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Archiv der Kategorie: Rezensionen

Akropolis Connection – Das Geschäft der einsamen Wölfe

Sono stato un agente C.I.A.

Von Ansgar Skulme

Agententhriller // Der ehemalige CIA-Agent Lester Horton (David Janssen) hat sich als Buchautor eine neue Existenz aufgebaut, doch abgeschlossen hat er mit seinem früheren Leben noch lange nicht. In Griechenland kommt er seinem alten Chef Maxwell (Arthur Kennedy) bei der Suche nach einem Informanten namens Benson in die Quere. Wie sich herausstellt, soll dieser ein brisantes Tonband aufgenommen haben. Die Spur führt zu Hortons früherer Liebe Anna Florio (Corinne Cléry), deren Ehemann John (Maurizio Merli) Kontakt zu Benson hatte. Horton ist plötzlich Jäger und Gejagter zugleich. Maxwell geht über Leichen und keine Risiken ein.

Als sich die Eurospy-Welle der 60er-Jahre gelegt hatte, hielt auch im italienischen Genrekino langsam aber sicher eine andere Art von Agentenfilm Einzug. „Akropolis Connection“ ist ein recht düsterer Abgesang auf einen der einsamen Agentenwölfe; inhaltlich eher mit „Affäre in Berlin“ (1970) als James Bond verwandt. Die jeweiligen Hauptdarsteller beider Filme, David Janssen und Darren McGavin, verbindet zudem eine ähnliche Vergangenheit: Sie waren und sind in den USA primär durch ihre Fernsehrollen bekannt, gehörten sogar zu den Schauspielern, die mit mehreren Serienhauptrollen Erfolg hatten. In US-Kinofilmen konnten die beiden charismatischen harten Hunde als Hauptdarsteller jedoch zu Unrecht nur schwer Fuß fassen. Eine Alternative boten Hauptrollen in Fernsehfilmen und Kinoproduktionen abseits der USA. „Akropolis Connection“ wurde David Janssens erster und einziger italienischer Film.

Besser als gedacht?

Der Film hat im Allgemeinen nicht unbedingt positive Kritiken erhalten. Insbesondere wenn man ihn vor diesem Hintergrund schaut, ist man am Ende doch recht angenehm überrascht. Dass ein Film, der mit David Janssen, Maurizio Merli, Philippe Leroy, Arthur Kennedy, Ivan Rassimov und Faidon Georgitsis gleich sechs mehr als nur im Ansatz hauptrollenerprobte Schauspieler zu bieten hat, zu einem Langweiler verkommen könnte, ist an sich auch eine recht kühne Vorstellung. Rassimov war sicherlich kein besonders talentierter Schauspieler, macht sich gerade in „Akropolis Connection“ aber überraschend gut als stummer, eiskalter Verfolger, der am Ende doch Emotionen zeigt. Ich habe ihn bisher noch nie besser gesehen. Dass Maurizio Merli hier zum ersten und einzigen Mal seit seinem Durchbruch 1975 eine Nebenrolle anstelle der Hauptrolle in einem 70er-Jahre-Kinofilm übernahm, gibt dieser Produktion zudem einen besonderen Beigeschmack. Der nächste italienische Film, in dem Merli eine Nebenrolle spielte, kam erst 1983 in die Lichtspielhäuser. Mit David Janssen verbindet ihn das tragische Schicksal, dass beide wenige Wochen vor beziehungsweise nach ihrem 49. Geburtstag starben.

Natürlich besteht immer die Möglichkeit, dass man trotz guter Besetzung am Ende in reißerischem Trash landet, aber dass dies mit einem Regisseur wie Romolo Guerrieri („Auf verlorenem Posten“, 1973), von dem man recht sachliche Bilder und sorgsam aufgebautes Erzählen kennt, eher nicht zu befürchten ist, weiß man als Fan des italienischen Genrekinos eigentlich auch. Besonders sympathisch an „Akropolis Connection“ ist das sehr verwundbare Agentenbild, das der Film zeichnet. Horton ist privat von Anfang an gebeutelt und es kommt sogar noch schlimmer, zudem wird er in einem recht desillusionierenden, bedrückenden Abschnitt des Films in einer psychiatrischen Einrichtung mutwillig beinahe zugrunde gerichtet. Ein neues Leben, abseits des Agentendaseins, scheint für ihn eine Erlösung zu sein. Man ist hier sehr weit weg vom Bild eines Superhelden, ohne dass die Hauptfigur deswegen aber den Eindruck eines Verlierers oder plakativ ins Feld geführten „Anti-Helden“ machen würde. Ob man den Film nun für plausibel hält oder auch nicht: der Protagonist jedenfalls macht einen nachfühlbaren Eindruck. Sehenswertes 70er-Agentenkino in oft recht tristen Bildern, vor wunderbarer griechischer sowie italienischer, aber griechisch anmutender Kulisse, mit viel antikem Charisma und mit einem Arthur Kennedy, der als hinterhältiger, in die Jahre gekommener Schuft manchmal ein wenig an Sir Laurence Olivier in „Der Marathon-Mann“ (1976) erinnert.

Herausforderungen beim Dreh

Die Fertigstellung des Films wurde von dem Kuriosum überschattet, dass Passagen, in denen im Rahmen der Produktion tatsächlich mit Waffen Schüsse abgegeben wurden, offenbar durchweg in Griechenland gedreht werden mussten, da es in Italien diesbezüglich neue offizielle Einschränkungen gab. Man versuchte damit wohl zu verhindern, dass Gewalt im Alltag durch im eigenen Land produzierte Filme befördert wurde. Da das italienische Genrekino in den 60ern und 70ern wie kaum ein zweites von Schießereien, im Italowestern wie auch im Action- und Polizeithriller, gelebt hatte, mutet dieser Ansatz – mag er noch so gut gemeint sein – allerdings ausgesprochen albern an. Im damaligen italienischen Kino das Abfeuern von Schusswaffen unter derartige Auflagen zu stellen, ist etwa so, als hätte man in Hongkong plötzlich ein Edikt gegen den Kung-Fu-Film erlassen. Es ist gut möglich, dass dieser Hintergrundaspekt samt aller damit korrespondierenden Zusammenhänge einen gewissen Anteil daran hatte, dass das italienische Kino in den 80ern nicht mehr ansatzweise an die Erfolge der beiden vorausgegangenen Jahrzehnte anknüpfen konnte und sich davon bis heute nicht erholt hat.

David Janssen war zudem enttäuscht darüber, dass im italienischen Genrefilm damals immer noch auf Live-Ton verzichtet und somit auch „Originalfassungen“ synchronisiert wurden. Teilweise sprachen die Schauspieler in Szenen mit ihm daher im Dialog sogar andere Sprachen als er selbst – dieser Produktionsumstand ist hierzulande vor allem von der deutschen Winnetou-Reihe bekannt, wenn beispielsweise Jugoslawen an der Seite von Deutschen, Amerikanern, Briten oder Franzosen agierten, war aber auch im damaligen italienischen Kino verbreitet. Heute beklagen sich Schauspieler darüber, wenn sie ihre Szenen vor einem Greenscreen drehen müssen und nicht einmal mehr sehen, mit wem sie gerade sprechen, da ihre Gegenüber entweder komplett am Computer animiert oder beispielsweise zu kleinen Hobbits gemacht werden – das Mehrsprachen-Problem bei Filmen wie „Akropolis Connection“ ist in gewisser Weise das Pendant des früheren Kinos dazu. Auch wenn es für die Schauspieler phasenweise sicher anstrengend war, hat die damit verbundene Vernetzung internationaler Darsteller über alle Sprachbarrieren hinweg, mittels Synchronisation aller Fassungen, aber zweifelsohne viele Vorzüge.

Ein seltenes Vergnügen

„Akropolis Connection“ ist einer der wenigen Filme, denen das Privileg zuteil geworden ist, über zwei verschiedene, gute bundesdeutsche Synchronfassungen auf Augenhöhe zu verfügen, die zudem auch mit relativ kurzem zeitlichem Abstand zueinander entstanden sind. Meist liegen zwischen unterschiedlichen Synchronfassungen größere Zeitspannen und/oder signifikante Qualitätsunterschiede – unter anderem, weil spät entstandene Versionen am Aspekt des zeitgenössischen Klanges scheitern. Bei der Fassung „Rauschgift tötet leise“, mit Horst Naumann als Stimme von David Janssen, dürfte es sich um die deutsche Kinofassung handeln. Es gibt davon aber ebenso eine Videoveröffentlichung wie von der wahrscheinlich extra für die Videoauskopplung erstellten Synchronversion „Akropolis Connection“, bei der es sich um eine Fassung des Films mit Gottfried Kramer als Janssens Sprecher handelt. Sowohl Naumann als auch Kramer passen hervorragend auf David Janssen. Dass ein einzelner Film gleich zwei mehr oder minder ideale Synchronbesetzungen für denselben Schauspieler zutage fördert, die beide noch dazu wohl in keinem weiteren Spielfilm als Stimme dieses Schauspielers zum Einsatz kamen, ist schon äußerst ungewöhnlich.

Interessanterweise sind diese beiden, mir vorliegenden Videofassungen so gut wie gleich lang und unterscheiden sich inhaltlich nur minimal – am auffälligsten in der Szene zu Beginn, als das Durchschneiden der Kehle in „Akropolis Connection“ explizit zu sehen ist und in „Rauschgift tötet leise“ nicht. Die fast identische Laufzeit ist insofern bemerkenswert, als diese beiden Videoversionen trotzdem ungefähr zehn Minuten kürzer als die für den Film überlieferte Kinolänge sind. Eine DVD-Veröffentlichung mit zusätzlichen Szenen und zwei deutschen Fassungen könnte daher eine recht spannende Angelegenheit werden. Ob es sich bei den bisher im Ausland erhältlichen Versionen um offizielle Auskopplungen handelt, ist auf den ersten Blick nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Eine DVD-Auflage mit sehr guter Bildqualität und zudem Ton-Optionen, die ein internationales Publikum erreichen, lässt in jedem Fall auf sich warten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Arthur Kennedy sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Sono stato un agente C.I.A
Deutscher Alternativtitel: Rauschgift tötet leise
IT/GR 1978
Regie: Romolo Guerrieri
Drehbuch: Vittorio Schiraldi, Mino Roli, Nico Ducci, John Crowther, Romolo Guerrieri
Besetzung: David Janssen, Corinne Cléry, Arthur Kennedy, Maurizio Merli, Ivan Rassimov, Philippe Leroy, Giacomo Rossi Stuart, Faidon Georgitsis, Dimitris Ioakeimidis, Tom Felleghy
Verleih: Mires Cinematografica, Greka Film

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

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The Strangers – Opfernacht: Wer klopft da wieder an der Tür?

The Strangers – Prey at Night

Kinostart: 21. Juni 2018

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // „Das nächste Mal wird es einfacher sein!“ lautete der letzte Satz, den man von den drei maskierten Killern aus „The Strangers“ (2008) für lange Zeit gehört hat, nachdem sie sich nach verrichteter Arbeit mit ihrem Ford-Pick-up-Truck davonmachten. Obwohl der intensive Home-Invasion-Thriller bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut ankam und Regisseur und Drehbuchautor Bryan Bertino („The Monster“) bereits kurze Zeit nach dem Erstling ein Skript für ein Sequel fertigstellte, sollten aufgrund von mehrfachen Rechtewechseln schließlich stolze zehn Jahre ins Land ziehen, bis der zweite Teil realisiert werden konnte.

Cindy und Mike hätten die Tür nicht öffnen sollen

Der horrorerfahrene Regisseur Johannes Roberts („47 Meters Down“) nahm sich „The Strangers – Opfernacht“ an, der auf den Fantasy Filmfest Nights 2018 seine Deutschland-Premiere feierte. Roberts betont, der sei Film keine direkte Fortsetzung des ersten Teils, sondern erzähle eine eigenständige Geschichte rund um das bekannte Terror-Trio Dollface (Emma Bellomy), Pin-up Girl (Lea Enslin) und dem Man in the Mask (Damian Maffei).

Ist Tamara da?

Cindy (Christina Hendricks) und ihr Ehemann Mike (Martin Henderson) sehen keinen anderen Ausweg mehr: Sie müssen ihre rebellische Teenager-Tochter Kinsey (Bailee Madison) in ein Internat stecken. Vielleicht bekommt sie dann endlich ihre Probleme und sich selbst in den Griff. Kinsey ist über die Entscheidung natürlich alles andere als erfreut, sie fügt sich aber schließlich ihrem Schicksal. Doch bevor es für sie in die „Besserungsanstalt“ geht, beschließen Cindy und Mike, einen letzten gemeinsamen Familienausflug mit ihrer Tochter und ihrem Sohn Luke (Lewis Pullman) zu unternehmen. Auf dem Weg wollen sie einen Zwischenstopp bei ihren Verwandten einlegen, die einen Trailerpark betreiben. Als die Familie am späten Abend mit dem Auto ankommt, wundert sie sich darüber, dass die gesamte Anlage mausetot erscheint. Immerhin finden sie einen Zettel vor, der sie willkommen heißt. Sie sollen das Mobile Home Nummer 47 zum Übernachten nutzen.

Problemkind Kinsey ist am Boden zerstört

Gerade haben sie sich einigermaßen häuslich eingerichtet, da klopft es plötzlich an der Tür. „Ist Tamara da?“, fragt eine Frauenstimme. Cindy geht davon aus, dass sie sich den falschen Trailer ausgesucht hat und verneint die Frage. Die Frau verschwindet. Doch schneller als gedacht kehrt sie mit ihren zwei maskierten Freunden im Schlepptau zurück. Für Cindy, Mike, Kinsey und Luke beginnt eine Nacht des Grauens. Die Opfernacht.

Auf dem Retro-Zug

Der erste Akt, in welchem uns die schablonenhaft gezeichneten Figuren vorgestellt werden, ist viel zu lang geraten. Einzig für die von der solide aufspielenden Bailee Madison („Don’t Be Afraid of the Dark“, 2010) verkörperte Kinsey kann der Zuschauer noch etwas Mitgefühl entgegenbringen. Denn wirklich nachvollziehbar ist es nicht, warum die Eltern ihre Tochter aufs Internat stecken wollen. Ihre einzige rebellische Attitüde besteht offenbar darin, dass sie raucht und ein T-Shirt der Ramones trägt. Ganz schön wild, die junge Dame …

Der Man in the Mask steht bereit

Auch Roberts springt auf den zurzeit beliebten Retro-Zug auf und nutzt von Beginn an Musik aus den 1980er-Jahren. So wirkt es inhaltlich treffend, wenn Kim Wildes Klassiker „Kids in America“ ertönt, gleichzeitig aber auch arg selbstzweckhaft. Zwar kann man „The Strangers – Opfernacht“ als Kommentar auf die US-Jugend lesen, die aus reiner Langweile zum Spaß wildfremde Menschen terrorisiert und tötet, aber da spricht man dem Werk mehr Tiefe zu, als es zu bieten hat. Besonders schmerzlich ist allerdings der Score von Adrian Johnston, dessen Klänge klar an die von John Carpenters „The Fog – Nebel des Grauens“ (1980) erinnern. Das ist schon keine Hommage mehr, sondern eine ärgerliche Kopie.

Hell und dunkel

Während „The Strangers“ noch ein reinrassiger Terrorfilm war, der clever mit seinem begrenzten Setting spielte und mit markerschüttertem Sounddesign für Angst und Schrecken sorgte, entpuppt sich das Sequel als geradliniger Slasher, der im zweiten Akt immerhin schnell in die Vollen geht. Das größer gefasste Gelände des Campingplatzes bietet den mutmaßlichen Opfern mehr Freiheiten, um um ihr Leben zu rennen. Gleichzeitig geht dadurch auch einiges von der klaustrophobischen Spannung verloren, die den Erstling auszeichnete. Die Kills sind durchaus ansehnlich, aber nicht zu blutig, um die vergebende Altersfreigabe von 16 Jahren infrage zu stellen.

Luke (r.) kämpft ums Überleben

Roberts hat visuell einige gute Ideen auf Lager. Wie es der Titel schon andeutet, spielt fast der komplette Film in einer nebligen Nacht und somit im Dunklen. Wie die bekannten und meist stummen Maskengesichter langsam bedrohlich vor den Familienmitgliedern aus dem Nichts auftauchen, wirkt durchaus bedrohlich. Die gelungenste Szene von „The Strangers – Opfernacht“ spielt sich allerdings im Hellen ab: rund um einen von in neonfarbenen Palmen beleuchteten Swimmingpool. Die blutige Sequenz wird dabei mit dem Bonnie-Tyler-Hit „Total Eclipse of the Heart“ gekonnt konterkariert. Leider bleiben dies die einzigen Höhepunkte des Horrorthrillers, der ansonsten überraschungsarm seinem vorhersehbaren Ende entgegensteuert. Obwohl natürlich Platz für eine weitere Fortsetzung geschaffen wird, sollten die Maskenkiller besser nicht mehr an fremde Türen klopfen.

Auch mit dem Auto gibt es kein Entkommen

Länge: 85 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Strangers – Prey at Night
USA 2018
Regie: Johannes Roberts
Drehbuch: Ben Ketai, Bryan Bertino
Besetzung: Bailee Madison, Christina Hendricks, Martin Henderson, Emma Bellomy, Lewis Pullman, Damian Maffei, Preston Sadleir, Lea Enslin
Verleih: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels
Filmplakat & Szenenfotos: © 2018 SquareOne/Universum

 

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Ernest Borgnine (VI): Willard – Herr der Ratten

Willard

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Seinen 27. Geburtstag hatte sich Willard (Bruce Davison) sicherlich anders vorgestellt. Doch nun sitzt er in dem langsam renovierungsbedürftigen Anwesen, in dem der schüchterne junge Mann mit seiner bettlägerigen Mutter Henrietta (Elsa Lanchester) lebt. Frau Mama erinnert ihn auch gleich daran, dass sie während seiner Geburt höllische Schmerzen durchleiden musste. Jaja, die Geschichte hat Willard wahrscheinlich schon zigfach gehört. Am Geburtstagstisch nehmen keine Freunde von Willard Platz, nur Menschen, die einige Jahrzehnte älter sind als er. Alte Bekannte seiner Eltern, die ihn in die Wange kneifen und ihm zu allem Überfluss ein albernes Partyhütchen aufsetzen. Wann endlich ein echter Mann aus ihm wird, fragen sie ihn. Dann würde er auch endlich eine Freundin abbekommen. Willard hat darauf nichts zu erwidern.

Außenseiter Willard hat sehr spezielle Freunde gefunden

Eigentlich hätte er es besser wissen müssen. Aber er will ja seine arme Mutter nicht enttäuschen. Sie kann auch nichts dafür, dass sein Vater viel zu früh starb und danach alles den Bach herunterging. Jetzt fristet Willard sein Dasein in der einstigen Firma seines Vaters, die vom aufbrausenden Mr. Martin (Ernest Borgnine) geleitet wird. Willard ist dort nur geduldet, aufgrund eines alten Versprechens darf er auf seinem Posten verharren. Immerhin sitzt er mit der sympathischen Joan (Sondra Locke) an einem Schreibtisch. Da fallen die Überstunden, die Schikanierungen durch seinen Chef und die miese Entlohnung etwas leichter.

Willards Leben ändert sich schlagartig, als Henrietta ihrem Sohn befiehlt, die Ratten aus dem wild wuchernden Garten zu vertreiben. Statt die Tiere zu ertränken, gibt er ihnen zu fressen und lässt sie im Keller des Hauses wohnen. Es entwickelt sich eine Art Freundschaft zwischen den Nagetieren und Willard. Besonders zu der Albinoratte Socrates und zu Ben, wie er sie genannt hat, fühlt er eine enge Bindung. Bald wird das Untergeschoss von einem Heer aus Ratten bevölkert, die ihm aufs Wort gehorchen. Willard wird zum Herrn der Ratten. Erstmals verspürt er ein Gefühl von Macht. Und diese wird er gemeinsam mit den Vierbeinern zur Frustbewältigung nutzen. Nach einem weiteren Schicksalsschlag will Willard an jenen Menschen Rache üben, die ihm Zeit seines Lebens übel mitgespielt haben.

Aufstand der Unterdrückten

Basierend auf dem Roman „Willard oder Aufstand der Ratten“ von Stephen Gilbert, der die Geschichte des Titelhelden in Tagebuchform erzählt, entwirft Regisseur David Mann („Telefon Butterfield 8“, 1960) ein sensibles Psychogramm eines Außenseiters, welches sich im letzten Drittel zu einem wahren Horrorstück entwickelt. Von Anfang an ist klar, dass Willards Leben in Trümmern liegt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Seine Mutter als auch sein Chef haben ihn komplett unter Kontrolle. Ihnen kann der liebenswürdige Willard keinen Wunsch abschlagen.

Schmieriger Chef: Mr. Martin drangsaliert Willard

Erst als Willard merkt, dass er selbst ebenfalls Macht über andere ausüben kann – kurz vor dem Ertrinken, befreit er doch noch die Rattenfamilie, die er töten sollte – dreht er den Spieß um. Die Ratten geben keine Widerworte, werten seine Taten nicht und stellen keine Fragen. Sie wollen nur versorgt werden, was die Tiere wiederum in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Willard treibt. Dass dies keine Grundlage für eine gesunde Freundschaft ist, wird sich am Ende zeigen. „Willard“ demonstriert auf intelligente Weise, dass jeder Unterdrückte, und sei er noch so klein, einmal gegen seinen Meister aufbegehren wird, wenn dieser ihm den Rücken zudreht.

Echte Ratten im Einsatz

Nach Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ (1963) gilt „Willard“ als einer der ersten Filme, die dem Subgenre des Tierhorrors zuzuordnen sind. Die Tatsache, dass David Mann mit etwa 600 lebenden, trainierten Ratten drehte, verleiht „Willard“ einen hohen Grad von Glaubwürdigkeit. Wenn der überzeugende Hauptdarsteller Bruce Davison („Freundschaft fürs Leben“, 1989) zupackt, hat er echte Ratten in der Hand, mit denen er mitunter auch mal kuscheln darf. Wer vor diesen Nagetieren eine natürliche Abneigung verspürt, wird zusätzlichen Ekel empfinden. Zudem wirken die Tiere mit ihren kleinen Schneidezähnen in extremer Nahaufnahme äußerst bedrohlich. Dabei kann einem durchaus ein Schauer über den Rücken laufen – und man schaut umher, ob nicht doch so ein Viech im eigenen Wohnzimmer sein Zuhause eingerichtet hat. Die Müsli-Packung war so seltsam schnell geleert die letzten Tage …

Immer mehr Ratten machen sich im Keller breit

Überhaupt ist die Besetzung von „Willard“ wirklich außerordentlich. Neben Davison gibt Ernest Borgnine einen wunderbar schmierigen Auftritt ab. Fieser war der Charaktermime selten – vielleicht 1953 in „Verdammt in alle Ewigkeit“. Daneben freut man sich auf ein Wiedersehen mit der Frau mit den grotesken Gesichtszügen Jody Gilbert („Butch Cassidy und Sundance Kid“, 1969), Clint Eastwoods langjähriger Lebensgefährtin Sondra Locke („Der Texaner“) und keiner Geringeren als „Frankensteins Braut“ persönlich: Elsa Lanchester, die sich als Willards Mutter in Selbstmitleid ergeht. Regisseur Mann ist es obendrein hoch anzurechnen, dass es sich so anfühlt, als seien selbst die Ratten Ben und Socrates eigenständige Figuren. Als Zaubermittel für die Vierbeiner mit dem langen Schwanz erwies sich übrigens Erdnussbutter. War jemand damit eingeschmiert, fielen die Tiere gleich in Scharen über ihr Opfer her.

Extra-Kohle für Borgnine

Für Ernest Borgnine erwies es sich als cleverer Schachzug, statt einer höheren Gage eine Beteiligung am Einspielergebnis zu fordern. „Willard“ erwies sich 1971 als Überraschungserfolg, der knapp 20 Millionen US-Dollar einspielte. Ein Remake mit Crispin Glover („Die Legende von Beowulf“) in der Hauptrolle entstand im Jahr 2003.

Mit der hierzulande ersten offiziellen Veröffentlichung des Tierhorror-Klassikers startet Anolis nun die neue Reihe „Phantastische Filmklassiker – Die 70er“. Auch der zweite Titel der Reihe wurde bereits bekanntgegeben: Es ist „Ben“ (1972), die direkte Fortsetzung von „Willard“. Baut also besser schon mal die Mausefallen auf!

Keine gute Idee: Aus Mitleid will Joan Willard eine Katze schenken

Die Veröffentlichungen der Anolis-Reihe „Phantastische Filmklassiker – Die 70er“:

01. Willard (Willard, 1971)
02. Ben (Ben, 1972)
03. ???

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ernest Borgnine sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet. Ein lesenswerter Text zu „Willard“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed, und auch das „Filmforum Bremen“ hat Lektüre darüber zu bieten.

Ratte Ben schwingt sich zum Anführer seiner Artgenossen auf

Veröffentlichung: 30. Mai 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in zwei Covervarianten)

Länge: 95 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Willard
USA 1971
Regie: David Mann
Drehbuch: Gilbert Ralston, nach dem Roman „Willard oder Aufstand der Ratten“ von Stephen Gilbert
Besetzung: Bruce Davison, Elsa Lanchester, Sondra Locke, Ernest Borgnine, Michael Dante, Jody Gilbert, Alan Baxter, Joan Shawlee
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Bruce Davison, Interview mit Bruce Davison, amerikanischer Trailer, Radiospots, Super-8-Fassung, Werberatschlag, Bildergalerie, Booklet mit Texten von Ingo Strecker und David Renske
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment

 

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