RSS

Schlagwort-Archive: Kritik

Flucht aus Leningrad – Heldenkino zeugt vom Großen Vaterländischen Krieg

Spasti Leningrad

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Der Deutsch-Sowjetische Krieg – Bestandteil des Zweiten Weltkriegs – war in der Sowjetunion und ist in Russland bis heute als „Großer Vaterländischer Krieg“ im kollektiven Gedächtnis verankert und im russischen Kino häufig filmisch umgesetzt worden. Beispielhaft genannt seien die aus fünf Teilen in Spielfilmlänge bestehende Reihe „Befreiung“ (1969), das zweiteilige Drama „Im Morgengrauen ist es noch still“ (1972), „Sie kämpften für die Heimat“ (1975) von Sergei Bondartschuk und „Sturm auf Festung Brest“ (2010). Zuletzt hatte ich bei „Die Nacht der lebenden Texte“ das Kriegsdrama „Unzerstörbar – Die Panzerschlacht von Rostow“ von 2018 vorgestellt, nun folgt mit „Flucht aus Leningrad“ (2019) ein Beitrag, der die Belagerung von Leningrad durch die Wehrmacht aufgreift.

Opferreicher Verteidigungskampf

Das Ende der Blockade jährte sich 2019 zum 75. Mal. Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 hatten die deutschen Invasoren die russische Metropole in Verbindung mit finnischen und spanischen Truppen belagert. Mehr als eine Million Eingeschlossene verloren in dieser Zeit ihr Leben, die meisten verhungerten. Mit der sogenannten Straße des Lebens, einer Eisroute über den zugefrorenen Ladogasee, versuchte die Rote Armee, Leningrad zu versorgen. 1942 und 1943 unternahmen die sowjetischen Streitkräfte zudem in den drei Ladoga-Schlachten Anstrengungen, die Blockade zu beenden. Dies gelang jedoch erst 1944 mit der Leningrad-Nowgoroder Operation.

Evakuierung über den Ladogasee

Regisseur und Drehbuchautor Aleksey Kozlov hatte 2015 mit „Zapret“ bereits ein Kriegsdrama um Ereignisse am Ladogasee in jener Zeit inszeniert. „Flucht aus Leningrad“ spielt im September 1941 vor Beginn der Blockade. Weil die Wehrmacht näherrückt, sollen so viele Bürgerinnen und Bürger Leningrads wie möglich evakuiert werden. Soldaten und Zivilisten warten am Ufer des Sees darauf, an Bord eines der zur Flucht bereitgestellten Schiffe zu gehen. Kadett Kostya (Andrey Mironov-Udalov), dessen Vater als Kapitän eines der Wasserfahrzeuge im Dienst steht, will seine Freundin Nastya (Maria Melnikova) retten. Völlig überladen sticht der Frachter Nr. 752 mit 1.500 Menschen an Bord in See, darunter Kostya und Nastya.

Kadett Kostya will …

Wie in vielen europäischen Ländern – siehe dazu unsere Rubrik „Krieg/Militär“ – ist gerade in den vergangenen Jahren offenbar auch die russische Filmindustrie willens, nennenswerte Budgets in aufwendig produzierte Kriegsdarstellungen zu investieren. In einigen Schlachtenszenen an Land bekommt das Publikum die Schrecken des Granat- und Gewehrfeuers hautnah zu spüren, bevor die Bilder zum Geschehen auf See wechseln.

… seine Freundin Nastya retten

Die deutschen Feinde werden stets nur kurz und schablonenhaft gezeichnet präsentiert, das kennen wir aus vielen Kriegsfilmen – sogar Klassikern – und sei hingenommen. Missliebige Zeitgenossen erschweren Kostya und Nastya zusätzlich das Leben, Pflichterfüllung und familiäre Bande bringen Emotionen ins Spiel.

Rahmenhandlung wie bei „Titanic“

Ob die Ereignisse rund um das Frachtschiff Nr. 752 samt der Hauptfiguren auf wahren Begebenheiten beruhen oder Aleksey Kozlov sie vor der historischen Kulisse der Flucht über den Ladogasee ersonnen hat, habe ich nicht herausfinden können. Eine Rahmenhandlung um eine alte Frau, die zu ihren Erinnerungen an die Ereignisse interviewt wird, erinnert ein wenig an eine ähnliche Konstruktion in James Camerons „Titanic“ (1997). Das mag kein Zufall sein, ist aber legitim. Natürlich ist all das Heldenkino in Reinkultur, aber wer will es den Russen verdenken, solche Filme zu produzieren? Wohl höchstens unverbesserliche Revanchisten aus der rechten Ecke, die Hitlers Angriff auf die Sowjetunion auch heute noch als notwendigen Präventivschlag rechtfertigen. Die Veröffentlichung von capelight pictures verzichtet aufs Mediabook-Format, für das das Label bekannt ist. Angesichts der nach meiner Wahrnehmung bisher geringen Resonanz auf die Veröffentlichung erscheint das gerechtfertigt. Bedauerlich, denn „Flucht aus Leningrad“ kann all jenen gefallen, die ernsthaften Kriegsdramen vor historischer Kulisse etwas abgewinnen können. Auf internationalem Niveau inszeniert.

Kostya zielt auf ein deutsches Flugzeug

Veröffentlichung: 28. Juni 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Spasti Leningrad
RUS 2019
Regie: Aleksey Kozlov
Drehbuch: Aleksey Kozlov
Besetzung: Andrey Mironov-Udalov, Maria Melnikova, Anastasiya Melnikova, Gela Meskhi, Pavel Druzhinin, Mariya Kapustinskaya
Zusatzmaterial: Vertikalschuber, Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Wir – Die Doppelgänger kommen!

Us

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Wir Menschen sind Gewohnheitstiere und mögen Bewährtes. Das gilt auch und ganz besonders für Fans von Horrorfilmen, wie allein schon die Erfolge von Reihen wie „Saw“, „Wrong Turn“, „Freitag, der 13.“, „Nightmare“ und „Halloween“ belegen. Leider hat das zur Folge, dass sich viele Horrorfilm-Konsumenten kaum noch von ihren eingefahrenen Sehgewohnheiten lösen können und daher nicht in der Lage sind, eigenständige Werke von außergewöhnlicher Qualität zu würdigen. So erklärt sich die Kontroverse, die Jordan Peeles Regiedebüt „Get Out“ (2017) seinerzeit ausgelöst hat – der New Yorker Filmemacher erhielt dafür 2018 den Oscar fürs beste Originaldrehbuch und war damit der erste in dieser Kategorie prämierte Afroamerikaner. Nun ist es natürlich jedem Filmgucker selbst überlassen, was ihm gefällt oder missfällt. Besonders unter Horrorfans fiel jedoch auf, wie sehr offenbar eingefahrene Sehgewohnheiten es vielen unmöglich machten, die Qualitäten von „Get Out“ anzuerkennen. Die Kritik daran blieb meist vage, die hohen Bewertungen unter Kritikern und erfreulicherweise auch insgesamt beim Publikum wurden gekontert, indem das Werk eben als „Hype“ und „überbewertet“ abgekanzelt wurde. Wer gibt schon gern zu, zu eingefahren zu sein, um Originalität zu erkennen?

Zweite Regiearbeit nach „Get Out“

Mit der Rezeption des Nachfolgers „Wir“ hatte ich mich bislang noch nicht befasst, zumal ich Jordan Peeles zweite Regiearbeit – erneut nach eigenem Originaldrehbuch inszeniert – nicht im Kino, sondern erst jetzt anlässlich dieser Rezension geschaut habe. Die Wertungen bleiben etwas hinter „Get Out“ zurück, sind aber immer noch hoch genug für berechtigte Vorfreude auf ein erneut außergewöhnliches Horrorwerk. Und so kommt es dann auch.

Schreck im Spiegelkabinett

Unter dem Festland der Vereinigten Staaten befinden sich einer Einblendung zufolge Tausende von Meilen lange Tunnelsysteme verlassener U-Bahn-Systeme und Bergwerksschächte, von denen die meisten keinem Zweck mehr dienen. Vorerst wird dies nicht weiter aufgegriffen, im Anschluss setzt der Prolog von „Wir“ im Jahr 1986 ein: Bei einem Urlaubstrip nach Santa Cruz setzt sich die kleine Adelaide „Ada“ Thomas (Madison Curry) in einem Vergnügungspark von ihren Eltern ab und betritt ein Spiegelkabinett. Darin entdeckt sie etwas, das ihr zutiefst Angst einflößt.

Was für Leute stehen da in der Einfahrt?

Der nun einsetzende Vorspann mit einer Reihe von Kaninchenkäfigen wirft ebenfalls Fragen auf. Mit einem Zeitsprung ins Hier und Heute setzt die Haupthandlung ein. Ada (Lupita Nyong’o) ist mit Gabe Wilson (Winston Duke) verheiratet, die beiden haben mit Jason (Evan Alex) und Zora (Shahadi Wright Joseph) zwei aufgeweckte Kinder. Die Familie besucht das Ferienhaus aus Adas Kindheit in der Nähe von Santa Cruz, einen Ort, den Ada gern meiden würde, vor allem den Strand und den Vergnügungspark. Gabe überredet sie aber, am Strand das befreundete Paar Kitty und Josh Tyler (Elisabeth Moss, Tim Heidecker) zu treffen.

Attacke der Doppelgänger

Abends berichtet Ada ihrem Mann von den traumatischen Erinnerungen an jenen Tag in ihrer Kindheit. Und plötzlich stehen vier Menschen in roten Overalls auf dem Grundstück. Sie sind den Wilsons nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten, sondern echte Doppelgänger, die sich gewaltsam Zutritt zum Haus verschaffen. Beginn albtraumhafter Ereignisse …

Was hat es mit diesen Doppelgängern auf sich? Ein wenig erfahren wir nach dem Eindringen des Quartetts ins Ferienhaus der Wilsons, weil Adas Pendant „Red“ im Gegensatz zu den drei anderen zum Sprechen in der Lage ist. Sie bezeichnet sich als Adas „Schatten“, all die Jahre schicksalhaft mit ihr verbunden. Nun sei die Zeit gekommen, sich zu lösen. Mehr muss man nicht erfahren, weitere Erklärungen entfalten sich nach und nach mit der Eskalation der Ereignisse.

Die Wilsons bekommen es mit der Angst zu tun

Mann, ist das gruselig! Vom ersten Auftauchen der vier Doppelgänger in der Einfahrt der Wilsons hatte mich „Wir“ in seinem Bann. Zum einen interessierte mich, ob und wie die Wilsons mit der Bedrohung fertig werden, zum anderen wollte ich unbedingt wissen, was dahintersteckt. Die „Schatten“ sind stark und skrupellos, doch zum Glück erweisen sich auch die Wilson-„Originale“ als zäh und widerstandsfähig. Ein paar Mal habe ich mich gefragt, weshalb die Doppelgänger nicht einfach töten, sobald die Gelegenheit da ist, aber das sei als dramatisches Moment erlaubt.

An die Darstellerinnen und Darsteller der vier Gibsons und ihrer Doppelgänger stellte die Story schauspielerisch natürlich einige Herausforderungen. Zum einen mussten sie etliche Szenen spielen, ohne mit ihrem Gegenüber interagieren zu können, weil sie ja dieses Gegenüber selbst spielten – die Szenen wurden anschließend an Schneidetisch und Computer zusammenmontiert; zum anderen musste jede/r der vier während einer Filmproduktion zwei grundverschiedene Figuren verkörpern. Das Quartett um Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o („12 Years a Slave“, 2013) löst dies bravourös.

Gabe will hinaus, Ada hat Bedenken

Ich erwähne es immer wieder gern: Nicht nur musikalische Untermalung kann Spannungsaufbau fördern, auch der Verzicht darauf eignet sich dafür. Das hat Jordan Peele ebenfalls begriffen, er setzt Score dort ein, wo es sinnvoll ist, und lässt einige Szenen völlig ohne Musik für sich wirken. Komponist Michael Abels, bereits bei „Get Out“ für den Score zuständig, schuf ungewöhnliche Klänge mit Streich- und Schlaginstrumenten, mit denen er die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Protagonistinnen und Protagonisten und ihrer Doppelgänger betonte.

Wer oder was steckt dahinter?

Ein Fragezeichen hinterließ bei mir die gegenüber ihren Pendants an der Erdoberfläche identische familiäre Konstellation der Doppelgänger. Dies wird zwar erklärt, erscheint mir aber nicht ganz logisch. Und die gesamte Auflösung lässt zwar frösteln, aber auch einige Fragen offen. Die gigantische Logistik, die dahintersteckt, wird als gegeben vorausgesetzt, das Publikum muss sie einfach akzeptieren. Am Effekt auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer ändert das zwar nichts, und ich gehöre auch nicht zu denen, die am Ende eines Films jede Frage bis ins Detail beantwortet haben müssen, aber fast gewinne ich den Eindruck, dass sich Jordan Peele mit der Frage der den Schatten zugrunde liegenden Organisation nicht intensiver befasst hat, weil ihn das in Erklärungsnot gebracht hätte.

Die Angst erweist sich als berechtigt

„Wir“ eröffnet mannigfaltige Möglichkeiten der Interpretation – ob in Richtung Paranoia, der Angst vor dem oder den Fremden, Klassenkampf, Verschwörungstheorien oder anderer Themen. Dualität spielt logischerweise eine große Rolle und findet sich außer in den Doppelgängern in vielen Anspielungen. Selbst Michael Jackson geistert durch den Film. Sind die Doppelgänger eine Metapher für unser unterbewusstes Selbst? Ich habe noch keine für mich abschließende Deutung gefunden, außerdem will ich Spoiler vermeiden und kann meine Gedanken dazu allein deshalb nicht weiter ausführen. Interessante, aber mit Spoilern gespickte Überlegungen zur Interpretation von „Wir“ finden sich etwa bei Rotten Tomatoes und der ehrwürdigen
New York Times.

Von „Good Vibrations“ zu „Fuck tha Police“

Den anderswo gelobten Humor von „Wir“ habe ich über weite Strecken gar nicht wahrgenommen, einmal gab es aber dann doch auch für mich Gelegenheit zum Schmunzeln – wenn „Good Vibrations“ von den Beach Boys durch „Fuck tha Police“ von NWA abgelöst wird. Klingt nicht lustig? Im Kontext schon, schaut es euch an! Jordan Peele zeichnet auch als Produzent für seine Regiearbeit verantwortlich, unter seinen Ko-Produzenten befindet sich Jason Blum, Gründer und Boss von Blumhouse Productions, die allerdings nicht als Produktionsfirma von „Wir“ gelistet sind. Die Beziehungsgeflechte der Hollywood-Produzenten und Produktionsfirmen sind für mich ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln.

Was will „Red“?

„Wir“ bietet nach der Sichtung viel Diskussionsstoff, ob zur Deutung oder zur Frage, wie der Film denn gefallen habe. Er wird viele ratlos zurücklassen, nicht nur die oben erwähnten Horrorfans mit den eingefahrenen Sehgewohnheiten. Mir hat Peeles zweite Regiearbeit etwa ebenso gut gefallen wie sein herausragendes Debüt, ganz durchschaut habe ich „Wir“ aber noch nicht.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lupita Nyong’o sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Auge in Auge mit der Doppelgängerin

Veröffentlichung: 25. Juli 2019 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray, 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray) und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Türkisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch u. a.
Originaltitel: Us
USA/JAP/CHN 2019
Regie: Jordan Peele
Drehbuch: Jordan Peele
Besetzung: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Shahadi Wright Joseph, Evan Alex, Elisabeth Moss, Tim Heidecker, Yahya Abdul-Mateen II, Anna Diop, Cali Sheldon, Noelle Sheldon, Madison Curry, Alan Frazier, Ashley McKoy, Napiera Groves, Lon Gowan
Zusatzmaterial: Die Monster in uns (4:45), Miteinander verbunden: Der Doppeldreh (7:29), Jordan Peeles ganz eigene Art von Horror (5:31), Die Dualität von „Wir“ (9:56), Eins werden mit Red (4:09), unveröffentlichte Szenen, Jeder stirbt (6:22), Wie oben, so unten: Grand Pas de deux (5:02)
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Hellboy – Call of Darkness: Vorerst letzter Auftritt des Höllenknilchs?

Hellboy

Von Volker Schönenberger

Fantasy-Action // Die Kultstatus genießenden Graphic Novels von Mike Mignola habe ich nie gelesen. An Guillermo del Toros erste Verfilmung „Hellboy“ von 2004 mit Ron Perlman in der Titelrolle entsinne ich mich kaum noch, seine Fortsetzung „Hellboy – Die goldene Armee“ (2008) habe ich gar nicht geschaut. Das nur vorab, damit ihr meine folgenden Zeilen einordnen könnt. Ich nehme mir „Hellboy – Call of Darkness“ somit völlig unbeleckt vor. Ob Neil Marshalls Regiearbeit eine adäquate Umsetzung der Comic-Vorlage und gegenüber del Toros Versionen einen Fort- oder Rückschritt darstellt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Hellboy als Wrestler

Ein Prolog führt uns ins finstere Mittelalter des Jahres 517 nach Christus. König Artus persönlich besiegt die böse Nimue (Milla Jovovich), die sogenannte Blood Queen. Er zerstückelt ihren Körper und lässt die Einzelteile in aller Welt verstreut vergraben, damit Nimue nie wieder Unheil über die Menschen bringen kann.

Hellboy steigt in den Ring

Nach einem Zeitsprung ins mexikanische Tijuana an der Grenze zu den USA lernen wir Hellboy (David Harbour, „Stranger Things“) kennen, der als Ermittler paranormalen Phänomenen auf der Spur ist – ungeachtet dessen, dass er selbst ein solches Phänomen darstellt. In einem Wrestling-Ring trifft er auf seinen Kollegen und Kumpel Esteban Ruiz (Mario de la Rosa), in den während dessen jüngster Mission der vampirische Dämon Camazotz gefahren ist. Nach Ruiz’ Tod wird Hellboy von seinem Ziehvater Trevor Bruttenholm (Ian McShane, „John Wick“-Reihe) nach Colorado verfrachtet, dem Sitz des „Bureau for Paranormal Research and Defense“ (BPRD). Dort erhält er einen Auftrag, der ihn nach Großbritannien führt.

Trevor Bruttenholm hat mit Hellboy etwas vor

Ursprünglich war eine zweite Fortsetzung von del Toros 2004er-„Hellboy“ geplant, aber aufgrund der berühmten „kreativen Differenzen“ stiegen Guillermo del Toro und Ron Perlman irgendwann aus – oder wurden sanft aus dem Projekt herauskomplimentiert, wer weiß das schon? Nun ist aus „Hellboy – Call of Darkness“ ein sogenanntes Reboot geworden, das eine von den beiden vorherigen Kino-Umsetzungen völlig abgekoppelte Geschichte erzählt. Angesichts des Misserfolgs an den Kinokassen und der alles andere als schmeichelhaften Resonanz bei der Filmkritik kann es allerdings gut sein, dass Hellboy im Kino bis auf Weiteres Geschichte ist. Eine Wertung von gerade mal 17 Prozent im „Tomatometer“ bei „Rotten Tomatoes“ spricht eine deutliche Sprache (Stand August 2019).

Der Kampf gegen die drei Riesen

Dabei geizt „Hellboy – Call of Darkness“ nicht mit Schauwerten. Der Kampf des rotgesichtigen Höllenknilchs mit den abgesägten Teufelshörnern gegen drei Riesen macht viel Freude, und Neil Marshall kennt auch kein Pardon, was CGI-blutige Details angeht. Die FSK hatte offenbar einen gnädigen Tag, als sie trotz durchbohrter und zerteilter Körper die Altersfreigabe ab 16 Jahren zückte. In der Folge bekommt es Hellboy mit dem Gruagach zu tun, einem rachsüchtigen Dämon mit Wildschweinkopf, der im Auftrag der Hexe Baba Yaga unterwegs ist, Nimues Körperteile zusammenzutragen, um die Blood Queen wiederauferstehen zu lassen. Es droht die Apokalypse, aber dafür benötigt Nimue offenbar Hellboy. Immerhin erhält er Unterstützung durch Alice Monaghan (Sasha Lane, „American Honey“), die er einst vor Dämonen rettete, als sie ein Baby war, und die seitdem die Fähigkeiten eines Mediums in sich trägt, und den BPRD-Soldaten Ben Daimio (Daniel Dae Kim, „Lost“), einen Gestaltwandler. Dessen Verwandlung in ein Jaguar-ähnliches Wesen erinnerte mich frappierend an die berühmte Transformations-Szene in John Landis’ „American Werewolf“ (1981) – eine schöne Hommage immerhin.

Eine echte Schönheit: Gruagach

Die Story gibt einiges her, ihre Umsetzung erschöpft sich aber im nicht zu leugnenden Einfallsreichtum bei der Visualisierung der Figuren. Sie sind schön, bisweilen hübsch hässlich anzuschauen, wirken aber recht seelenlos. Immer wieder muss sich Hellboy garstige Kreaturen vom Leib halten, die ihm ans widerstandsfähige Leder wollen. Er wird verraten, von Speeren durchbohrt und erleidet weiteres Unbill – zum Glück hat er gutes Heilfleisch. So recht ans Herz will er mir leider nicht wachsen, das erscheint mir aber als durchaus bedeutsame Prämisse, um „Hellboy – Call of Darkness“ fesselnd zu finden. Vermutlich lasse ich Mike Mignola damit Unrecht widerfahren, aber mein Interesse an den Vorlagen hat der Film nicht geweckt. Der Comicautor wird es verschmerzen können.

Was hat Baba Yaga vor?

Ein paar Rückblenden unterbrechen immer wieder die Haupthandlung. Sie sind mal interessant, mal leidlich interessant geraten, stören aber bisweilen den Erzählfluss. Das trägt ab und zu den Charakter einer Nummernrevue. Sonderlich dialogstark erscheint mir das Ganze auch nicht. Ich habe gelegentlich zwischen der deutschen Synchronisation und der englischen Sprachfassung hin und her geschaltet – die Original-Tonspur ist erwartungsgemäß vorzuziehen. Im Finale bricht kurz ein Inferno über London herein, das aber schneller vorbei ist, als es begonnen hat. Da hätte ich mir mehr gewünscht.

Neil Marshall setzt fremdes Drehbuch um

Mit „Hellboy – Call of Darkness“ hat Neil Marshall („The Descent – Abgrund des Grauens“) erstmals ein Drehbuch aus fremder Feder umgesetzt. Vielleicht ist er mit Verfilmungen eigener Skripts besser beraten, bei denen seine Stimme dann auch mehr Gewicht hat – bei der ins Kino gelangten Schnittfassung („Final Cut“) von „Hellboy – Call of Darkness“ hatte er kein Mitspracherecht mehr. Er ist auch für den Regiestuhl von „Skull Island – Blood of the Kong“ vorgesehen. Da ich Marshalls Arbeit mag, freue ich mich darauf, aber gegenüber „Hellboy – Call of Darkness“ muss er eine gehörige Schippe drauflegen.

Das ungleiche Team muss sich …

Das Ende des Films kündigt nach Kräften die wenig überraschende Absicht der Macher an, Fortsetzungen zu drehen, um ein großes Kino-Universum rund um den Höllenknaben zu etablieren: Sowohl ein Epilog als auch eine Szene während und eine nach Ende des Abspanns bieten Cliffhanger dafür. Angesichts des Misserfolgs von „Hellboy – Call of Darkness“ muss sich das Marvel Cinematic Universe aber wohl keine Sorgen machen, vom Franchise-Thron gestoßen zu werden. Ob es je ein Sequel geben wird?

… der bösen Nimue stellen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Marshall sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Milla Jovovich unter Schauspielerinnen.

Hellboy im Infight mit Gruagach

Veröffentlichung: 23. August 2019 als 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray), Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 130 Min. (Blu-ray), 125 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hellboy
GB/BUL/USA 2019
Regie: Neil Marshall
Drehbuch: Andrew Cosby, nach einer Vorlage von Mike Mignola
Besetzung: David Harbour, Milla Jovovich, Ian McShane, Sasha Lane, Daniel Dae Kim, Brian Gleeson, Mark Stanley, Penelope Mitchell, Nadya Keranova, Maria Tepavicharova, Ana Tabakova, Mario de la Rosa, Atanas Srebrev, Dawn Sherrer, Michael Heath
Zusatzmaterial: „Tales of the Wild Hunt – Hellboy Reborn“ (nicht DVD), entfernte Szenen, Previzualiations, 2 Featurettes, nur Blu-rays: 3 weitere Featurettes („The Forever Warriors – Story and Characters“, „Ye Gods And Devils – Creatures And Gear“ und „Rise Of The Blood Queen – Production“), Trailershow
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Universum Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: