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Ninja – Die Killermaschine: Ein Shinobi im Wilden Westen

Enter the Ninja

Von Lucas Gröning

Action // Wenn man Kinder fragt, was sie werden wollen, wenn sie erwachsen sind, kommen vermutlich viele Antworten, die sich auf die jeweils aktuelle, oder auch die historisch gewachsene Popkultur beziehen. Einige werden antworten, dass sie sich als Cowboy Schussduelle im wilden Westen liefern wollen, einige wollen ihr Schwert wie ein glorreicher Ritter für die Krone des Königs schwingen, wiederum andere wollen wie Luke Skywalker oder Rey mit einem Lichtschwert gegen die bösen Sith in den Kampf ziehen. All diese Beispiele werden durch eine spezifische Eigenschaft geeint: den Kampf. Die Anwendung von Gewalt fasziniert uns bereits in Kindertagen und diese Faszination lässt uns, einmal implementiert, für den Rest unseres Lebens wohl nicht mehr los.

Cole absolviert erfolgreich seine Ausbildung zum Ninja

Ein weiteres Beispiel für eine Figur, die sich in die vorher benannte Reihe problemlos einfügen könnte, ist der Ninja. Ich für meinen Teil war bereits als Kind fasziniert von den dunklen, vermummten Gestalten, die in der Lage sind, sich durch die Nacht zu schleichen und ihre Feinde auf die leise, unbemerkte Weise auszuschalten. Stets wohnte diesen Figuren eine mysteriöse, unergründliche Seite bei, und die eigentlichen Motive ihres Handelns blieben, wie sie selbst, im Dunkeln. Dadurch werden die im feudalen Japan entstandenen Assassinen zum einen extrem interessant, zum anderen wohnt ihren schnellen, präzisen Kampftechniken etwas unglaublich, nun ja, Cooles bei.

Vom Regisseur von „Delta Force“

Umso mehr freute ich mich auf den Film „Ninja – Die Killermaschine“ von Menahem Golan, produziert im Hause Cannon Films. Der Israeli ist vor allem bekannt für seine Regiearbeiten „Delta Force“ (1986) mit Chuck Norris und „Over the Top“ (1987) mit Sylvester Stallone sowie als einer der beiden Köpfe von Cannon Films. Für „Enter the Ninja“, so der Originaltitel, holte sich Golan erneut einen absoluten Superstar an seine Seite, der die Hauptfigur seines Filmes spielen sollte: Franco Nero. Der Italiener erlangte weltweit Berühmtheit für seine Darstellung der Figur Django in Sergio Cobuccis gleichnamigem Italowestern von 1966, der außer vielen inoffiziellen Fortsetzungen mit „Djangos Rückkehr“ (1987) auch ein offizielles Sequel nach sich zog, in welchem Nero erneut mitwirkte. Fortsetzungen hat auch „Ninja – Die Killermaschine“ zu bieten. In „Die Rückkehr der Ninja“ (1983) und „Die Herrschaft der Ninja“ (1984) übernahm jedoch nicht mehr Franco Nero die Hauptrolle, sondern ausgerechnet ein Darsteller, der im ersten Film einen der Gegenspieler des Italieners mimt: Shō Kosugi, für den „Ninja – Die Killermaschine“ das Leinwanddebüt markierte. Der Streifen war Startschuss dafür, dass sich Kosugi in den 80er-Jahren zu einem der profiliertesten Darsteller für Ninja-Filme entwickelte.

Folglich nimmt Cole den Kampf gegen eine Vielzahl von Verbrechern auf, doch …

Nun zum Film selbst, in welchem ein gewisser Zachi Noy („Eis am Stiel“) eine Nebenrolle als „The Hook“ hat: Die Story erzählt sich relativ gradlinig und unkompliziert: Der Amerikaner Cole (Franco Nero) will unbedingt in den Rang eines Ninjas erhoben werden und muss für diese Ehre eine letzte Prüfung bestehen. Nachdem er diese erfolgreich hinter sich gebracht hat, wird er von seinem Meister, sehr zum Missfallen seines Kontrahenten Hasegawa (Shō Kosugi), zum Ninja ernannt. Hasegawa sieht Cole aufgund seiner amerikanischen Abstammung als unwürdig des Ranges eines Shinobi an. Im Anschluss verlässt Cole den Orden, um seinen alten Freund Frank (Alex Courtney) auf den Philippinen zu besuchen. Frank, mit dem Cole vor langer Zeit gemeinsam beim Militär war und dort im angolanischen Buschkrieg gekämpft hat, ist inzwischen zum Alkoholiker mutiert und lebt mit seiner Frau Mary Ann (Susan George) auf einem Anwesen. Die beiden besitzen darüber hinaus Teile des umliegenden Landes und stellen diese als Arbeitsfläche für die Einheimischen zur Verfügung. Schon bald wird Cole klar, dass das idyllische Leben trügerisch ist, denn die Schergen des Immobilienmoguls Venarius (Christopher George) tyrannisieren die Bevölkerung und versuchen alles, um Frank dazu zu bringen, ihrem Boss das Areal zu überschreiben. Nun ist es an Ninja Cole, sich dem Despoten in den Weg zu stellen. Nach einigen verherrenden Niederlagen ersucht Venarius selbst die Hilfe eines Ninjas, der sich dem Neuankömmling in den Weg stellen soll, womit die Stunde von Coles altem Rivalen Hasegawa schlägt.

Eine Orgie der Gewalt

Viele Gedanken kamen mir beim Sichten des Films in den Sinn und lange fragte ich mich, was das übergeordnete Thema von Menahem Golans Film ist. Geht es um die Macht des raubtierhaften Kapitalismus, der auch vor kriminellen Handlungen nicht zurückschreckt, um sich die Schwächsten der Gesellschaft einzuverleiben? Geht es, in diesem Zusammenhang, um das Klären von Eigentumsverhältnissen zwischen dem Großkapital und dem Kleinbürgertum? Bearbeitet der Film Fragen von Rassismus und der Zuschreibung von Identitäten aufgrund von Herkunft? Nach dem Sichten muss man sagen: Es ist all das und doch nichts davon. „Ninja – Die Killermaschine“ zieht all diese Themen auf, mal mehr mal weniger stark, weigert sich jedoch, sie konsequent zu bearbeiten. Stattdessen nimmt er eine klare Position in all diesen Bereichen ein und konzentriert die jeweiligen Gegenseiten in den Antagonisten des Films, namentlich in Venarius und seinen Schergen. Diese repräsentieren das kriminelle, bösartige, rassistische Großkapital. Folglich fällt es auch uns Zuschauern einfach, diese als Antagonisten fern jeder Ambivalenz anzunehmen und ihnen bis zum Finale nur das Schlechteste zu wünschen. Cole, Frank und Mary Ann wiederum repräsentieren die Gegenseite. Cole zieht als strahlender, die Antagonisten bekämpfender Held die Zuschauer ganz automatisch auf seine Seite, Frank wirkt mit all seinen Problemen und seiner dennoch kämpferischen Art sympathisch und Mary Ann zieht als sich um ihren Mann sorgende und kümmernde, aber dennoch emanzipierte Frau ganz automatisch die Sympathien auf sich. Diesen krassen Gegensatz und diese klare Klassifikation in Gut und Böse nutzt der Film, um der Seite der Antagonisten eine Welle der Gewalt entgegenzuschleudern, die vom Zuschauer schon fast nicht mehr hinterfragt werden kann. Dafür landete „Ninja – Die Killermaschine“ 1983 auf dem bundesdeutschen Index, 2008 erfolgt turnusmäßig nach 25 Jahren die Listenstreichung.

Wildwest auf den Philippinen

Neben dem Zuschauer ist es auch der Staat, der die dort herrschenden Konflikte nicht hinterfragt. Im Gegensatz zum Zuschauer nimmt er jedoch nicht einmal mehr eine klare Position ein, er enthält sich dem laufenden Konflikt gänzlich. Die Länderein auf den Philippinen werden so zu einem unkontrollierten, gesetzlosen Raum, in dem stattdessen das Recht der Stärkeren gilt. In gewisser Weise erinnert die dargestellte Welt an den Wilden Westen, der sich ebenfalls durch eine teils rechtsfreie Zone auszeichnet, womit eine direkte Referenz an die Schauspielkarriere von Hauptdarsteller Franco Nero gegeben ist. Gerade der von ihm verkörperte Cole versucht, anstelle des Staates die Ordnung wiederherzustellen und der unkontrollierten Macht der Tyrannei Einhalt zu gebieten. In dieser Rolle des klassisch-westlichen Helden macht Nero einen hervorragenden Job, eine allzu große Herausforderung wird an ihn jedoch nicht gestellt. Er gibt den sympathischen Strahlemann, verhaut die bösen Jungs und spendiert dem Zuschauer ab und an ein paar ganz witzige One-Liner. Lediglich in den Passagen, in denen Nero tatsächlich in das Kostüm eines Ninjas schlüpft und mit der Eleganz eines Shinobi gegen die heraneilenden Feinde kämpft, fremdelt er mit seiner Rolle. Es sind Passagen, die charakterlich so gar nicht zu Neros eigener Existenz als Darsteller, aber auch nicht zu seinem generell sehr an einen Cowboy angelehnten Charakter passen wollen. Die geistliche, nachdenkliche, und in sich gekehrte Identität als Shinobi tut sich schwer damit, sich mit der zu vereinbaren, die Cole repräsentiert, wenn er als Zivilbürger unterwegs ist. Die dadurch entstehende Unglaubwürdigkeit ist die wohl größte Schwäche des Films.

… bald stellt sich ihm sein alter Feind Hasegawa in den Weg

Es bleibt nicht die einzige. Die Kulissen sind teilweise recht lieblos und detailarm gestaltet, die Bilder zeugen in den meisten Fällen von wenig Innovation und die Dialoge wirken in weiten Teilen schon recht trashig. Wenn man allerdings in der Lage ist sich auf diesen trashigen Charakter einzulassen, wird man mit „Ninja – Die Killermaschine“ recht viel Spaß haben können. Wer sich sich allerdings auf die Suche nach einem ernsten Ninja-Film mit glaubwürdigen Darstellern, vielschichtigen Figuren und vielleicht auch spektakulären Actionsequenzen begibt, ist bei Golans Werk an der falschen Adresse.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2019 und 22. Mai 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 95 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Enter the Ninja
Alternativtitel: Die Rache des Ninja
USA 1981
Regie: Menahem Golan
Drehbuch: Dick Desmond
Besetzung: Franco Nero, Susan George, Shô Kosugi, Christopher George, Alex Courtney, Will Hare
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow
Label 2019: HanseSound
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Studio Hamburg Enterprises

 

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A Tale of Two Sisters – Grandios-merkwürdiges Horror-Meisterwerk

Janghwa, Hongryeon

Von Lucas Gröning

Horrordrama // „Das ist alles merkwürdig. Das Haus ist merkwürdig und auch diese Frau ist merkwürdig.“ Es sind Sätze, die die junge Soo-mi Bae (Lim Soo-jung) zu ihrer jüngeren Schwester Soo-yeon Bae (Moon Geun-young) sagt und die die Situation der beiden in Kim Jee-wons Horrorfilm „A Tale of Two Sisters“ zum einen passend zusammenfassen und zum anderen nicht einmal im Ansatz dessen gerecht werden, wohin sich dieses Meisterwerk des koreanischen Kinos mit fortlaufender Spielzeit hin entwickelt. Im Jahr 2003 erschienen, war dieser Film der erste koreanische Horrorfilm, der es in die US-amerikanischen Kinos schaffte. Zahlreiche Lobpreisungen seitens der Journaille sowie Auszeichnungen folgten. So gewann das Horrordrama beim Filmfestival Fantasporto im Jahr 2004 den Preis für den besten Film. Regisseur Kim Jee-woo, der auch das Drehbuch schrieb und später unter anderem mit „A Bittersweet Life“ (2005) und „I Saw the Devil“ (2009) sowie seinem US-Ausflug „The Last Stand (2013) mit Arnold Schwarzenegger für Aufsehen sorgen sollte, wurde für seine Regiearbeit ausgezeichnet. Auch seine Darsteller, die in ihren folgenden Filmen wohl nie wieder so gut waren und im Anschluss an „A Tale of Two Sisters“ lediglich in weitgehend kleineren Produktionen auftraten, räumten fleißig Preise ab. Lim Soo-jung bekam beim Fantasporto Filmfestival für ihre Darstellung den Preis als beste Nebendarstellerin. Darüber hinaus gewann Soo-jung beim Pusan International Film Festival 2003, sowie bei den Blue Dragons Awards desselben Jahres den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin. Yum Jung-ah wiederum gewann für ihre Darstellung beim Brussels International Fantastic Film Festival 2004 den Silbernen Raben. Jede Menge toller Schauspielleistungen sehen wir also in diesem Film, doch diese sollen bei Weitem nicht alles gewesen sein, was „A Tale of Two Sisters“ großartig macht.

Das Unausgesprochene

Kommen wir nur kurz zur Story, denn viel sollte man tatsächlich nicht wissen, bevor man sich entschließt, „A Tale of Two Sisters“ anzusehen: Die Geschwister Soo-mi Bae und Soo-yeon Bae kehren nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt zurück in ihr altes Zuhause. Neben den Geschwistern leben dort ihr Vater (Kim Kap-soo) und ihre Stiefmutter (Yum Jung-ah). Schnell kommt es zu Spannungen innerhalb der Familie, besonders die Beziehung der autoritären, auf Ordnung bedachten Stiefmutter zu den Kindern gestaltet sich als schwierig und bietet Nährboden für Konflikte. Der Vater indes wirkt seltsam abwesend und hat es schwer, eine Beziehung zu seinen Mitmenschen aufzubauen. Es wird schnell klar: Irgendetwas Unangenehmes, Unausgesprochenenes trennt die verschiedenen Parteien voneinander, und nur langsam wird dem Zuschauer offenbart, welch dunkle Geheimnisse die Familie umgeben.

Zwei Schwestern kehren nach langer Zeit nach Hause zurück

Fortan werden wir auf eine unheimliche Reise mitgenommen, deren Ende, so viel sei vorweggenommen, bis zum letzten Frame des Filmes und darüber hinaus ungewiss bleibt. Kim Jee-woons Regiearbeit führt uns quer durch die Geschichte des Horrorfilms und zitiert fleißig einige der größten Werke des Genres. So finden wir unter anderem Anleihen von „Der Exorzist“ (1973), „Shining“ (1980), „Poltergeist“ (1982) und „Ju-On“ (2002). Diese Referenzen verkommen jedoch nicht zum reinen Selbstzweck, vielmehr entsteht in „A Tale of Two Sisters“ etwas vollkommen Neues und Eigenständiges, das auch 16 Jahre nach seinem Release immer noch zu fesseln weiß und über die komplette Laufzeit von fast zwei Stunden eine ungeheure Spannung aufrechterhält. Hinzu beeinflusste der Film auch spätere Horrortrips wie „Hereditary – Das Vermächtnis“ (2018) oder „Ich seh, ich seh“ (2014) merklich und schaffte es so selbst in den erlesenen Kreis zitierwürdiger Werke.

Ein Meisterwerk

Auch abseits der Referenzen auf andere Filme bietet „A Tale of Two Sisters“ genügend Eigenständigkeit, um auch ohne Kenntnis der großen Vorbilder ein Erlebnis zu bieten. Wie bereits erwähnt ist es die unglaubliche Spannung, die den Film ausmacht und dem Zuschauer kaum Raum zum Durchatmen lässt. Eine omnipräsente Bedrohung umkreist die Protagonisten und nie kann man sicher sein, dass die Gefahr nicht einige Meter weiter um die Ecke wartet. Doch wer sind überhaupt die Protagonisten? Mehrmals schlägt der Film Haken in verschiedene Richtungen, lässt uns unsere Auffassung und unsere Sehgewohnheiten hinterfragen, und immer wieder fühlen wir dadurch mit Figuren der Geschichte mit, die wir wenige Minuten zuvor noch abgrundtief gehasst haben. Wer ist hier gut und wer ist böse? Wer ist hier eigentlich in Gefahr? Von wem oder was geht die Gefahr überhaupt aus? War diese Szene überhaupt Teil der Wirklichkeit? Was ist überhaupt wahr und was ist Fiktion? Wenn es real ist, wessen Realität folge ich gerade? Und wenn es Fiktion ist, wessen Fiktion bin ich gerade gefolgt? All diese Fragen stellt der Film und lässt uns am Ende mit nur wenigen Antworten, aber sehr vielen Gedanken zurück. All das zeigt Kim Jee-won zudem in unglaublich schönen, bis ins Detail perfekt komponierten Bildern, die durch ihre Anordnung zum einen ästhetisch wertvoll wirken, zugleich aber extrem unterkühlt und oftmals übertrieben artifiziell, sodass ihnen stets etwas überidisch Unheimliches innewohnt. All dies wird mit einem äußerst beklemmenden Soundtrack garniert und heraus kommt einer der besten Horrorfilme seit der Jahrtausendwende.

Dort kommt es zu Spannungen mit der Stiefmutter

Ich kann mich nur wiederholen: „A Tale of Two Sisters“ ist ein Meisterwerk und eine Sichtung, am besten jedoch mehrere, soll an dieser Stelle dringendst empfohlen werden. Welch ein Glück dass capelight pictures den Film kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht hat. Die gewohnt sorgfältig produzierte Edition enthält den Film als Blu-ray und DVD. Im 24-seitigen Booklet selbst findet sich der großartige Text „Hakenschlagen – Der bekannte Fremde Kim Jee-woon“ von Lucas Barwenczik, in dem die Biografie, die Ideologie hinter der Auswahl der Filme des Regisseurs und dessen Filmografie allgemein beleuchtet wird. Darüber hinaus bietet der Text eine Themenanalyse der bisherigen Werke von Kim Jee-woon und gibt Einblick in dessen Arbeitsweise. Zusätzlich finden sich auf den Datenträgern zahlreiche Extras. So kann man den Film mit Audiokommentaren des Regisseurs und der Darstellerinnen anschauen. Außerdem finden sich dort ein Making-of, entfallene Szenen, Interviews mit den Darstellern, eine Analyse der Erzählstruktur des Films durch den Regisseur, ein Interview mit selbigem, in dem er über die Faszination Horrorfilm ganz im Allgemeinen spricht, ein Kommentar eines Psychiaters zu den Vorkommnissen im Film, ein Video in denen die Beteiligten Erinnerungen an die Dreharbeiten preisgeben und zu guter Letzt ein Trailer zum Film. Bemerkenswert, dass „A Tale of Two Sisters“ hierzulande erst jetzt auf DVD erscheint – sowohl als Teil der Mediabook-Edition als auch als Einzel-DVD. Die deutsche Erstveröffentlichung von 2014 beschränkte sich auf die Blu-ray. Seinerzeit hat übrigens „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Matthias Holm dem Werk bereits eine Rezension angedeihen lassen.

Die Situation droht allmählich zu eskalieren

29. November 2019 als Limited 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 23. Januar 2014 als Blu-ray

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Janghwa, Hongryeon
KOR 2003
Regie: Kim Jee-won
Drehbuch: Kim Jee-won
Besetzung: Lim Soo-jung, Moon Geun-young, Yum Jung-ah, Kim Kap-su, Lee Seung-bi, Park Mi-Hyun
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur und Darstellerinnen, entfallene Szenen, Making-of, Interviews mit den Darstellern, Analyse der Erzählstruktur von Regisseur Kim Jee-won, Kim Jee-won über die Faszination des Horrorfilms, Erinnerungen an die Dreharbeiten, Der Film aus der Sicht eines Psychiaters
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2014: 3L Vertriebs GmbH & Co. KG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen: Und führe uns nicht in Versuchung!

Hauptdarstellerin Verena Altenberger bespricht sich mit Regisseur Dominik Graf

Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen

Ausstrahlung: Sonntag, 8. Dezember 2019, 20:15 Uhr, Das Erste

Von Volker Schönenberger

TV-Krimi // Zehn Grimme-Preise, ein Bayerischer und ein Deutscher Filmpreis – Dominik Graf gehört zweifelsohne zu den profiliertesten und versiertesten Regisseuren Deutschlands, auch wenn er derlei Zuschreibungen ungern vernimmt und Auszeichnungen skeptisch gegenübersteht. Dabei hat er sich von Anbeginn seiner Karriere dem Genrefilm verschrieben – Action, Krimi und Thriller sind sein Metier, und stets fügt er dem Ganzen eine gehörige Portion Drama hinzu. Seit Mitte der 1970er-Jahre aktiv, feierte Graf 1988 mit „Die Katze“ mit Götz George, Gudrun Landgrebe, Heinz Hoenig und Ralf Richter einen ersten Achtungserfolg im Kino. Zwei Jahre zuvor hatte er mit dem Schimanski-„Tatort: Schwarzes Wochenende“ erstmals die große deutsche Krimireihe um eine Folge bereichert – bis 2017 folgten drei weitere „Tatort“-Episoden. Aus seiner Filmografie lassen sich viele Empfehlungen aussprechen, genannt seien noch die flirrende Ausbrecherjagd „Zielfahnder – Flucht in die Karpaten“ (2016), der herausragende Russenmafia-Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010) und der Actionthriller „Die Sieger“ (1994) mit Herbert Knaup, Katja Flint, Hannes Jaenicke, Meret Becker und Heinz Hoenig, seinerzeit an den Kinokassen gescheitert und von Graf selbstkritisch missbilligend beurteilt, erst 2019 mit der Aufführung des Director’s Cuts bei der Berlinale rehabilitiert.

Polizeioberkommissarin Eyckhoff muss Farbe bekennen

Zum „Polizeiruf 110“ stieß Graf spät: 2005 inszenierte er für den Bayerischen Rundfunk die brillante Episode „Der scharlachrote Engel“ (als Ermittler: Michaela May und Edgar Selge), ein heftiges Stalking- und Vergewaltigungsdrama mit Nina Kunzendorf und Martin Feifel. Es folgten die nicht minder sehenswerten „Polizeiruf 110“-Beiträge „Er sollte tot“ (2006), „Cassandras Warnung“ (2011) und „Smoke on the Water“ (2014). Graf blieb für die Reihe dem Bayerischen Rundfunk und dem Schauplatz München treu, nun hat er mit „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ den zweiten Fall der Münchner Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff (Verena Altenberger) inszeniert. Eyckhoff trat erstmals in der von Florian Schwarz gedrehten Folge „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ in Erscheinung, die erst im September 2019 im Ersten ausgestrahlt worden war.

Abhöraktion gegen Börsenkriminelle

Gleich zu Beginn sehen wir Eyckhoff in einer Verhörsituation – als Verhörte. Die Haupthandlung entfaltet sich somit als Rückblende, umklammert vom Bericht der Ermittlerin. Sie und ihr Team sind darauf angesetzt worden, die Büroräume von Reiko Fastnacht (Michael Zittel) abzuhören. Der Geschäftsführer von Safe Pack Energy wird des illegalen Börsenhandels verdächtigt – Insidergeschäfte, um es zu präzisieren. Die Technik ist zügig installiert, Eyckhoff, Polizeioberkommissar Wolfgang Maurer (Andreas Bittl), zwei weitere Kollegen und eine Kollegin gehen in der Nähe des Unternehmens in Lauerposition. Schnell erfahren die Ermittler, dass die Aktie des Energie-Anbieters MTT im Begriff ist, einen gehörigen Sprung nach oben zu machen. Das weckt die Gier der unterbezahlten Polizisten, man beschließt, selbst zu investieren. Maurer sowie Roman Blöchl (Robert Sigl), Meryem Chouaki (Berivan Kaya) und Tobias Rast (Dimitri Abold) weihen ihren Kumpel und Ex-Kollegen Heinz „Calli“ Callum (Sascha Maaz) ein, der Frührentner beleiht sogar sein Erbe, um MTT-Aktien zu kaufen. Einzig Eyckhoff beteiligt sich nicht, was weniger an moralischen Erwägungen liegt als daran, dass es ihr schlicht an Geld mangelt, das sie investieren könnte. An Tag X steigt die Aktie tatsächlich im Sekundentakt. Doch dann geht schief, was nur schiefgehen kann, und bald liegen bei den Ermittlern die Nerven blank. Eyckhoff sieht sich derweil genötigt, in Kooperation mit Lukas Posse (Wolf Danny Homann) von der Börsenaufsicht gegen ihr eigenes Team zu ermitteln.

Eine Kostümparty gerät zur …

Ein kleines Stück vom riesigen Kuchen der Finanzwelt und der Wertpapiergeschäfte mit ihren vielen dubiosen Geschäftspraktiken abzuzweigen – wer von derlei Versuchungen frei ist, werfe den ersten Stein. In Zeiten von Dividendenstripping-Machenschaften wie den Cum-ex- und Cum-Cum-Geschäften erscheint mir da ein aufgrund illegaler Erkenntnisse getätigter Aktienkauf mit ein paar zusammengekratzten Kröten fast schon als Kavaliersdelikt. Nicht falsch verstehen, es bleibt ein krimineller Akt, der völlig zu Recht verfolgt wird. Aber Dominik Graf und sein Drehbuchautor Günter Schütter (zu ihm später mehr) inszenieren die Straftat der Strafverfolger natürlich ohne erhobenen Zeigefinger. Hier geht es nicht in erster Linie darum, ein Verbrechen und dessen Täter zu zeigen, sondern eine bei oberflächlicher Betrachtung verschworen wirkende kleine Gemeinschaft zu porträtieren, deren Zusammenhalt auf eine so schwierige Probe gestellt wird, dass sie zwangsläufig daran zerbricht.

Das große Ego eines kleinen Staatsanwalts

Der Regisseur lässt uns den kleinen Trupp anhand eines ausgiebig gezeigten polizeilichen Kostümfests gut kennenlernen. Man feiert und säuft gern gemeinsam, so viel wird schnell deutlich. Diese pulsierenden Sequenzen verlangen gerade zu Beginn Aufmerksamkeit ab, um die Figuren einzuordnen und das eine oder andere Detail zu erfassen, das Graf uns präsentiert und womöglich später noch wichtig wird. Weshalb bekommt ein „großes Ego eines kleinen Staatsanwalts“ Bedeutung? Nur Geduld, wir erfahren es schon. Lineares Storytelling sieht anders aus, und das wird all jene befremden, die mehr aus Gewohnheit sonntagabends das Erste einschalten, um den nächsten „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ wegzuschauen.

… ausgelassenen Sause

Der grandiose Ausnahme-Drehbuchautor Günter Schütter treibt mich mit seinen Ideen und szenischen Überraschungen jedes Mal wieder an wie ein Torpedo-Treibsatz. Ich muss bei ihm meine Regie-Fähigkeiten permanent neu überprüfen, dazulernen, auch dieses Mal wieder vieles anders machen. So Dominik Graf, der für „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ zum wiederholten Mal mit Schütter zusammenarbeitete, erstmals 1992 bei einer „Der Fahnder“-Folge. 1993 erneut „Der Fahnder“, 1994 „Die Sieger“, 1995 „Tatort: Frau Bu lacht“, 1997 „Der Skorpion“ (ein Favorit Grafs), dazu vier von Grafs fünf „Polizeiruf 110“-Episoden – wenn ein Regisseur und ein Drehbuchautor einander so sehr zu Höchstleistungen anstacheln wie diese beiden, hat es seine Berechtigung, von einem Dream-Team zu sprechen.

Sex und Gewalt

Was treibt einen Filmemacher wie Dominik Graf an, sein Heil in einem vermeintlich einengenden Format wie „Polizeiruf 110“ zu suchen? Er will Grenzbereiche des Erzählens tangieren, wie er in seinem Vorwort zu Prof. Dr. Marcus Stigleggers „Jenseits der Grenze – Im Abseits der Filmgeschichte“ (2019, Martin Schmitz Verlag) bekennt. In erster Linie in meinem Fall Action, in jedweder Variante, im günstigsten Fall vielleicht sogar innovativ, in jedem Fall möglichst hart, abstoßend. Bemerkenswert, wie es ihm gelingt, diesen Worten mit „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ Taten folgen zu lassen, denkt man bei einem Krimi über Insidergeschäfte an der Börse doch nicht unbedingt an Action. Wer ein wenig über Dominik Grafs Motivationen erfahren will, möge dieses Vorwort und das am Ende von Stigleggers Buch abgedruckte, 2010 geführte Gespräch der beiden lesen. Daraus scheint mir eine weitere Äußerung Grafs passend zu sein: Es gibt zwei Dinge, die mich beim Filmen und beim Schneiden am meisten interessieren. Das eine ist eine Dialogkultur, auch mit Humor, eine gewisse Smartness in Rede und Gegenrede, Sarkasmus, auch Zynismus. Selbst in den düstersten Werken muss irgend etwas von den Autoren bitte, bitte auch lustig geschrieben sein. Und das andere ist die Körperlichkeit, und da nehme ich jetzt mal die Körperlichkeit des Sexuellen und der Gewalt zusammen, weil das im Kino doch in der Praxis recht ähnliche Dinge sind. Genau das hat Graf auch diesmal wieder umgesetzt, ebenso wie: Bei jeder Art von Voyeurismus bin ich vollkommen im filmischen Bereich. Man sieht die Technik der Polizeiarbeit, es geht nur darum, dass man Leuten bei der Arbeit zusieht, die anderen Leuten zusehen. Das kommt bei meinen Polizeifilmen sehr oft vor, da gibt es ganze Sequenzen im Einsatzraum, wo man sogar die einzelnen Sätze nicht verstehen muss … Zugegeben etwas bequem von mir als Rezensent, den Filmemacher sein eigenes Werk beschreiben zu lassen, aber es passt hier so gut. Sex und Gewalt brechen sich in „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ nur punktuell Bahn, und den Sex inszeniert er einmal beiläufig (um einen Ehebrecher zu zeigen), einmal verspielt und einmal inklusive eines kurz angedeuteten Cunnilingus als Bestandteil einer Bestechung. Großartig, da stets der Story oder zumindest der Charakterisierung der Figuren dienlich. Die Gewalt als Gegenpol wirkt so schmerzhaft, wie sie es auch ist.

Als Handwerker getarnt schreitet das Team …

Fast ein wenig unfair, dem Regisseur so viel Raum zu gewähren, ohne die Hauptdarstellerin zu erwähnen, daher lassen wir Verena Altenberger zu ihrem Recht kommen. Die Gute scheint im Fernsehen erfreulich ausgelastet zu sein, spielt seit 2017 die Titelrolle in der RTL-Comedyserie „Magda macht das schon!“ und war Anfang 2019 im österreichischen Sechsteiler „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ als Mutter Elsie zu sehen. Ihre „Polizeiruf 110“-Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff spielt sie angenehm unaufgeregt, lässt sich mal die Butter vom Brot nehmen und dann doch wieder nicht. Eine zierliche Frau behauptet sich mit Schlagfertigkeit in der rauen Männerwelt der Polizei – das habe ich jetzt viel klischeehafter heruntergeschrieben, als Dominik Graf es inszeniert und Altenberger gespielt hat. Ein um ein ganzes Ermittlerteam herum aufgebauter Fall wie dieser funktioniert nur als Ensembleleistung, und ihre Kolleginnen und Kollegen stehen ihr in nichts nach.

Altenbergers „Polizeiruf 110“-Debüt „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ kann noch bis März 2020 in der ARD-Mediathek geschaut werden, die Folge „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ wird im Anschluss an die Erstausstrahlung dort ebenfalls zu finden sein. Jedenfalls macht sie Lust auf mehr. Ihre Premiere feierte die Folge im Übrigen am 25. Oktober 2019 bei den Hofer Filmtagen. Durchaus angemessen für den TV-Film eines Regisseurs, der Fernsehen gern wie Kino inszeniert. Oder anders: bei dem diese Abgrenzung von Fernsehen und Kino irrelevant erscheint. Mehr davon!

Nebenrolle für den Regisseur von „Laurin“

Kurz zu einer interessanten Personalie, die sich mit Roman Blöchl offenbart, Teil von Eyckhoffs Abhörteam: Robert Sigl, Regisseur des außergewöhnlichen Horrorthrillers „Laurin“ (1989) sowie vieler Filmepisoden von „Aktenzeichen XY – Ungelöst“. Sigl, hierzulande lange Zeit verkannt, aber immerhin ab und zu vom Fernsehen beschäftigt, hat aktuell drei Filme in Vorbereitung: „Golgatha“, „The Blind Room“ und „The Mandylion“. Genrefilme, zum Teil mit religiösem Bezug – interessant. Drücken wir ihm dafür die Daumen!

… zur Überwachungsaktion

Dominik Graf hat gerade den vom ZDF mitproduzierten Kinofilm „Fabian“ mit Tom Schilling in der Titelrolle abgedreht, eine Adaption von Erich Kästners „gleichnamigem Roman“, auch als „Der Gang vor die Hunde“ bekannt. Das Porträt eines Idealisten in der ausgehenden Weimarer Republik scheint mal wieder nicht unbedingt das zu sein, was das deutsche Publikum in Massen in die Lichtspielhäuser treiben wird, verspricht aber ein interessantes und außergewöhnliches Werk zu werden.

Lukas Posse von der Börsenaufsicht hat die korrupten Bullen im Visier

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dominik Graf haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Bald liegen die Nerven blank

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen
D 2019
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter
Besetzung: Verena Altenberger, Andreas Bittl, Wolf Danny Homann, Berivan Kaya, Robert Sigl, Dimitri Abold, Sascha Maaz, Ursula Gottwald, Michael Zittel, Emma Jane, Catalina Navarro Kirner, Gisela Hahn, Claudia Messner, Christian Baumann, Niklas Kearney, Silke Heise
Produktion: maze pictures GmbH, im Auftrag des Bayerischen Rundfunks

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 Bayerischer Rundfunk / maze pictures GmbH

 

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