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Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits: Verfremdung und Annäherung

Jacob’s Ladder

Von Lucas Gröning

Horrordrama // „Wenn du Angst vor dem Tod hast und nicht loslassen willst, dann siehst du die Teufel, die dir dein Leben entreißen. Aber wenn du deinen Frieden gemacht hast, dann sind die Teufel in Wirklichkeit Engel, die dich von der Erde befreien.“ Es ist das wohl berühmteste Zitat aus Adrian Lynes „Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits“ (1990) und zugleich eine Passage, welche das zentrale Thema des Werkes vorgibt, nämlich Leben und Tod sowie deren Verknüpfung mit einer Reihe christlicher Motive. Und doch muss man sagen, dass es sich hier nur um ein einziges Motiv handelt – wenn auch das Vordergründige. „Jacob’s Ladder“ besticht durch eine enorme Komplexität, der ich hier auf den Grund gehen will.

Als Soldat im Vietnamkrieg

Das Horrordrama ist mit Sicherheit der schwierigste Film von Adrian Lyne, wenn auch nicht der erfolgreichste. Der Brite drehte zuvor unter anderem „Flashdance“ (1983) und „Eine verhängnisvolle Affäre“ (1987). Letztgenannter Stalking-Thriller wurde 1988 jeweils in mehreren Kategorien sowohl für den Oscar als auch für den Golden Globe nominiert. Zu seinen bekanntesten Filmen nach „Jacob’s Ladder“ zählen „Ein unmoralisches Angebot (1993) und „Lolita“ (1997), eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Vladimir Nabokov aus dem Jahr 1955. Insgesamt drehte Lyne lediglich neun Filme – eine recht überschaubare Zahl, zudem scheinen seine Werke nicht gerade flächendeckend im kollektiven Gedächtnis überlebt zu haben. „Jacob’s Ladder“ geht es ähnlich, denn der Film kann durchaus als Nischenprodukt bezeichnet werden, was auch mit seiner damaligen Vermarktung als Horrorfilm zusammenhängen dürfte – eine Tatsache, die wohl viele Kinogänger von vornherein abschreckte. Auch offizielle Trailer erwecken genau diesen Eindruck, jedoch muss man sagen, dass sich hinter „Jacob’s Ladder“ deutlich mehr verbirgt.

Kein klar erkennbares Genre

Schon allein die Geschichte des Films lässt viele Möglichkeiten hinsichtlich einer Genrezuschreibung zu. „Jacob’s Ladder“ beginnt im Vietnamkrieg. Die ersten Szenen zeigen, wie ein Lager von US-Soldaten, unter ihnen Hauptfigur Jacob Singer (Tim Robbins), anscheinend von gegnerischen Streitkräften attackiert wird. Die Soldaten müssen in die Büsche fliehen, jedoch gibt es kein Entkommen vor den Feinden. Mitten im Dickicht wird Jacob erstochen und fällt in Ohnmacht. Bereits die nächste Szene zeigt uns Jacob in einer U-Bahn in New York City. Der Soldat scheint den Stich überlebt zu haben und führt nun im Big Apple ein neues Leben mit seiner Freundin Jezebel (Elizabeth Peña). Zugleich kommt heraus dass Jacob bereits vor Jezebel mit einer Frau namens Sarah (Patricia Kalember) verheiratet war, nach dem Tod eines der drei gemeinsamen Kinder trennte sich das Paar jedoch. Plötzlich häufen sich wieder die Visionen und Träume von der früheren Familie, genauso wie jene von den furchtbaren Erlebnissen in Vietnam. Die vergangenen Ereignisse scheinen Jacob wieder einzuholen. Und noch andere, vollkommen übernatürliche Dinge geschehen: Tagsüber begegnen Jacob immer wieder dämonenähnliche Wesen, die es sich zum Ziel gemacht zu haben scheinen, den Ex-Soldaten umzubringen.

Jacob und seine Freundin Jezebel führen ein harmonisches Leben …

Auch andere Veteranen aus Vietnam, mit denen Jacob früher zusammenkämpfte, haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Spur führt in der Folge zum US-Militär und es erhärtet sich der Verdacht, dass die Soldaten in Vietnam mit Drogen vollgepumpt wurden, um sie dem Feind gegenüber aggressiver auftreten zu lassen. Die Visionen, so die Theorie, könnten ein Nebeneffekt der Mittel sein. Jacob und die anderen Ex-Soldaten machen sich somit in der Folge auf die Suche nach der Wahrheit, hinter der weit mehr steckt als augenscheinlich erkennbar.

Wie ordnet man „Jacob’s Ladder“ ein? Ist es ein Horrorfilm, so wie er zu seinem Erscheinen beworben wurde? Handelt es sich um einen Kriegsfilm oder sogar Antikriegsfilm? Ist hier eventuell so etwas wie ein Familiendrama oder eine Form des Thrillers zu sehen? Ganz leicht lässt sich das nicht sagen, ist der Film doch vielmehr ein Genremix, welcher auch ganz bewusst bekannte Filme verschiedener Gattungen zitiert. So fallen besonders Referenzen an Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976) oder Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) ins Auge. Passenderweise behandeln beide Filme den Vietnamkrieg, wobei besonders die Zitate aus Coppolas Film hier eine Kernbotschaft zu vermitteln scheinen. Prägnant für „Apocalypse Now“ ist unter anderem das Motiv der roten Sonne, welche gemeinsam mit einer Reihe von Sillhouetten inszeniert wird. Bilder dieser Art findet man in „Jacob’s Ladder“ zunächst in den Anfangsszenen in Vietnam, später aber auch in New York City, womit, so meine These, das „Mitnehmen“ der Erfahrungen von Vietnam in das moderne, eigentlich kriegsferne Leben aufgegriffen wird, was wiederum einen Teilaspekt von Scorseses Film ausmacht. Zugleich orientiert er sich in seinen Horroraspekten ebenfalls an Filmen aus der zweiten Hälfte der 1970er-Jahren, „Eraserhead“, „Hügel der blutigen Augen“ (jeweils 1977) und „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) seien hier genannt. Auch Hiroshi Teshigaharas „The Face of Another“ (1966) erfährt hier beispilesweise ein Zitat. Adrian Lynes Werk stellt sich damit in eine spezielle Tradition von Filmen aus der Ära des New Hollywood und in jene, welche ihren Teil zur Inspiration für das Horrorkino der 1970er-Jahre der Traumfabrik lieferte.

Das Schaffen von Distanz und Nähe

Dieses häufige Zitieren vergangener Werke führt, in der Zusammenkunft mit einigen anderen Stilmitteln, zu einer Distanz der Rezipierenden gegenüber dem Film und schafft in letzter Konsequenz eine beeindruckende Atmosphäre der Unsicherheit, als auch des Obsoletmachens dieser Unsicherheit, was wiederum zu einer faszinierenden Nähe zu Hauptcharakter Jacob führt. Ein grundlegendes Thema des Films ist in diesem Zusammenhang, dass sich die Zusehenden niemals so richtig sicher sein können, auf welcher Ebene von Zeit und Bewusstsein sich die Handung überhaupt abspielt. Befinden wir uns also in der Realität, in einem Traum des Protagonisten oder einer traumatischen Vision? Befinden wir uns in der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft der Realität? Oder spielen sich selbst diese Ebenen in einer Form des Traumes ab? All das ist unsicher, spielt der Film doch immer wieder damit, Motive auf der einen Ebene später auf einer ganz anderen Ebene aufzugreifen, was stark an die Struktur vieler Werke von David Lynch erinnert, allerdings eher an jene, welche erst nach dem Erscheinen von „Jacob’s Ladder“ kommen sollten. „Lost Highway“ (1997) und „Mulholland Drive“ (2002) seien hier genannt. Die Konsequenz ist eine massive Überforderung der Rezipienten, welche mit der dadurch provozierten Reizüberflutung nur schwer zurechtkommen können.

… doch der Veteran muss bald um sein Leben fürchten

Besonders jene Sequenzen, welche auf einer Traumebene spielen könnten und somit nicht real wären, tragen zu einer Distanzierung zum Film bei. Verschiedene Figuren wirken teilweise derart gewalttätig, überzeichnet und unglaubwürdig, besonders hinsichtlich ihrer Dialogzeilen, dass die Rezipienten hier aus der Illusion der Filmwelt herausgerissen werden und den Film klar als künstlich erschaffenes Werk erkennen. Das Kuriose ist, dass gerade das sporadisch eingeschobene Erscheinen der Dämonen, ein augenfällig unrealistisches Element, den Zusehenden wieder in die Welt des Films zu ziehen vermag und die Immersion wiederherstellt. Sie wirken also realer als jene Ereignisse, welche vom Film eigentlich als real gekennzeichnet sind, oder zumindest die Möglichkeit offen lassen, real zu sein. Die Dämonen repräsentieren dabei nichts klar Boshaftes, sondern lediglich etwas Angsteinflößendes und vor allem Unerklärliches und Mysteriöses – also etwas, was in einer zum Teil unerklärlichen Welt, die den Menschen in vielen ihrer Aspekte zum Skeptizismus zu nötigen scheint, einen Aspekt des Alltags ausmacht. In dieser Hinsicht schaffen die Dämonen also wiederum eine Nähe, die der zuvor hergestellten Distanz konträr entgegensteht. Jedoch führt auch diese Wechselwirkung wiederum zu einer Überforderung, die im Verlauf der Handlung auch Jacob erreicht, welcher, wie wir, auch nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden kann. Gerade gegen Ende der Handlung scheint er sich nichts sehnlicher zu wünschen, als diesem Albtraum zu entfliehen und Gewissheit über die Realität zu erlangen, vor allem über den tatsächlichen Zustand seiner Familie. Hier spinnt der Film eine weitere Paralelle zwischen Protagonist und Zuschauer, ist es doch auch das Ziel des Rezipienten, Gewissheit über die Vorgänge in „Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits“ zu erlangen. Die dadurch provozierte Identifikation mit Jacob führt wiederum zu einer verstärkten Nähe zum Werk und einer funktionierenden Immersion.

Einkalkulierte Gewöhnlichkeit

Dieses Spiel zwischen Distanz und Nähe vollzieht sich in „Jacob’s Ladder“ auch auf der Ebene der Bildgestaltung und der Technik. Meist sind Bilder zu sehen, wie man sie zu Teilen aus den 80er-Jahren des Mainstream-Hollywood-Kinos kannte und welche auch in den nächsten Jahren das Kino der 90er-Jahre prägen sollten. Diese sind zum Teil hell ausgeleuchtet, zeigen jedoch oftmals dreckige und unangenehme Kulissen, welche die saubere technische Umsetzung kontrastrieren. Beispielhaft belegt sei dies hier an Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) oder Frank Darabonts „Die Verurteilten“ (1994), in welchem Tim Robbins bekanntlich ebenfalls die Hauptrolle spielte. Gleichsam zeigt der Film innerhalb der gewählten Bildästhetik immer wieder Referenzen an das New-Hollywood-Kino der 70er- und 80er-Jahre, „Taxi Driver“ und „Apocalypse Now“ wurden bereits erwähnt. Hier gibt sich der Film als Kunstwerk zu erkennen und schafft somit „Marker“, welche eine Distanz zwischen Zuschauendem und Werk herstellen. Doch gerade das Auftauchen der Dämonen – oder Anzeichen ihres Daseins – sorgen wiederum für eine Entfremdung und einen Bruch mit dem bereits Bekannten, sodass eneut eine Immersion hergestellt werden kann. „Jacob’s Ladder“ zeigt uns also zunächst Konvention, um uns dann auf eine Reise zu nehmen, die dem widerspricht, was wir aus anderen Filmen dieser Art kennen.

Die Konsequenz ist eine, im Zusammenspiel mit der unkonventionellen Erzählweise, auf mehreren Ebenen enorm spannende Filmerfahrung, die „Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits“ zu einem der interessantesten Werke macht, die hierzulande erhältlich sind – am besten im kürzlich erschienenen Mediabook. Hier finden sich außer zwei Discs (einer Blu-ray und einer DVD) ein schön gestaltetes Booklet mit einigen Fotos und einem interessanten Text, welcher den Geheinissen um den Film ebenfalls auf den Grund geht. Auf den Discs finden sich außerdem weitere Features und einige Kurzdokumentationen.

Regisseur Adrian Lyne ist satte 18 Jahre nach seinem letzten Film „Untreu“ aus der Versenkung gekommen: Den Thriller „Deep Water“ nach einem Roman von Patricia Highsmith scheint er mit Ben Affleck in der Hauptrolle bereits abgedreht zu haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tim Robbins haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die Dämonen scheinen Jacob in den Wahnsinn zu treiben

Veröffentlichung: 28. Mai 2020 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 6. Oktober 2012 und 15. Oktober 2002 als DVD

Länge: 113 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Jacob’s Ladder
USA 1990
Regie: Adrian Lyne
Drehbuch: Bruce Joel Rubin
Besetzung: Tim Robbins, Elizabeth Peña, Danny Aiello, Matt Craven, Pruitt Taylor Vince, Jason Alexander, Patricia Kalember, Eriq La Salle, Ving Rhames, Macaulay Culkin
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Dokumentationen, Bildergalerie, Originaltrailer, Booklet
Label/Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2012: Süddeutsche Zeitung GmbH
Label/Vertrieb 2002: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Koch Films

 
 

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Brian De Palma (V): Die Verdammten des Krieges – Wenn Moral keine Rolle mehr spielt

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Casualties of War

Von Andreas Eckenfels

Kriegsdrama // Bereits als er im Oktober 1969 David Langs Reportage „Casualties of War“ im US-Magazin „The New Yorker“ gelesen hatte, wollte Brian De Palma diese Geschichte verfilmen. Doch wie der Regisseur im Making-of berichtet, war zu dieser Zeit der Vietnamkrieg in vollem Gange; selbst viele Jahre danach sei es noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten zu zeigen.

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Soldat Eriksson ist seit drei Wochen in Vietnam

Welches Skandalpotenzial dem Stoff innewohnt, musste Regisseur Michael Verhoeven erfahren. Er stellte 1970 die Ereignisse von Langs Artikel unter anderem mit Eva Mattes und Rolf Zacher im bayerischen Wald nach. Die daraus entstandene Kriegsparabel „o.k.“ sollte auf der Berlinale 1970 uraufgeführt werden. Doch die Jury geriet über Verhoevens Werk so sehr in Streit, dass sie sich schließlich auflöste und das Filmfestival nach zahlreichen Protesten sogar abgebrochen werden musste.

Erst in den 80er-Jahren begann zunehmend die filmische Aufarbeitung des amerikanischen Kriegstraumas in all seinen dunklen Facetten. Nach den Erfolgen von Oliver Stones „Platoon“ (1986) und Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ (1987) durfte De Palma das einstige Tabuthema 1989 endlich verfilmen.

Entführung aus Frust

Eriksson (Michael J. Fox) ist zwar erst seit drei Wochen in Vietnam im Einsatz, der junge Soldat hat in der kleinen Aufklärungspatrouille unter Führung von Sergeant Meserve (Sean Penn) aber schon einiges erlebt. In einer Grube gefangen, rettet ihm sein Vorgesetzter in letzter Sekunde das Leben, bevor ihn ein Vietcong erwischen kann. Bei einem Überraschungsangriff wird Erikssons Kamerad Brown (Erik King) schwer verwundet. Als Meserve seinen Männern berichten muss, dass Brown gestorben ist, beschließen sie, in der nächsten Bar Ablenkung zu finden. Doch daraus wird nichts: Das Dorf darf nicht betreten werden.

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Schöner Schein des Krieges

Frustriert hat Meserve eine andere Idee, die bei Clark (Don Harvey) und Hatcher (John C. Reilly) sofort auf Zustimmung trifft. Eriksson und Diaz (John Leguizamo) hingegen glauben nicht daran, dass der Sergeant wirklich eine Frau aus einer Hütte entführen will. Doch trotz heftiger Proteste von Eriksson nehmen seine Kameraden tatsächlich eine junge Vietnamesin (Thuy Thu Le) als Geisel. Der Trupp nimmt sie mit in den Dschungel; misshandelt und vergewaltigt sie. Nur Eriksson weigert sich standhaft mitzumachen und versucht der Frau zur Flucht zu verhelfen.

Aus Freunden werden Feinde

Anders als etwa Oliver Stone hat De Palma die Hölle von Vietnam nicht hautnah miterlebt. Aber auch ohne diese Erfahrungswerte hat der Regisseur ein aufwühlendes Kriegsdrama geschaffen, welches schonungslos zeigt, wie junge Männer unter extremen Umständen alle moralischen Werte über Bord werfen und zu Monstern mutieren. Clark und Hatcher sehen die Schändung einer Frau in Kriegszeiten als durchaus legitim an. Das gehöre zum Soldatenleben dazu. Auch Meserve sieht es so, dass die Vietnamesin die Moral seiner Männer hebt. Er will nur das Beste für seine Truppe.

Wenn man jede Sekunde sterben kann, spielt Ethik keine Rolle mehr. Von dem Gruppenzwang lässt sich der „Spielverderber“ Eriksson allerdings nicht beeinflussen. Er will sein reines Gewissen bewahren und kann bei dieser Ungerechtigkeit einfach nicht wegschauen. So werden die Freunde schnell zu Feinden.

Naturgewalt Sean Penn

Das Dilemma, in dem Eriksson steckt, kann Michael J. Fox nicht immer glaubhaft rüberbringen. Für den „Zurück in die Zukunft“-Star war „Die Verdammten des Krieges“ die erste Rolle in einem ernsthaften Film. Sein Milchbubi-Gesicht passt natürlich gut zu dem jungen Soldaten, aber gegenüber der beängstigenden schauspielerischen Naturgewalt von Sean Penn kann er nur verlieren. Warum die in Saigon geborene Thuy Thu Le keine weiteren Filme gedreht hat, ist nicht bekannt. Ihre Darstellung der traumatisierten Frau ist außergewöhnlich authentisch und macht ihr Leid für alle Zuschauer spürbar. John C. Reilly feierte in dem Kriegsdrama sein Schauspieldebüt.

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Sergeant Meserve (l.) flößt Eriksson Angst ein

De Palma setzt auch in „Die Verdammten des Krieges“ einige klassische Suspense-Momente ein, wie sie aus seinen Thrillern bekannt sind. Wenn Eriksson in der Grube festsitzt, schwenkt die Kamera nach unten. Nur der Zuschauer weiß, dass sich unter der Erde ein Gang der Vietcong befindet. Ein Feind robbt langsam mit einem Messer bewaffnet an Erikssons in der Luft hängende Beine heran, während der Soldat oben um Hilfe ruft. Auch wird ein Angriff auf Eriksson aus der Egoperspektive gezeigt. Wie im Giallo-Genre ist dabei nur die Hand des Täters zu sehen, die langsam eine Granate in die Baracke legt, in der sich das Opfer gerade befindet.

Das Thema bleibt aktuell

Zwar ist die Verfilmung der wahren Ereignisse mitunter etwas reißerisch geraten und der Golden-Globe-nominierte Panflöten-Score von Ennio Morricone steht häufig etwas zu stark im Vordergrund. Dennoch entwirft De Palma mit seinem Kriegsdrama ein erschreckendes Bild der stolzen US-Armee, das damals wie heute schockiert. Wie viele andere ähnliche Kriegsgräuel sind geschehen und wurden von den Vorgesetzten unter den Teppich gekehrt?

Bei dem abschließenden Gerichtsprozess, hat es De Palma mit den wahren Urteilen nicht so genau genommen. Über die Schicksale klärt der Abspann auf. Einige Jahre später hat sich der Filmemacher mit dem Drama „Redacted“ erneut mit Vergewaltigung in Kriegszeiten auseinandergesetzt. Das Thema bleibt also leider immer aktuell.

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Der Wahnsinn ist dem Sergeant ins Gesicht geschrieben

Auf der Collector’s Edition ist auf zwei Blu-rays sowohl die Kino- als auch die Extended Version enthalten. Letztgenannte läuft etwa fünf Minuten länger und beinhaltet zwei erweiterte Szenen während des Prozesses. Wie bei der DVD liegen diese auf der Blu-ray nicht synchronisiert vor, sondern sind im Original belassen und deutsch untertitelt worden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Sean Penn und John C. Reilly unter Schauspieler.

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Eriksson wird im Gerichtsprozess auseinandergenommen

Veröffentlichung: 1. Dezember 2016 als Collector’s Edition (2 Blu-rays), 5. Februar 2002 als DVD (Kinocut), 7. März 2006 als DVD (Extended Cut)

Länge: 114 Min. (Blu-ray, Kinocut), 119 Min. (Blu-ray, Extended Cut), 109 Min. (DVD, Kinocut), 115 Min. (DVD, Extended Cut)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Casualties of War
USA 1989
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: David Rabe basierend auf dem Buch „Casualties of War“ von Daniel Lang
Besetzung: Michael J. Fox, Sean Penn, Don Harvey, John C. Reilly, John Leguizamo, Thuy Thu Le, Erik King, Ving Rhames, Wendell Pierce
Zusatzmaterial: Eriksson’s War: Interview mit Michael J. Fox, Trailer, Bildergalerie, Deleted Scenes, Making-of
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2016 explosive media

 
 

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Julia X – Vorsicht beim Blind Date!

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Julia X

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Sowas nennt man doppelbödig, deshalb wollen wir uns beim Inhalt kurz fassen: Julia (Valerie Azlynn) hat ein Blind Date mit einer Internetbekanntschaft. Der Fremde (Kevin Sorbo) entpuppt sich erst als gutaussehender Charmeur, dann jedoch als Serienkiller, der online Frauen aufgabelt, die er offline abmurkst. Eine Tour de Force sondergleichen nimmt ihren Anfang, die sich zum blutigen Katz-und-Maus-Spiel entwickelt.

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Der Fremde …

Wer den derben Splatter-Spaß von „Julia X“ völlig unvoreingenommen genießen will, sollte auf weitere Ausführungen zum Inhalt verzichten, sich zurücklehnen und nehmen, was da kommt. Und das Regiedebüt von P. J. Pettiette liefert einige schmerzhafte Einstellungen, um es harmlos auszudrücken – einen absurden Torture Porn Date Movie bekommen wir da zu sehen. Ach ja: Am Ende hat auch Ving Rhames („Dawn of the Dead“) einen Auftritt. Den sehe ich an sich immer gern, er dient in diesem Fall aber lediglich als prominenter Name, der die Besetzung aufwerten soll.

FSK 18 nur mit Kürzungen

Die FSK kannte keine Gnade – 2012 erhielt nur eine um zwei Minuten gekürzte Fassung die 18er-Freigabe. Für die Uncut-Version gab’s das SPIO-JK-geprüft-Logo, das keine schwere Jugendgefährdung bescheinigte, aber 2013 nichtsdestoweniger auf Liste A indiziert wurde. Für Freunde solch derben Stoffs hat das junge Label Wicked-Vision Media „Julia X“ nun in ebendieser SPIO-JK-geprüft-Fassung als Mediabook in drei Covervarianten veröffentlicht. Es enthält auf Blu-ray die 2D- und 3D-Version sowie eine DVD mit der 2D-Version.

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… verteilt gern Brandzeichen

Letztlich ist das lediglich ein Repack, aber immerhin eines, welches die Uncut-Fassung wieder verfügbar macht. Stellen die Discs keine außergewöhnliche Neuveröffentlichung des Films dar, so hat sich Wicked-Vision Media aber bei der Produktion des Mediabooks alle Mühe gegeben. Allein schon der Rückseitentext verrät sorgfältiges Lektorat, das setzt sich im Booklet fort (auch wenn ich natürlich trotzdem was finde). Sehr erfreulich ist der Spoiler-Hinweis zu Beginn des Textes – man möge sich das Booklet erst nach Sichtung des Films durchlesen. Das unterstreiche ich! Auch die vielen Szenenfotos im Booklet verraten viel, also unterlasst das Vorab-Blättern!

Der Serienkiller im Film

Verfasser Marco Erdmann geht kenntnisreich auf das Thema Serienkiller im Film ein und erörtert zudem die Besetzung von „Julia X“. Ein gelungener Text, der dem Mediabook gut zu Gesicht steht. Er wird ergänzt durch ein launiges Interview, das Nando Rohner vor einiger Zeit fürs Filmmagazin „Deadline“ mit Hauptdarsteller Kevin Sorbo geführt hat.

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Unschuldiges Opfer?

Derzeit gibt es den Trend, dass kleine deutsche Publisher Mediabooks in Kleinauflagen und mehreren Covervarianten veröffentlichen – Genreklassiker, aber auch Filme aus der zweiten oder dritten Reihe. Meine Sache ist das nicht, es ufert zu sehr aus, aber ein schönes Mediabook ist natürlich ein Schmuckstück, das man sich gern ins Regal stellt. Das ist auch bei „Julia X“ zu konstatieren. Wer will, soll sich gern alle drei Covervarianten zulegen, mir reicht ein Exemplar. Zum großen Klassiker taugt „Julia X“ nicht, aber ein schöner Genrebeitrag für Freunde gepflegter Splatter-Orgien ist’s allemal. In solch schmucker Verpackung wie von Wicked-Vision Media stellt man sich sowas gern ins Regal, zumal es sich eben nicht um einen 08/15-Horrorstreifen handelt. Das Label hat seine Veröffentlichungen im November 2015 mit dem interessanten Episoden-Grusler „Die Todeskarten des Dr. Schreck“ gestartet und kurz vor „Julia X“ mit Mario Bavas „Hatchet for the Honeymoon“ einen ungleich interessanteren Film veröffentlicht und mit David Cronenbergs „Die Brut“ einen sehr spitzen Pfeil im Köcher. Weitere Ankündigungen lassen einiges erwarten. Behalten wir Wicked-Vision Media im Auge!

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Der arme Sam weiß nicht, wie ihm geschieht

Veröffentlichung: 8. April 2016 als Mediabook (2D/3D-Blu-ray & DVD in drei Covervarianten à 388, 277 bzw. 266 Exemplaren), 15. November 2012 als Blu-ray 3D, Blu-ray und DVD, 15. November 2012 als gekürzte Blu-ray und DVD

Länge: SPIO-JK-geprüft-Fassung: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD), gekürzte FSK-18-Fassung: 90 Min. (Blu-ray,), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: SPIO JK geprüft (Wicked-Vision Media), FSK 18 (EuroVideo Medien GmbH)
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Julia X
USA 2011
Regie: P. J. Pettiette
Drehbuch: Matt Cunningham
Besetzung: Valerie Azlynn, Kevin Sorbo, Alicia Leigh Willis, Ving Rhames, Saxon Sharbino, Gregg Brazzel, Cassie Shea Watson
Zusatzmaterial: Behind the Scenes, B-Roll, Interviews, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Marco Erdmann und einem Interview mit Kevin Sorbo
Label/Vertrieb Mediabook: Wicked-Vision Media
Label/Vertrieb ungekürzte Blu-ray & DVD: Planet Media / Studiocanal Home Entertainment
Label/Vertrieb gekürzte Blu-ray & DVD: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos: © 2012 EuroVideo Medien GmbH, Packshots: © 2016 Wicked-Vision Media

 

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