RSS

Schlagwort-Archive: Wohlfühlfilm

Blinded by the Light – Kick It Like Springsteen

Blinded by the Light

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Musik-Tragikomödie // Zwei Fragen an die Bruce-Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieses Textes: Was hat euch mit dem Boss-Virus infiziert? Erinnert ihr euch noch an den Moment oder das Ereignis, der oder das die Leidenschaft für den Rockmusiker aus New Jersey in euch entfacht hat? Bei mir war es das Konzert der Tunnel-of-Love-Express-Tour im Reitstadion München-Riem 1988. Ich hatte den Boss natürlich zuvor schon wahrgenommen. Wenn ich mich recht entsinne, besaß meine ältere Schwester das Album „Born in the U.S.A.“; ich selbst wünschte mir – und bekam – die grandiose 5-LP-Box „Live 1975-85“ zu Weihnachten 1986 oder 1987, doch erst mein erstes Springsteen-Konzert von bis heute 13 löste das Bruce-Fieber in mir aus. Wie es so schön heißt, gibt es zwei Arten von Menschen: Springsteen-Fans und solche, die ihn noch nicht live gesehen haben.

Sein gestrenger Vater Malik …

Beim 16-jährigen Javed (Viveik Kalra) sind „Born in the U.S.A.“ und „Darkness on the Edge of Town“ für seine Springsteen-Leidenschaft verantwortlich. Sein neuer Mitschüler Roops (Aaron Phagura) hat ihm die beiden Alben in Form von zwei Audio-Kassetten in die Hand gedrückt. Javed lebt 1987 im englischen Luton. Wir befinden uns in der Ära des Thatcherismus, in welcher der Arbeiterschaft unter der Premierministerin Margaret Thatcher die Luft zum Atmen ebenso genommen wird, wie es auch den US-Arbeitern in den Fesseln der Reaganomics ging. Javeds Vater Malik (Kulvinder Ghir), einst mit seiner Frau Noor (Meera Ganatra) aus Pakistan eingewandert, arbeitet für einen großen Autohersteller, während sich Noor als Näherin die Finger wundarbeitet, um das nicht allzu üppige Haushaltseinkommen aufzubessern.

… hat feste Vorstellungen, was für Javed das Beste ist

Sein traditionell eingestellter Vater darf natürlich nicht wissen, dass Javed seit langer Zeit seine Gedanken niederschreibt – er führt Tagebuch, verfasst auch Gedichte und träumt davon, einmal Schriftsteller zu werden. So recht glaubt er nicht daran, diesen Wunsch verwirklichen zu können, aber immerhin ermutigt ihn seine neue Englischlehrerin Miss Clay (Hayley Atwell). Der Nachbarsjunge Matt (Dean-Charles Chapman), der sich mit Haarspray und Make-up als Teil der New Romantics gibt, ist sein einziger Freund, immerhin seit Kindestagen. Zu allem Überfluss muss Javed damit klarkommen, dass die pakistanische Gemeinde von Luton und damit auch er selbst Anfeindungen von rassistischen Rechtsradikalen ausgesetzt ist. Der frustrierte Teenager hat die beiden Springsteen-Tapes in seinem Rucksack fast vergessen, als sie ihm eines Abends doch wieder in die Hände fallen. Er packt eine der Kassetten in seinen Walkman und erlebt mit „Dancing in the Dark“ eine geradezu religiöse Erweckung …

Die Lehrerin Miss Clay ermutigt den Jungen

Asche auf mein Haupt: Der Smash-Hit „Dancing in the Dark“ gehört nicht zu meinen Favoriten in Springsteens Œuvre – mir ist der Pop-Appeal des Gassenhauers etwas zu dominant. Aber der Titel gehört zu den beliebtesten Songs des Boss, ist nach wie vor häufig im Radio zu hören und regelmäßiger Bestandteil des Zugabenblocks bei Springsteen-Konzerten, also wer bin ich, daran herumzukritisieren? Und wenn ich mir den Text vor Augen führe, aus dem Regisseurin Gurinder Chadha in besagter Szene diverse Zeilen kunstvoll einblendet, stelle ich fest: Er passt perfekt zu Javeds Gefühlswelt. Ein paar Auszüge gefällig? Bitte schön:

I ain’t nothing but tired
Man I’m just tired and bored with myself
Hey there baby, I could use just a little help

Man I ain’t getting nowhere
I’m just living in a dump like this

They say you gotta stay hungry
Hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ’round here trying to write this book

Auch Javed weiß nichts mit sich anzufangen, sehnt sich danach, dass mit seinem Leben etwas passiert, während er in seinem Zimmer sitzt und schreibt. Nicht erst bei der letzten von mir zitierten Zeile gerät er völlig aus dem Häuschen. Er hat einen Rockmusiker entdeckt, der ganz genau seinen Gemütszustand in Worte zu fassen vermag. Ein Sänger aus dem US-Staat New Jersey versteht offenbar, was ein Arbeitersohn in England denkt und fühlt. Javed ist mehr als beeindruckt. Chadha inszeniert diese Erweckung als eine der zentralen Sequenzen des Films, gibt Javeds wachsender Euphorie großen Raum – der Junge stürmt gar aus dem Haus und tanzt mitten in der Nacht durch die Gegend. Kurz darauf bekommen wir auch „The Promised Land“ zu hören, der Javed vielleicht mehr noch als „Dancing in the Dark“ in Aufbruchstimmung versetzt:

But your eyes go blind and your blood runs cold
Sometimes I feel so weak I just want to explode
Explode and tear this whole town apart
Take a knife and cut this pain from my heart
Find somebody itching for something to start

The dogs on Main Street howl cause they understand
If I could take one moment into my hands
Mister I ain’t a boy, no I’m a man
And I believe in a promised land

Javed fühlt sich schwach, gleichzeitig spürt er eine Wut in sich. Auch er will zweifellos den Schmerz aus seinem Herzen schneiden. Und plötzlich merkt er: Er ist kein Kind mehr, sondern ein Mann! Na ja, sagen wir ein Jugendlicher auf dem Weg zum Mann.

Ein Geschenk von Roops (r.) verändert sein Leben

„Blinded by the Light“ beginnt geradezu klischeehaft als 80er-Hommage – mit einem Zauberwürfel. Und wir bekommen keineswegs ausschließlich Springsteen-Songs zu hören, sondern diverse Top-Hits jener Dekade wie „It’s a Sin“ von den Pet Shop Boys. Immerhin hat Javeds Kumpel Matt für Springsteen nicht viel übrig, der DJ des schulischen Radiosenders ebenfalls nicht und der blasierte Chefredakteur der Schülerzeitung schon mal gar nicht.

Bollywood lässt grüßen

Für eine überkandidelte Szene ließ sich die britische Regisseurin mit indischen Wurzeln sogar von Bollywood inspirieren: Auf einem Markt singt Javed seine Angebetete Eliza (Nell Williams) an, eine politisch engagierte Mitschülerin. Der Song: „Thunder Road“. Ich war gespannt, ob Javed auch die Zeile You ain’t a beauty, but hey, you’re alright unverändert unterbringt, gehört sie doch nicht unbedingt zu Bruce Springsteens charmantesten Songzeilen – und tatsächlich ist Eliza eine sehr aparte Person. Aber Javed bringt die Zeile – im Duett mit Matts Vater, der sich im Gegensatz zu seinem Sohn als Springsteen-Fan entpuppt und sich gemeinsam mit Javed ein wenig über Matt lustig macht. Und tatsächlich eignet sich „Thunder Road“ sehr gut dafür, seinen Gefühlen für ein Mädchen Ausdruck zu verleihen:

Hey, that’s me and I want you only
Don’t turn me home again, I just can’t face myself alone again

Well now, I’m no hero, that’s understood
All the redemption I can offer, girl, is beneath this dirty hood
With a chance to make it good somehow
Hey, what else can we do now?

Später folgt auch Springsteens Signature Song „Born to Run“ als bollywoodeske Einlage, in der Javed, Roops und Eliza ausgelassen von der Schule aus durch Lutons Straßen laufen.

Aw, honey, tramps like us
Baby, we were born to run

Noch Fragen? Dass Bruce Springsteen zu Javed passt wie die Faust aufs Auge, wird spätestens bei „Independence Day“ deutlich, einem jener Songs, in denen der Boss wiederholt das schwierige Verhältnis zu seinem Vater thematisiert hat, der wie Javeds Vater ein einfacher Arbeiter war:

’Cause the darkness of this house has got the best of us
There’s a darkness in this town that’s got us too
But they can’t touch me now
And you can’t touch me now
They ain’t gonna do to me
What I watched them do to you

So say goodbye it’s Independence Day
It’s Independence Day

Der Titel spielt natürlich auf den amerikanischen Unabhängigkeitstag 4. Juli an, gemeint ist zweifellos aber auch der Tag, an dem sich ein Junge von den Fesseln seines Vaters befreit. Javed will nicht denselben Zwängen des Arbeiterdaseins unterliegen – ein zentrales Motiv von „Blinded by the Light“. Malik ist ein strenger Vater, der das Leben seines Sohns vorherbestimmen will, wie es in seiner Kultur üblich ist. Dass sein Sohn schreiben will, tut er als Hirngespinst ohne Zukunft ab, als er davon erfährt.

Javed schöpft aus Springsteens Musik viel Kraft …

Das zwischenzeitliche Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn ist unausweichlich. Aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich andeute, dass das nicht das letzte Wort zwischen ihnen bleibt, immerhin handelt es sich kurz nach Danny Boyles „Yesterday“ erneut um ein musikalisches Feelgood-Movie aus dem Vereinigten Königreich. Klar, Strukturwandel der Industrie und damit einhergehende Arbeitslosigkeit, Rassismus, familiäre Probleme, Liebeskummer – all das kommt zum Tragen. Aber wir haben es mit einer Komödie respektive Tragikomödie mit großem Coming-of-Age-Anteil zu tun und nicht mit einem schwermütigen Gesellschaftsdrama. Und angesichts des Elends in der Welt ist ein Wohlfühlfilm wie dieser bei mir ab und zu willkommen, ein Film mit Bruce-Springsteen-Musik erst recht.

… und er traut sich sogar, Eliza anzusprechen

Manch ein/e rationell eingestellte/r Musikhörer/in mag nun argwöhnen, Javeds – und auch Roops’ – Leidenschaft für den Boss sei übertrieben dargestellt. Lasst euch versichern: Sie ist es nicht! Mein nicht Springsteen zugeneigtes privates Umfeld hält mich schon für einen seiner größten Fans, aber das bin ich mitnichten – nicht mal annähernd. Oben erwähnte ich meine insgesamt 13 Konzertbesuche seit 1988. Diese Zahl erreichen einige Gleichgesinnte, die ich persönlich kenne, schon bei einer einzigen Springsteen-Tournee. So viel dazu! Und ungeachtet dessen, dass der Boss Multimillionär ist und zuletzt ein Dauer-Engagement am Broadway hatte, dessen Eintrittskarten sündhaft bis geradezu obszön teuer waren, ist es ihm doch im Lauf seiner Karriere immer wieder gelungen, den sogenannten kleinen Leuten eine Stimme zu geben. Insofern verwundert Javeds Passion niemanden, der schon mit beinharten Springsteen-Fans in Berührung gekommen ist. Mir fallen einige ein, die viel Kraft aus seiner Musik ziehen – auch ein paar, deren Verehrung vielleicht schon übertrieben religiöse Züge annimmt. Das Wort Fan leitet sich nicht von ungefähr von fanatisch ab.

„Hey, that’s me and I want you only!“

„Blinded by the Light“ trägt ohnehin stark autobiografischen Charakter: Der Film basiert auf den 2007 veröffentlichten Memoiren „Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock ’n’ Roll“ von Sarfraz Manzoor, der seit Mitte der 1990er-Jahre als Journalist und Schriftsteller arbeitet. Gurinder Chadha hat daraus eine wunderbare Tragikomödie gemacht, der Bruce Springsteen persönlich seinen Segen gab und die gewisse Parallelen zu ihrer Regiearbeit „Kick It Like Beckham“ aufweist, mit der sie 2002 international auf sich aufmerksam machte. Die romantische Komödie handelt von einer indischstämmigen jungen Engländerin, deren Leidenschaft für Fußball ihren traditionell eingestellten Eltern ein Dorn im Auge ist.

Nummer-1-Hit für Manfred Mann’s Earth Band

Kurz zum Filmtitel: „Blinded by the Light“ stammt von Springsteens 1973er-Debütalbum „Greetings from Asbury Park N.J.“. Bei dem Song handelt es sich um seinen ersten Nummer-1-Hit, allerdings nicht in der Springsteen-Version, sondern der Interpretation von Manfred Mann’s Earth Band, die zugegeben sehr gelungen ausgefallen ist. Die Formation hat mit „For You“ und „Spirits in the Night“ (im Original „Spirit“ im Singular) zwei weitere Springsteen-Kompositionen zu Hits gemacht, die auch heute noch gern im Radio gespielt werden und nach wie vor zum Live-Repertoire der Band gehören.

„Tramps like us …“

Manche Menschen lehnen Bruce Springsteens Musik mit voller Inbrunst ab, weil sie ausschließlich völlig andere Genres hören oder der Boss ihnen viel zu sehr im Mainstream verankert erscheint. Denen kann ich auch nicht helfen, allen anderen sei der Besuch von „Blinded by the Light“ sehr ans Herz gelegt. Sich im Kinosaal knapp zwei Stunden lang einfach nur wohlzufühlen und dazu noch tolle Musik zu genießen – was will man mehr? Und an die Springsteen-Fans unter den Leserinnen und Lesern dieser Rezension richte ich die Bitte, per Kommentar meine eingangs gestellten Fragen zu beantworten, wenn ihr Lust habt.

„… Baby, we were born to run!“

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blinded by the Light
GB 2019
Regie: Gurinder Chadha
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor, nach Manzoors Autobiografie
Besetzung: Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Hayley Atwell, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Sally Phillips
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc.

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Shakespeare für Anfänger – Parkinson im Wohlfühlpaket

The Carer

Von Simon Kyprianou

Tragikomödie // Wir kennen das: Ein alter Mann, krank, mürrisch, dickköpfig, wird konfrontiert mit einer jungen, quirligen, unkonventionellen Pflegerin oder auch einem Pfleger, und dann kommt wundersamerweise auch die Lebensfreude zurück. „Shakespeare für Anfänger“ versucht dieses, nennen wir es mal „Ziemlich Beste Freunde“-Konzept oder vielleicht das „Honig im Kopf“-Konzept auf die Arthouse-Schiene zu übertragen. Mehr als die Figuren dauernd Shakespeare zitieren zu lassen, fällt ihm aber nicht ein.

Der berühmte Schauspieler Sir Michael ist an Parkinson erkrankt

Hier sind es dann eben ein mürrischer alter Theater-Schauspieler, Sir Michael Gifford (Brian Cox), und eine ambitionierte junge Schauspielstudentin, Dorottya (Coco König), als seine Pflegerin, die nach Startschwierigkeiten später natürlich zu Freunden werden. Zwischen den Symptomen der fortschreitenden Parkinson-Erkrankung – die der Film größtenteils ausblendet oder recht harmlos darstellt – werden ein paar Witze gerissen, und am Ende darf man sich dann gut und getröstet fühlen als Zuschauer.

Seine neue Pflegerin Dorottya kommt gut mit ihm zurecht

Dazu kommt, dass Regisseur János Edelényi das alles wirklich langweilig inszeniert. Da gibt’s ein paar hohle Postkartenbilder vom edlen Landsitz Sir Michaels, schöner Garten, schöne Einrichtung, aber wirklich etwas zu erzählen haben seine Bilder nicht. Inhaltlich und formal bewegt sich „Shakespeare für Anfänger“ auf ödem Terrain, alles schon mal irgendwo gesehen und da war’s schon nicht gut.

Die beiden werden Freunde

Interessante Filme dieser Art gibt es aber natürlich sehr wohl, den irischen Beitrag „Nothing Personal“ von Urszula Antoniak beispielsweise, der ebenfalls in einem Landhaus spielt und ebenfalls der Konstellation „todkranker Mann trifft junge Frau“ folgt. Lieber auf den zugreifen – „Shakespeare für Anfänger“ braucht man nicht zu schauen, solche Filme kennt man sowieso auswendig. Einzig für den letzten Auftritt des kürzlich leider verstorbenen Roger Moore könnte sich ein Blick lohnen.

Dorottya bringt die Lebensfreunde ins Haus Sir Michaels zurück

Veröffentlichung: 8. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Carer
GB 2016
Regie: János Edelényi
Drehbuch: Gilbert Adair, János Edelényi, Tom Kinninmont
Besetzung: Brian Cox, Anna Chancellor, Emilia Fox, Coco König, Karl Johnson, Selina Cadell, Andrew Havill, Roger Moore, Richard Ridings, Andor Lukáts, Emily Bevan, Ruth Posner, Adam Morris
Zusatzmaterial: Trailer
Vertrieb: OFDb Filmworks

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2017 OFDb Filmworks

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Kiss the Cook – So schmeckt das Leben! Wohlfühlen im Food-Truck

Kiss_the_Cook-Cover-DVD Kiss_the_Cook-Cover-BR

Chef

Von Matthias Holm

Komödie // Food-Trucks. Der neueste Schrei. Dabei ist das nur ein neuer Name für eine altbekannte Art der Nahrungsbeschaffung – den Imbisswagen. Aber das klingt wohl heute nicht mehr interessant genug oder ist zu negativ konnotiert. Jedenfalls baut sich Jon Favreau in „Kiss the Cook – So schmeckt das Leben!“ als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion auch so einen Wagen zusammen und fährt damit durch die südlichen USA.

Vater Carl und Sohn Percy schmeißen den Laden

Der von ihm verkörperte Carl Casper wird nach einem Streit mit dem Restaurant-Besitzer Riva (Dustin Hoffman) als Chefkoch gefeuert. Dazu kommt, dass seine Ehe mit der hübschen Inez (Sofia Vergara) gescheitert ist, von seinem Sohn Percy (Emjay Anthony) ist er entfremdet. Also besorgt sich Carl einen alten Imbisswagen, motzt ihn auf und begibt sich mit seinem Kumpel Martin (John Leguizamo) und Percy auf eine Reise – nicht nur, um Kunden mit hervorragenden Speisen zu beglücken, sondern auch, um zu sich selbst zu finden.

Leerer Bauch schaut nicht gern Food-Truck zu

Eine Warnung vorweg – schaut diesen Film nicht mit leerem Magen! Man bekommt sofort Lust, etwas Ausgefallenes zu kochen und/oder zu verspeisen. Oder in den Fernseher zu springen und alle Gerichte selbst zu probieren. Mein persönliches Highlight war das langsam gegarte Barbecue-Fleisch in Texas – wem dabei nicht das Wasser im Munde zusammen läuft, der ist vermutlich Vegetarier.

Gerade die müssen in der ersten Szene besonders stark sein, wenn Carl ein Schwein seziert. Das sieht man nicht in voller Pracht, aber der Fantasie wird auch nicht allzu viel Spielraum gelassen. Das war es dann auch schon mit den Stolpersteinen. Ab der ersten Minute versprüht der Film eine wunderbare Atmosphäre, in der man sich einfach wohlfühlt.

Stimmiger Soundtrack

Dafür sorgt zum einen die hervorragende Musik. Die ist stets passend zu den Standorten der Protagonisten eingebaut. So hört man zum Beispiel in Little Havanna in Miami wunderbare kubanische Klänge. Eine meiner Lieblingsszenen spielt sich im Wagen selbst ab: Carl und Martin schunkeln munter zu einer hervorragenden Coverversion von Marvin Gayes „Sexual Healing“, während Percy nicht versteht, was die alten Männer an dem Song so toll finden.

Kunden-Akquise über Lautsprecher

Hier sticht ein zweiter Punkt ins Auge – der superbe Cast. Jon Favreau ist ohnehin einfach sympathisch. John Leguizamo darf als Martin lockere Oneliner bringen und beim Blick auf die weitere Besetzung klappt einem die Mundlade runter: Neben Dustin Hoffmann bekommt man Scarlett Johansson als Kellnerin, Oliver Platt als Restaurantkritiker und Robert Downey Jr. als Ex-Mann von Inez zu sehen. Und allesamt haben sie sichtlich Spaß an ihren Rollen, seien die auch noch so klein.

Hat jemand etwas gegen Twitter?

Lediglich die Chemie zwischen Jon Favreau und Jungdarsteller Emjay Anthony stimmt nicht so richtig. Das ist insofern schade, als sich der Film während seiner Laufzeit immer stärker auf die Verbindung von Vater und Sohn konzentriert. Außerdem darf man nicht allergisch auf Twitter reagieren – der Kurznachrichtendienst wird zusammen mit Vines inflationär gezeigt.

Das sind allerdings nur geringe Kritikpunkte. Für mich ist „Kiss the Cook“ für das Kochen der Film, der „Can a Song Save Your Life?“ für Indie-Musik war. Einfach ein wunderbarer Einblick in die Branche und dabei ein fluffig-leichter Film. Ich fliege jetzt nach Texas und mach bei einem Barbecue mit.

Inez tanzt gern

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Scarlett Johansson sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Dustin Hoffman in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 22. Oktober 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Chef
USA 2014
Regie: Jon Favreau
Drehbuch: Jon Favreau
Besetzung: Jon Favreau, John Jeguizamo, Bobby Cannavale, Sofia Vergara, Scarlett Johansson, Rovert Downey Jr., Dustin Hoffman, Oliver Platt, Emjay Anthony
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Trailer, Deleted Scenes, Interviews, Trailershow
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2015 by Matthias Holm

Fotos, Packshots & Trailer: © 2015 Koch Media

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: