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Die Konkubine – Erotischer Kampf um den Thron

Hoo-goong: Je-wang-eui cheob

Von Lucas Gröning

Drama // Cho Yeo-jeong kennt man hier im Westen wohl erst seit ihrem Auftritt in Bong Joon-hos Genremix „Parasite“ (2019). In ihrem Heimatland Südkorea ist die Schauspielerin dem Kinopublikum allerdings schon seit Längerem ein Begriff. Zunächst vor allem als Darstellerin im Fernsehen aktiv, feierte sie 2002 ihr Leinwand-Debüt in der Dating-Komödie „A Perfect Match“ und schaffte 2010 mit einer der Hauptrollen im Erotikfilm „The Servant“ ihren Durchbruch. Erotisch wurde es passenderweise auch in jenem Film, welcher sich direkt im Anschluss an „The Servant“ mit der Südkoreanerin schmücken durfte, nämlich „Die Konkubine“ (2012) von Kim Dae-seung, dem Regisseur von unter anderem „Bungee Jumping of Their Own“ (2001) und „Blood Rain“ (2005). „Die Konkubine“ ist ein, das kann man vorwegschicken, enorm interessanter Film, der eine vielfältige Themenpalette bearbeitet und deren Erläuterung ich mich im Folgenden mit kritischem Blick nähern möchte.

Hwa-yeon wollte eigentlich ein glückliches Leben mit Kwon-yoo führen …

Zunächst soll es kurz um die Geschichte gehen: Sie spielt in einem nicht genauer beschriebenen Dorf, welches sich um den Hof des Königs eines nicht weiter definierten Königreichs streckt. Im Mittelpunkt der Handlung steht die junge Hwa-yeon (Cho Yeo-jeong), Tochter eines wohlhabenden Mannes, welche zur Konkubine des gegenwärtigen Königs gemacht werden soll. Als sie davon erfährt, flieht sie jedoch mit ihrem Geliebten Kwon-yoo (Kim Min-joon) aus dem Ort, beide werden jedoch nach kurzer Zeit gestellt. Während Kwon-yoo getötet werden soll, wird Hwa-yeon vor die Wahl gestellt, sich als Konkubine in den Dienst des Königs zu stellen oder das Zeitliche zu segnen. Widerwillig wählt sie die erste Option und verbringt die nächsten Jahre am königlichen Hofe, wobei sie dem Herrscher ein Kind gebärt – den zukünftigen König. Doch nicht alle sind zufrieden mit dem Status Quo, denn die Mutter des Königs (Park Ji-young) verfolgt ganz eigene Pläne und würde lieber ihren anderen Sohn Sung-won (Kim Dong-wook) an der Spitze des Reiches sehen, gerade weil sich der junge Prinz als äußerst manipulierbar und passiv in seiner Regierungsarbeit erweisen könnte. Sung-won wiederum zeigt zunächst zwar keine eigenen Ambitionen, den Thron zu besteigen, jedoch hat er bereits seit Langem ein Auge auf Hwa-Yeon geworfen und könnte die Gelegenheit ergreifen wollen, seine sexuellen Fantasien mit der Konkubine des Königs auszuleben. Im Folgenden entfaltet sich ein Spiel aus Intrigen, Begehren, Sex und Macht und man darf gespannt sein, wer die komplizierte Auseinandersetzung zu seinen Gunsten entscheiden kann.

Ein neues Genre?

Betrachten wir im Folgenden im Rahmen einer Analyse die einzelnen Aspekte und ästhetischen Kniffe von Kim Dae-seungs Werk und jene Themen, mit denen der Film uns Rezipienten konfrontiert. Beginnen möchte ich mit einer Klassifizierung des Genres, denn hier wird es bereits ein wenig komplizierter. Traut man dem Booklet des Mediabooks von capelight pictures, handelt es sich hierbei um ein fiktional-historisches Drama und somit um ein komplett neues Genre, was innerhalb des Textes zum Genre des faktional-historischen Dramas abgegrenzt wird. Was ist also der Unterschied? Als faktional-historisches Drama wird im Text ein Werk bezeichnet, das erfundene, aber glaubwürdige Geschichten und Figuren mit geschichtlich belegten Ereignissen kombiniert. Ein fiktional-historisches Drama wie „Die Konkubine“ wiederum, erfinde sogar das historische Setting, wobei der Film in einer unbestimmten, vergangenen Zeit an einem ausgedachten Ort spielt, sodass eine metaphorische Überprüfung unserer gegenwärtigen Realität erfolgen soll. Ich muss an dieser Stelle anfügen, dass ich diese Unterscheidung etwas schwierig finde und es mir nicht anmaßen möchte, dem Film in diesem Zusammenhang die Erfindung eines neuen Genres zuzugestehen, wie das der Booklet-Text handhabt.

… doch sie zur Konkubine des Königs gemacht …

Die beschriebene Differenzierung ist in gewisser Weise problematisch, denn ich würde einen Film schlicht nicht als historischen Film oder historisches Drama bezeichnen, wenn keine direkten und konkreten Bezüge zu bestimmten geschichtlichen Ereignissen festgeschrieben sind. Beim Nachdenken über jene Genrekategorisierung bin ich mit meinen Gedanken vor allem bei chinesischen Wuxia-Filmen hängen geblieben, die zwar oftmals eine grobe historische Verortung vorgeben, beispielsweise bei „Tiger and Dragon“ (2000) und „Hero“ (2002), in deren Rahmen sich die historischen Tatsachen jedoch zu keiner Zeit in den Vordergrund drängen, sodass diese Filme eigentlich auch nicht als Historienfilme zu betrachten sind. Gleiches gilt beispielsweise auch für die Filme von King Hu, exemplarisch „Das Schwert der gelben Tigerin“ (1966) und „Ein Hauch von Zen“ (1969), die jene historische Verortung gleich komplett ausblenden, jedoch offensichtlich nicht im Hier und Jetzt spielen. Was macht man außerdem mit einem Film wie Ingmar Bergmans „Das siebente Siegel“ (1957), der sich zwar grob im europäischen Mittelalter Schwedens zur Zeit der Kreuzzüge und der Pest verorten lässt (also grob in der Mitte des 14. Jahrhunderts), mit seiner Thematisierung der prozessionsgetriebenen Hexenverbrennung allerdings eher einen Bezug zur Renaissance (grob 15. und 16. Jahrhundert) zieht und sich somit durch eine Kombination verschiedener Settings einer Historisierung entzieht? In keinem der genannten Beispiele reden wir von einem Historienfilm, und ich finde dass wir das im Falle von „Die Konkubine“ ebenfalls nicht tun sollten, sodass der Film vielleicht eher als reines Drama bezeichnet werden könnte, ohne dem Begriff ein weiteres Attribut anzuhängen – am ehesten vielleicht noch das Wort Erotik angesichts der sehr expliziten Sex-Szenen, die tatsächlich einen eklatanten Unterschied zu vergleichbaren Werken darstellen.

Die Inszenierung von Erotik

Kommen wir zur Ästhetik des Films. Diese stellt eine sichtbare Geplantheit und Künstlichkeit in den Vordergrund, indem die Aufnahmen von klar erkennbaren Bildstrukturen gekennzeichnet sind. Das bedeutet nicht zwangsläufig einen Fokus auf Symmetrie, aber in jedem Fall auf eine koordinierte Verteilung der im Bild gezeigten Objekte, sodass ein optisches Gleichgewicht hergestellt wird. Sinn und Zweck der dadurch erreichten formalen Harmonie ist ein Herstellen von Harmonie auf der Handlungsebene, einer Harmonie, die den Versuch kennzeichnet, eine Kontrollierbarkeit der dargestellten Welt durch alle Beteiligten zu initiieren. Dass jene Kontrollierbarkeit angesichts der zahlreichen Interessenskonflikte nur schwer zu erreichen ist, überträgt sich wiederum auf die Ebene der Bildordnung, denn gerade in brenzligen oder angespannten Situationen gerät diese in eine Schieflage, sodass sich die Mise en scène weit weniger kunstvoll und geordnet gestaltet, als dies zuvor der Fall war, einhergehend mit Kniffen wie beispielsweise einer etwas wackligeren Kamera zum Aufzeigen von Hektik. Bemerkenswert ist auch die Beleuchtung des Films, denn sie dient vor allem der Inszenierung seiner Hauptfigur und einer Übertragung der sexuellen Faszination, die Hwa-yeon bei anderen Figuren der Geschichte hervorruft.

… während Kwon-yoo getötet werden soll

So haben wir in fast jeder Einstellung, in der die Protagonistin zu sehen ist, einen separaten Lichtspot, der dafür genutzt wird, sie oder zumindest ihr Gesicht von den übrigen Figuren und Objekten abzuheben – eine Strategie die in Bezug zu ihren anderen Körperteilen ebenfalls verfolgt wird, wenn die Szenen an Erotik gewinnen. Zum anderen dient auch der sichtlich höhere Schärfegrad einer Sexualisierung der Figur und dem Hervorrufen von erotischen Gefühlen für die Protagonistin auf Seite der Rezipienten. Dies merkt man gerade bei den im Schuss-Gegenschuss-Verfahren inszenierten Dialogen, wenn bei der Protagonistin fast jede Pore auf der Gesichtshaut zu erkennen ist, während die Einstellungen, welche ihre Gesprächspartner zeigen, zwar auch recht scharf gestellt sind, das Erkennen derartiger Details jedoch nicht zulassen. So inszeniert „Die Konkubine“ eine extreme Nähe zur Hauptfigur – eine Nähe, die andere Figuren des Films nur zu gern einnehmen würden, allen voran der junge Prinz Sung-won. So wird uns Zuschauerinnen und Zuschauern also eine besondere Intimität mit Hwa-yeon gewährt. Neben der hohen Schärfe und der separaten Beleuchtung wird sie außerdem im Rahmen der angesprochenen klaren Bildstruktur mit auffälliger Häufigkeit ins Zentrum der Einstellung gesetzt. All das sind ästhetische Kniffe, die in jenen Szenen, in denen die Protagonistin nicht anwesend ist, schlichtweg fehlen, sodass andere Figuren inszenatorisch zu keinem Zeitpunkt auf die Höhe der Konkubine gehoben werden.

Sex und Gewalt

Dafür ist ein anderer Aspekt dominierend, wenn die Hauptfigur abwesend ist: die Gewalt. Immer mal wieder kommt es zu Morden, physische Verletzungen bis hin zu Kastrationen und zu gewaltsamen verbalen Auseinandersetzungen in Form von zum Beispiel Drohungen. Die verbalen Scharmützel sind dabei gar nicht so explizit, die Gewaltdarstellungen sind es durchaus. Zwar werden sie selten im Bildmittelpunkt gezeigt, die Andeutungen teilweise enorm brutaler Handlungen sind aber durchaus schwer verdaulich und begünstigen eine psychisch-angelegte Inszenierung im Kopf des Zuschauers. Diese Gewaltversprechen bilden neben den Sexszenen die größte Form der Überschreitung von Sehgewohnheiten eines Mainstream-Zuschauers und sind ästhetisch enorm spannend inszeniert. Beide Formen haben innerhalb des Films jedoch wenig mit der grundsätzlichen Lebenswelt von Hwa-yeon zu tun, deren Charakter uns als äußerst unschuldig gezeigt wird und deren Körper nur durch Zwang oder im Rahmen von erotischen Fantasien in jene expliziten Sexszenen gepresst wird. Die sexuelle Konnotation, welche die Konkubine hervorruft, entsteht vielmehr durch die bereits skizzierte Art der Inszenierung und die dadurch beim Zuschauer hervorgerufenen Fantasien. Sie ist quasi Opfer, zum einen einer sowieso innerhalb der Filmlogik von Männern geschaffenen Dorfwelt, zum anderen ist sie Opfer der Machart des Films und fungiert somit für ein sexuell aufgeladenes Publikum und eine voyeuristisch-geprägte Inszenierung des Regisseurs als Objekt der Begierde zur Befriedigung der jedem von uns innewohnenden Schaulust.

Hwa-yeon verrichtet also am Hofe ihren Dienst …

Doch diese Schaulust wird gebrochen und in dieser Hinsicht kann man „Die Konkubine“ als durchaus feministischen Film verstehen, der sich in der Tradition der britischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey und somit auch von Siegmund Freud lesen lässt. Generell ist vor allem der Psychoanalytiker hilfreich beim Lesen von „Die Konkubine“, denn das dominierende Thema des Films sind Fragen rund um Macht und wer diese ausübt. Wer hat überhaupt Macht über wen? Wie kommt man an die Macht? Braucht man für die Macht ein spezielles Amt? Führt ein Machtwechsel auch zu einer Umkehr von Täter und Opfer? Muss man die Macht für den Frieden vielleicht aufteilen? Mit all jenen Aspekten der Macht und Gewalt beschäftigt sich der Film und lädt diese Fragestellungen symbolisch teils sehr stark auf. So haben wir es natürlich mit einer ganzen Reihe von Phallussymbolen zu tun und passenderweise auch mit den bereits erwähnten Kastrationen sowie ausgerechnet mit Eunuchen, welche die Dienerschaft der Königsfamilie darstellen. Diese breite und recht eindeutige Symbolpalette führt schlussendlich zu einer recht klaren Lesart des Films und lässt tatsächlich nur wenige andere zu. „Die Konkubine“ forciert mit allen Aspekten eine Eindeutigkeit, die nur sehr schwer in eine andere Richtung zu kippen ist und seinem Publikum eine eindeutige Botschaft vermitteln soll, die dazu noch sehr demokratisch daherkommt.

Es geht immer um Macht

Das sind mit Sicherheit die positiven Seiten von „Die Konkubine“. Der Film ist inszenatorisch nicht brilliant, aber sehr gut, er vermittelt eine klare und ideologisch (zumindest aus meiner Perspektive) positive Botschaft und ist mit seiner Thematisierung von Machtverhältnissen in einer Gesellschaft auch aktuell noch voll im Trend – gerade wenn es um die Berücksichtigung feministischer Theorie und der Psychoanalyse geht. Es gibt jedoch auch ein bisschen was zu meckern. Zwar vermittelt das Drama eine sehr klare Botschaft und hat mit den Machtfragen ein klares übergeordnetes Thema, jedoch werden diese Aspekte dem Zuschauer quasi ins Gesicht gedrückt und im Film sogar im Rahmen von Monologen und Dialogen erwähnt. So gibt es einen Dialog zwischen zwei langjährigen Eunuchen, an dessen Ende einer der beiden mehrfach sagt: „Immer geht es um die Macht.“ Das ist eine Zeile (und es gibt noch mehrere dieser Art), die sich indirekt an den Zuschauer richtet, wobei dieser das Thema bis dahin eigentlich bereits verstanden haben sollte. Kim Dae-seung vertraut hier seinem Publikum leider zu wenig und lässt auch nicht den Raum, tatsächlich noch eine andere Lesart in „Die Konkubine“ zu finden als die von ihm anvisierte. Vor diesem Hintergrund haben wir es vielleicht mit einer demokratischen Botschaft zu tun, aber nicht unbedingt mit einem demokratischen Film, da ein solcher zwingend den Glauben an einen mündigen und selbstständig denkenden Zuschauer in sich tragen sollte.

… zu dem auch das Zeugen eines Kindes für den König gehört

Der zweite größere Kritikpunkt hat indirekt mit dem ersten zu tun, denn die Klarheit, mit welcher der Film seinen Punkt transportiert, führt dazu, dass die Rezipienten jene interessanten Aspekte der vorgetragenen Themen recht schnell kognitiv herausarbeiten können. Das Problem ist, dass ab diesem Zeitpunkt gerade einmal die Hälfte von „Die Konkubine“ abgelaufen ist. Der Rest des Films besteht lediglich aus einer Aneinanderreihung von Szenen, welche die aufgeworfenen Themen zwar vertiefen, besonders nennenswerte neue Aspekte, die man sich nicht selbst denken kann, bleiben jedoch aus. So entsteht schnell eine Langeweile, welche der Film durch die angesprochenen Gewalt- und Sexszenen zu unterbrechen versucht, was aber nur mit Mühe gelingt. Dennoch ist „Die Konkubine“ mehr als sehenswert, denn man bekommt ein spannendes Drama, welches durchaus intelligent durch seine Handlung führt und die angesprochenen Themen in famoser Weise bearbeitet. Im Booklet des Mediabooks finden sich außer dem angesprochenen Genrediskurs auch kurze Porträts von Regisseur Kim Dae-seung sowie den Darstellern Cho Yeo-jeong und Kim Dong-wook. DVD, Blu-ray und Mediabook von „Die Konkubine“ können im Onlineshop von capelight pictures geordert werden.

Alle als „Limited Collector’s Edition” von capelight pictures veröffentlichten Filme haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Sung-won hat ein Auge auf die Konkubine geworfen

Veröffentlichung: 30. Juli 2021 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Hoo-goong: Je-wang-eui cheob
KOR 2012
Regie: Kim Dae-seung
Drehbuch: Hwang Yoon-jung, Kim Dae-seung, Kim Mi-jung
Besetzung: Cho Yeo-jeong, Kim Dong-wook, Kim Min-joon, Park Ji-young, Jo Eun-ji, Park Cheol-min
Zusatzmaterial: Trailer, 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Lucas Gröning

Szenenfotos & 3er-Packshot: © 2021 capelight pictures

 

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Werewolves of the Third Reich – Die glorreichen Bastarde und die Nazi-Lykanthropen

Werewolves of the Third Reich

Von Volker Schönenberger

SF-Horror-Action // Ich mag Werwölfe. Gegenüber Vampiren und Zombies sind die haarigen Kreaturen etwas unterrepräsentiert, weshalb ich mich stets freue, Filme zu finden, die bei „Die Nacht der lebenden Texte“ die Werwolf-Rubrik vergrößern. Sie dürfen auch gern aus den Niederungen des Horrorsektors auftauchen, und wenn es um „Werwölfe des Dritten Reichs“ geht, besteht sogar Hoffnung auf ein trashiges Schenkelklopfer-Vergnügen. So viel sei schon jetzt verraten: Die Hoffnung erfüllt sich nicht so recht.

„Inglourious Basterds“ in trashig

„Werewolves of the Third Reich“ setzt im Deutschen Reich des Jahres 1944 mit einer Szene ein, die mir klar von Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009) inspiriert erscheint, genauer: von der Szene in der Taverne. Hier ist es „Mad Dog“ Murphy (Lee Bane), der in einer Kneipe hinter den feindlichen Linien ein paar Drinks kippt. Als ein SS-Offizier die Pinte betritt, kommt es zu einem Gespräch auf des Messers Schneide, an dessen Ende eine kurze Schießerei entbrennt. Weil ein Kamerad ihn einmal zu oft „Mad Dog“ genannt hat, schießt Murphy diesem kurzerhand eine Kugel ins Bein. Drehbuchautor und Regisseur Andrew Jones versucht sich in dieser Szene an ausgefeilten Dialogen, aber selbstredend geht ihm das Talent eines Quentin Tarantino dafür ab. Bemerkenswert genug für einen Trash-Film ist das allemal.

Die „Bitch of Buchenwald“

Auch in der Folge wird viel geredet, womöglich viel zu viel für den geneigten Trash-Fan. In der nächsten Szene stellt sich die blonde Nazi-Aufseherin Ilsa Koch (Suzie Frances Garton) ein paar KZ-Häftlingen vor, zu denen ihr Ruf als „Bitch of Buchenwald“ bereits vorgedrungen ist. Sie ist offenbar an medizinischen Experimenten beteiligt, die Häftlinge sind Probanden wider Willen. Einen von ihnen mit einer auffälligen Tätowierung schickt sie anderswo hin – wir ahnen, weshalb.

Kurzauftritt Adolf Hitler

Nächste Szene – Adolf Hitler (Oliver Fritz) persönlich, im Gespräch mit Doktor Josef Mengele (Neville Cann). Das Kriegsglück hat sich für die Nazis gewandelt, nun sind Geheimwaffen gefragt – etwa neuartige Kreaturen, zwischen Mensch und Wolf, die Mengeles Experimente hervorbringen sollen.

Die Handlung springt munter hin und her. Irgendwann sind wir bei einem Lkw der US Army angelangt, auf dem sich Murphy, sein Kumpel Billy „The Butcher“ (Derek Nelson) sowie „Fighting Joe“ Kane (Darren Swain) und „Reckless“ Reggie Brown (Kwame Augustine) befinden. Das Quartett steht wegen Insubordination unter Arrest, die vier sollen in ein US-Militärgefängnis überführt werden. Einen Überfall durch Nazis später sind sie in Freiheit und beschließen, zusammenzubleiben, um sich fortan ihrer Lieblingsbeschäftigung zu widmen: Nazis zu töten.

Die Eheleute Koch und Mengele

Mittlerweile haben wir erfahren, dass Doktor Mengele und Ilsa Koch miteinander verheiratet sind. Dass das in Wahrheit nicht der Fall war und die beiden einander womöglich nie begegnet sind, verbuchen wir unter künstlerischer Freiheit. Da haben sich schon ganz andere die Historie nach eigenem Ermessen zurechtgebogen. Der Einbau von Ilsa Koch darf als kleine Hommage an den berüchtigten Exploitation-Klassiker „Ilsa, She Wolf of the SS“ (1974) gewertet werden. Und immerhin übernahm Andrew Jones aus der Biografie der echten Ilse (!) Koch ihren Ruf, Affären nicht abgeneigt zu sein: Mengeles Gemahlin vergnügt sich gern mit dem SS-Offizier Becker (Francesco Tribuzio), was ihn für den Forscher zum perfekten Kandidaten für den ersten Werwolf macht. Da sind wir dann auch endlich bei den titelgebenden Kreaturen. Eine satte Stunde geht ins Land, bevor es zur ersten Verwandlung kommt. Bald darauf treffen die vier renitenten US-Soldaten am KZ ein, sodass nun endlich etwas Leben in die Bude kommt.

Dialoge, Dialoge, wir wollen Dialoge! Selten einen derart gesprächslastigen Trash-Film gesehen. Andrew Jones ist zweifellos großer Fan von Quentin Tarantino und hat dann auch begriffen, dass Dialogregie eine von dessen Stärken ist. Nicht begriffen hat Jones leider, dass dies nicht seine eigene Stärke ist. Das heißt nicht, dass man als Zuhörer hier befürchten muss, Ohrenkrebs zu bekommen – Trash-Erprobte haben schon ganz anderes durchlitten; die Texte der vier coolen Amis haben mir sogar einigermaßen gefallen; die Zeilen der Nazis fallen demgegenüber stark ab. Durch die vielen Unterhaltungen schleichen sich einige Längen ein, die den einen oder anderen Trash-Fan mittendrin zur Aufgabe zwingen könnten. Ihnen entgeht in dem Fall ein Showdown, der mit ein paar Faustkämpfen und Schusswechseln aufwartet. Mehr wäre hier mehr gewesen, das hätte sich Jones von seinem Vorbild Tarantino abgucken sollen.

Zu wenig Screentime für die Werwölfe

Tricks und Maske befinden sich auf bewährtem Trash-Niveau. Das gilt für das CGI-Blut der diversen Kopfschüsse ebenso wie für die Fratzen der insgesamt nur zwei Werwölfe, die man nur deshalb als solche erkennt, weil der Film sie im Titel nennt. „Werevolves of the Third Reich“ wird viele zu Recht enttäuschen, die sich ein zünftiges Trash-Spektakel erhoffen. Der markige Titel und das Aufeinandertreffen von vier Nazi-Hassern mit Frau Koch und Herrn Mengele versprechen viel mehr, als Regisseur Andrew Jones am Ende einlöst. Das gilt erst recht bezüglich der Werwölfe, die denkbar kurz in Erscheinung treten. Zu einem bedeutsamen Vertreter der Naziploitation wird sich das Werk wohl nicht entwickeln. Ich bin auf eine nur schwer erklärbare Weise dennoch nicht enttäuscht. Zum einen verspreche ich mir von Trash-Filmen sowieso nie besonders viel; zum anderen finde ich die dialogverliebte Herangehensweise ungewöhnlich genug, sodass sich „Werewolves of the Third Reich“ immerhin etwas vom üblichen Trash-Einerlei abhebt – wenn auch nicht qualitativ, so doch in puncto Originalität. Wer im deutschen Handel nicht fündig wird, möge sich nicht wundern – der Streifen ist hierzulande nie erschienen. In den USA und im Vereinigten Königreich gibt es ihn auf DVD.

Veröffentlichung (USA): 5. Dezember 2017 als DVD
Veröffentlichung (GB): 19. Februar 2018 als DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Werewolves of the Third Reich
GB 2017
Regie: Andrew Jones
Drehbuch: Andrew Jones
Besetzung: Lee Bane, Darren Swain, Derek Nelson, Kwame Augustine, Neville Cann, Annabelle Lanyon, Francesco Tribuzio, Jared Morgan, Patrick O’Donnell, Suzie Frances Garton, Lee Mark Jones, Oliver Fritz
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb USA: Alliance Entertainment
Label/Vertrieb GB: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Packshots: © Alliance Entertainment (l.), Sony Pictures Entertainment

 

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Cash Truck – Gier ist die Wurzel allen Übels

Wrath of Man

Kinostart: 29. Juli 2021

Von Florian Schneider

Actionthriller // Die Abschaffung des Bargelds ist ein aktuell viel diskutiertes Thema, bei dem sicherlich Befürworter als auch Gegner jede Menge guter Argumente haben. Die Protagonisten in Guy Ritchies neuestem Streich dürften sich diesbezüglich wohl in einem Dillema befinden: Zum einen ist die Arbeit als Geldtransportfahrer in Los Angeles finanziell recht einträglich, zum anderen kann sie leider auch sehr schnell existenzgefährdend werden, denn viele böse Buben werfen ein Auge auf die Millionen von Dollars, die täglich durch die Stadt transportiert werden müssen. Dies müssen zwei Mitarbeiter der Security-Firma auch gleich zu Beginn von „Cash Truck“ am eigenen Leibe erfahren. Aus der Innenperspektive des Geldtransporters erleben wir einen brutalen Überfall, der die beiden Geldschützer und einen Zivilisten das Leben kosten wird.

Mit „H“ ist nicht gut Kirschen essen

Besagter Überfall wird noch mehrfach Thema des Films sein und in mehreren Rückblenden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt werden. Es ist wohl nicht zuviel verraten, dass die Motivation der Hauptfigur, eines gewissen Harry „H“ (Jason Statham), bei der geschädigten Security-Firma anzuheuern, mit dem Überfall in Verbindung steht. Unter Harrys tatkräftiger Mithilfe verwandelt sich „Cash Truck“ unaufhaltsam in ein bleihaltiges Actiongewitter mit ziemlich hohem Body Count. Für ein komplexes Handlungsmuster, wie es Ritchie noch in „The Gentlemen“ (2019) gewoben hatte, bleibt da keine Zeit. Immerhin sind die Perspektivwechsel recht gelungen geraten.

Der übermenschliche Antiheld

Figuren wie „H“ kennt man aus Action-Filmen der 80er und deren postmodernen Renaissance zur Genüge: Es sind gnadenlos überzeichnete Helden oder Antihelden, die durch ihre Überlegenheit etwas Eindimensionales haben, oft schablonenhafter sind als die menschlicher wirkenden Nebenfiguren. Die Katharis besteht in der Regel aus blutiger Rache an allen Beteiligten, die, meist zu Beginn des Films, beim Helden einen Leidensdruck erzeugt haben. Sie selbst wirken unantastbar, zumindest unaufhaltsam bei der Erbringung der Reiningungsleistung. Diese Vorhersehbarkeit kann trotzdem, falls gut gemacht, sehr unterhaltsam sein, allerdings werde ich auf weitergehendes Nacherzählen verzichten, um die wenigen Wendungen im Handlungsverlauf und die spärlich auftretenden Charakterzeichnungen nicht zu spoilern.

Nachdem „H“ bei der Security-Firma als Mitarbeiter angeheuert hat …

Die Schlichtheit der Geschichte ist auch dehalb kein Störfaktor, da Ritchie seinen Rache-Reißer mit ordenlich Starpower, einer virtuosen Kamera- und Schnittarbeit und einem gelungen Soundtrack unterlegt. So dürfen neben Ritchies Lieblingsschauspieler Statham unter anderem Scott Eastwood („Herz aus Stahl“), Holt McCallany („Shot Caller“) und Josh Hartnett („Pearl Harbor“) ihren Hut in den Ring werfen. In einer kleinen Nebenrolle hat Andy Garcia („Die Unbestechlichen“) einen gelungenen Auftritt.

Im Fahrwasser des New British Cinema

In der 80er-Jahren begründeten Regisseure wie Mike Leigh, Ken Loach, Stephen Frears und Neil Jordan das sogenannte New British Cinema, dem oftmals ein schonungsloser Blick auf die Auswirkungen des neoliberalen Thatcherismus gemein war. Guy Ritchie („Bube Dame König grAS“) und Danny Boyle („Kleine Morde unter Freunden“) übernahmen in den 90ern die Fackel und entzündeten damit ein postmodernes Potpourri aus skurillen Komödien sowie Action- und Horrorfilmen. Die sozialen Probleme der Inselnation dienen dabei oft nur als Hintergrund des ironischen und schwarzhumorigen Spiels. Auch in „Cash Truck“ sind die Protagonisten in einer dystopischen Umgebung gefangen und treiben ziellos durch ihren Alltag. Die Gier nach Geld und Reichtum ist reiner Selbstzweck, denn es gibt in dieser posthistorischen Welt keine Ideale mehr, für die die Dollar genutzt werden könnten. Leider bleibt auch für hedonistische Großtaten zu wenig Zeit, wenn „H“ bereits die Waffe im Anschlag hat.

… beschützt er die Geldtransporte und seine Kollegen …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Guy Ritchie haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Scott Eastwood, Andy García und Jason Statham unter Schauspieler.

… und lehrt den bösen Jungen das Fürchten

Länge: 119 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Wrath of Man
GB/USA 2021
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Guy Ritchie, Marn Davies, Ivan Atkinson
Besetzung: Jason Statham, Holt McCallany, Josh Hartnett, Scott Eastwood, Andy García, Deobia Oparei, Laz Alonso, Raúl Castillo, Chris Reilly
Verleih: Studiocanal

Copyright 2021 by Florian Schneider
Szenenfotos & Filmplakat: © 2021 Studiocanal

 

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