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Horror für Halloween (XXXI): Das Grab der Lygeia – Krönender Abschluss von Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Zyklus

The Tomb of Ligeia

Von Volker Schönenberger

Horror // Wenn schon Vincent Price „Das Grab der Lygeia“ als seinen Lieblingsfilm aus Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Zyklus bezeichnet hat, kann man dagegen natürlich überhaupt nichts mehr sagen. Mein Favorit bleibt „Das Pendel des Todes“ („Pit and the Pendulum“) von 1961, gefolgt vielleicht von „Lebendig begraben“ („Premature Burial“, 1962), in welchem Ray Milland den vertraglich verhinderten Price ausnahmsweise ersetzte, aber meine Reihung hat persönliche Gründe. In einer IMDb-Rangliste mit den Wertungen dort angemeldeter Filmfreunde befindet sich „Das Grab der Lygeia“ nur auf dem achten und damit letzten Rang, allerdings schwanken die Wertungen aller acht Filme auf der Zehnerskala denkbar gering zwischen 6,6 und 6,9. Das passt auch, da ich alle Filme hoch einschätze, wobei „Der grauenvolle Mr. X“ („Tales of Terror“, 1962) und „Der Rabe – Duell der Zauberer“ („The Raven“, 1963) noch der Sichtung harren. An Roger Cormas Poe-Regiearbeiten inklusive des Lovecraft-Wolf-im-Poe-Schafspelz-Beitrags „Die Folterkammer des Hexenjägers“ („The Haunted Palace“, 1963) gibt es jedenfalls kein Vorbeikommen, will man sich mit dem Horrorfilm der 1960er-Jahre befassen.

Lady Lygeia wird zu Grabe getragen

1960 mit „Die Verfluchten“ („House of Usher“) begonnen, setzte Roger Corman den Schlusspunkt seines Edgar-Allan-Poe-Zyklus vier Jahre später mit „The Tomb of Ligeia“. Zu Beginn muss Lord Verden Fell (Vincent Price) seine geliebte Gemahlin Lygeia (Elizabeth Shepherd) zu Grabe tragen. Offenbar hat sie Selbstmord begangen, man will dem trauernden Witwer die Beerdigung auf dem geweihten Friedhof verweigern. Eine schwarze Katze springt auf den Sarg, die Tote schlägt die Augen auf. Nur ein Reflex des Leichnams? Lord Fell gerät aus dem Häuschen.

Vom Pferd in den Hafen der Ehe gestürzt

Bald darauf nähert sich eine Reitgesellschaft auf Fuchsjagd dem Gottesacker. Das Pferd von Lady Rowena Trevanion (ebenfalls Shepherd) scheut vor einer schwarzen Katze, sie stürzt zu Boden. Der Lord kommt hinzu und versorgt die leicht Verletzte. Beide sind voneinander fasziniert, Verden von der Lady nicht zuletzt deswegen, weil sie ihn sehr an seine Frau erinnert. Nach einiger Zeit heiraten die beiden, doch mysteriöse Geschehnisse künden von drohendem Unheil. Was hat die schwarze Katze damit zu tun?

Außenaufnahmen in Stonehenge

Angeblich war es Vincent Price, der Roger Corman zu Außenaufnahmen überzeugte, weil er gern mal in einer Burgruine drehen wollte. Die Wahl fiel auf das Castle Acre Priory in der ostenglischen Grafschaft Norfolk. Auch zwischen den Monolithen von Stonehenge wurde gefilmt. Ein reizvoller Kontrast zu den wie gewohnt im Studio entstandenen Szenen, die im Innern der von Lord Fell bewohnten Abtei spielen. In seiner einzigen Zusammenarbeit mit Roger Corman schuf Hammer-Films-Kameramann Arthur Grant („Sie sind verdammt“, „Nächte des Grauens“) betörende Bilder, an denen wir uns kaum sattsehen können, Eine verfallene Abtei und die Steinkreise von Stonehenge sind natürlich auch eine Bank. Die aufwendige Ausstattung reichert die Motive zusätzlich an. So klar und kräftig die Bildgestaltung, so rätselhaft gibt sich die Geschichte, was aber nicht als Kritik gemeint ist. Welches Band spinnt sich da im Dreieck mit Lord Verden Fell, Lady Lygeia und Lady Rowena? Ein übernatürliches Band, so viel wird bald deutlich, aber etwas Wahn mag auch dabei sein.

Lord Verden Fell kann seine erste Frau nicht vergessen

Price war aufgrund seines Alters gar nicht mal erste Wahl für Corman und dessen Drehbuchautor Robert Towne, aber weil American International Pictures als US-Verleih im Boot war und den Film mitfinanzierte, wurde der 53-jährige US-Star für die englische Produktion gecastet und mithilfe von Perücke und Make-up etwas verjüngt. Corman hatte sich wohl mehr als genug mit Edgar Allan Poe befasst, wollte zu neuen Ufern aufbrechen. Seine nächste Regiearbeit nach „Das Grab der Lygeia“ bestätigt diese Annahme: „Die wilden Engel“ (1966) mit Peter Fonda und Bruce Dern spielt im kalifornischen Rockermilieu, denkbar weit entfernt vom Gothic Horror Lygeias.

Roger Corman nimmt sich Freiheiten

Wer den Film mit der literarischen Vorlage vergleichen will, kann dies online sowohl anhand einer deutschen Übersetzung als auch mit dem englischsprachigen Originaltext erledigen. Wenig überraschend: Man wird Unterschiede feststellen. Corman nahm sich einige Freiheiten und fügte diverse Elemente hinzu, das tut bei Edgar Allan Poe auch bitter Not, der Regisseur hat es im gesamten Zyklus so gehandhabt. Wer will es ihm angesichts der brillanten Resultate verdenken?

Was meint Robert Zion zu Lygeia?

In seinem 2018 in Eigenregie veröffentlichten Buch „Roger Corman – Die Rebellion des Unmittelbaren“ schreibt der Publizist Robert Zion im Kapitel über „Das Grab der Lygeia“, kein Gegenstand, kein Handlungselement, kein Bild nehme nicht eine symbolische Bedeutung an. Buchstäblich alles verweise auf die Anwesenheit des Geistes Lygeias, alles sei Symbol, Verweis, Allegorie. Glücklicherweise lässt sich der Film genießen, ohne jedes Detail diesbezüglich zu analysieren, aber Zion belegt damit, welch kluger Filmemacher Roger Corman war und ist. Sein umfangreiches Buch über den Regisseur hat im Übrigen das Zeug zum Standardwerk. Die Lektüre des „Lygeia“-Kapitels empfiehlt sich nach Sichtung des Films, da Zion die Handlung bis zum Ende erzählt. Aber das gilt ja generell für solche analytischen Betrachtungen.

Mediabook mit zwei Covermotiven

Weshalb „Das Grab der Lygeia“ erst 1981 – mithin 17 Jahre nach der Premiere im Vereinigten Königreich – in die bundesdeutschen Kinos kam, entzieht sich meiner Kenntnis. Mit dem Mediabook von Koch Films in zwei Covervarianten hat Cormans Poe-Finale nun hierzulande eine angemessene Veröffentlichung erhalten. Für die Lektüre des Booklet-Texts von Nicolai Bühnemann gilt dasselbe wie für das Kapitel im Buch von Robert Zion: erst nach Sichtung des Films! Glücklicherweise gibt es in Deutschland keinen Mangel an fachkundigen Autoren. Mir kommt in Veröffentlichungen wie dieser kaum mal ein missratener Essay vor die Augen, und auch der von Bühnemann hält das gewohnte Niveau. Die Cover des Mediabooks gefallen mir beide, da wird manch ein Sammler doppelt zuschlagen oder bereits zugeschlagen haben. Am Bonusmaterial auf den Discs ist ebenfalls nichts auszusetzen, auch Bild- und Tonqualität haben einen nach oben gereckten Daumen verdient. Also spricht viel dafür, sich „Das Grab der Lygeia“ in die Sammlung zu stellen – ob ins Corman-Regal, ins Price-Regal oder schlicht ins Mediabook-Regal (auch wenn der eine oder andere Sammler dieses Formats die geringe Höhe der Koch-Editionen missbilligt). Gothic Horror in Reinkultur – schauderhaft gut.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Vincent Price unter Schauspieler. Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Regiearbeiten haben wir auch in der Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Lady Rowena erlebt Beängstigendes

Veröffentlichung: 6. Dezember 2018 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD in zwei Covervarianten), 11. Oktober 2005 als DVD (unter dem Titel „Das Grab des Grauens“)

Länge: 82 Min. (Blu-ray), 79 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Tomb of Ligeia
GB 1964
Regie: Roger Corman
Drehbuch: Robert Towne, nach einer Erzählung von Edgar Allan Poe
Besetzung: Vincent Price, Elizabeth Shepherd, John Westbrook, Derek Francis, Oliver Johnston, Richard Vernon, Frank Thornton, Ronald Adam
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar, Trailer, Interviews, Bildergalerie, 20-seitiges Booklet mit Texten von Nicolai Bühnemann
Label/Vertrieb Mediabook: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: MGM Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2018 Koch Films

 

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Blut im Schnee – Eine Frage des Blickwinkels

Dangerous Mission

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Ein Mafia-Mord in einem New Yorker Nachtclub wurde von einer Person beobachtet, die das Ganze besser nicht gesehen hätte. Die Auftraggeber setzen daraufhin einen weiteren Killer an, der verhindern soll, dass die Geschehnisse an die Öffentlichkeit geraten. Die Spur führt ins bergige Hochland des Bundesstaats Montana – und dort lauern nicht nur gefährliche Menschen, sondern auch gefährliche Naturgewalten. Chief Ranger Joe Parker (William Bendix) versucht herauszufinden, welche Rollen Matt Hallett (Victor Mature) und Paul Adams (Vincent Price) spielen, die es beide auf jedes nur mögliche Date mit der schönen Louise Graham (Piper Laurie) abgesehen haben. Als Mörder wird zunächst der Indianer Katoonai Tiller (Steve Darrell) gejagt, doch nicht nur seine Tochter Mary (Betta St. John) hat Zweifel an der Schuld des Mannes. Ein Eingeborener ist schnell einmal zum Sündenbock gestempelt, denn ihm glaubt sowieso kaum jemand. Indessen gerät der als Zeugenmörder angeheuerte Killer ins Zweifeln, ob er seinen Job wirklich erledigen soll, doch die Mafia hat vorgesorgt und ihm einen weiteren Gangster hinterher geschickt, der dafür zu sorgen hat, dass der Menschenjäger den Job macht, für den er engagiert wurde, und ihn daran erinnern soll, was ihm andernfalls blüht.

„Blut im Schnee“ ist ein nennenswerter Genre-Mix, der bei der Kritik nicht gut ankam, aber differenziert betrachtet werden sollte. Einerseits ist es sicherlich berechtigt, dem Film vorzuwerfen, dass versucht wurde, möglichst viel Effektreiches zusammenzuwerfen – es wurde in 3D gedreht, was dem Publikum damals besondere Sensationen versprach. Andererseits muss man dem Streifen zugutehalten, dass sich die Story relativ ungewöhnlich zwischen Film noir, Abenteuer, Katastrophenfilm und (Neo-)Western bewegt. Der Film ist letztlich nichts Halbes und nichts Ganzes, erzählt seine Geschichte aber in einer Art und Weise, dass man ihm attestieren muss, inmitten der diversen Filme, bei denen man glaubt, sie zuvor schon einmal gesehen zu haben – weil sie sich zu sehr an konkreten Vorbildern und Genre-Konventionen orientieren –, doch recht eigenständig zu wirken. Ich habe wirklich sehr, sehr viele Filme des klassischen Hollywood-Kinos gesehen und auch viele, die sich untereinander ähnelten, aber es ist schwierig, ein Pendant zu „Blut im Schnee“ zu finden. Das macht das Krimidrama sympathisch, auch wenn es zweifelsohne spannender erzählt sein könnte und zu wenig aus seinen Figuren herausholt – die im Ansatz durchaus interessant und zum Teil überraschend ambivalent gedacht sind.

Überhastetes Ende

Die guten Ansätze beginnen schon damit, dass wir es zunächst einmal zwar mit einem Noir zu tun haben, der allerdings in Farbe produziert wurde und damit schon einmal mit der größten Konvention dieses Genres bricht, auf die es heute auch gern einmal weitestgehend reduziert wird. Noirs in Farbe sind ein generell zu wenig beleuchtetes, unterschätztes Thema – viele Definitionen des Noirs gehen zu einseitig davon aus, dass in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Bezogen auf schwarz-weiße Noirs sind diese Analysen auch oft sehr spannend, aber es waren eben nicht alle Noirs schwarz-weiß. Dass man sich auch bei der Produktion von „Blut im Schnee“ der visuellen (Schwarz-Weiß-)Traditionen des Noirs vollauf bewusst war, sieht man schon in der ersten Szene mehr als deutlich und auch später noch in der einen oder anderen Sequenz – im weiteren Verlauf des Films besonders prägnant in der Passage, als Louise Graham beinahe das Bewusstsein verliert.

Der nächste positive Ansatz ist die Figur des Killers, der sein potenzielles Opfer in die Berge verfolgt. Die Kritik warf der Rolle bzw. der Entlarvung der Person teils Vorhersehbarkeit vor – ich sehe das völlig anders. Der Aspekt, dass dieser Killer in einem Zwiespalt steckt und den Mord beinahe an den Nagel hängt, ehe er erneut unter Druck gesetzt wird, findet in den negativen Besprechungen dieses Films kein Gewicht. Es wurde seitens der Regie sicherlich versäumt, hier noch mehr herauszukitzeln und noch mehr hinsichtlich der Identität des Killers in die Irre zu führen, jedoch ändert das nichts daran, dass die Killer-Figur alles andere als ein Stereotyp ist. Sie gibt „Blut im Schnee“ einen noiresken doppelten Boden, der des Genres grundsätzlich würdig ist. Schädlich ist allerdings, dass man den Killer in der letzten halben Stunde dieses relativ kurzen Films dann einfach zu sehr frontal in ein überhastetes Finale hetzt, das von der differenziert durchdachten Rollengestaltung und der Qualität der beteiligten Schauspieler letztlich nicht mehr viel übrig lässt.

Weiterhin stieß es auf Kritik, dass der Waldbrand angeblich zusammenhanglos in die Geschichte gepresst wurde, da man damit gut spektakuläre 3D-Bilder kreieren konnte. Ich halte dem entgegen, dass dieser unerwartete Einschub angenehm mit Konventionen bricht und zusätzliche Verwirrung hinsichtlich der wirklichen Absichten des Killers schürt. Mehrfach wird die Figur hilfsbereit und gutmütig gezeigt, ehe schließlich die Maske fällt – letzteres wiederum nur gezwungenermaßen. Nicht zuletzt ein anderer Pluspunkt des Films: Die Zahl der 50er-Hollywood-Filme, die Indianer in einer zeitgenössischen Geschichte des Jahrzehnts verorten und damit Elemente eines Neo-Westerns generieren, ist überschaubar – und einer dieser Filme ist „Blut im Schnee“. Dazu die ebenfalls eher ungewöhnliche Schneekulisse, der beängstigende Lawineneinschlag und die vielleicht banale, aber trotzdem eindrucksvolle Szene mit der zerstörten Hochspannungsleitung und dem freidrehenden Stromkabel – zu der mir kein adäquates Pendant im damaligen Hollywood-Kino einfällt. Es sind Kleinigkeiten, aber eben viele Kleinigkeiten, die für sich allein alle nicht die Welt bedeuten, diesen Film jedoch zu einem Werk machen, das ausdrücklich kein Meilenstein, aber trotzdem etwas Besonderes ist.

Mature & Price – Ein vierfaches Wiedersehen

„Blut im Schnee“ war der dritte von insgesamt vier Filmen, in denen Victor Mature und Vincent Price gemeinsam zu sehen waren. Bereits zuvor hatten sie in den Noirs „Moss Rose“ (1947) und „Die Spielhölle von Las Vegas“ (1952) mitgewirkt – erstgenannter ein klassisches Exemplar, das im viktorianischen London spielt, der andere ein im damaligen Hier und Jetzt angesiedelter Genrebeitrag. So gesehen haben alle drei Noirs der beiden, einschließlich des Genre-Mix-Farbfilms „Blut im Schnee“, etwas Individuelles, obwohl es im Grunde alles Thriller sind, die unterschiedlichen Noir-Traditionen folgen. Das macht die Vielseitigkeit dieses Genres wunderbar transparent. Der rückblickend wohl denkwürdigste und größte Film, den Mature und Price gemeinsam drehten, sollte allerdings folgen: Das gut besetzte Zirkusdrama „Die Welt der Sensationen“ (1959), in dem Mature seine letzte Hollywood-Hauptrolle – mit namentlicher Nennung an erster Stelle des Vor- bzw. Abspanns – spielte. Neben Filmen wie „Die größte Schau der Welt“ (1952), „Trapez“ (1956) und „Held der Arena“ (1964) zweifelsohne einer der besten und wichtigsten Zirkusfilme des Hollywood-Kinos vor 1965 – in einem Genre mit überschaubarer Anzahl an Beiträgen. Sicherlich aber auch einer der unbekanntesten Zirkusfilme, da Victor Mature zu den Stars des 50er-Hollywoodkinos gehört, die von der Filmwissenschaft geradezu peinlich totgeschwiegen werden. Es sei denn, man redet von „Samson & Delilah“ (1949) – dann ist es etwas anderes, aber auch dann redet man vor allem vom Regisseur, Cecil B. DeMille.

Der Mann mit der kernigen Stimme

In Deutschland verbindet Victor Mature und Vincent Price zudem der Synchronsprecher Curt Ackermann. Er synchronisierte in den 50er-Jahren zwar etliche Stars, aber kaum einen so häufig wie Victor Mature – dieser lieferte sich dahingehend gewissermaßen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Jeff Chandler. Als Stimme von Mature – und auch als Stimme von Chandler – funktioniert die Verbindung von Schauspieler und Synchronsprecher so hervorragend, dass Curt Ackermann hier praktisch nicht adäquat zu ersetzen war. Zwei der besten Stammsprecher-Kombinationen, die die klassische Synchronisation hervorgebracht hat. Bekannter ist Ackermann heute aber als Stimme von Robert Mitchum, ab Mitte der 50er-Jahre, oder auch durch seine Rollen als Stimme von Vincent Price, beginnend mit dem Wachsfiguren-Horror „Das Kabinett des Professor Bondi“ (1953). Er synchronisierte Price zwar nicht allzu häufig, wird von einigen Price-Fans aber trotzdem als seine beste deutsche Stimme angesehen. In „Blut im Schnee“ hört man Ackermann als Stimme von Victor Mature, während Vincent Price von Wolfgang Lukschy synchronisiert wurde. Mir persönlich gefällt Curt Ackermann als Stimme beider sehr gut, ich mag allerdings auch Wolfgang Lukschy für Vincent Price lieber als in vielen seiner Synchronhauptrollen der damaligen Zeit, da er als Held relativ häufig fehlbesetzt war. Trotzdem favorisiere ich als Synchronsprecher von Vincent Price aber Friedrich Joloff, der ihn, dem jetzigen Recherche-Stand nach zu urteilen, zwar nur in vier Filmen synchronisierte, darunter aber denkwürdig in dem Epos „Die zehn Gebote“ (1956).

Wir – und unser heutiges Filmwissen …

Abschließend noch ein Spoiler – wer den Film noch nicht kennt, bitte ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterlesen: Ein weiterer Aspekt, der mir an „Blut im Schnee“ sehr gut gefällt, ist, dass der Film es relativ lange gut schafft, auch die von Victor Mature verkörperte Hauptfigur als möglichen Killer unter Verdacht zu halten. Mich hätte es bis zur Entlarvung von Vincent Price tatsächlich nicht überrascht, wäre doch Mature der Übeltäter gewesen und Price – gerade erst als Star geboren – hier zum Helden avanciert. Leider wird Price zu früh entlarvt und, wie oben bereits beschrieben, zum Finale hin unnötig demontiert. Man muss zudem auch gewichten, dass es rückblickend vielleicht naheliegend sein mag, dass Vincent Price sich am Ende als der Schurke entpuppt, damals allerdings war Price noch bei weitem nicht so sehr mit dem Image behaftet, häufig negative Rollen zu spielen. Hier taucht er zunächst als unscheinbarer, biederer Tourist in einem Hotel auf – wer da gleich die Alarmglocken schrillen hört, hat eben einfach zu viele seiner späteren Filme im Hinterkopf. Price war 1954 noch nicht als Horrorfilmdarsteller etabliert und als Schurkendarsteller auch nicht – schon allein deswegen, weil er bis Anfang der 50er-Jahre auch noch regelmäßig in mittelgroßen Nebenrollen zu sehen war. In „Moss Rose“, der ersten Zusammenarbeit mit Victor Mature, spielte Price sogar einen Polizei-Inspektor. Ganz so simpel ist es mit der Vorhersehbarkeit dann eben doch einfach nicht. Aus heutiger Sicht ist es natürlich einfach gesagt, dass Price am Ende sowieso meistens der Schurke ist. Zugegebenermaßen wurde eine angebliche Vorhersehbarkeit auch schon von zeitgenössischen Kritikern bemängelt, aber hier wurde meines Erachtens übersehen, dass es keine Selbstverständlichkeit war, dass Victor Mature als Täter sowieso ausscheidet, nur weil er die Hauptrolle spielte. Wenn man Mature natürlich von vornherein ausschließt, läuft alles auf Price hinaus – das ist richtig, aber dann eben auch nicht das Versäumnis des Films oder der Regie, sondern Vorurteilen geschuldet. Aus meiner Sicht, wurde seitens der Drehbuchautoren und der Regie sehr deutlich probiert, Mature über geraume Zeit des Films undurchschaubar zu belassen – und das ist für so eine Rolle im damaligen Hollywood-Kino sogar recht ungewöhnlich und positiv zu erwähnen. Auf dieser Basis kann ein Noir durchaus gut funktionieren. Unglücklich ist aber in jedem Fall, dass das für die bisherigen DVD-Veröffentlichungen verwendete Plakatmotiv den Täter eindeutig preisgibt. Vermutlich war das auch schon bei der Kinoauswertung ein Problem.

Wiederentdeckung wünschenswert

Wieder einmal haben sich die Spanier als Vorreiter entpuppt: „Blut im Schnee“ gibt es – genau wie auch „Schwarze Trommeln“ – zwar dort als DVD, allerdings noch nicht einmal aus den USA oder Großbritannien. Die spanische DVD enthält sogar ein umfangreiches Booklet, und der Originalton ist auch dabei – so lassen wir uns das gefallen. Ob man aber die 3D-Fassung des Films irgendwann noch einmal zu Gesicht bekommen wird, bleibt ebenso abzuwarten wie eine deutsche oder amerikanische DVD. RKO-Produktionen erscheinen in Deutschland leider sowieso nur selten auf DVD – eine Marktlücke, die es dringend zu schließen gilt. Da RKO bereits 1955 umfangreiche Neustrukturierungsmaßnahmen vollzog und binnen weniger Jahre gänzlich aus der Filmproduktion verschwunden war, während andere Studios wie Paramount, Warner, Universal, Fox, Columbia, Disney oder MGM jahrzehntelang alle Krisen irgendwie überstanden, scheint sich für RKO-Filme heute kaum noch jemand zuständig zu fühlen. Es ist eben das eine Studio der sogenannten „Big Five“, das sozusagen auf der Strecke geblieben ist. Von den „Big Five“ war es damals zwar auch das kleinste, dennoch aber eines der wichtigsten Studios Hollywoods. In Spanien hat man 2016 zumindest einmal nachgelegt und gleich eine ganze Box mit für RKO entstandenen Victor-Mature-Filmen veröffentlicht. Diese enthält neben „Blut im Schnee“ unter anderem auch die vorausgegangene zweite Zusammenarbeit mit Vincent Price: „Die Spielhölle von Las Vegas“. In Italien gibt es zumindest die Einzeledition von „Blut im Schnee“ seit 2016 auch auf DVD. Werden wir die nächsten sein?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Victor Mature und Vincent Price sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Spanien): 20. Juli 2011 und 30. März 2016 als DVD

Länge: 75 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Dangerous Mission
USA 1954
Regie: Louis King
Drehbuch: Horace McCoy, W. R. Burnett, Charles Bennett
Besetzung: Victor Mature, Piper Laurie, William Bendix, Vincent Price, Betta St. John, Harry Cheshire, Steve Darrell, Walter Reed, Marlo Dwyer, Dennis Weaver
Verleih: RKO Radio Pictures

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Horror für Halloween (III): Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse – Der Vampirmörder und die Amputationen

Scream and Scream Again

Von Volker Schönenberger

SF-Horrordrama // Was ist denn das für ein durchgeknallter Film? Und dann noch mit Vincent Price, Christopher Lee und Peter Cushing. Aber der Reihe nach: Ein Londoner Jogger landet im Krankenhaus, wo er entsetzt festellt, dass man ihm den rechten Unterschenkel amputiert hat. Szenenwechsel: In einem faschistischen, vermutlich in Osteuropa angesiedelten Staat will der Geheimagent Konartz (Marshall Jones) an die Macht. Dabei schreckt er auch vor Mord nicht zurück. Erneut wechselt die Handlung nach London, wo ein Frauenmörder (Michael Gothard) sein Unwesen treibt. Den Opfern wurde das Blut ausgesaugt, weshalb der Täter Vampirmörder genannt wird. Ein Undercover-Einsatz der Polizistin Sylvia (Judy Huxtable) mündet in eine lange Verfolgungsjagd.

Dr. Mabuse oder Dr. Browning?

Dr. Mabuse? Nun ja – nur für uns Deutsche. Im Original spielt Vincent Price einen Wissenschaftler namens Dr. Browning, der für die britische Regierung in Person des Politikers Fremont (Christopher Lee) arbeitet. Weshalb der deutsche Verleih 1970 unbedingt einen Bezug zu dem Superverbrecher Dr. Mabuse herstellen wollte, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Mit der Romanfigur von Norbert Jacques und den Fritz-Lang-Filmen hat Prices Figur nicht das Geringste zu tun. Peter Cushing hat lediglich einen klitzekleinen Auftritt als Major Heinrich Benedek, Offizier in erwähntem faschistischem Staat. Christopher Lee wiederum hat mit Price nur eine gemeinsame Szene am Ende. Wirklich zusammen gespielt haben die drei Grusel-Granden erst 1983 in „Das Haus der langen Schatten“.

Aliens und Amen Corner

Das ist schon alles sehr seltsam, was uns „Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse“ da vorsetzt – lebende Leichen gibt’s übrigens keine. Es fällt schwer, viel über die Story zu schreiben, ohne zu viel zu verraten. Den geneigten Zuschauer erwarten einige Überraschungen, die am besten wirken, wenn sie Überraschungen bleiben. Eine Alien-Komponente aus der Romanvorlage von Peter Saxon hätte wohl im Film landen sollen, fiel aber der Schere zum Opfer. 1970 entstanden, lebt „Scream and Scream Again“ auch etwas von der Atmosphäre des „Swinging London“ mit passendem Score, unter anderen von den Walisern Amen Corner.

Was will Major Heinrich Benedek?

Regisseur Gordon Hessler verantwortete 1978 auch den berüchtigten „KISS in Attack of the Phantoms“ („KISS Meets the Phantom in the Park“), in welchem die Schockrocker es in einem Vergnügungspark mit Roboter-Doppelgängern aufnehmen müssen. „Die lebenden Leichen des Dr. Mabuse“ ist zweifellos sein interessantester Film, eine Ansammlung skurriler Ideen, auf merkwürdige Weise zu einem wirren, aber höchst unterhaltsamen Ganzen zusammengefügt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Peter Cushing, Christopher Lee und/oder Vincent Price sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Auch Fremont (r.) hat etwas vor

Veröffentlichung: 18. Februar 2013 als DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Scream and Scream Again
GB 1970
Regie: Gordon Hessler
Drehbuch: Christopher Wicking, nach dem Roman „The Disoriented Man“ von Peter Saxon
Besetzung: Vincent Price, Christopher Lee, Peter Cushing, Judy Huxtable, Alfred Marks, Michael Gothard, Peter Sallis, Uta Levka
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Trailer, Biografie, Bildergalerie, Wendecover
Vertrieb: KSM GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos: © 2013 KSM GmbH

 

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