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Wyatt Earp (VI): Frontier Marshal – Die Story von Doc Holliday

Frontier Marshal

Von Ansgar Skulme

Western // In Tombstone ist der Teufel los. Die Stadt hat sich nach der Entdeckung von Silber in der Nähe schnell aus dem Nichts formiert, doch es fehlt an Menschen, die für Recht und Ordnung sorgen. Der Marshal (Ward Bond) bekommt den einflussreichen Saloonbesitzer Ben Carter (John Carradine) und seinen Revolverhelden-Kumpanen Curly Bill Brocius (Joe Sawyer) samt Gefolge nicht unter Kontrolle. Was aber will eine Stadt mit einem Gesetzeshüter anfangen, der Angst hat, eine hilflose Familie zu hinterlassen, wenn er mal eben über den Haufen geschossen wird? Zur rechten Zeit taucht Wyatt Earp (Randolph Scott) an Ort und Stelle auf, und weil er dringend gebraucht wird, muss er nicht lange auf einen Job warten, um den ihn keiner beneidet.

Allan Dwans „Frontier Marshal“ ist ein wunderbar fotografierter Schwarz-Weiß-Western, der visuell und hinsichtlich der Ausstattung der Sets, einschließlich einer Fülle von Statisten, sehr gut mit den stilistisch ähnlich gearteten, namhaftesten Vertretern des Genres aus den 30er- und 40er-Jahren konkurrieren kann. Diese stammen – egal ob in Farbe oder Schwarz-Weiß gedreht – beispielsweise von Regisseuren wie Cecil B. DeMille, King Vidor, John Ford, Raoul Walsh, Fritz Lang, Henry King und William A. Wellman. Aus heutiger Sicht betrachtet handelt es sich bei Allan Dwan um einen verkannten Regisseur, der allerdings als einer von nur wenigen von sich behaupten konnte, über stattliche 50 Jahre hinweg im klassischen Hollywood-Kino als solcher tätig und die meiste Zeit davon bekannt und erfolgreich gewesen zu sein – immerhin von 1911 bis 1961. Er war somit 1939 schon einer der erfahrensten Altmeister unter sämtlichen der, nach Dienstjahren bemessen, bereits vergleichsweise alten Regie-Hasen des noch jungen Hollywoods – und zwanzig Jahre später war er es erst recht. Egal ob im Stummfilm – vom Kurzfilm bis hin zum Langfilm und zum Epos –, ob im Tonfilm, im Farbfilm oder schließlich auch noch im Breitwand-Kino, stellt man fest: Dwan war immer dabei, wenn Entwicklungen ihren Lauf nahmen.

Treffsicherer Arzt und Glücksspieler

Die Erzählung überrascht damit, dass „Frontier Marshal“ sich ab dessen Auftauchen zunehmend auf Doc Holliday konzentriert, obwohl Randolph Scott als Wyatt Earp die Story rahmt und auch als Erster im Vorspann aufgelistet ist. Wenngleich Holliday hier aus Angst vor rechtlichen Schwierigkeiten „Halliday“ genannt wird, scheint es der Geschichte und Inszenierung ein besonderes Anliegen zu sein, Doc Holliday ein Denkmal zu setzen. Cesar Romero erweist sich hierbei als ausgesprochen spannende Besetzung. Zum einen, weil er Jason Robards, der Doc Holliday später in „Die fünf Geächteten“ (1967) verkörperte, durchaus ein wenig ähnlich sieht, zum anderen weil Romero als Sohn eines gebürtigen Spaniers und einer Kubanerin als eine Art US-amerikanischer Volksheld, als historische Person mit großem Bekanntheitsgrad, vom Schlage eines Doc Holliday besetzt wurde. Romero war einer der ersten Schauspieler im Tonfilm des klassischen Hollywood-Kinos mit in den spanisch- oder aber italienischsprachigen Raum verweisender Abstammung, der auch einmal heroische Figuren verkörpern durfte, die zudem davon befreit waren, durch spanische oder italienische Akzente gekennzeichnet zu sein. Der in New York geborene Sympathieträger wurde zu einem wichtigen Vorreiter in puncto Abkehr von derartigen Rollen- und Besetzungsklischees. Zudem vermied er es über Jahrzehnte erfolgreich, seine Homosexualität zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen werden zu lassen – zu gegebener Zeit outete er sich dann selbst. Kurzum: Er ließ sich in seiner Karriere keinerlei dauerhaft stigmatisierende Steine in den Weg legen, obwohl in doppelter Hinsicht die Gefahr bestand, dass es hätte passieren können. Stattdessen wuchs Romero zu einem gefragten Nebendarsteller beim Film, mit auch der einen oder anderen Hauptrolle im Portfolio heran, der Latino-Klischees nach seinem Durchbruch zweifellos trotzdem noch öfter einmal bediente, dann aber aus Spaß an der Freude. Am bekanntesten ist sein Gesicht dem heutigen Publikum wahrscheinlich als grünhaariger Joker in der quietschbunten 60er-Version von „Batman“, mit Adam West in der Titelrolle.

Randolph Scott spielt daneben einen vor allem gegenüber Doc Holliday auffällig empathischen, dazu gewitzten und freundlichen Wyatt Earp, der gut auf Scotts Charme als sanfter Cowboy zugeschnitten ist, aber dennoch einen sehr souveränen Eindruck macht – recht cool spätestens dann, wenn er zum Schießeisen greift –, was es für eine solche Rolle auch dringend braucht. Obwohl ich von Scotts Glaubwürdigkeit als Westernheld mit realistischen Überlebenschancen im echten Westen, vor allem was seine 50er-Filme betrifft, nicht sonderlich überzeugt bin, und ihn dahingehend ähnlich kritisch wie Joel McCrea sehe – vor allem weil beide paradoxerweise ab einem gewissen Punkt besonders stark auf dieses Genre abonniert gewesen sind –, möchte ich fairerweise zumindest betonen, dass Scott schauspielerisch als Wyatt Earp eine bei Weitem bessere Figur macht als der hölzerne McCrea in Jacques Tourneurs „Wichita“ (1955). Es macht Spaß, Randolph Scott in „Frontier Marshal“ zuzusehen – und seine Darbietung als Earp gewährt Doc Holliday wohlbedacht den Raum, der dieser Figur in der vorliegenden Geschichte auch gebührt.

Warum man im Film Wyatt Earps Namen originalgetreu verwendete, den Namen von Doc Holliday aber abwandelte, obwohl der zunächst geplante Titel „Wyatt Earp: Frontier Marshal“, der der Buchvorlage entspricht, wiederum verworfen werden musste, weil Earps Witwe die Verwendung des Namens ihres Mannes zu diesem Zweck untersagte, erscheint mir rätselhaft. Aber so ergibt sich die Absonderlichkeit, dass Earp zwar mit richtigem Namen im Film auftaucht, obwohl er mit diesem nicht im Titel auftauchen durfte, und Holliday im Film mit modifiziertem Namen auftritt. Bereits 1934 erschien, unter der Regie von Lewis Seiler, ein Genrebeitrag mit dem Titel „Frontier Marshal“, der genau wie die 1939er-Version von Sol M. Wurtzel und dem Studio Fox produziert wurde, das damals allerdings noch nicht als Twentieth Century Fox firmierte – für diese Version erwirkte die bereits über 70 Jahre alte Earp-Witwe obendrein schon vorab, dass der Name der Figur auch im Film geändert und nicht nur aus dem Titel gestrichen werden musste.

Das hätte besser laufen müssen

Ein Gewinn für Allan Dwans „Frontier Marshal“ ist nicht zuletzt die Mitwirkung von Nancy Kelly und Binnie Barnes, die als zwei gegensätzliche Frauentypen beide emotional glaubhaft und berührend agieren. Sie schlagen sich damit wacker inmitten der Unmenge an männlichen Schauspielern und Komparsen. Eigentlich hat dieser Film alle Zutaten, mit denen er problemlos zu einem 95- oder auch 120-minütigen Western-Epos hätte werden können. Darunter eine Reihe bekannter Gesichter, die damals diverse Genrefilme in Nebenrollen veredelten: Ward Bond, Joe Sawyer, John Carradine, dazu Charles Stevens, dem von manchen Quellen fälschlich nachgesagt wird, er sei ein Enkel des berühmten Apachen Geronimo gewesen; außerdem Lon Chaney Jr., der kurz darauf als „Der Wolfsmensch“ bei Universal den Durchbruch als Hauptdarsteller, in den Fußstapfen seines durch Stummfilme berühmt gewordenen Vaters schaffte. Eine ungewöhnliche, wunderbare Besonderheit ist ferner, dass Eddie Foy Jr. hier seinen eigenen Vater spielte, der Wyatt Earp und Doc Holliday im Zuge seines Daseins als Bühnenkünstler im Wilden Westen wirklich kennengelernt hatte.

Da dem Film eine Earp-Biografie als literarische Grundlage diente, hätte man die Handlung ohne Weiteres, relativ unkompliziert und ergiebig strecken können. Dass dennoch nur ein rund 70-minütiges Werk daraus geworden ist, was vor allem für ein biografisch begründetes Projekt recht kurz ist, dürfte einer der Hauptgründe dafür sein, warum „Frontier Marshal“ es in der filmhistorischen Betrachtung nicht auf Augenhöhe mit den besten DeMille-, Vidor-, Ford-, Walsh- oder Wellman-Western der 30er und 40er geschafft hat, obwohl Kameraarbeit, Darsteller-Ensemble, Ausstattung, Kostüme und atmosphärische Lichtsetzungen hierfür beste Voraussetzungen bieten. Einer dieser Western, die so ganz nebenbei durchaus visuelle und narrative Schnittmengen mit dem Film noir haben. Es ist nicht so, dass es keine großen Western-Klassiker mit nur etwa 70 bis 75 Minuten Laufzeit gäbe, wenn man beispielsweise an Wellmans „Ritt zum Ox-Bow“ denkt, aber um sich historische Figuren wie Earp oder Holliday vorzunehmen, ist solch eine Länge dann doch recht knapp bemessen.

Was man nicht macht, machen andere

Erstaunlich kleingehalten ist beispielsweise die Rolle von John Carradine, dem der Höhepunkt seiner Bekanntheit zwar noch bevorstand, der in den Credits aber viel weiter vorn genannt ist, als es der Umfang seiner Rolle zu rechtfertigen scheint. Man wird den Eindruck nicht so wirklich los, dass einige Szenen aus „Frontier Marshal“ der Schere zum Opfer gefallen oder kurzfristig abgeblasen worden sein könnten. An einem etwaigen Geiz von Twentieth Century Fox dürfte es jedoch im engeren Sinne nicht gelegen haben – schließlich wurden keine Mühen gescheut, sogar tonnenweise Sand aufs Studio-Gelände kommen zu lassen, um wüstenähnliche Settings zum Leben zu erwecken, die als Umland von Tombstone fungierten.

Statt Allan Dwans „Frontier Marshal“ holte sich John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) die Lorbeeren und den Legenden-Status unter den frühesten Earp-Tonfilmen ab, der aufgrund auffälliger szenischer Parallelen – auch über die bloße Anbindung an Earp und Holliday hinaus – durch manch einen als Remake von „Frontier Marshal“ definiert wird. Allerdings lag Fords Adaption bereits eine überarbeitete Fassung der Earp-Biografie von Stuart N. Lake zugrunde, während „Frontier Marshal“ noch auf der ersten Version des Buches von 1931 basiert. Starke Abweichungen von der historischen Wirklichkeit sind wohlgemerkt keine ureigenen Probleme der Verfilmungen – die Biografie geht hinsichtlich frei erfundener Elemente gewissermaßen beispielgebend voran. Häufig schaffen Neuauflagen oder im Speziellen eng einer Vorlage folgende Remakes es nicht, einer vorherigen Version den Rang abzulaufen – gelingt dies einem Remake allerdings, hat es die frühere Filmversion sehr schwer, sich im Blickfeld zu behaupten. Die 1939er-Version von „Frontier Marshal“ lief der Fassung von 1934 den Rang ab, wurde dann aber ihrerseits von „Faustrecht der Prärie“ (1946) überholt. Das ist vor allem insofern bitter, als die 1939er-Auflage eigentlich eher ein Reboot als ein Remake der Version von 1934 gewesen ist. Dwans Fassung hat also einen durchaus eigenständigen Charakter mit entsprechend hohem schöpferischem Wert. In der ersten Verfilmung tauchte Doc Holliday beispielsweise nicht einmal auf, ist bei Dwan als historische Persönlichkeit dann aber, in Relation zu Earp gesehen, sogar überraschend zentral für die Erzählung. Die heute bekannteste der drei Versionen jedoch, die unter John Fords Regie entstand und 1946 erschien, war dann tatsächlich schon recht deutlich in wesentlichen Punkten ein Remake der Variante von Allan Dwan, hat die anderen beiden Filme aber nichtsdestotrotz gewissermaßen in die Versenkung gestoßen. Das soll beileibe nicht heißen, bei Ford sei nicht ebenfalls ein schöpferischer Wert oder in Teilen eigenständiger Charakter vorhanden gewesen oder es handele sich um keinen wertvollen Film; zumindest aber kann es heißen, dass die Fassungen von 1939 und 1946 inhaltlich wesentlich näher beieinander liegen als die Versionen von 1934 und 1939.

Dass wohlgemerkt nicht nur die ersten beiden, sondern alle drei Adaptionen unter der Ägide von Fox entstanden und in einem Fenster von nur knapp 13 Jahren zur Veröffentlichung gekommen sind, ist erstaunlich und weist außerdem darauf hin, dass es den Studio-Verantwortlichen offenbar am Herzen lag, den Stoff regelmäßig aufzupolieren – und vor allem, dass Wyatt Earp als Kinofigur seinerzeit offensichtlich äußerst zugkräftig gewesen ist.

Wenn es draußen dunkel ist

Was „Frontier Marshal“ so oder so zu einem besonderen und daher unterschätzten Genrebeitrag macht, ist der Ansatz, das Nachtleben in Tombstone, in dem Wyatt Earp als Ordnungswächter naturgemäß besonders gefragt ist, über eine beträchtliche Strecke der eher kurzen Gesamthandlung hinweg praktisch in Echtzeit zu erzählen. Das ist in dieser Form recht ungewöhnlich und gibt dem Film eine sehr interessante Note – mit dem Blick rund 80 Jahre später und im Wissen darum, was in Film und Fernsehen gerade in den letzten zwei Jahrzehnten an Tendenzen zu sehen gewesen ist, möchte ich diesen Kniff sogar schon fast als visionär bezeichnen.

Dass von „Frontier Marshal“ offenbar nie eine deutsche Synchronfassung erstellt worden ist, hat dieser Western sicherlich nicht mangelhafter Qualität zu verdanken. Vielmehr scheint es mir, dass während der Nazi-Zeit nicht nach Deutschland gelangte Hollywood-Filme, in Abhängigkeit vom verantwortlichen Studio später einfach bessere oder eben schlechtere Karten hatten, hierzulande irgendwann einmal nachträglich fürs TV oder gar das Kino wiederentdeckt und dafür auf Deutsch bearbeitet zu werden. Eine Rolle spielte beim Fernsehen in diesem Zusammenhang vermutlich das Abgreifen entsprechender Rechtepakete je nach erschwinglicher Verfügbarkeit, was dann schnell einmal eine gewisse Menge an Filmen desselben Studios begünstigen kann, wenn nicht gar die Studios selbst dafür sorgten, dass ihre Filme besser spät als nie in die hiesigen Kinos kamen. Zumindest Warner- und MGM-Filme aus den 30ern und der ersten Hälfte der 40er-Jahre scheinen mir hinsichtlich nachträglicher Auswertungen in Deutschland doch vergleichsweise präsent zu sein. Dennoch kann man auch von diesen Studios noch etliche nie deutsch synchronisierte Filme aus dem besagten Zeitfenster finden, die es vollauf verdient hätten, bekannter gemacht zu werden. Was Fox anbetrifft, liegen aus der Tonfilmzeit bis 1945 in jedem Fall einige auffällig groß, wichtig und/oder zugkräftig anmutende Schätze im Argen, die ein rühriges Label hoffentlich einmal aus der nie synchronisierten Versenkung ans deutsche Publikum heranträgt – einer davon ist Allan Dwans „Frontier Marshal“. Hätte Doc Holliday beim Glücksspiel oder beim Schusswechsel so viel Pech und Widrigkeiten im Wege gehabt wie „Frontier Marshal“ auf dem Filmmarkt, wenn man einmal das Potenzial der Produktion in Relation zu ihrem heutigen eher niedrigen Bekanntheitsgrad sieht, der diversen im Text angedeuteten Umständen geschuldet ist, würde den Wildwest-Mediziner mittlerweile wahrscheinlich auch niemand mehr kennen.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lon Chaney Jr. und Randolph Scott haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 20. Juni 2012 als DVD

Länge: 71 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Frontier Marshal
USA 1939
Regie: Allan Dwan
Drehbuch: Sam Hellman, Stuart Anthony, William M. Conselman, nach einer Vorlage von Stuart N. Lake
Besetzung: Randolph Scott, Cesar Romero, Nancy Kelly, Binnie Barnes, Joe Sawyer, Lon Chaney Jr., Eddie Foy Jr., John Carradine, Chris-Pin Martin, Charles Stevens
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Wyatt Earp (V): Wichita – Ein Mann räumt auf

Wichita

Von Volker Schönenberger

Western // Zu den Klängen von Tex Ritters Titelsong „Wichita“ zieht der Vorspann an uns vorbei. Im Anschluss treiben die Cowboys des Ranchers Clint Wallace (Walter Sande) unter dessen Führung eine Rinderherde über die Prärie. Als der Viehtrieb eine Rast einlegt, stößt ein Gast zu den Männern, der sich als Wyatt Earp (Joel McCrea) vorstellt. Man kommt ins Gespräch, doch in der Nacht versuchen zwei der Cowboys, dem Neuankömmling sein Geld zu stehlen. Earp kann das verhindern, reitet aber dennoch allein weiter nach Wichita.

Die aufstrebende Stadt in Kansas sprüht im Jahr 1874 vor Leben, soll in Kürze ans Bahnnetz angeschlossen werden, was sie zur wichtigen Drehscheibe für Viehzüchter und -treiber machen wird. Damit einher geht ein etwas laxer Umgang mit dem Gesetz – und mit Schusswaffen. Als Earp seine Barschaft in der Bank deponieren will, wird das Kreditinstitut überfallen – doch weil er schneller zieht als Lucky Lukes Schatten, gelingt es ihm, zwei der Bankräuber zu töten und den dritten in Schach zu halten. Bürgermeister Hope (Carl Benton Reid) und der örtliche Unternehmer Sam McCoy (Walter Coy) versuchen sogleich, Earp zu überreden, das Amt des Marshals zu übernehmen, doch er lehnt vorerst ab, weil er ein eigenes Unternehmen aufziehen will.

Erinnerung an den Knirps am Fenster

Ich war unsicher, ob ich „Wichita“ vor dieser zu Rezensionszwecken erfolgten Sichtung jemals geschaut habe, aber eine Szene mit einem Jungen, der zum Fenster hinausschaut, als draußen die besoffenen Cowboys wild durch die Gegend ballern, weckte meine Erinnerung. Natürlich überlegt es sich Wyatt Earp, alsbald heftet er sich den Stern des Marshals an die Brust. „Wichita“ ist einer dieser Western, bei denen man sich angesichts der mutigen Heldentaten des Protagonisten vor dem Fernseher als Pantoffelheld – oder damals als Kinogänger – aufrecht hinsetzt und gut fühlt. So simpel, so gut. Die Story laviert nicht herum, sondern kommt so zielstrebig wie zügig zur Sache. Ein paar Auseinandersetzungen und Tote später ist der Film mit seinen 81 Minuten auch schon vorbei. Die mangelnde Komplexität kann man bedauern, ich habe es aber vorgezogen, mich von dem Film einfach gut unterhalten zu lassen.

Joel McCrea – als Wyatt Earp nicht ganz vorn

Joel McCrea verkörpert den schillernden Mythos Wyatt Earp als wackeren Verfechter von Recht und Ordnung, der nur dann tötet, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Der routinierte Star vieler Western erledigt seinen Job mit stoischer Mimik und ohne viele Worte. Dagegen ist nicht viel auszusetzen, aber im Vergleich zu anderen Earp-Darstellern wie Henry Fonda („Faustrecht der Prärie“, 1946 ) und Burt Lancaster („Zwei rechnen ab“, 1957) fällt McCreas Leistung doch stark ab. In der Kategorie „Besenstiel verschluckt“ immerhin liegt er weit vorn, bietet sogar Gregory Peck Paroli, der in seiner Karriere zahlreiche bis zur Stocksteifheit aufrechte Herren verkörperte. Auch Peck war allerdings der deutlich bessere Schauspieler.

Vera Miles unter Wert

Mit Lloyd Bridges, dem unverwüstlichen Jack Elam und anderen stehen ein paar markante Gestalten als Kontrahenten auf der anderen Seite des Gesetzes, die „Wichita“ ein wenig zusätzlichen Glanz verleihen. In einer Minirolle als Bankangestellter ist die spätere Regie-Legende Sam Peckinpah zu sehen. Das Drehbuch bescherte Wyatt Earp auch ein „Love Interest“ in Gestalt der Unternehmerstochter Laurie McCoy, verkörpert von der aparten Vera Miles („Der schwarze Falke“, „Psycho“), die hier vermutlich nicht zum einzigen Mal in ihrer Karriere völlig unter Wert agiert. In Western wie diesem waren Frauenfiguren in der Regel eben Staffage, gerade gut genug, um den Helden anzuhimmeln. Weshalb sich Laurie in Earp verliebt, bleibt ebenso unverständlich wie das Erwidern ihrer Gefühle durch den Marshal (obwohl: Wer würde sich nicht in Vera Miles verlieben?). Das Drehbuch hat es vorgesehen, also finden die beiden eben zusammen. Die Anbahnung erfolgt lediglich mit dem einen oder anderen Zusammentreffen.

Jacques Tourneur dreht Western

Regisseur Jacques Tourneur verbinden wir eher mit meisterhaftem Grusel, genannt seien seine bahnbrechenden Arbeiten „Katzenmenschen“ (1942), „Ich folgte einem Zombie“ (1943) und „The Leopard Man“ (1943). Mit „Goldenes Gift“ (1947) zeichnete er auch für einen der großen Klassiker des Film noir verantwortlich. Der Regisseur und sein Hauptdarsteller hatten im Übrigen kurz zuvor bereits zusammengearbeitet. Den Western „Einer gegen alle“ („Stranger on a Horseback“) nach einer Story von Louis L’Amour habe ich aber ebenso wenig gesehen wie ihren ersten gemeinsamen Film „Stars in My Crown“ (1950) – ebenfalls ein Western. Als Western-Fachmann galt Tourneur nicht unbedingt, ein paar Beiträge zum Genre finden sich aber in seiner Filmografie. „Wichita“ ist aufgrund generischer Machart nicht sein bester Western, da hat mir „Feuer am Horizont“ (1946) deutlich besser gefallen. Dennoch sieht man Tourneurs Regiearbeit an, dass er weiß, was er tut, die Klaviatur des Genres beherrscht. Und so hat er aus dem alles andere als überladenen Drehbuch einen aufs Wesentliche reduzierten, kernig-kurzen Western gemacht, der sich auch unter den Wyatt-Earp-Western gut behauptet, ohne ganz vorn zu landen.

Der historische Wyatt Earp (1848–1929) war von 1874 bis 1876 tatsächlich in Wichita als Marshal tätig. Mit einem Doku-Drama haben wir es aber selbstverständlich nicht zu tun. Das zeigt allein schon die Personalie des Hauptdarstellers: Earp kam im Alter von 26 Jahren nach Wichita, im Film verkörpert ihn der 49-jährige McCrea.

Bat Masterson gab es wirklich

Als Gehilfe eines Zeitungsdruckers tritt in „Wichita“ ein junger Mann namens Bat Masterson in Erscheinung, gespielt von Keith Larsen. Auch Masterson (1853–1921) gab es wirklich, er war eine schillernde Gestalt und ist Wyatt Earp tatsächlich begegnet, aber wohl in gänzlich anderem Kontext. Er trat auch in anderen Filmen in Erscheinung, etwa 1959 in „Drauf und dran“ („The Gunfight at Dodge City“), hierzulande als Blu-ray und DVD unter dem Titel „Duell in Dodge City“ veröffentlicht. Verkörpern tat ihn dort ein gewisser Joel McCrea.

Die abschließenden Absätze dieses Textes hat mir dankenswerterweise der geschätzte „Die Nacht der lebenden Texte“-Stammautor Ansgar Skulme geliefert, der sich mit Synchronisation und Verfügbarkeiten klassischer Filme deutlich besser auskennt als ich:

Die deutsche Synchronfassung von „Wichita“ wurde 1956 in der Synchronabteilung von RKO in Berlin erstellt. Es handelt sich allerdings um einen Allied-Artists-Film, der in Europa teilweise von RKO verliehen wurde. Den DVD-Vertrieb übernahmen in den USA die Warner Brothers, in Deutschland wartet man bisher allerdings vergeblich auf etwas Handfestes. RKO-Filme – auch die Eigenproduktionen – sind in der Bundesrepublik generell eher schlecht auf DVD verfügbar, obwohl das Studio in den 50ern sehr groß war und neben Paramount, 20th Century Fox, MGM und Warner zu den sogenannten „Big Five“ gezählt wird. Von diesen Fünf war es zwar das kleinste, allerdings muss man sich vor Augen führen, dass es beispielsweise vor Universal, Columbia Pictures, United Artists und Disney rangierte – bei dieser Kategorisierung spielen Faktoren wie etwa das Vorhandensein einer eigenen dem Studio zugehörigen Kinokette eine Rolle. Im Gegensatz zu den anderen vier der „Big Five“ verschwand RKO Ende der 50er-Jahre von der Bildfläche, und nun bleibt die Frage, wer sich sorgfältig um die Auswertung ihrer Filme für den Digitalmarkt kümmert.

Sir John spricht Wyatt Earp

Joel McCrea wird in der deutschen Version von Siegfried Schürenberg synchronisiert, der später vor allem durch seine humorvolle Verkörperung des Sir John in der Edgar-Wallace-Reihe, neben Schauspielern wie Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Siegfried Lowitz und Heinz Drache, Bekanntheit erlangte. Schürenberg war der unter dem Strich am häufigsten für McCrea eingesetzte Sprecher, wobei sich seine Einsatzzeit wohl ausschließlich auf die 50er-Jahre beschränkt – vereinzelte vorher entstandene Filme, die erst verspätet nach Deutschland kamen, eingeschlossen. Er war seinerzeit auch Stammsprecher von Clark Gable, George Sanders sowie Louis Calhern und ist eine ganz sichere Bank, einer der gefühlt niemals enttäuscht – weder hinter dem Mikrofon noch vor der Kamera. Siegfried Schürenberg wertet Joel McCrea sehr deutlich hinsichtlich eloquenter Wirkung und empfundener Größe auf, aber dennoch gab es auch in den 50er-Jahren immer wieder Versuche mit anderen Sprechern für den behäbigen McCrea, die mal gut, mal weniger gut gelangen. Darüber hinaus bildet die deutsche Synchronfassung von „Wichita“ einen sehr guten Querschnitt damals beliebter Sprecher ab, die nicht nur im Western immer wieder in prägnanten Rollen anzutreffen sind: Beispielsweise sind da die sich auch stimmlich ähnelnden und gern für Schurken besetzten Friedrich Joloff (Lloyd Bridges) und Gerd Martienzen (Rayford Barnes) in den Rollen der Clements-Brüder. Des Weiteren kann man ein paar Sprecher, die selten in wirklich großen Rollen zu hören waren und daher schwerer zuzuordnen sind, anhand dieses Films sehr gut ausmachen, da sie hier gemeinsam auftreten und der Film in der Breite sehr erstaunlich mit wichtigen Hollywood-Charakterdarstellern gesegnet ist, die schnell Eindruck hinterlassen; man nehme etwa Alfred Haase (Wallace Ford als Arthur Whiteside, der Zeitungschef), Herbert Wilk (Walter Coy als Sam McCoy, Vera Miles’ Vater im Film), Hans Emons (Edgar Buchanan als Doc Black, der sich wegen Wyatt Earp gegen seine Freunde aus der gehobenen Gesellschaft von Wichita stellt) und Erich Poremski (I. Stanford Jolley in einer kleinen Rolle als John Stanton). Das sind vier Namen, die man in Synchronbesetzungslisten zwar immer wieder einmal liest, aber wohl auch öfters gehört hat, ohne sie zuordnen zu können, da es zu wenige große Referenzrollen gibt, anhand derer sie sich schnell einprägen. Ich selbst erkenne von ihnen auch nur Hans Emons ohne Mithilfe, da mir eine seiner ganz seltenen Hauptrollen – Humphrey Bogart in „Der Tiger“ (1951) – im Gedächtnis geblieben ist und ich dadurch den Bogen zu vielen Nebenrollen schlagen konnte.

Man kann getrost behaupten, dass „Wichita“ zu den Filmen zählt, die in der deutschen Synchronfassung sicher nicht schlechter als im Original sind, sondern sogar Bonuspunkte sammeln – allein schon des Einsatzes von Siegfried Schürenberg als Wyatt Earp wegen. Von Filmen dieser Kategorie gibt es weitaus mehr als man denken mag – nicht nur aus dem klassischen Hollywood.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jacques Tourneur haben wir unter Regisseure aufgelistet, Filme mit Vera Miles in der Rubrik Schauspieler, Filme mit Jack Elam und Joel McCrea unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 22. Juni 2009 als DVD

Länge: 81 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Wichita
USA 1955
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Daniel B. Ullman
Besetzung: Joel McCrea, Vera Miles, Lloyd Bridges, Wallace Ford, Edgar Buchanan, Jack Elam, Peter Graves, Keith Larsen, Carl Benton Reid, John Smith, Robert J. Wilke, Mae Clarke, Walter Sande
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: Warner

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

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Wyatt Earp (III): Doc – Ein Mythos wird entzaubert

Doc

Von Volker Schönenberger

Western // Schon der Prolog gibt die coole und gedrückte Stimmung vor: Auf dem Weg nach Tombstone betritt Doc Holliday (Stacy Keach) einen heruntergekommenen Saloon im Nirgendwo und lässt sich vom schmierigen mexikanischen Barkeeper ein warmes Bier einschenken. Mit nur einem Pokerblatt gewinnt er von Ike Clanton (Michael Witney) das leichte Mädchen Katie Elder (Faye Dunaway) für die Nacht. Am nächsten Morgen treten der Doc und Katie den schwierigen Ritt nach Tombstone an. Dort trifft der an Tuberkulose leidende Revolverschwinger Holliday auf seinen alten Freund Wyatt Earp (Harris Yulin). Der ist Marshal des Bezirks und hat politische Ambitionen. Um die umzusetzen, will er in Tombstone aufräumen – unter anderem mit den Clantons.

Marshal Wyatt Earp räumt mit Gesindel auf …

Der Filmtitel „Doc“ verdeutlicht es bereits: Anders als andere filmische Aufarbeitungen der Schießerei am O. K. Corral im Oktober 1881 wie „Faustrecht der Prärie“ (1946) und „Zwei rechnen ab“ (1957) steht in diesem Fall nicht Wyatt Earp als strahlender Ordnungshüter im Fokus der Geschichte, sondern Doc Holliday als zwar nicht lebensmüder, aber gebrochener Westmann. Der von Stacy Keach bravourös verkörperte Holliday will an sich nicht in die Auseinandersetzung zwischen den Earps und den Clantons hineingezogen werden; andererseits verspürt er nach wie vor große Loyalität gegenüber seinem alten Weggefährten.

… und hat ehrgeizige Pläne

Wyatt Earp seinerseits ist alles andere als der tapfere Held, als der er in anderen Verfilmungen gezeigt wird. So skrupellos wie opportunistisch nutzt er die Gunst der Stunde, wenn sie sich ihm bietet. Mir jedenfalls ist bislang kein unsympathischer porträtierter Wyatt Earp begegnet. Da halten wir uns doch lieber an Doc Holliday, auch wenn dessen Manieren ebenfalls nicht von schlechten Eltern sind – sich kurz mal eine Frau am Pokertisch zu erzocken, ist nicht gerade die feine Art. Und im Finale begeht er eine Kurzschlusshandlung, die den Atem stocken lässt und Fragen aufwirft.

Die Schießerei am O. K. Corral

Regisseur Frank Perry („David und Lisa“, „Meine liebe Rabenmutter“) hatte zuvor keinen Western inszeniert. Das merkt man gar nicht, er fängt die staubige Stimmung in Tombstone vorzüglich ein und hat auch bei Begegnungen der Kontrahenten ein Händchen für die Inszenierung der angespannten Stimmung verfeindeter Revolverschwinger. Die Dialoge fallen mal wortkarg, mal wortgewandt aus – ein reizvoller Kontrast. Ein Bleigewitter sollte niemand erwarten, erst beim Showdown am O. K. Corral geht es hoch her. Gegenüber den historischen Ereignissen nahm sich Perry einige Freiheiten, allein was die Zahl der Todesopfer der Schießerei angeht. Dennoch heißt es im Allgemeinen, „Doc“ zeige gegenüber vielen anderen Verfilmungen Wyatt Earp noch am ehesten so, wie er wirklich war. Das vermag ich aufgrund der Gnade der späten Geburt nicht abschließend zu bewerten – die Auseinandersetzung fand etwas vor meiner Zeit statt.

Doc Holliday will mit Katie Elder ein neues Leben beginnen

Es hat den Anschein, als befinde sich „Doc“ etwas unter dem Radar der Westernfans – weniger als tausend User-Wertungen in der IMDb stehen zu Buche (Stand Mai 2017). In Deutschland ist Ende März 2017 immerhin erstmals eine Blu-ray in akzeptabler Qualität erschienen und die DVD neu aufgelegt worden. Es lohnt sich! Western mit aufrechten Helden sind zwar immer wieder schön anzuschauen, aber dieser etwas andere, entmystifizierende Blick auf den Mythos von Wyatt Earp und Doc Holliday gehört zu den Highlights der Wyatt-Earp-Western und damit in jede Westernsammlung, die sich gut sortiert nennen will.

Der Showdown naht

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen.

Veröffentlichung: 31. März 2017 als Blu-ray und DVD, 9. Januar 2012 als DVD (KSM GmbH)

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Doc
USA 1971
Regie: Frank Perry
Drehbuch: Pete Hamill
Besetzung: Stacy Keach, Faye Dunaway, Harris Yulin, Michael Witney, Denver John Collins, Dan Greenburg, John Scanlon, Richard McKenzie, John Bottoms, Philip Shafer, Ferdinand Zogbaum, Penelope Allen
Zusatzmaterial: Biografien, Bildergalerie, Trailershow
Label: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos, & Packshot DVD: © 2012 KSM GmbH, Packshot Blu-ray: © 2017 WVG Medien GmbH / Black Hill Pictures GmbH

 

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