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Archiv für den Monat Oktober 2019

Horror für Halloween (XXXV) / George A. Romero (V): Zombie 2 – Das letzte Kapitel: Captain Rhodes und die Untoten

Day of the Dead

Von Volker Schönenberger

Dieser Text enthält ein paar Spoiler, seine Lektüre empfiehlt sich folglich im Anschluss an die Sichtung des Films.

Horror // Eine Frau (Lori Cardille) sitzt in einem hellen und kahlen Raum, wirkt resigniert. Ihr Blick fällt auf einen Kalender, der an der Wand hängt. Plötzlich dringen haufenweise dunkle Arme aus der Wand, greifen nach ihr. Sie schreckt auf, sitzt tatsächlich in einem Helikopter und hatte offenbar lediglich einen Albtraum. Doch die Realität ist ebenfalls ein Albtraum. Sarah, so ihr Name, fliegt mit dem Piloten John (Terry Alexander), dem Funker William McDermott (Jarlath Conroy) und dem sensiblen Soldaten Miguel (Anthony Dileo Jr.) über Florida, um Überlebende zu finden – Überlebende der weltweiten Auferstehung der Toten, die nach Menschenfleisch gieren. Der Helikopter landet in einer Stadt in Florida, doch Miguels Versuche, mit dem Megaphon andere auf sie aufmerksam zu machen, bleiben erfolglos.

Intensiver Prolog der Apokalypse

Diese Eingangssequenz, über die die Vorspann-Credits gelegt sind, gehört zu den intensivsten Szenen, die das Zombiegenre hervorgebracht hat. Während Miguel immer wieder Hello! Is anyone there?“ ruft, sehen wir verwüstete Straßenzüge – die Set-Designer haben ganze Arbeit geleistet. Im Eingang einer Bank hat sich ein fetter Alligator breitgemacht, an einer anderen Tür liegt ein Skelett. Anderswo flattern Geldscheine umher, die Schlagzeile einer Tageszeitung gerät ins Blickfeld: THE DEAD WALK! Und langsam, vom Lärm angelockt, kommen die Untoten aus ihren Löchern, überschwemmen die Straßen. Diese Sequenz wurde von John Harrison gedreht, der als „First Assistant Director“ und somit „Second Unit Director“ fungierte und obendrein auch den tollen Elektro-Score des gesamten Films beisteuerte.

Die vier fliegen zurück in ihren Unterschlupf, einen riesigen unterirdischen Militärkomplex inklusive Raketensilo. Ein Zaun rund um das Gelände hält die Zombies außen vor. Der Anblick der Menschen versetzt sie in Aufruhr, sodass Sarah zum Missfallen von Pilot John die Anweisung gibt, den Helikopter erst nachts aufzutanken. In dem Bunker haben sich Wissenschaftler unter dem Leiter Dr. Logan (Richard Liberty) und Soldaten verschanzt, um Zombies zu untersuchen und womöglich Lösungen gegen die Pandemie zu finden. Weil der Kommandant Major Cooper gerade gestorben ist, hat der so zynische wie übellaunige Captain Rhodes (Joseph Pilato) das Heft in die Hand genommen, der keine Sympathien für die Wissenschaftler und ihre Experimente empfindet. So nennt er Logan gern Dr. Frankenstein.

Fortsetzung von „Night“ und „Dawn“

Mitte der 1980er-Jahre war das Zombiegenre fest in der Hand von Trash, Exploitation und Comedy wie „Oase der Zombies“ („La tumba de los muertos vivientes“, 1982), „Re-Animator“ (1985) und „Verdammt, die Zombies kommen“ („The Return of the Living Dead“, 1985). Ohne diesen Werken die Existenzberechtigung absprechen zu wollen: Da passte es als Kontrast gut, dass George A. Romero mit „Day of the Dead“, so der Originaltitel, ein – kurzen Anflügen von Humor zum Trotz – überaus ernsthaftes Horrordrama abgeliefert hat, das seinesgleichen sucht. Gedreht in den US-Staaten Florida und Pennsylvania sowie in Pittsburgh, gilt das Werk als Fortsetzung von Romeros gleichermaßen herausragenden Regiearbeiten „Die Nacht der lebenden Toten“ („Night of the Living Dead“, 1968) und „Zombie“ („Dawn of the Dead“, 1978), spielt jedenfalls im selben Universum. Das darf auch für „Land of the Dead“ (2005) angenommen werden, obgleich Romero selbst die Eigenständigkeit des Films betont hat. Die qualitativ etwas abfallenden „Diary of the Dead“ (2007) und „Survival of the Dead“ (2009) hingegen scheinen mir in einer eigenen Welt angesiedelt zu sein.

Die Apokalypse lässt sich nicht mehr wegdiskutieren: Auf einen überlebenden Menschen kommen etwa 400.000 Untote, so eine Schätzung Dr. Logans. Einer der „Helden“ von „Day of the Dead“ ist zweifellos Bub (Sherman Howard), ein Zombie, den Logan an eine Wand gekettet hat und zu domestizieren versucht. Bub ist vielleicht der beliebteste Zombie der Filmgeschichte, hat sich zu einer Ikone der Untoten entwickelt. Danny Boyle zitierte ihn 2002 in „28 Days Later“. Regisseur George A. Romero gelang es 20 Jahre nach „Day of the Dead“ in „Land of the Dead“, mit dem vom American-Football-Athleten Eugene Clark verkörperten Tankwart-Zombie Big Daddy einen ähnlich charismatischen Untoten zu etablieren. Bub zeigt kindliche Neugier auf Gegenstände des täglichen Lebens wie einen Rasierer, einen Walkman mit Kopfhörer, über den er sogar Musik hört, und ein Buch – eine Taschenbuchausgabe von Stephen Kings „Salem’s Lot“ („Brennen muss Salem“).

Kein R-Rating? Dann gibt’s eben weniger Geld

In einer frühen Drehbuchfassung von „Day of the Dead“ war Bub Teil einer Einheit von Zombie-Soldaten, Rhodes deren Anführer. Das wäre ebenfalls interessant geworden, budgetbedingt konnte Romero sein Skript jedoch nicht in der Form umsetzen. Der Verleih United Film Distribution Company (UFDC) wollte ihm nicht die dafür veranschlagten 6,5 Millionen Dollar zur Verfügung stellen, sofern der Regisseur nicht zusicherte, den Gewaltgrad auf einem so moderaten Niveau zu halten, dass der Film ein R-Rating erhalten würde. Danach stand Romero überhaupt nicht der Sinn, ihm schwebte vor, seinen Film dem Prüfgremium der Motion Picture Association of America (MPAA) gar nicht vorzulegen, mithin als „Unrated“ in die Lichtspielhäuser zu bringen, was minderjährige Zuschauer vom Kinobesuch ausschloss und somit die Einnahmen reduzierte. Das Risiko wollte die UFDC nicht eingehen und stellte Romero daher mit 3,5 Millionen Dollar lediglich etwas mehr als die Hälfte des für die Umsetzung des ersten Skripts erforderlichen Budgets zur Verfügung.

Dieses ursprüngliche Drehbuch kann sogar online eingesehen und heruntergeladen werden. Ein weiterer Entwurf pendelte sich bei kalkulierten Kosten von 4,7 Millionen Dollar ein, Romero musste also erneut straffen. Schließlich entstand ein räumlich begrenztes Horrordrama, dessen Geschehen sich mit Ausname des oben beschriebenen Prologs und eines kurzen Epilogs ausschließlich in dem unterirdischen Gewölbe abspielt und dadurch phasenweise Kammerspiel-Charakter annimmt – ein ganz anderer Film, als dem Drehbuchautor und Regisseur ursprünglich vorgeschwebt hatte. Gleichwohl hat er mit dem Resultat seinen Frieden gemacht, zählte ihn gar zu den Favoriten seiner Filmografie. Als unterirdische Anlage diente ein Kalkbergwerk in Pennsylvania. Romero perfektioniert hier das im Genre oft anzutreffende Motiv vom Menschen, der des Menschen Wolf sei, letztlich gegenüber den Zombies womöglich die größere Bedrohung. Überdeutlich wird hier seine Kritik am Soldatentum. … letztlich ist der Filme eine antimilitaristische Parabel. Bemerkenswert erscheint der eigenwillige Zombie Bub, der große Teile seiner menschlichen Vorexistenz erinnert und genauso mit der Waffe umgehen kann wie er auch vor den Militärs salutiert. (…) Das ist der Beginn der Revolte der Untoten, die den apathischen Zustand überwinden, um so zum Zeichen des Aufbruchs zu werden. Der Zombie selbst ist der Held dieser Revolte. Die beschworene Apokalypse ist nur der Umschlagspunkt einer Welt, in der die Toten die Lebenden bereits abgelöst haben. So Marcus Stiglegger in seinem lesenswerten Text „Die Wiederkehr der Verdrängten – George A. Romeros Zombies als politische Metapher“, zu finden im 2018 veröffentlichten Essay-Band „Grenzüberschreitungen – Exkursionen in den Abgrund der Filmgeschichte“. Der deutlich zur Schau gestellte Antimilitarismus des Films ist umso bemerkenswerter, als wir uns 1985 mitten in der Reagan-Ära befinden. Das reaktionäre Gedankengut jener Zeit hielt auch in den Kinos Einzug, wie an der Popularität solch revanchistischer „Helden“ wie Braddock (Chuck Norris) in „Missing in Action“ (1984) und Sylvester Stallones Rambo in „Rambo II – Der Auftrag“ (1985) und „Rambo III“ (1988) unschwer zu erkennen ist (der erste „Rambo“ von 1982 zeichnete John Rambo noch deutlich differenzierter). „Day of the Dead“ bildet in der Hinsicht einen willkommenen und wichtigen Gegenpol, entwickelte aber aufgrund des mäßigen Zuschauerstroms an den Kinokassen seinerzeit leider nur geringes Gewicht.

Das Ende der Zivilisation

Ein Happy End ist nicht zu erwarten und wird folgerichtig nicht geliefert, obgleich nicht alle Menschen am Ende tot sind. Es würde auch keinen Sinn ergeben. Das untote Verhängnis lässt sich längst nicht mehr aufhalten, den im Bunker verbarrikadierten Überlebenden gelingt es zu keinem Zeitpunkt, Kontakt zu anderen Menschen herzustellen. Die zum Zerreißen angespannte Stimmung zwischen Wissenschaftlern und Soldaten läuft zwangsläufig auf eine Eskalation hinaus. „Day of the Dead“ ist von Anfang bis Ende düster und ironiefrei, gar nihilistisch. Der bei den Menschen im Bunker zu beobachtende Rückfall in die Barbarei bedeutet unausweichlich das Ende der Zivilisation.

Die von Lori Cardille in ihrer bekanntesten Rolle verkörperte Sarah steht in einer Linie mit Barbra (Judith O’Dea) in „Die Nacht der lebenden Toten“ und Francine (Gaylen Ross) in „Zombie“. Während Barbra in Panik zu keiner vernünftigen Handlung fähig ist und letztlich in einem inzestuösen Motiv von ihrem Bruder Johnny (Russell Streiner) gemeuchelt wird, gelingt es Francine immerhin, ums Überleben zu kämpfen und sich als Schwangere im Einkaufszentrum so gut es geht einzurichten, bis auch dort das Inferno losbricht. Sarah ist sogar noch stärker, auch wenn die Forschung, an der sie sich beteiligt, zum Scheitern verurteilt ist. Aber sie bietet dem brutalen Alphatier Rhodes die Stirn und lässt sich nicht unterkriegen, was speziell in einigen Szenen mit dem Soldaten Miguel deutlich wird, der ihr Freund und stets dem Nervenzusammenbruch nah ist. Ob George A. Romero diese geradezu feministische Entwicklung seiner drei Protagonistinnen bewusst oder unbewusst ersonnen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht hat ihn einfach der Zeitgeist beeinflusst.

Flucht in die Karibik

Zwar fungiert Sarah als Hauptfigur, ebenso interessant erscheint jedoch der Blick auf den Piloten John. Ein Schwarzer erneut, wie Ben (Duane Jones) in „Die Nacht der lebenden Toten“ und Peter (Ken Foree) in „Zombie“. John stammt von den Westindischen Inseln, was einen Bogen schlägt zur ursprünglich im Voodoo angesiedelten Mythologie der Zombies. Der Pilot schaut sich das Zerwürfnis zwischen Wissenschaftlern und Soldaten aus der Distanz an. Er sieht keinen Sinn darin, das Wesen der Untoten zu ergründen oder sie gar zu domestizieren. We don’t believe in what you’re doing here, Sarah äußert er ihr gegenüber zu Beginn eines denkwürdigen Monologs, obgleich er Sympathie für sie empfindet. Er und der Funker William glauben nicht an das, was Sarah tut. John sieht seinen Aufenthaltsort als gigantischen Grabstein der Menschheit, versehen mit einer Grabinschrift, für die sich niemals jemand interessieren wird, womit er auf die Unmengen an Akten und Mikrofilme anspielt, die die Erbauer des Bunkers dort eingelagert haben. Sarah trägt ihm zufolge mit ihrer Arbeit nur dazu bei, all dem Papiermaterial nur neue Akten hinzuzufügen – obendrein sinnlose: And I’ll tell you what else, you ain’t never figure it out. Just as they never figured out why the stars are where they are. Sarah und ihrer Wissenschaftler-Kollegen würden nie herausfinden, wie es dazu gekommen sei, ebensowenig wie die Menschheit herausgefunden habe, weshalb sich die Sterne dort befinden, wo sie sich befinden. Ihre Arbeit sei Zeitverschwendung – und das ist sie tatsächlich. John gibt ihr sogar eine Erklärung für die Zombies mit auf den Weg, die ebenso gut sei wie jede, die sie zu finden vermöge: We’ve been punished by the creator. He visited a curse on us, so we might get a look at what hell was like. (…) Maybe he just wanted to show us he was still the boss man. Vielleicht ist die Auferstehung der Toten tatsächlich eine Strafe des Schöpfers, der ihnen zeigen wollte, wie es denn wohl in der Hölle zugehe. Vielleicht wollte er ihnen einfach zeigen, dass er immer noch der Boss ist. Es stellt keine gewagte Annahme dar, dass in Johns Worten George A. Romeros Haltung zur Welt und zum Weltgeschehen ihren Ausdruck findet.

Nicht zuletzt aufgrund seiner wütenden und lauten Stimmlage klar als Hauptbösewicht zu identifizieren und vom im März 2019 leider im Alter von 70 Jahren verstorbenen Joseph Pilato mit viel Verve verkörpert, gehört Captain Rhodes in die erste Reihe der großen Schurken des Zombiefilms. Pilato hatte übrigens eine kleine Sprechrolle im Vorgänger „Zombie“: Er spielte einen Polizeioffizier, der mit ein paar Kumpanen eine Polizeistation plündert (in der US-Kinofassung nicht enthalten, im Argento-Cut aber zu finden). Über die Jahre kam unter Fans der Gedanke auf, es könne sich schon bei der Figur um Rhodes gehandelt haben, der in der Zeit zwischen den Handlungen beider Filme zur Armee gegangen sei. Meines Wissens hat George A. Romero dies nie kommentiert, es bleibt also spekulativ. Ich halte die Besetzungspersonalie für Zufall.

Dr. Logan – Dr. Frankenstein

Allerdings sind auch die Wissenschaftler auf der anderen Seite nicht automatisch die Guten – im Gegenteil: Logan gibt sich zwar gegenüber Zombie Bub gönnerhaft, macht aber keinen Hehl daraus, dass er das Sagen hat. Romero zeigt ihn als Sklavenhalter, der seine Geschöpfe in Ketten hält und Kunststückchen lernen lässt, wie Rhodes nicht zu Unrecht anmerkt. Wenn die Soldaten in einem abgetrennten Abschnitt des Gemäuers andere Untote mit Stöcken und Schlingen um den Hals fangen, erinnert das sicher nicht zufällig daran, wie Sklaven gefangen werden. Beim Blick in die Augen einiger Zombies kann durchaus Mitgefühl aufkommen, in diesen Momenten sind die wahren Monster andere. Logan ist ein typischer „Mad Scientist“, der seinen untoten Versuchskaninchen menschliche Überreste zum Knabbern vorsetzt und offenbar auch vor Mord nicht zurückschreckt, wenn es denn seinen Forschungen dient. Dazu passt gut, dass Rhodes Logan wiederholt als Dr. Frankenstein bezeichnet. Bub erinnert in seiner Tragik tatsächlich ein wenig an die Kreatur in Mary W. Shelleys Roman „Frankenstein oder der moderne Prometheus“.

Lässt sich die Monroeville Shopping Mall in „Zombie“ als Tempel der Konsumgesellschaft interpretieren, die Romero damit auf ironische Weise zur Schau stellte, so dient der Bunker in „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ als deren Grabstein (nach Paul R. Gagne: The Zombies that Ate Pittsburgh – The Films of George A. Romero, New York City 1987). Am Ende haben sich John, William und Sarah mit Müh und Not per Helikopter gerettet, die letzte Szene zeigt das Trio auf einem Strand. Der Gedanke liegt nahe, dass sie sich auf einer – von Florida ja gut erreichbaren – Karibikinsel befinden, mithin nicht mehr auf dem von Zombies und anderen Barbaren zerfetzten US-Festland. Beginn eines besseren Daseins, gar des Aufbaus einer neuen Gesellschaft? Ein illusorischer Gedanke.

Splatter von Tom Savini und Greg Nicotero

Bis es zum Finale exzessiv wird, gibt sich „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ zurückhaltend, was blutiges Gemetzel angeht. Wenn dann aber Make-up-Effekt-Guru Tom Savini von der Leine gelassen wird, geht es in die Vollen, und wir bekommen einige der besten Splatter-Sequenzen zu sehen, die der Horrorfilm hervorgebracht hat. Wer das Ende von Rhodes vor Augen hat, wird mir wohl zustimmen. Savini wurde assistiert von Greg Nicotero, der sich im Sektor der Make-up-Effekte seitdem selbst einen großen Namen gemacht hat, beispielsweise den Zombiekreis mit seiner Arbeit für die Serien „The Walking Dead“ und „Fear the Walking Dead“ geschlossen hat und heute für Großproduktionen wie Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ (2015) und James Camerons „Alita – Battle Angel“ (2019) verpflichtet wird.

Lose an Romeros Regiearbeit angelehnt, kann Steve Miners „Day of the Dead“ (2008) mit Mena Suvari und Ving Rhames nicht wirklich als Remake bezeichnet werden. Das gilt schon eher für „Day of the Dead – Bloodline“ (2018), beide Filme verbindet allerdings die Tatsache, dass sie weit hinter Romeros Geniestreich zurückbleiben. Um es deutlich zu verkünden: „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ ist ein Meisterwerk. Damals von der zeitgenössischen Filmkritik gemischt aufgenommen und an den Kinokassen nicht besonders erfolgreich, hat sich „Day of the Dead“ im Lauf der Jahre über die Video-Auswertungen einen hohen Status erarbeitet und im Zombiegenre völlig zu Recht weit nach vorn geschoben. In Ranglisten mit den besten oder wichtigsten Horrorfilmen der 1980er-Jahre müsste Romeros Regiearbeit zu finden sein.

Indiziert und beschlagnahmt

An deutschen Veröffentlichungen herrscht kein Mangel, die meisten davon sind aber leider zensurbedingt geschnitten. Um Uncut-Fassungen zu identifizieren, lohnt sich wie gewohnt der Blick auf den Eintrag bei den Kollegen von Schnittberichte. Da einige Versionen des Films nach wie vor gerichtlich beschlagnahmt sind, nenne ich keine bestimmten Veröffentlichungen. Nach heutigen Maßstäben erscheinen Indizierung und Beschlagnahme völlig überzogen, und ich bin überzeugt davon, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis beide aufgehoben werden. Das muss aber erst einmal jemand angehen – ein Publisher, der die deutschen Vermarktungsrechte erworben hat und somit ein berechtigtes Interesse daran hat, das Werk sowohl vor Gericht als auch bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien von den Fesseln der Zensur zu befreien. Dies ist dem Label Koch Films 2019 ja bereits mit Romeros Vorgänger „Zombie“ sowohl in puncto Beschlagnahme als auch bezüglich der Indizierung gelungen. Wer weiß, ob Koch dasselbe nicht auch mit „Day of the Dead“ vorhat? Bei dem Label wäre der Film jedenfalls gut aufgehoben, wobei mir auch ein paar andere vorbildliche Publisher einfallen, die für einen solchen Genre-Klassiker in Frage kommen. Einstweilen genügen mir meine beiden 2-Disc-Editionen (jeweils mit Blu-ray und DVD) vom vorbildlichen englischen Label Arrow Video – eine im weißen Schuber, eine im Steelbook. Natürlich reicht an sich eine anständige Fassung eines Films, bei ausgesprochenen Lieblingsfilmen gönne ich mir bisweilen auch mal weitere Versionen. Insofern bin ich gespannt, ob in absehbarer Zeit ein deutsches Label, dem ich wohlwollend gegenüberstehe, die Rechte erwirbt und den mühsamen Weg beschreitet, „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“ unzensiert mit FSK-Freigabe zu veröffentlichen. In dem Fall gönne ich mir vielleicht sogar eine dritte Edition des Werks. Warten wir’s ab.

Lesenswerte Literatur, aus der ich einige wertvolle Anregungen gezogen habe:

1. Marcus Stiglegger: Die Wiederkehr der Verdrängten – George A. Romeros Zombies als politische Metapher, in: Grenzüberschreitungen – Exkursionen in den Abgrund der Filmgeschichte, Berlin 2018.
2. Jovanka Vuckovic: Zombies! An Illustrated History of the Undead, Lewes (Grafschaft East Sussex) 2011.
3. Calum Waddell: For Every Dawn There Is a Day or Why George A. Romero Would Never Direct a Rambo Movie, in: Booklet der 2-Disc Edition (Blu-ray & DVD) von „Day of the Dead“, Arrow Video, Shenley (Grafschaft Hertfordshire) 2010.
4. Jamie Russell: Book of the Dead – The Complete History of Zombie Cinema, Godalming (Grafschaft Surrey) 2005.
5. Frank Koenig: Dawn of the Dead – Anatomie einer Apokalypse – George A. Romero und seine Zombie-Trilogie, Hille (Kreis Minden-Lübbecke) 2002.
6. Detlev Klewer: Zombie Chronicles, Hille (Kreis Minden-Lübbecke) 2000.
7. Manfred Knorr / Frank Martens (Chefredakteur & Stellvertreter): Zombies – Die Legende der lebenden Toten (Sonderheft der Zeitschrift Moviestar), Hille (Kreis Minden-Lübbecke) 1994.
8. Paul R. Gagne: The Zombies that Ate Pittsburgh – The Films of George A. Romero, New York City 1987.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von George A. Romero sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

US-Premiere: 30. Juni 1985
Bundesdeutscher Kinostart: 20. August 1987
Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: diverse von FSK 16 bis ungeprüft
Originaltitel: Day of the Dead
USA 1985
Regie: George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero
Besetzung: Lori Cardille, Terry Alexander, Joseph Pilato, Jarlath Conroy, Anthony Dileo Jr., Richard Liberty, Sherman Howard, Gary Howard Klar, Ralph Marrero, John Amplas, Philip G. Kellams, Taso N. Stavrakis, Greg Nicotero
Produktion: Laurel Entertainment Inc. / Dead Films Inc. / Laurel Day Inc.
US-Verleih: United Film Distribution Company

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Horror für Halloween (XXXIV) / Lucio Fulci (II): Über dem Jenseits – Nie war der Italo-Zombie besser

…E tu vivrai nel terrore! L’aldilà

Von Volker Schönenberger

Horror // Im Jahr 1927 begibt sich eine Schar Männer im US-Staat Louisiana in zwei Ruderbooten und mit Autos zu einem abgelegenen Hotel. Dort arbeitet der Maler Schweick (Antoine Saint-John) gerade an einem Gemälde. Die Eindringlinge schnappen ihn sich und schlagen ihn zusammen, reißen mit Ketten tiefe Wunden in seinen Leib. Schweick warnt sie noch: Das Hotel sei über einem der sieben Tore zur Hölle erbaut, nur er könne sie retten. Doch die Männer hören nicht auf ihn und kennen keine Gnade: Der Künstler wird als vermeintlicher Schwarzmagier in den Keller gezerrt, dort an die Wand genagelt und mit ungelöschtem Kalk übergossen – er stirbt einen entsetzlichen Tod. Und während wir sehen, wie sich sein Gesicht langsam zersetzt, setzt der stimmungsvolle Synthie-Score von Fabio Frizzi ein,

Keine Gnade vor Bundesprüfstelle und Gericht

Trotz der zurückhaltenden Sepia-Kolorierung dieses Prologs sind die blutigen Splattereffekte der Attacke auf den Maler von der heftigen Sorte. Das und andere Szenen während der Haupthandlung war den deutschen Sittenwächtern und Zensoren in den 1980er-Jahren erwartungsgemäß zu derbe – es hagelte Indizierungen und Beschlagnahmungen, sogar noch weit bis ins aktuelle Jahrzehnt hinein. Ob sich beizeiten ein Rechteinhaber an die Aufgabe begibt, „Über dem Jenseits“ von den Fesseln der Zensur zu befreien? Der Trend geht zwar dorthin, wie anhand etlicher vormals indizierter oder gar beschlagnahmter Klassiker der 70er und 80er zu beobachten ist, aber da die jüngsten Indizierungen von Fulcis Regiearbeit von 2016, 2017 und 2018 datieren und die letzte Beschlagnahme von 2010, könnte der Gang durch die Institutionen und Instanzen schwierig werden.

Wie auch immer, die Haupthandlung setzt 1981 ein. Die junge Liza Merrill (Catriona MacColl) hat das Hotel geerbt und will es wieder in Betrieb nehmen. Die Renovierungsarbeiten sind bereits in vollem Gange, als ein Maler vom Baugerüst fällt, weil ihn durchs Fenster zwei leere Augen angestarrt haben. Ein Klempner stirbt im Keller einen grausamen Tod, als er eine Wand aufmeißelt und plötzlich eine Hand sein Gesicht packt. Derweil trifft Liza auf die blinde Emily (Sarah Keller), die sie vor dem Gebäude warnt und dringend dazu rät, das Hotel nicht wieder zu eröffnen.

Viel mehr als im Fahrwasser von George A. Romero

Nach George A. Romeros wegweisendem „Zombie“ („Dawn of the Dead“, 1978) kamen speziell in Italien die Epigonen und Kopisten aus ihren Löchern, beginnend immerhin mit einem herausragenden Werk: Lucio Fulcis „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ („Zombi 2“, 1979), internationaler Titel: „Zombie Flesh Eaters“. Fulcis Zombiefilme dürfen dann auch guten Gewissens als würdige Nachfolger angesehen werden, was auch für „Ein Zombie hing am Glockenseil“ („Paura nella città dei morti viventi“, 1980, internationaler Titel: „City of the Living Dead“) gilt. „Über dem Jenseits“, hierzulande auch als „Die Geisterstadt der Zombies“ bekannt, gilt vielen als Fulcis bester Zombiefilm, und das nicht zu Unrecht. In der Folge seiner mit extremen Gewaltspitzen gespickten Untoten-Schocker bezogen sich einige Regisseure sogar eher auf Fulci als auf Romero.

Bei „Über dem Jenseits“ entsteht der Eindruck, Fulci habe seine bisherigen Exzesse unbedingt übertreffen wollen. Allein schon die Ermordung des Malers im Prolog sucht ihresgleichen. Make-up-Künstler Giannetto De Rossi („Das Leichenhaus der lebenden Toten“, „High Tension“), zuvor schon bei „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ von der Leine gelassen, kennt kein Pardon, was die Zurschaustellung tödlicher Gewalt angeht. Auch ein tödlicher Spinnenangriff ist zu bewundern, von dessen Sichtung ich Arachnophobikern nur dringend abraten kann.

Storytelling? Logik? Drauf gepfiffen!

Der lose rote Faden um Liza, die nach und nach herausfindet, was es mit ihrer Erbschaft auf sich hat, reißt immer wieder auf. Storytelling gehörte nie zu Fulcis Kernkompetenzen, auch „Über dem Jenseits“ beweist das in aller Deutlichkeit. Folgerichtig scherte er sich beim Einbau der Gewaltszenen auch nicht um Fragen der Logik oder nachvollziehbares Verhalten einzelner Figuren – Hauptsache, er konnte mit einem Höchstmaß an Atmosphäre seinen Exzessen frönen. Auch seine „Signature“-Einstellung kommt zum Tragen – ein bedauernswertes Opfer, das quälend langsam zum grausamen Todesstoß gedrückt oder gezogen wird. Erinnern wir uns an den Holzsplitter in „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ und den Bohrer auf der Werkbank in „Ein Zombie hing am Glockenseil“. In „Über dem Jenseits“ ist das ein langer Nagel, der aus der Wand ragt.

Am Rande erwähnt sei auch die Schauspielkunst, die bestenfalls Durchschnitt erreicht – auch das typisch für Fulci, der selten mit renommierten Akteuren im Cast arbeiten konnte und auch nicht in der Lage oder willens war, seine Darstellerinnen und Darsteller zu Höchstleistungen anzutreiben. Auf Dialogregie lag Fulcis Fokus jedenfalls nicht. Kann man den fragmentarischen Charakter und die mangelnde Logik im Sinne sauberen Storytellings mit Fug und Recht kritisieren, so trägt beides doch gewaltig dazu bei, eine albtraumhafte Stimmung zu erzeugen, die aufgeschlossene Zuschauer unweigerlich tief in ihren Bann zieht. Wer träumt schon eine runde Geschichte? Beispielhaft genannt sei eine Szene aus dem Finale, als zwei Personen in einem Krankenhaus von Zombies verfolgt werden, durch eine Tür und eine Wendeltreppe hinab entkommen und sich plötzlich im Keller des Hotels wiederfinden. Ich entsinne mich an Fieberträume, in denen mir ähnliche Ortswechsel widerfahren sind. Dazu passt auch, dass die Story eher in Richtung Okkultismus geht und nicht darauf abzielt, als Endpunkt eine Zombie-Invasion zu zeigen, auch wenn sich die Zahl der Untoten peu à peu steigert und es womöglich am Ende doch dazu kommt. Die Zombie-Apokalypse, so sie sich denn manifestiert, interessierte Fulci gar nicht, denn wir erfahren nicht, ob sie sich über das Hotel und das Krankenhaus hinaus Bahn brechen wird. Ihm geht es um das Tor zur Hölle und das Fegefeuer. „Über dem Jenseits“ unterscheidet sich dann auch fundamental von „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“, dem – bei allem dem Film zu Recht gebührenden Respekt – Fulci-Schnellschuss nach Romeros „Zombie“. In einigen Sequenzen tauchen plötzlich Untote auf, sind bald darauf aber wieder verschwunden. Der oben erwähnte Spinnenangriff kommt aus heiterem Himmel daher, was ihn ausgelöst hat, erfahren wir nicht. Zum Stirnrunzeln? Mag sein, aber auch großartig. Dass schon im Prolog das okkulte Book of Eibon auftaucht, fügt „Über dem Jenseits“ eine gehörige Prise H. P. Lovecraft hinzu, was aber nicht dazu beiträgt, die Rätselhaftigkeit aufzulösen.

Centerpiece der „Gates of Hell“-Trilogie

Fulci steht auch voll dazu, sich nicht um Logik und Story geschert zu haben, wie er in einem Interview äußerte: Es ist ein Film ohne Plot: ein Haus, Leute, und Tote, die aus dem Jenseits erscheinen. Es gibt darin keine Logik, sondern nur eine Aneinanderreihung von Motiven. (aus einem Interview, das Robert Schlockoff, Chefredakteur des französischen Magazins „L’Ecran Fantastique“, geführt hat, welches das englische Magazin „Starburst“ im August 1982 abgedruckt hat – online findet sich eine Abschrift davon.) Heute wird „Über dem Jenseits“ als Mittelteil einer sogenannten „Gates of Hell Trilogy“ oder auch „Gothic Trilogy“ Lucio Fulcis gesehen – eingerahmt von „Ein Zombie hing am Glockenseil“ und „Das Haus an der Friedhofsmauer“ („Quella villa accanto al cimitero“, 1981, internationaler Titel: „The House by the Cemetery“). In Kombination mit dem Vorgänger „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ haben wir es mit einem Quartett zu tun, das völlig zu Recht als Spitze des italienischen Zombiefilms gilt.

„Über dem Jenseits“ hat geradezu Arthouse-Qualitäten, auch wenn das in Deutschland die FSK, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sowie diverse Staatsanwälte und Richter anders sehen. Ich würde mich über eine reguläre deutsche Veröffentlichung der ungeschnittenen Fassung mit FSK-Freigabe freuen, halte sie noch für unwahrscheinlich – aber wer weiß? Zum Glück hat das englische Label Arrow Video Fulcis Meisterwerk in zwei Referenz-Editionen veröffentlicht, einmal im für Arrow typischen weißen Schuber mit Wendecover für vier Plakatmotive, einmal im Steelbook, jeweils mit Blu-ray und DVD (siehe Fotos). Das Booklet beider Versionen ist identisch, wenn man von den unterschiedlichen Covern absieht. Darin finden sich eine Einführung durch den Regisseur Eli Roth („The Green Inferno“) und zwei Essays des schottischen Filmpublizisten Calum Waddell.

Mehr Atmosphäre geht nicht

Gut möglich, dass ich „Über dem Jenseits“ anlässlich dieses Textes überhaupt erst zum zweiten Mal gesichtet habe – angesichts der Vielzahl der Zombiefilme verschwimmt die Erinnerung. Jedenfalls war ich von Beginn an wieder von der bizarren Atmosphäre des Films gefesselt, und auch wenn ich beim Schauen nach möglichen Kritikpunkten gesucht habe, weil ich eine differenzierte Betrachtung schreiben wollte, so kann ich doch nur bekräftigen, dass all die Logiklöcher tatsächlich ohne Belang sind. Fulci hat das erreicht, was seine erklärte Absicht war. Das muss man als an herkömmlichen Narrationsstrukturen interessierter Filmfan nicht mögen – ich stehe aber drauf, wenn dabei ein so außergewöhnliches Werk herauskommt wie im Falle von „Über dem Jenseits“. Danach hätten die italienischen Zombiefilmer eigentlich einpacken können.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Lucio Fulci sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: …E tu vivrai nel terrore! L’aldilà
Altenative deutsche Titel: Die Geisterstadt der Zombies / Eibon – Die 7 Tore des Schreckens
Internationaler Titel: The Beyond
IT 1981
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Dardano Sacchetti, Giorgio Mariuzzo, Lucio Fulci
Besetzung: Catriona MacColl, David Warbeck, Cinzia Monreale, Antoine Saint-John, Veronica Lazar, Larry Ray, Giovanni De Nava, Al Cliver, Michele Mirabella, Giampaolo Saccarola, Maria Pia Marsala, Laura De Marchi

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Horror für Halloween (XXXIII): Insel der verlorenen Seelen – Verstörendes im „Haus des Schmerzes“

Island of Lost Souls

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Aus dem Hochsee-Nebel taucht der Frachter „Covena“ auf. Ein Schiffbrüchiger wird gerettet und an Bord geholt. Edward Parker (Richard Arlen) hatte sich an Bord eines anderen Schiffs befunden, das gesunken ist. Sein vermeintliches Glück im Unglück: Die „Covena“ steuert die Südee-Insel Apia an, auch sein Ziel. Dort will Parker seine Verlobte Ruth Thomas (Leila Hyams) heiraten. Das Schiff transportiert im Auftrag des geheimnisumwitterten Dr. Moreau (Charles Laughton) etliche wilde Tiere verschiedener Arten, die dem Doktor bei einem Zwischenstopp mitten auf See übergeben werden sollen. Per Schiffskran werden die Tiere von der „Covena“ auf Moreaus Schoner gehievt. Weil sich Parker kurz zuvor mit Kapitän Davies (Stanley Fields) angelegt hatte, wirft der ihn kurzerhand über Bord auf das andere Schiff.

Edward Parker trifft auf fremdartige Kreaturen

Widerwillig, aber freundlich nimmt Dr. Moreau seinen neuen Passagier mit auf seine eigene Insel und gewährt ihm dort Gastfreundschaft in seiner Privatklinik. Der Wissenschaftler stellt seinem Gast die schöne Lota (Kathleen Burke) vor, deren freundliches Wesen mit einer merkwürdigen geistigen Schlichtheit einhergeht. Als Parker schließlich bemerkt, dass die Forschungsarbeit seines Gastgebers aus ethisch höchst fragwürdigen Experimenten besteht und er offenbar Menschen und Tiere gleichermaßen als Versuchskaninchen für grausame Zwecke missbraucht, flieht er aus der Klinik. Kurz darauf findet er sich unter fremdartigen Kreaturen wieder, menschenähnlichen Wesen mit animalischen Charakteristika. Was geht auf der Insel vor? Und was hat es mit Dr. Moreaus „House of Pain“ auf sich?

Bela Lugosi ganz haarig als Verkünder der Gesetze

Bela Lugosi! Jawohl auch der „Dracula“-Darsteller tritt prominent in Erscheinung. Allerdings ist er kaum zu erkennen, da sich sein Gesicht hinter starker Behaarung verbirgt. Die Make-up-Crew hat nicht nur bei ihm ganze Arbeit geleistet, die auch heute noch Respekt abringt. Lugosi gibt den „Sayer of the Law“ („Verkünder der Gesetze“), einen Affenmenschen, der die wilde Horde von „Beast Men“ („Tiermenschen“) führt, die allesamt unter der strengen Knute von Dr. Moreau stehen. Charles Laughton verkörpert diesen frühen filmischen „Mad Scientist“ mit Inbrunst und in blasierter Kultiviertheit. Sein Dr. Moreau ist geradezu die Personifizierung des verrückten Wissenschaftlers, wobei Verrücktheit gar nicht mal seine hervorstechendste Eigenschaft darstellt. Viel nachhaltiger wirkt auf uns Zuschauerinnen und Zuschauer seine Skrupellosigkeit, die tatsächlich heute noch fassungslos macht. Do you know what it feels to feel like god? Die Frage, wie es sich anfühle, sich wie Gott zu fühlen, stellt er seinem Gast Edward Parker in voller Ernsthaftigkeit; und in der Tat gebärdet er sich gegenüber den Kreaturen auf der Insel wie ein Gott. Der „liebe“ Gott des Alten Testaments war ja ebenfalls mit großer Skrupellosigkeit gesegnet, aber das nur am Rande. Ob Gott oder nicht, gegenüber Laughtons Schauspielkunst verblassen zwangsläufig alle anderen Darstellerinnen und Darsteller.

Grausliche Experimente

Fragen nach Verantwortung und Hybris der Wissenschaft stellen sich bei „Insel der verlorenen Seelen“ nicht, gar zu monströs ist Moreaus Wirken. Wie genau seine Operationen und Vivisektionen zu Resultaten führen, erfahren wir nicht, das erscheint auch als richtige Entscheidung, da die Ergebnisse allzu absurd anmuten – was aber der Wirkung keinen Abbruch tut. Ob damalige Kinogängerinnen und -gänger das Gezeigte für machbar gehalten haben? Die Ergebnisse von Moreaus Experimenten und Operationen sind auch nach heutigen Maßstäben grauslich. Und mögen sie auch unrealistisch sein, ganz und gar nicht weltfremd ist es, uns Menschen grausamste Versuche mit unseresgleichen zuzutrauen, wie etwa die Menschenversuche in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und das Wüten der Einheit 731 der Kaiserlich Japanischen Armee in der Mandschurei nachdrücklich belegen.

„Freaks“ und „Graf Zaroff“ lassen grüßen

In Verbindung mit der formidablen Ausleuchtung und dem damit einhergehenden Licht-und-Schattenspiel entfaltet sich wahrer Horror in dem Panoptikum mutierter Wesen, die bisweilen aus dem Gehölz auftauchen und dem nichts Böses ahnenden Zuschauer direkt ins Gesicht starren. Tod Brownings „Freaks“ aus demselben Jahr kam mir während der Sichtung von „Insel der verlorenen Seelen“ in den Sinn. Beide Werke dürften auf das Kinopublikum der 1930er-Jahre eine vergleichbar verstörende Wirkung gehabt haben. Mit seinem auf eine Insel begrenzten Setting und dem sinistren Herrn der Insel erinnert der Film auch an „Graf Zaroff – Genie des Bösen“, ebenfalls aus dem Produktionsjahr 1932.

Bilder vom „Sunrise“-Kamerapionier Karl Struss

In den Bildern verschwimmen die Grenzen zwischen Studiokulissen und Außen-Drehorten. Kein Wunder, denn mit Karl Struss findet sich dann auch ein echter Könner als Kameramann, der als einer der Wegbereiter der Technik und Handhabung von Filmkameras in Hollywood gilt und nicht umsonst 1929 für seine Arbeit an F. W. Murnaus „Sonnenaufgang“ mit dem Oscar prämiert wurde – bei der ersten Oscar-Verleihung überhaupt. Bis 1942 war Struss drei weitere Male nominiert: 1932 für „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, 1934 für „Im Zeichen des Kreuzes“ und 1942 für „Aloma, die Tochter der Südsee“.

Drehort Santa Catalina Island

Die Außenaufnahmen entstanden auf Santa Catalina Island vor der kalifornischen Küste. Die Insel diente ein paar Jahre später auch als Drehort für „Meuterei auf der Bounty“ (1935), bei dem Charles Laughton ebenfalls in tragender Rolle zu sehen ist. Auch Teile des Horror-Trashfilms „Sand Sharks“ (2012) sind dort entstanden.

Pre-Code in Reinkultur

1932 existierte der Hays-Code zwar schon, die darin gelisteten Vorgaben zur Produktion von Filmen, die dem vermeintlichen sittlichen Empfinden der Gesellschaft nicht schaden sollten, waren für die Hollywood-Studios aber noch nicht verbindlich, eher als freiwillige Selbstverpflichtung zu verstehen. Demzufolge ließ sich die Traumfabrik in der Zeit bis zur Verbindlichwerdung dieses Zensurwerks in den sogenannten Pre-Code-Filmen häufig zu etwas deutlicheren Andeutungen und Darstellungen von Sexualität und Gewalt hinreißen, auch wenn viele Szenen nach heutigen Maßstäben harmlos erscheinen mögen. „Insel der verlorenen Seelen“ wartet mit einigen Motiven auf, die in Zeiten des Hays-Codes nicht mehr durchgegangen wären, etwa die Andeutung sexueller Verlockungen zwischen Edward Parker und Lota, die nach 30er-Jahre-Maßstäben umso skandalöser wirkt, da es sich um einen Weißen und eine Polynesierin handelt und Lota zudem gar … aber ich will nicht spoilern. Zum Finale werden wir Zeuge einer versuchten Vergewaltigung durch eine animalische, nur halb menschliche Kreatur, und Dr. Moreaus Grausamkeit mit der Peitsche und am OP-Tisch ist natürlich alles andere als Hays-kompatibel, von seinem blasphemischen Auftreten als „Gott der Insel“ ganz zu schweigen. Mit der Zensur durch empörte Moralwächter hatte „Insel der verlorenen Seelen“ dann auch ordentlich zu kämpfen. In Schweden beispielsweise wurde die Aufführung 1933 untersagt, desgleichen im Vereinigten Königreich, dort sogar mehrfach bis in die 1950er-Jahre hinein. Auch in Nazi-Deutschland verhinderte die Obrigkeit, dass das Kinopublikum den Film zu sehen bekam. Wurde er in Deutschland überhaupt je irgendwann gezeigt, etwa im Fernsehen? Hinweise dazu nehme ich gern per Kommentar entgegen.

Nach dem Roman von H. G. Wells

„Insel der verlorenen Seelen“ bildet die erste Verfilmung des 1896 veröffentlichten Romans von H. G. Wells („Die Zeitmaschine“). Zwei weitere folgten ihr deutlich später: 1977 mit „Die Insel des Dr. Moreau“ mit Burt Lancaster in der Titelrolle, 1996 mit John Frankenheimers „D.N.A. – Experiment des Wahnsinns“ mit Marlon Brando als Dr. Moreau. Beide Adaptionen tragen im Original denselben Titel wie die Romanvorlage: „The Island of Dr. Moreau“.

Gibt es eine Rettung von der Insel?

Den Trivia der IMDb zufolge mochte Wells „Island of Lost Souls“ nicht, weil der Horror zu sehr über die philosophischen Aspekte seiner Geschichte dominierte. Die Filmhandlung unterschlägt auch bedeutsame Aspekte des Romans, etwa zur gesellschaftlichen Struktur der Kreaturen. Eine kritische Meinung steht dem Romanautor natürlich zu, wir hingegen können konstatieren: Regisseur Erle C. Kenton („Frankenstein kehrt wieder“, „Draculas Haus“) hat mit „Insel der verlorenen Seelen“ ein Meisterwerk des frühen Tonfilm-Horrorgenres geschaffen.

Erst 2019 in deutsche Heimkinos

Der Film hat es in Deutschland erst im August 2019 im Rahmen der „Classic Chiller Collection“ des Labels Ostalgica ins Heimkino geschafft. Da mir die Edition nicht vorliegt, kann ich darüber nichts äußern. Referenz-Veröffentlichungen kommen einmal mehr vom US-Label The Criterion Collection sowie in der „The Masters of Cinema Series“ des englischen Labels Eureka Entertainment. Eureka hat den Titel nicht nur im herkömmlichen Softcase veröffentlicht, sondern auch als überaus attraktiv aufgemachtes Steelbook. Beide Varianten enthalten den Film auf Blu-ray und DVD, ein 32-seitiges Booklet mit vielen Fotos und einem lesenswerten Text des englischen Publizisten Kim Newman rundet das Gesamtpaket vorzüglich ab.

Dass sich nur wenige deutschsprachige Texte zu „Insel der verlorenen Seelen“ im Netz finden, lässt vermuten, dass der Film hierzulande weniger bekannt ist, als er es verdient hat. An sich nehme ich genug Filmfreunde mit Interesse an uralten Horror- und Science-Fiction-Stoffen wahr, diese müssten sich die Finger nach dem Werk lecken. Vielleicht gelingt es der Ostalgica-Veröffentlichung, „Insel der verlorenen Seelen“ die gebührende Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charles Laughton und Bela Lugosi sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 9. August 2019 als 3-Disc Classic Chiller Collection (Blu-ray & 2 DVDs)

Länge: 73 Min. (Blu-ray), 70 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Island of Lost Souls
USA 1932
Regie: Erle C. Kenton
Drehbuch: Waldemar Young, Philip Wylie, nach dem Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ von H. G. Wells
Besetzung: Charles Laughton, Bela Lugosi, Richard Arlen, Leila Hyams, Kathleen Burke, Arthur Hohl, Stanley Fields, Paul Hurst, Hans Steinke, Tetsu Komai, George Irving
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bodo Traber, Matthias Künnecke & Gerd Naumann, „Trailers from Hell“ mit John Landis, englischer Originaltrailer, Bildergalerie, Audio-CD mit Hörspiel nach H. G. Wells: „Die Insel des Dr. Moreau“
Label: Ostalgica
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Aushangmotive & Packshot Classic Chiller Collection: © 2019 Ostalgica

 

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