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Zum 100. Geburtstag von Harry Carey Jr. / Wyatt Earp (VII): Tombstone – Das Gesetz sind wir: Der Mythos lebt

Tombstone

Von Volker Schönenberger

Western // Im Jahr 1879 reiten die an ihren roten Schärpen zu erkennenden „Cochise County Cowboys“ in eine Kleinstadt in Mexiko ein. Die von Curly Bill Brocius (Powers Boothe) angeführte berüchtigte Gangsterbande richtet bei der Hochzeit eines mexikanischen Polizisten ein Massaker an – Vergeltung für zwei getötete Bandenmitglieder. Johnny Ringo (Michael Biehn), Billy Clanton (Thomas Haden Church), Johnny Barnes (John Corbett), Sherman McMasters (Michael Rooker), Billy Claiborne (Wyatt Earp III) und andere Revolverschwinger kennen kein Erbarmen.

Familientreffen der Earp-Brüder

Derweil trifft der Ex-Marshal Wyatt Earp (Kurt Russell) mit seiner Ehefrau Mattie (Dana Wheeler-Nicholson) per Eisenbahn in Tucson, Arizona ein. Dort trifft er auf seine Brüder Virgil (Sam Elliott) mit Ehefrau Allie (Paula Malcomson) und Morgan (Bill Paxton) mit Ehefrau Louisa (Lisa Collins). Die Ehepaare zieht es ins Cochise County nach Tombstone, wo sie als Geschäftsleute reüssieren wollen. Der freundliche Sheriff John Behan (Jon Tenney) vermittelt ihnen eine Unterkunft, und als Marshal Fred White (Harry Carey Jr.) die Brüder auf den Saloon „The Oriental“ hinweist, gelingt es Wyatt zügig, in dem Etablissement das Glücksspielgeschäft zu übernehmen. Den zuvor auf dem Sessel sitzenden Rowdy Johnny Tyler (Billy Bob Thornton) vertreibt er mit ein paar Ohrfeigen.

Doc Holliday!

Zufällig hält sich auch Wyatts alter Weggefährte Doc Holliday (Val Kilmer) mit seiner Freundin Kate (Joanna Pacula) in Tombstone auf. Der professionelle Glücksspieler hofft, dass ihn im trockenen Klima von Arizona seine Tuberkulose weniger plagt. Fast gleichzeitig treffen auch die Schauspielerin Josephine Marcus (Dana Delany) und ihr Kollege Mr. Fabian (Billy Zane) dort ein. Sie wirft zügig ein Auge auf Wyatt Earp, und weil dessen Ehe mit Mattie nicht zuletzt aufgrund ihrer Abhängigkeit von Laudanum kriselt, zeigt er sich für ihre Avancen durchaus anfällig.

Die Schießerei am O. K. Corral

Ein erstes Aufeinandertreffen mit Curly Bill Brocius und seinen Männern lässt nicht lange auf sich warten. Schließlich kommt es zur Schießerei am O. K. Corral (Gunfight at the O.K. Corral) am 26. Oktober 1881, bei der die Earps und Doc Holliday gegen Billy und Ike Clanton (Stephen Lang) sowie Tom (John Philbin) und Frank McLaury (Robert John Burke) antreten.

Die Earp-Vendetta

Diese zum Mythos gewordene bewaffnete Auseinandersetzung ist im Westerngenre wiederholt als finaler Showdown inszeniert worden, auf den der jeweilige Film zielgenau hinausläuft, so etwa in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday und in John Sturges’ „Zwei rechnen ab“ (1957) mit Burt Lancaster als Earp und Kirk Douglas als Holliday. Tatsächlich aber war die Schießerei am O. K. Corral lediglich eines von diversen blutigen Ereignissen – und nicht das letzte. In der Folge kam es zur berüchtigten Earp-Vendetta, die wiederum John Sturges in „Die fünf Geächteten“ (1967) aufgriff. Sie wird auch in „Tombstone“ ausgiebig präsentiert und zeigt Wyatt Earp als so gnadenlos wie rachsüchtig. Der Stern des Marshals, den er sich nach einiger Zeit erneut ansteckt, dient ihm als Alibi, um die Bande der „Cowboys“ zu jagen und niederzuknallen. Ein immerhin differenziertes Porträt des schillernden Gesetzeshüters, der in der Realität wohl kein so strahlender Held war, wie es manche Western darstellen. Historische Freiheiten nimmt sich „Tombstone“ dennoch zur Genüge.

Val Kilmer

Die namhafte Besetzung bürgt für Schauspielkunst, und diese bekommen wir auch ausgiebig zu sehen. Hervorheben will ich lediglich Val Kilmer, der würdig in die Fußstapfen berühmter Doc-Holliday-Darsteller wie Victor Mature („Faustrecht der Prärie“), Kirk Douglas („Zwei rechnen ab“), Jason Robards („Die fünf Geächteten“) und Stacy Keach („Doc“, 1971) tritt. Für mich vielleicht Val Kilmers beste Rolle, zumal er womöglich noch ein wenig von seiner abgründigen Attitüde als Jim Morrison vom zwei Jahre früher entstandenen Biopic „The Doors“ auf die Rolle von Doc Holliday übertragen hat.

Auffällig an „Tombstone“ ist der fehlende Schmutz. Vom Einfluss des Italowesterns hat sich Regisseur George P. Cosmatos („Rambo II – Der Auftrag“) zumindest visuell völlig freigemacht – oder war es Kurt Russell? Dazu später mehr. Das Tombstone des Films ist ein dank Silberminen prosperierendes, fast schon glamouröses Städtchen, in welchem sich die Bürgerinnen und Bürger adrett kleiden und über die breiten Straßen flanieren. Mit Rauschmitteln geht der Western durchaus ins Gericht, wie nicht nur die Laudanum-Abhängigkeit von Wyatt Earps Ehefrau Mattie belegt; Doc Hollidays diverse Zusammenbrüche resultieren nicht nur aus der Tuberkulose, sondern auch aus seinem ungehemmten Alkoholkonsum. Dann haben wir die unabhängige und damit starke Frau Josephine Marcus, die mit forscher Initiative das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Der Handlungsstrang ihrer sich anbahnenden Romanze mit Wyatt Earp läuft etwas nebenher. In Vergessenheit gerät sie nicht, aber ein wenig fehlt die Verbindung zum Hauptplot. Immerhin unterstreicht sie die Ambivalenz von Wyatt Earp. Ebenso wie er sich sträubt, wieder zur Waffe zu greifen, weil er weiß, dass das Töten eines Menschen seiner Seele Schaden zufügt, ringt er mit dem Zwiespalt, sich als pflichtbewusster Ehemann einer drogensüchtigen Frau zu einer freigeistigen Lebedame hingezogen zu fühlen.

Robert Mitchum und Charlton Heston

Für die Rolle von Old Man Clanton war Robert Mitchum vorgesehen, der sie jedoch aufgrund eines Reitunfalls nicht ausüben konnte. Der Part wurde daraufhin aus dem Film herausgeschrieben, Mitchum ist in der Original-Sprachfassung als Stimme aus dem Off mit einigen einleitenden Worten zu Beginn und abschließenden Worten am Ende zu hören. Charlton Heston hat einen kurzen Part als wohlhabender Rancher Henry Hooker übernommen, der Earp und seinen Leuten Unterschlupf gewährt.

Jubilar Harry Carey Jr.

Mit 62 Jahren war Harry Carey Jr. doppelt so alt wie der Marshal Fred White, den er verkörpert. Carey hätte am 16. Mai 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Dasein als Westerndarsteller wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Seine als Olive Fuller Golden (1896–1988) geborene Mutter und sein Vater Harry Carey (1878–1947) hatten beide seit der Frühzeit des Kinos in vielen Western mitgewirkt. Sein Leindwanddebüt gab der kleine Harry bereits im Geburtsjahr 1921 in John Fords „Desperate Trails“, in welchem sein Vater die Hauptrolle spielte. Mit ihm spielte er später zwei weitere Male zusammen: 1948 in John Fords „Spuren im Sand“ mit John Wayne und im selben Jahr in „Red River“ von Howard Hawks mit John Wayne und Montgomery Clift. Auch mit seiner Mutter Olive Carey stand Harry Jr. mehrfach gemeinsam vor der Kamera, darunter in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) mit John Wayne und „Zwei ritten zusammen“ (1961) mit James Stewart und Richard Widmark. Nicht zuletzt der langen und tiefen Freundschaft seiner Eltern mit Regie-Legende John Ford ist es zu verdanken, dass auch der Junior in diversen Western des Filmemachers mitwirkte, darunter „Der Teufelshauptmann“ (1949), „Rio Grande“ (1950) und „Cheyenne“ (1964), dazu in weiteren John-Wayne-Western anderer Regisseure, etwa „Die Unbesiegten“ (1969). Für „Rio Bravo“ (1959) gedrehte Szenen mit Harry Carey Jr. fielen der Schere zum Opfer. In den 1970er-Jahren trat er auch in Italowestern auf, etwa den Komödien „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) an der Seite von Terence Hill und Bud Spencer sowie „Verflucht, verdammt und Halleluja“ (1972) mit Terence Hill. Zwischendurch war er auch im Horrorgenre präsent, so in Joe Dantes „Gremlins – Kleine Monster“ (1984) und „Der Exorzist III“ (1990) von William Peter Blatty. Dem Westerngenre blieb Harry Carey Jr. bis zum Karriereende treu, wie beispielsweise Walter Hills „Long Riders“ (1980) und eben „Tombstone“ belegen. Der Kalifornier starb am 27. Dezember 2012 im Alter von 91 Jahren.

Konkurrent Kevin Costner

Einigermaßen parallel zu „Tombstone“ entstand auch Lawrence Kasdans „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ mit Kevin Costner in der Titelrolle. Costner und „Tombstone“-Drehbuchautor Kevin Jarre hatten an sich einen gemeinsamen Wyatt-Earp-Film geplant, waren aber getrennte Wege gegangen, weil sie sich nicht über den Fokus der Handlung einigen konnten. Dem Vernehmen nach versuchte Costner in der Folge, der Produktion des Konkurrenzfilms ein paar Steine in den Weg zu legen. Geholfen hat es nichts: Während „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ an den Kinokassen abschmierte, entwickelte sich „Tombstone“ immerhin zu einem moderaten Erfolg und erhielt auch mehr Kritikerzuspruch.

Wer führte Regie?

Apropos Kevin Jarre. Der war an sich gebucht, sein Skript auch selbst zu inszenieren, wurde aber aus mir unbekannten Gründen kurz nach Beginn der Dreharbeiten als Regisseur gefeuert (er hat wohl hauptsächlich die Szenen mit Charlton Heston gedreht). Kurt Russell hat 2006 in einem auch ansonsten lesenswerten Interview mit dem True West Magazine enthüllt, er selbst habe anschließend den Rest des Films gedreht, der als Jarre-Nachfolger verpflichtete George P. Cosmatos sei nur als Strohmann oder Geisterregisseur am Set gewesen. Wenn es denn so war, überrascht es ein wenig, dass die Produzenten Kurt Russell den Regiestuhl zutrauten, der zuvor noch nie auf einem gesessen hatte (und es auch anschließend nie wieder tun sollte), aber das Ergebnis gibt ihnen doch recht. „Tombstone“ ist nicht frei von Kritik, als klassischer Western mit ein paar modernen Einsprengseln aber aller Ehren wert. Der Mythos Wyatt Earp ist nicht nur nicht totzukriegen, er funktioniert auch im modernen Kino.

Bis zur Schießerei am O. K. Corral läuft der Film recht zielstrebig auf diesen zwischenzeitlichen Höhepunkt hinaus, in Kombination mit einigen Ereignissen kurz darauf ist sie eindeutig der Höhepunkt des Films. Anschließend verliert sich der Western etwas in der repetitiven Ziellosigkeit der oben bereits erwähnten Earp-Vendetta. Unterhaltsam genug ist das immer noch, aber vielleicht fehlte Regisseur Cosmatos die Vision, wo der Rachefeldzug hinführen soll. Vielleicht hätte es geholfen, wenn die eine oder andere der vielen Figuren weiteres Profil bekommen hätte, aber dann wäre der Film wohl überlang geworden, was auch problematisch sein kann.

Der Director’s Cut

Bereits 2002 ist in den USA ein Director’s Cut von „Tombstone“ erschienen, der es hierzulande bislang nur auf DVD geschafft hat, die allerdings im Handel vergriffen ist. Dem Schnittbericht zufolge stellen die zusätzlichen knapp sechs Minuten eine sinnvolle Ergänzung dar, weil sie einige Handlungslücken schließen. So wird etwa Wyatt Earps schwierige Beziehung zu seiner Frau Mattie mit einer zusätzlichen Szene erhellt, in einer anderen erfahren wir, weshalb im Film Doc Hollidays Freundin Kate plötzlich nicht mehr auftaucht.

Allerdings sind im Netz unterschiedliche Längenangaben der deutschen Director’s-Cut-DVD zu finden – mal 127 Minuten, mal 134 Minuten. Beide Laufzeiten sind mehr als sechs Minuten länger als die 119 Minuten der Kinofassungs-DVD. Da mir lediglich die Kinofassung auf Blu-ray vorliegt, kann ich darüber keine abschließende Aufklärung liefern. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Blu-ray mit dem Director’s Cut.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Biehn, Powers Boothe, Harry Carey Jr., Charlton Heston, Robert Mitchum, Bill Paxton, Kurt Russell und Billy Bob Thornton haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als Blu-ray, 13. August 2009 im Director’s Cut als Limited 2-Disc Edition DVD, 2. Oktober 2000 als DVD

Länge:130 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 127 Min. (DVD, Director’s Cut), 119 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tombstone
USA 1993
Regie: George P. Cosmatos
Drehbuch: Kevin Jarre
Besetzung: Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott, Bill Paxton, Powers Boothe, Michael Biehn, Charlton Heston, Jason Priestley, Jon Tenney, Stephen Lang, Thomas Haden Church, Dana Delany, Paula Malcomson, Lisa Collins, Dana Wheeler-Nicholson, Joanna Pacula, Michael Rooker, Billy Bob Thornton, John Corbett, John Philbin, Robert John Burke, Billy Zane, nur Stimme: Robert Mitchum
Zusatzmaterial Blu-ray und 2-DVD-Edition: Making-of (27:19), Storyboard des Regisseurs (4:00), Trailer & TV-Spots, Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Walt Disney / Buena Vista
Label/Vertrieb DVD 2009: Hollywood Pictures / Touchstone
Label/Vertrieb DVD 2000: BMG Video / UFA

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
DVD-Packshot: © 2009 Hollywood Pictures / Touchstone

 

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Wyatt Earp (VI): Frontier Marshal – Die Story von Doc Holliday

Frontier Marshal

Von Ansgar Skulme

Western // In Tombstone ist der Teufel los. Die Stadt hat sich nach der Entdeckung von Silber in der Nähe schnell aus dem Nichts formiert, doch es fehlt an Menschen, die für Recht und Ordnung sorgen. Der Marshal (Ward Bond) bekommt den einflussreichen Saloonbesitzer Ben Carter (John Carradine) und seinen Revolverhelden-Kumpanen Curly Bill Brocius (Joe Sawyer) samt Gefolge nicht unter Kontrolle. Was aber will eine Stadt mit einem Gesetzeshüter anfangen, der Angst hat, eine hilflose Familie zu hinterlassen, wenn er mal eben über den Haufen geschossen wird? Zur rechten Zeit taucht Wyatt Earp (Randolph Scott) an Ort und Stelle auf, und weil er dringend gebraucht wird, muss er nicht lange auf einen Job warten, um den ihn keiner beneidet.

Allan Dwans „Frontier Marshal“ ist ein wunderbar fotografierter Schwarz-Weiß-Western, der visuell und hinsichtlich der Ausstattung der Sets, einschließlich einer Fülle von Statisten, sehr gut mit den stilistisch ähnlich gearteten, namhaftesten Vertretern des Genres aus den 30er- und 40er-Jahren konkurrieren kann. Diese stammen – egal ob in Farbe oder Schwarz-Weiß gedreht – beispielsweise von Regisseuren wie Cecil B. DeMille, King Vidor, John Ford, Raoul Walsh, Fritz Lang, Henry King und William A. Wellman. Aus heutiger Sicht betrachtet handelt es sich bei Allan Dwan um einen verkannten Regisseur, der allerdings als einer von nur wenigen von sich behaupten konnte, über stattliche 50 Jahre hinweg im klassischen Hollywood-Kino als solcher tätig und die meiste Zeit davon bekannt und erfolgreich gewesen zu sein – immerhin von 1911 bis 1961. Er war somit 1939 schon einer der erfahrensten Altmeister unter sämtlichen der, nach Dienstjahren bemessen, bereits vergleichsweise alten Regie-Hasen des noch jungen Hollywoods – und zwanzig Jahre später war er es erst recht. Egal ob im Stummfilm – vom Kurzfilm bis hin zum Langfilm und zum Epos –, ob im Tonfilm, im Farbfilm oder schließlich auch noch im Breitwand-Kino, stellt man fest: Dwan war immer dabei, wenn Entwicklungen ihren Lauf nahmen.

Treffsicherer Arzt und Glücksspieler

Die Erzählung überrascht damit, dass „Frontier Marshal“ sich ab dessen Auftauchen zunehmend auf Doc Holliday konzentriert, obwohl Randolph Scott als Wyatt Earp die Story rahmt und auch als Erster im Vorspann aufgelistet ist. Wenngleich Holliday hier aus Angst vor rechtlichen Schwierigkeiten „Halliday“ genannt wird, scheint es der Geschichte und Inszenierung ein besonderes Anliegen zu sein, Doc Holliday ein Denkmal zu setzen. Cesar Romero erweist sich hierbei als ausgesprochen spannende Besetzung. Zum einen, weil er Jason Robards, der Doc Holliday später in „Die fünf Geächteten“ (1967) verkörperte, durchaus ein wenig ähnlich sieht, zum anderen weil Romero als Sohn eines gebürtigen Spaniers und einer Kubanerin als eine Art US-amerikanischer Volksheld, als historische Person mit großem Bekanntheitsgrad, vom Schlage eines Doc Holliday besetzt wurde. Romero war einer der ersten Schauspieler im Tonfilm des klassischen Hollywood-Kinos mit in den spanisch- oder aber italienischsprachigen Raum verweisender Abstammung, der auch einmal heroische Figuren verkörpern durfte, die zudem davon befreit waren, durch spanische oder italienische Akzente gekennzeichnet zu sein. Der in New York geborene Sympathieträger wurde zu einem wichtigen Vorreiter in puncto Abkehr von derartigen Rollen- und Besetzungsklischees. Zudem vermied er es über Jahrzehnte erfolgreich, seine Homosexualität zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen werden zu lassen – zu gegebener Zeit outete er sich dann selbst. Kurzum: Er ließ sich in seiner Karriere keinerlei dauerhaft stigmatisierende Steine in den Weg legen, obwohl in doppelter Hinsicht die Gefahr bestand, dass es hätte passieren können. Stattdessen wuchs Romero zu einem gefragten Nebendarsteller beim Film, mit auch der einen oder anderen Hauptrolle im Portfolio heran, der Latino-Klischees nach seinem Durchbruch zweifellos trotzdem noch öfter einmal bediente, dann aber aus Spaß an der Freude. Am bekanntesten ist sein Gesicht dem heutigen Publikum wahrscheinlich als grünhaariger Joker in der quietschbunten 60er-Version von „Batman“, mit Adam West in der Titelrolle.

Randolph Scott spielt daneben einen vor allem gegenüber Doc Holliday auffällig empathischen, dazu gewitzten und freundlichen Wyatt Earp, der gut auf Scotts Charme als sanfter Cowboy zugeschnitten ist, aber dennoch einen sehr souveränen Eindruck macht – recht cool spätestens dann, wenn er zum Schießeisen greift –, was es für eine solche Rolle auch dringend braucht. Obwohl ich von Scotts Glaubwürdigkeit als Westernheld mit realistischen Überlebenschancen im echten Westen, vor allem was seine 50er-Filme betrifft, nicht sonderlich überzeugt bin, und ihn dahingehend ähnlich kritisch wie Joel McCrea sehe – vor allem weil beide paradoxerweise ab einem gewissen Punkt besonders stark auf dieses Genre abonniert gewesen sind –, möchte ich fairerweise zumindest betonen, dass Scott schauspielerisch als Wyatt Earp eine bei Weitem bessere Figur macht als der hölzerne McCrea in Jacques Tourneurs „Wichita“ (1955). Es macht Spaß, Randolph Scott in „Frontier Marshal“ zuzusehen – und seine Darbietung als Earp gewährt Doc Holliday wohlbedacht den Raum, der dieser Figur in der vorliegenden Geschichte auch gebührt.

Warum man im Film Wyatt Earps Namen originalgetreu verwendete, den Namen von Doc Holliday aber abwandelte, obwohl der zunächst geplante Titel „Wyatt Earp: Frontier Marshal“, der der Buchvorlage entspricht, wiederum verworfen werden musste, weil Earps Witwe die Verwendung des Namens ihres Mannes zu diesem Zweck untersagte, erscheint mir rätselhaft. Aber so ergibt sich die Absonderlichkeit, dass Earp zwar mit richtigem Namen im Film auftaucht, obwohl er mit diesem nicht im Titel auftauchen durfte, und Holliday im Film mit modifiziertem Namen auftritt. Bereits 1934 erschien, unter der Regie von Lewis Seiler, ein Genrebeitrag mit dem Titel „Frontier Marshal“, der genau wie die 1939er-Version von Sol M. Wurtzel und dem Studio Fox produziert wurde, das damals allerdings noch nicht als Twentieth Century Fox firmierte – für diese Version erwirkte die bereits über 70 Jahre alte Earp-Witwe obendrein schon vorab, dass der Name der Figur auch im Film geändert und nicht nur aus dem Titel gestrichen werden musste.

Das hätte besser laufen müssen

Ein Gewinn für Allan Dwans „Frontier Marshal“ ist nicht zuletzt die Mitwirkung von Nancy Kelly und Binnie Barnes, die als zwei gegensätzliche Frauentypen beide emotional glaubhaft und berührend agieren. Sie schlagen sich damit wacker inmitten der Unmenge an männlichen Schauspielern und Komparsen. Eigentlich hat dieser Film alle Zutaten, mit denen er problemlos zu einem 95- oder auch 120-minütigen Western-Epos hätte werden können. Darunter eine Reihe bekannter Gesichter, die damals diverse Genrefilme in Nebenrollen veredelten: Ward Bond, Joe Sawyer, John Carradine, dazu Charles Stevens, dem von manchen Quellen fälschlich nachgesagt wird, er sei ein Enkel des berühmten Apachen Geronimo gewesen; außerdem Lon Chaney Jr., der kurz darauf als „Der Wolfsmensch“ bei Universal den Durchbruch als Hauptdarsteller, in den Fußstapfen seines durch Stummfilme berühmt gewordenen Vaters schaffte. Eine ungewöhnliche, wunderbare Besonderheit ist ferner, dass Eddie Foy Jr. hier seinen eigenen Vater spielte, der Wyatt Earp und Doc Holliday im Zuge seines Daseins als Bühnenkünstler im Wilden Westen wirklich kennengelernt hatte.

Da dem Film eine Earp-Biografie als literarische Grundlage diente, hätte man die Handlung ohne Weiteres, relativ unkompliziert und ergiebig strecken können. Dass dennoch nur ein rund 70-minütiges Werk daraus geworden ist, was vor allem für ein biografisch begründetes Projekt recht kurz ist, dürfte einer der Hauptgründe dafür sein, warum „Frontier Marshal“ es in der filmhistorischen Betrachtung nicht auf Augenhöhe mit den besten DeMille-, Vidor-, Ford-, Walsh- oder Wellman-Western der 30er und 40er geschafft hat, obwohl Kameraarbeit, Darsteller-Ensemble, Ausstattung, Kostüme und atmosphärische Lichtsetzungen hierfür beste Voraussetzungen bieten. Einer dieser Western, die so ganz nebenbei durchaus visuelle und narrative Schnittmengen mit dem Film noir haben. Es ist nicht so, dass es keine großen Western-Klassiker mit nur etwa 70 bis 75 Minuten Laufzeit gäbe, wenn man beispielsweise an Wellmans „Ritt zum Ox-Bow“ denkt, aber um sich historische Figuren wie Earp oder Holliday vorzunehmen, ist solch eine Länge dann doch recht knapp bemessen.

Was man nicht macht, machen andere

Erstaunlich kleingehalten ist beispielsweise die Rolle von John Carradine, dem der Höhepunkt seiner Bekanntheit zwar noch bevorstand, der in den Credits aber viel weiter vorn genannt ist, als es der Umfang seiner Rolle zu rechtfertigen scheint. Man wird den Eindruck nicht so wirklich los, dass einige Szenen aus „Frontier Marshal“ der Schere zum Opfer gefallen oder kurzfristig abgeblasen worden sein könnten. An einem etwaigen Geiz von Twentieth Century Fox dürfte es jedoch im engeren Sinne nicht gelegen haben – schließlich wurden keine Mühen gescheut, sogar tonnenweise Sand aufs Studio-Gelände kommen zu lassen, um wüstenähnliche Settings zum Leben zu erwecken, die als Umland von Tombstone fungierten.

Statt Allan Dwans „Frontier Marshal“ holte sich John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) die Lorbeeren und den Legenden-Status unter den frühesten Earp-Tonfilmen ab, der aufgrund auffälliger szenischer Parallelen – auch über die bloße Anbindung an Earp und Holliday hinaus – durch manch einen als Remake von „Frontier Marshal“ definiert wird. Allerdings lag Fords Adaption bereits eine überarbeitete Fassung der Earp-Biografie von Stuart N. Lake zugrunde, während „Frontier Marshal“ noch auf der ersten Version des Buches von 1931 basiert. Starke Abweichungen von der historischen Wirklichkeit sind wohlgemerkt keine ureigenen Probleme der Verfilmungen – die Biografie geht hinsichtlich frei erfundener Elemente gewissermaßen beispielgebend voran. Häufig schaffen Neuauflagen oder im Speziellen eng einer Vorlage folgende Remakes es nicht, einer vorherigen Version den Rang abzulaufen – gelingt dies einem Remake allerdings, hat es die frühere Filmversion sehr schwer, sich im Blickfeld zu behaupten. Die 1939er-Version von „Frontier Marshal“ lief der Fassung von 1934 den Rang ab, wurde dann aber ihrerseits von „Faustrecht der Prärie“ (1946) überholt. Das ist vor allem insofern bitter, als die 1939er-Auflage eigentlich eher ein Reboot als ein Remake der Version von 1934 gewesen ist. Dwans Fassung hat also einen durchaus eigenständigen Charakter mit entsprechend hohem schöpferischem Wert. In der ersten Verfilmung tauchte Doc Holliday beispielsweise nicht einmal auf, ist bei Dwan als historische Persönlichkeit dann aber, in Relation zu Earp gesehen, sogar überraschend zentral für die Erzählung. Die heute bekannteste der drei Versionen jedoch, die unter John Fords Regie entstand und 1946 erschien, war dann tatsächlich schon recht deutlich in wesentlichen Punkten ein Remake der Variante von Allan Dwan, hat die anderen beiden Filme aber nichtsdestotrotz gewissermaßen in die Versenkung gestoßen. Das soll beileibe nicht heißen, bei Ford sei nicht ebenfalls ein schöpferischer Wert oder in Teilen eigenständiger Charakter vorhanden gewesen oder es handele sich um keinen wertvollen Film; zumindest aber kann es heißen, dass die Fassungen von 1939 und 1946 inhaltlich wesentlich näher beieinander liegen als die Versionen von 1934 und 1939.

Dass wohlgemerkt nicht nur die ersten beiden, sondern alle drei Adaptionen unter der Ägide von Fox entstanden und in einem Fenster von nur knapp 13 Jahren zur Veröffentlichung gekommen sind, ist erstaunlich und weist außerdem darauf hin, dass es den Studio-Verantwortlichen offenbar am Herzen lag, den Stoff regelmäßig aufzupolieren – und vor allem, dass Wyatt Earp als Kinofigur seinerzeit offensichtlich äußerst zugkräftig gewesen ist.

Wenn es draußen dunkel ist

Was „Frontier Marshal“ so oder so zu einem besonderen und daher unterschätzten Genrebeitrag macht, ist der Ansatz, das Nachtleben in Tombstone, in dem Wyatt Earp als Ordnungswächter naturgemäß besonders gefragt ist, über eine beträchtliche Strecke der eher kurzen Gesamthandlung hinweg praktisch in Echtzeit zu erzählen. Das ist in dieser Form recht ungewöhnlich und gibt dem Film eine sehr interessante Note – mit dem Blick rund 80 Jahre später und im Wissen darum, was in Film und Fernsehen gerade in den letzten zwei Jahrzehnten an Tendenzen zu sehen gewesen ist, möchte ich diesen Kniff sogar schon fast als visionär bezeichnen.

Dass von „Frontier Marshal“ offenbar nie eine deutsche Synchronfassung erstellt worden ist, hat dieser Western sicherlich nicht mangelhafter Qualität zu verdanken. Vielmehr scheint es mir, dass während der Nazi-Zeit nicht nach Deutschland gelangte Hollywood-Filme, in Abhängigkeit vom verantwortlichen Studio später einfach bessere oder eben schlechtere Karten hatten, hierzulande irgendwann einmal nachträglich fürs TV oder gar das Kino wiederentdeckt und dafür auf Deutsch bearbeitet zu werden. Eine Rolle spielte beim Fernsehen in diesem Zusammenhang vermutlich das Abgreifen entsprechender Rechtepakete je nach erschwinglicher Verfügbarkeit, was dann schnell einmal eine gewisse Menge an Filmen desselben Studios begünstigen kann, wenn nicht gar die Studios selbst dafür sorgten, dass ihre Filme besser spät als nie in die hiesigen Kinos kamen. Zumindest Warner- und MGM-Filme aus den 30ern und der ersten Hälfte der 40er-Jahre scheinen mir hinsichtlich nachträglicher Auswertungen in Deutschland doch vergleichsweise präsent zu sein. Dennoch kann man auch von diesen Studios noch etliche nie deutsch synchronisierte Filme aus dem besagten Zeitfenster finden, die es vollauf verdient hätten, bekannter gemacht zu werden. Was Fox anbetrifft, liegen aus der Tonfilmzeit bis 1945 in jedem Fall einige auffällig groß, wichtig und/oder zugkräftig anmutende Schätze im Argen, die ein rühriges Label hoffentlich einmal aus der nie synchronisierten Versenkung ans deutsche Publikum heranträgt – einer davon ist Allan Dwans „Frontier Marshal“. Hätte Doc Holliday beim Glücksspiel oder beim Schusswechsel so viel Pech und Widrigkeiten im Wege gehabt wie „Frontier Marshal“ auf dem Filmmarkt, wenn man einmal das Potenzial der Produktion in Relation zu ihrem heutigen eher niedrigen Bekanntheitsgrad sieht, der diversen im Text angedeuteten Umständen geschuldet ist, würde den Wildwest-Mediziner mittlerweile wahrscheinlich auch niemand mehr kennen.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lon Chaney Jr. und Randolph Scott haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 20. Juni 2012 als DVD

Länge: 71 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Frontier Marshal
USA 1939
Regie: Allan Dwan
Drehbuch: Sam Hellman, Stuart Anthony, William M. Conselman, nach einer Vorlage von Stuart N. Lake
Besetzung: Randolph Scott, Cesar Romero, Nancy Kelly, Binnie Barnes, Joe Sawyer, Lon Chaney Jr., Eddie Foy Jr., John Carradine, Chris-Pin Martin, Charles Stevens
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 
 

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Wyatt Earp (V): Wichita – Ein Mann räumt auf

Wichita

Von Volker Schönenberger

Western // Zu den Klängen von Tex Ritters Titelsong „Wichita“ zieht der Vorspann an uns vorbei. Im Anschluss treiben die Cowboys des Ranchers Clint Wallace (Walter Sande) unter dessen Führung eine Rinderherde über die Prärie. Als der Viehtrieb eine Rast einlegt, stößt ein Gast zu den Männern, der sich als Wyatt Earp (Joel McCrea) vorstellt. Man kommt ins Gespräch, doch in der Nacht versuchen zwei der Cowboys, dem Neuankömmling sein Geld zu stehlen. Earp kann das verhindern, reitet aber dennoch allein weiter nach Wichita.

Die aufstrebende Stadt in Kansas sprüht im Jahr 1874 vor Leben, soll in Kürze ans Bahnnetz angeschlossen werden, was sie zur wichtigen Drehscheibe für Viehzüchter und -treiber machen wird. Damit einher geht ein etwas laxer Umgang mit dem Gesetz – und mit Schusswaffen. Als Earp seine Barschaft in der Bank deponieren will, wird das Kreditinstitut überfallen – doch weil er schneller zieht als Lucky Lukes Schatten, gelingt es ihm, zwei der Bankräuber zu töten und den dritten in Schach zu halten. Bürgermeister Hope (Carl Benton Reid) und der örtliche Unternehmer Sam McCoy (Walter Coy) versuchen sogleich, Earp zu überreden, das Amt des Marshals zu übernehmen, doch er lehnt vorerst ab, weil er ein eigenes Unternehmen aufziehen will.

Erinnerung an den Knirps am Fenster

Ich war unsicher, ob ich „Wichita“ vor dieser zu Rezensionszwecken erfolgten Sichtung jemals geschaut habe, aber eine Szene mit einem Jungen, der zum Fenster hinausschaut, als draußen die besoffenen Cowboys wild durch die Gegend ballern, weckte meine Erinnerung. Natürlich überlegt es sich Wyatt Earp, alsbald heftet er sich den Stern des Marshals an die Brust. „Wichita“ ist einer dieser Western, bei denen man sich angesichts der mutigen Heldentaten des Protagonisten vor dem Fernseher als Pantoffelheld – oder damals als Kinogänger – aufrecht hinsetzt und gut fühlt. So simpel, so gut. Die Story laviert nicht herum, sondern kommt so zielstrebig wie zügig zur Sache. Ein paar Auseinandersetzungen und Tote später ist der Film mit seinen 81 Minuten auch schon vorbei. Die mangelnde Komplexität kann man bedauern, ich habe es aber vorgezogen, mich von dem Film einfach gut unterhalten zu lassen.

Joel McCrea – als Wyatt Earp nicht ganz vorn

Joel McCrea verkörpert den schillernden Mythos Wyatt Earp als wackeren Verfechter von Recht und Ordnung, der nur dann tötet, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Der routinierte Star vieler Western erledigt seinen Job mit stoischer Mimik und ohne viele Worte. Dagegen ist nicht viel auszusetzen, aber im Vergleich zu anderen Earp-Darstellern wie Henry Fonda („Faustrecht der Prärie“, 1946 ) und Burt Lancaster („Zwei rechnen ab“, 1957) fällt McCreas Leistung doch stark ab. In der Kategorie „Besenstiel verschluckt“ immerhin liegt er weit vorn, bietet sogar Gregory Peck Paroli, der in seiner Karriere zahlreiche bis zur Stocksteifheit aufrechte Herren verkörperte. Auch Peck war allerdings der deutlich bessere Schauspieler.

Vera Miles unter Wert

Mit Lloyd Bridges, dem unverwüstlichen Jack Elam und anderen stehen ein paar markante Gestalten als Kontrahenten auf der anderen Seite des Gesetzes, die „Wichita“ ein wenig zusätzlichen Glanz verleihen. In einer Minirolle als Bankangestellter ist die spätere Regie-Legende Sam Peckinpah zu sehen. Das Drehbuch bescherte Wyatt Earp auch ein „Love Interest“ in Gestalt der Unternehmerstochter Laurie McCoy, verkörpert von der aparten Vera Miles („Der schwarze Falke“, „Psycho“), die hier vermutlich nicht zum einzigen Mal in ihrer Karriere völlig unter Wert agiert. In Western wie diesem waren Frauenfiguren in der Regel eben Staffage, gerade gut genug, um den Helden anzuhimmeln. Weshalb sich Laurie in Earp verliebt, bleibt ebenso unverständlich wie das Erwidern ihrer Gefühle durch den Marshal (obwohl: Wer würde sich nicht in Vera Miles verlieben?). Das Drehbuch hat es vorgesehen, also finden die beiden eben zusammen. Die Anbahnung erfolgt lediglich mit dem einen oder anderen Zusammentreffen.

Jacques Tourneur dreht Western

Regisseur Jacques Tourneur verbinden wir eher mit meisterhaftem Grusel, genannt seien seine bahnbrechenden Arbeiten „Katzenmenschen“ (1942), „Ich folgte einem Zombie“ (1943) und „The Leopard Man“ (1943). Mit „Goldenes Gift“ (1947) zeichnete er auch für einen der großen Klassiker des Film noir verantwortlich. Der Regisseur und sein Hauptdarsteller hatten im Übrigen kurz zuvor bereits zusammengearbeitet. Den Western „Einer gegen alle“ („Stranger on a Horseback“) nach einer Story von Louis L’Amour habe ich aber ebenso wenig gesehen wie ihren ersten gemeinsamen Film „Stars in My Crown“ (1950) – ebenfalls ein Western. Als Western-Fachmann galt Tourneur nicht unbedingt, ein paar Beiträge zum Genre finden sich aber in seiner Filmografie. „Wichita“ ist aufgrund generischer Machart nicht sein bester Western, da hat mir „Feuer am Horizont“ (1946) deutlich besser gefallen. Dennoch sieht man Tourneurs Regiearbeit an, dass er weiß, was er tut, die Klaviatur des Genres beherrscht. Und so hat er aus dem alles andere als überladenen Drehbuch einen aufs Wesentliche reduzierten, kernig-kurzen Western gemacht, der sich auch unter den Wyatt-Earp-Western gut behauptet, ohne ganz vorn zu landen.

Der historische Wyatt Earp (1848–1929) war von 1874 bis 1876 tatsächlich in Wichita als Marshal tätig. Mit einem Doku-Drama haben wir es aber selbstverständlich nicht zu tun. Das zeigt allein schon die Personalie des Hauptdarstellers: Earp kam im Alter von 26 Jahren nach Wichita, im Film verkörpert ihn der 49-jährige McCrea.

Bat Masterson gab es wirklich

Als Gehilfe eines Zeitungsdruckers tritt in „Wichita“ ein junger Mann namens Bat Masterson in Erscheinung, gespielt von Keith Larsen. Auch Masterson (1853–1921) gab es wirklich, er war eine schillernde Gestalt und ist Wyatt Earp tatsächlich begegnet, aber wohl in gänzlich anderem Kontext. Er trat auch in anderen Filmen in Erscheinung, etwa 1959 in „Drauf und dran“ („The Gunfight at Dodge City“), hierzulande als Blu-ray und DVD unter dem Titel „Duell in Dodge City“ veröffentlicht. Verkörpern tat ihn dort ein gewisser Joel McCrea.

Die abschließenden Absätze dieses Textes hat mir dankenswerterweise der geschätzte „Die Nacht der lebenden Texte“-Stammautor Ansgar Skulme geliefert, der sich mit Synchronisation und Verfügbarkeiten klassischer Filme deutlich besser auskennt als ich:

Die deutsche Synchronfassung von „Wichita“ wurde 1956 in der Synchronabteilung von RKO in Berlin erstellt. Es handelt sich allerdings um einen Allied-Artists-Film, der in Europa teilweise von RKO verliehen wurde. Den DVD-Vertrieb übernahmen in den USA die Warner Brothers, in Deutschland wartet man bisher allerdings vergeblich auf etwas Handfestes. RKO-Filme – auch die Eigenproduktionen – sind in der Bundesrepublik generell eher schlecht auf DVD verfügbar, obwohl das Studio in den 50ern sehr groß war und neben Paramount, 20th Century Fox, MGM und Warner zu den sogenannten „Big Five“ gezählt wird. Von diesen Fünf war es zwar das kleinste, allerdings muss man sich vor Augen führen, dass es beispielsweise vor Universal, Columbia Pictures, United Artists und Disney rangierte – bei dieser Kategorisierung spielen Faktoren wie etwa das Vorhandensein einer eigenen dem Studio zugehörigen Kinokette eine Rolle. Im Gegensatz zu den anderen vier der „Big Five“ verschwand RKO Ende der 50er-Jahre von der Bildfläche, und nun bleibt die Frage, wer sich sorgfältig um die Auswertung ihrer Filme für den Digitalmarkt kümmert.

Sir John spricht Wyatt Earp

Joel McCrea wird in der deutschen Version von Siegfried Schürenberg synchronisiert, der später vor allem durch seine humorvolle Verkörperung des Sir John in der Edgar-Wallace-Reihe, neben Schauspielern wie Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Siegfried Lowitz und Heinz Drache, Bekanntheit erlangte. Schürenberg war der unter dem Strich am häufigsten für McCrea eingesetzte Sprecher, wobei sich seine Einsatzzeit wohl ausschließlich auf die 50er-Jahre beschränkt – vereinzelte vorher entstandene Filme, die erst verspätet nach Deutschland kamen, eingeschlossen. Er war seinerzeit auch Stammsprecher von Clark Gable, George Sanders sowie Louis Calhern und ist eine ganz sichere Bank, einer der gefühlt niemals enttäuscht – weder hinter dem Mikrofon noch vor der Kamera. Siegfried Schürenberg wertet Joel McCrea sehr deutlich hinsichtlich eloquenter Wirkung und empfundener Größe auf, aber dennoch gab es auch in den 50er-Jahren immer wieder Versuche mit anderen Sprechern für den behäbigen McCrea, die mal gut, mal weniger gut gelangen. Darüber hinaus bildet die deutsche Synchronfassung von „Wichita“ einen sehr guten Querschnitt damals beliebter Sprecher ab, die nicht nur im Western immer wieder in prägnanten Rollen anzutreffen sind: Beispielsweise sind da die sich auch stimmlich ähnelnden und gern für Schurken besetzten Friedrich Joloff (Lloyd Bridges) und Gerd Martienzen (Rayford Barnes) in den Rollen der Clements-Brüder. Des Weiteren kann man ein paar Sprecher, die selten in wirklich großen Rollen zu hören waren und daher schwerer zuzuordnen sind, anhand dieses Films sehr gut ausmachen, da sie hier gemeinsam auftreten und der Film in der Breite sehr erstaunlich mit wichtigen Hollywood-Charakterdarstellern gesegnet ist, die schnell Eindruck hinterlassen; man nehme etwa Alfred Haase (Wallace Ford als Arthur Whiteside, der Zeitungschef), Herbert Wilk (Walter Coy als Sam McCoy, Vera Miles’ Vater im Film), Hans Emons (Edgar Buchanan als Doc Black, der sich wegen Wyatt Earp gegen seine Freunde aus der gehobenen Gesellschaft von Wichita stellt) und Erich Poremski (I. Stanford Jolley in einer kleinen Rolle als John Stanton). Das sind vier Namen, die man in Synchronbesetzungslisten zwar immer wieder einmal liest, aber wohl auch öfters gehört hat, ohne sie zuordnen zu können, da es zu wenige große Referenzrollen gibt, anhand derer sie sich schnell einprägen. Ich selbst erkenne von ihnen auch nur Hans Emons ohne Mithilfe, da mir eine seiner ganz seltenen Hauptrollen – Humphrey Bogart in „Der Tiger“ (1951) – im Gedächtnis geblieben ist und ich dadurch den Bogen zu vielen Nebenrollen schlagen konnte.

Man kann getrost behaupten, dass „Wichita“ zu den Filmen zählt, die in der deutschen Synchronfassung sicher nicht schlechter als im Original sind, sondern sogar Bonuspunkte sammeln – allein schon des Einsatzes von Siegfried Schürenberg als Wyatt Earp wegen. Von Filmen dieser Kategorie gibt es weitaus mehr als man denken mag – nicht nur aus dem klassischen Hollywood.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jacques Tourneur haben wir unter Regisseure aufgelistet, Filme mit Vera Miles in der Rubrik Schauspieler, Filme mit Jack Elam und Joel McCrea unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 22. Juni 2009 als DVD

Länge: 81 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Wichita
USA 1955
Regie: Jacques Tourneur
Drehbuch: Daniel B. Ullman
Besetzung: Joel McCrea, Vera Miles, Lloyd Bridges, Wallace Ford, Edgar Buchanan, Jack Elam, Peter Graves, Keith Larsen, Carl Benton Reid, John Smith, Robert J. Wilke, Mae Clarke, Walter Sande
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: Warner

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