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Als Jim Dolan kam – Dean Martin als Schurke

Rough Night in Jericho

Von Lucas Gröning

Western // Wie sollte ein Staat aufgebaut sein? Welche Kombination aus politischem System und Wirtschaftssystem sollte einem Staat zugrunde liegen, damit er so funktioniert, dass darin ein Maximum an Freiheit und Gerechtigkeit erreicht wird? Was ist Gerechtigkeit überhaupt? Welche Rolle spielen Autoritäten? Welche Rolle spielt die Bevölkerung? Welchen Einfluss können Interventionen von außen spielen? Einige Diskussionsansätze zu diesen Fragen finden wir in Arnold Lavens Western „Als Jim Dolan kam“.

Zunächst zum Plot: Früher war Alex Flood (Dean Martin) der Sheriff der Kleinstadt Jericho. Er sorgte für Recht und Ordnung, doch mittlerweile ist der einstmalige Gesetzeshüter mit seiner Banditenbande zum gefährlichsten Verbrecher der Gegend aufgestiegen. Die Bewohner des Ortes versetzt er in Angst und Schrecken. Eines Tages kommt der Kartenspieler und Ex-Marshal Jim Dolan (George Peppard) zusammen mit dem alternden Ex-Sheriff Ben Hickman (John McIntire) in die Stadt. Gemeinsam mit der Unternehmerin Molly Lang (Jean Simmons, „Spartacus“) sagen sie dem Despoten den Kampf an, um dessen Schreckensherrschaft über Jericho zu beenden.

„Als Jim Dolan kam“ ist, während er diesen Disput zeigt, handwerklich sehr gut gemacht, man merkt Regisseur Arnold Laven an, dass er nach seinen vorherigen Arbeiten „Das letzte Kommando“ (1962) und „Die glorreichen Reiter“ (1965) das Western-Genre beherrschte. Ansonsten war er bis zu seinem Karriereende Mitte der 1980erJahre vornehmlich fürs US-Fernsehen tätig und dort gut beschäftigt.

Alex Flood herrscht mit eiserner Hand

Vor allem die darstellerischen Leistungen des späteren „A-Team“-Stars George Peppard und besonders von Entertainer-Legende Dean Martin ragen heraus – Martin hatte sich im Genre bereits 1959 mit Howard Hawks’ „Rio Bravo“ ein Denkmal gesetzt. „Als Jim Dolan kam“ zeigt ihn in einer seltenen Schurkenrolle, es mag sogar seine einzige gewesen sein. Zusätzlich hören wir eine stimmige musikalische Untermalung und sehen tolle Kulissen sowie eine hervorragende Arbeit der Kamera. Die Kameraarbeit erreicht dabei eine hohe Qualität, was sich darin äußert, dass sie die Aussage des Films und die Gegensätzlichkeit der Figuren zusätzlich zu den Dialogen fantastisch unterstützt. Doch was will der Film uns eigentlich sagen, und welche Gegensätze sind gemeint?

Sozialismus und Diktatur

Wir haben es hier mit einem Konflikt zwischen Repräsentanten verschiedener Strömungen beziehungsweise systemischer Kombinationen zu tun. Auf der einen Seite Alex Flood – er steht für ein autoritäres, totalitäres und auf eine Person zentriertes Staatensystem. Gleich zu Beginn sehen wir, wie Flood den Rechtsstaat in Jericho abschafft, indem er den örtlichen Sheriff entmachtet und einen seiner Lakaien in dieses Amt hebt. Zusätzlich ernennt er alle weiteren Bandenmitglieder zu Hilfssheriffs, um jegliche Missetaten, welche mit dem Gesetz eigentlich unvereinbar sind, vor diesem rechtfertigen zu können und Strafverfolgung von vornherein unmöglich zu machen. So lässt Flood ohne gerichtlichen Prozess einfach jeden Menschen exekutieren, der ihm widerspricht, da sich die Repräsentation von Legislative, Exekutive und Judikative in ihm manifestiert. Das Gesetz ist also deckungsgleich mit den Bedürfnissen des einzelnen Herrschers – und alle Macht liegt bei ihm.

Im weiteren Verlauf erfahren wir, dass der Despot an sämtlichen wirtschaftlichen Unternehmen der Stadt einen Anteil von 51 Prozent hält, sodass auch die ökonomische Macht vollständig bei ihm liegt. Niemand in der Stadt kann ohne Floods Wohlwollen und Zustimmung irgendeine wichtige Entscheidung über den eigenen Betrieb treffen. Natürlich ist auch jederzeit die Enteignung möglich – oder die Zerstörung des jeweiligen Geschäfts, sodass die Existenzgrundlage aller Individuen jederzeit potenziell gefährdet ist. Es ist diese Angst, die die Bewohner der Stadt dazu bringt, zu schweigen und ihr Schicksal als Untergebene von Flood zu akzeptieren. Andere profitieren von den Vorteilen ihrer Unterstützung für Flood und halten ihn deswegen an der Spitze. Somit wird die Macht des Unterdrückers auch innerhalb der Bevölkerung gestützt, weil es niemand riskieren will, zur Revolution aufzurufen. Diese Vereinigung von derartiger politischer und wirtschaftlicher Machtfülle lässt sich historisch auf die großen sozialistischen Systeme zurückführen, welche einer autoritären Herrschaftsordnung zugrunde liegen. Die Verbindung dieser Systeme im Zusammenhang mit einer derart starken Zentrierung auf eine Person, wie es in „Als Jim Dolan kam“ geschieht, legt eine Verbindung zum Deutschen Reich unter Hitler oder zur Sowjetunion unter Stalin nahe. Mit der Erhebung von Alex Flood zum Antagonisten erteilt der Film dieser systemischen Zusammensetzung eine Absage.

Kapitalismus und Demokratie

Jim Dolan hingegen entwickelt sich als Protagonist im Verlauf des Films zum Gegenentwurf. Zunächst ist er wenig interessiert daran, sich Flood entgegenzustellen, da er einem Konflikt mit diesem ausweichen will. Seine Vorstellung von einem Staat ist daher anfangs noch sehr schwammig zu definieren. Er offenbart hier allerdings seine Vorstellung von der systemischen Grundordnung in wirtschaftlicher Hinsicht: Dolan ist Kapitalist – er verdient sein Geld mit Kartenspielen. Er redet davon, in Geschäfte zu investieren und davon, welche Investitionen sich lohnen würden und welche nicht. Auch einen potenziellen Konflikt mit Flood betrachtet er als eventuelle Investition mit Risiken. Mit der geringen Wahrscheinlichkeit zu Beginn des Films, diese Auseinandersetzung siegreich zu bestreiten, begründet er vor sich selbst, weshalb er eine Intervention unterlässt. Die Personen, die Dolan anschließend dazu bringen, seine Entscheidung zu überdenken, sind Ben und Molly. Ben repräsentiert dabei als Ex-Sheriff den Staat und seine Bestrebungen, wieder geltendes Recht durchzusetzen. Es gelingt ihm, diese Ansicht in Dolan wieder zu wecken, welcher diese Ideale als Marshal einst ebenfalls verfolgte.

Obendrein stehen Ben und Jim für die Intervention von außen, da sie zu Beginn des Films erst in der Stadt ankommen und eigentlich nur temporär in Jericho bleiben wollen. Das autoritäre System ist also nur schwer allein von innen zu zerstören, vielmehr sei eine Kraft von außen nötig, um den Umsturz erfolgreich zu bestreiten. Molly zum anderen repräsentiert diese revolutionäre Kraft im Inneren, in gewisser Weise das Aufbegehren gegen die totalitäre Ordnung aus der Bevölkerung heraus. In Kombination schaffen es Ben und Molly auch, den Kapitalisten in Dolan zu überzeugen, welcher nun das Potenzial erkennt, einen von Erfolg gekrönten Angriff auf den Despoten zu initiieren – Dolans aufkeimende romantische Gefühle für Molly spielen zweifellos auch eine Rolle. Die Kamera spielt dabei mit dem Gegensatz zwischen den verschiedenen Entwürfen der drei Charaktere. Gerade zu Beginn des Films, als Dolan noch überzeugt werden muss, werden die gegeneinander argumentierenden Parteien stets im gleichen Bild gezeigt. Es gibt nur recht selten Großaufnahmen der Gesichter, sodass der Gegensatz zwischen den Meinungen zwar klar wird, es wird aber auch gezeigt, dass ihre Vorstellungen recht nahe beieinander liegen. Wenn Dolan und Flood miteinander sprechen, ist dies anders. Plötzlich haben wir Nahaufnahmen der Gesichter und die Kamera arbeitet viel mehr mit Schnitten. Die Botschaft hier: Beide sind weit auseinander. Sie sind so weit auseinander, dass Konsens in der Diskussion praktisch nicht zu erreichen ist und dass beide nicht in dasselbe Bild passen.

Macht geht vor Recht

Kurz vor dem Start der „Revolution“ fasst Jim Dolan in einer Szene die Ausrichtung des von Flood organisierten Regimes mit einem Satz zusammen: „Macht geht vor Recht.“ Dies trifft die Situation in der von Laven gezeigten Stadt sehr gut. Recht oder Gerechtigkeit finden in Jericho nicht statt. Es ist einzig und allein die auf ein Individuum ausgerichtete Politik, unter welcher die Stadt zu leiden hat. Die Macht dieser einen Person verhindert einen Umsturz der Gegebenheiten. „Als Jim Dolan kam“ macht hier erneut klar, worauf diese Macht aufgebaut ist: die wirtschaftliche Macht durch das Errichten eines staatlichen Monopols, die militärische Macht, welche durch die hohe Anzahl an bewaffneten Handlangern des Herrschers repräsentiert wird, und die Bevölkerung, welche das Regime des Despoten entweder fürchtet oder unterstützt. Gerade diese Punkte sind es, welche Floods Macht sichern und worauf sich die Revolutionäre stürzen, um ihm Einhalt zu gebieten.

Jim Dolan stellt sich dem Despoten in den Weg

Das Ideal, welches der Film herausarbeitet, ist ein demokratisches, kapitalistisches System. Zum Erreichen dieses angestrebten Ideals sieht er die Notwendigkeit eines inneren revolutionären Potenzials. Die Intervention von außen hält er für gerechtfertigt, solange die innere Kraft zu schwach erscheint, um den Umsturz selbst zu vollziehen. Das Ziel der Revolution muss vordergründig das Erlangen der Kontrolle über Wirtschaft und Militär sein, wobei es unerlässlich sei, die Bevölkerung auf seiner Seite zu wissen. Diese Herausarbeitung gelingt, wobei „Als Jim Dolan kam“ viele Fragen offen lässt, gerade was post-revolutionäre Prozesse anbelangt. Das kann man ihm ankreiden, man kann es ihm allerdings auch zugutehalten, dass er die Beantwortung dem Zuschauer überlässt. So wird dieser ermutigt, auch nach Rezeption des Westerns darüber zu reflektieren und sich mit der Zusammensetzung von Staat und Wirtschaft auseinanderzusetzen. Doch auch wenn man über die vielen Aussagen und Fragen, die Lavens Werk aufwürft, nicht philosophieren möchte, bekommt man hier einen sehr guten Western zu sehen, der wenig falsch macht, außer ein paar unpassenden und leider auch unlustigen Comedy-Elementen. Ob der verschwindend geringen Häufigkeit dieser kann man allerdings darüber hinwegsehen und „Als Jim Dolan kam“ als das beurteilen, was er ist: ein wirklich guter Film, 2008 erstmals als DVD in Deutschland veröffentlicht und nun in anständiger Bild- und Tonqualität auch auf Blu-ray verfügbar.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jean Simmons sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Dean Martin in der Rubrik Schauspieler. Welche Dean-Martin-Filme könnt Ihr empfehlen?

Veröffentlichung: 11. April 2019 als Blu-ray, 9. Mai 2008 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Rough Night in Jericho
USA 1967
Regie: Arnold Laven
Drehbuch: Sydney Boehm, Marvin H. Albert, nach dem Roman „The Man in Black“ von Marvin H. Albert
Besetzung: Dean Martin, Jean Simmons, George Peppard, John McIntire, Slim Pickens, Don Galloway, Brad Weston, Steve Sandor, Richard O‘Brien
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Booklet, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Wendecover
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Koch Films

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James Stewart (IV): Winchester 73 – Perfekt geschmiedete Odyssee eines Schießeisens

Winchester ’73

Anmerkung des Blogbetreibers: Aufgrund der extensiven und überaus lesenswerten Betrachtung lassen sich Spoiler nicht vermeiden. All jenen, die „Winchester 73“ noch nicht kennen, sei daher dringend ans Herz gelegt: Erst schauen, dann lesen!

Von Dirk Ottelübbert

Western // Eingangs liegt er hinter Glas, der „Titelstar“ dieses Films: ein Winchester-Repetiergewehr aus dem Produktionsjahr 1873, ein perfekt gelungenes Exemplar, „eine unter tausend“ – bestimmt zum Siegerpreis eines Schießwettbewerbs. Die Traumwaffe bleibt also nicht lange ein Ausstellungstück. Sie landet beim besten Schützen, wandert durch Raub allerdings in die Finger eines Schurken. Auch der verliert sie, und so nimmt die Winchester ihren Weg durch zahlreiche Hände, löst Bewunderung und Gier aus, bringt aber keinem ihrer Besitzer am Ende Glück …

Über einen einsamen Bergkamm reiten Lin McAdam (James Stewart) und sein Freund High-Spade (Millard Mitchell) nach Dodge City, Kansas. Wie im Taubenschlag geht es dort zu – es ist der 4. Juli 1876, zur Hundertjahrfeier der USA findet in dem Nest ein Preisschießen statt, und die Menge schart sich plappernd um den Preis, eine edle Winchester.

Waffen weg vor dem Waffengang

Aus diesem Grund werde auch „er“ in die Stadt kommen, versichert Lin mit Blick auf die Waffe. Offenbar erwartet der Westmann ein unerfreuliches Treffen. Nur ungern liefern Lin und High-Spade daher – Sicherheitsmaßnahme für alle – ihre Waffen beim örtlichen Gesetzeshüter Wyatt Earp (Will Geer) ab. „Er“ – das ist Dutch Henry Brown (Stephen McNally). Mit dem selbstsicher auftretenden, klobigen Kerl verbindet Lin eine gemeinsame Vergangenheit, und eine finstere Tat von Dutch ließ die beiden zu Todfeinden werden.

Lin (r.) und High-Spade (M.) geben ihre Waffen bei Wyatt Earp ab

Kurz darauf hallen die Straßen vom Echo der Gewehrschüsse wider: Die sieben Teilnehmer tragen den Wettbewerb aus. Lin und Dutch, einander stetig belauernd, setzen sich vom Feld ab. lm Scheibenschießen liegen sie gleichauf, beim Feuern auf Münzen findet Dutch in Lin seinen Meister. Viel zu schade sei die Büchse für das Jagen von Kaninchen, höhnt der Verlierer. Ja, und auch zu schade, um einem Mann in den Rücken zu schießen, entgegnet Lin böse …

Wie gewonnen, so zerronnen

Noch am selben Tag verliert er seine Trophäe. Dutch und zwei Spießgesellen überfallen ihn, rauben die Waffe und suchen das Weite. Ihr Ziel: Tascosa in Texas. Auf dem Weg machen sie Halt in der Prärie-Absteige „Riker’s Bar“, wo Dutch die Winchester beim Poker an den gewieften Händler Lamont (John McIntire) verliert. Auch der behält sie nicht lange: Lamont, mit den Indianern Geschäfte treibend, weigert sich, die Büchse an den rebellischen Sioux-Häuptling Young Bull (Rock Hudson) zu verkaufen, und bezahlt das mit dem Leben.

Bei der Attacke auf eine Kutsche und später auf einen Trupp Kavalleristen kommt Young Bulls neuer Besitz zum blutigen Einsatz. Die Soldaten unter Sergeant Wilkes (Jay C. Flippen) wehren sich vehement gegen die roten Krieger. Lin und High-Spade wie auch Saloondame Lola (Shelley Winters) und ihr Geliebter Steve (Charles Drake) sind zu den Männern gestoßen, helfen tatkräftig bei der Verteidigung. Nachdem Lin den Häuptling erschießt, geben die Indianer den Kampf auf. Die Winchester liegt im Staub des Kampfplatzes, bis ein junger Soldat (kleine Rolle für Tony Curtis, damals 25) sie entdeckt und an den erfreuten Wilkes weiterreicht. Das sei doch ein Geschenk für … „Lin!“, ruft der alte Offizier dem Davonreitenden nach, aber der ist außer Hörweite. So erhält Steve das kostbare Stück. An ihn scheint es vergeudet, denn er ist ein Feigling und gehört überdies zu einer Bande, mit der sich Dutch in Tascosa für einen Banküberfall verabredet hat.

Showdown in den Bergen

Die texanische Stadt bildet nun die letzte Reisestation der Waffe. Steve, von Lola nur noch widerwillig begleitet, lässt sich von Bandit Waco Johnny Dean (Dan Duryea) demütigen und provozieren; nachdem er zum Colt greift, erschießt Waco ihn und nimmt die Winchester an sich. Beim Zusammentreffen mit Dutch fordert dieser sein „Eigentum“ zurück. Waco gibt nach, kündigt dabei an, er werde sich das Gewehr schon wiederholen, auf ähnliche Weise wie tags zuvor bei Steve. Dazu kommt es allerdings nicht: Lin erreicht inzwischen Tascosa, durchkreuzt die Pläne der Banditen und liefert sich mit Dutch in den Bergen ein zweites – finales – Duell.

Dutch (l.) und Co. planen Finsteres

Genug erzählt! Tatsächlich kommt man in Versuchung, Szene für Szene dieses Klassikers nachzuzeichnen – so flüssig wechselt er die Schauplätze, Orte eigenständiger Mini-Dramen, so markant konturiert er seine Figuren. Die 92 Minuten von „Winchester 73“ liefern eine Glanzleistung in Sachen Erzählökonomie. Gemeinsam mit „Die Farm der Besessenen“ (ebenfalls 1950) bildet er Anthony Manns ersten Schritt ins Western-Genre, zudem markiert er den Beginn von dessen fruchtbarer Zusammenarbeit mit James Stewart (1908–1997). Fünf Western drehten sie gemeinsam, und ihr Startschuss geriet nicht zur Fingerübung, sondern avancierte sogleich zu einem Markstein des Genres, vielbesprochen, verehrt und erfolgreich. Ein maßgeschneiderter Einstieg in ein kommerziell wie künstlerisch bedeutsames Jahrzehnt für den US-Western.

Der Part des Lin McAdam gab Stewart die Gelegenheit, ein neues, toughes Image zu präsentieren, viele staubige Meilen entfernt vom unbeirrbaren, idealistischen und immer liebenswerten Gutmenschen, den er etwa in Frank Capras Meisterwerken „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) und „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) verkörpert hatte. Wie eigentlich alle „Helden“ aus Manns Western-Kosmos scheint Lin ein Getriebener, in sich gekehrt, zerquält. Alfred Hitchcock war ein weiterer Regisseur, der Stewarts dunklere Seiten hervorlockte, in „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) und vor allem natürlich in „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958).

James Stewart: hart oder verletzlich – oder beides?

Stewart selbst verwendete für den neuen Rollentypus statt „hart“ lieber das Stichwort „verletzlich“, was dem erstgenannten nicht unbedingt widerspricht: Lins Verwundungen – die lange zurückliegende Bluttat Dutchs, der Raub der Winchester – setzen Wut und Rachedurst frei. Der eigentlich gerechte Zorn trägt dabei pathologische Züge, Lin geht an seinem Drang nach Vergeltung fast zugrunde.

Als ich in Kindertagen, mit elf Jahren vielleicht, „Winchester 73“ zum ersten Mal sah, war ich bis dato eher mit Posen und Pathos der Karl-May-Schinken vertraut (gegen die ich hier nix sagen will!). Dieser Western jedenfalls schien mir etwas steif und redselig, James Stewart zu wenig Held. Seine Wut aber beeindruckte mich tief. Sein lodernder Blick, wenn er im vollen Saloon Dutch erstmals begegnet und der reflexartig zum Gürtel greift. Oder etwas später sein verächtlicher Zorn, wenn er seinem Feind schneidend entgegnet, er, Dutch, brauche die Winchester wohl „zum Morden“.

Stephen McNally als Gegenspieler Dutch

Womit wir beim starken Antagonisten wären, in jedem Western Anthony Manns eine feste Größe. Über Stephen McNally (1911–1994) als Dutch Henry Brown zeigte sich nicht nur Stewart des Lobes voll. Der wuchtige New Yorker, vormals Anwalt, stapfte durch eine ganze Reihe von B-Filmen, meist entweder als harter Bursche oder als Schurke, wie etwa in Jean Negulescos „Johnny Belinda“ (1948). Sein Dutch präsentiert sich als aufbrausendes, zudringliches Alpha-Männchen mit unstetem Blick. Eine formidable Leistung, auch wenn McNally etwas zurückbleibt hinter anderen Mann-Schuften wie dem doppelgesichtigen Cole alias Arthur Kennedy („Meuterei am Schlangenfluss“, 1952) oder dem dämonischen Vandergroat eines Robert Ryan („Nackte Gewalt“, 1953).

Abschied: Bardame Lola und Lin

Mindestens ebenso große Sorgfalt widmet das Drehbuch den zahlreichen Nebenfiguren, die vor allem durch gewitzte Dialoge ins Bild rücken und – je nach Perspektive – zu den Hauptdarstellern aufschließen oder aber Stewart und McNally (fast) in die „zweite Reihe“ holen. Auch dies ist ein Markenzeichen zumindest der drei Anthony-Mann-Western, für die Borden Chase als Autor verantwortlich zeichnete. Neben „Winchester 73“ gehen auch „Meuterei am Schlangenfluss“ (1952) und „Über den Todespass“ (1954) auf sein Konto.

So wie die Winchester-Büchse von Hand zu Hand wandert, tauchen diese Figuren auf der Bühne dieses Westerns auf und verschwinden teils wieder aus der Handlung. Aber sie setzen sich fest und klingen nach, lange nachdem der Film vorbei ist:

Wyatt Earp als Schiedsrichter

Wyatt Earp, Gesetzeshüter und Aufseher über das Preisschießen, gibt den launigen Festredner, wenn er schwadroniert, er selbst gäbe „seine rechte Hand“ für das prachtvolle Gewehr. Dann hält er inne und korrigiert sich: Vielleicht doch lieber die linke Hand, da er die rechte (Revolverhand) ja brauche, um im Nest für Ordnung zu sorgen. Das meint er dann völlig ernst.

Lins alter Freund High-Spade buchstabiert bei der Abgabe der Waffen in Dodge City seinen Namen: „High-Spade, mit einem Bindestrich. Auf dem ruhe ich mich aus, wenn ich mal müde bin.“ Was für ein Satz! Ein Mann der Sprache, abgesetzt vom rastlosen Tatmenschen Lin. Nicht umsonst ist es High-Spade, der Lola am Ende die Geschichte der Männerfeindschaft erzählt, während sich Lin und Dutch ihren Shootout liefern.

Bardame Lola ist keine „damsel in distress“, sondern bietet auch Schuften Paroli und zeigt Mut im Kampf. Als die Sioux-Krieger das Soldatenlager angreifen, drückt Lin ihr zögernd eine Waffe in die Hand. Lola sagt, sie könne damit umgehen und wisse auch, wofür die letzte Patrone aufzusparen sei …

Mit der Figur des aufrührerischen Sioux-Häuptling knüpft die Filmhandlung an die historischen Ereignisse jener Zeit an: Young Bulls unnachgiebiges Bestreben gilt dem Kauf von Repetiergewehren: Neun Tage vor der Hundertjahrfeier 1876 – mit der „Winchester 73“ seinen Anfang nimmt – hatten Krieger der Sioux, Arapaho und Cheyenne dem 7. US-Kavallerie-Regiment unter General Custer in der Schlacht vom Little Bighorn eine vernichtende Niederlage beigebracht. Dieser Sieg gelang nicht zuletzt dank der Repetiergewehre, die den Indianern einen Vorteil verschafften gegenüber den Einschüssern der Kavalleristen.

In Gettysburg noch Gegner

Sergeant Wilkes alias Jay C. Flippen, Anführer des Soldatentrupps, lobt Lin beim Abschied als einen Mann „nach meinem Geschmack“. In Gettysburg, jener blutig-berühmten Schlacht im Sezessionskrieg, hätte er ihn gern an seiner Seite gehabt. Schmunzelnd räumen Lin und High-Spade ein, sie seien doch dabeigewesen. Wilkes stutzt. Auf der Gegenseite, vervollständigen die beiden. Da lacht Wilkes – ein kurzes, herrlich weises Lachen, das eventuelle alte Gräben zwischen Nord- und Südstaatlern einfach zuschüttet.

Last not least ist natürlich Dan Duryea („Scarlett Street“, 1945) als Waco Johnny Dean zu nennen. Duryea, dessen Schauspiel-Stil so hingerotzt erscheint und doch so wohlbedacht ist, stiehlt hier komplett die Show als unberechenbarer, kichernder Tunichtgut.

Skrupellos überfällt Dutch eine Bank

Auch diese Liste des Western-Personals mag wie die Inhaltsangabe etwas langatmig ausgefallen sein. Mea culpa! So weitschweifig das in der Nacherzählung klingen mag, so klug, kurzweilig und lakonisch gerät das Werk, so reich grundiert die Darstellerriege das Drama. Bildet der Vergeltungs-Plot, der Kampf zwischen Lin und Dutch, das Skelett dieses Westerns, so bildet das restliche Ensemble dessen Blut, Fleisch und Herz. Im Typenreichtum und den Wechseln der Tonalität liegt auch ein besonderer Unterhaltungswert: „Ganze Sequenzen spielen meisterhaft mit der Mischung aus Thrill, Komik und Überraschung, die die alte Zirkusmentalität des Westerns ausmacht“ (zitiert nach: „Das Western-Lexikon“ von Joe Hembus).

Zum oben genannten „Thrill“ zählt definitiv auch die wohldosierte, dynamische Action: Die Attacke der Sioux auf die Kavalleristen überzeugt auch heute noch, im aufwühlenden Showdown zwischen Dutch und Lin fallen gefühlt mehr peitschende Schüsse als während der ersten großen Ballerei des Films, dem Preisschießen in Dodge City. Kameramann William H. Daniels leistete famose Arbeit; für den Film noir „Stadt ohne Maske“ (1948, Regie: Jules Dassin) hatte er einen Oscar gewonnen. Die Schießerei in den Bergen war denn auch Anthony Manns erklärte Lieblingsszene.

Nicht vergessen werden soll ein weiterer, laut Anthony Mann eigentlich der Hauptdarsteller des Films: „the Gun that Won the West“ – die Winchester. „Der ganze Film dreht sich um das Gewehr … das seine Besitzer entlarvt. Es gibt dem Film seine Struktur und wird selbst seine Hauptfigur“, so der Regisseur. Mythisiert der Film die Waffe? Ja und nein. Ein waffenkritisches Werk ist „Winchester 73“ ganz bestimmt nicht, zumal die Büchse ja am Ende in den „richtigen“, den „guten“ Händen landet (ironischerweise hat Lin zuvor kein einziges Mal mit ihr feuern dürfen).

Wie durchlöchert man eine Münze?

Schießen ist hier hohe Kunst (man denke an die physikalisch fast unmögliche mehrfache Durchlöcherung der Münzen beim Preissschießen!) und Mittel des Überlebens, Gewehre und Revolver sind Werkzeuge und psychologische Stütze – mehr als einmal beklagen die Westmänner, wie „nackt“ sie sich ohne Knarren und Munition fühlen. Anderseits weckt die Waffe Begehrlichkeiten respektive nackte Gier – sie befeuert und erhält somit den Zyklus aus Gewalt und Rache, der die Historie des Wilden Westens prägt und ausmacht.

Klassiker in neuer Optik: Erstmals erscheint „Winchester 73“ nun auf Blu-ray. Die Disc aus dem Hause Black Hill Pictures punktet mit gestochen scharfem Schwarzweiß-Bild und exzellenter Tonqualität. Zu den interessanten Extras zählt eine Super-8-Fasssung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Shelley Winters unter Schauspielerinnen, Filme mit Tony Curtis, Rock Hudson und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Todesmutig und entschlossen: Lin

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur DVD: Französisch
Untertitel: Deutsch, nur DVD: Englisch u. a.
Originaltitel: Winchester ’73
USA 1950
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Robert L. Richards, Borden Chase
Besetzung: James Stewart, Shelley Winters, Dan Duryea, Rock Hudson, Tony Curtis, Stephen McNally, Millard Mitchell, Charles Drake, John McIntire, Will Geer, Jay C. Flippen
Zusatzmaterial Blu-ray: Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Biografien, Wendecover
Label Blu-ray: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb Blu-ray: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb DVDs: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Dirk Ottelübbert
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Black Hill Pictures GmbH

 

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Zum 100. Geburtstag von Jack Palance: Die Bestie der Wildnis – Pessimistisch, provokant, düster

Arrowhead

Von Ansgar Skulme

Western // Die US-Armee sieht sich kurz vor einem vermeintlich aussichtsreichen Friedensabkommen mit den Apachen. Nur der Scout Ed Bannon (Charlton Heston), selbst bei den Ureinwohnern aufgewachsen, äußert vehement seine Skepsis. So lange bis er schließlich sogar vor dem Rauswurf steht. Gefährdet er mit seiner sturen Beharrlichkeit die Annäherung oder ahnt er, dass es sich bloß um eine Ruhe vor dem bösen Sturm handelt? Die Heimkehr des Häuptlingssohns Toriano (Jack Palance) scheint Gutes zu verheißen – er hat an der Ostküste eine großstädtische Ausbildung genossen. Doch Bildung lässt sich bekanntlich auch zu negativen Zwecken missbrauchen, insbesondere wenn man als großer Hoffnungsträger auf die bedingungslose Gefolgschaft seiner Anhänger setzen kann.

„Die Bestie der Wildnis“ zeigt Jack Palance, der am 18. Februar 2019 einhundert Jahre alt geworden wäre, in einer seiner physischsten Rollen. Der Sohn ukrainischer Einwanderer wirkt dabei als nordamerikanischer Ureinwohner recht überzeugend und liefert energisch eine der finstersten Indianerdarstellungen der Westerngeschichte ab. Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs hatte Palance während eines Trainingsflugs schwere Verbrennungen erlitten und sich nur knapp durch einen Fallschirmsprung aus einem brennenden B-24-Bomber retten können. Es heißt, dass die nachfolgenden operativen Eingriffe sein prägnantes Gesicht, die sehr tief zu sitzen scheinenden Augen und ungewöhnlich hervorstechenden Wangenknochen, in der heute bekannten Form bedingt hätten. Palance war sich der Möglichkeiten, die sein Aussehen mit sich brachte, offenkundig bestens bewusst. Er erhielt in den 50ern zwar auch einige Heldenrollen und machte sogar als Liebhaber eine gute Figur, konnte in „Die Bestie der Wildnis“ aber ein Schurke der brutalsten Sorte sein und dieses einmalige Gesicht dementsprechend ausspielen. Die Rolle war eine Herausforderung, die er sichtlich ernst nahm, wobei er sein eindrückliches Antlitz geschickt nutzte. In manchen Szenen wirkt er regelrecht wie der leibhaftige Tod, außer Atem und gefühlt jeden Muskel seines Körpers anspannend, zudem immer wieder die Augen intensiv einsetzend. Mir sind nicht viele Spielfilm-Beispiele bekannt, in denen die Gesichtszüge eines Schauspielers in einer Rolle so sehr einem nur sachte mit Haut überzogenen Totenkopf ähneln wie hier. Eine eindrucksvolle, offensive Performance, die ein so provokant mit Extremen hantierender Film tatsächlich sogar braucht, um konsequent zu bleiben.

Ein Film, der Grenzen austestet

„Die Bestie der Wildnis” war das Nachfolgeprojekt zu „Pony Express“ – derselbe Produzent (Nat Holt), derselbe Drehbuchautor (Charles Marquis Warren), derselbe Kameramann (Ray Rennahan), derselbe Komponist (Paul Sawtell), derselbe Hauptdarsteller (Charlton Heston). In den USA wurden beide Filme binnen eines Vierteljahres veröffentlicht. Der zentralste personelle Unterschied: Charles Marquis Warren übernahm diesmal auch selbst die Inszenierung seines Skripts. Ob dies einer der Gründe dafür ist, dass der Oscar-Preisträger Ray Rennahan („König der Toreros“) an der Kamera hier aus dem Technicolor noch mehr grandiose Bilder herauszukitzeln vermochte als im vorausgegangenen Film – mutmaßlich, weil sich hier mehr Zeit für die entsprechenden Bildkompositionen genommen worden sein mag –, ist nicht gesichert, aber denkbar. „Die Bestie der Wildnis“ wirkt technisch abgerundeter als „Pony Express“. Unterstützt von Paul Sawtells erneut recht mystischer, düsterer Musik wird dieser pessimistische Western so zu einem Paradebeispiel für ästhetische Düsternis im Genre, einschließlich einiger wundervoll gefilmter und beleuchteter Nachtaufnahmen.

Ein Western, der letztlich von dem Punkt handelt, an dem alle Verhandlungen scheitern, weshalb im Kampf die finale Entscheidung über den existenzialistischen Streit der Kulturen gesucht wird, und der dadurch eine gewisse Art Endzeit-Stimmung generiert. Und wenn ein Film die gewaltsame Auseinandersetzung als mögliche Lösung eines solchen Konflikts heraufbeschwört und ausführlich bebildert, heißt das wohlgemerkt nicht automatisch, dass die Macher Partei für eine solche Lösung ergreifen – und das muss auch keine Sensationslust sein, sondern kann schlicht als Dokumentation eines sehr tragischen Verlaufs von Geschehnissen verstanden werden, sogar unabhängig vom Ansinnen, dass die Verantwortlichen mit dem Film verfolgt haben mögen oder auch nicht. Es ist ja nicht die originäre Aufgabe von Filmen, immer die bestmöglichen Lösungen aufzuzeigen, sondern genauso gut können Anti-Beispiele ins Feld geführt werden. Filmische Schilderungen, die gut für ein „Nie wieder!“ zu einem solch brutalen Konflikt herhalten könnten, wofür man die Eskalation dann aber auch erst einmal in aller Deutlichkeit zeigen sollte – und so ein Film ist „Die Bestie der Wildnis“ unter dem Strich. Im Grunde eine Art Western-Kriegsfilm in diese Genres eindrücklich vermischender Form, in dem die Apachen so in etwa das Pendant zu beispielsweise den Japanern sind.

Verklärungen ins Positive und Negative

Rückblickend wurde dem Konzept zuweilen vorgeworfen eine so radikale Negativposition gegenüber den Indianern zu vertreten, dass „Die Bestie der Wildnis“ dahingehend ein Extrembeispiel der Westerngeschichte sei. Daran sind die Macher ein Stück weit sicher auch selbst schuld, da sie sich durch historisch kontextualisierende, rahmende Textpassagen im Film angreifbar machen. Wenn ich den Film von vornherein in einen Zusammenhang mit gewissen historischen Personen setze, muss ich natürlich damit leben, dass mir dann schnell einmal Verklärung unterstellt wird. Man sollte daher in jedem Fall festhalten, dass der von Charlton Heston verkörperte Protagonist Ed Bannon genau genommen die einzige Figur in „Die Bestie der Wildnis“ ist, die kein gutes Haar an den Ureinwohnern lässt und auch nicht an allen Indianern, sondern explizit nur an den Apachen, was persönlichen Motiven der Figur geschuldet ist. Bannon hegt Rachegedanken, die sein schroffes und gegenüber den Apachen sehr böses Auftreten erklären, aber dass das Motiv der Rache allein ein Grund dafür ist, diesem Western grundsätzlich indianerfeindliche oder gar rassistische Tendenzen zu unterstellen, zweifle ich stark an. Letztlich bleibt der Film doch der Botschaft treu, das Übel entstehe dadurch, dass die Apachen von Toriano aufgehetzt werden. Von einer Dämonisierung des gesamten Volkes der Apachen oder gar aller Indianer kann daher keine Rede sein. Man muss sogar herausstellen, dass „Die Bestie der Wildnis“ beispielsweise – im Gegensatz zu diversen anderen Western – auf eine Darstellung mancher Indianer als schlicht dumm beziehungsweise grobschlächtig und ungebildet verzichtet. Selbst die sich besonders verschlagen zeigenden Charaktere machen im Endeffekt eine recht clevere Figur, da sie ja schließlich eine Rolle spielen, um die Soldaten zu täuschen. Wenn man etwa an die stumpf brandschatzenden, profil- und motivlosen Meuchelmörder mit Söldnercharakter denkt, die John Ford in „Trommeln am Mohawk“ (1939) auf die Zuschauer losließ, ist „Die Bestie der Wildnis“ vergleichsweise regelrecht eine Verbeugung vor für eine Sache und ihre Kultur kämpfenden Indianern, die lediglich gegenüber den „Weißen“ ab einem gewissen Punkt ähnlich rassistisch auftreten, wie manche „Weiße“ gegenüber ihnen. Mögen sie auch auf fehlgeleiteten Pfaden unterwegs sein und eindeutig falsche, drastische sowie unfaire Mittel wählen – der Film stellt sie definitiv nicht als minderwertig dar, und das ist letztlich entscheidend.

Vielleicht sollte man an dieser Stelle eher die Frage stellen: „Selbst wenn es historisch nur einen einzigen Ureinwohner-Stamm gegeben haben sollte oder könnte, der einmal in dieser Form gegenüber den US-Soldaten agierte – warum darf man darüber nicht auch mal einen Film machen?“ Ob dies historisch dann nun Apachen waren oder nicht, ist letzten Endes Erbsenzählerei, da diese Figuren nur eine eher symbolische Aufgabe im narrativen Kontext erfüllen, die man nicht persönlich nehmen sollte. Im Interesse einer ganzheitlichen Betrachtung spricht eigentlich nichts dagegen, sogar einmal einen vom Negativsten ausgehenden Blick zu wagen, der dann natürlich im Kontext sonstiger Blickwinkel gesehen werden muss. Am Ende des Tages hat ein solcher Western genau dieselbe Daseinsberechtigung wie gegenteilige Extreme vom Schlage „Winnetou“. Dass die historische Wahrheit sicher irgendwie in der Mitte liegt, kann man sich als findiger Zuschauer mit Bildung leicht selbst erschließen.

Atmosphärisch fesselnd

Wenn man sich von den Historisierungen einmal löst, verbleibt ein atmosphärisch dichter, kameraästhetisch ausgesprochen sehenswerter, spannender Film, der zudem eine ganze Reihe an guten Darbietungen vorweist. Hierbei sollte man neben Jack Palance auch Charlton Heston nicht vernachlässigen – mag man von der Moral seiner Figur auch halten, was man will. Heston wirkt in „Die Bestie der Wildnis“ wesentlich älter als beispielsweise in „Pony Express“ (1953), „Die größte Schau der Welt“ (1952) und „Stadt im Dunkel“ (1950), was dem Wesen der Rolle, der Leistung der Crew-Mitglieder in der Maske, die hier mit dezenten Mitteln viel bewirkten, und seiner überzeugenden schauspielerischen Darbietung geschuldet ist. An seiner Seite freut man sich über wichtige Charakterdarsteller des klassischen Hollywoods mit besonderem Profil wie Robert J. Wilke, Pat Hogan, Frank DeKova – bei dem die Maske ebenfalls Beachtliches leistete –, Peter Coe und James Anderson. Dazu eine tragische Rolle für Katy Jurado, die diesen Film kurz nach ihrem ersten großen Hollywood-Erfolg, „12 Uhr mittags“, drehte. Ferner spielte Brian Keith, dem schon bald darauf Hauptrollen überantwortet wurden, in „Die Bestie der Wildnis“ seine erste Kinorolle mit Nennung in den Credits und eine recht große noch dazu.

Nicht zuletzt ist da eine sehr gelungene deutsche Synchronfassung, in der Keith von keinem Geringeren als Harald Juhnke vertont wurde – der bekam als Synchronsprecher häufiger als vor der Kamera Gelegenheit, die Vielfältigkeit seines Talents und Könnens zu beweisen. Als Stimme von Charlton Heston macht auch hier Heinz Engelmann eine gute Figur. Wenngleich sich später vor allem Ernst Wilhelm Borchert etablierte, möchte ich Engelmann als Hestons Stimme in den beiden Nat-Holt-Western „Pony Express“ und „Die Bestie der Wildnis“ keinesfalls missen. Zwei gute Beispiele dafür, dass Engelmann einfach so etwas wie die ideale Western-Stimme hatte und die Zuschauer allein schon durch seine stimmliche Präsenz hervorragend in diese filmischen Welten zu ziehen vermochte.

Was die Darbietung von Jack Palance angeht, erinnere ich mich, dass ich lange Zeit davon ausging, er sei hier genau wie beispielsweise in „Attila, der Hunnenkönig“ (1954) – wo er eine ähnlich finstere Rolle mit leibhaftigem Totenkopf-Charakter spielte – von dem für Palance schlicht grandios funktionierenden Friedrich Joloff synchronisiert worden. Doch die dunkle Erinnerung hatte mir einen Streich gespielt – das passiert einem in der Filmwissenschaft beim Rekapitulieren früherer Seherlebnisse dann doch ab und an einmal, wie ich immer wieder feststelle. Als ich „Die Bestie der Wildnis“ nach vielen Jahren erneut sah, war ich dementsprechend überrascht, Fritz Tillmann als Toriano zu hören. Tillmann gelang es gut, die schräge Art und Weise, wie Jack Palance seine Mimik in der Rolle im Original einsetzt, stimmlich zu adaptieren und den dazugehörigen atemlosen Wahnwitz im Unterton mitschwingen zu lassen. Das wirkt manchmal etwas sonderbar, aber nur deswegen, weil sich Tillmann gut durchdacht dem Gesamtbild der Figur unterordnete. Er spielt die expressive Mimik von Palance gewissermaßen durch seine Stimme mit, während Torianos Stimme im Original oft viel ruhiger scheint.

Der Mann mit der Blüte im Knopfloch

Wenn man zum 100. Geburtstag von Jack Palance einen Film auswählen soll, sieht man sich einem vielseitigen Portfolio eines Schauspielers gegenüber, der heute für einige seiner Nebenrollen wahrscheinlich sogar bekannter als für die nicht zu unterschätzende Zahl an Hauptrollen ist, die er verkörpert hat. Da ist der schon in den frühen 50ern in Hollywood erfolgreiche Jack Palance, der schnell zum Star aufstieg, der ab den 60er-Jahren aber auch in italienischen Filmen sehenswerte Gastspiele feierte und sich in dem Italowestern „Mercenario – Der Gefürchtete“ (1968) schließlich eines der besten Duelle der Geschichte des Genres mit Tony Musante, im Beisein von „Django“-Legende Franco Nero, lieferte. Eine Sequenz, die man schon allein als Fan von Quentin Tarantinos „Django Unchained“ (2012) unbedingt einmal gesehen haben sollte, da eine bestimmte Passage mit Jack Palance in „Il Mercenario“ eindeutig als Inspiration für eine Szene mit Leonardo DiCaprio bei Tarantino diente. Jack Palance ist einer der wenigen Schauspieler, die sowohl im klassischen Hollywood-Western der 50er als auch im Italowestern mehrfach in großen Rollen zu sehen waren. Auch im hohen Alter machte er zudem noch mit Filmen wie „Out of Rosenheim“ (1987), „Batman“ (1989), „Tango und Cash“ (1989) sowie „City Slickers – Die Großstadt-Helden“ (1991) von sich reden. Für letztgenannte Komödie gewann er mit 73 Jahren schließlich sogar seinen ersten und einzigen Oscar und präsentierte im Zuge seiner Dankesrede auf der Bühne spontan ein paar Liegestütze, mit einem Arm am Körper anliegend – womit er sich ein weiteres Denkmal schuf.

Was die DVD-Veröffentlichungen von „Die Bestie der Wildnis“ international anbelangt, scheinen mir einige rechtliche Hintergründe unklar. Sicher ist, dass der Film in den USA schon 2004 offiziell von Paramount veröffentlicht wurde, es aber im Anschluss daran – im Gegensatz zu Produktionen wie „Der nackte Dschungel“ (1954) und „Rivalen ohne Gnade“ (1956), zwei anderen Paramount-Filmen aus diesem Zeitfenster mit Charlton Heston – bedauerlicherweise nicht via Paramount-Vertrieb nach Deutschland schaffte. Die wunderbaren Bilder von Ray Rennahan verdienen es, in bestmöglicher Qualität betrachtet zu werden.

Veröffentlichung (USA): 9. November 2004 als DVD

Länge: 105 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Arrowhead
USA 1953
Regie: Charles Marquis Warren
Drehbuch: Charles Marquis Warren, nach einem Roman von W. R. Burnett
Besetzung: Charlton Heston, Jack Palance, Katy Jurado, Brian Keith, Milburn Stone, Pat Hogan, James Anderson, Mary Sinclair, Peter Coe, Frank DeKova
Verleih: Paramount Pictures

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