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Der Mitternachtsmann – Bearbeitung einer Männlichkeitskrise

The Midnight Man

Von Lucas Gröning

Krimidrama // Der auf Bewährung freigelassene Ex-Polizist Jim Slade (Lancaster) nimmt einen neuen Job als Nachtwächter an einem College an. Eigentlich ein ruhiger Job, so erscheint es dem ehemaligen Gesetzeshüter, doch bereits in seiner ersten Nacht bricht jemand in eines der Campusgebäude ein und entwendet wichtige Aufnahmen der dortigen Universitätspsychatrie. Ein paar Nächte später folgt der nächste Schock: Eine junge Frau, ausgerechnet die Tochter des dort ansässigen Senators, findet sich tot in einem der Gebäude. Es beginnen unruhige Zeiten, der Mordfall überfordert die ansässige Polizei. Nun liegt es ausgerechnet am in den Rang eines Nachtwächters degradierten Ex-Cop, der Sache auf den Grund zu gehen.

Das ist die Ausgangslage in Roland Kibbees und Burt Lancasters Film „Der Mitternachtsmann“ von 1974. Beide schrieben darüber hinaus das Drehbuch, dessen Geschichte auf dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony aus dem Jahr 1969 basiert. Lancasters Verkörperung des Ex-Cops gehört zu seinen weniger bekannten Rollen, kennt man ihn doch eher auch aus Filmen wie „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), „Der Leopard“ (1963) und „Elmer Gantry“ (1960), für den er 1960 den Oscar als bester Hauptdarsteller gewinnen konnte. Roland Kibbee wiederum kennt man vor allem für seine Arbeit als Drehbuchautor für Fernsehserien, etwa „Barney Miller“ (1974–1982), „Columbo“ (1973–1975) und „The Bob Newhart Show“ (1961–1962). „Der Mitternachtsmann“ stellt seine einzige Langfilm-Regiearbeit dar, zuvor hatte er auch nur ein einziges Mal bei einer Serienepisode Regie geführt. Man kann es bereits vorweg anführen: Die Zusammenarbeit einer über die gesamte Karriere vor allem als Schauspieler tätigen Filmikone und eines Drehbuchautors für Fernsehserien sorgt nicht unbedingt dafür, dass am Ende ein brillanter Film herauskommt. Für Lancaster war es nach „Der Mann aus Kentucky“ (1955) seine zweite und letzte offizielle Regiearbeit – die IMDb gibt ihn für „Weißer Herrscher über Tonga“ von 1954 als Ko-Regisseur „uncredited“ an, sein tatsächlicher Anteil an der Regie des Pazifik-Abenteuers bleibt aber offen.

Film oder Fernsehserie?

So oder so finden sich in „Der Mitternachtsmann“ einige interessante Aspekte, die es zu analysieren gilt. Kommen wir zunächst zur Ästhetik des Films, die sich in gewisser Weise extrem ambivalent verhält und das sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Zum einen werden uns zum Teil wunderschön komponierte Bilder präsentiert, die sowohl hinsichtlich der Aufteilung ihrer Objekte als auch was die Ausleuchtung mit ganz verschiedenen Farben, beispielsweise dem roten Licht in einer Diskothek, angeht, durchaus zu beeindrucken wissen. Auch eine toll eingesetzte Plansequenz in Kombination mit einem inneren Monolog gehört zu den besten technischen Umsetzungen des Werkes. In diesen Momenten merkt man dem Film Burt Lancasters große Kinoerfahrung aus der Zusammenarbeit mit etlichen Regisseuren an. Durch den ganzen Film ziehen sich diese tollen Bilder jedoch nicht, denn es ist neben Lancasters Einfluss auch noch derjenige der anderen Person zu erkennen, die auf dem Regiestuhl Platz genommen hat.

Die zum Teil recht innovativen und ästhetisch wertvollen Bilder wechseln sich nämlich mit recht innovationslosen und einfach gehaltenen Eindrücken ab. Dies wird besonders in den Dialogen ersichtlich, wenn sich die Kamera oftmals keiner weiteren Mittel bedienen kann als dem klassischen Schuss-Gegenschuss-Verfahren. Hier wird auch keine weitere Ebene aufgemacht, indem man die Personen zum Beispiel aus verschiedenen Winkeln von oben oder unten filmt, um beispielsweise die Überlegen- oder Unterlegenheit eines Charakters gegenüber einem anderen zu suggerieren. Stets zeigt die Kamera hier ein Aufeinandertreffen von Personen auf Augenhöhe, obwohl das, was uns die Geschichte über diese erzählt, oftmals etwas ganz anderes vermuten lässt. Das mag auch damit zu tun haben, dass Kameramann Jack Priestley mit wenigen Ausnahmen ausschließlich fürs Fernsehen tätig war. So wechseln sich hier lediglich vor allem halbnahe Aufnahmen und Close-ups ab, je nachdem, ob man den Dialogen noch einen Schuss Emotionalität hinzufügen will. Dialoge sind hier ein gutes Stichwort, denn diese dienen in „Der Mitternachtsmann“ anscheinend an vielen Stellen in erster Linie zur Streckung, nämlich dann, wenn die sprechenden Personen sich über Nichtigkeiten und Aspekte austauschen, die in keinem Bezug zur Handlung stehen. Darüber hinaus fällt auch die in vielen Szenen merkwürdige, etwas jazzige Popmusik auf, die sich mit eher bluesigen Tönen in ruhigen Momenten abwechselt. Die Kombination aus der nur begrenzt kreativ eingesetzten Kamera, den zum Teil belanglosen Dialogen und dieser Form der Musiknutzung erinnert frappierend an Fernsehserien der 70er- und 80er-Jahre wie eben zum Beispiel „Columbo“. Hier ist ein deutlicher Einfluss von Regisseur Roland Kibbee zu spüren, auch wenn dieser für das finale Ergebnis sicherlich nicht allein verantwortlich gemacht werden sollte.

Das Wiedererlangen der Männlichkeit

Nun, da wir die formalen Aspekte des Films, zumindest im Ansatz, analysiert haben, soll es um das dominierende Motiv von Lancasters und Kibbees Werk gehen. Hierbei fällt auf, dass „Der Mitternachtsmann“ ein enorm subjektiver Film ist, in dem uns nur in Ausnahmefällen Szenen gezeigt werden, in denen wir nicht der Hauptfigur des College-Nachtwächters Slade folgen. Ansonsten dreht sich das Krimidrama ausschließlich um den Protagonisten, wir haben es geradezu mit einem Psychogramm des Ex-Cops zu tun. Dabei ist es zunächst wichtig zu erfahren, warum Slade überhaupt im Gefängnis war. Begründet wird dies damit, Slade habe in einem Anfall von Eifersucht den Liebhaber seiner Frau erschossen, wofür er zu einem nicht näher bezifferten Aufenthalt im Gefängnis verurteilt wurde.

Der zweite wichtige Punkt ist generell der Job des Nachtwächters, der dem eines Polizisten ideell zwar recht nahe kommt, in dem sich jedoch nicht die Befugnisse und das gesellschaftliche Ansehen eines Polizisten vereinen. Dies wird besonders deutlich in Szenen, in denen Slade auf höhergestellte Menschen wie seine Bewährungshelferin und sein gleichzeitiges Love-Interest Linda (Susan Clark) oder auf andere Polizisten und in besonderer Weise dann auf den Senator und Vater des Mordopfers, Clayborne (Morgan Woodward), trifft. Hinzu kommt eine entscheidende Äußerung Slades. In einer Szene des Beisammenseins fragt Linda den Ex-Polizisten, warum er denn überhaupt Polizist werden wollte. Slade verweist auf den Berufsweg seines Vaters, der ebenfalls als Gesetzeshüter für den Staat tätig war. Das gewünschte Schicksal Slades orientiert sich also an dem seines Vaters, während ein Verfolgen eigener, davon losgelöster Motivationen keine Option darstellt. Wir haben es hier in gewisser Weise mit einer Form von ödipalem Konflikt zu tun, in dem es darum geht, den eigenen Vater stolz zu machen um so dessen Anerkennung zu gewinnen. Der Faktor, dass Slade nun nicht mehr als Polizist arbeitet, sondern lediglich den Job eines Nachtwächters ausführt, stellt hier im Freudschen Sinne die Kastration dar, genauso wie die sich im Seitensprung offenbarende sexuelle Unzufriedenheit seiner Ex-Frau. Das Lösen des Falles um das ermordete Mädchen drückt hierbei eine symbolische Rückkehr in den Beruf des Polizisten aus, in deren letzter Konsequenz sich die Rehabilitierung als Mann und somit die erneute Ausstattung mit dem Phallus vollenden soll.

Maskulinismus statt Feminismus

Dieses Motiv macht den Film als psychoanalytische Aufarbeitung einer Männlichkeitskrise durchaus interessant, wie er jedoch mit seinen Frauenfiguren umgeht, macht ihn allerdings rückschrittlich. Dies wird an der Darstellung der Bewährungshelferin Linda besonders ersichtlich. Diese wird von Slade in erster Linie als Objekt sexueller Begiere betrachtet, was dadurch sichtbar wird, dass er sie immer wieder danach fragt, ob sie einen Freund hat oder ob ein anderer Mann ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Die Motivationen Lindas selbst spielen für ihn nur eine geringe Rolle und müssen seinen eigenen Interessen untergeordnet werden. Zwar werden grundsätzliche emotionale Ausfälle des Protagonisten gegenüber Linda, wie zum Beispiel eine Ohrfeige, vom Film durchaus kritisch betrachtet und auch als Aspekt seiner Hilflosigkeit durch den Verlust der eigenen Männlichkeit dargestellt, ein generelles Hinterfragen, eine Verschiebung oder eine Gleichsetzung der Machtverhältnisse findet hier jedoch nicht statt. Man könnte auch sagen, dass hier der Maskulinismus, also die natürliche Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau und das Zurückbesinnen des Mannes auf seine Männlichkeit propagiert werden und das feministische Strömungen beziehungsweise hier Lindas individuelle Interessen, in dieser Welt über keinen Platz verfügen. So ist der Film leider nur als psychologische Studie von Slade interessant, ohne am Ende den entscheidenden letzten Schritt zu gehen und auch das Verhältnis von Mann und Frau auf intelligente Weise zu bearbeiten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Burt Lancaster haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. November 2019 als Blu-ray und DVD, 11. November 2010 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Midnight Man
USA 1974
Regie: Roland Kibbee, Burt Lancaster
Drehbuch: Roland Kibbee, Burt Lancaster, nach dem Roman „The Midnight Lady and the Mourning Man“ von David Anthony
Besetzung: Burt Lancaster, Susan Clark, Cameron Mitchell, Morgan Woodward, Harris Yulin, Robert Quarry, Joan Lorring, Lawrence Dopkin, Ed Lauter, Mills Watson, Charles Tyner, Catherine Bach
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Bildergalerie
Label 2019: explosive media
Vertrieb 2019: Koch Films
Label/Vertrieb 2010: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning

 

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Das letzte Ufer – Wenn die Welt stirbt

On the Beach

Von Volker Schönenberger

Endzeit-Kriegsdrama // Ein U-Boot auf hoher See. Der Kommandant Captain Dwight Lionel Towers (Gregory Peck) gibt in aller Ruhe die Befehle, stoisch befolgt seine Besatzung die Anweisungen, sein Wasserfahrzeug pflügt zuverlässig durch die Fluten.

Aufrechter Offizier: Captain Towers

Wir befinden uns im Januar 1964. Der Dritte Weltkrieg ist vorbei. Er ist mit Atomwaffen geführt worden – mit fatalen Folgen: Weite Teile der Erde und ihrer Atmosphäre sind nuklear verseucht, nach und nach erlischt das Leben.

Die radioaktive Wolke naht

In Australien erteilt Admiral Bridie (John Tate) Lieutenant Commander Peter Holmes (Anthony Perkins) den Befehl, sich als Verbindungsoffizier auf dem amerikanischen Atom-U-Boot U 623 „Schwertfisch“ von Captain Towers einzuschiffen, das in Williamstown vor Anker liegt. Das U-Boot soll mit einem Holmes und Towers vorerst nicht näher bekannten Erkundungsauftrag in See stechen. Der australische Offizier Holmes sorgt sich, ob er rechtzeitig wieder zu seiner Frau Mary (Donna Anderson) und dem gemeinsamen Baby zurückkehren wird. Dieses „rechtzeitig“ nennen die Australier offenbar „bis dahin“ – bis die von der nördlichen Hemisphäre heranziehende radioaktive Wolke auch die südliche Hemisphäre vollständig mit Tod und Verderben überzogen hat.

Der U-Boot-Kommandant schickt einen Mann auf Erkundung aus

Vor dem Auslaufen hat die Besatzung noch reichlich Gelegenheit, an Land das Leben zu genießen. Towers, dessen Frau und Kinder in den USA verblieben und längst tot sind, lernt über Holmes die lebenslustige Moira Davidson (Ava Gardner) kennen, die dem Alkohol zuspricht. Derweil stellen Wissenschaftler die These auf, Regen und Schnee könnten auf die Luft eine reinigende Wirkung haben. Auch, um das zu prüfen, sticht die „Schwertfisch“ schließlich in See. Captain Towers nimmt Kurs auf Kalifornien, weil von dort seltsame Morsesignale zu kommen scheinen. Hat in Nordamerika am Ende doch jemand überlebt?

Nach einer Romanvorlage von Neil Shute

1957 erschien der Roman „On the Beach“ des 1950 nach Australien ausgewanderten englischen Schriftstellers Neil Shute. Nur zwei Jahre später nahm sich Stanley Kramer des Stoffs an. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. Gemäß der Trivia der Internet Movie Database war der Autor als Kramers Berater mit an Bord, doch als er merkte, dass seine Ideen wenig Gehör fanden, beendete er seine Tätigkeit. Dem Vernehmen nach war er vom Resultat alles andere als angetan. Shute starb am 12. Januar 1960 kurz vor seinem 61. Geburtstag, nur wenige Wochen nach der Weltpremiere der Verfilmung seines Romans. Seine Vorlage wurde 40 Jahre später fürs Fernsehen erneut verfilmt, deutscher Titel: „USS Charleston – Die letzten Tage der Menschheit“.

Zurück in Moiras Armen

Regisseur Kramer drehte kurz danach mit „Wer den Wind sät“ (1960) und „Urteil von Nürnberg“ (1961) höchst bedeutsame Werke, das gilt auch für seine Rassismus thematisierenden Arbeiten „Flucht in Ketten“ (1958) und „Rate mal, wer zum Essen kommt“ (1967). Kramer macht aus Shutes Roman großes Starkino in endzeitlicher Atmosphäre. In einer Nebenrolle als Atomwissenschaftler Julian Osborne mit einem Hang zu Autorennen ist Fred Astaire zu sehen, für den „Das letzte Ufer“ nach einer erfolgreichen Karriere als Musical-Star der Wechsel ins ernsthafte Fach bedeutete.

Mal Melodram, mal Apokalypse

„Das letzte Ufer“ hat wechselnde Stimmungen zu bieten. Steht die aufkeimende Liebe zwischen Gregory Peck und Ava Gardner im Fokus, bekommen wir ein Melodram erster Güteklasse des klassischen Hollywoods geboten. Wenn das U-Boot die kalifornische Küste erreicht, gerät die Handlung beklemmend und tragisch – davon hätte ich mir etwas mehr gewünscht, aber bemerkenswert genug, dass Hollywood Ende der 1950er-Jahre ein derartiges Werk hervorbrachte. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, heißt es oft (etwa unter Fans abstiegsbedrohter Fußballclubs), aber bisweilen stirbt sie auch schon, wenn man das Ziel seiner Mission erreicht, etwa den Ausgangspunkt eines Morsesignals.

Mary und Peter Holmes müssen eine Entscheidung treffen

Für Gregory Peck war seine Mitwirkung als ausgewiesener Gegner von Atomwaffen Ehrensache. Seine Starpower bewahrte das Werk jedoch nicht davor, trotz positiver Rezeption an den Kinokassen zu floppen. Auch bei den 1960er-Oscars ging „On the Beach“ leer aus – nominiert war der Film ohnehin lediglich für den Schnitt und die Musik von Ernest Gold. Der hatte zuvor dafür immerhin einen Golden Globe erhalten.

Kein Bonusmaterial am Start

Die deutsche Blu-ray-Erstveröffentlichung kommt in anständiger Qualität daher, wobei sich in die deutsche Synchronisation immer mal wieder einzelne englischsprachige Passagen eingeschlichen haben. Nennenswertes Bonusmaterial auf der Disc gibt es leider keines. Grundsätzlich lobenswert, dass sich das Label HanseSound die Mühe gemacht hat, ein achtseitiges Booklet beizulegen. Schade nur, dass sich der Text auf von Wikipedia abgeschriebene Bio- und Filmografien von Gregory Peck, Ava Gardner und Stanley Kramer beschränkt, immerhin mit Quellenangabe. Ein Essay über den Film und dessen Entstehung wäre da die bessere Wahl gewesen, aber für einen Autor reichte offenbar das Budget nicht.

Hopp, hopp, hopp – Atomraketenstopp!

Ich mag Endzeitfilme unterschiedlicher Prägung, von billiger Exploitation bis zu hochkarätigen Szenarien mit Anspruch auf politisch-gesellschaftliche Relevanz. „Das letzte Ufer“ gehört zu den anspruchsvollen Beiträgen, ist auch heute noch sehenswert und angesichts des nach wie vor existierenden Arsenals von Atomwaffen relevant wie eh und je. Gänzlich ohne Kriegstote auskommend, ist das Werk recht glatt und weniger drastisch geraten als beispielsweise „The Day After – Der Tag danach“ von 1983. Rechnen wir es Hollywood dennoch hoch an, 1959 eine solch deutliche Botschaft gegen Atomwaffen in die Welt gesandt zu haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gregory Peck haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 6. Dezember 2019 als DVD, 22. November 2019 als Blu-ray, 13. Juni 2008 und 3. September 2007 als DVD

Länge: 133 Min. (Blu-ray), 128 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: On the Beach
USA 1959
Regie: Stanley Kramer
Drehbuch: John Paxton, nach einem Roman von Nevil Shute
Besetzung: Gregory Peck, Ava Gardner, Anthony Perkins, Fred Astaire, Donna Anderson, John Tate, Harp McGuire, Lola Brooks, Ken Wayne, Guy Doleman, Richard Meikle, John Meillon, Joe McCormick, Lou Vernon, Kevin Brennan
Zusatzmaterial 2019: Trailer, Booklet mit Biografien und Filmografien, Wendecover
Label 2019: HanseSound
Vertrieb 2019: Studio Hamburg Enterprises
Vertrieb 2007/2008: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2019 HanseSound / Studio Hamburg Enterprises

 
 

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Rhea M – Es begann ohne Warnung: Lastwagen auf Koks

Maximum Overdrive

Von Andreas Eckenfels

Horror-Action // Eine Menge Leute haben bereits Stephen-King-Geschichten verfilmt. Nun habe ich entschieden: Wenn es richtig gemacht werden soll, muss man es eben selbst machen! Mit diesen Worten erklärt Stephen King im Kinotrailer zu „Rhea M – Es begann ohne Warnung“, warum er zum ersten Mal Regie führen würde. In dem Clip steht der Horrorautor vor dem legendären Truck mit dem riesigen Green-Goblin-Gesicht auf dem Kühlergrill, zeigt einige Szenen aus dem Film und verspricht den Zuschauern und Zuschauerinnen mit manischem Blick: Ich werde euch zu Tode erschrecken! Es kam anders …

Die Technik spielt verrückt

Zu Beginn erklärt eine Texttafel – in der deutschen Fassung parallel ein Sprecher aus dem Off –, dass die Erde am 19. Juni 1987 um 9.47 Uhr in den Schweif des Kometen „Rhea M“ eingedrungen ist. Nach astronomischen Berechnungen wird der Blaue Planet für die nächsten acht Tage, fünf Stunden, 29 Minuten und 23 Sekunden unter dem Einfluss des mysteriösen Himmelkörpers stehen.

Diesen Mann kennen wir doch?

Die Auswirkungen sind auch in North Carolina zu spüren – doch die Bewohner haben natürlich keine Ahnung davon, dass Rhea M der Grund für die seltsamen Ereignisse ist, welche sich in der Hafenstadt Wilmington nun zutragen werden. Im ganzen Ort geraten technische Gerätschaften komplett außer Kontrolle – einige Maschinen wenden sich gegen ihre Besitzer und greifen sie an. Bei einem Unfall auf einer Zugbrücke kommt es zu ersten Todesopfern.

Im „Dixie Boy Truck Stop“ verbarrikadiert sich schließlich eine Gruppe von Menschen, darunter der Ex-Knacki Bill (Emilio Estevez), die Anhalterin Brett (Laura Harrington) und das frisch verheiratete Pärchen Curtis (John Short) und Conny (Yeardley Smith). Einige Lastwagen haben ebenfalls ein Eigenleben entwickelt und umkurven ununterbrochen die Raststätte. Eine Flucht vor den aufmerksamen Maschinen scheint unmöglich.

Einmal und nie wieder!

„Rhea M – Es begann ohne Warnung“, im Original „Maximum Overdrive“, basiert auf Stephen Kings Kurzgeschichte „Trucks“, die erstmals im Juni 1973 im US-Herrenmagazin „Cavalier“ veröffentlicht wurde. King erhielt 500 Dollar – damals für ihn eine Rekordsumme. Hierzulande ist die Geschichte unter anderem in der Sammlung „Nachtschicht“ erschienen. Einen Grund, warum die Lastwagen verrücktspielen, liefert King darin allerdings nicht. Der legendäre italienische Filmproduzent Dino De Laurentiis (1919–2010) hatte sich die Rechte gesichert und wollte, dass King das Drehbuch schreiben und eine mögliche Erklärung einbauen sollte. So ersann der Autor den Kometen Rhea M als Ursache und ließ sich schließlich von dem Produzenten auch überreden, den Film selbst zu inszenieren.

Wie lange ist der „Dixie Boy Truck Stop“ sicher?

Ein Fehler, wie der Horrormeister einige Jahre später auch eingesehen hatte: Ich war während der Produktion völlig zugekokst und ich wusste wirklich nicht, was ich tue. „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ ist ein dämlicher Film, die schlechteste Adaption meiner Arbeit, brachte er als Entschuldigung zu Protokoll. Nach dieser Erfahrung saß Stephen King nie wieder auf einem Regiestuhl.

Purer Horror? Purer Slapstick!

Die Maschine hat mich gerade Arschloch genannt! Warum „Maximum Overdrive“ so schlecht geworden ist, wird gleich in den Anfangsminuten klar: In seinem Gastauftritt wird Stephen King von einem Bankautomaten beschimpft, als ein Tankschlauch nicht funktionieren will, schaut ein verdutzter Herr direkt in den scheinbar defekten Zapfhahn – und wird dann mit Benzin bespritzt. Dann ist da noch der Baseballtrainer, der sich ein Getränk aus einem Automaten holen will und von der Dose direkt in die Weichteile getroffen wird. Gute Güte! Das sind alles ausgelutschte, klassische Slapstickeinlagen, die wahrlich niemanden zu Tode erschrecken. Darauf folgen einige skurille, teils in Zeitlupe gedrehte Autounfälle, die besser in einen Ableger von „Auf dem Highway ist die Hölle los“ („The Cannonball Run“, 1981) gepasst hätten als in eine King-Verfilmung. Später wundert man sich auch nicht darüber, dass der Rastplatz-Besitzer Hendershot (Pat Hingle) zufällig im Keller ein Waffenlager hat und die bedrohlichen Lastwagen im beschaulichen Wilmington mit einer Panzerfaust beschossen werden.

Immerhin sind die Opfer der Maschinen vom Make-up-Team recht ordentlich mit dickem Kunstblut eingeschmiert worden und selbst Kinder bleiben nicht verschont, etwa in der Baseballszene. Eine bereits abgedrehte Szene, in der ein Kind von einem Mähdrescher überrollt wird, wurde auf Anraten eines engen Freundes von Stephen King nachträglich entschärft: Horrormeister George A. Romero (1940–2017) meinte, dass diese Sequenz der amerikanischen Filmbewertungsstelle MPAA sauer aufstoßen und dem Film ein „X-Rating“ einbringen würde. Beide hatten bereits bei „Knightriders – Ritter auf heißen Öfen“ („Knightriders“, 1981) und „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ („Creepshow“, 1982) zusammengearbeitet. Es gehen auch nicht bestätigte Gerüchte um, Romero habe einige Szenen von „Maximum Overdrive“ gedreht, während Stephen King etwas zu viel Kokain in der Nase hatte.

Der Dreh kostete ein Auge

Der überforderte King hatte Glück, dass er einige weitere erfahrene Filmemacher an der Seite hatte: Stunt-Koordinator Glenn Randall Jr. arbeitete zuvor bereits mit George Lucas und Steven Spielberg zusammen und war auch für die Stunts von „Der Feuerteufel“ („Firestarter“, 1984) zuständig. Der italienische Kameramann Armando Nannuzzi (1925–2001) gehörte zu den Besten seiner Zunft. Er drehte unter anderem die Miniserie „Jesus von Nazareth“ („Jesus of Nazareth“, 1977), „Ein Käfig voller Narren“ („La cage aux folles“, 1978) und „Werwolf von Tarker Mills“ („Silver Bullett“, 1986). Allerdings ereignete sich während des Drehs zu „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ ein böser Unfall: Nannuzzi wurde von herumfliegenden Holzsplittern getroffen. Er verlor dadurch sein rechtes Auge. 1987 verklagte der Italiener Stephen King deshalb auf 18 Millionen Dollar Schadensersatz. Die Klage wurde außergerichtlich geklärt. Nannuzzi konnte dennoch weiterarbeiten und drehte seinen letzten Film 1998, die Komödie „Incontri proibiti“, bevor er in den Ruhestand ging.

Entfesselte Lastwagen belagern die Raststätte

Ebenfalls gute Arbeit lieferten die Setdesigner ab. Laut Stephen King verschlang der Bau des Rastplatzes das meiste Geld des Budgets, was sich auf insgesamt etwa zehn Millionen Dollar belief. Der „Dixie Boy Truck Stop“ wirkte so real, dass echte Truckfahrer daran anhielten, um eine Pause einzulegen. Die örtliche Zeitung berichtete darüber, und ein Jahr nach den Dreharbeiten erhielt Wilmington seinen eigenen Rastplatz. Ein anderer Kollege hatte mit seinem eigenen Film genug zu tun, sodass er King keine Ratschläge geben konnte: David Lynch drehte zum gleichen Zeitpunkt in Wilmington „Blue Velvet“ (1986) – ebenfalls produziert von Dino De Laurentiis. Nach Feierabend sollen sich Darsteller und Crewmitglieder beider Filme häufig zu ein paar Getränken getroffen haben.

Der Meister der Spannung erzeugt keine Spannung

Stephen King gelingt es in seinem Regiedebüt nie, einen Hauch von Spannung aufzubauen. Wie man eine Belagerungssituation, in der eine Gruppe von Überlebenden in einem engen Raum festsitzt, fesselnd inszeniert, zeigte etwa Regisseur Frank Darabont mit seiner King-Adaption „Der Nebel“ („The Mist“, 2007). Als Horrorkomödie funktioniert „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ auch nicht, dafür sind die Gags einfach zu plump.

Die Darstellerriege um Emilio Estevez kann hier auch nichts retten. Die Romanze zwischen seiner Figur Bill mit der von Laura Harrington gespielten Anhalterin Brett wurde wohl nur ins Drehbuch hineingeschrieben, um eine kurze Bettszene zu zeigen. Eine Chemie ist auch wegen der üblen Liebesdialoge zwischen beiden nicht vorhanden. Wie Stephen King einmal erzählte, wollte er ursprünglich auch einen ganz anderen Hauptdarsteller als Bill haben: die Rocklegende Bruce Springsteen. Doch daraus wurde nichts. Dino De Laurentiis wusste angeblich überhaupt nicht, wer Springsteen ist.

Auch Curtis und Conny geraten in Gefahr

Wenigstens konnte sich Stephen King einen anderen Traum erfüllen: Er überzeugte die Rocker von AC/DC davon, den Soundtrack zu „Maximum Overdrive“ zu übernehmen. Angeblich outete er sich vor Angus Young und Kollegen als großer Fan und sang ihnen „Ain’t No Fun (Waiting Round to Be a Millionaire)“ mit voller Inbrunst vor. Die Band nahm das Angebot lachend an. Daraus entstand ihr Album „Who Made Who“.

Stephen King erwähnte später den Titelsong und die Band auch in seinem Epos „The Stand – Das letzte Gefecht“. Darin scherzt Fran Goldsmith anspielend auf die ausgebrochene Seuche „Flu Made Who“ – doch ihr Vater Peter versteht die Verbindung nicht, da er kein AC/DC-Fan sei, wie Fran dem Leser mitteilt.

Trash-Perle mit Top-Bonusmaterial

Nicht nur aufgrund des Soundtracks hat „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ eine kleine Fangemeinde um sich gescharrt – auch wegen des absurden Humors gilt der King-Film vielen als echte Trash-Perle. Das umfangreiche Bonusmaterial, welches Koch Films für seine Mediabook-Veröffentlichung von der US-Scheibe von Lionsgate lizenzieren konnte, bietet mit Interviews, Audiokommentaren und Featurettes, etwa zum „Goblin Project“, viele weitere Anekdoten und Hintergründe zum Dreh dieses Machwerks, welches wirklich nur auf Koks entstehen konnte. Allerdings: 1997 wurde für das kanadische Fernsehen ein Remake gedreht, welches in Deutschland unter dem Titel „Trucks – Out of Control“ auf DVD veröffentlicht wurde. Dem Vernehmen nach soll es noch schlechter als Kings Original sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Bill plant die Flucht

Veröffentlichung: 10. Oktober 2019 als 3-Disc Special Edition im Mediabook (Blu-ray, DVD & Bonus-DVD) in zwei limitierten Covervarianten, 22. September 2006 und 20. August 2002 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Maximum Overdrive
USA 1986
Regie: Stephen King
Drehbuch: Stephen King, nach seiner Kurzgeschichte „Trucks“
Besetzung: Emilo Estevez, Pat Hingle, Laura Harrington, Yeardley Smith, John Short, Christopher Murney, Ellen McElduff, J.C. Quinn, Frankie Faison
Zusatzmaterial: Audiokommentar von King-Biograf Tony Magistrale und Michael Felsher, Audiokommentar von den Darstellern Jonah Ray und John Turek, deutscher Kinotrailer, englischer Kinotrailer, TV-Spots, Bildergalerie, Interview mit Produzentin Martha De Laurentiis, Interview mit Darstellerin Laura Harrington, Interview mit Darsteller Holter Graham, Interview mit Make-up-Artist Dean Gates, Featurettes: „Der Wilmington-Faktor“, „AC/DC“, „Das Goblin-Projekt“, Audiointerview mit Stephen King, Hinter den Kulissen, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Uwe Anton
Label/Vertrieb Mediabooks: Koch Films
Label/Vertrieb DVDs: Kinowelt Home Entertainment

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Koch Films

 

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