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Ardennen 1944 – Tod in Belgien

Attack

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Unter dem Decknamen „Unternehmen Wacht am Rhein“ unternahm die deutsche Wehrmacht im Waldgebirge Ardennen in der belgischen Region Wallonie Mitte Dezember 1944 einen überraschenden Angriffsvorstoß an der Westfront. Die sogenannte Ardennenoffensive verfolgte das Ziel, den Hafen von Antwerpen zurückzuerobern, einen für die Westalliierten bedeutsamen Versorgungsknoten. Im Vereinigten Königreich und in den USA ist diese Schlacht als „Battle of the Bulge“ (Ausbuchtungsschlacht) bekannt. Die Ardennenoffensive gilt als einer der letzten großen Versuche Hitlerdeutschlands, dem Zweiten Weltkrieg doch noch eine Wende zu geben. Nach sechs Wochen war der Spuk vorbei und die Wehrmacht weiter geschwächt, sodass sie dazu überging, fortan in erster Linie die „Festung Deutschland“ zu sichern, was bekanntermaßen zum Scheitern verurteilt war. Ein Erfolg der Ardennenoffensive – so unwahrscheinlich die Aussichten ohnehin waren – hätte den Krieg an der Westfront enorm verlängert und womöglich dazu geführt, dass die USA die ersten Atombomben nicht auf Japan, sondern auf Deutschland abgeworfen hätten.

Lieutenant Costa (2. v. l.) befehligt einen Spähtrupp

„Ardennen 1944“ (Originaltitel: „Attack“) ist der wohl bedeutendste Spielfilm über diesen Bestandteil des Zweiten Weltkriegs in dessen westeuropäischen Schlussphase. Zur Handlung: In der von Captain Erskine Cooney (Eddie Albert) geführten Kompanie „Fragile Fox“ rumort es. Gerade hat Lieutenant Joe Costa (Jack Palance) eine Reihe der Soldaten seines Platoons verloren, weil Cooney ihm bei der Erstürmung einer deutschen MG-Stellung Verstärkung versagt hat. Lieutenant Harold Woodruff (William Smithers) kann als Executive Officer das Zerwürfnis zwischen Costa und dem Captain nicht verhindern. Es misslingt ihm auch, Lieutenant Colonel Clyde Bartlett (Lee Marvin) davon zu überzeugen, die Versetzung von Cooney auf einen weniger heiklen Posten zu veranlassen. Immerhin versichert Bartlett Woodruff, die Kompanie werde sowieso nicht mehr in den Kampf ziehen. Doch es kommt anders.

Himmelfahrtskommando für Costas Platoon

Der deutsche Vorstoß am 16. Dezember lässt Bartletts Worte zu Staub zerfallen. Captain Cooney erteilt Lieutenant Costa den Befehl, mit seinem Platoon als Spähtrupp vorzurücken und sich in einem Haus zu verschanzen, sofern er auf deutschen Widerstand treffe. Der Rest der Kompanie werde dann zur Unterstützung folgen. Unverhohlen droht Costa seinem vorgesetzten Offizier, mit ihm abzurechnen, sofern er ihm erneut die Unterstützung versage.

Angriff!

„Ardennen 1944“ versucht gar nicht erst, eine Chronik der militärhistorischen Ereignisse zu sein. Die Ardennenfoffensive dient vornehmlich als Hintergrund, vor dessen Kulisse sich ein tragisches Beziehungsgeflecht der vier genannten Offiziere entfaltet. Sie sind – jeder für sich – in ihren Ambitionen und Zwängen gefangen, allen voran Cooney, ein feiger Zauderer, der nun auch vor seinem Untergebenen Costa Angst hat und sich deshalb zu fatalen Entscheidungen verleiten lässt. Costa hätte dies ahnen können, verliert aber über seine berechtigte Verbitterung das Maß. Bartlett hat die Mittel, diesen gordischen Knoten zu lösen, deckt Cooney jedoch, weil ihm das aufgrund alter Beziehungen Vorteile bei seiner weiteren Karriere verschaffen kann. Zwischen ihnen steht Woodruff, dessen Position aber nicht stark genug ist, die Situation zu entschärfen. Die Fokussierung auf die innere Einstellung der Figuren lässt „Ardennen 1944“ weniger zu einer Aussage über den Krieg erscheinen als zu einem Psychogramm einiger Männer in Ausnahmesituationen vor kriegerischem Hintergrund.

Die Army verweigert ihre Unterstützung

Ein paar minimal überzeichneten Szenen zum Trotz macht das Darstellerquartett seine Sache vorzüglich, auch William Smithers („Scorpio, der Killer“), für den „Ardennen 1944“ nach einigen TV-Rollen das Leinwanddebüt markierte. Die für einen Kriegsfilm vergleichsweise zahlreichen langen Dialogsequenzen lassen die Herkunft des Stoffs vom Theater erkennen. Regisseur Robert Aldrich musste bei den Dreharbeiten auf die Unterstützung durch die US Army verzichten, was ein weiterer Grund sein mag, weshalb ausgiebige Kampfsequenzen eher rar gesät sind.

Doch die Deutschen …

Einen kurzen Auftritt als SS-Offizier hat Peter van Eyck – ein nicht untypischer Part für einen Deutschen in einem US-Kriegsfilm. In einer Nebenrolle als Private Snowden ist Richard Jaeckel zu sehen, der 1967 in „Das dreckige Dutzend“ erneut unter Regisseur Aldrich an der Seite von Lee Marvin zu sehen war. Jaeckel ist wohl auch derjenige Schauspieler aus der Besetzung von „Ardennen 1944“, der am häufigsten mit Robert Aldrich zusammenarbeitete, erstmals 1953 in dessen Kino-Regiedebüt „Big Leaguer“, im selben Jahr auch in „The Squeeze“, einer Episode der Fernsehserie „Four Star Playhouse“. Es folgten die Westernkomödie „Vier für Texas“ (1963) mit Frank Sinatra, Dean Martin und Charles Bronson, der Spätwestern „Keine Gnade für Ulzana“ (1972) mit Burt Lancaster und die Sportkomödie „Kesse Bienen auf der Matte“ (1981) mit Peter Falk. Jaeckel und Lee Marvin spielten auch in der fürs TV gedrehten Fortsetzung „Das dreckige Dutzend 2“ (1985) von Andrew V. McLaglen mit. Marvin wiederum ist auch in Aldrichs Regiearbeit „Ein Zug für zwei Halunken“ (1973) zu sehen. Für Jack Palance war „Ardennen 1944“ nach dem Film noir „Hollywood-Story“ (1955) die zweite Zusammenarbeit mit Aldrich. 1959 folgte mit dem im Nachkriegs-Berlin angesiedelten Bombenentschärfungs-Drama „Vor uns die Hölle“ die dritte und letzte Kooperation. Auch Eddie Albert trat in drei Regiearbeiten Aldrichs in Erscheinung, die zweite und dritte folgten aber erst in den 1970ern: „Die härteste Meile“ (1974) und „Straßen der Nacht“ (1975).

Westeuropa im Zweiten Weltkrieg

„Ardennen 1944“ schließt nicht ganz zu den großen Hollywoodfilmen über den Zweiten Weltkrieg auf, allzu viel fehlt dabei aber auch wieder nicht. Vielleicht wirkt das Kriegsdrama auch nur weniger spektakulär als andere, seine Tiefenwirkung erzielt es so oder so. Welche auf dem westeuropäischen Kriegsschauplatz angesiedelten Hollywood-Filme über den Zweiten Weltkrieg gehören zu euren Favoriten?

… warten schon

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Robert Aldrich haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Peter van Eyck, Lee Marvin und Jack Palance unter Schauspieler.

Costa erledigt einen Panzer der Wehrmacht

Veröffentlichung: 26. März 2020 als Blu-ray und DVD, 30. Oktober 2006 und 15. September 2003 als DVD

Länge: 108 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Attack
USA 1956
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: James Poe, nach einem Theaterstück von Norman Brooks
Besetzung: Jack Palance, Lee Marvin, Eddie Albert, William Smithers, Robert Strauss, Richard Jaeckel, Buddy Ebsen, Peter van Eyck, Strother Martin, Steven Geray, Jud Taylor
Zusatzmaterial: Wendecover
Label 2020: explosive media
Vertrieb 2020: Koch Films
Label/Vertrieb 2003/2006: MGM

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos: © 2020 explosive media, untere Packshots: © MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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Der Pazifikkrieg (IV): Die Hölle sind wir – Entstehung und Zerstörung von Gesellschaft

Hell in the Pacific

Von Lucas Gröning

Kriegs-Abenteuer // Egoismus ist wohl eine der hinderlichsten Eigenschaften, wenn es um die zivilisierte Koexistenz von uns Menschen geht. Sehen wir uns bereits im Kindergarten mit dem täglichen Streit rund um das attraktivste Spielzeug konfrontiert, weiten sich diese Konflikte mit dem Erwachsenwerden auf wesentlich größere und bedeutendere Aspekte aus. Sicher, Egoismus hat auch eine Menge positiv-konnotierter Eigenschaften. Wenn ich beispielsweise gewillt bin, meine eigenen Bedürfnisse dem Gemeinwohl unterzuordnen, woher will ich wissen, dass meine Mitmenschen diese Bereitschaft ebenfalls aufbringen? Ein gesunder Drang, die eigenen Interessen nach vorn zu stellen, gehört angesichts dieser Ungewissheit zum absolut natürlichen und moralisch gerechtfertigten Denken und Handeln eines jeden Menschen dazu, zumal der in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht geforderte Konkurrenzkampf, gerade in westlichen Gesellschaften, dies systematisch voraussetzt. Damit gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren kann, braucht es jedoch ein kontrolliertes Unterordnen der eigenen Bedürfnisse, wozu es wiederum Regeln benötigt, auf die sich eine Gesellschaft einigen muss.

Ein amerikanischer Soldat trifft auf einer Insel …

Ein kompliziertes Thema, welches sich John Boorman mit „Die Hölle sind wir“ zu eigen gemacht und, das sei vorweggenommen, auf großartige Weise bearbeitet hat. Im Dezember 1968 in Japan und den USA gleichermaßen im Kino gestartet, bildet „Die Hölle sind wir“ Boormans dritte Kino-Regiearbeit nach der Musikkomödie „Fangt uns, wenn ihr könnt“ (1965) und dem knallharten Gangster-Thriller „Point Blank“ (1967). Später inszenierte er unter anderem das beinharte Survival-Abenteuer „Beim Sterben ist jeder der Erste“ (1972), den postapokalyptischen Science-Fiction-Film „Zardoz“ (1974), das missratene Horror-Sequel „Exorzist II – der Ketzer“ (1977) und mit „Excalibur“ (1981) eine der besten Verfilmungen der Sage um König Artus und die Ritter der Tafelrunde.

Die Schauspielgrößen Lee Marvin und Toshirō Mifune

Als einzige Darsteller für „Die Hölle sind wir“ wurden die beiden Schauspiellegenden Lee Marvin und Toshirō Mifune verpflichtet. Als Marvins größter Erfolg zählt der Kriegs-Actionreißer „Das dreckige Dutzend“ (1967), im selben Jahr hatte er für „Point Blank“ erstmals mit Boorman zusammengearbeitet. 1962 war er in der Rolle des bösartigen Revolvermanns Liberty Valance in John Fords „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ an der Seite von James Stewart und John Wayne zu sehen. Ebenfalls ein Revolvermann, allerdings ein versoffener, war er 1965 in „Cat Ballou – Hängen sollst du in Wyoming“. Für die Hauptrolle gab’s im selben Jahr den Silbernen Bären der Berlinale und 1966 Oscar und Golden Globe. Mifune wiederum erlangte vor allem Bekanntheit durch seine häufige Zusammenarbeit mit Regielegende Akira Kurosawa, unter anderem spielte er Hauptrollen in dessen Meisterwerken „Rashomon“ (1950) und „Die sieben Samurai“ (1954). Für „Die Hölle sind wir“ trafen diese beiden großartigen Schauspieler nun aufeinander und legten damit den Grundstein für einen fantastischen Film.

Kampf um die Hegemonie

Die Geschichte ist oberflächlich betrachtet relativ einfach und unkompliziert. Wir befinden uns am Ende des Zweiten Weltkrieges auf einer Pazifikinsel. Unabhängig voneinander stranden dort ein amerikanischer (Lee Marvin) und ein japanischer Soldat (Toshirō Mifune), deren einzige Gemeinsamkeit zunächst der verzweifelte Kampf ums Überleben scheint. Irgendwann begegnen die Protagonisten einander und es kommt zu Konflikten. Bei beiden herrscht nach einem langen und qualvollen Krieg der Hass auf das jeweils andere, ideologisch konstruierte Feinbild, welches unmittelbar auf das Gegenüber projiziert wird. Diese Projektion, in Verbindung mit dem unbedingten Willen, das eigene Leben zu erhalten, führt zu einem unerbittlichen Kampf um die knappen Ressourcen, die die Insel den beiden zur Verfügung stellt. Es führt zu einem rein egoistischen Kampf um das eigene Wohl. Wenn der eine beispielsweise eine Möglichkeit gefunden hat, sauberes Wasser zu generieren, will er diese Errungenschaft nicht mit dem anderen teilen. Hat der andere ein Tier zum Essen erbeutet, teilt er die Nahrung nicht mit seinem Gegenüber.

… auf einen japanischen Soldaten

Was wir hier augenscheinlich sehen, ist ein Konkurrenzkampf um die begrenzten Güter der Insel, der sich problemlos auch auf moderne Gesellschaften übertragen lässt. Auch wir stehen in gewisser Weise auf dem freien Markt ständig in Konkurrenz zu unseren Mitbewerbern. Auch wir streben nach unserem Vorteil in der Gesellschaft und stellen für unser eigenes Wohlsein andere Existenzen hinten an. Aufgrund der Begrenzung des Wohlstands versucht ein jeder, das Beste für sich selbst und vielleicht noch seine Angehörigen herauszuholen. Die „Verlierer“ dieses Kampfes fallen hinten herunter und haben es entprechend schwer, sich aus einer schwachen Position heraus eine wohlhabendere Stellung in der Gesellschaft zurückzuholen. Das Ergebnis ist somit Klassismus und der daraus folgende marxistische Begriff des Klassenkampfes. Einen ebensolchen Konflikt zeigt uns „Die Hölle sind wir“, und lange Zeit bleibt offen, wer diesen Kampf schlussendlich gewinnen wird. Der Film kam im Übrigen nicht mit dem von John Boorman vorgesehenen Ende in die Kinos, da die Produzenten das Finale veränderten – kurioserweise, indem sie eine Szene aus Blake Edwards’ „Der Partyschreck“ (1968) einfügten. Die vom Regisseur präferierte Schlussszene findet sich im Bonusmaterial der DVD von Pidax Film. Wer kein Problem mit Spoilern hat, kann die Unterschiede im Schnittbericht nachlesen. Das ursprüngliche Drehbuch enthielt gemäß Trivia der Internet Movie Database sogar ein ganz anderes Ende: Danach war vorgesehen, dass Lee Marvins Figur von japanischen Soldaten gefangen genommen wird und Toshirō Mifunes Soldat seinen Leidensgenossen bald darauf geköpft vorfindet, woraufhin er die Soldaten angreift und seinerseits köpft. Boorman entschied sich jedoch, diese Szene nicht zu drehen.

Das Unterordnen von Egoismen

Mit zunehmender Spieldauer müssen wir feststellen: Es gibt in diesem Szenario keine Gewinner. Angesichts der begrenzten Ressourcen kann nur die Zusammenarbeit beider Parteien das gemeinsame Ziel des Überlebens sichern. Ermüdet und gezeichnet vom ständigen Kampf gegeneinander, raufen sich die Protagonisten zusammen und beschließen, die Flucht von der Insel und die Rückkehr in die Zivilisation geminsam anzugehen. Durch das nun vorherrschende Motiv des zurückgestellten Egoismus ist nun ein Zusammenkommen beider Menschen, ja sogar die Bildung einer Gesellschaft und ein damit einhergehender Fortschritt möglich. Einen Schlüssel bildet hier das erneute Stellen der Eigentumsfrage. Arbeitete zunächst jeder der beiden ausschließlich für sich selbst und für seinen eigenen privaten Wohlstand, dienen die neu erbeuteten Ressourcen nun jeweils beiden Protagonisten. Somit wird aus dem selbst erarbeiteten Privateigentum Kollektiveigentum, gleichbedeutend mit dem Bilden von Gemeinschaft und dem Ablegen jeglicher egoistischer Züge. Somit haben sich die Soldaten auf eine neue Regel verständigt, und die Neuklärung der Eigentumsverhältnisse in ihrer minimalen Gemeinschaft in gewisser Weise politisiert.

Vom Ablegen der Feindbilder

Darüber hinaus legen die Soldaten neben ihren egoistischen Trieben auch ihre ideologiegeleiteten Feindbilder ab. Es wird immer gleichgültiger, dass es sich bei dem einen um einen amerikanischen und bei dem anderen um einen japanischen Soldaten handelt und sich beide Parteien im Pazifik im Krieg befinden. Fast beiläufig werden die Ideologien zugunsten eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und Fortschritts über Bord geworfen, was die Unwichtigkeit und Sinnlosigkeit dieser Ideologien in einem übergeordneten Kontext unterstreicht. Neben der Bildung einer Gesellschaft und der Entwicklung des Zusammenlebens gibt dieser Aspekt „Die Hölle sind wir“ eine weitere Dimension und macht Boormans Werk auch zu einem Antikriegsfilm.

Es entbrennt ein ideologisch geprägter Überlebenskampf

Alles in allem sind dem Regisseur und seinem Team mit „Die Hölle sind wir“ ein fantastischer Film gelungen. Der Film nutz das Aufgreifen von Eigentumsfragen bei gleichzeitigem Hinterfragen von Wirtschaft, Hegemonie und Klassismus moderner, vor allem kapitalistischer Gesellschaften, um eben diese zu kritisieren und die Regeln, die dort vorherrschen, auf seine Art zu kommentieren. Zugleich wird der Film durch sein Szenario und die anfängliche Treue seiner Protagonisten zu vereinfachenden, verblendenden Ideologien zu einem Antikriegsfilm und setzt die sich im Krieg abspielenden Konflikte zugleich in den Kontext zum bereits angesprochenen Kampf um die Hegemonie in einer sich bildenden Gesellschaft. Doch Kampf und Krieg führen nicht zum Fortschritt oder der Verbesserung einer Gesellschaft, sondern tragen eher ihren Beitrag zur Zerstörung bei, so die unmissverständliche Botschaft des Films. Mittels minimalistischer Darstellung in Form zweier einfacher, maskenhafter Charaktere, deren durchgängiger Sprachlosigkeit, der räumlichen Einengung durch den Inselstrand und die Beschränkung bezüglich des dargestellten Zeitstrahls bricht der Film die Konflikte auf ein Minimum herunter und macht sie für jedermann verständlich. In diesem Minimalismus erreicht der Film eine Klarheit und zugleich eine Höhe, die man in vielen vergleichbaren, streckenweise überladenen Filmen vergeblich sucht. Das alles macht „Die Hölle sind wir“ zu einem großartigen und zugleich sehr unterschätzten Film, den aus meiner ganz persönlichen Sicht deutlich mehr Leute sehen sollten, als das bisher der Fall war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Marvin und Toshirō Mifune haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. November 2019 und 24. August 2006 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hell in the Pacific
Alternativer deutscher DVD-Titel: Hell in the Pacific – Zwei Männer zwischen Krieg und Hölle
USA 1968
Regie: John Boorman
Drehbuch: Alexander Jacobs, Eric Bercovici
Besetzung: Lee Marvin, Toshirō Mifune
Zusatzmaterial: Interview mit Regisseur John Boorman, Interview mit Art Director Anthony Pratt, alternatives Ende, Wendecover
Label 2019: Pidax Film
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Label/Vertrieb 2006: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Pidax Film

 
 

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Der Pazifikkrieg (III): Midway – Für die Freiheit: Emmerich schafft’s nach zwei Jahrzehnten

Midway

Kinostart: 7. November 2019

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Es fällt mir schwer, „Midway – Für die Freiheit“ angemessen einzuordnen. Ich schau gern Kriegsfilme in allen Facetten, die das Genre hergibt und habe mich deshalb während der Pressevorführung von Roland Emmerichs aktueller Regiearbeit sehr gut unterhalten gefühlt. Dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack, der auch beim Namen zu nennen ist: Ein patriotisches Kriegsdrama, bei dem man auf den Gedanken kommt, es könne Donald Trump animieren, sich eine Privatvorführung im Weißen Haus organisieren zu lassen, muss sich Kritik gefallen lassen – unabhängig von der Frage, ob man sich den aktuellen US-Präsidenten als Filmfan vorstellen kann.

Admiral Nimitz steht ebenso vor einer schweren Aufgabe …

Ins US-patriotische Horn hat der Regisseur bereits in der Vergangenheit gestoßen, aber der Zweite Weltkrieg war nun mal ein anderes Kaliber als all die anderen Konflikte, in denen US-Soldaten in den vergangenen Jahrzehnten und speziell seit dem 11. September 2001 zu den Waffen gegriffen haben. 1941 und 1942 wollten die USA keinen Krieg führen, erst Pearl Harbor machte sie zur Kriegsnation – ein Angriff auf amerikanischem Boden. Heute hingegen entsteht der Eindruck, das Land sei schnell bei der Hand, sein Militär in ferne Länder zu schicken, wenn wirtschaftliche US-Interessen berührt sind – und das oft unter Missachtung des Völkerrechts. In diesen Zeiten den US-Soldaten des Zweiten Weltkriegs ein weiteres Denkmal zu setzen, so verdient das sein mag, begeistert womöglich die falschen Leute.

Keine Einladung von Donald Trump?

Natürlich inszeniert Roland Emmerich („White House Down“) keinen Jubel-Patriotismus – das kann man ihm zugutehalten. Tatsächlich hat er im Interview geäußert, ihm war der Film gerade jetzt wichtig, weil man momentan sehe, wie hässlich die Politik der USA geworden sei. Immerhin, sofern Donald Trump das liest, sieht er vielleicht von einer Privatvorführung ab, zumindest wird er Emmerich nicht dazu einladen.

… wie Vize-Admiral Yamamoto

Der 1955 in Stuttgart geborene und Anfang der 90er-Jahre nach Hollywood ausgewanderte Regisseur wollte die Schlacht um Midway bereits vor 20 Jahren verfilmen. Doch erst verhinderte das seine vertragliche Bindung an Sony – der japanische Konzern wollte für die Inszenierung einer der großen japanischen Niederlagen kein Budget lockermachen, also drehte er erst einmal „Der Patriot“ mit Mel Gibson und Heath Ledger, ein Kriegsdrama um den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Dann kam Emmerich ein gewisser Michael Bay mit „Pearl Harbor“ (2001) zuvor. Ein weiteres aufwendiges Epos um den Pazifikkrieg lag damit in weiter Ferne von zwei Jahrzehnten.

Ähnlichkeiten zu „Schlacht um Midway“ sind kein Zufall

„Midway – Für die Freiheit“ hält sich in der Darstellung der Ereignisse recht streng an die historischen Fakten und Daten, das hat Emmerichs Regiearbeit mit „Schlacht um Midway“ von 1976 gemein. Zur geschichtlichen Einordnung der Schlacht um Midway im Juni 1942 verweise ich daher auf meine Rezension des älteren Films mit Charlton Heston und Henry Fonda.

Anne Best ängstigt sich um ihren Mann

Der Regisseur beginnt sein Schlachtengemälde mit dem Angriff auf Pearl Harbor, den er in heftigen Bildern zeigt – inklusive des sich ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingebrannten Motivs des in Schlagseite liegenden brennenden Schlachtschiffs „USS Arizona“. Viel Raum nimmt auch der Doolittle Raid ein, die erste Bombardierung japanischer Städte durch US-Flieger unter Lieutenant Colonel Jimmy Doolittle (Aaron Eckhart).

Woody Harrelson als Admiral Nimitz

Da sich Emmerich wie sein Vorgänger um historische Authentizität bemüht, finden sich die bedeutsamen Protagonisten der Ereignisse auch bei ihm, etwa der von Woody Harrelson souverän verkörperte Admiral Chester W. Nimitz, Oberbefehlshaber auf US-Seite, und sein japanisches Pendant Vize-Admiral Isoroku Yamamoto (Etsushi Toyokawa). Emmerich fügt aber auch Figuren hinzu, die im 1976er-Film unter den Tisch gefallen waren, so den Nachrichtenoffizier Edwin T. Layton (Patrick Wilson), dessen offenbar bedeutsamer Rolle bei der Beschaffung höchst wichtiger Geheiminformationen entsprechend er viel Raum im Film gibt. Etwas mehr Leinwandzeit als 1976 erhält Admiral William F. Halsey (Dennis Quaid), den vor der Schlacht um Midway eine Hauterkrankung außer Gefecht setzt.

Kann Nachrichtenoffizier Layton die richtigen Informationen beschaffen?

Einen großen Fokus legt Emmerich auf die US-Kampfflieger, allen voran Richard „Dick“ Best, den Ed Skrein klischeehaft als ungestümen Teufelskerl porträtiert, der gern mal die Vorschriften außer Acht lässt und damit den Unwillen seines Vorgesetzten Lieutenant Commander Wade McClusky (Luke Evans) auf sich zieht. Allerdings weiß der Offizier auch, was er an seinem besten Mann hat. Weitere Mitglieder der Flugzeugträger-Fliegerstaffeln sind unter anderen der Bomberpilot Frank Woodrow O’Flaherty (Russell Dennis Lewis) und sein Bordschütze Bruno Peter Gaido (Nick Jonas). Letztgenannter hatte sich Anfang Februar 1942 eine Heldentat geleistet, die „Midway – Für die Freiheit“ auch zeigt.

Wer traut sich in einen Sturzkampfbomber?

Die Action ist erwartungsgemäß fulminant. Klotzen kann der „Master of Desaster“ Roland Emmerich, das weiß man und muss man ihm lassen. Wenn Dick Best im Sturzkampfbomber zur Attacke auf die Flugzeugträger ansetzt, ihm japanische Jäger im Nacken sitzen und das Sperrfeuer von den feindlichen Schiffen um die Ohren geballert wird, bekommt man den Hauch eines Gefühls davon, wie riskant diese Einsätze waren. Muss man wahnsinnig oder lebensmüde sein, um sich in ein solches Cockpit zu setzen? Vielleicht beides. Wer Kriegs-Action zur See und in der Luft etwas abgewinnen kann, kommt voll auf seine Kosten. Auch tricktechnisch gibt es nichts auszusetzen, und die große Leinwand in Verbindung mit aufwendigen Soundsystemen bringt die Intensität des Spektakels bestens zur Geltung. Etwas absurd wirkt es allerdings, wenn sich Kampfpiloten mitten in der Luft trotz Flugwind und Motorenlärm im offenen Cockpit problemlos mit den hinter ihnen sitzenden Bordschützen unterhalten können, ohne dafür Funkgeräte zu benötigen – der Lärm muss so immens gewesen sein, dass man nicht mal sein eigenes Wort verstehen würde. Sonderbar, dass Emmerich bei diesem Detail so schlampig gearbeitet hat.

Wade McClusky (l.) und Dick Best raufen sich zusammen

Wie „Tora! Tora! Tora!“ und „Schlacht um Midway“ zeigt Emmerich die Japaner nicht als Schurken, sondern als Kontrahenten der Amerikaner, die für ihr Land einen ehrenvollen Sieg erringen wollen. Ein paar Spitzen gibt es dann aber doch, sie sind womöglich dem chinesischen Geld geschuldet, das in die Produktion von „Midway – Für die Freiheit“ geflossen ist. China hatte unter der japanischen Invasion und Besatzung ab 1937 großes Leid erfahren, das bis heute nachwirkt. So werden wir Zeuge eines Kriegsverbrechens an gefangenen US-Soldaten an Bord eines japanischen Schiffs. Gegen Ende erfährt das Publikum obendrein per Texteinblendung, die Japaner hätten aus Vergeltung für die Hilfe, die Jimmy Doolittle und seine Männer nach der Bombardierung Tokios und ihrer anschließenden Landung in China durch die Bevölkerung erhielten, 250.000 chinesische Zivilisten hinrichten lassen.

Regielegende John Ford als Nebenfigur

Ein nettes, wenn auch für die Handlung von „Midway – Für die Freiheit“ völlig verzichtbares Gimmick stellt Roland Emmerichs Hommage an den Regisseur John Ford (Geoffrey Blake) dar, der zufällig auf Midway anwesend war, um dort eine Dokumentation über das Leben auf einer isolierten Militärbasis zu filmen. Stattdessen drehte er Schlachtenszenen, wurde dabei sogar leicht verwundet. Das 18-minütige Resultat trägt wie der 1976er-Spielfilm den Titel „Schlacht um Midway“ („The Battle of Midway“) und kann – da Public Domain – kostenlos im Netz angeschaut und heruntergeladen werden. Eine restaurierte Fassung gibt’s bei YouTube.

Bruno Gaido leistet Heldenhaftes

Der seinerzeitige Drang des kaiserlichen Japans, mit aller Macht und viel Gewalt im Pazifik die tonangebende Nation zu sein und zur Weltmacht aufzusteigen, mag die kriegerische Gegenwehr gerechtfertigt haben, zumal die Amerikaner angegriffen wurden und jedes Recht zur Selbstverteidigung hatten. Heutzutage sieht das ganz anders aus, wenn irgendwo auf der Welt US-Militär in den Einsatz geht. Ein komplexes Thema, bei dem es mir schwerfällt, die richtigen Gedanken zu finden und in Worte zu kleiden. Jedenfalls wirkt es wenig zeitgemäß, wenn ein Kriegsdrama, das ein gewisses Anspruchsdenken ausstrahlt, so gar keine Aussage gegen den Krieg trifft. Ich erwarte gar keinen Antikriegsfilm, das wäre die ganz hohe Schule, die in der Geschichte des Kriegsfilm-Genres im Vergleich zur großen Zahl der Produktionen selten genug eingelöst worden ist. Aber dass es möglich ist, ein Kriegs-Epos mit Fokus auf die vermeintlich oder tatsächlich „Guten“ zu inszenieren und gleichzeitig kritisch mit militärischen Auseinandersetzungen ins Gericht zu gehen, haben 1998 Steven Spielberg mit „Der Soldat James Ryan“ und Terrence Malick mit „Der schmale Grat“ hinlänglich bewiesen. Diese beiden Produktionen haben das Genre enorm geprägt, und Emmerich fällt weit hinter sie zurück, weil es ihm einzig darum geht, Helden ins rechte Bild zu setzen und ihnen ein Denkmal zu setzen. Vielleicht haben Menschen wie Dick Best und Bruno Gaido dieses Denkmal sogar verdient. 2019 sendet es ein falsches Signal.

Zur Inszenierung der Helden passt auch die Porträtierung ihrer Ehefrauen als brave Gemahlinnen, die pflichtbewusst die vielen Beerdigungen besuchen und es hinzunehmen haben, dass ihre Gatten permanent dem Tod ins Auge sehen. Als Dick Bests Ehefrau Anne ist Mandy Moore („The Darkest Minds – Die Überlebenden“) zu sehen. Diese Darstellung der weiblichen Randfiguren ähnelt frappierend der in „Wir waren Helden“ mit Mel Gibson.

Emmerich mag seine Version lieber

Der Kino-Starttermin 7. (bei uns) und 8. (in den USA) November ist passend gewählt, da in den Vereinigten Staaten der Veterans Day bevorsteht: Am 11. November, dem Tag des Waffenstillstands am Ende des Ersten Weltkriegs, gedenkt man dort der Veteranen aller Kriege, an denen die Nation teilgenommen hat. Die mit Charlton Heston in einer der Hauptrollen umgesetzte 1976er-Darstellung der Ereignisse hält Roland Emmerich für keinen guten Film. Gestehen wir ihm zu, dass ihm seine Version besser gefällt. Ob sie es wirklich ist? Ich habe meine Zweifel. Die Zeit wird es zeigen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roland Emmerich haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Luke Evans, Woody Harrelson, Dennis Quaid, Ed Skrein und Patrick Wilson unter Schauspieler.

Jimmy Doolittle ist in China gelandet

Länge: 138 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Midway
CHN/USA 2019
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: Wes Tooke
Besetzung: Woody Harrelson, Luke Evans, Patrick Wilson, Ed Skrein, Dennis Quaid, Mandy Moore, Alexander Ludwig, Aaron Eckhart, Darren Criss, Nick Jonas, Luke Kleintank, Jake Weber, Keean Johnson, Tadanobu Asano, David Hewlett, Geoffrey Blake, Etsushi Toyokawa, Russell Dennis Lewis
Verleih: Universum Film

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Universum Film

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/11/06 in Film, Kino, Rezensionen

 

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