip quer durch die USA zum Vorschein. Die Kinder sind zwar belesen und hyperintelligent, wissen aber nicht, wie man mit Menschen aus der „realen Welt“ kommuniziert. Am stärksten äußert sich die soziale Inkompetenz bei Bo. Er ist von mehreren Elite-Universitäten angenommen worden, aber als er auf einem Campingplatz ein Mädchen trifft, weiß er nicht, was er sagen und wie er sich verhalten soll. Als sie ihn abends auch noch küsst, macht Bo ihr gleich einen Heiratsantrag.

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Beim Besuch bei Bens Schwester Harper und ihrem Mann Dave prallen zwei Welten aufeinander

Die kleine Zaja (Shree Crooks) plappert brav nach, was ihr Vater ihr eingetrichtert hat: „Cola ist Giftwasser“ oder „Oma und Opa sind faschistische Kapitalisten“ – natürlich kann sie auch eine ausufernde Definition von „faschistische Kapitalisten“ liefern. Diese inbrünstig vorgetragenen Weisheiten und Ideale aus Kindermund und die verwirrten Reaktionen ihrer Mitmenschen darauf sind natürlich äußerst komisch, stimmen aber auch zutiefst nachdenklich. Denn während seine Geschwister von dem abgeschiedenen Leben im Wald noch beseelt sind, entlädt sich bei Bo bald die Selbsterkenntnis in Zorn auf den Vater: „Du hast aus uns Freaks gemacht!“ Das vermeintliche Paradies beginnt zu zerbrechen.

Anrührende Ode an das Leben

So stellt „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ auch die Frage, welcher Weg der Erziehung heutzutage der richtige ist – ohne dabei die soziale Utopie zu glorifizieren. Der freiheitsliebende Ben – Viggo Mortensen erhielt für seine brillante Darstellung eine Golden-Globe-Nominierung – muss dabei einige schmerzliche Entscheidungen treffen. Sind seine Kinder vielleicht besser bei den verhassten Großeltern aufgehoben? Müssen sie überhaupt vor den Gefahren der modernen Welt geschützt werden? Sollen sie nicht ihre eigenen Erfahrungen sammeln? Ist es heutzutage wichtiger, die Schriften von Karl Marx zu kennen, oder zu wissen, wie ein Smartphone funktioniert?

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Die Eltern von Leslie reagieren schockiert, als sie …

Mit einer A-Capella-Version von „Sweet Child O’Mine“ bringt Matt Ross die emotionale Reise zu einem wunderschönen Ende. Ihm ist eine anrührende und kluge Ode an das Leben gelungen. Bei den Filmfestspielen von Cannes 2016 gewann Ross für „Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ den Regiepreis in der Sektion „Un Certain Regard“.

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… Ben und seine Kinder bei der Beerdigung erblicken

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Frank Langella und Viggo Mortensen sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Captain Fantastic
USA 2016
Regie: Matt Ross
Drehbuch: Matt Ross
Besetzung: Viggo Mortensen, George MacKay, Samantha Isler, Annalise Basso, Nicholas Hamilton, Kathryn Hahn, Steve Zahn, Frank Langella, Missi Pyle
Zusatzmaterial: Making-of, B-Roll
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 Universum Film

 

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