RSS

Schlagwort-Archive: Zweiter Weltkrieg

Zum 100. Geburtstag von Denholm Elliott: Der große Atlantik – Wahrhaftiges vom Krieg auf See

The Cruel Sea

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Dies ist eine Erzählung aus der Atlantikschlacht; die Geschichte eines Ozeans, zweier Schiffe und einer Handvoll Männer. Die Männer sind die Helden; die Heldinnen sind die Schiffe. Der einzige Schurke ist die See, die grausame See, die der Mensch noch grausamer gemacht hat. Diese Worte aus dem Off leiten „Der große Atlantik“ ein. Es spricht sie Lieutenant Commander George Ericson (Jack Hawkins), ein Reserveoffizier, der bei Kriegsbeginn 1939 von der Handelsmarine zur der Royal Navy des Vereinigten Königreichs zurückversetzt wird. Er erhält das Kommando über die Korvette HMS „Compass Rose“, die ausläuft, um Schiffskonvois durch den Atlantik zu geleiten. Seine Offiziere sind wenig erfahren, aber lernfähig, müssen trotz der einen oder anderen Animosität zusammenwachsen und tun das auch.

Lieutenant Commander Ericson (r.) befehligt …

Als die Deutschen durch die Erfolge ihrer Landstreitkräfte in der Lage sind, ihre U-Boote von französischen Atlantikhäfen operieren zu lassen, geraten die Geleitzüge unter verstärkte Attacken. Oft können Ericson und seine Männer nicht viel mehr tun, als überlebende Seeleute torpedierter Handelsschiffe aus dem Wasser zu ziehen. Der Krieg fordert seinen Tribut. Ehe es sich die Besatzung versieht, sind drei Jahre auf See ins Land gegangen.

… die Korvette „Compass Rose“

Ein wenig kann „Der große Atlantik“ als englisches Gegenstück zu Wolfgang Petersens knapp 30 Jahre später entstandenem „Das Boot“ (1981) gesehen werden, auch wenn der britische Beitrag über die Atlantikschlacht deutlich unspektakulärer daherkommt als das deutsche Antikriegs-Meisterstück. Einige Bilder wirken fast, als hätte seinerzeit ein Team aus Dokumentarfilmern eine Korvette begleitet, um das Geschehen einzufangen. Allzu viele Feindberührungen hat die „Compass Rose“ nicht, selbst dann nicht, wenn die Besatzung mitansehen muss, wie eines der Frachtschiffe, zu deren Schutz sie abbestellt ist, von einem Torpedo getroffen wird, sodass eine gewaltige Explosion die Nacht erhellt. Zwischen diesen tragischen Ereignissen gestaltet sich der Alltag auf See monoton. Diesen Gegensatz vermittelt „Der große Atlantik“ in unaufgeregter Weise. Ebenso wird deutlich, dass die Soldaten Menschen bleiben und die Menschlichkeit im Krieg dennoch auf der Strecke bleibt. Der Krieg ist hier kein Heldenspektakel, da „Der große Atlantik“ eine wohltuende Wahrhaftigkeit ausstrahlt.

Wo mag der Feind stecken?

„The Cruel Sea“, so der Originaltitel des Seekriegsdramas, basiert auf dem gleichnamigen Roman des britischen Schriftstellers Nicholas Monsarrat (1910–1979), der darin seine Erfahrungen in der Royal Navy während des Zweiten Weltkriegs verarbeitete. Das 1951 erstveröffentlichte Buch ist unter dem Titel „Grausamer Atlantik“ auch in deutscher Übersetzung erschienen.

Wasserbomben auf deutsche U-Boote

Gedreht wurde in der in Plymouth im Südwesten Englands gelegenen Marinebasis Devonport und in den traditionsreichen Ealing Studios in London. Regie führte der hierzulande nicht allzu bekannte Charles Frend, der seine Filmlaufbahn Anfang der 1930er-Jahre als Cutter begonnen hatte und diese Tätigkeit beispielsweise auch bei den frühen Hitchcock-Arbeiten „Sabotage“ (1936) und „Jung und unschuldig“ (1937) ausgeübt hatte. Frends Karriere lässt sich recht klar in drei Abschnitte einteilen: Cutter in den 30ern, Kinoregisseur in den 40ern und 50ern, Serienregisseur fürs britische Fernsehen im Folgejahrzehnt. „The Cruel Sea“ ist seine mit Abstand bekannteste Regiearbeit.

Inferno im Atlantik

Als Sub-Lieutenant John Morell an Bord der „Compass Rose“ ist Denholm Elliott zu sehen, hierzulande vor allem als Museumskurator und Freund von Indiana Jones in „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) und „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (1989) in Erinnerung. Der am 31. Mai 1922 in London Geborene begann mit 17 Jahren ein Schauspielstudium an der renommierten Royal Academy of Dramatic Art, das er nach einem Jahr allerdings aufgab, weil er und die Lehranstalt offenbar keine Freunde werden würden. 1940 ging er zur Royal Air Force und wurde als Bordschütze und Funker eingesetzt, bis sein Flugzeug zwei Jahre später über Deutschland abgeschossen wurde. In einem Kriegsgefangenenlager in Schlesien nahm er an Theateraufführungen teil. Nach dem Krieg von Laurence Olivier entdeckt, entwickelte sich Elliott zum gefeierten Bühnenschauspieler und Charakterdarsteller.

Obgleich früh auch für Fernsehen und Kino aktiv, kam der Leinwandruhm erst mit besagtem Part in „Jäger des verlorenen Schatzes“, der ihm den Weg zu weiteren markanten Nebenrollen ebnete. So war er als Butler in John Landis’ „Die Glücksritter“ (1983) zu sehen, und seine Nebenrolle als Mr. Emerson in James Ivorys „Zimmer mit Aussicht“ brachte ihm 1987 seine einzige Nominierung für einen Oscar ein (der allerdings an Michael Caine in „Hannah und ihre Schwestern“ ging). Immerhin gewann Elliott viermal den Britischen Filmpreis BAFTA, bemerkenswert für einen Schauspieler, der nicht zu den auffälligsten seiner Zunft gehörte. Gleichwohl war er jederzeit in der Lage, in Szenen mit namhaften Kolleginnen und Kollegen zu bestehen oder diesen gar die Show zu stehlen. Und das so sehr, dass Gabriel Byrne nach den Dreharbeiten zum Thriller „Button – Im Sumpf der Atommafia“ („Defence of the Realm“, 1985) konstatierte: Ich habe das alte Klischee modifiziert: Arbeite niemals mit Kindern, Tieren oder Denholm Elliott (nachzulesen in einem Nachruf auf Elliott). Denholm Elliott starb am 6. Oktober 1992 im Alter von 70 Jahren auf Ibiza an den Folgen einer AIDS-Erkrankung. Am 31. Mai 2022 wäre er 100 Jahre alt geworden.

„Der große Atlantik“ kam 1953 in britische, US-amerikanische und kontinentaleuropäische Kinos und erwies sich speziell im angelsächsischen Sprachraum als Erfolg (über die bundesdeutschen Zuschauerzahlen ist mir nichts bekannt). In Deutschland ist das Kriegsdrama 2010 unter dem Titel „Todesduell im Atlantik“ und 2019 unter dem Titel „Duell im Atlantik“ auf DVD erschienen, wobei letztgenannte Veröffentlichung nicht mit dem gleichnamigen 1957er-Kriegsdrama mit Robert Mitchum und Curd Jürgens verwechselt werden sollte. Eine Blu-ray wurde bislang nur im Vereinigten Königreich veröffentlicht. Beide deutsche DVDs sind im Handel vergriffen, das fesselnde Werk hätte eine Neuauflage verdient.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Denholm Elliott haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Februar 2019 als DVD unter dem Titel „Duell im Atlantik“, 30. Juli 2010 als DVD unter dem Titel „Todesduell im Atlantik“

Länge: 117 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Cruel Sea
Alternativtitel: Duell im Atlantik
GB 1953
Regie: Charles Frend
Drehbuch: Eric Ambler, nach dem Roman „The Cruel Sea“ („Grausamer Atlantik“) von Nicholas Monsarrat
Besetzung: Jack Hawkins, Donald Sinden, John Stratton, Denholm Elliott, John Warner, Stanley Baker, Bruce Seton, Liam Redmond, Virginia McKenna, Moira Lister, June Thorburn, Megs Jenkins, Meredith Edwards, Glyn Houston, Alec McCowen, Leo Phillips, Dafydd Havard, Alan Webb
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb „Duell im Atlantik“: Polar Film + Medien GmbH
Label/Vertrieb „Todesduell im Atlantik“: Voulez Vous Film (Intergroove)

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot „Duell im Atlantik“: © 2019 Polar Film + Medien GmbH,
Packshot „Duell im Atlantik“: © 2010 Voulez Vous Film (Intergroove), Plakatmotive: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , ,

Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat: Wie couragiert!

Valkyrie

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Mann, war das couragiert, in „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ die Hauptrolle zu übernehmen. Für diese mutige Tat erhielt Tom Cruise in Deutschland folgerichtig im November 2007 einen Bambi in der eigens dafür ersonnenen Kategorie „Courage“ – und das, obwohl der Film erst 13 Monate später in New York City seine Weltpremiere erleben sollte. Wir Deutsche mögen es eben, wenn unseren Helden ein Denkmal gesetzt wird, da üben wir uns gern in vorauseilender Huldigung. Böse Zungen mögen behaupten, die Bambi-Kategorie sei nur deshalb eingerichtet worden, weil Cruise sein Erscheinen zugesagt habe und man für ihn keinen Preis in einer der etablierten Bambi-Kategorien habe entdecken können; aber die sind sicher alle nur neidisch! Dass die Laudatio des damaligen F.A.Z.-Herausgebers Frank Schirrmacher bei vielen Schmunzeln bis Befremden auslöste – geschenkt! Dass Tom Cruise ein hohes Tier bei den Scientologen ist – geschenkt! Dass das Attentat erst 1944 verübt wurde, als sich die Niederlage des „Dritten Reichs“ abzeichnete, und nicht etwa während der siegreichen Kriegsjahre – geschenkt! Hoppla, da sind wir ja schon bei der inhaltlichen Aufarbeitung, nicht vergaloppieren! Besser spät als nie. Georg Elser und die Geschwister Scholl samt ihrer Mitstreiter der Weißen Rose erscheinen mir aber deutlich heroischer als viele Beteiligte des Attentats vom 20. Juli 1944 – und couragierter als Tom Cruise allemal (man verzeihe mir die Vermengung der Ebenen).

Luftangriff in Tunesien

Das Unternehmen Walküre bezeichnete ursprünglich einen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs von Angehörigen der deutschen Wehrmacht ausgearbeiteten Plan, etwaige zivile Aufstände gegen das Nazi-Regime zu zerschlagen. Dieser Plan wurde später von den Widerständlern um Stauffenberg umfunktioniert, um nach dem Attentat auf Hitler die Macht zu übernehmen. Dies gab dem Film den Namen, im Original wurde er schlicht „Valkyrie“ betitelt.

Im Afrikafeldzug schwer verwundet

Die Handlung setzt 1943 während des Afrikafeldzugs der Wehrmacht ein. Der zur 10. Panzer-Division nach Tunesien abkommandierte Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Tom Cruise) hat längst seine Illusionen über die Aussichten des Kriegsausgangs und speziell über seinen Führer Adolf Hitler (David Bamber) verloren. Bei einem Angriff alliierter Tiefflieger wird er schwer verletzt, verliert seine rechte Hand, Ringfinger und kleinen Finger der linken Hand und sein linkes Auge.

Nina von Stauffenberg besucht ihren Ehemann im Hospital

Derweil hat sich in hohen Kreisen der Wehrmacht um Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh, „Dunkirk“) bereits der Widerstand gegen den Führer formiert. Ein von diesem ausgeführter erster Anschlag gegen Hitler misslingt allerdings, weil die in einer Likörkiste deponierte Bombe während eines Flugs nicht explodiert. Von Tresckow gelingt es immerhin, im Anschluss die ungeöffnete Kiste sicherzustellen und das Attentat somit zu verheimlichen. Kurz darauf nimmt General Friedrich Olbricht (Bill Nighy, „Tatsächlich … Liebe“) Kontakt zum frisch genesenen Stauffenberg auf und rekrutiert ihn für den inneren Kreis der Verschwörung gegen das Hitler-Regime.

Hitler muss sterben!

Die Vorbereitungen für den Staatsstreich laufen an. Als ihm Olbricht mit Oberleutnant Werner von Haeften (Jamie Parker) einen Adjutanten an die Seite stellt, bekommt Stauffenberg einen treuen Mitstreiter. Der Kriegsversehrte überzeugt die anderen, der Tod Hitlers sei für den erfolgreichen Ausgang der Machtübernahme unabdingbar. Doch das Misslingen des Mordanschlags am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen macht alle Verschwörer zu Todgeweihten.

Der Kriegsversehrte …

Als seinerzeit bekannt wurde, dass Hollywood das Attentat vom 20. Juli 1944 mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmen würde, regte sich in Deutschland scharfe Kritik. Man befürchtete, die Traumfabrik werde der Geschichte überbordendes Pathos und Heldenkitsch überstülpen und ihr so nicht gerecht werden. Auch Tom Cruises Dasein als Scientologe war mehrfach Thema – so einer sei für diesen deutschen Stoff nun überhaupt nicht geeignet (Cruise fungierte im Übrigen nicht nur als Hauptdarsteller, sondern als Miteigentümer und Boss des Produktionsstudios United Artists war er wohl auch eine der treibenden Kräfte hinter dem Projekt).

Walküre-Plan von beiden Seiten

Angesichts des Ergebnisses wurden wir eines Besseren belehrt. Nach der beeindruckenden Actionsequenz des Luftangriffs in Afrika zu Beginn konzentriert sich „Valkyrie“ stark auf die Figuren, und obwohl viel geredet wird, stellt sich doch mehr und mehr Spannung ein. Das ist insofern clever inszeniert, als wir den Ausgang des Geschehens ja kennen. Speziell im Anschluss an Stauffenbergs Anschlag in der Wolfsschanze dreht sich die Spannungsschraube enorm, wenn sowohl die Umstürzler als auch ihre Gegner mit allerlei kommunikativen Tricks versuchen, die Oberhand zu gewinnen, während sich einige Opportunisten erst einmal abwartend verhalten, weil sie sich so oder so auf die Siegerseite schlagen wollen. Bis zu einem kurzen Feuergefecht, das mit Stauffenbergs Festnahme endet, verläuft das weitgehend frei von Action. Phasenweise sieht es so aus, als könne der Plan aufgehen – und das unabhängig davon, ob Hitler tot ist oder nicht. Hier zieht Regisseur Bryan Singer („X-Men“-Reihe) alle Register, setzt sein großes Ensemble präzise ein, und eine ganze Weile ist es völlig irrelevant, wer die Guten und wer die Bösen sind, da beide Seiten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln um die Macht ringen. Insbesondere dieser Abschnitt vom Attentat bis zur Festsetzung der Verschwörer ist brilliant inszeniert. Der Fokus auf die Umsetzung des Walküre-Plans durch zwei gegnerische Parteien legitimiert es auch, dass sich der Filmtitel darauf bezieht.

… schließt sich dem Widerstand an

In puncto Authentizität hat das Historiendrama zwei Seiten: Das Drehbuch bemüht sich in vielen Details, historisch genau zu arbeiten. Auf der anderen Seite nimmt sich der Film Freiheiten. So lässt sich Stauffenberg von Hitler kurz vor dem Anschlag bei einer Begegnung auf dem Berghof eine Modifizierung des Walküre-Plans abzeichnen – das ist tatsächlich aber wohl nie passiert. Stauffenberg wird zudem bereits in Afrika als Oberst bezeichnet, obwohl er damals erst Oberstleutnant war. Völlig legitim, dass sich Filmemacher bei der Darstellung historischer Ereignisse Freiheiten nehmen, immerhin haben wir es mit einem Spielfilm zu tun (beim Anspruch auf ein Doku-Drama liegt die Messlatte natürlich höher). Dennoch finden sich bei solchen Historiendramen zuverlässig mit der Geschichte bewanderte Filmgucker/innen, die etwas genauer hinschauen und kleine bis große Schlampereien oder Beugungen aufdecken. Das mag der Grund sein, dass gerade bei einer solch spektakulären Produktion wie „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ recht viele historische Ungenauigkeiten ans Tageslicht kommen. Nach meinem Ermessen handelt es sich in diesem Fall um Marginalien. Ein paar davon hätte man sich natürlich ohne Aufwand sparen können, denn nichts wäre beispielsweise einfacher gewesen, als wenn Stauffenbergs Gegenüber ihn in Tunesien nicht mit Oberst angesprochen hätte, sondern mit Oberstleutnant. Andere dieser „Fehler“ mag Regisseur Singer aus inszenatorischen Gründen bewusst eingebaut haben. Manche Rezipienten des Films bemängelten auch die Porträtierung der einen oder anderen historischen Figur, etwa die von Dr. Carl Goerdeler (Kevin McNally), eines zivilen Mitverschwörers, der nach dem Attentat zum Reichskanzler erklärt werden sollte. Ob diese Kritik berechtigt ist, bliebe mit einem genauen Blick auf Goerdeler festzustellen, ich belasse es dabei.

Ein hochkarätiges Ensemble

Die Besetzung von „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ ist famos: Die Niederländerin Carice van Houten („Game of Thrones – Die komplette fünfte Staffel“) spielt Stauffenbergs Ehefrau Nina. Tom Wilkinson („Snowden“) ist als Generaloberst Friedrich Fromm zu sehen, einen wankelmütigen Verschwörer, der seine Leute im Anschluss an das missglückte Attentat ans Messer lieferte, was ihn selbst aber nur kurzfristig rettete. Terence Stamp spielt Generaloberst Ludwig Beck, und auch deutsche Darsteller kommen zum Zuge: So ist Christian Berkel („Der Untergang“) als Widerständler Oberst Albrecht Mertz von Quirnheim zu sehen, Thomas Kretschmann („Dragged Across Concrete“) in der Rolle des Major Otto Ernst Remer, der maßgeblich an der Niederschlagung des Umsturzversuchs beteiligt war. Kretschmann war seinerzeit die Stauffenberg-Rolle avisiert worden; als diese mit Tom Cruise besetzt wurde, reagierte er säuerlich, äußerte sich später aber versöhnlich und sehr wohlwollend gegenüber Cruise. Eine kleine Rolle hat auch Matthias Schweighöfer übernommen, er spielt Leutnant Franz Herber, der ebenfalls an der Zerschlagung der Verschwörung beteiligt war. Auch „Tatort“-Ermittler Wotan Wilke Möhring und „Game of Thrones“-Star Tom Wlaschiha haben Kurzauftritte.

Ist Generaloberst Fromm (l.) zu trauen? Natürlich nicht!

Gedreht wurde zum Teil an Originalschauplätzen. Tatsächlich entstand das Gros des Films in Deutschland, die in Tunesien spielende Auftaktsequenz hingegen wurde nach Abschluss der deutschen Dreharbeiten in der kalifornischen Wüste inszeniert. Den Produzenten gelang es sogar, nach anfänglichem Widerstand, eine Drehgenehmigung für den Bendlerblock zu erhalten. Die dort entstandenen Szenen wurden allerdings aufgrund einer Panne im Kopierwerk beschädigt, sodass sie kurz darauf erneut gedreht werden mussten. Im Bendlerblock waren in der Nazizeit das Allgemeine Heeresamt und der Befehlshaber des Ersatzheeres im Oberkommando des Heeres untergebracht. Der Gebäudekomplex war ein Zentrum der Widerständler des 20. Juli. Im Hof des Bendlerblocks wurden in der Nacht zum 21. Juli 1944 Stauffenberg, Haeften, Olbricht und Mertz von Quirnheim von einem Erschießungskommando hingerichtet.

Erfolg an den Kinokassen

„Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ feierte seinen Kinostart am Ersten Weihnachtstag 2008 in den USA und Kanada. Die Deutschlandpremiere folgte einen Monat später, dort lockte der Film 1,3 Millionen Menschen in die Lichtspielhäuser. Sein Budget von 75 Millionen Dollar spielte das Historiendrama locker wieder ein, am Ende standen an den Kinokassen Einnahmen von mehr als 200 Millionen Dollar zu Buche.

General Olbricht, Oberleutnant von Haeften und Oberst von Quirnheim (v. l.) bekennen Farbe

2009 bereits von Twentieth Century Fox auf Blu-ray und DVD veröffentlicht, hat capelight pictures das Werk nunmehr im Mediabook mit zwei Blu-rays und einer DVD in den Handel gebracht. Auf den Scheiben findet sich kein exklusives Bonusmaterial, aber immerhin das üppige der vorherigen Editionen. Einen Pluspunkt stellt das 24-seitige Booklet dar, dessen Text von Carsten Baumgardt verfasst wurde, seines Zeichens Gründer und ehemaliger Chefredakteur des Portals filmstarts.de, heute Chef vom Dienst eines Nachrichtenmagazins. Baumgardt lässt sich kenntnisreich über die historischen Hintergründe und die Entstehung des Films aus. Das capelight-Mediabook stellt keine spektakuläre Veröffentlichung dar, dazu ist der Film doch zu bekannt und verbreitet – und es darf bezweifelt werden, dass viele Filmsammler diese Edition herbeigesehnt haben. Aber sie hält das übliche capelight-Niveau. Der Film macht vieles richtig, was man dem „couragierten“ Tom Cruise zuvor vielleicht nicht zugetraut hätte (sofern man sein Arbeitsethos nicht kennt). Scientology hin oder her, von mir aus darf er seinen Bambi behalten (der Preis juckt mich sowieso nicht). „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ geht als großes Historienkino ins Ziel.

Alle als „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bryan Singer sind unter Regisseure aufgelistet, Filme mit Carice van Houten in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Kenneth Branagh, Tom Cruise, Thomas Kretschmann, Bill Nighy, Terence Stamp, Tom Wilkinson und Tom Wlaschiha unter Schauspieler.

Major Remer schlägt den Umsturz nieder

Veröffentlichung: 25. Februar 2022 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (2 Blu-rays & DVD) und DVD, 20. Juli 2009 als Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Valkyrie
USA/D/IT/SP/F/JAP/GB 2008
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Christopher McQuarrie, Nathan Alexander
Besetzung: Tom Cruise, Bill Nighy, Carice van Houten, Kenneth Branagh, Tom Wilkinson, Thomas Kretschmann, Terence Stamp, Eddie Izzard, Kevin McNally, Christian Berkel, Jamie Parker, David Bamber, Tom Hollander, David Schofield, Kenneth Cranham, Halina Reijn, Werner Daehn, Harvey Friedman, Matthias Schweighöfer, Wotan Wilke Möhring, Tom Wlaschiha
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Tom Cruise, Bryan Singer, Christopher McQuarrie und Nathan Alexander, deutscher Trailer, Kinotrailer, nur DVD: Wendecover, nur Blu-ray: Die Entstehung von „Operation Walküre – Das Stauffenberg Attentat“ (15:56 Min.), Das Vermächtnis des deutschen Widerstands 114:15 Min.), Die Afrikakorps-Sequenz (7:01 Min.), Die Flugzeuge im Film (7:32 Min.), Weg des Widerstands: Besuch der Originalschauplätze (9:08 Min.), Das Berlin der 40er-Jahre (6:51 Min.), Tom Cruise und Bryan Singer bei „92nd Street Y“ (38:57 Min.), nur Mediabook: 24-seitiges Booklet
Label 2022: capelight pictures
Vertrieb 2022: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2009: Twentieth Century Fox / MGM

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Doppel-Packshot: © 2022 capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Luftwaffenhelfer – Jungspunde an der Flak

Luftwaffenhelfer

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Im Kriegsjahr 1943 werfen alliierte Bomberverbände ihre tödliche Last über deutschen Großstädten ab. Zur Bemannung der Flugabwehrkanonen (Flaks) werden zunehmend jüngere Männer herangezogen, weil die älteren Soldaten an den diversen Fronten des Zweiten Weltkriegs kämpfen. So ergeht es auch einer Gruppe Berliner Oberschüler, die zur Flakbatterie im Ortsteil Lübars einberufen wird. Trotz Schikanen durch Hauptwachtmeister Naumann (Arthur Brauss) und Leutnant von Bern (Alexander Radszun) lassen sich die Jungs nicht unterkriegen. Speziell Karl „Kalle“ Pfeiffer (Till Topf, „Tod eines Schülers“) behält seine Unbekümmertheit.

Leutnant von Bern wirbt die jungen Männer an

Daran ändert sich auch nichts, als eine verirrte Bombe ihren Kameraden Theo Litt (Fred Bräutigam) aus dem Leben reißt – das erste Todesopfer der Gruppe. Bald schon bedienen die Nachwuchssoldaten routiniert ihre Flaks. Nach und nach merken sie, dass der Krieg mehr ist als ein Abenteuer, bei dem man mit schweren Waffen wild um sich ballern kann.

Kein Film über Nazis

Fragen von Kriegsschuld und Nazigräuel werden nicht thematisiert. Zwar wird ein junger russischer Kriegsgefangener hinterrücks niedergeschossen, als er in Panik davonläuft, aber das illustriert eher die traurige Tatsache, dass derlei Taten im Krieg nun mal begangen werden, als dass es eine Aussage über den „bösen Deutschen“ macht. Das kann man als Versäumnis kritisieren, aber angesichts dessen, dass der deutsche Film nicht arm an Beispielen über die historische Aufarbeitung des „Dritten Reichs“ ist, hat ein Kriegsdrama, das seinen Fokus anderswo sucht, ebenfalls seine Berechtigung.

Grundausbildung

Ehe wir es uns versehen, ist „Luftwaffenhelfer“ vorbei und mit der letzten Sequenz offenbart sich die ganze Sinnlosigkeit des Tuns der jungen Männer. Als Kanonenfutter werden sie verheizt, ihr Dasein als Soldaten der Heimatfront war von vornherein zum Scheitern verdammt. Das Finale ist einerseits brilliant, weil es die Tragik des Krieges illustriert, ohne das Sterben zu zeigen, andererseits zwiespältig, weil es viele Zuschauerinnen und Zuschauer verwirrt zurücklässt, weil sie sich zusammenreimen müssen, was dort gerade geschehen ist.

Der Gefreite Pfeiffer hat Damenbesuch

Zur Verwendung kamen auch Archivbilder mit Originalaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Außenaufnahmen entstanden auf dem Gelände der Wehrtechnischen Dienststelle für Waffen und Munition in Meppen im Emsland. Dort befanden sich noch Flakgeschütze, die als Kulissen zum Einsatz kamen. Filmmusik wiederum ist hauptsächlich diegetisch zu hören, als Bestandteil der Handlung. So hören die jungen Rekruten per Volksempfänger Glenn Miller von einem Feindsender, und bei einer spaßigen Aufführung erklingt die bekannte Weise „Lilli Marleen“. Wenn doch mal musikalisch untermalt wird, dann adäquat mit zeitgenössischen Klängen, etwa am Ende „Vorwärts! Vorwärts! Schmettern die hellen Fanfaren“, einem Propagandalied der Hitlerjugend, hierzulande als Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation verboten.

Erinnerung an „Die Brücke“

„Luftwaffenhelfer“ entstand als Auftragsarbeit fürs ZDF, wo das Kriegsdrama am 2. Juni 1980 erstausgestrahlt wurde. In Schwarz-Weiß auf 16-mm-Film gedreht und mit dem Fokus auf Schüler in Uniform an der Heimatfront, erinnert das Werk visuell durchaus an „Die Brücke“ (1959), wirkt auch fast, als sei es damals entstanden. Die Intensität von Bernhard Wickis Antikriegsklassiker erreicht „Luftwaffenhelfer“ nicht, aber das ist auch eine verdammt hohe Messlatte. Die Sinnlosigkeit des Krieges vermittelt auch der Fernsehfilm in eindringlicher Weise. Es war der 24. November 1943 – der Zweite Weltkrieg dauerte noch 531 Tage. Mit diesen Worten endet „Luftwaffenhelfer“.

Hauptwachtmeister Naumann erweist sich als gnadenlos

Studio Hamburg Enterprises macht das wenig bekannte Werk nun per DVD der heutigen Öffentlichkeit zugänglich. Das ist löblich, da „Luftwaffenhelfer“ es verdient hat, gesehen zu werden. Die Veröffentlichung kommt leider ohne jedes Extra daher, über etwas Begleitmaterial zur Einordnung hätte ich mich gefreut. Regisseur Volker Vogeler und Drehbuchautor Claus Hubalek sind allerdings beide verstorben, Vogeler 2005, Hubalek sogar schon 1995. Die Produktionsfirma Windrose Film- und Fernsehproduktion GmbH existiert schon lange nicht mehr, ihr damaliger Geschäftsführer Peter von Zahn, ein renommierter Radio- und Fernsehjournalist, starb 2001. Vielleicht existieren einfach keine Quellen zur Entstehung des Films. Bedauerlich, aber nun ist „Luftwaffenhelfer“ immerhin verfügbar.

Ein feindlicher Bomber wird anvisiert

Veröffentlichung: 25. März 2022 als DVD

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Luftwaffenhelfer
BRD 1980
Regie: Volker Vogeler
Drehbuch: Claus Hubalek
Besetzung: Till Topf, René Schell, Christoph Eichhorn, Alexander Radszun, Arthur Brauss, Marco Kröger, Gerhard Theisen, Klaus-Peter Grap, Fred Bräutigam, Christian Hanft, Manuel Vaessen, Robert Wittling, Gernot Kleinekemper, Wigang Witting, Charlie Rinn, Gerhard Hartig, Eike Gallwitz, Gert Schaefer, Dieter Wagner, Winfried Küppers, Heino Breilmann, Beate Jensen
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2022 Studio Hamburg Enterprises

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: