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Sein Freund, der Lederstrumpf – Der Mann mit den vielen Namen und Gesichtern

The Pathfinder

Von Ansgar Skulme

Western // Nachdem die mit den Briten verbündeten Mohikaner von den mit den Franzosen verbündeten Mingos bis fast zum letzten Mann ausgerottet worden sind, ist schnelles Handeln gefragt. Chingachgook (Jay Silverheels) und der auch als „Pfadfinder“ bekannte Nat Cutler (George Montgomery) lassen sich daher auf eine waghalsige Mission ein: Sie sollen hinter den feindlichen Linien, direkt bei der gegnerischen Armee, wichtige Informationen über die Franzosen gewinnen, um so das Vorrücken der Briten zu erleichtern. Um den beiden ein womöglich tödliches Radebrechen vor den Widersachern zu ersparen, wird ihnen die der französischen Sprache mächtige Welcome Alison (Helena Carter) zur Seite gestellt. Der „Pfadfinder“ jedoch hat seine Zweifel, ob die energische Dame für den beschwerlichen Fußmarsch durch die Wildnis geeignet ist – zu Zeiten, als die späteren Vereinigten Staaten von Amerika noch zu wenig erschlossen waren, um sie per Pferd durchqueren zu können.

Nat Cutler alias Nathaniel „Natty“ Bumppo hat in der aus Geschichten von James Fenimore Cooper hervorgegangenen Filmwelt nicht nur zwei Namen, sondern auch mehrere Spitznamen. Gemeint ist vom „Wildtöter“, über den „Lederstrumpf“, den „Pfadfinder“, den „Waldläufer“ bis hin zu „Hawkeye“ und „Falkenauge“ immer dieselbe Person. Auch wenn in unterschiedlichen Filmen tatsächlich querbeet die diversen unterschiedlichen Rufnamen für die Figur verwendet wurden und teilweise in den jeweiligen Titeln verewigt worden sind. Sein treuer Begleiter Chingachgook hatte mit „Sagamore“ ebenfalls einen zweiten, gebräuchlichen Rufnamen, der zum Teil isoliert vorzufinden ist, sodass man den Zusammenhang mit Chingachgook zunächst nicht unbedingt durchschaut. Diesem Umstand geschuldet kann man „Sein Freund, der Lederstrumpf“ (1952) durchaus als eine Art Prequel zu „Auf Winnetous Spuren“ (1950) verstehen – auch wenn die Hauptfiguren in beiden Filmen unterschiedlich angeredet werden –, da die Hauptrolle des Waldläufers ausnahmsweise einmal in zwei Filmen vom selben Schauspieler, George Montgomery, gespielt wurde. Leider ein seltenes Vergnügen, dass der Lederstrumpf, trotz zahlreicher Verfilmungen, überhaupt einmal in zwei Kinofilmen vom selben Darsteller verkörpert worden ist – ein ähnliches Phänomen wie beim legendären Privatdetektiv Philip Marlowe. Bei solch berühmten Figuren durchaus ärgerlich und auch ein bisschen unerklärlich. Viele Namen, viele Gesichter, viele Schauspieler, aber stets derselbe James-Fenimore-Cooper-Held.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Warum eher Prequel als Sequel? Der Roman „The Pathfinder“, auf dem „Sein Freund, der Lederstrumpf“ basiert, ist zwar eigentlich erst 1758 und 1759 verankert, während der Film „Auf Winnetous Spuren“ im Jahr 1757 spielt, allerdings ist Chingachgook in der filmischen Welt in „Sein Freund, der Lederstrumpf“ sichtbar jünger, während „Auf Winnetous Spuren“ ihn nicht nur als „Sagamore“ statt Chingachgook zeigt, sondern auch als in die Jahre gekommenen Mann auf der Zielgeraden seines Lebens.

Ein weiterer deutlicher visueller Unterschied ist der Aspekt, dass „Sein Freund, der Lederstrumpf“ in schickem Technicolor realisiert wurde, während „Auf Winnetous Spuren“ in Schwarz-Weiß entstand, wobei sich die Wertung „nur“ in Bezug auf die Schwarz-Weiß-Kameraarbeit insbesondere deswegen verbietet, weil mit Phil Karlson ein noch heute für seine Film noirs berühmter Regisseur die Verantwortung bei „Auf Winnetous Spuren“ trug, für den die Abstufungen von Schwarz und Weiß gewissermaßen ein gesamter Farbkasten zu sein vermochten. Bei den Dreharbeiten zu „Sein Freund, der Lederstrumpf“, der im Gegensatz zu „Auf Winnetous Spuren“ nicht von den United Artists, sondern Columbia Pictures in die Kinos gebracht wurde, trat Sidney Salkow in Karlsons große Fußstapfen. Im engen zeitlichen Rahmen typischer Columbia-B-Western dieser Zeit, die häufig, wie auch bei etlichen anderen Studios, nur bei rund 70-75 Minuten die Ziellinie überquerten, ist Salkow ein durchaus unterhaltsamer, angenehm anzusehender Film geglückt. „Sein Freund, der Lederstrumpf“ erreicht zwar nicht die epische Gewalt, die sein Vorgänger stellenweise entfachte, spinnt aber die Geschichte mit charismatischen Schauspielern nett weiter.

Die Fans kriegen, was sie wollen

Besonders hervorheben möchte ich an dieser Stelle die relativ kleine Rolle von Elena Verdugo als Häuptlingstochter Lokawa. Das naive, junge Indianer-Mädchen ist eine der klassischen Klischee-Figuren, die der damalige Hollywood-Western für die Ureinwohner immer wieder anbietet. Jedoch gelingt es Elena Verdugo inmitten der ansonsten teils trivialen, oberflächlichen Erzählung, eine gewisse, Mitgefühl weckende emotionale Tiefe zu erzeugen. Jay Silverheels als treuer Gefährte des Helden, Rodd Redwing als hetzerisch, mit dünnem Wortschatz radikalisierender Kriegstreiber und Chief Yowlachie als wortkarger Scherge stellen allesamt andere, regelrecht prototypisch anmutende Klischee-Indianer dar. Das ist in diesem Film alles so sehr nach Schema F gemacht, dass es in gewisser Weise schon wieder Charme hat und manchmal an das Aufgreifen von Mustern klassischer Fabelwesen erinnert.

Bei George Montgomery mag irgendwann in dieser Zeit die Entscheidung gefallen sein, für den Rest der 50er fast durchweg Western zu drehen. Abgesehen von drei Unterbrechungen in den Jahren 1956 („Feuer über Mindanao“), 1957 („Straße der Sünderinnen“) und 1959 („Watusi“) blieb er dem Genre zwischen 1951 und 1961 im Kino quasi exklusiv treu und spielte sich dabei durch diverse erzählerische Facetten des Genres. Mit Montgomery-Western macht man eher selten etwas falsch – unter allen damaligen Western-Darstellern des etwas softeren Typs ist er mir so ziemlich der liebste, während ich beispielsweise Randolph Scott und vor allem Joel McCrea als angebliche Western-Ikonen der 50er nicht allzu viel abgewinnen kann, da ich ihnen zu selten abkaufe, dass sie im echten Westen länger als zehn Minuten überlebt hätten. Zu empfehlen ist neben seinem Kinoschaffen auch die gen Ende von Montgomerys Wildwest-Ära entstandene Serie „Cimarron City“, die 1958 und 1959 mit Episodenlängen von gut 45 Minuten – also doppelt so lang wie viele andere damalige Westernserien – und vielen Gaststars bei NBC an den Start ging. Dan Blocker, der kurz darauf mit „Bonanza“ berühmt wurde, hatte hier bereits eine wiederkehrende Nebenrolle, in der er sein komödiantisches Talent beweisen konnte. Audrey Totter stahl ihren männlichen Kollegen mit einer sehr starken Performance häufig die Show, verließ die Serie jedoch vorzeitig, was möglicherweise auch zum Aus nach nur einer Staffel führte – man hatte ihr offenbar mehr Episoden mit ihrer Figur im Mittelpunkt versprochen als man einhielt. Das Konzept rund um das Wachsen einer Stadt und die Herausforderungen, die sich den Bewohnern dabei stellen, hatte großes Potenzial. Die Serie belegt zudem deutlich, warum George Montgomery als Sympathieträger und wahrscheinlich auch Liebling aller Schwiegermütter so gut funktionierte. Frech auf die Spitze getrieben, wenn er sich in einer Rolle sogar noch konsequent als Junggeselle gab. Auch als Erzähler aus dem Off machte er durch schlauen Einsatz seiner Stimme einiges her und verstand es, der Faszination über das Aufblühen einer Stadt ein euphorisches und ehrfürchtiges sprachliches Gesicht zu geben.

Dann ist da aber noch eine Figur in „Sein Freund, der Lederstrumpf“, die den Rahmen des Üblichen sprengt: Helena Carter in der Rolle von Welcome Alison. Frauenrollen waren in den B-Western aus der breiten Masse teils recht devot, konventionstreu und kleinlaut. Doch hier bekommt man eine sehr forsche Figur in einer ebensolchen Darbietung zu sehen. Helena Carter hatte die Leinwandpräsenz und das Potenzial, auch den großen Mimen der männlichen Zunft vor der Kamera die Stirn zu bieten, was sich gerade im vorliegenden Film eindrucksvoll abzeichnet. Ein spannender Gedanke außerdem, sie sich beispielsweise unter der Regie eines Alfred Hitchcock vorzustellen. Bedauerlicherweise erschien nach „Sein Freund, der Lederstrumpf“ nur noch ein weiterer Film mit Helena Carter, gleichwohl ihr berühmtester: „Invasion vom Mars“ (1953). Sie entschied sich für ein Leben abseits des Scheinwerferlichts, verließ das Film-Business zu dem Zeitpunkt, als sie ihre zweite Ehe einging – diese hielt bis 1997, bis zum Tode des Ehemannes. Ein bemerkenswerter Schritt ins Privatleben, mit nur 13 Filmen im Portfolio.

Aus der Mitte des Genres

„Sein Freund, der Lederstrumpf“ kann im Prinzip sinnbildlich für eine große Welle an Filmen stehen, die das Western-Genre in den 50er-Jahren mit relativ kurzen Laufzeiten, aber herrlichen Farben und Geschichten im Groschenheft-Format überschwemmten und dabei gute Wege zu kurzweiliger Unterhaltung fanden. Mit Filmen dieser Art kann man als Western-Fan wirklich viele Wochen und Monate zubringen, selbst dann, wenn man sich auf die Produktionen spezialisiert, in denen Indianer eine Rolle spielen, und die vielen weiteren, in denen die Ureinwohner praktisch außen vor sind, einfach weglässt, was ich geraume Zeit selbst so gehandhabt habe. Wobei der vorliegende Film insofern schon wieder ein eher untypischer Vertreter ist, als es sich eben um eine Geschichte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts handelt. Der Film spielt also in einer Phase, in der sozusagen noch ganz Amerika wild war, wohingegen man zu einer Ableitung mit der Bezeichnung Western im engeren Sinne erst bei Filmen kommen würde, die im 19. Jahrhundert zu der Zeit spielen, als in Amerika, nach erfolgter Unabhängigkeitserklärung, dann eben irgendwann nur noch der Westen als wild galt. Gerade Columbia probierte seinerzeit mit Wildwest-Geschichten im Gewand des 18. und frühen 19. Jahrhunderts durchaus ein bisschen was.

Nicht Filme von John Ford und Howard Hawks, sondern B-Western der Güteklasse von „Sein Freund, der Lederstrumpf“ sind das Herzstück des Western-Genres in den 1950er-Jahren in Hollywood. Mit einem Darsteller wie George Montgomery in der Hauptrolle, der in diesem Jahrzehnt letzten Endes fast ausschließlich Western drehte. Durch so einen Film wird die Gangart der Mehrheit der Genrebeiträge des Jahrzehnts relativ gut repräsentiert – exotische Schauwerte, typische Action-Elemente, aber auch narrative Klischees und polarisierende Figurenkonstellationen inbegriffen. Häufig steht man in der Filmwissenschaft ja dem Paradox gegenüber, dass die bekanntesten Vertreter eines Genres gerade die Filme sind, die eigentlich recht stark von der breiten Masse abweichen – daher lassen sich gerade von populären Filmen genau genommen auch nur selten tiefgreifende Rückschlüsse auf den gesamten Korpus eines Genres ziehen. Getan wird es dennoch gern. Herausragende Qualität bedeutet eben auch Andersartigkeit, denn nichts kann aus der Masse herausragen und gleichzeitig repräsentativ für diese Masse sein. Eine Folge dieses Phänomens ist leider bis heute, dass die breite Masse der Filme aus den damals populären Hollywood-Genres ein relativ unbekanntes Dasein fristet, was sogar viele Filme durchaus bekannter Regisseure und Schauspieler einfasst – die innerhalb derer Filmografien lediglich wenig bekannt sind –, während versucht wird, anhand von herausragenden Filmen ganze Genres zu erklären.

Wildwest-Weihnachten rechts und links vom großen Teich

Ein Weihnachtsfilm ist „Sein Freund, der Lederstrumpf“ auf den ersten Blick zwar nicht, allerdings ist auffällig, dass er sowohl in den USA als auch später der Bundesrepublik Deutschland 1952 und 1955 offenbar jeweils im Dezember gestartet wurde und dementsprechend hier wie dort an Weihnachten im Kinoprogramm vertreten war. Vielleicht ein Zufall, vielleicht aber auch, weil die Fenimore-Cooper-Geschichten eben doch ganz weit in die Ferne führen, sodass es weiter in die Vergangenheit des Wilden Westens eigentlich kaum noch geht. Dass man das Kinopublikum an Weihnachten gern einmal tief in die hohe Kunst des Geschichtenspinnens eintauchen ließ, zeigt sich schließlich auch an der in einer Phase ab den frühen 40ern deutlich gewordenen Vorliebe im klassischen Hollywood, Weihnachten Filme aus Tausendundeiner Nacht zu platzieren. Weihnachten also als die Phase im Kinojahr schlechthin, die allen das Herz aufgehen lassen soll, die es lieben, wenn ein Märchenonkel sein Buch aufschlägt, nur dass sich dazu dann noch der Kinovorhang öffnet. Auch in der Visualisierung des Vorspanns von „Sein Freund, der Lederstrumpf“ – mit einem Buch, das schließlich zum Leben erwacht – kann man diese These ein Stück weit bestätigt sehen.

Überraschenderweise scheint der Film bisher noch nicht einmal in den USA offiziell auf DVD veröffentlicht worden zu sein. Über das in Europa zum Verkauf im Umlauf befindliche Material darf man geteilter Meinung sein. In jedem Fall existiert aber bereits eine gute, für eine digitale Veröffentlichung taugliche Bildfassung. Die deutsche Synchronisation punktet mit Western-Allrounder Heinz Engelmann in der Hauptrolle, der in etlichen Filmen des Genres vielen verschiedenen Hauptdarstellern seine Stimme lieh und nicht umsonst auch lange Zeit der Stammsprecher von John Wayne war. Gerade weil er zu dem hier doch noch recht jung und fast schon bübisch aussehenden George Montgomery eigentlich nicht allzu gut passt, kann man an diesem Film sehr treffend Engelmanns die Szenerie im positiven Sinne überstrahlende Qualitäten festmachen. Seine vertraute Stimme hilft ungemein gut dabei, sich schnell in das Genre mit all seinen Gegebenheiten fallen zu lassen.

Länge: 78 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Pathfinder
Alternativtitel: Lederstrumpf und Chingachgook
USA 1952
Regie: Sidney Salkow
Drehbuch: Robert E. Kent, nach einem Roman von James Fenimore Cooper
Besetzung: George Montgomery, Helena Carter, Jay Silverheels, Stephen Bekassy, Walter Kingsford, Rodd Redwing, Elena Verdugo, Bruce Lester, Chief Yowlachie, Lyle Talbot
Verleih: Columbia Pictures

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 
 

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McLintock! Frauen hauen

McLintock!

Von Lars Johansen

Western // John Wayne hatte 1960 Pech gehabt. Sein mit ursprünglich 192 Minuten überlanger, extrem patriotischer und extrem teurer Film „Alamo“ floppte an den Kinokassen erbarmungslos. Der Star hatte das monumentale Werk zusammen mit seinem Drehbuchautor James Edward Grant produziert und außer der Hauptrolle auch die Regie übernommen. Der Film war Waynes Herzensprojekt und genau so erzreaktionär wie er selbst. „Ich liebe diesen verdammten Republikaner“, sagte John Ford einmal über ihn und bringt damit die Ambivalenz Waynes ziemlich genau auf den Punkt. Jean-Luc Godard hat es anders und doch eigentlich genauso formuliert: „Es ist unmöglich, Wayne nicht zu hassen, wenn er sich für einen Mann wie Goldwater einsetzt. Und es ist unmöglich, Wayne nicht zu lieben, wenn er im vorletzten Akt der ,Searchers‘ plötzlich Natalie Wood in seine Arme nimmt.“ Nun versuchte Wayne seine Weltsicht in preisgünstigeren und nicht ganz so patriotischen Produktionen auf die Leinwand zu bringen. Und so machte er sich drei Jahre später mit dem gleichen Drehbuchautoren daran, eine Komödie auf die Leinwand zu bringen.

Hart, aber …

„McLintock“ lautet der Name des Örtchens, das zum größten Teil dem knurrigen Viehbaron gleichen Namens (John Wayne) gehört. Nun kommt es gleichzeitig zu Konflikten mit neuen Siedlern, Indianern, seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau (Maureen O’Hara) und der gemeinsamen Tochter Becky (Stefanie Powers), die aus dem Internat zurückkehrt. McLintock löst alle Probleme mit zupackender Souveranität. Dazu gehört auch, dass er nicht einschreitet, als der um die Hand seiner Tochter anhaltende Devlin Warren (Patrick Wayne) Becky mit einer Kohlenschaufel verprügelt – auf Beckys Wunsch erschießt McLintock diesen zum Schein. Letzteres ist eine wirklich unerwartete und hochkomische Szene, die positiv konnotierte Prügel jedoch definitiv nicht. Die Prügelszene wiederholt sich noch einmal, aber dieses Mal ist es McLintock, der am Ende des Films mit der gleichen Schaufel seine Frau verprügelt, die danach sanft und nachgiebig ist.

Mit Schlägen eine Widerspenstige zähmen?

Wenn Mike Siegel im ansonsten klugen und kenntnisreichen Booklet schreibt: „[Die Szene] entspricht natürlich nicht mehr unserem heutigen Frauenbild, ist aber im Kontext ihrer Zeit trotzdem vergnüglich anzusehen“, dann irrt er an dieser Stelle. Denn das war damals mindestens unangemessen und peinlich und ist heute unmöglich. Dass es sich um eine Anlehnung an Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ handelt – geschenkt. Natürlich stellt es auch ein Zitat aus John Fords „Die Katze mit dem roten Haar“ („The Quiet Man“, 1952) dar, in welchem Wayne die widerstrebende O’Hara aus den Zug zerrt, sie zu ihrem Bruder schleppt und diesem vor die Füße wirft. Maureen O’Hara berichtet in einem Making-of, welches vor ungefähr 20 Jahren entstanden sein muss und es leider nicht auf diese Veröffentlichung geschafft hat, dass sie bei den Dreharbeiten zu „McLintock“ tatsächlich verprügelt wurde und schmerzhafte blaue Flecken davontrug. Auch wenn man das unter Schauspiel subsummieren mag, bleibt es eine eher widerliche und zutiefst frauenverachtende Szene.

… herzlich

Das ist umso überraschender, weil der Film ansonsten in großen Teilen eine erstaunliche Liberalität an den Tag legt. Da gibt es den Studenten Matt Douglas (Jerry Van Dyke), der McLintock einen Reaktionär nennt, sich dann entschuldigt und behauptet, dass alle jungen Menschen die ältere Generation so zu bezeichnen pflegen. Der entpuppt sich als guter Tänzer, aber als Ehemann für die Tochter wird er nicht in Erwägung gezogen, weil ihm die zupackende Natürlichkeit des jungen Farmarbeiters Devlin Warren fehlt, der am Ende diese für sich gewinnen kann. Aber die Indianer sind hier eben nicht indifferent böse gezeichnet, sondern als ehrenvolle Gegner, deren Häuptling Puma (Michael Pate) seinen schwer verletzten Gegner McLintock im letzten Krieg sogar nach Hause transportiert hat. So setzt sich der Viehbaron gegen den Gouverneur und den völlig überforderten Indianerbeauftragten der Regierung für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein. Er tut dies auf Augenhöhe, will keine Almosen für sie, denn diese kränken die Krieger, welche die Gaben zwar für Witwen und Waisen schätzen, für sich selbst aber ablehnen. Und er will nicht, dass die alten Häuptlinge in ein Reservat gezwungen werden, wo sie wie aufmüpfige Schüler behandelt werden, die sich zu melden haben. So verhilft er ihnen schließlich zur Flucht und zu Waffen, damit der Präsident gezwungen wird, mit ihnen zu verhandeln.

Schlammschlacht ohne Whisky

Wenn das am Ende nur angedeutet und nicht ganz ausgeführt wird, stellt das eine kleine Schwäche des Films dar, der einige dramaturgische Risse aufweist und nicht jeden losen Faden zu Ende verfolgt. Witzig ist es auf jeden Fall, wenn eine ältere Indianerin einem ausgewiesenen Indianerhasser kräftig an den Hintern fasst, da er vor 20 Jahren eine Affäre mit ihr gehabt zu haben scheint, woran er sich aber nicht gern erinnern will. Und wenn es zur großen Prügelei kommt, die sich im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Schlammschlacht auswächst, sind es die Indianer, die distanziert und ein wenig pikiert den sich prügelnden Massen dabei zuschauen. Wenn dann noch einer der Häuptlinge den fehlenden Whisky bei dieser Party bemängelt und darauf zusammen mit den anderen den Schauplatz verlässt, hat auch das eine eigenartige Würde und einen sehr angenehmen Humor.

Rassistengesänge: „Hoch auf dem gelben Wagen“

Erstaunlich modern auch, dass McLintock seiner Tochter das Erbe verweigert, sondern ihr nur eine kleine Farm und etwas Vieh für sie und ihren Ehemann überlassen will, da die großen Ländereien nach seinem Tod zu Allgemeineigentum und einem Park werden sollen, damit die Umwelt nicht weiter zerstört wird. Das ist die andere Seite John Waynes, der selbst als Farmer und Viehzüchter tätig war und genau wusste, welche Gefahr die übergroße Ausbeutung der Natur mit sich bringen kann. Diese Ambivalenz lässt sich immer wieder bei den Filmen nachweisen, bei welchen er Einfluss auf die Produktion nehmen konnte, und das war spätestens seit dem Ende der 50er-Jahre eigentlich durchgehend der Fall. Waynes persönliches Weltbild nahm in den Filmen, in denen er mitwirkte, immer größeren Raum ein.

In… In… In…dianer

Eigentlich waren es schon beinahe familiäre Strukturen, die ihn bei der Filmarbeit begleiteten. So war bei „McLintock!“ sein Sohn Patrick als Schauspieler dabei, sein älterer Sohn Michael fungierte als Produzent. Mit Maureen O’Hara hatte er schon einige Klassiker gedreht, darunter den grandiosen „Rio Grande“ von 1950, in dem es ebenfalls um die Annäherung eines Ehepaars geht, das sich eigentlich getrennt hat. Dort ist es ein Sohn, der die beiden Partner einander wieder näherbringt. Yvonne de Carlo, deren Erfolge schon ein wenig zurücklagen, bekam das Engagement hauptsächlich deswegen, weil sich ihr Ehemann, ein Stuntman, bei den Dreharbeiten zu „Das war der wilde Westen“ („How the West Was Won“, 1962) so schwer verletzt hatte, dass er nicht mehr arbeiten konnte und die Familie zu verarmen drohte. Regisseur Andrew V. McLaglen war der Sohn von Waynes Freund und häufigem Filmpartner Victor McLaglen. Er hatte bislang nur für das Fernsehen gearbeitet und würde danach noch einige Filme mit Wayne und anderen drehen. Über besseres Handwerk ist er nie hinausgekommen und auch hier hat Wayne wohl ein wenig in die Regie eingegriffen.

John Ford hilft aus

Als McLaglen krankheitsbedingt ein paar Drehtage ausfiel, erzählte Stefanie Powers einmal, sei sogar ein misslauniger John Ford auf dem Set erschienen, der sich ein ein wenig darüber geärgert hatte, dass Wayne nicht ihm die Regie übertragen hatte, aber trotzdem bereitwillig einsprang, war doch sein Stammkameramann mit von der Partie. Dieses Familiäre strahlt auch der fertige Film aus, der seinerzeit ein veritabler Erfolg war, aber danach irgendwie ein wenig in Vergessenheit geriet. Er verfügt über ein paar schöne Momente, ist aber auch ganz schön lang geworden.

Da braut sich was zusammen

Die Blu-ray von capelight pictures ist mehr als ordentlich geworden, das Bild wurde gegenüber der amerikanischen Veröffentlichung noch einmal überarbeitet, und das ist dem Ergebnis sehr gut bekommen. Die Extras sind überschaubar, dafür ist das Booklet sehr dick geworden und neben der guten Arbeit von Mike Siegel ist es vor allem der zeitgenössische Comic zum Film, der einen echten Mehrwert darstellt. Kurz, man kann nur dazu raten, zuzugreifen, wenn man Western und John Wayne mag.

Abgefedert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Wayne haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Flaschenpfand und Paybackpunkte

Veröffentlichung: 29. November 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 3. Mai 2007 als DVD

Länge: 127 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: McLintock!
USA 1963
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: James Edward Grant
Besetzung: John Wayne, Maureen O’Hara, Patrick Wayne, Stephanie Powers, Yvonne de Carlo, Jerry Van Dyke, Jack Kruschen, Chill Willis
Zusatzmaterial: Making-of von 1963, deutscher Kinotrailer, US-Kinotrailer, 60-setiges Booklet mit einem Text des Filmhistorikers Mike Siegel, seltenen Bildern zum Film und dem vollständig restaurierten „Gold Hey Comic“ zum Film
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label 2007: Paramount
Vertrieb 2007: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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Gewinnspiel: 2 x Buffalo Boys auf Blu-ray

Verlosung

Öfter mal was Neues: ein Western aus Indonesien und Singapur. Die Busch Media Group hat „Buffalo Boys“ von 2018 hierzulande veröffentlicht und uns zwei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu meiner Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 8. Dezember 2019, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage am Ende des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Ich benötige obendrein die Zusage, dass die Sendung nicht von Minderjährigen entgegengenommen werden kann. Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Dirk Busch,
– Tobias Sunderdiek.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Buffalo Boys“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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