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William Friedkin (VI): Leben und Sterben in L.A. – 80er-Klassiker ohne Wenn und Aber

To Live and Die in L.A.

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Buddy Movies hatten in den 1980ern eine besondere Blütezeit, wie die „Lethal Weapon“-Reihe (ab 1987) mit Mel Gibson und Danny Glover sowie Walter Hills „Red Heat“ (1988) mit Arnold Schwarzenegger und James Belushi zur Genüge belegen, um nur zwei Beispiele zu nennen. Auch William Friedkins „Leben und Sterben in L.A.“ (1985) gehört in dieses Subgenre des Actionfilms, obwohl dem Copthriller die humorigen Einschübe der genannten Klassiker abgehen – vielleicht eher an den Rand des Genres, da die beiden Protagonisten als Partner keine Busenfreunde werden. Tatsächlich haben wir es mit einem knallharten Film zu tun, bei dem auch die „Guten“ zu harten Bandagen und fragwürdigen Mitteln greifen und sich auf diese Weise in ausweglos scheinende Situationen manövrieren.

Selbstmordattentäter wird gestoppt

An sich müsste ich Agententhriller schreiben, da Agent Richard Chance (William L. Petersen, „Blutmond“) beim United States Secret Service angesiedelt ist, aber faktisch handelt es sich um einen Copfilm. Chance schiebt Dienst in einem Hotel in Los Angeles, in welchem der US-Präsident eine Rede halten will. Etwas im langen Hotelflur macht ihn misstrauisch. Er bemerkt einen Kellner, geht dem Mann hinterher. Der Bedienstete hat sein Tablett um die Ecke abgestellt – es enthält keine Speisen, diente offenbar nur der Tarnung. Auf dem Dach stellt Chance den Mann – einen islamistischen Terroristen, der sich daraufhin selbst in die Luft sprengt, ohne seine Absicht eines Selbstmordattentats auf den Präsidenten ausführen zu können.

Agent Chance brennt darauf, den …

Der junge und draufgängerische Chance hat einen Partner: den deutlich älteren und deutlich besonneneren Jim Hart (Michael Greene). Der wagt jedoch wenige Tage vor seiner Pensionierung einen Alleingang, der ihn das Leben kostet. Chance entdeckt den übel zusammengeschossenen Leichnam in einem Müllbehälter auf einem Betriebsgelände außerhalb von Los Angeles. Mit seinem neuen Partner John Vukovich (John Pankow) begibt er sich auf die Jagd nach dem Grafiker und Maler Rick Masters (Willem Dafoe), den er zu Recht für Harts Mörder hält. Masters betreibt Geldfälschung im großen Stil und hat keinerlei Skrupel, über Leichen zu gehen.

Der Secret Service jagt Geldfälscher

Ich musste mich erst mal darüber informieren, ob der United States Secret Service wirklich für die Strafverfolgung von Geldfälschern zuständig ist. Wir kennen die Behörde in erster Linie aufgrund ihrer Tätigkeit als Leibwache des Präsidenten, aber ja: Auch die Jagd auf Geldfälscher gehört zu ihren Aufgaben.

… Geldfälscher und Mörder Rick Masters zur Strecke zu bringen

„French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ (1971), „Der Exorzist“ (1973), „Atemlos vor Angst“ (1977), „Cruising“ (1980) – William Friedkin gilt zu Recht als Meister des Spannungskinos. In dieser Reihe, nach der sich etliche Thriller-Regisseure die Finger lecken würden, steht „Leben und Sterben in L.A.“ als ebenbürtiger Beitrag. Chance und Vukovich respektieren einander, unterscheiden sich aber in puncto Skrupel, was zu Konflikten führt. Chance holt sich Sex und Auskünfte von seiner Informantin Ruth (Darlanne Fluegel), die er unter Druck setzen kann, weil sie auf Bewährung ist. Ein Sympath ist er nicht gerade. Als Antagonist brilliert – was sonst? – Willem Dafoe, bei dem man immer wieder die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences fragen will: Warum zum Teufel habt ihr dem Kerl nie einen Oscar verliehen? Wobei er auch den Auslandsjournalisten in Hollywood bislang nicht preiswürdig erschien: Drei Nominierungen für einen Golden Globe stehen zu Buche, vier für einen Oscar, jeweils zwei davon immerhin in diesem und dem vergangenen Jahr – es gibt also noch Hoffnung. Dafoes Rick Masters strahlt eine bösartige Faszination aus, der wir uns nicht entziehen können. Sein Lächeln ist entwaffnend, aber eiskalt, und zu jedem Zeitpunkt spüren wir, dass dahinter der Tod lauert. In einer prägnanten Nebenrolle als Masters’ Komplize ist John Turturro zu sehen.

Schweißtreibende Verfolgungsjagd

Kameramann Robby Müller, über viele Jahre gern von Wim Wenders und Jim Jarmusch gebucht, setzt den prägenden Handlungsort Los Angeles in flirrenden, hitzigen Bildern an Originalschauplätzen in Szene. Die Sonne des späten Nachmittags und der einsetzenden Dämmerung leuchtet das tödliche Spiel formidabel aus und zehrt an den Nerven der Figuren und des Publikums. Als Schweiß in die Handflächen treibendes Action-Centerpiece kann eine siebenminütige Auto-Verfolgungsjagd kurz vor der Anderthalbstundenmarke des Films angesehen werden, bei der die Agenten Chance und Vukovich unter Beschuss vor einer Horde Häscher Reißaus nehmen. Sie wurde vom Second-Unit-Kameramann Robert D. Yeoman gedreht. Und kommt völlig ohne musikalische Untermalung aus! Auch so kann man Spannung erzeugen – merkt’s euch, ihr Hollywood-Produzenten und -Regisseure, die ihr immer auf Hans Zimmer vertraut, statt die Regeln anständigen Action-Handwerks zu beherzigen! Die Verfolgungsjagd erinnert sicher nicht zufällig an jene aus Friedkins frühem Klassiker „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“. Dem Vernehmen nach wurde sie ganz am Ende der Dreharbeiten gefilmt – für den Fall, dass der spätere „CSI: Vegas“-Star William L. Petersen oder John Pankow („Das Geheimnis meines Erfolges“) durch einen Unfall ausfallen, wären die Folgen für die Produktion beherrschbar gewesen.

Wird sein neuer Partner Vukovich (l.) mitspielen?

Der Score von „Leben und Sterben in L.A.“ überzeugt durch pointierten Einsatz, einige Parts steuerten die britischen Synthie-Popper Wang Chung bei, darunter den Titelsong „To Live and Die in L.A.“ sowie den Hit „Dance Hall Days“.

Mediabook von capelight pictures

An Bild- und Tonqualität der Neuveröffentlichung von capelight pictures lässt sich erwartungsgemäß nichts kritisieren, wobei ich mangels Surroundanlage nichts zur Dynamik des Tons schreiben kann. Im Bonusmaterial findet sich auch ein alternatives Ende inklusive dem, was einige Beteiligte dazu zu sagen hatten. Wer „Leben und Sterben in L.A.“ noch nicht geschaut hat, sei dringend aufgefordert, diese Sequenz erst nach Sichtung des Films zu schauen, da sie auch Aufschluss über das konsequente Finale gibt, das es letztlich und zu Friedkins Zufriedenheit doch ins Kino geschafft hat. Eins sei verraten: Das alternative Ende ist albern und passt überhaupt nicht zur ironiefreien und trockenen Ausrichtung des Films. Auch den Booklettext des Kunst- und Medienwissenschaftlers Stefan Jung solltet ihr erst im Anschluss lesen. Das Mediabook von capelight pictures ist einmal mehr jeden Cent wert, erst recht, da sich die Preispolitik des Labels im Rahmen bewegt. Und „Leben und Sterben in L.A.“ hat ohnehin eine würdige Veröffentlichung verdient, die mit dem Mediabook nun gegeben ist. Wem nur an dem Film ohne spezielle Verpackung gelegen ist, der kann auch auf die gleichzeitig veröffentlichte DVD zurückgreifen. HD-Fans ohne Mediabook-Affinität mussten sich etwas gedulden, haben aber seit Mai 2019 eine preisgünstige Alternative in Form einer Blu-ray im Softcase. „Leben und Sterben in L.A.“ – ein Klassiker des Copthrillers, des Actionkinos und des Buddy Movies.

Bei Ruth holt sich Chance Informationen und Sex

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von William Friedkin sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Willem Dafoe unter Schauspieler. Die Reihe „Action Cult Uncut“ von Twentieth Century Fox Home Entertainment haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Fatale Auseinandersetzung

Veröffentlichung: 3. Mai 2019 als Blu-ray, 23. November 2018 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 17. August 2012 als DVD im Rahmen der Reihe „Action Cult Uncut“

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: To Live and Die in L.A.
USA 1985
Regie: William Friedkin
Drehbuch: William Friedkin, Gerald Petievich, nach einem Roman von Petievich
Besetzung: William L. Petersen, Willem Dafoe, John Pankow, Debra Feuer, John Turturro, Darlanne Fluegel, Dean Stockwell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur William Friedkin, „Taking a Chance“ (Interview mit William L. Petersen), „Doctor for a Day“ (Interview mit Dwier Brown), „Wrong Way“ (Interview mit Stunt-Koordinator Buddy Joe Hooker), „Counterfeit World“ (Making-of inkl. Interviews mit William Friedkin, William L. Petersen und Willem Dafoe), „Renaissance Woman in L.A.“ (Interview mit Debra Feuer), „So in Phase“ (Interview mit Jack Hues und Nick Feldman von der Band Wang Chung), alternatives Ende, entfallene Szene, original Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Text von Stefan Jung
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2012er-DVD: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Trailer: © 2018 capelight pictures

 
 

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Gewinnspiel: 2 x Platoon auf Blu-ray im Mediabook

Verlosung

Mit Charlie Sheen, Willem Dafoe, Tom Berenger, Johnny Depp und Forest Whitaker famos besetzt, gehört „Platoon“ (1986) zu den großen filmischen Aufarbeitungen des Vietnamkriegs. FilmConfect Home Entertainment hat den Auftakt von Oliver Stones Vietnam-Trilogie kürzlich exklusiv für eine Drogeriekette als Blu-ray im Mediabook veröffentlicht. Wer keine Filiale in der Nähe hat, muss nicht verzagen: Das Label hat uns zwei Exemplare zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Wir bedanken uns dafür herzlich im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Weil die Preise recht wertig sind, ist diesmal zwecks Teilnahme am Gewinnspiel zweierlei zu erledigen:

1. Bitte begebt euch zu meiner „Platoon“-Rezension und beantwortet dort im Kommentarfeld die beiden Fragen am Ende des Textes.

2. Bitte begebt euch zur Rubrik Krieg/Militär und tragt dort ins Kommentarfeld eure persönliche Top 3 der Kriegsfilme ein.

Die Frist zur Teilnahme endet am Sonntag, 24. Juni, um 22 Uhr. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert, bislang sind noch alle Sendungen bei den Empfängern eingetroffen). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Lilly,
– Rainer Pampuch.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Die Rezension von „Platoon“ findet Ihr auch hier, unsere Rubrik Krieg/Militär auch hier.

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

 

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Platoon – Oliver Stones Vietnamkriegs-Trauma

Platoon

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Zu den tragenden Klängen von Samuel Barbers „Adagio for Strings“ verlässt eine Schar junger Soldaten nach langem Überseeflug den Truppentransporter in Vietnam. Unter ihnen Chris Taylor (Charlie Sheen), der sich doch tatsächlich freiwillig als Infanterist – sprich: Kanonenfutter – zum Militäreinsatz in Fernost gemeldet hat. Zur Begrüßung gibt’s gleich ein paar gut gefüllte Leichensäcke zu sehen, die den Weg in die Heimat antreten, und spöttische Sprüche erfahrener GIs.

Kein Cleverle: Chris Taylor hat sich freiwillig nach Vietnam gemeldet

Kurz darauf findet sich Taylor auf kräftezehrender Patrouille im undurchdringlichen Dickicht des Dschungels wieder. Sein Sergeant Robert Barnes (Tom Berenger) zeigt sich als harter Hund, während Sergeant Elias Grodin (Willem Dafoe) Taylor immerhin fürsorglich von etwas Übergepäck befreit. Bereits nach einer Woche bereut der Freiwillige, nach Vietnam gegangen zu sein – und dabei ist er noch nicht mal einem Vietcong begegnet.

Briefe an Oma

Von Taylors Gedanken und Gefühlen erfahren wir mittels der Briefe, die er an seine Großmutter schreibt und die das Publikum per Stimme aus dem Off rezitiert bekommt. Kein abwegiger Gedanke, dass Oliver Stone dort seine eigenen Gedanken wiedergibt – der Regisseur und Drehbuchautor von „Platoon“ war als junger Mann wiederholt in Vietnam, erst als Aushilfslehrer, später in Uniform zum Kampfeinsatz, bei dem er auch Vietcong-Soldaten tötete.

Keine Gnade: Ein Dorf wird niedergebrannt

Auf den Philippinen gedreht, bildete „Platoon“ 1986 den Auftakt zu Oliver Stones Vietnam-Trilogie, die er 1989 mit „Geboren am 4. Juli“ („Born on the Fourth of July“) fortsetzte und 1993 mit „Zwischen Himmel und Hölle“ („Heaven & Earth“) beendete. Natürlich kann sich der Regisseur nicht freimachen von faszinierenden Kriegsbildern und ikonischen Motiven, dafür ist der Polit-Aktivist dann doch auch zu sehr Filmemacher – und zwar ein hochbegabter. Davon zeugt auch die vorzügliche Musikauswahl. Barber erwähnte ich bereits, das 1938 von ihm komponierte „Adagio for Strings“ erklingt mehrfach. Wenn Stone zum vietnamesischen Sonnenaufgang „White Rabbit“ von Jefferson Airplane erklingen lässt und Taylor zum ersten Mal die Kifferhöhle der „Potheads“ seiner Einheit („Platoon“) betritt, sind wir tief in soldatischer Romantik von Kameradschaft und Coolness angelangt. Wenn man gemeinsam zu „Tracks of My Tears“ von Smokey Robinson & The Miracles mitsingt, entstehen eben Männerfreundschaften, und die Schrecken des Krieges sind für eine Weile weit weg. Doch schnell holt der Tod die Soldaten wieder ins Leben zurück.

Von der Zwangsläufigkeit von Kriegsverbrechen

Krieg gebiert Kriegsverbrechen, so viel wird schnell klar – als wüssten wir das nicht sowieso schon. Nachdem die Einheit von Taylor, Elias und Barnes die ersten Todesopfer zu beklagen hat, gibt es kein Halten mehr. Mit Sergeant Barnes in vorderster Front. Männer zerbrechen. Andere werden härter und härter. Auch nicht gut. Am Ende – ein Napalm-Inferno.

Keine Freunde: Barnes (l.) und Elias

Hubschrauber, die über dem Dschungel ihre Bahnen ziehen und tödliche Geschosse ins Grün abfeuern, Menschen, die dort unten sterben wie nichts. Darübergelegt erneut Barbers Klänge. Helikopter, die bei der Landung Staub und Rauchschwaden aufwirbeln. Der Sogwirkung solcher ikonischer Motive konnte sich Olvier Stone offenbar nicht entziehen. Er wollte es wohl auch nicht. Vielleicht ist es diese gewisse Ambivalenz, die die Klasse von „Platoon“ ausmacht. Einerseits setzt er zumindest den anständigen oder vermeintlich anständigen US-Soldaten in Vietnam ein Denkmal – etwas, das jede Antikriegsbotschaft konterkariert, zumal die feindlichen nordvietnamesischen Truppen komplett gesichtslos bleiben (und sie hatten weitaus mehr Opfer zu beklagen als die US-Streitkräfte). Was die GIs in Fernost eigentlich zu suchen haben, geht dabei unter, immerhin erkennen sie die Sinnlosigkeit ihres Tuns. Andererseits zeigt Stone schonungslos und brutal die Verrohung, die der Krieg für die Menschen in ihm mit sich bringt, eine Verrohung, der einige von ihnen nur zu gern nachgeben. Der Regisseur muss dafür kein Massaker von Mỹ Lai nachstellen, aber im Kopf wird es ihm bei der Ausarbeitung einiger Szenen herumgespukt haben.

Mit vier Oscars prämiert

Vier Oscars gab’s 1987 für „Platoon“: als bester Film, für Oliver Stones Regie, den Ton und den Schnitt. Zuvor hatte das Kriegsdrama bereits drei Golden Globes als bester Film, für die beste Regie und Nebendarsteller Tom Berenger abgeräumt. Bei der Berlinale jenes Jahres wurde Stone für seine Regie mit einem Silbernen Bären prämiert. Mit Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ („The Deer Hunter“, 1978), Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ (1979) und Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ (1987) bildet „Platoon“ das große Quartett der Vietnamkriegsdramen. Während die beiden Ende der 1970er-Jahre entstandenen Vorgänger eher mythischen Trips ähneln, zeigt Stone den Dschungelkampf authentischer, als schmutziges Sterben mitten im Urwald und fern der Heimat. Das mag nicht nur an Stones eigenen Vietnamerinnerungen liegen, sondern auch daran, dass der Vietnamveteran Dale Dye beim Dreh als Berater am Set fungierte – er tritt auch in einer Nebenrolle als Captain Harris in Erscheinung und hat einen Audiokommentar zum Film eingesprochen.

Keine Angst: Elias pirscht sich voran

„Platoon“ machte Charlie Sheen zum Star und schlägt den Bogen zu seinem Vater Martin, der sieben Jahre zuvor ebenfalls die Hauptrolle in einem der großen Vietnamfilme gespielt hatte: „Apocalypse Now“, in welchem Sohn Charlie angeblich auch mal als Statist durchs Bild läuft. Mit „Wall Street“ (1987) etablierte sich Charlie Sheen für eine Weile in der A-Liga, schlug dann aber den Weg in Richtung seichtere Stoffe ein, was vielleicht verhindert hat, dass er sich ganz oben festsetzt. Später mögen auch ein paar private Eskapaden ihr Teil dazu beigetragen haben, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls zeigt „Platoon“ nicht nur große Schauspielkunst von Willem Dafoe und Tom Berenger, die dafür beide für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert wurden (den ihnen allerdings Michael Caine für „Hannah und ihre Schwestern“ wegschnappte); der Film ist obendrein gespickt mit klangvollen Namen, die später zu mehr oder weniger großem Ruhm kamen oder sich als Charakterkopf-Nebendarsteller etablierten: Forest Whitaker, Johnny Depp, Kevin Dillon, Tony Todd, Keith David, John C. McGinley – noch Fragen?

Ist „Platoon“ ein Antikriegsfilm?

Jawohl, eine: Ist „Platoon“ ein Antikriegsfilm? Gegenfrage: Was ist überhaupt ein Antikriegsfilm? Geht es darum, die Schrecken der gewalttätigen Auseinandersetzungen zu vermitteln, ist die erste Frage zu bejahen. Stone macht auch deutlich, dass Krieg die Beteiligten verrohen lässt, was Kriegsverbrechen zu einer Zwangsläufigkeit macht. Aber viele Bilder faszinieren wie erwähnt doch auch. Ohnehin gibt es ja die These, ein Film, der Bilder von kriegerischen Auseinandersetzungen zeigt, könne per Definition kein Antikriegsfilm sein. Ein schwieriges Thema, das ich nicht bis ins Letzte durchleuchten kann. Phasenweise gibt „Platoon“ ein deutliches Statement gegen den Krieg ab, in manchen Sequenzen womöglich nicht. Ein großes, ja herausragendes Kriegsdrama ist es zweifellos. Stones Regiearbeit reiht sich sowohl bei den großen Vietnamkriegsdramen weit vorn ein als auch im Kriegsfilmgenre an sich.

Kein Entrinnen: Tod im Dschungel

FilmConfect Home Entertainment hat die alten Fox-Scheiben des Films als ansprechende Repacks veröffentlicht. Steelbook-Fans können zwischen zwei verschiedenen Ausführungen wählen – beide sehen schnieke aus und machen die Entscheidung schwer. Zusätzlich hat sich eine große Drogeriekette exklusiv die mir vorliegende Mediabook-Edition des Labels gesichert. Auch sie weiß optisch zu gefallen und hat im Booklet einen zuvor bereits anderswo veröffentlichten Text von Dr. Marcus Stiglegger zu bieten. Wie wir das von dem umtriebigen Filmwissenschaftler kennen, liest sich der Text fachkundig und aufschlussreich. Leider wurde am Lektorat gespart, einige Fehler trüben das Lesevergnügen. Das reicht von Namenschreibweisen (Berekley statt Berkeley, Shen statt Sheen) über fehlerhafte Silbentrennung bis hin zu falschen Satzzeichen. Unschön angesichts des höheren Preises, der für Mediabooks gegenüber Blu-rays in herkömmlicher Verpackung zu zahlen ist – wobei sich die Preise der Filmconfect-Mediabooks in akzeptablem Rahmen unter 18 Euro bewegen. Manche Mediabook-Fans werden sich an ein paar Fehlern nicht stören, so sie diese überhaupt wahrnehmen.

In welcher Edition auch immer: Wer großem Kriegskino etwas abgewinnen kann, kommt an „Platoon“ nicht vorbei. Welche Filme über den Vietnamkrieg sind eure Favoriten? Habt Ihr Empfehlungen nicht ganz so bekannter Filme über den Konflikt – ob ernsthafte Dramen oder Exploitation-Action?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Oliver Stone sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Willem Dafoe, Johnny Depp, Tony Todd und Forest Whitaker in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 27. April 2018 als Blu-ray im Mediabook (exklusiv über eine Drogeriekette vertrieben), 8. Dezember 2017 als Blu-ray im silbernen Steelbook mit Prägung, 27. Oktober 2017 als Blu-ray im grünen Steelbook, 30. September 2016 als Blu-ray im Mediabook-Kombipack „Oliver Stone Collection“ (mit „JFK“ und „Wall Street“) 10. Juni 2011 als Blu-ray, 4. September 2006 als DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französich, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Französich, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Türkisch u. a.
Originaltitel: Platoon
GB/USA 1986
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Oliver Stone
Besetzung: Charlie Sheen, Tom Berenger, Willem Dafoe, Keith David, Forest Whitaker, Kevin Dillon, John C. McGinley, Johnny Depp, Tony Todd, Mark Moses, Corey Glover
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Oliver Stone, Audiokommentar von Militärberater Dale Dye, entfallene und erweiterte Szenen, Rückblick auf „Platoon“, Dokumentationen, Mini-Dokumentationen, TV-Spots, Original-Kinotrailer, Booklet
Label/Vertrieb Oliver Stone Collection, Steelbooks & Mediabook: FilmConfect Home Entertainment
Label/Vertrieb Blu-ray & DVD: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Packshot Steelbooks: © FilmConfect Home Entertainment, Szenenfotos: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

 
 

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