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Archiv der Kategorie: Rezensionen

Horror für Halloween (I) / George A. Romero (VIII): Die Rückkehr der Untoten – Night of the Living Dead (1990) – Besser als Tom Savini glaubt

Night of the Living Dead

Am heutigen kalendarischen Herbstbeginn setzen wir bei „Die Nacht der lebenden Texte“ eine gute Tradition fort: mit „Horror für Halloween“ die Terrortaktzahl etwas zu steigern. Bis Ende Oktober werden wir verstärkt die ganze Bandbreite des Horrorgenres würdigen (also bei Weitem nicht nur Halloween-Party-taugliches Gemetzel), von unbekannten Perlen bis zu großen Klassikern. Da wir Horrorfans nicht nur Meisterwerke genießen können, kommen auch ein wenig Dutzendware und sogar Trash zu ihrem Recht. Erlaubt ist, was gefällt, auch wenn es nicht allen gefällt. Zwischendurch wird es auch etwas zu gewinnen geben, am Ende etwas mehr.

Von Volker Schönenberger

Horror // „Die Nacht der lebenden Toten“ revolutionierte 1968 den Horrorfilm im Allgemeinen und den Zombiefilm im Besonderen. Seitdem gibt es Zombiefilme vor Romero und Zombiefilme nach Romero, denn in „Night of the Living Dead“, so der Originaltitel, fielen die Untoten erstmals als blutrünstige, nach Menschenfleisch oder menschlichem Hirn gierende Kreaturen über Menschen her. Umso größer ist natürlich die Fallhöhe, wenn man sich entscheidet, einem solchen Klassiker ein Remake angedeihen zu lassen. Immerhin steuerte George A. Romero persönlich das Drehbuch zu Tom Savinis Neuverfilmung bei, obendrein war er als Executive Producer am Start (weshalb es nur recht und billig ist, diese Rezension im Rahmen der Romero-Werkschau bei „Die Nacht der lebenden Texte“ zu präsentieren).

Er führt sicher nichts Gutes im Schilde

Romeros Motivation, am Remake mitzuwirken, resultierte zumindest teilweise daher, dass er aufgrund verschiedener rechtlicher Aspekte kaum Geld mit seinem 1968er-Regiedebüt verdient hatte. So war der Film aufgrund eines vom damaligen US-Filmverleih versehentlich entfernten Copyright-Vermerks sogar zur Public Domain geworden.

In der Tat

Nun aber zur Neuverfilmung, in Deutschland seinerzeit unter dem Titel „Die Rückkehr der Untoten“ vermarktet: They’re coming to get you, Barbara! Auf diese ikonische Einstiegszeile konnte Regisseur Tom Savini natürlich nicht verzichten. Johnnie (Bill Moseley) äußert sie gegenüber seiner Schwester Barbara (Patricia Tallman) auf dem Weg zu dem abgeschieden gelegenen Friedhof, auf dem die Mutter der beiden beerdigt wurde. Kaum am Grab, fällt auch schon der erste Untote über Barbara her. Johnny überlebt die Attacke nicht, und Barbara ergreift die Flucht. Sie rettet sich in ein Haus, in dem ebenfalls herumschlurfende Zombies lauern. Glücklicherweise naht Ben (Tony Todd), mit dem es ihr gelingt, die Untoten in dem Gebäude zu bezwingen und sich darin zu verbarrikadieren. Denn weitere der blutrünstigen Kreaturen stromern mehr oder minder zielgerichtet in der Gegend herum.

Die Untoten begehren um Einlass

Das Remake krankt in erster Linie an der übermächtigen Vorlage und der mangelnden Originalität, die eine Neuverfilmung nun mal mit sich bringt. Wer sich davon etwas freimachen kann, bekommt einen grundsoliden Zombiefilm mit anständigen schauspielerischen Leistungen zu sehen. Augenfälliger Unterschied zum Original: War die von Judith O’Dea verkörperte Barbra (sic!) noch reines Opfer, das weitgehend in Schockstarre verharrte und in einem inzestuösen Motiv von ihrem zombifizierten Bruder geholt wurde, so erholt sich Remake-Barbara recht schnell von ihrem anfänglichen Schock. Sie ist zu rationellen Entscheidungen fähig und nimmt auch das Heft des Handelns in die Hand: Well, I’m fighting. I’m not panicking. Diese Barbara ist eine starke Frau. Hauptdarstellerin Patricia Tallman hatte ihr Schauspieldebüt 1981 in George A. Romeros „Knightriders – Ritter auf heißen Öfen“ gegeben. Ihre bekannteste Rolle dürfte die der Lyta Alexander in der Science-Fiction-Serie „Babylon 5“ (1993–1998) sein. Sie ist mit Tom Savini seit dem College befreundet.

Es werden immer mehr

Besonders erfreulich ist es, Tony Todd ernsthaft schauspielern zu sehen, was er damals noch praktiziert hat. Der Gute genießt in der Horrorgemeinde ja Ikonenstatus und ist auf Conventions gern gesehener Gast, hat sich meines Erachtens aber seit vielen Jahren in zu vielen Billigproduktionen verschlissen, in denen er vornehmlich sardonische Mimik zum Besten gibt. In die „Rückkehr der Untoten“ hält er sich in der Hinsicht ebenso zurück wie in seiner legendären Rolle als Titelfigur in „Candymans Fluch“ (1992).

Ben kämpft ums Überleben

Der Kammerspiel-Charakter funktioniert ausgesprochen gut, die Qualität des Originals hat Savini hier gut ins Remake übertragen. Ab und zu wirft die Kamera einen Blick in die Umgebung des Hauses, wo sich nach und nach immer mehr Untote zusammenrotten. Unterstützt von minimalistisch dräuendem Score, sind das sehr stimmungsvoll-gruselige Szenen. Die Belagerungssituation wird immer unerträglicher.

Noch einer

Es lag nah, das Remake in Farbe zu inszenieren, was mit einem etwas höheren Härtegrad gegenüber dem Original einhergeht. Trotz Tom Savini auf dem Regiestuhl artet das Ganze aber keineswegs in ein Splatterfestival aus, da man der Vorlage gerecht werden wollte. Metzelfans kommen somit nur bedingt auf ihre Kosten. Völlig unverständlich, dass „Night of the Living Dead“ in den 90er-Jahren mehrfach indiziert und sogar gerichtlich beschlagnahmt wurde. 2020 erfolgte endlich die Aufhebung der Beschlagnahme, im selben Jahr auch die Listenstreichung, sodass der Film in ungeschnittener Fassung der FSK vorgelegt werden konnte, die ihm 2021 eine Freigabe ab 18 Jahren erteilte.

Barbara weiß sich zu wehren

Die Bildqualität der neuen Blu-rays von Sony und Nameless Media erscheint mir völlig in Ordnung. Allerdings kann man aus dem Material noch deutlich mehr herausholen, wie ein Bildvergleich mit einer Blu-ray des australischen Labels Umbrella Entertainment zeigt. Nameless Media hat Mediabooks mit diversen Covermotiven veröffentlicht, die zügig vergriffen waren, ebenso verhält es sich mit weiteren Sondereditionen. Wer darauf verzichten kann, ist mit der Sony-Blu-ray in herkömmlicher Verpackung gut bedient, auch ein Steelbook ist aktuell noch lieferbar.

Zombies als Zielscheiben für Rednecks

Für den legendären Maskenbildner und Spezialeffektkünstler Tom Savini markiert „Night of the Living Dead“ seine bislang einzige Langfilm-Regiearbeit. Aufgrund von zu großer Einflussnahme der Produzenten am Set wurde es bei Weitem nicht der Film, der ihm vorgeschwebt hatte, zumal er einige Gewaltszenen herausschneiden musste, um in den USA eine niedrigere Altersfreigabe zu erreichen. An sich ist Savini als Regisseur für das seit Jahren geplante Remake von Umberto Lenzis „Großangriff der Zombies“ (1980) vorgesehen, das Projekt scheint aber nun auch schon seit ein paar Jahren auf Eis zu liegen.

Alles andere als originell, dennoch alles andere als missraten

„Die Rückkehr der Untoten – Night of the Living Dead“ bemüht sich phasenweise um Eigenständigkeit, bleibt beim Grundgerüst aber nah am Original. Zu nah, um selbst originell zu sein, bis hin zu der Horde schießwütiger Rednecks im Finale. Allerdings tummeln sich insbesondere im Zombiegenre zahllose auf Originaldrehbüchern beruhende Streifen, denen es ebenso an Originalität mangelt. Remake hin oder her, bei all den missratenen und in Vergessenheit geratenen Untotenfilmen stellt „Die Rückkehr der Untoten – Night of the Living Dead“ doch einen sehr erfreulichen Vertreter dar. Das muss die nagelneue Computertrick-Variante „Night of the Animated Dead“ (2021) erst einmal erreichen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bill Moseley und Tony Todd haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. August 2021 als Blu-ray im limitierten Steelbook, Blu-ray und DVD sowie als limitiertes 2-Disc Ultimate Collector’s Fan Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, exklusiv bei einem Online-Händler), 14. Mai 2021 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 5 Covermotive à 2 x 666, 2 x 555 & 1 x 444 Exemplare) 2-Disc VHS-Retro-Edition (Blu-ray & DVD, limitiert auf 500 Exemplare), 2-Disc Edition Hartbox (Blu-ray & DVD, limitiert auf 99 Exemplare) und VHS (inkl. Mediabook Cover B, limitiert auf 55 Exemplare)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Night of the Living Dead
Alternativtitel: Die Rückkehr der Untoten
USA 1990
Regie: Tom Savini
Drehbuch: George A. Romero
Besetzung: Tony Todd, Patricia Tallman, Tom Towles, McKee Anderson, William Butler, Katie Finneran, Bill Moseley, Heather Mazur, David W. Butler, Zachary Mott, Pat Reese
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Tom Savini, US-Kinotrailer, Making-of: „The Dead Walk: Remaking a Classic“ (25 Min.), Wendecover, nur Mediabook: 22-seitiges Booklet mit einem Text von Wolfgang Brunner, nur VHS-Retro-Edition: Sticker-Set, nur Ultimate Collector’s Fan Edition: Figurine
Label/Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, 2er-Packshot & Abb. Ultimate Collector’s Fan Edition: © 2021 Sony Pictures Entertainment

 

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Das Haus – Wenn das Eigenheim zu smart wird

Das Haus – Wenn das Eigenheim zu smart wird

Das Haus

Kinostart: 7. Oktober 2021 (am 2. Oktober auch auf dem Filmfest Hamburg)

Von Volker Schönenberger

SF-Politthriller // Ganz schön smart! Das titelgebende Haus des Thrillers geht schon als Villa durch und ist vollständig vernetzt und automatisiert. Nähern sich seine Bewohner, die Eheleute Johann (Tobias Moretti) und Lucia Hellström (Valery Tscheplanowa), setzt es sich in Gang und bereitet alles vor. Türen gehen selbsttätig auf, die Saugroboter haben ihre Arbeit bereits erledigt, die Überwachungsanlagen laufen, alles funktioniert über Sprachsteuerung. Beim Duschen muss man gelegentlich etwas nachjustieren: Wärmer! Wärmer!

Johann Hellström verliert seinen Job

Auf einer kleinen Insel gelegen, lässt sich das Haus nur per Wassertaxi erreichen. Die Versorgung erfolgt über einen Kurierdienst, der seine Bestellungen bisweilen direkt vom Kühlschrank erhält. Das hier ist der sicherste Ort der Welt. So äußert es Lucia Hellström, die als Rechtsanwältin arbeitet. Wenn sie sich da mal nicht irrt. Johann Hellström ist Journalist (in einem Deutschland der nahen Zukunft, auch wenn die Insel nach schwedischer Schäre aussieht, wo auch gedreht wurde – die Redaktion liegt in Hamburg, wie gelegentlich zu erkennen ist). Mit seinem jüngsten großen Artikel ist er einigen Mächtigen auf die Füße getreten. Seine Arbeit wird öffentlich als Fälschung diskreditiert, er selbst erhält ein Berufsverbot auferlegt. Chefredakteur Joachim Paschke (Hans-Jochen Wagner) ist gezwungen, seine „Edelfeder“ Hellström zu entlassen. Die Wahl steht kurz bevor, und es steht zu befürchten, dass die rechtspopulistische Partei künftig allein regieren kann und das nutzen wird, Gesetze zur inneren Sicherheit weiter zu verschärfen und Bürgerrechte weiter einzuschränken. Lucia und Johann ziehen sich in ihr Haus zurück, das langsam ein Eigenleben zu entwickeln scheint.

Mal Politthriller, mal Science-Fiction, kaum mal beides

Mit Ausnahme einiger weniger Szenen in der Hamburger Redaktion spielt sich das gesamte Geschehen von „Das Haus“ im titelgebenden Gebäude und dessen nächster Umgebung ab. Das Haus ist stylish-modern eingerichtet, hat große Panorama-Fensterfronten, einen Keller, Pool, Sauna. Setdesign und Ausstattung fügen sich gut in die Story ein und tragen zur kühlen, nicht gerade farbenfrohen Atmosphäre des Films bei. Er erweist sich als Kombination aus Politthriller und Science-Fiction, doch leider gelingt es Regisseur Rick Ostermann („Wolfskinder“) nicht, diese beiden Elemente zu einer schlüssigen Einheit zu verbinden. Das ist umso bedauerlicher, als das Geschehen letztlich darauf hinausläuft, aber nicht ankommt, sodass ich als Zuschauer am Ende zwangsläufig unbefriedigt zurückblieb. Es reicht auch nicht für eine Aussage über Fluch und Segen moderner Kommunikationstechnik. Am Ende werden Motivation und Verhalten des Hauses offenbart, aber ich hätte die Szene fast als unbedeutend abgetan, habe sie noch einmal angeschaut und die Auflösung achselzuckend hingenommen.

Der Starjournalist und seine Ehefrau Lucia wollen zur Ruhe kommen

Hat das Haus ein eigenes Bewusstsein entwickelt? Oder wird es von jemandem gesteuert? Die Frage muss am Ende jeder für sich selbst beantworten. Einen visuellen Hinweis für die erste These bekommen wir mittels einer roten Lichtquelle geliefert, die mit der Filmgeschichte vertraute Zuschauer/innen für plump halten mögen, andere für versteckt: Die Leuchte erinnert sicher nicht zufällig an das Kameraauge von HAL 9000, dem Computer des Raumschiffs „Discovery“ in Stanley Kubricks epochalem Science-Fiction-Kunstwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968). Über das Agieren des Computers im Haus der Hellströms will ich nichts weiter ausführen, da das ein – wenn auch nicht allzu großer – Spoiler wäre. Es trägt jedenfalls zur Spannungskurve bei, gerät am Ende allerdings vorhersehbar. Unbesorgt erwähnen kann ich aber die als Terroristen gejagten Layla Kolter (Lisa Vicari) und Alexander Roesch (Max von der Groeben), die nach einiger Zeit auf der Suche nach einem Unterschlupf bei den Hellströms vor der Tür stehen.

Entwickelt das Haus ein Eigenleben?

„Das Haus“ skizziert eine politische Zukunft, in der rechtsgerichtete Strömungen in Deutschland die Oberhand gewonnen haben und die Gesellschaft manipulieren, um einen reaktionären Staat zu errichten. Mich als Linken holt das natürlich ab, aber das empfinde ich durchaus als problematisch. Es entsteht der Eindruck, „Das Haus“ richte sich an ein Publikum, die zumindest den politischen Bestandteilen des Films sowieso zustimmen. Da der Politthriller obendrein mit öffentlichen Mitteln gefördert wurde und einige Monate nach der Kinoauswertung bei Arte und im Ersten ausgestrahlt werden soll, wird er Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten als einseitig und ihrerseits manipulativ angreifen. Ein übergeordneter Kritikpunkt, der den Regisseur Ostermann und die Prouzenten nicht stören muss. Wenn es nun mal auf ihrer Agenda stand, den Film als politische Stellungnahme einzusetzen, dann ist ihnen das gelungen. Ostermann hat im Übrigen auch vier Folgen der zweiten Staffel der deutschen Fernsehserie „Das Boot“ (seit 2018) inszeniert.

Nach einer Kurzgeschichte von Dirk Kurbjuweit

Die „Das Haus“ zugrundeliegende Vorlage des preisgekrönten Journalisten und Schriftstellers Dirk Kurbjuweit ist 2020 in der Kurzgeschichtensammlung „2029 – Geschichten von Morgen“ veröffentlicht worden. Das bringt uns Aufschluss darüber, dass die Handlung offenbar im Jahr 2029 spielt. Eine weitere Erzählung aus dem Buch hat Sebastian Marka mit „Exit“ bereits 2020 fürs Fernsehen verfilmt.

Johann hat eine im Haus versteckte Maschinenpistole entdeckt

„Das Haus“ ist ein durchdacht inszenierter SF-Politthriller, der zu fesseln vermag, aber das große Problem hat, am Ende Science-Fiction und politisches Geschehen nicht vereint zu haben. Mit ganz viel gutem Willen kann man es als Metapher aufs politische Geschehen interpretieren, dass das Haus selbst in der Lage zu sein scheint, seine Bewohnerin Lucia und seinen Bewohner Johann zu manipulieren, aber das empfinde ich als arg konstruiert. Das Eigenleben des Hauses gibt auch Anlass zu Kritik an der Logik des Verhaltens der Eheleute: Wenn sie unmittelbar fürchten müssen, von der künstlichen Intelligenz aus- oder gar eingesperrt zu werden, wäre es hilfreich, dies zu verhindern. Eine Bank in die Öffnung der Terrassentür, eine Kiste auf die Haustürschwelle – man sollte denken, dass kluge Leute auf diesen Gedanken kommen. Fehlanzeige. Sie sind eben nicht smart genug, was sich ebenso über „Das Haus“ sagen lässt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tobias Moretti haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Welche Ziele verfolgen Alexander und Layla?

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Das Haus
D 2021
Regie: Rick Ostermann
Drehbuch: Patrick Brunken, Rick Ostermann, nach einer Kurzgeschichte von Dirk Kurbjuweit
Besetzung: Tobias Moretti, Valery Tscheplanowa, Lisa Vicari, Max von der Groeben, Hans-Jochen Wagner, Samir Fuchs, Daniel Krauss, Alexander Wipprecht, Verena Vorjohann
Verleih: notsold GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2021 notsold GmbH
Foto-Credits: Andreas Schlieter, Stefan Ciupek

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2021/09/21 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Twentynine Palms – Über die Leere

Twentynine Palms

Von Volker Schönenberger

Drama // Mit den Regiearbeiten des französischen Autorenfilmers Bruno Dumont bin ich nicht vertraut. Sie werden teils sehr kontrovers aufgenommen, wohl nicht zuletzt aufgrund der teils drastischen, nichts beschönigenden Darstellung und Kombination von Gewalt und Sex. Eine Retrospektive beim deutsch-französischen Kultursender Arte gibt Gelegenheit, sich Dumont zu nähern. Die fünf ausgewählten Filme sind allesamt bis Ende Februar 2022 in der Arte-Mediathek verfügbar.

Ab in die Wüste

Das gilt auch für „Twentynine Palms“ von 2003, Dumonts dritten Film. Der Titel bezieht sich auf die gleichnamige Stadt, gelegen in der kalifornischen Mojave-Wüste in unmittelbarer Nähe des Joshua-Tree-Nationalparks. Dorthin bricht der Fotograf David (Davis Wissak) von Los Angeles aus mit seiner russischen Freundin Katia (Yekaterina Golubeva) im Geländewagen der Marke Hummer auf, um Fotomotive zu finden. Da sie kaum Englisch und er kein Russisch spricht, verständigen sie sich leidlich auf Französisch, wobei David immer wieder ins Englische zurückfällt. Ihre Kommunikation führt somit zu Missverständnissen.

Sex in der Wüste

Immerhin nonverbal klappt es einigermaßen, ihr Bedürfnis nach Sex stillen sie, sobald ihnen der Sinn danach steht. Auch mitten in der Wüste, wobei die Unbequemlichkeit sie innehalten lässt und Katia dabei auch nicht richtig in Stimmung kommt, ihn in sich aufzunehmen. Zu trocken. Dann lieber im Pool. Von übergroßer Zärtlichkeit sind die Sexualakte der beiden allerdings nicht geprägt. Ihr Sex ist sehr physisch (wobei ich mich beim Schreiben dieses Satzes frage, wie nichtphysischer oder kaum physischer Sex auszusehen hat, aber man versteht hoffentlich, was ich meine).

Die Leere der Wüste

Gedreht wurde an Originalschauplätzen ohne musikalische Untermalung, wenn man von etwas diegetischer Musik absieht, ein paar sperrige Countrysongs aus dem Autoradio. Auch die Dialoge beschränkt Dumont auf kurze Gespräche zwischen Katia und David. Viel im Sinne von Ereignissen entlang eines roten Handlungsfadens tut sich nicht in „Twentynine Palms“. Dennoch erreicht der Film fast die Zweistundenmarke, sprich: Etwas Durchhaltevermögen ist gefragt – oder die Fähigkeit, sich auf die spröde visuelle Kraft von Regisseur Bruno Dumont Kameramann Georges Lechaptois einzulassen, in seine Vision einzutauchen, die trotz permanent gleißender Helle Düsternis offenbart. Die Mojave-Wüste und der Joshua-Tree-Nationalpark geben faszinierende Motive her, was der Film ausgiebig einsetzt. Selbst Twentynine Palms wirkt auch tagsüber fast ausgestorben. David und Katia sind beinahe die einzigen Menschen, die auf den Straßen flanieren. Ein Supermarkt mit vor Waren überquellenden Regalen unterstreicht das. Wo sind all die Kunden für diese Produkte? Ein Detail, das zugegeben Marcus Stiglegger vor mir bemerkt hat, dem ich auch die Anregung zur Sichtung von „Twentynine Palms“ verdanke. Soll die große Leere auch eine Metapher für die innere Leere von David und Katia sein? Oder für die innere Leere ihrer Beziehung? Vielleicht beides. Ausgesprochen gefühlig im Sinne von wohlig geht es zwischen den beiden jedenfalls nicht zu. Womöglich steht die Wüste auch für die Leere des amerikanischen Traums, zu dem wir Europäer wohl schon lange nicht mehr neidisch herüberschielen.

Der bittere Höhepunkt in der Wüste

Ein Katia und David im Ort aus dem Auto heraus anpöbelnder Redneck unterstreicht die Fremde, in die sich die beiden aufgemacht haben. Sie gehören hier nicht hin. Ob sie wissen, wo sie hingehören, sei dahingestellt. Mit der Ereignislosigkeit ist es irgendwann vorbei, aber auf eine Weise, die dem Publikum einen überaus verstörenden Höhepunkt beschert. Zumal auch in einer Umkehrung des vielleicht noch gerade so Erwartbaren, die das Ganze noch schockierender geraten lässt. Am Ende Fassungslosigkeit.

„Twentynine Palms“ ist heftig, ein unangenehmer Brocken. Kein Werk, das man aus einer Laune heraus nach dem Motto „Oh, ich habe mal wieder Bock auf einen Film“ in den Player schiebt. Nach einer Erstsichtung vielleicht noch ein zweites Mal zur tiefergehenden Analyse. Vielleicht aber auch nicht. In der „Kino kontrovers“-Reihe von Legend Home Entertainment ist das Werk gut aufgehoben. Im herkömmlichen Softcase und als Mediabook ist die DVD gleichermaßen im Handel vergriffen, auf dem Sammlermarkt wird man noch fündig – nicht für Flohmarktpkurse, aber auch nicht für Mondpreise.

Weltpremiere beim TIFF, beim Sitges prämiert

Seine Weltpremiere feierte „Twentynine Palms“ im September 2003 beim Toronto International Filmfestival (TIFF). Weitere Festivalauftritte folgten, in Venedig lief das Werk im Wettebewerb um den Goldenen Löwen. Für Filmpreise wohl zu sperrig, gab es für Dumont immerhin den José-Luis-Guarner-Kritikerpreis (besondere Erwähnung) beim Sitges 2003, dem internationalen Filmfestival von Katalonien.

Bruno Dumont bei Arte

Die weiteren Beiträge der Reihe „Die Filme von Bruno Dumont“ in der Arte-Mediathek: „Das Leben Jesu“ (1997), „Humanität“ (1999), „Flandern“ (2006) und „Hadewijch“.

Hauptdarstellerin Yekaterina Golubeva starb 2011 in Paris im Alter von 44 Jahren. Über ihre Todesursache wurde nichts bekannt. Sie ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Bruno Dumont haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet

Veröffentlichung: 10. November 2011 als DVD im Mediabook, 12. November 2007 als DVD

Länge: 114 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Twentynine Palms
F/D/USA 2003
Regie: Bruno Dumont
Drehbuch: Bruno Dumont
Besetzung: Yekaterina Golubeva, Davis Wissak
Zusatzmaterial: Making-of (44 Min.), WDR-Dokumentation „Die Schöne ist mein Dämon“ (44 Min.), Postergalerie, deutscher Trailer, Originaltrailer, nur Mediabook:
Label: Legend Home Entertainment
Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Packshots: © Legend Home Entertainment

 

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