RSS

Schlagwort-Archive: Walter Matthau

Sidney Lumet (V): Angriffsziel Moskau – Welcher Stadt versetzen wir den Todesstoß?

Fail Safe

Von Tonio Klein

Politthriller // Zunächst bekommt ein Stier diesen Todesstoß, in der Arena. Regisseur Sidney Lumet lässt ganz bewusst Gegensätze aufeinanderprallen und eine Irritation entstehen. „New York, 5.30 a.m.“ heißt es, aber dann das erste Bild: Stierkampf in New York, kann das sein? Nein, kann es nicht, und es ist so irrlichternd gefilmt, mit hereinkopierten Gestalten, dass wir ahnen: Hier ist etwas faul. Das ist es tatsächlich. Es handelt sich um den Albtraum des General Black (Dan O’Herlihy), der sich offenbar in der Rolle des Stieres sieht und meint, irgendwann „seinem Matador“ zu begegnen, und dann sei es aus. Augen der Angst beim Stier, Schnitt, Augen der Angst bei Black, nun schweißgebadet in seinem Bett zu sehen. Nicht nur hier: Harte, kontrastreiche Fotografie, oft unbarmherzige Großaufnahmen von Gesichtern. Räume, die durch bewusste Verwendung bestimmter Brennweiten eng, drückend erscheinen, Schatten und Gegenstände, die sich durch ebendieses bedrohlich groß in den Vordergrund bohren. Hierzu wird später das berühmte rote Telefon (in einem Schwarz-Weiß-Film) gehören. Denn wie der (deutsche) Titel schon andeutet: Der kalte Krieg wird möglicherwiese nicht mehr kalt bleiben, es droht nicht weniger als die atomare Zerstörung des Planeten. Im Zuge der Kubakrise ist die Atomkriegsangst auch an Hollywood nicht vorbeigegangen. Mir ist der vorliegende Film dabei lieber als Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1964). Bei Kubrick wird am Ende die Erde in die Luft gejagt und der Mann (frei zitiert nach Lars-Olav Beier in „Stanley Kubrick“) weint ihr keine Träne nach.

Lumet kann noch weinen!

Anders gesagt, ihm ist eine Botschaft jenseits von Zynismus wichtig, aber ohne den gelegentlichen Dozentenzeigefinger eines Stanley Kramer – obwohl dieser mit „Das letzte Ufer“ (1959) einen wirklich guten Post-Atomkriegs-Film gemacht hatte. Lumet ist nicht nur Geschichtenerzähler, sondern Filmemacher. Sein Stil ist oft auffällig, aber er lässt ihn immer im Dienst des Inhalts stehen, und das macht gerade „Angriffsziel Moskau“ zu einem herausragenden und extrem packenden Film.

Kriegsspiele

Man ist von dem Politthriller schlicht gefesselt, möchte den DVD-Genuss keine Sekunde unterbrechen und fiebert mit den Protagonisten mit, wenn Lumet die Spannungsschraube anzieht. Durch eine technische Panne werden Kampfflieger mit Atomraketen in Richtung Moskau geschickt. Die Maschinen haben hier schon genauso viel Macht wie in „War Games – Kriegsspiele“ (1983). Jede Zeit hat ihre Atombedrohungsfilme, die Kubakrise und der Nato-Doppelbeschluss. Wie sich bei 19 Jahren Unterschied die Tücken der Automation gleichen, ist erschreckend, hier ist Lumet visionär. Die Uhr läuft unbarmherzig. Kann die Zerstörung der Weltstadt und der darob befürchtete Gegenschlag, der in einen Atomkrieg der Supermächte münden würde, noch gestoppt werden?

Sind 60 Millionen Tote statt 100 Millionen akzeptabel?

Lumet überzeugt sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Er erzählt unbarmherzig und schnörkellos, zeigt aber auch immer, dass es noch um etwas geht und Menschen mehr als Schachfiguren sind. Ein paar Szenen könnte man zwecks Verständnisses der Handlung schlicht weglassen, sie charakterisieren aber die Haupt- und auch die Nebenfiguren. Jeder ist wichtig, die italoamerikanischen Eltern eines Soldaten, die Ehefrau von General Black, sogar eine lüsterne Frau, die entbehrlich zu sein scheint. An ihr sehen wir aber: Professor Groeteschele (Walter Matthau), der vom Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus mit „60 statt 100 Millionen Toten“ träumt, erscheint uns eiskalt, negativ – ein kühler Rechner selbst mit Toten, aber von einer Frau angeekelt, die solchen Gedankenspielchen mit Geilheit statt mit Rationalität begegnet.

Auch der sowjetische Staatschef muss ringen

Was Lumet stattdessen nicht zeigt: Menschenmassen bei den Beratungen, realistische Flugszenen: Das ist ein Kammerspiel. Bei den Szenen in den Cockpits sieht man keinen Hintergrundhimmel, das sind ersichtlich Studioaufnahmen und sollen es auch sein, hereinkopiert sind Archivaufnahmen von Fliegern, bei denen das Bild im Gegensatz zum übrigen Film die Kratzer aufweist, die an eine Dokumentation denken lassen. Ansonsten: Beklemmung, Eingeschlossensein, der Mensch allein mit seinen Ängsten, Beklemmung teils nur durch Akustik. Den sowjetischen Staatschef sehen wir nie und spüren doch anhand seiner Stimme (und wie des Präsidenten „Interpreter“ sie nicht nur übersetzt), dass er ähnliche Gefühlsregungen durchmacht wie sein US-Pendant, und dass er die gleichen Konflikte mit seinem Stab hat, wie es einmal heißt.

Der Schrecken entsteht im Kopf, zum Beispiel auch, wenn Flugbewegungen und Abschüsse nicht real, sondern nur auf einem Radarschirm zu sehen sind. Kein Action-/Abenteuerfilm, sondern ein Drama. Menschen bleiben Menschen, und sie sind fehlbar; indes gelingt Lumet das große Kunststück, das Versagen der Sicherungen (in jeglicher Hinsicht) nicht monokausal als menschliches Versagen zu erklären: Wir sehen sowohl fehlbare als auch schrecklich unfehlbare Menschen. Menschen, die sich den ausgeklügelten und dutzende Male geprobten Gedankenspielchen für den Fall eines unmittelbar bevorstehenden Atomkriegs widersetzen. Und Menschen, die gerade dies nicht tun, was mindestens genauso schlimm ist. Damit die Sowjets keine Manipulationsmöglichkeiten haben, gibt es nämlich keinen Plan B: Was passiert, wenn die Kampfflieger erst einmal den Befehl erhalten haben, Moskau zu bombardieren? Es gibt kein Zurück. Nicht die Stimme des US-Präsidenten (Henry Fonda), nicht die Stimme der Ehefrau, einfach gar nichts darf sie davon überzeugen, die Aktion doch noch abzublasen. Darauf sind sie ewig und drei Tage gedrillt worden. Tja, warum droht die Welt zerstört zu werden? Weil die Menschen fehlbar sind oder weil sie allzu gut „funktionieren“ (was ja auch eine Form von Fehlbarkeit ist)?

Eine Thema fürs Bundesverfassungsgericht

Am Ende entschließt sich der Präsident zu etwas, das erschaudern lässt und bei aller Kalter-Kriegs-Kubakrise-Zeitgebundenheit eine große Aktualität hat. Darf man Menschen opfern, um etwas noch Schlimmeres zu verhindern? Die Frage, ob man besser ein Flugzeug mit 100 Passagieren abschießt, als es durch Terroristenhand auf Tausende krachen zu lassen, hat bereits das Bundesverfassungsgericht beschäftigt und könnte angesichts der weltweiten terroristischen Bedrohung zum realen Schreckensszenario mutieren. Der vorliegende Film regt insoweit zum Nachdenken an, erschreckt und überrascht auch, gerade weil er sich weitgehend als humanistisch erweist, aber am Ende eine inhumane Tat als nahezu ausweglos darstellt. War das wirklich so in diesen Zeiten? Ist es gar allgemeingültig? Wir wissen es nicht.

Wir wissen nur, dass General Black am Ende seinem Dämon begegnen wird. „Der Matador bin ich!“ Und der Bombenabwurfknopf wird die tödliche Klinge, mit der einer Stadt der Todesstoß versetzt wird. Wie auch beim Stierkampf, der ja nur vorgeblich ein Kampf auf Augenhöhe ist, gilt: Die Stadt konnte nichts dafür und hatte keine Chance. Und damit lässt uns Lumet nun allein: Mit einem schrecklichen Ende, das zwar anscheinend gerechtfertigt wird, das aber auch den Menschen, der die Tat ausführen muss, in seine – und unsere! – Abgründe blicken lässt. „Das ist unvermeidlich!“, aber „Schaut, wozu der Mensch fähig ist!“ Und diese erschreckende Erkenntnis des Widerspruchs bleibt.

Audiokommentar von Regisseur Sidney Lumet

Die DVD hat hervorragendes Zusatzmaterial, darunter einen Lumet-Audiokommentar. Der Mann war bis ins hohe Alter blitzgescheit (geboren: 1924, letzter Film: 2007, gestorben: 2011) und hat den DVD-Markt noch bewusst erlebt und mitgestaltet. Und er hat etwas zu sagen statt nur läppische Anekdoten zu erzählen. Ein sehr bewusst gestaltender, gleichzeitig leidenschaftlicher Filmemacher, wie man auch an seinem Buch „Filme machen“ merkt – und eben an seinen Audiokommentaren. Wer auf deutsche Synchronisation verzichten kann, wird beim Referenz-Label „The Criterion Collection“ fündig, das „Fail Safe“ als Blu-ray und DVD in diesem Fall nicht nur in den USA veröffentlicht hat, sondern auch im Vereinigten Königreich, somit geeignet für Abspielgeräte mit westeuropäischem Regionalcode. HD-Fans werden sich insbesondere an der neuen 4K-Restaurierung erfreuen, das vermutlich hohen Ansprüchen genügt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sidney Lumet haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Henry Fonda und Walter Matthau unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. September 2006 als DVD

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Fail Safe
USA 1964
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Walter Bernstein, nach einem Roman von Eugene Burdick und Harvey Wheeler
Besetzung: Henry Fonda, Walter Matthau, Fritz Weaver, Dan O’Herlihy, Frank Overton, Edward Binns, Larry Hagman, William Hansen, Russell Hardie, Russell Collins, Sorrel Booke
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Sidney Lumet
Label/Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2020 by Tonio Klein
Packshot: © 2006 Sony Pictures Entertainment

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Gewinnspiel: 4 x Zwischen zwei Feuern auf Blu-ray

Verlosung

Kirk Douglas, Elsa Martinelli, Walter Matthau, Lon Chaney Jr. – „Zwischen zwei Feuern“ punktet mit famoser Besetzung. Koch Films hat André De Toths 1955er-Regiearbeit bereits 2018 in der „Edition Western Legenden“ als Blu-ray und DVD veröffentlicht und kürzlich als Blu-ray-Neuauflage „Classic Western in HD“ nachgelegt. Von diesen hat uns das Label vier Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu Ansgars Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 5. Juli 2020, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle nach Start des Gewinnspiels veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Das „nach Start“ erwähne ich, weil sich aufgrund eines vorherigen Gewinnspiels unter der Rezension bereits Antworten finden. Wer seinerzeit bereits kommentiert hat und erneut teilnehmen will, muss also erneut kommentieren, kann dies aber natürlich mit einer identischen Antwort. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Klaus,
– Rüdiger Kwade,
– Thorsten Schulz,
– Christine Treublut.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Ergänzung 15. Juli: Thorsten Schulz hat auch die Frist zur Beantwortung der zweiten Benachrichtigung verstreichen lassen, sein Gewinn verfällt. Als zusätzlichen Gewinner habe ich Andreas Michaelis ausgelost. Herzlichen Glückwunsch! Auch du wirst benachrichtigt.

Die Rezension von „Zwischen zwei Feuern“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Erdbeben – Wenn „The Big One“ zuschlägt

Earthquake

Von Volker Schönenberger

Katastrophen-Action // Frühmorgens joggt der Bauingenieur Stewart Graff (Charlton Heston) durch die sonnigen Straßen von Los Angeles. Daheim trainiert der Ex-Footballer noch ein wenig mit dem Expander, streitet sich derweil mit seiner Frau Remy (Ava Gardner), mit der er eine seit langer Zeit lieblose Ehe führt und die – womöglich genau deswegen – gern einen über den Durst trinkt. Als er nach einer Dusche das Haus verlassen will, bemerkt er, dass sie wie leblos auf dem Bett liegt. Eine leere Tablettendose lässt ihn vermuten, dass sie erneut eine Überdosis Pillen eingeworfen hat. Doch als ein Erdstoß das Haus erschüttert, schreckt Remy hoch und wirft sich in Panik in Stewarts Arme – sie hat den Selbstmordversuch nur vorgetäuscht. Erbost sucht er das Weite.

Remy beklagt sich bei ihrem Vater Sam Royce über ihren Ehemann

Auf dem Weg ins Büro schaut Stewart noch bei der jungen Schauspielerin – und Witwe – Denise Marshall (Geneviève Bujold) vorbei, bringt ihrem Sohn Corry (Tiger Williams) einen signierten Football; wenig später erfahren wir, dass Stewart und Denise eine Affäre haben. Remys Vater Sam Royce (Lorne Greene) ist gleichzeitig Stewarts Boss. Er bietet seinem Schwiegersohn an diesem Tag die Leitung des Unternehmens an, doch Stewart erbittet sich Bedenkzeit.

Der Supermarkt-Verkäufer als Stalker

Derweil muss sich der desillusionierte Polizist Lou Slade (George Kennedy) damit abfinden, vom Dienst suspendiert worden zu sein, weil er nach einer wilden Verfolgungsjagd außerhalb der Reviergrenzen einem Kollegen eine gepfeffert hat. Parallel bereitet der Motorradfahrer Miles Quade (Richard „Shaft“ Roundtree) mit seinem Partner Sal Amici (Gabriel Dell) eine spektakuläre Stuntshow vor. Sals vollbusige Schwester Rosa (Victoria Principal, „Dallas“) soll dabei als Blickfang dienen, zeigt sich aber nicht sonderlich erpicht auf den Job. Sie ahnt nicht, dass sie in dem Supermarkt-Verkäufer Jody Joad (Marjoe Gortner) einen Verehrer hat, mit dem sie in Kürze noch üble Erfahrungen machen wird. Jody wird nach dem morgendlichen Erdbeben als Mitglied der Nationalgarde zu seiner Einheit beordert.

„The Big One“ erschüttert Los Angeles

Die kurzen Erdstöße in der Früh hatten bereits fatale Folgen: An der Hollywood-Talsperre (dem Mulholland Dam) ertrinkt ein Aufseher bei einem Kontrollgang, als ein Aufzugschacht voll Wasser läuft. Zwei Wissenschaftler des Seismologischen Instituts Kalifornien sterben, als sie bei Untersuchungen in einem Graben aufgrund von Erdbewegungen verschüttet werden. Dann bricht das Inferno über Los Angeles herein: das große Beben.

Herausragende Tricktechnik

Beeindruckend, welche Illusionen die Tricktechnik auch in vordigitaler Zeit erzeugen konnte. Mit Miniaturen, gemalten Kulissen – sogenannte Matte Paintings – und zwecks ruckelnder Bewegungen auf Rollen montierter Sets versetzt „Erdbeben“ sein Publikum mitten in die titelgebende Naturkatastrophe. Hinzu kamen Kamera-Systeme, die selbst Schüttelbewegungen ausführten und so den Eindruck der Erdstöße verstärkten. Zahlreiche Stunts taten ihr Übriges, das Resultat ist auch fast 45 Jahre später atemraubend. Es wurde seinerzeit in den Kinos akustisch mit dem neuen, wenn auch kurzlebigen Sensurround-Verfahren verstärkt, das besonders tiefe Töne erzeugte. Nur vier weitere Filme kamen mit Sensurround-Ton in die US-Lichtspielhäuser: „Schlacht um Midway“ (1976), „Achterbahn“ (1977), „Kampfstern Galactica“ (1978) und „Mission Galactica – Angriff der Zylonen (1979). „Erdbeben“ erhielt 1975 einen Oscar für den Ton, bei der Verleihung zudem einen „Special Achievement Award“ für die visuellen Effekte. Auch in den Kategorien Kamera und Schnitt war „Erdbeben“ nominiert, unterlag dort aber dem anderen großen Katastrophenfilm des Jahrs 1974, „Flammendes Inferno“, der auch an den Kinokassen die Nase vorn hatte. In der Kategorie „Art Direction – Set Decoration“ schnappte „Der Pate 2“ beiden Filmen den Academy Award weg.

Stewart hat das Bürogebäude erreicht …

Die Beziehungen der Figuren sind spannend genug geraten, ihre Entwicklung dient aber natürlich letztlich nur dazu, auf den Höhepunkt hinzusteuern – das große Beben. Immerhin interessiert man sich ausreichend dafür, wer überlebt und wer nicht. Legendär ist natürlich der Gastauftritt von Walter Matthau als Schnapsdrossel in der Kneipe. Der Gute hat kaum Text, lallt lediglich ab und zu den Namen einer berühmten Persönlichkeit hinaus, dem er zuprostet. Im Abspann war Matthau als Walter Matuschanskayasky genannt – Auslöser des sich hartnäckig haltenden, aber falschen Gerüchts, er hieße tatsächlich so. Matthau war Mitte der 1970er-Jahre schon ein großer Star, der derlei Minirollen nicht nötig hatte; er übernahm den Part, um dem Produzenten Jennings Lang einen Gefallen zu tun, mit dem er gut befreundet war.

Langfassung fürs US-Fernsehen

Für die US-Fernsehpremiere zwei Jahre nach dem amerikanischen Kinostart wurde „Erdbeben“ um eine satte halbe Stunde verlängert. An sich für den neuen „Big Events“-Sendeplatz von NBC vorgesehen, der inklusive Werbung auf zwei Stunden angelegt war, war die Kinofassung dafür mit knapp über zwei Stunden Nettolaufzeit deutlich zu lang. Dank der Verlängerung des Films machte der Sender aus der Not eine Tugend und die als Großereignis konzipierte und beworbene Ausstrahlung zum Zweiteiler.

… und beteiligt sich daran, die Menschen abzuseilen

Dabei wurden ein paar Szenen eingebaut, die beim Schnitt der Kinofassung der Schere des Cutters zum Opfer gefallen waren, so etwa die Einleitung, in der ein Sprecher die San-Andreas-Verwerfung thematisiert. Dabei handelt es sich um eine tektonische Transformstörung, an der die Pazifische Platte auf die Nordamerikanische Platte trifft. Die San-Andreas-Verwerfung wird für die seismischen Aktivitäten und Erdbeben in Kalifornien verantwortlich gemacht, darunter auch das Erdbeben von San Francisco 1906 mit mehr als 3.000 Toten. In Kalifornien wird seit etlichen Jahrzehnten befürchtet, ein neues großes Beben werde die Katastrophe vom Beginn des 20. Jahrhunderts noch übertreffen. Wann kommt „The Big One“?

Derweil sucht Denise ihren Sohn …

Den Großteil der zusätzlichen Szenen machten allerdings neue Sequenzen aus, die ohne Mitwirkung von Regisseur Mark Robson gedreht wurden. Am auffälligsten ist ein vollständig neuer Handlungsstrang um die jungen Eheleute Kathie und Tony (Debralee Scott, Sam Chew), die sich auf dem Flug nach Los Angeles befinden. Tony hofft darauf, von Stewart Graff einen lukrativen Job angeboten zu bekommen. Kathie legt während des Flugs die Karten und erkennt nahendes Unheil. Ihr Passagierflugzeug setzt ausgerechnet während des Erdbebens zur Landung auf dem Los Angeles International Airport an. Ich hätte darauf gut verzichten können, zumal Bild und Ton der Kinofassung auf der Blu-ray im capelight-Mediabook deutlich besser sind als bei der TV-Fassung. Obendrein ist das 2.35:1-Breitbild dem 1.33:1-Fernsehformat vorzuziehen, zudem wurde der Film fürs Fernsehen minimal entschärft, also zensiert, so etwa um ein paar Schimpfwörter. Auch ein – allerdings ohnehin überaus künstlich aussehender und eher als blutiger Gag wirkender – Blutschwall am Ende einer Szene im Fahrstuhl wurde entfernt. Die genauen Unterschiede zwischen Kino- und Fernsehfassung finden sich im Schnittbericht.

… und begibt sich dabei in Lebensgefahr

Regisseur Mark Robson (1913–1978) begann seine Laufbahn unter dem Produzenten Val Lewton mit den vier bemerkenswerten Arbeiten „The 7th Victim“ (1943), „The Ghost Ship“ (1943), „Isle of the Dead“ (1945) und „Bedlam“ (1946). Mystery-Thriller und Horror – komplett anderer Stoff als „Erdbeben“, gleichwohl außergewöhnlich und sehenswert. Für „Glut unter der Asche“ (1957) und „Die Herberge zur sechsten Glückseligkeit“ (1958) war Robson Oscar-nominiert. „Erdbeben“ war seine vorletzte Regiearbeit. Kurz nach der Fertigstellung von „Lawinenexpress“ (1979) starb er, der Actionthriller mit Lee Marvin und Robert Shaw kam posthum in die Kinos.

Mediabook von capelight pictures

capelight pictures hat das Mediabook von „Erdbeben“ mit zwei Blu-rays und einer DVD bestückt, wobei sich auf der zweiten Blu-ray die TV-Fassung befindet. Diese lediglich mit englischer Originaltonspur in Stereoton, da die zusätzlichen Szenen nie ins Deutsche synchronisiert worden sind. Deutsche Untertitel lassen sich zuschalten. Bei der Kinofassung lässt sich die englische Version sogar mit Sensurround-Ton auswählen. Wie das im Heimkino klingt, darüber kann ich mangels Surround-Anlage leider keine Auskunft erteilen – Asche auf mein Haupt. Das Bonusmaterial auf den Discs enthält drei interessante Featurettes. Im gewohnt schmuck layouteten und bebilderten Booklet findet sich ein kenntnisreicher Text zu „Erdbeben“. Darin geht der Autor zu Beginn auch auf die Erfolgswelle der 70er-Jahre-Katastrophenfilme ein, die im Gegensatz zum seit Mitte der 60er aufgekommenen New Hollywood stand. Auch wenn es langsam langweilig wird: Wie immer reckt sich der Daumen auch bei dieser capelight-Veröffentlichung steil nach oben.

Cop Lou Slade verpflichtet Stewart …

Nichts gegen den mit massiver CGI-Unterstützung entstandenen „San Andreas“ (2015) mit Dwayne Johnson – der Reißer hat mir ebenfalls Spaß gemacht. Die Erdbeben-Referenz aber bleibt – genau – „Erdbeben“.

… als Helfer

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mark Robson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Ava Gardner unter Schauspielerinnen, Filme mit George Kennedy, Charlton Heston und Walter Matthau in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 20. März 2020 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD), und DVD, 4. Juli 2013 als Blu-ray, 31. Mai 2012 und 16. Juni 2003 als DVD

Länge: 152 Min. (Blu-ray, TV-Fassung), 122 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 117 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (TV-Fassung nur Englisch)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Earthquake
USA 1974
Regie: Mark Robson
Drehbuch: George Fox, Mario Puzo
Besetzung: Charlton Heston, Ava Gardner, George Kennedy, Lorne Greene, Geneviève Bujold, Richard Roundtree, Marjoe Gortner, Barry Sullivan, Lloyd Nolan, Victoria Principal, Walter Matthau, Monica Lewis, Gabriel Dell, Pedro Armendáriz Jr., Lloyd Gough, Debralee Scott, Sam Chew, Tiger Williams
Zusatzmaterial Mediabook: 3 Featurettes: „Scoring Disaster – The Music of Earthquake“ (16:42), „Painting Disaster – The Matte Art of Albert Whitlock“ (10:36), „Sounds of Disaster – Ben Burtt Talks about Sensurround“ (11:20), alle Szenen der TV-Fassung, zusätzliche/entfallene TV-Szenen, Original Kinotrailer, Original TV-Spot, 24-seitiges Booklet
Label Mediabook: capelight pictures
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG
Label/Vertrieb Blu-ray & DVD: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & oberer Packshot: © 2020 capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: