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Das Geheimnis der blutigen Lilie – Wer schön sein will, muss sterben

18 Sep

Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?

Von Ansgar Skulme

Thriller // Wer einmal Mitglied einer Sex-Sekte war, kommt aus der Nummer nur schwer wieder raus. Diese Erfahrung muss Jennifer Lansbury (Edwige Fenech) am eigenen Leib machen. Ihr einstmals Angetrauter beansprucht sie wie sein Eigentum, will sie schnellstens zurück in die Kommune holen. Während sie sich vor dem gewaltbereiten Stalker zu schützen versucht, muss sie miterleben, wie in ihrem Umfeld andere schöne Frauen bestialisch ermordet werden. Der Killer scheint eine Vorliebe für Skalpelle und Erstickungstode zu haben. Ob ein Zusammenhang mit ihrem früheren Liebhaber besteht oder nicht, ändert wenig daran, dass Jennifer und ihre Freundin Marilyn (Paola Quattrini) zunehmend in Lebensgefahr schweben. Hilfe finden die beiden beim wohlhabenden Andrea Barto (George Hilton), der sich beim Anblick von Blut jedoch merkwürdig verhält. Kommissar Enci (Giampiero Albertini) nimmt die Ermittlungen auf.

Edwige Fenech und George Hilton waren Anfang der 70er-Jahre kurzzeitig so etwas wie das große Traumpaar im italienischen Giallo-Thriller. Sie drehten drei Genrebeiträge gemeinsam: „Der Killer von Wien“ (1971), „Die Farben der Nacht“ (1972) und „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ (1972), der als letzter der drei binnen relativ kurzer Zeit gedrehten Streifen in die italienischen Kinos kam. Diese Filme eint zudem der Produzent Luciano Martino, der damals mit Edwige Fenech liiert war und dessen Bruder Sergio für die ersten beiden Teile der Fenech/Hilton-Trilogie als Regisseur verantwortlich zeichnet. Der vorliegende Thriller lag aber in den Händen von Giuliano Carnimeo, der samt seines Pseudonyms Anthony Ascott aus heutiger Sicht vor allem für seine Italowestern bekannt ist; er arbeitete ab der zweiten Hälfte der 60er-Jahre für fast zehn Jahre beinahe ausschließlich in diesem Genre. „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ wurde für Carnimeo bedauerlicherweise zum einmaligen Ausflug in den Giallo. Hinzu kam Stelvio Massi an der Kamera, der mit Carnimeo ein eingespieltes Team bildete. Wenig später startete Massi auch selbst als Regisseur durch, wurde zum Stammregisseur für Maurizio Merli, den er in vielen seiner Hauptrollen in Szene setzte.

Das Kino-Auge dreht frei

Nun gut, es gibt diverse Gialli, die beim Genre-kundigen Zuschauer mehr Nervenkitzel und schweißtreibende Spannung entfachen als „Das Geheimnis der blutigen Lilie“. Hinsichtlich Brutalität liefert der Film, was man aus diesem Sektor erwartet: Blut fließt genügend und wird herumgeschmiert, man sieht das Skalpell in Körper eindringen, eine Kehle durchtrennen. Der Faktor Grusel hält sich für Giallo-Verhältnisse allerdings in Grenzen, der Film treibt nicht wirklich Spielchen mit der Psyche des Zuschauers. Das mag auch daran liegen, dass die Musik vergleichsweise brav ist und als gänsehautschaffendes Element gewissermaßen wegfällt, während sie in anderen Filmen dieser Art oft eine große Rolle für den Spannungsgehalt spielt – als zentrales Mittel, um dem Zuschauer Angst einzuhauchen und diese dann immer wieder heraufzubeschwören.

Was diesen Film dennoch zu einem wichtigen Genrebeitrag macht, ist die Kameraarbeit von Stelvio Massi – wovon ich den Einfluss Giuliano Carnimeos als Regisseur aber nicht trennen will. In Bezug auf „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ von einer entfesselten Kamera zu sprechen, trifft den Sinn dieser Bezeichnung mal wirklich ins Schwarze. Immer wieder überrascht Massi mit plötzlichen und ungewöhnlich krassen Drehungen des Blickwinkels, lässt er die Kamera auch schon mal quasi um 90 Grad kippen, dazu gesellen sich wilde Zooms – diese waren im damaligen Italo-Genrekino allgemein recht beliebt, aber passten nicht immer so gut ins Bild wie hier –, schicke Kamerafahrten bzw. -bewegungen durch den Raum und gute Ideen beim Einbau von Spiegelungen. Obwohl ich beileibe nicht zu den Filmwissenschaftlern gehöre, deren Hauptinteresse der Auswertung der Bildgestaltung gilt und mich vor allem davor hüten werde, in diesem Aspekt einen besonders zentralen Schwerpunkt der Filmwissenschaft zu sehen, ist „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ überraschenderweise ein Film, bei dem sogar ich „Banause“ bekenne, ihn in erster Linie der Kameraarbeit wegen immer wieder gern anzuschauen. Das Gespann Carnimeo/Massi gilt es in dieser Hinsicht zu beachten. Auch wenn man einen Blick auf die von Carnimeo inszenierten Italowestern wirft – unabhängig davon, ob Massi für die Kamera zuständig war oder nicht –, kann einem das Gesehene schnell ungewöhnlich scheinen, da die Kamera sich gern einmal völlig von der Statik entfernt, mit der viele Western berühmt geworden sind. Ein forscher Gegenentwurf zum (Italo-)Western im Sinne von beispielsweise Sergio Leone, dem Western der ganz, ganz langen Einstellungen und epischen Bilder. Carnimeo war im italienischen Genrekino der frühen 70er aufgrund seines Inszenierungsstils einer der großen Vorreiter besonders beweglicher Kameraarbeit.

Erotische Provokationen

Nicht ohne ist dieser Film auch mit Blick auf die Darstellung weiblicher Attraktivität. Da gibt es tatsächlich sogar eine Ringkampf-Szene, vor der eine Stripperin dazu auffordert, dass sie jeder Mann haben kann, der es schafft, ein paar Minuten mit ihr im Ring zu überstehen. Nackte Haut gehört zum Giallo wie das Huhn zum Ei – leidenschaftlicher, freigeistiger, aber auch brutaler Umgang mit Lust sind immer wieder Themen. Dass angehenden Opfern im Todeskampf oder auf der Flucht mal eben die Kleider vom Leib gerissen werden, ist keine Seltenheit und wenn man schon Blut zeigt, warum dann nicht auch Brüste dazu, denn die sind ja sowieso in der Nähe? Der provokante Ringkampf um Sex ist dann aber doch noch einmal überraschend. Auch das Motiv, warum in diesem Film gemordet wird, zeigt sich zunehmend als harsche Abrechnung mit Oberflächlichkeiten und verklemmten Moralvorstellungen. Im Giallo werden des Öfteren schöne Frauen umgebracht und nicht selten ist ihr Aussehen in gewisser Weise ein Grund dafür – manchmal gekoppelt an die Motive des Mörders, noch öfter weil die Provokation mit einer so bisher nie dagewesenen Zerstörung von weiblicher Schönheit im Film einfach Teil dieser Welle von Gialli ist, also gewissermaßen zum Konzept gehörte, auch wenn es ein Manifest dazu in niedergeschriebener Form sicherlich nicht gab. Der Tod und der Vorgang des brutalen Sterbens (durch Mord) werden zu einem aufwühlenden, dem Voyeurismus nicht abgeneigten filmischen Gemälde, bei dem das Blut an die Stelle der Farbe am Pinsel tritt. Schönheit, Weiblichkeit, erotische Anziehungskraft oder aber auch Homosexualität werden von obsessiven selbsternannten Richtern gewissermaßen bestraft und Körper mit Schlägen, Stichen, Schnitten oder Würgattacken malträtiert, als ginge es darum, menschliche Kunstwerke zu zerstören. Psychisch Kranke, Verklemmte, Perverse und Besessene werden im Giallo praktisch von der Leine gelassen, um verstörend zu zeigen, was passiert, wenn sie ihre wirren Gedanken in aller Konsequenz in Taten ummünzen. „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ spiegelt diese Gangart sehr gut wider.

Es ist möglich, dass der Film aufgrund der frauenfeindlichen, die Freiheit der Frau ignorierenden Motive des Killers, gleichgeschlechtlicher Liebe und sonstiger sexueller Anspielungen für das damalige deutsche Publikum als „zu viel des Guten“ eingestuft wurde – wer auch immer sich nun anmaßt zu entscheiden, was für ein Publikum zu viel ist oder auch nicht – und es deswegen in der Bundesrepublik zu keiner Kinoauswertung kam. Andererseits haben Gialli oft deftige Themen zu bieten und viele haben es trotzdem in unsere Kinos geschafft. In jedem Falle blieb dem gewogenen deutschen Kinogänger so auch ein ziemlich guter Schlusskampf vorenthalten, bei dem man – weil er so gut umgesetzt ist – den Eindruck hat, er sei für die Schauspieler womöglich fast ins Auge gegangen. Kamera und Regie verdienen auch hier ein Kompliment – der Tanz am Rande des Abgrunds wird denkwürdig auf die Spitze getrieben. Der Aspekt, in so einer Szene möglichst in aller Gänze auf Stuntmen zu verzichten und somit bestimmte Kamera-Einstellungen bringen zu können, die nicht funktionieren würden, wenn man die Gesichter von Stuntmen sähe, hat etwas für sich.

Erst die Titel, dann die Synchro

Ein kleines Kuriosum ist, dass der deutsche Titel „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ offenbar bereits existierte, bevor zu dem Film eine deutsche Synchronfassung erschien. Die wurde erstmals in einer „Drops of Blood“ betitelten Box veröffentlicht. Zunächst war eine DVD-Fassung ohne deutsche Tonspur, aber mit deutschem Titel auf unseren Markt gekommen, die Erstveröffentlichung der Synchronfassung in erwähnter „Drops of Blood“-Box erfolgte dann als Double Feature, gemeinsam mit „Der Schwanz des Skorpions“ (1971) – ein anderer Giallo mit George Hilton unter der Regie von Sergio Martino, wie auch „Der Killer von Wien“ und „Die Farben der Nacht“, allerdings diesmal ohne Edwige Fenech.

Als Alternativtitel zu „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ wurde „Der Satan mit dem Skalpell“ auf den Markt geworfen. Wenn man Filme mit mehreren Covervarianten veröffentlicht, wie es im Kontext von Hartboxen und Mediabooks zu Italo-Genreklassikern aus den 70ern üblich ist, kann man theoretisch natürlich auch mehrere deutsche Titel eines Films gleichzeitig bedienen oder erfinden. Spannend wird das, wie hier, vor allem dann, wenn es bis dato noch gar keine deutsche Fassung gab, plötzlich aber zwei deutsche Titel zum Film gleichzeitig, jedoch ohne Synchronfassung, auftauchen. Dabei gilt es den Überblick zu behalten. „Das Geheimnis der blutigen Lilie“ und „Der Satan mit dem Skalpell“ sind außerdem Beispiele für deutsche Titel derartiger Filme, die recht gut nachweisen, welche Zielgruppen man zu adressieren versucht. So hat der Film nun einen Titel für Splatter-Freunde und einen klassischeren für all jene, die Wert auf ein spannendes Täterrätsel und die Motive hinter dem Fall legen. Und tatsächlich ergibt der Film für beide Zielgruppen Sinn. Eine solche Titelvergabe hat daher ihre Berechtigung – ich führe diese Praxis hier nicht an, weil ich sie verurteilen würde. Die deutsche Synchronfassung, die in der „Drops of Blood“-Box sowie auf späteren DVD-Auskopplungen enthalten ist, ist zudem ziemlich gut gelungen. Direkt für eine DVD erstellte Synchros jahrzehntealter Filme sind mit Vorsicht zu genießen, aber hierbei handelt es sich um ein Exemplar, dem man anmerkt, dass es mit Spaß bei der Sache produziert wurde. Nicht nur, weil der Kommissar eine spektakuläre Reibeisenstimme hat, die in einer eigenen Liga spielt.

Veröffentlichung: 7. April 2010 als DVD, 17. September 2006 als DVD in der „Drops of Blood“-Collection, 6. Februar 2006 als DVD

Länge: 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?
Alternativtitel: Der Satan mit dem Skalpell
IT 1972
Regie: Giuliano Carnimeo
Drehbuch: Ernesto Gastaldi
Besetzung: Edwige Fenech, George Hilton, Paola Quattrini, Annabella Incontrera, Giampiero Albertini, Franco Agostini, George Rigaud, Maria Tedeschi, Oreste Lionello, Carla Brait
Zusatzmaterial: Englischsprachiger Kinotrailer, Bildergalerie, alternativ geschnittene Passagen, italienischer Vorspann
Vertrieb: X-rated / Gabu Film

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

Packshot US-DVD: © 2016 Blue Underground

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2 Antworten zu “Das Geheimnis der blutigen Lilie – Wer schön sein will, muss sterben

  1. Lasse Firetrain

    2018/11/02 at 21:17

    Kommt bei Shameless endlich in HD

     
  2. TomHorn

    2018/09/18 at 08:36

    Die „Drops of Blood“-Box gibt es auch mit „My Dear Killer“ statt „Der Schwanz des Skorpions“ zusammen. Die ist auch weit weniger wert, und man kann sie nur anhand des Backcovers unterscheiden.

     

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