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Archiv der Kategorie: Rezensionen

Rogue – Im falschen Revier: Wenn der Mensch ans andere Ende der Nahrungskette rutscht

Rogue

Von Volker Schönenberger

Horror // Irgendwo im Northern Territory Australiens stapft ein wilder Wasserbüffel zum Fluss, um zu trinken. Ein tödlicher Fehler: Ein Krokodil schnellt aus dem Wasser hervor und zieht das Tier in die Tiefe. Kurz darauf ist wieder Ruhe eingekehrt.

Bootstour in Krokodil-Gewässer

Der amerikanische Reisejournalist Pete McKell (Michael Vartan) trifft in der Region ein, um im Kakadu-Nationalpark an einer Bootstour teilzunehmen. Reiseleiterin Kate Ryan (Radha Mitchell) weiß einiges über die dort beheimateten Salzwasserkrokodile zu berichten, die größte lebende Krokodilart. Trotz einer Begegnung mit den beiden ungehobelten Einheimischen Neil (Sam Worthington) and Collin (Damien Richardson) verläuft die Fahrt geruhsam. Als der Teilnehmer Everett (Robert Taylor) ein Leuchtsignal erblickt, beschließt Kate, ein paar Meilen weiter flußaufwärts zu schippern, um zu prüfen, ob jemand Hilfe benötigt.

Die Reisegruppe gelangt auf diese Weise ins Revier eines großen Krokodils, das die Eindringlinge als willkommene Beute ansieht und sogar das Boot attackiert. Weil es dadurch leckschlägt, sieht sich Kate gezwungen, es auf einer kleinen Insel mitten im Fluss stranden zu lassen. Das Eiland erweist sich geradezu als Silbertablett, auf welchem die Menschen dem Krokodil als Festmahl serviert werden. Und da es sich um einen Tide-Fluss handelt, steigt bald das Wasser …

Aus dem selben Jahr wie „Black Water“

Im Vergleich zu dem launigen „Lake Placid“ (1999), den ich auch sehr mag, erweist sich „Rogue – Im falschen Revier“ als ironiefreier Tier-Horror-Schocker. Die Spannung zieht nach dem eher ruhigen Intro spürbar an, beizeiten besteht die Gefahr schweißnasser Handflächen, erst recht, als die Nacht anbricht. Der Plot ist simpler Survival-Horror im Outback, und mehr braucht es in diesem Fall auch nicht. Das hat „Rogue – Im falschen Revier“ mit „Black Water“ aus dem selben Jahr gemein, ein weiterer sehenswerter australischer Kroko-Reißer. Die Gefahren, denen die Reisegruppe ausgesetzt ist, wirken auch nicht überkonstruiert, sondern denkbar. Und da die Salzwasserkrokodile tatsächlich überaus gefährlich sind, wirkt das Geschehen sogar authentisch, wenn auch dramaturgisch natürlich zugespitzt, besonders zum Finale hin. Illustriert wird das Geschehen von einigen ansprechenden Natur-Aufnahmen.

Deutschland noch ohne Unrated-Fassun

Etwas verwunderlich, dass „Rogue – Im falschen Revier“ hierzulande noch nicht auf Blu-ray verfügbar ist. Zum einen hat der Kroko-Schocker durchaus seine Fans – und das völlig zu Recht –, zum anderen saß immerhin Greg McLean auf dem Regiestuhl, der sich im Horrorgenre nicht zuletzt dank „Wolf Creek“ (2005) und „Wolf Creek 2“ (2013) sowie deren Serien-Umsetzung (ab 2016) einen guten Namen gemacht hat. Obendrein spielt sogar „Wolf Creek“-Finsterling John Jarratt mit. Wenn schon Studiocanal keine HD-Veröffentlichung vorlegt, hätte ich doch gedacht, dass sich eines der zahlreichen Mediabook-Labels des Films annimmt, zumal Kinowelt seinerzeit für die deutsche DVD lediglich die R-Rated-Fassung des Films lizenziert hatte. Die knapp sechs Minuten längere Unrated-Fassung enthält zwar laut Schnittbericht keine zusätzlichen Gewalt- oder Splatterszenen, sondern Naturaufnahmen und Dialogsequenzen, dürfte aber erfahrungsgemäß auf Interesse stoßen. Die Nachfrage nach einer schmucken limitierten Edition wird somit gegeben sein. Verdient hätte es „Rogue – Im falschen Revier“ allemal. Zuletzt hatte Alexandre Aja dem Kroko-Horror mit „Crawl“ (2019) neues Leben eingehaucht. Aber auch der Blick zurück lohnt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Greg McLean haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 9. September 2008 als DVD

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rogue
AUS 2007
Regie: Greg McLean
Drehbuch: Greg McLean
Besetzung: Michael Vartan, Radha Mitchell, Sam Worthington, John Jarratt, Caroline Brazier, Stephen Curry, Celia Ireland, Heather Mitchell, Geoff Morrell, Damien Richardson, Robert Taylor, Mia Wasikowska, Barry Otto
Zusatzmaterial: Making-of, Spezialeffekte-Featurette, Fotogalerie, Trailer
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment (Kinowelt)

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Deutscher Packshot: © 2008 Studiocanal Home Entertainment

 

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The Nightingale – Schrei nach Rache: Girl meets „Boy“ mal anders

The Nightingale

Von Tonio Klein

Drama // Oder Rape and Revenge, Rachewestern, Historiendrama? Ein Schuss Horror auch noch gefällig? Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Clare (Aisling Franciosi), irische Strafgefangene in der australischen Kolonie im Jahre 1825, zahlt einen hohen Preis dafür, dass sie mit ihrem Mann und nun auch einem Baby scheinbar frei in einer Hütte leben kann. Die Papiere zur endgültigen Entlassung, die ihr nach jahrelangen Arbeitsleistungen ihres Mannes zustehen, verweigert ihr Leutnant Hawkins (Sam Claflin), und es ist klar, was er dafür will: Sex. Nicht aus Liebe, sondern zur Demonstration der Überlegenheit. Darum kommt es auch zum unfreiwilligen Sex, nennen wir es beim Namen: zur Vergewaltigung. Ihrem Mann rät Clare zur Besonnenheit, aber irgendwann läuft eine Begegnung der jungen Familie mit Hawkins und seinen Spießgesellen so aus dem Ruder, dass Baby und Mann am Ende tot sind. Nun sinnt Clare auf Rache …

Clare als Freiwild …

„Rape and Revenge“, das ist ein Genre, um das ich eigentlich einen Bogen mache, weil die feministische Attitüde mir oft nur vorgeschoben scheint, um Gewalt, Gegengewalt und ein voyeuristisches Ausschlachten dessen, wogegen man zu sein vorgibt, in aller Scheußlichkeit zu zelebrieren. Aber, wie „Deadline – Das Filmmagazin“ schon geschrieben hat, „The Nightingale – Schrei nach Rache“ ist so viel mehr. Die australische Regisseurin Jennifer Kent arbeitet sich an der Geschichte ihres Landes ab, hat den historischen Zeitkolorit penibel recherchiert und einfangen lassen. Die Soldaten und die meisten der eingewanderten Zivilleute sind wirklich ein Drecksvolk, aber Kent ist nicht so simpel, die guten Unterdrückten gegen die bösen Unterdrücker zu stellen. Macht und eine angebliche naturgegebene Überlegenheit eingetrichtert zu bekommen, korrumpiert eben. Und selbst unsere Heldin Clare ist eine ambivalente Figur. Die eine Gruppe der Unterdrückten (Frauen) ist nämlich mit einer anderen (schwarze Ureinwohner) keinesfalls solidarisch. Clare wagt also zwecks Verfolgung den Ritt in die Wildnis, und dafür braucht man einen einheimischen Führer. Pferd und Gewehr ihres Mannes sind das Einzige, was ihr von ihm geblieben ist. Obwohl Clare „die andere Seite“ doch kennt, nennt sie ihn, der doch mit „Billy“ einen Namen hat (Baykali Ganambarr), wie selbstverständlich nur „Boy“ und behandelt ihn auch so.

… und als Jägerin

Der recht lang geratene Film nimmt sich behutsam Zeit für die Figurenentwicklung und hat neben den anfänglichen Geschehnissen nur eine Gewaltspitze, die indes tatsächlich heftig geraten ist und mitursächlich für die mangelnde Jugendfreigabe gewesen sein dürfte. Aber auch diese zeigt sehr deutlich, dass Rache nicht ein Endpunkt sein kann, dass sie Clare nicht befriedigt, dass sie Clare und Billy erneut zu entfremden droht, weil er und sie selbst über ihre Wut erschrecken. Und Opfer ist derjenige aus der Truppe, der sich als Einziger geschämt hat und seine (dadurch natürlich nicht entschuldigte) Tat reflektiert. Der Film geht danach noch eine lange Zeit weiter, und er wird plumpe Gewalt-Antworten nicht parat haben – falls er überhaupt Antworten hat. Kitsch wird man vergeblich suchen.

Billy ahnt, welch Zorn in Clare steckt

Eine (Wieder-)Annäherung von Clare und Billy ist erahnbar, aber diese ist keine klassische Liebesgeschichte. Es sei denn, man betrachtet es als Liebe, wenn zwei Menschen einander auch für des anderen Kultur und Lebensumstände die Augen öffnen. Dass dies den Soldaten nicht gelingt, lässt sie erst zu Schurken werden. Auch wenn eine derartige Gesellschaftsordnung für manch geborenen Sadisten ein Geschenk sein mag, sehen wir hier eher Personen, die zum Sadismus wie die Jungfrau zum Kinde gekommen sind. Selbst beim Hauptschurken Hawkins ist klar, dass er immer noch jemanden im Rang über sich hat und genauso Beherrschter wie Herrscher ist. So wie alle Soldaten, wofür bezeichnend ist, dass ein Teil der Gewalt auch innerhalb dieser Gruppe stattfindet. Hawkins’ wichtigstes Ziel ist dann auch, eine Beförderung zu ergattern. Bereits jetzt hebt sich der Schänder in Uniform von den Schindern in Uniform optisch ab. Dem Hamsterrad kann er dennoch nicht entkommen.

Schinder in Uniform

In dem an interessanten Nebenfiguren reichen Film wird die Frage, ob sich der Mensch frei zwischen Macht und Gewissen entscheiden kann, auch anhand der Figur eines vielleicht zehnjährigen Jungen verhandelt. Hawkins nimmt ihn sozusagen unter seine Fittiche, will ihm die Kultur der „Oberschicht“ beibringen, zum Beispiel Alphabetisierung und Umgang mit Waffen. Hauptsächlich will er ihn lehren, so zu werden wie er, auf dass der Junge Gefangene mit einer Pistole in Schach halte, über Leben und Tod entscheide und einmal auch selbst einen Mann erschieße. Ob ihm das gelingt, steht immer hart auf der Kippe. Wir alle sind dieses Kind, das sich entscheiden müsste, und der Film stellt unbequeme Fragen, ohne bequeme Antworten zu geben.

Schänder in Uniform

Nicht zuletzt zeigt sich „The Nightingale“ in seinen Gestaltungsmitteln meisterhaft. Zunächst einmal lohnt der Genuss des Originaltons. Das immer distinguiert, aber hier auch kalt klingende britische Englisch der Kolonialherren, die Sprache der Ureinwohner, der irische Akzent, wenn Clare mit Briten spricht und das Gälisch, wenn sie anfänglich mit ihrem Mann spricht. Dass die Untertiteler das englische „sodomite“ (hier: abfällig für einen Mann, der mit Männern verkehrt) fälschlich mit „Sodomit“ übersetzt und ansonsten wenige Kommafehler eingebaut haben – geschenkt.

Lieder als Wurzeln des Entwurzelten

Stimmen und Sprache sind auch wichtig, weil das Drama, was mir sehr sympathisch ist und nahegeht, ein Weiteres wirkmächtig einsetzt: Musik. Hier meist als Solo-Gesang, einmal nur zart von einer Fiedel begleitet. Clare verzückt zunächst die Truppen durch ihre anrührenden Gesangskünste und wird auch später noch singen, sehr sacht und versunken, wobei ein Liedtext auch zu der titelgebenden Nachtigall etwas zu sagen hat. In ihren wie in den Gesängen Billys, die man jeweils als Volksmusik im Wortsinne bezeichnen kann, kommt etwas so scheinbar Altmodisches und hier doch so Wichtiges wie Heimat zum Ausdruck. Billy ist zum Ausgestoßenen im eigenen Land geworden, Clare ist schon Fremde und Ausgestoßene, Billy sagt zunächst immer voller Wut: „You are England“, sie nicht minder trotzig: „I am Ireland.“ Nicht das Adjektiv, sondern das Land nennen sie. Die Personen stehen auch für die Herkunft, die man ihnen genommen hat. Und sie zeigen in dieser anfänglichen Szene auch, wie sich zwei auf unterschiedlichem Gebiet Diskriminierte beharken können, wer denn nun die größere Arschkarte gezogen hat. So viel zu „Boy“. Billy singt ebenfalls, eher gegen Ende, eher, wenn er nicht zuletzt mit seinem spirituell angehauchten Gesang von seiner Kultur künden kann, für die Clare nun offen ist und mit der er ihr sogar eine Hilfe sein kann. Was übrigens beginnt mit einem Mittel, welches er ihr zwecks Einmassieren der Brüste mixt, weil Clare noch nicht abgestillt hatte und wir zwei Mal ihre an entsprechender Stelle feuchte Kleidung sehen. Das ist etwas, das gleichsam intim, aber eben doch ein ganz natürliches Problem ist, und es ist gut, dass Kent es ehrlich anspricht und dabei sehr zurückhaltend inszeniert. Voyeurismus geht anders!

Höher statt weiter: entsättigte Farben im 4:3-Format

Die Bilder der australischen Wildnis sind beeindruckend, aber auch eher natürlich als erzwungen prachtvoll. Im Gegensatz zu einem Farbverstärkungs-Trend im Mainstreamfilm hat dieser Streifen etwas entsättigte Farben. Und er hat etwas heutzutage sehr Ungewöhnliches: das gute alte 4:3-Bildformat, bei dem also rechts und links Schwarzbalken sind. Das findet man nur noch in Filmen wie „Das blaue Zimmer“ oder in Streifen, die bewusst eine alte Filmzeit heraufbeschwören („The Artist“ oder sogar 1:1,19 in „Der Leuchtturm“). In einem Film wie diesem, der doch einen Teil seines Reizes aus Landschaften bezieht, erstaunt die Entscheidung. Aber Kent scheint sehr genau zu wissen, was sie da tut. Gesichter sind ja sowieso höher, als sie breit sind. Und vor allem Bäume sind es. Die Kamera zeigt auch jenseits der Bildformatwahl, dass dieser Film in die Höhe statt in die Breite gestaffelt ist. Die Natur (mit der Billy sowieso verbunden ist und mit der Clare sich verbinden muss, um überhaupt durchzukommen) spielt neben Clare, Billy und Hawkins die vierte Hauptrolle. Immer wieder geht die Kamera in die Höhe und zeigt die Stämme, Äste und Zweige gen Himmel. Auch der Weg von Verfolgern und Verfolgten führt einmal über einen steilen Pass. Selbst wenn das schließlich erreichte Plateau prächtig ist und einen Panorama-Blick bietet, der sicherlich cinemascopewürdig wäre, geht es dem Film um etwas anderes: wieder herunterzukommen. Hawkins wäre hier ohne seinen „Boy“ (den er selbstverständlich bis zum Ende so nennen wird) völlig verloren, möchte nur wieder herunter, auf die andere Seite, in der die Stadt und die Beförderung auf ihn warten. Für ihn ist die Natur Bedrohung. Für Clare Gefahr, Pein und Chance zugleich. Wenn der Film ihre Perspektive einnimmt, ist Natur, meist bei Nacht, weniger realistisch, stattdessen in allegorischer Schönheit (und Bedrohlichkeit) gefilmt. Wolken, Vollmond, Äste und Zweige, die sich fast als abstrakte Muster zeigen, manchmal dornig, manchmal spitz wie ein Speer, manchmal peinigend, so wie Clare in solchen Nacht(mahr)szenen auch immer Mann und Kind vor sich sieht. Dabei sind die doch im Himmel. Der Himmel ist fern. Da ist ein hohes statt ein breites Bild wirklich passend!

Was blieb: Pferd und Gewehr

Selbst noch in scheinbar beiläufigen Kadrierungen gelingt dem Film eine Meisterschaft in der Mise-en-scène. Im letzten Drittel sind Clare und Billy schon so eine Art Team. Einmal sehen wir sie Seite an Seite einen Weg entlanggehen, die Kamera zeigt erst die Oberkörper, dann die Beine, aber das Bild ist immer kurz über oder unter den Händen abgeschnitten, sodass man diese nicht sieht. Ich hatte mich immer gefragt, ob die beiden nun schon Händchen halten oder nicht, und es ist gut, dass „The Nightingale“ dies nach meinem Eindruck bewusst in der Schwebe hält. Eine schöne und garantiert nicht kitschige Auflösung dieser Frage wird es an anderer Stelle geben. Und wenn in der Schlussszene ein Sonnenaufgang als Kontrast zu Vollmondszenen und als Kontrast zur gesamten vorherigen Ästhetik steht, verrät Kent ihren Ansatz keinesfalls. Es folgt dann nach einem Blick auf Clares Gesicht recht überraschend der Abspann. Dieses Gesicht lädt ein, ihre Geschichte weiterzudenken, so wie überhaupt manche Großaufnahme fast schon „unfilmisch“ voll frontal die Protagonisten zum Zuschauer zu blicken lassen scheint. Dabei schonungslos Gefühle wie zum Beispiel Tränen offenbarend, aber immer noch mehr Rätsel dahinter aufgebend. So auch am Ende. Vielleicht hatte gerade deswegen „Deadline“ geschrieben, dass dieser Film noch lange nachwirkt.

Gepeinigt

Veröffentlichung: 25. Juni 2020 als Limited 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 136 Min. (Blu-ray), 131 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Nightingale
AUS 2018
Regie: Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Besetzung: Aisling Franciosi, Sam Claflin, Baykali Ganambarr, Michael Sheasby, Claire Jones, Damon Herriman, Harry Greenwood, Eloise Winestock, Ewen Leslie, Maya Christie, Addison Christie
Zusatzmaterial: Trailer, nur Mediabook: Booklet
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & Mediabook-Packshot: © 2020 Koch Films

 

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First Love – Vaterprobleme

Hatsukoi

Von Lucas Gröning

Actionkrimi // Welche ist die erste Liebe, die einem Menschen im Leben begegnet? Ist es die unendliche Liebe der Eltern, des Vaters und der Mutter? Ist es die Selbstliebe, welche eben nicht auf einen anderen Menschen zu beziehen ist? Ist es dann doch die Liebe zu einer anderen Person, welche in keinerlei Verwandtschaftsverhältnis zu einem selbst steht? Oder ist es eine materielle Liebe, die Liebe zu Geld oder einem besonders wichtigen Gegenstand? Und was ist mit der Liebe zu einer Tätigkeit, beispielsweise einem bestimmten Sport oder dem Sehen von Filmen? Fragen über Fragen und ganz genau beantworten will sie auch Takashi Miike nicht, dessen neuer Film den programmatischen Titel „First Love“ trägt.

Yuri ist auf der Flucht

Der japanische Regisseur ist bereits seit fast 20 Jahren im Filmgeschäft tätig. Zu seinen bekanntesten Regiearbeiten zählen „13 Assassins“ (2010), „Ichi the Killer“ (2001) und „Audition“ (1999). All diese Filme eint eine durchaus kontroverse Rezeptionshistorie, ist Miike doch dafür bekannt, besonders brutale Filme zu kreieren und sich somit von einem Mainstream-Publikum abzuwenden. Zugleich zeigt der Japaner die Gewalt in weiten Teilen seiner Werke derart übertrieben, unrealistisch und fast karikaturesk, dass sie den Zuschauenden eher unterhält, als ihn abzuschrecken. Hier erinnert Miike zum Beispiel an Quentin Tarantino, welcher die Brutalität in seinen Filmen auf ähnliche Weise überspitzt. Auch „First Love“ stellt sich in diese Tradition und weiß sein Publikum mit einer hohen Anzahl brutaler Bilder zu unterhalten, ohne dass die Gewalt in diesen Szenen derart unerträglich wird, wie man sie beispielsweise aus der Reihe des „New French Extremism“ kennt. Viel mehr wird sie in eine Ästhetik übersetzt, die einen eher humoristischen Charakter hat und die Rezipienten somit nicht zum Wegschauen, sondern zum Lachen bringen soll. Mit dem ähnlichen Ansatz, das Thema Gewalt zu bearbeiten, hören die Paralellen zwischen Miike und Tarantino jedoch nicht auf, ähnelt doch gerade „First Love“ dramaturgisch stark einem der ersten Drehbücher des US-Amerikaners.

Wahre Romantik

„First Love“ spielt in Kabukichō, einem vor allem als Rotlichtviertel bekannten Stadtteil des Bezirks Shinjuku in Tokio. Im Zentrum des Geschehens steht zunächst der junge Boxer Leo (Masataka Kubota), welcher, neben seiner Tätigkeit im Ring, in einem chinesischen Restaurant arbeitet. Eines Tages bricht Leo bei einem Boxkampf auf unerklärliche Weise zusammen, um danach von einem Arzt zu erfahren, dass in seinem Gehirn ein Tumor angewachsen ist und er nur noch kurze Zeit zu leben hat. Gezeichnet von der Todesbotschaft und geprägt von einem damit einhergehenden Nihilismus schlägt er in einer Art Trance einen Mann mit seiner Faust bewusstlos, welcher ein junges Mädchen verfolgt – Yuri, oder wie sie auch genannt wird: Monica (Sakurako Konishi). Yuri arbeitete bis zu diesem Zeitpunkt als Callgirl und Prostituierte – sie wurde dazu gezwungen, um die Schulden ihres Vaters abzubezahlen, welcher sie außerdem vergewaltigte, als sie ein kleines Kind war. Dazu wird sie von dem Yakuza Yasu (Takahiro Miura) und dessen Freundin Julie (Rebecca Eri Rabone, kurz Becky) gefangen gehalten.

Die Polizei verfolgt das Mädchen …

Als Yuri nach einiger Zeit in einen Drogendeal verwickelt wird, in den unter anderem auch korrupte Polizisten verwickelt sind, flieht sie jedoch und wird daraufhin von einem der Ermittler verfolgt, womit wir beim zuvor beschriebenden Aufeinandertreffen mit Leo sind. Yuri scheint dabei etwas im zuvor gebrochenen Leo zu wecken, was die beiden schlussendlich dazu bringt, gemeinsam zu fliehen und sich den Verfolgern aus Yakuza, chinesischen Triaden und der Polizei in den Weg zu stellen. Also ein potenzielles Liebespaar, welches vor den Gesetzeshütern und allerlei mafiösen Organisationen flieht, Nicht zufällig erinnert diese Ausgangsituation natürlich an Tony Scotts „True Romance“ (1993), zu dem bereits erwähnter Quentin Tarantino das Drehbuch beisteuerte, und in welchem ebenfalls ein Callgirl aus den Herrschaftsstrukturen der Mafia befreit werden muss. Wie „True Romance“ also konstruiert „First Love“ eine Liebesbeziehung, welche zwei Protagonisten im Gefühlsrausch schlussendlich dazu befähigt, sich einem herrschenden System entgegenzustellen, welches scheinbar keine Alternative bietet. Ganz im Gegenteil, selbst die Polizei scheint mit dem Verbrechen zu paktieren.

Männliche Herrschaft

„First Love“ allerdings konstruiert diese etablierte Ordnung ganz bewusst als eine männliche und schafft somit Paralellen zu Siegmund Freuds Psychoanalyse sowie zu zwei anderen Filmen, bei denen Tarantino diesmal allerdings Regie führte: Dem Zweiteiler „Kill Bill“ (2003 & 2004) und dem B-Movie „Death Proof“ (2007). In beiden Filmen geht es um die patriarchalische Herrschaft, welche von starken Frauenfiguren gebrochen wird. Essenziell für die Entstehung dieser Herrschaft sei der Vater, so Freud. Dieser taucht immer wieder in Halluzinationen und Tagträumen von Yuri auf und es scheint kein Entkommen vor ihm zu geben. Die symbolische Herrschaft des Vaters zieht sich bei ihr also weiter durch, auch wenn eine physische Repräsentation von diesem nicht gewährleistet ist. Sie kann sich somit nicht aus dem etablierten System befreien und ist vollkommen abhängig von der rundherum konstruierten Männerwelt.

Leo wiederum wird als Waisenkind etabliert, welches seinen Vater niemals kennengelernt hat und somit nie in den bei Freud beschriebenen Konkurrenzkampf zu diesem treten konnte, um sich gegen ihn durchzusetzen. Leo ist somit zwar ein Mann, jedoch nicht Teil des patriarchalischen Systems. Sein aufgrund des Geschlechtes vorhandener Phallus kann somit nicht zu einer Waffe werden, um ihn gegen die Verfolger einzusetzen. Exemplarisch sei eine Szene, in welcher einer der Mafioso eine Pistole mit Schalldämpfer auf Yuri richtet, während Leo daneben steht und nach der Echtheit der Waffe fragt. Während hier also ein symbolischer Phallus zu sehen ist, von welchen es auf der Seite der Antagonisten in Form von Samuraischwertern, Schrotflinten und Luxusautos passenderweise enorm viele gibt, erkennt also ausgerechnet Leo diesen nicht. Der Ausbruch aus diesem System kann folglich nur durch die Liebe und somit das Beenden des durch den Tumor hervorgetretenen Nihilismus gelingen, sowie durch die Befreiung Yuris von der posttraumatischen Verfolgung ihres Vaters.

Arm und reich

Die Machtverhältnisse stellt der Film auch über seine Bilder recht klar dar und konstruiert eine Welt, welche, neben männlich und weiblich, in arm und reich geteilt ist. Der Großteil der Handlung spielt dabei in den dreckigen Straßen des Rotlichtviertels Kabukichō. Gewalttätige Morde und andere Verbrechen prägen das Bild, dazu scheint es nur noch künstliches Licht zu geben, womit sich durchaus auch eine Referenz zu Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982) erkennen lässt, der die unteren Gesellschaftsschichten in eine ähnlich porträtierte Welt packte. Im krassen Gegensatz dazu steht die Welt der Reichen, besonders klar gezeigt durch die chinesischen Triaden. Ihre Lebenswelt ist von glänzenden und glamourös anmutenden Dingen geprägt, fast wirkt sie museal, mit ihrer Vielzahl von wertvollen, antiken Reliquien aus längst vergangener Zeit. Es gibt also auch einen Zugang zu Kultur und dem erarbeitenden Wissen, also der Bildung, welche die Menschheit hervorgebracht hat. Diesen Zugang finden wir in den Armenvierteln der Stadt ansonsten nicht, denn den dort lebenden Menschen bleiben lediglich Konsum und leichte Unterhaltung. Am besten sehen wir das im Gespräch mit der betrunkenen Krankenschwester, welcher lediglich die Beschwerde über ihre schlechte Bezahlung bleibt. Eine Revolution oder ein Hinterfragen der bestehenden Verhältnisse ist von ihr jedoch nicht zu erwarten.

… genauso wie andere Organisationen

Wir sollten uns daher fragen, ob wir nicht auch schon längst zu einer Person geworden sind, wie sie hier in Form der Krankenschwester dargestellt wird. Eine Person, welcher das tägliche Klagen über die eigenen Lebensverhältnisse als Form der Kritik ausreicht, welche jedoch nicht imstande ist, eine Systemkritik zu sein, die die grundsätzliche Ordnung infrage stellt. So als wollten wir sagen: „Es ist zwar alles nicht so super, aber man kann ja nichts ändern und irgendwie geht es schon weiter.“ Ein bisschen Spaß, ein bisschen Alkohol und ab und an ein wenig leichte Unterhaltung gestalten das Dasein etwas erträglicher. Leichte Unterhaltung, wie sie Miike wiederum in den gewalthaltigen Szenen seines Filmes bietet. Stets schlägt das Gesehene dabei über die Stränge, tut jedoch nicht so weh, dass es unerträglich wäre.

Bedauerlich, dass Miike außerhalb dieser Aufnahmen relativ konventionelles Kino bietet, denn Innovation sucht man in der Ästhetik, genauso wie im Narrativ von „First Love“ vergeblich. Recht einfallslose Aufnahmen zeigen uns zum Teil banale und zugleich triviale Dialoge, besonders in den Gesprächen zwischen Leo und Yuri lässt sich das beobachten. Hier findet sich im Übrigen auch ein fundamentaler Unterschied zu „True Romance“, wo die Dialoge, ähnlich wie die Gewalt, auf ähnliche Weise überspitzt werden. Bei Scott und Tarantino wird uns feinster Kitsch präsentiert, welcher allerdings wiederum derart drüber ist, dass er überhaupt nicht ernst genommen werden kann und auch nicht ernst genommen werden will. Das ist in „First Love“ anders. Hier versuchte man tatsächlich die Realität abzubilden, scheitert mit diesen konventionellen und aus vielen anderen Filmen bekannten klischeebehafteten Dialogen allerdings. „First Love“ ist somit kein schlechter Film, er ist in Phasen sogar grandios, unter der Berücksichtigung aller Aspekte des Filmemachens ist er allerdings wiederum nur gehobenes Mittelmaß.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Takashi Miike haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet. Welche seiner Regiearbeiten haltet Ihr für seine bizarrsten?

Nach einiger Zeit begegnen Yuri und Leo einander

Veröffentlichung: 5. Mai 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 108 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hatsukoi
JAP/GB 2019
Regie: Takashi Miike
Drehbuch: Masa Nakamura
Besetzung: Masataka Kubota, Sakurako Konishi, Takahiro Miura, Jun Murakami, Nao Omori, Rebecca Eri Rabone (Becky), Duan Chun-hao, Mami Fujioka, Shôta Sometani
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © EuroVideo Medien GmbH

 
 

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