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Archiv für den Monat Februar 2017

Die Passion Christi – Das Leid Jesu als antisemitischer Torture Porn?

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The Passion of the Christ

Von Volker Schönenberger

Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jesaja 53, 700 v. Chr., Texttafel zu Beginn des Films)

Religionsdrama // Als kurz nach der Jahrtausendwende die ersten Gerüchte aufkamen, runzelten viele die Stirn: Mel Gibson dreht einen Film über Jesus Christus – und das in Aramäisch?! Dafür geht doch niemand ins Kino! Es kamen schlussendlich noch Hebräisch und Latein hinzu, was das Ganze auch nicht vereinfachte, aber die Skeptiker irrten: „The Passion of the Christ“, so der Originaltitel, avancierte an den Kinokassen zum erfolgreichsten Film, der in den USA je mit einem R-Rating versehen in die Lichtspielhäuser kam – die aufgrund ausufernder Gewaltdarstellung erteilte Beschränkung, die Kindern und Jugendlichen unter 17 Jahren den Zutritt nur in Begleitung eines Erwachsenen gewährt, gilt in den Vereinigten Staaten als Kassengift. Es ist obendrein der erfolgreichste je gedrehte religiöse Film und der erfolgreichste nichtenglischsprachige Film. Von daher hat Mel Gibson wohl alles richtig gemacht.

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Kurz vor seiner Verhaftung geht Jesus in sich

Oder nicht? Auf die Gewaltdarstellung komme ich später zurück, zuvor sei ein oft genannter Kritikpunkt thematisiert: „Die Passion Christi“ weise antisemitische Tendenzen auf. Das ist leider nicht von der Hand zu weisen, die dargestellten jüdischen Hohepriester – ihres Zeichens Pharisäer – sind fanatische Eiferer, die Judas (Luca Lionello) nur zu gern die 30 Silberlinge dafür zuwerfen, dass er ihnen Jesus Christus (James Caviezel) ausliefert. Später gibt Judas das Blutgeld zurück und erhängt sich. Die jüdischen Schergen verprügeln Jesus erst einmal nach Herzenslust, schlagen auch während des Verhörs durch die Geistlichen auf ihn ein, von denen kritiklos hingenommen. Die Würdenträger werden in der Tat ausgesprochen abgefeimt gezeichnet, den Vorwurf muss sich Gibson gefallen lassen. Er hat derlei Ansichten 2006 dann ja auch mit ein paar eindeutigen Äußerungen bestätigt, nachdem er wegen Alkohols am Steuer von der Polizei angehalten worden war. Die Entschuldigung folgte zwar prompt, aber sie entfernt ja nicht die Gedanken aus dem Kopf, die er offenbar hatte. Da bleibt es nicht aus, 1 und 1 zusammenzuzählen und zu schlussfolgern: Wenn jemand davon faselt – besoffen hin oder her –, die Juden seien für alle Kriege verantwortlich, liegt der Gedanke nahe, seine etwas zuvor erfolgte Inszenierung jüdischer Geistlicher in einem Film sei wohl nicht ganz zufällig so ausgefallen, wie sie ausgefallen ist. „Die Juden haben den Heiland ermordet!“ Dieser uralte Vorwurf ist eine zulässige Interpretation von „Die Passion Christi“ – und das macht auch den Vorwurf des Antisemitismus zulässig. Im Netz finden sich weitere, detailreichere Begründungen für diesen Vorwurf, ich könnte sie aber mangels tieferer Kenntnis der Materie nur unbelegt abschreiben, daher beschränke ich mich auf das Offenkundige, das sich mir selbst erschlossen hat.

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Das letzte Abendmahl

Über Mel Gibson ist bekannt, dass er sich dem katholischen Traditionalismus verbunden fühlt, speziell dem Sedisvakantismus. Von mir aus sollen sich konfessionelle Abspaltungen, Freikirchen, Sekten und dergleichen in die Wolle kriegen, solange sie andere nicht damit behelligen. Für die meisten Filme Gibsons – ob vor oder hinter der Kamera – scheint mir seine religiöse Einstellung irrelevant zu sein. Bezüglich seiner Darstellung des Kreuzwegs Jesu ist es natürlich erwähnenswert, dass der Regisseur einer Glaubensgemeinschaft angehört, deren Haltung in vielen Aspekten vom römischen Katholizismus abweicht.

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Maria Magdalena ist Jesus treu ergeben

Bei der Suche nach einem Hauptdarsteller war es Gibson offenbar wichtig, jemanden zu finden, der mit ihm religiös auf einer Welle schwimmt. Wenn man sich James Caviezels Darstellung Jesu anschaut, kann man auch nicht umhin zu konstatieren, dass er eine gute Wahl war. Den Schmerz und das Akzeptieren des Schmerzes, die Zweifel am Kreuz, die in „Es ist vollbracht!“ umschlagen – das bringt er gut rüber, wohl nicht nur, weil seine Initialen passen. Caviezel ist selbst streng katholisch und ein Bewunderer Gibsons. Inwiefern die religiösen Ansichten der beiden sich decken, vermag ich nicht zu beurteilen, jedenfalls scheinen sich für „Die Passion Christi“ zwei gefunden zu haben. Caviezel wusste wohl vorher, worauf er sich einlässt – einen drohenden Karriereknick. 1998 hatte er die Hauptrolle in „Der schmale Grat“ von Terrence Malick erhalten, einem Regisseur, nach dem sich seinerzeit die geballte Starpower Hollywoods die Finger leckte – John Travolta und George Clooney beispielsweise waren mit Minimalstauftritten zufrieden, nur um dabei zu sein. Caviezel galt um die Jahrtausendwende als kommender Topstar, doch nach „Die Passion Christi“ blieb ihm der Sprung in die A-Liga verwehrt. Na ja, so hat jeder sein Kreuz zu tragen.

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Die Tempelgarde hat Jesus gefangen

Gibson arbeitet bekannte Details ab: Petrus (Francesco De Vito) verleugnet Jesus drei Mal, der römische Statthalter Pontius Pilatus (Hristo Shopov) gibt auf Verlangen des Pöbels statt Jesus den Verbrecher Barrabas (Pietro Sarubbi) frei und wäscht seine Hände in Unschuld. In manchen Visualisierungen orientierte sich der Regisseur an klassischen religiösen Kunstwerken, etwa bei der Darstellung der Stationen des Kreuzwegs. Jesu Mutter Maria (Maia Morgenstern) und Maria Magdalena (Monica Bellucci) kommen die Parts der aus der Ferne Mitleidenden zu, die die Folter und die Pein des Geplagten mitansehen – keine herausfordernden Rollen.

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Pontius Pilatus (3. v. l.) wundert sich: Das Volk will nicht Jesus (l.) in Freiheit sehen, sondern den Verbrecher Barrabas (2. v. r.)

Während der erneuten Sichtung von „Die Passion Christi“ kam mir wiederholt die Gewaltreflexion „Martyrs“ von 2008 in den Sinn, in der es darum ging, dass Folteropfer in einem Nahtodzustand spirituelles Erwachen erfuhren, wenn die Folter nur exzessiv genug ausfiel. Nicht auszuschließen, dass Pascal Laugier, Drehbuchautor und Regisseur des französischen Terrorfilms, ein wenig Inspiration aus Mel Gibsons Beitrag zum Torture-Porn-Genre gezogen hat, denn genau genommen ist der Film des Australiers nichts anderes. Die Handlung von „Die Passion Christi“ spielt sich weitgehend vom Moment der Verhaftung Jesu bis zu seiner Kreuzigung und dem – je nach Sichtweise – jämmerlichen Verrecken oder erhabenen Sterben ab.

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Der Gang zur Kreuzigung …

Wir bekommen hautnah zu sehen, wie zwei gewaltgeile römische Soldaten Jesus mit Peitschen die Haut vom Körper schälen. Es kommt auch eine Art neunschwänzige Katze mit eisernen Haken zum Einsatz, die ganze Fleischbrocken aus dem Körper reißt – so explizit in Szene gesetzt, dass es beim Zuschauen schmerzt. Die beiden Römer mühen sich redlich und strengen sich so sehr an, dass sie ab und zu innehalten müssen, um zu verschnaufen – eine etliche Minuten dauernde Sequenz, die die titelgebende Passion spürbar macht. Wenn das Gibsons Intention war – und daran kann an sich kein Zweifel bestehen –, so hat er sein Ziel erreicht.

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… ist eine Tortur sondergleichen

Aber weshalb das Ganze? Müssen wir die an Jesus verübte Gewalt so deutlich vor Augen geführt bekommen, um zu erkennen, was der Messias für unsere Erlösung auf sich genommen hat? Das kann man bejahen oder verneinen, Mel Gibson wollte es aber nun mal so haben. Ganz abwegig finde ich den Gedanken nicht. Nach „Die Passion Christi“ kann man sich jedenfalls die Leiden des Heilands noch besser vor Augen führen. Auch die Kreuzigung hat Gibson denkbar intensiv und peinigend inszeniert. Wer hat schon beim Gottesdienst einen Blick auf das Kreuz geworfen und darüber nachgedacht, was der historische Jesus – so es ihn denn gegeben hat – buchstäblich durchlitten haben muss? Will man das körperlich nachvollziehen, gibt einem Mel Gibson jedenfalls das Mittel dazu an die Hand. Ob das gut oder schlecht ist – entscheidet selbst, da wasche nun ich meine Hände in Unschuld.

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Was kann da Linderung bringen?

Als spirituelle Erfahrung hingegen erscheint „Die Passion Christi“ denkbar ungeeignet, wer daran interessiert ist, halte sich lieber an Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ von 1988, der sich allerdings gegenüber der Bibel mehr Freiheiten nimmt und seinerzeit auf eine andere Weise ebenfalls große Kontroversen ausgelöst hat. Mel Gibson hat zwar die Evangelien miteinander vermengt, ihm war aber daran gelegen, eine vergleichsweise „werkgetreue“ Umsetzung vorzulegen. Dass er synchron zu den vier Kanon-Evangelien gleichzeitig vier Jesusfilme dreht, wäre auch zu viel des Guten gewesen. Natürlich traten zügig Kritiker auf den Plan, die dem Regisseur in vielen Details historische Ungenauigkeiten vorwarfen, aber da mag ich mich nicht einreihen. Wer glaubhaft machen kann, dass es sich bei den Evangelien um Geschichtsbücher handelt, möge gern den ersten Stein werfen. Ob in der Zeit, in der Jesus gekreuzigt worden sein soll, in Judäa tatsächlich die Sprachen Aramäisch, Hebräisch und – von den römischen Besatzern – Latein gesprochen worden sind, ist eine interessante sprachgeschichtliche Frage, für die Bewertung des Films aber nachrangig. Gibson wurde sogar vorgeworfen, er suggeriere damit nicht vorhandene Authentizität, was das Publikum manipuliere – ein absurder Einwand, sind Spielfilme doch per se manipulativ, wollen sie die Zuschauer mental in ihre Handlung hineinziehen. Bei mir hat das funktioniert, als Mittel zu diesem Zweck ist das akzeptabel.

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Passant Simon muss Jesus beim Tragen helfen

Die scharfe Kritik an der gezeigten Gewalt bewog den Regisseur, eine etwas entschärfte Fassung schneiden zu lassen, die als „Recut“ bekannt ist. Über die Unterschiede könnt Ihr euch bei den Kollegen von Schnittberichte informieren. Ob man beide Fassungen braucht, sei jedem selbst überlassen, so oder so ist die limitierte Collector’s Edition von capelight pictures eine herausragende Edition mit Kinofassung auf Blu-ray und DVD, Recut auf Blu-ray und Soundtrack auf CD. Auf einen groben Makel muss aber hingewiesen werden: Der an sich sehr interessante und lesenswerte Booklettext ist frei von jeder kritischen Würdigung des Films. Wer ein derart kontroverses Werk in aufwändiger Edition veröffentlicht, sollte tunlichst verschiedene Seiten beleuchten. Das ist kein Film, den man veröffentlicht, damit ihn sich Sammler einfach so ins Mediabook-Regal stellen (auch wenn das viele so gehandhabt haben werden). Denkbar, dass der Verzicht auf Kritik Teil des Deals beim Erwerb der Rechte für den deutschen Markt war, aber das macht es nicht viel besser.

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Maria Magdalena, Maria und Johannes (v. l.) begleiten Jesus zur Kreuzigungsstätte Golgatha

Fans eines gepflegten Torture-Porn-Exzesses kommen voll auf ihre Kosten, sofern sie gewillt sind, die getragene religiöse Epik hinzunehmen, die „Die Passion Christi“ atmet. Der Kritik an der ausufernden Gewalt schließe ich mich daher nicht an. Wer Leid zeigen will, zeige es richtig und nicht halbgar. Um das Drama als religiöses Werk zu goutieren, muss man aber wohl ähnliche Ansichten hegen wie Mel Gibson und James Caviezel. Das ist letztlich eine Frage des eigenen Glaubens oder Unglaubens, was jedoch nicht für Gibsons Darstellung der jüdischen Priester und der jüdischen Gemeinde gilt. Hier ist scharfe Kritik angebracht. Dennoch: Wer die großen religiösen Werke der Filmgeschichte kennen will, kommt nicht daran vorbei, sich auch „Die Passion Christi“ anzuschauen.

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Im Leid fühlt sich Maria Magdalena mit Jesus vereint

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von und/oder mit Mel Gibson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 11. April 2014 als 4-Disc Limited Collector’s Edition (2 Blu-rays, DVD, Soundtrack-CD), Blu-ray und DVD, 1. März 2005 als DVD (Highlight Video)

Länge: 127 Min. (Blu-ray Kinofassung), 122 Min. (Blu-ray Recut) 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Aramäisch/Hebräisch/Latein
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Passion of the Christ
USA 2004
Regie: Mel Gibson
Drehbuch: Benedict Fitzgerald, Mel Gibson
Besetzung: James Caviezel, Monica Bellucci, Maia Morgenstern, Christo Jivkov, Francesco De Vito, Hristo Shopov, Luca Lionello, Claudia Gerini, Fabio Sartor, Jarreth J. Merz
Zusatzmaterial: Dokumentation „Durch seine Wunden sind wir geheilt – Das Making of DIE PASSION CHRISTI“, zusätzlich nur Blu-ray: 4 Audiokommentare, Podiumsdiskussion mit Crew-Mitgliedern, 2 entfallene Szenen, 5 Featurettes, 2 TV-Spots, 2 Trailer, zusätzlich nur Collector’s Edition: Recut-Schnittfassung auf Blu-ray, 24-seitiges Booklet, Soundtrack-CD
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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Es ist vollbracht!

Fotos: © 2017 capelight pictures / Al!ve AG

 

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Die letzte Versuchung Christi – Skandal um Jesus

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The Last Temptation of Christ

Von Volker Schönenberger

Der folgende Text enthält massive Spoiler.

Religionsdrama // The dual substance of Christ – the yearning, so human, so superhuman, of man to attain God… has always been a deep inscrutable mystery to me. My principle anguish and source of all my joys and sorrows from my youth onward has been the incessant, merciless battle between the spirit and the flesh… and my soul is the arena where these two armies have clashed and met. So zitiert eine Texttafel zu Beginn von Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ den griechischen Schriftsteller Nikos Kazantzakis, Autor der Romanvorlage „The Last Temptation of Christ“, deutscher Titel: „Die letzte Versuchung“. Der 1883 auf Kreta Geborene zählt zu den bedeutendsten griechischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Weltweite Bekanntheit erlangte er nicht zuletzt dadurch, dass Papst Pius XII. den Roman 1954 auf den Index Librorum Prohibitorum (Index verbotener Bücher) setzte. Der Index wurde 1966 abgeschafft, der Roman hat überdauert und dank Scorseses Adaption weitere Verbreitung erfahren.

Anspruch: eine fiktive Annäherung an den Menschen Jesus

Die Texttafel des Films fährt fort: This film is not based upon the Gospels but upon this fictional exploration of the eternal spiritual conflict. Der römisch-katholische Scorsese betont also gleich zu Beginn, dass seine Version des Lebens und Leidens Christi nicht auf den Evangelien beruht, sondern auf Kazantzakis‘ fiktionaler Erforschung des ewigen spirituellen Konflikts – des Konflikts Jesu wie des Konflikts aller Menschen gleichermaßen. Ein bedeutsamer Hinweis, glauben manche Menschen doch, die Evangelien seien mit Geschichtsschreibung über das Leben und Wirken des Heilands gleichzusetzen und ihrerseits eben keine Fiktion.

Der Nazarener als Kollaborateur

Wir lernen Jesus von Nazareth (Willem Dafoe) als Zimmermann in Judäa kennen. Er baut Kreuze, hilft so den römischen Besatzern bei ihren Hinrichtungen, wird dafür von seinen Mitmenschen als Kollaborateur verachtet. Kaum kann ihn seine Mutter Maria (Verna Bloom) vor dem Zorn des Volks schützen. Zweifel, Visionen und Kopfschmerzen plagen Jesus. Er hadert mit seiner Entscheidung, Maria Magdalena (Barbara Hershey) nicht zur Frau genommen zu haben. Hat er sie so in die Prostitution getrieben? Sein Kumpel Judas Iscariot (Harvey Keitel) erhält den Auftrag, Jesus zu töten, bedrängt ihn aber stattdessen, von seinem Tun abzulassen und gegen die Römer aufzubegehren. Jesus verspürt keine Furcht vor dem Tod, will den Weg des Mitgefühls und der Liebe gehen. Judas schließt sich ihm an, verspricht aber, den Freund zu töten, komme er nur einen Hauch vom Wege ab. Eine erste Prüfung erwartet die beiden sogleich: Ein empörter Mob will Maria Magdalena steinigen – die Jüdin habe am Sabbat gearbeitet! Aber wir kennen ja alle das Wort, das die Missetat verhindert: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein! Es findet sich niemand. Schnell hat Jesus eine Gemeinde um sich geschart, die wie gebannt an seinen Lippen hängt, auch wenn seine Botschaft anfangs missverstanden wird.

Ein Herzenswunsch von Martin Scorsese

Lange war Martin Scorsese mit dem Gedanken schwanger gegangen, Kazantzakis‘ 1951 veröffentlichten Roman zu verfilmen. Er wollte Jesus nicht als fernab über allem schwebende, ikonenhaft überhöhte Figur darstellen, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut, der nur aufgrund seines irdischen, gar profanen Daseins in der Lage gewesen sei, in anderen die Gefühle hervorzurufen, die er hervorrief. Die literarische Vorlage gab Scorsese die Möglichkeit dazu – er hatte sie 1972 kennengelernt, Ende des Jahrzehnts die Option auf eine Verfilmung erworben und Paul Schrader mit der Erstellung des Drehbuchs beauftragt – Schrader hatte ihm auch die Skripts zu „Taxi Driver“ (1976) und „Wie ein wilder Stier“ (1980) geschrieben.

Proteste fundamentalistischer christlicher Rechter

An sich konnte es also losgehen. 1983 begann die Vorproduktion für Paramount Pictures, doch fundamentalistische christliche Gruppierungen in den USA organisierten eine Briefkampagne. Angeblich solle Jesus als Homosexueller dargestellt werden – Skandal! Paramount kniff, Scorsese jedoch bewies Durchhaltevermögen und drehte den Film vier Jahre später für Universal Pictures – auch diesmal begleitet von einem Aufruhr extremistischer christlicher Rechter. In den USA wie auch in Deutschland kamen die schärfsten Proteste oft von Leuten, die „Die letzte Versuchung Christi“ gar nicht gesehen hatten. Wer mehr dazu erfahren will: David Ehrenstein thematisiert den Widerstand gegen die Verfilmung in seinem Essay „Passion Project“ im Booklet der Criterion-DVD sowie aktualisiert der Criterion-Blu-ray. Auch Thomas R. Lindlofs Aufarbeitung „Hollywood Under Siege – Martin Scorsese, The Religious Right, and the Cultural Wars“ erscheint interessant, mangels Lektüre kann ich aber nichts Aufschlussreiches darüber schreiben.

Hinfort, Fanatiker!

Es ist eben unter religiösen Fanatikern üblich, andere Sichtweisen auf das ihnen Heiligste zu verdammen, selbst wenn sich diese Sichtweisen aus dem gleichen Glauben speisen. Selbst religiöse Menschen ohne Fanatismus sind bisweilen ja verstimmt, wenn man ihren Glauben nicht so respektiert, wie sie das verlangen. Und nach meiner Erinnerung waren es nicht nur Fanatiker, die Scorsese und „Die letzte Versuchung Christi“ für seinen alternativen Blick auf Jesus von Nazareth seinerzeit scharf kritisierten. Nach heutigen Maßstäben erscheint der damalige Aufruhr lächerlich, auch wenn christliche Fanatiker sicher nach wie vor kein gutes Haar an dem Werk lassen. Lasst Jesus doch einfach mal auch fleischliche Gelüste verspürt haben! Auch Scorseses Rehabilitation von Judas mag in den 80ern manche Christen verstört haben, heute erscheint sie weniger kontrovers, wenn man nicht gerade ein bornierter Judas-Hasser ist.

Jesus als Rambo mit rollenden Augen?

Das Lexikon des internationalen Films schrieb: Zuschauer, die den dargestellten Jesus als Jesus der Bibel (miss-)verstehen, können zu Recht Anstoß nehmen. Ja, Hergott nochmal, dann nehmen sie eben Anstoß. Da müssen sie durch. Freiheit der Kunst nennt sich das, und man kann dem Katholiken Scorsese sicher nicht vorwerfen, er habe Blasphemie um ihrer selbst willen erschaffen, um Glaubensgenossen vor den Kopf zu stoßen. Auch Walter Jens war seinerzeit nicht angetan, er hielt „Die letzte Versuchung“ für eine barbarische Bearbeitung: grob, plump, oberflächlich und jener Dialektik bar, die „den einen und denselben“ in seiner Zwienatur zeigen könnte. Jesus von Nazareth ist zu einem wild gestikulierenden Rambo geworden: am liebsten in action, mit dramatischem Gesichtsausdruck, rollenden Augen, verzerrten Minen oder – eine Stelle von unfreiwilliger Komik – mit feixendem Lächeln. Aha – Dafoe gibt Jesus also als Rambo. Ist mir nicht aufgefallen. Vielleicht sollten manche Zeitgenossen die Kirche einfach mal im Dorf lassen – man verzeihe mir die Metaphorik des Sakralbaus. Überhaupt: Hat Rambo je mit den Augen gerollt und sich einen gefeixt? Okay, Live for nothin‘ or die for somethin‘ – mein Lieblingszitat aus „Rambo 4“ – schlägt einen Bogen zu Jesus, aber der ist doch weit hergeholt.

Scorseses Stamm-Kameramann Michael Ballhaus

Verlassen wir die Polemik (die von Walter Jens und meine): Was ist von „Die letzte Versuchung Christi“ denn nun zu halten? Gegenfrage: Kann Martin Scorsese einen wirklich schlechten Film drehen? Mit seinem deutschen Kameramann Michael Ballhaus arbeitete er von „Die Zeit nach Mitternacht“ (1985) bis „Departed – Unter Feinden“ (2006) gern zusammen. „Die Farbe des Geldes“ (1986), „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (1993), „Zeit der Unschuld“ (1993) und „Gangs of New York“ (2002) entstanden in diesen Jahren. In „Die letzte Versuchung Christi“ konzentriert sich die Kamera sehr auf die Menschen – in erster Linie steht natürlich stets Jesus im Fokus – und verzichtet weitgehend auf Panorama-Totalen. Erwähnt sei auch der durchdachte Score von keinem Geringeren als Peter Gabriel. Schön!

Lazarus und die Tempelreinigung

Ein paar Fixpunkte aus den Evangelien handelt Scorsese natürlich ab – die Auferweckung des Lazarus (Tomas Arana) sei genannt, auch Jesus‘ Zorn auf die Händler im Tempel. Doch obwohl chronologisch erzählt, vermeidet es der Regisseur, zu sehr auf die sichere Biopic-Schiene zu setzen. Jesus‘ Ringen mit sich, das Hadern gerade zu Beginn, all seine Gedanken kommen zum Tragen.

Vision am Kreuz

Und dann sind da seine Kreuzigung und die Erscheinung des Mädchens (Juliette Caton), das sich als sein Schutzengel zu erkennen gibt, Jesus von der Pein befreit und vom Kreuz holt. Er gründet nun – also doch – eine Familie mit Maria Magdalena, hat sogar Sex mit ihr. Das war für manch frommen Kinogänger natürlich zu viel, erst recht für Kritiker, die den Film ohnehin und ohne Sichtung mit Verachtung straften. Nach Marias Tod heiratet Jesus zwei andere Frauen, hat viele Kinder – um sich am Ende seines langen Lebens dann doch wieder bei seiner Kreuzigung in jüngeren Jahren wiederzufinden. Alles nur Einbildung, eine Vision der Nahtoderfahrung? Ein Traum wie Bobby Ewings Tod in „Dallas“? Hat Jesus somit seiner letzten Versuchung widerstanden, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen und dank des Schutzengels – Teufel, Teufel! – weiterzuleben? Hat er sein Schicksal akzeptiert, am Kreuz zu sterben und damit die Menschen zu erretten? Ihr merkt schon – ich flüchte mich in Fragen, um keine Antworten liefern zu müssen. Martin Scorsese mag feste Absichten mit seiner Inszenierung der Kreuzigung gehabt haben, sie bleibt doch Subjekt individueller Interpretation jedes einzelnen Zuschauers. Es ist vollbracht!

Fiktiv hin oder her: Als Versuch einer Annäherung an den Menschen hinter dem Mythos ist „Die letzte Versuchung Christi“ auch heute unbedingt sehenswert, sowohl für religiöse Personen als auch für Skeptiker, Agnostiker oder Atheisten wie mich – und zur Sichtung im Kontext von Martin Scorseses aktuellem Missionarsdrama „Silence“ sowieso.

Referenz-Edition von Criterion

Die oben erwähnte Veröffentlichung des US-Labels „The Criterion Collection“ stellt wie so oft die Referenz-Edition von „The Last Temptation of Christ“ dar, was technische Qualität und Bonusmaterial angeht. Wer eine deutsche Synchronisation bevorzugt oder keinen Codefree-Player besitzt, mag auch mit der deutschen DVD oder Blu-ray zufrieden sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Martin Scorsese sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Willem Dafoe in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 16. Mai 2013 als Blu-ray, 2. Dezember 2010 und 11. Januar 2001 als DVD

Länge: 163 Min. (Blu-ray), 156 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch u. a.
Originaltitel: The Last Temptation of Christ
USA/KAN 1988
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Paul Schrader, nach einem Roman von Nikos Kazantzakis
Besetzung: Willem Dafoe, Harvey Keitel, Barbara Hershey, Paul Greco, Steve Shill, Verna Bloom, Roberts Blossom, Barry Miller, Gary Basaraba, Irvin Kershner, Victor Argo, John Lurie, Leo Burmester, Michael Been, Tomas Arana
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

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The Mission – Religion und Kolonialismus in gewaltigen Bildern

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The Mission

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Die historischen Ereignisse in dieser Geschichte sind wahr. Sie sind im Grenzgebiet von Argentinien, Paraguay und Brasilien 1750 passiert. So erfahren wir es von einer zu Beginn eingeblendeten Texttafel. Gemeint ist: Mit dem Vertrag von Madrid zogen im Jahr 1750 Spanien und Portugal die Grenzen zwischen ihren Kolonien in Südamerika neu. Auf spanischer Seite war die Versklavung der Eingeborenen verboten, in den portugiesisch kontrollierten Gebieten legal. Das führte zu Konflikten und in der Folge von 1754 bis 1756 zum Guaraní-Krieg.

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Das Ende eines Jesuiten

Männer vom Volk der Guaraní lassen ein Kreuz mit einem darauf angebundenen Weißen mit Dornenkrone ins Wasser eines Stroms gleiten. Er stürzt die Iguazú-Wasserfälle hinab und zu Tode. Der Mann war Jesuitenpriester. Sein Tod hindert seinen Priesterkollegen Pater Gabriel (Jeremy Irons) nicht daran, ebenfalls ins Gebiet der Guaraní vorzudringen. Als er während einer Rast auf seiner Oboe spielt, findet er sich unvermittelt von Kriegern des Stammes umgeben. Die, womöglich verzaubert von der Musik, lassen den Jesuiten am Leben.

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Pater Gabriels Oboenspiel wirkt

Behutsam beginnt Gabriel, eine Mission aufzubauen und den Indianern den christlichen Glauben nahezubringen. Dabei trifft er bald auf den portugiesischen Söldner und Sklavenhändler Rodrigo Mendoza (Robert De Niro), einen Bandeirante, der Indianer jagt und versklavt. Eines Tages gerät Mendoza wegen einer Frau mit seinem Halbbruder Felipe (Aidan Quinn) aneinander. Er tötet ihn im Kampf und fällt daraufhin in tiefe Verzweiflung.

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Söldner Mendoza wandelt sich …

In einer allerdings wenig bedeutsamen Nebenrolle als Pater Fielding an Gabriels Seite: Liam Neeson, der jüngst in Martin Scorseses „Silence“ erneut einen jesuitischen Missionar spielte – wenn auch einen in Japan. Als Atheist aus tiefer Überzeugung kann ich das Missionieren Anderer nur kritisch sehen, gleichwohl faszinieren mich religiöse Themen immer wieder, erst recht natürlich, wenn sie so bildgewaltig daherkommen wie in „The Mission“. Immerhin thematisiert der Film auch und ganz besonders die Bedrohung der Guaraní von außen. Ihre Kultur und ihr Überleben waren und sind bedroht. Die von den Jesuiten errichteten sogenannten Jesuitenreduktionen bildeten anscheinend wenigstens eine Weile einen gewissen Schutz. Mangels tieferen historischen Wissens kann ich dazu aber nicht mehr schreiben, es muss bei diesen kurzen und oberflächlichen Ausführungen bleiben. Das Booklet der „Arthaus Premium Edition“ Doppel-DVD enthält weitere interessante historische Hintergründe – ohnehin eine schöne, würdige Edition. Die Blu-ray der Reihe „Blu Cinemathek mag ebenfalls anständig aufgemacht sein, liegt mir aber nicht vor.

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… vom Saulus …

Vor Ort gedreht, beeindruckt „The Mission“ mit prächtigen Impressionen des südamerikanischen Dschungels, nicht nur wegen der berühmten Iguazú-Wasserfälle. Hinzu kommt der kongeniale Score von Ennio Morricone. Wem es gelingt, diesen Meister des Filmsoundtracks zu gewinnen, der hat ohnehin schon die halbe Miete eingefahren. Für seine Kameraarbeit erhielt Chris Menges dann auch den Oscar – seinen zweiten nach „Killing Fields – Schreiendes Land“, dem Kino-Regiedebüt von Roland Joffé, der zuvor zehn Jahre lang fürs Fernsehen gearbeitet hatte. Beide Filme brachten auch ihm Oscar-Nominierungen ein.

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… zum Paulus

„The Mission“ war auch als bester Film, für die beste Regie und Ausstattung, das Kostümdesign, den Schnitt und die Musik Oscar-nominiert, unterlag dort aber unter anderem „Platoon“ und „Zimmer mit Aussicht“. Immerhin hagelte es weitere Preise, darunter zwei Golden Globes und die Goldene Palme in Cannes sowie dort auch den „Technical Grand Prize“ für Regisseur Roland Joffé.

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Sogar weinen kann er

Etwas Toleranz für religiösen Eifer muss man schon mitbringen, um „The Mission“ zu goutieren (wenn auch nicht ganz so viel wie für den erwähnten „Silence“ von Scorsese). Kritisch anzumerken ist auch, dass kein einziger Eingeborener eine tragende Rolle spielt. Sind sie dann doch nur folkloristische Staffage beim Porträtieren europäischer Eindringlinge? Auffällig ist, wie zügig der Film seine Exposition abarbeitet, während es im Mittelteil durchaus etwas behäbig zugeht, um sich zum Ende in recht drastischen Kampf- und Metzelszenen zu ergehen.

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Auch Pater Fielding will bekehren

Abschließend ein Tipp für all jene, die sich näher mit Religion im Film beschäftigen wollen – ob aus kritischer Perspektive oder nicht: 2007 erstellte die „Church Times“ eine Liste der 50 besten Filme mit religiöser Thematik und hievte „The Mission“ auf den ersten Platz. Derlei Ranglisten bieten stets guten Diskussionsstoff und Anregungen für Unentdecktes. Ob „The Mission“ die Spitzenposition verdient hat, möge jeder Interessierte für sich selbst entscheiden. Als bildgewaltiges Epos mit tollem Soundtrack beeindruckt das Historiendrama auch heute.

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Der Missionar und seine Schäfchen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeremy Irons, Liam Neeson und/oder Robert De Niro sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Februar 2013 als Blu-ray, 17. November 2011 als Blu-ray (Blu Cinemathek), 16. Februar 2007 als Arthaus Premium Edition (2 DVDs), 2. Dezember 2010 & 9. Februar 1999 als DVD

Länge: 125 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Mission
GB/F 1986
Regie: Roland Joffé
Drehbuch: Robert Bolt
Besetzung: Robert De Niro, Jeremy Irons, Liam Neeson, Ray McAnally, Aidan Quinn, Cherie Lunghi, Ronald Pickup, Chuck Low
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Roland Joffé (mit deutschen Untertiteln), Die Hindergrundgeschichte zum Drehbuch, Analyse der Filmmusik von Ennio Morricone, Making-of (57 Min.), Fotogalerie, Starinfos, Trailer, Booklet, Trailer
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshots: © Studiocanal Home Entertainment

 

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