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Archiv der Kategorie: Rezensionen

Mörder hinter der Tür – Dein Hirn, das unbekannte Wesen

Quelqu’un derrière la porte

Von Tonio Klein

Psychothriller // Dieser meist ruhige Film ist hervorragend und bietet Hauptdarsteller Charles Bronson einen ungewöhnlichen Auftritt. Gleichwohl ist schon bei seinem ersten Erscheinen klar, dass die Kamera mit dem wuchert, was man seine Präsenz nennen kann. Diese konterkariert er auch nicht in seinen besten Filmen, die Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in Italien und Frankreich entstanden. Die Kamera, die sowieso mit Großaufnahmen nicht geizt, zeigt sein Stoneface, hoher Wiedererkennungswert, aber dass Bronson halt immer Bronson ist, muss man gar nicht kritisch sehen. Vor allem in „Mörder hinter der Tür“ nicht: Die markanten Gesichtszüge brennen sich ein, der Blick bohrend, ein Typ, mit dem als Türsteher man sich nicht anlegen möchte. Gleichzeitig haftet der Erscheinung etwas Derangiertes an, Desorientiertes, und gepflegter sah er auch schon mal aus. Selbst nach diesem Erstauftritt: Immer wieder der verloren wirkende Blick eines suchenden, irrenden – oder sogar irren? – Mannes.

Stoneface mit Schattenseite

Wenig später kommt eine in damaligen Bronson-Filmen oft unvermeidliche Szene – der Mann setzt seinen muskulösen, sehnigen Oberkörper nackt ins rechte Bild; dies kommt sogar in Filmen vor, die einen nachdenklichen, verletzlichen Bronson zeigen, wie beispielsweise im nahezu actionfreien Psychothriller „Der aus dem Regen kam“ (1970) René Cléments. Hier nun wissen wir zunächst noch nicht, ob das nur Show ist, aber im Nachhinein ergibt das schon Sinn: Der Mann ist erstens wirklich kräftig, zweitens im physischen wie übertragenen Sinne angespannt und drittens hat er Wunden. Alles wird sich noch als wichtig erweisen.

Der Gehirnchirurg Laurence Jeffries (Anthony Perkins) hatte übrigens ebenfalls seine „Beefcake“-Szene oben ohne, noch vorher, ebenfalls angenehm rätselhaft, aber andeutungs- und bedeutungsvoll. Die Credits sind mit Bildern einer von ihm geleiteten und nicht immer lecker anzusehenden Hirnoperation unterlegt. Nach deren Abschluss ist Jeffries rechtschaffen fertig, eine mitfühlende Krankenschwester trocknet ihm zärtlich den Schweiß ab, und dann streichelt sie ihn noch kurz ohne Handtuch. So viel sei verraten: Die Rolle der Krankenschwester endet im Nichts, aber dass Jeffries ein wenig autistisch und völlig kompromisslos auf seine Arbeit fixiert ist, wird ein wichtiger Schlüssel sein. „It’s not a job, it’s an obsession“, so wird es wenig später heißen. Das Drehbuch streut immer wieder gezielt kleine Hinweise ein, dass bei Laurence etwas nicht stimmt, offenbart auch ziemlich früh, dass der Mann öfter einmal lügt. Das ist sehr geschickt gemacht, wird uns doch mulmig, aber wir können den großen Zusammenhang noch nicht erfassen. So funktioniert Suspense ebenfalls: Nicht der Komplett-Informationsvorsprung wie in einem Film Alfred Hitchcocks, aber dunkle Ahnungen statt einer finalen Überraschungs-Wundertüte.

Mann ohne Eigenschaften?

Der Bronson-Charakter leidet unter Amnesie und muss sich mühsam ein Bild davon zusammensetzen, wer er eigentlich ist, wie er in ein Krankenhaus gekommen ist, was die Kratzer zu bedeuten haben. Und noch so vieles mehr gilt es zu ergründen, denn wie in Filmen à la „Tod im Spiegel“ (1991, ein Neo-Noir von Wolfgang Petersen) muss der Gedächtnisschwindsüchtige gleichzeitig an allem zweifeln und allen vertrauen. Dass jemandem das den Boden unter den Füßen wegreißen kann, ist offenkundig. Sozusagen die negative Kehrseite des Wunsches (jedenfalls war dies mein Traum seit Kindheitstagen), einmal aus sich herauszutreten und die Welt mit anderen als den eigenen, notwendig subjektiven Augen zu sehen. Was bekanntlich ein unmöglicher Traum ist, aber Amnesie kommt dem schon recht nahe. Und dann merkt man, das eigene Ich als Orientierung eben doch zu brauchen. Der Traum wird zum Albtraum.

Von dort startet eine Detektivgeschichte, eine Suche nach der verlorenen Identität. Jeffries erklärt es zu seiner Aufgabe, dem Fremden dabei nach Kräften zu helfen; dies geböten ihm Ethos und Passion seines Berufes. Zu diesem Zweck quartiert er den Mann sogar in seinem Haus ein. Aber handelt Jeffries wirklich altruistisch? Extrem ungewöhnlich ist die Beherbergung ja, und die Frage, ob hier jemand ein falsches Spiel spielt, schwebt schon früh über allem. Wenn dies zur Gewissheit wird, bleibt der Film spannend, weil wir Details und vor allem das Motiv noch nicht kennen. Hier wäre die weitere Nacherzählung wirklich gemein. Man kann aber sagen: Die Bronson-Figur ist nicht ganz, aber fast ein Mann ohne Eigenschaften, dem eine ganz spezielle Identität und Lebensgeschichte eingeimpft wird. Jüngere Berichte, nach denen Menschen unter Umständen fest davon überzeugt sind, imaginierte und durchaus spektakuläre Dinge wie eine Entführung wirklich erlebt zu haben, zeigen: Das menschliche Hirn kann unter gewissen Bedingungen extrem fehleranfällig sein. Und manipulierbar. Der Film nimmt sein Thema ernst und missbraucht es nicht als Triebfeder eines süffisanten Thrillers (der das Werk aber ebenfalls ist). Auch der Schachzug, entgegen dem gleichnamigen Roman von Jacques Robert aus Jeffries einen Hirnchirurgen zu machen, geht vor diesem Hintergrund auf.

Cherchez la femme ? Cherchez le cerveau (= das Hirn)

Ein Stück weit scheint es mal wieder so, als sei die Frau das unbekannte Wesen, cherchez la femme! Man muss aber eher nach dem Hirn suchen, Bronsons Suche wird notwendig eine nach innen sein. Eine Frau kommt gleichwohl vor, als Spiegelbild kryptischer (Nicht-)Erinnerungen einerseits und von Manipulationen andererseits. Bronsons Frau Jill Ireland spielt sie, und im Gegensatz zu Bronson bekommt sie einen Namen: Frances. Ein so schönes wie rätselhaftes Wesen, deren Blick ein irritierendes und irritiertes Suchen und Sehnen erahnen lässt.

Was hat es mit Frances auf sich?

Zu Anfang tritt sie höchst real auf und ist doch eher Erscheinung und Enigma statt Fleisch und Blut. Auch sie umgibt ein Geheimnis. Bereits bei ihrem ersten längeren Auftritt Unsicherheits- und Verdachtsmomente, die aber schwer zu greifen sind. Hat der Zuschauer derart Blut geleckt, wird der Film im positiven Sinne gemein, spannt uns auf die Folter, denn Frances wird deutlich diffuser. Sie verschwindet als reale Person für lange Zeit aus dem Film; gleichzeitig scheint sich alles um sie zu drehen. Es handele sich um Bronsons Frau, die ihm aber untreu geworden sei. Deswegen will er den Nebenbuhler zur Rede stellen, muss aber zudem befürchten, Frances in unkontrollierter Wut am Strand von Eastcliff (der Film spielt in England) vergewaltigt und getötet zu haben.

Bronsons Leben entgleitet, zerspringt ihm, er zermartert sich das Hirn auf der Suche nach selbigem, leider unter der Abhängigkeit des vielleicht doch nicht so vertrauenswürdigen Arztes, aber auch unter der mutmaßlichen Untreue der Frau, die er nun für die seine hält. Und dies alles bringt ihn in Verzweiflung wie Rage – Letzteres gegen andere wie gegen sich selbst.

Zwei Schauspieler, insbesondere einer – Bronson

Es ist bemerkenswert, wie sich Bronson als der soeben beschriebene Typus schlägt. Der Film ist ein Aufeinandertreffen, ja Duell zweier Stars, und Stars sind nicht immer, aber hier: wahre Schauspieler. In unserem Falle sehr unterschiedliche. Perkins, der Verhaltene, Nachdenkliche, in seinen Rollen auch mal Gestörte, der ebenfalls auf der Theaterbühne Erfahrung hatte, ist insoweit ein Selbstläufer. Gediegene Diktion, kontrollierte Gestik und Mimik. Ein gerade am Anfang oft auffällig eingesetztes Lächeln lässt sich schwer deuten: Ist er/es gütig, freundlich – oder bedrohlich und gleichzeitig auf eine innere Unreife zurückzuführen? Da zeigt der Mime nuancierteste Schauspielkunst.

Aber Bronson, kann man ihm Vergleichbares zutrauen? Zwar war es immer schon falsch, jedenfalls über die gesamte Zeit seiner filmischen Laufbahn betrachtet, ihn auf den Nichtskönner fürs Grobe zu reduzieren. Er kann auch in zumindest manchen anderen Filmen recht differenziert spielen und hat nicht in allen wenig Text. Man merkt das insbesondere daran, dass sein jüngerer Doppelgänger Robert Bronzi (sehr intelligenter Künstlername) ihm in lauter Bronson-Nachahmerfilmchen wie „Death Kiss“ (2018) immer dann, wenn er mal was sagen muss, nicht annähernd das Wasser reichen kann. Aber so viel wie Regisseur Nicolas Gessner für „Mörder hinter der Tür“ hat noch niemand Bronson an Schauspielkunst, Diktion und Deklamation abverlangt, nicht einmal der hochgeschätzte René Clément in „Der aus dem Regen kam“. Bronson spielt, als sei es das erste und letzte Mal, er schaut derangiert, er grübelt, er schwankt in mannigfaltigen Dialogen zwischen Unsicherheit, Verzweiflung und Aggression.

Man kann darüber streiten, ob er mit alldem durchgängig überzeugt; der in einem Extra in den Film einführende Filmhistoriker Jean-Baptiste Thoret ist nur eingeschränkt angetan. Ich finde es hervorragend. Und dafür gibt es, bei allem in einer Rezension notwendig Subjektiven, einen genau benennbaren Grund: Diese enorme und nicht zu übersehende Körperlichkeit Bronsons passt zu Spiel und Rolle, statt dem Ganzen entgegenzustehen. Wie an früheren (wenngleich nicht so extrem athletischen) körperbetonten und gleichzeitig erstklassigen Mimen (Robert Stack, Robert Ryan) erkennt man: Da ist nicht nur die Seele, sondern auch der Körper unglaublich angespannt, immer kurz vor dem Zerbersten, in jeder Bewegung fast schon verkrampft, jedenfalls nur mühsam kontrolliert. Und genau so ist die Bronson-Figur, muss sie sein. Bereits des Mannes Oben-ohne-Szene hat es ahnen lassen. Permanente Anspannung, und selbst, wenn Bronson wild schimpft und gestikuliert, geht er doch nie ganz aus sich heraus. Keine Befreiung. Immer noch oder erst recht leidend, weil er ein Gefangener ist. Auch in diesem wuchtigen Körper. Man ahnt, dass man so einen in manchen Situationen besser anketten sollte, denn wenn die inneren Ketten sich enger um ihn schnüren, drohen die äußeren zu brechen – ein so gelungener wie bedrohlicher Gegensatz. Und wenn Letzteres passiert, ist nicht nur er, sondern sind zuvörderst andere gefährdet, wie später noch einmal Frances.

Gefährdet und gefährlich: Bronson

Dass Bronson einen extremen Gegensatz zwischen innerer Verunsicherung und äußerer Eruption sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes nicht nur spielt, sondern auch verkörpert, geht noch aus einem anderen Grunde extrem gut auf. Aber diesen mögen sich die Zuschauer selbst anhand der Auflösung des Plots erschließen.

Filmisches Kammerspiel im besten Sinne

Der Crew gelingt es, einen nicht immer, aber größtenteils im selben Haus spielenden Stoff filmisch äußerst ansprechend zu gestalten. Vorneweg setzt die Hirnoperation die nötigen symbolischen Akzente. Bilder sind – bei aller Ruhe jenseits der Vergewaltigung und einer nicht zu verratenden Gewalttat – solche, die durchaus mal wehtun dürfen. Viele Großaufnahmen. Diese bohren sich in Hirn und Magen, vor allem, wenn Bronson auf ihnen zu erblicken ist und blickt. Sie legen gleichzeitig das Innere der Figuren ungeschützt bloß wie bei der OP. Ob dieses Innere nun Verlorenheit oder Verschlagenheit oder je ein Stück von beidem bedeutet, was wir zum Glück erst am Ende komplett enträtseln werden: Krank sind auf jeden Fall beide männlichen Protagonisten. Vielleicht sogar zwei Seiten derselben Medaille, der eine die unterdrückte Gewalt des anderen. Dass das Ende eine auch moralische Auflösung bietet, zerstört nicht vorherige Ambivalenzen, sondern lässt sie sich zu einem stimmigen Gesamtbild verdichten. Und sogar noch Frances wird in dieses nicht zuletzt optische Spiel einbezogen, wenn während des Abspanns die Kamera zwischen den immergleichen, statischen Großaufnahmen Perkins’ und Irelands hin- und herschneidet; dazu erklingt das Schlagen eines Herzens. Die erschreckende Erkenntnis Frances’: weil sie seine Krankheit erkannt hat. Die erschreckende Erkenntnis Lawrence’: weil sie ihn damit konfrontiert hat. Das Herz der beiden wird nicht gemeinsam schlagen können, und Bronson ist raus, hat seine Schuldigkeit in einem so perversen wie gerissenen Spiel getan, in einem Krimi, wie man ihn nie gesehen hat.

Und das sind bei weitem nicht die einzigen Preziosen. Der Strand ist ebenfalls so grandios wie metaphorisch eingefangen; es sind mal wieder die Vögel (hier kreischende Möwen), die von der Antike bis zu Alfred Hitchcock Zeichen dafür sind, dass Chaos in eine tatsächliche oder vermeintliche Ordnung einbrechen wird. Mit „grandios“ ist übrigens nicht eine Art Panorama-Fotografie gemeint! Wer Dünen an sich schon schön findet, kann sich auch hier der Schönheit erst nicht entziehen – aber dann findet gerade dort eine nicht voyeuristisch, aber deutlich gezeigte Vergewaltigung statt.

Nichts ist voyeuristisch, aber FSK 16 verständlich

Und eine Erhabenheit von Strand, Meer und Himmel in einer Cinemascope-Weitwinkelfotografie gibt es sowieso nie. Auch wenn das Meer einmal zu sehen ist, bedient sich der Film eines Teleobjektives, was dazu führt, dass alles extrem plan aussieht. Während Weitwinkel die Abstände scheinbar vergrößert (man kann das in Filmen Sidney Lumets genauso beobachten wie in Hotel-/Maklerprospekten, um Zimmer größer aussehen zu lassen), lässt Tele sie zusammenschrumpfen, hat eine beengende Wirkung, am extremsten in „Barry Lyndon“ (1975): Hochspezielle NASA-Linsen sorgten in Stanley Kubricks Historienfilm dafür, dass alles so plan wie auf Gemälden aussieht. In dieselbe Richtung geht die Fotografie von „Mörder hinter der Tür“; bedrückende Enge statt erhabener Weite, ein Gefühl des Gefangenseins, der Unmöglichkeit der Orientierung und der Distanzierung, der Unmöglichkeit, nicht klar auf sein eigenes Leben blicken zu können. Im Haus wie am Strand findet sich dieses Stilmittel, und wie sehr es zu Handlung und Situation der Protagonisten passt, ist nach dem Voranstehenden offenbar.

Eine überzeugende Blu-ray!

Thorets erwähnte Einführung und die am Set geführten Interviews sind trotz oder gerade auch wegen ihrer Kürze äußerst ergiebig. Thoret spricht kenntnisreich, und es ist phänomenal, was er ohne Einbußen bei der Verständlichkeit alles an Informationen und nachvollziehbaren Wertungen in die sechs Minuten hineingepackt hat. Zudem lassen sich für diejenigen, die schon Französischkenntnisse haben, diese auffrischen und erweitern. Eine „versteinerte“ Schauspielweise nennt der Franzose also „granitique“, was noch deutlicher ist und Bronson natürlich prima erfasst, wenngleich dieser sich hier davon emanzipiert. Dass Bronson in diesem Film mehr Dialog als in allen seinen anderen zusammen habe, ist vielleicht übertrieben, aber man möge sich als gegenteiliges Extrem einmal „Chatos Land“ (1972) ansehen. Bei den Interviews am Set ziehen wir den Hut vor Perkins’ nicht makellosem, aber wirklich gutem Französisch (der Mann hatte beispielsweise schon zwei Filme mit Claude Chabrol abgedreht, mit dem er sich gut verstanden hatte). Und dass er als seine bislang besten Filme neben dem unvermeidlichen „Psycho“ (1960) nur noch William Wylers „Lockende Versuchung“ (1956) nannte, freut den Wyler-Fan, als der ich mich oute. Diese beiden seien Werke, die blieben. Ein paar andere, wie eben „Mörder hinter der Tür“, tun es aber auch.

Bronson gibt sich (auf Englisch) erfreulich unprätentiös. Er sei gern Schauspieler, aber es scheint ihm kein Beruf zu sein, der sich extrem von den zahlreichen anderen unterscheidet, die er zuvor innehatte. Man glaubt ihm durchaus, dass er den Ruhm weder ungern hat noch daran hängt (vor allem, wenn man sich ansieht, dass er sich ab den 1980er-Jahren überhaupt nicht mehr weiterentwickelte und Fließbandware für die berüchtigten Cannon-Studios und ein paar andere Brötchengeber herunterkurbelte). Interessant ist, welche Frage der in der Schweiz geborene und kurzzeitig in Frankreich erfolgreiche Regisseur Nicolas Gessner im „Hinter den Kulissen“-Clip mit „nein“ beantwortet: Ob der Film mit Hitchcock vergleichbar sein werde. Dieser Gedanke ist ja nicht ganz fernliegend bei einem Psychothriller, der eher auf Rätselhaftes statt auf Action setzt. Obwohl man die Gründe seiner Antwort nur raten kann: Vielleicht lag es ja daran, dass für „Hitch“ die Geschichte immer nur formbare Masse für seine thematischen Obsessionen und unbestreitbare formale Meisterschaft war. Gassner nimmt seine Geschichte eines manipulierbaren Hirns und damit Lebens aber wirklich ernst. Auch sehr spannend, und dabei inhaltlich noch überzeugender.

Bei ihm ist nicht nur die Brust angekratzt

Audiokommentare sind oft eine zähe Angelegenheit, da die Sprecher nicht über die ganze Strecke etwas zu sagen haben und dies mit zu den Bildern unpassenden Witzchen und/oder mit dem minutiösen Auflisten des Gesamtwerks noch des dritten Kameraassistenten zu kaschieren trachten. Hier ist Regisseur Gassner höchstselbst am Start, in einem nur leicht akzentbehafteten, gut verständlichen (leider nicht untertitelten) Englisch, und er hebt sich wohltuend von anderen ab. Zum Beispiel, weil er auch mal über eine gewisse Zeit schweigen kann. Und wenn er spricht, sagt er was. Angenehme Mischung aus wertvollen Hintergrundinformationen (etwa, dass sich die britische Produktionsgesellschaft zurückzog, nachdem die Gewerkschaft dagegen opponierte, zwei US-Hauptdarsteller zu verpflichten) und formal-inhaltlicher Analyse. Erfreulich eng am jeweils gerade Gezeigten statt abschweifend. Dabei glücklicherweise kein Nachbeten dessen, was ein halbwegs wacher Zuschauer selbst sieht, sondern Erläuterung von Dingen, die man vielleicht zum Teil kaum oder gar nicht bemerkt, die aber Sinn ergeben. Schilderungen, warum Drehbuch, Kamera und andere Mittel genau so eingesetzt wurden, wie sie es wurden. Hier sei nur ein Beispiel genannt: Neben einigen voranstehend erläuterten Stilmitteln wird der metaphorische Einsatz von Spiegeln, ohnehin nicht ganz unauffällig, durch den Kommentar noch deutlicher. Alles in allem also ein großer Gewinn.

Die Blu-ray, die mir als Check Disc ohne Hülle und Booklet vorlag, ist in Bild und Ton von hoher Qualität und enthält nicht zuletzt reichhaltiges Bonusmaterial. Uneingeschränkt zu empfehlen – außer man mag Bronson lieber als den Mann, der rot sieht und eine Waffe nicht nur sporadisch einsetzt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charles Bronson haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. Dezember 2022 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 5. Juni 2008 als DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 90 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Quelqu’un derrière la porte
F/IT 1971
Regie: Nicolas Gessner
Drehbuch: Marc Behm, Nicolas Gessner, Jacques Robert, nach seinem Roman
Besetzung: Charles Bronson, Anthony Perkins, Ireland, Henri Garcin, Adriano Magistretti, Agathe Natanson, Silvana Blasi, Colin Mann, Viviane Villamont, Carl Studer
Zusatzmaterial 2022: Audiokommentar des Regisseurs (engl. o. UT), Einführung von Filmhistoriker Jean-Baptiste Thoret (6 Min., frz. mit dt. UT), Interviews (11 Min., frz./engl. mit dt. UT), Hinter den Kulissen (4 Min.), englischer Trailer, Radio-Spot, Bildergalerie, Booklet
Zusatzmaterial 2008: Bildergalerie
Label/Vertrieb 2022: Plaion Pictures
Label/Vertrieb 2008: Studiocanal Home Entertainment / Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2022 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshots: © 2022 Plaion Pictures

 

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Mad Dog – Am Abgrund des Bösen: Der gekidnappte Polizistensohn und der durchgeknallte Cop

Ai confini del male

Von Volker Schönenberger

Thriller // Die beiden italienischen Teenager Adele (Michaela Dorlan) und Luca (Luka Zunic) werden auf einem Rave vom Gelände weg gekidnappt. Weil Lucas Vater Capitano Rio (Massimo Popolizio) ein hochrangiger Polizeibeamter ist, läuft die gesamte Fahndungsmaschinerie an. Rio lässt seinen Mitarbeiter Leutnant Fabio Meda (Edoardo Pesce) von der Leine, dessen Ermittlungsmethoden mit „rustikal“ nur unzureichend beschrieben sind – er wird aufgrund unvermittelter Gewaltausbrüche „Mad Dog“ genannt.

Entführt

Die aus Bulgarien stammende Ex-Prostituierte Jelena (Chiara Bassermann) versucht Meda zu nötigen, auch das Verschwinden ihrer Tochter Irina (Valentina Oteri) zu untersuchen. Sie beklagt sich darüber, ihr Fall werde gegenüber den beiden anderen Gekidnappten vernachlässigt, weil Irina nicht aus gutem Hause stamme. Meda lässt sich nicht unter Druck setzen, beginnt aber gleichwohl auch Irinas Verschwinden in seine Ermittlungen einzubeziehen. Ins Visier der offiziellen Ermittlungen gerät derweil der Ex-Polizist Gianluca Pozzi (Marcello Prayer), der zehn Jahre zuvor bereits in den Fall eines nie gefassten Serienmörders verwickelt war, der „Monster“ genannt wurde. Meda entdeckt einen Zusammenhang mit illegalen Geheimpartys hochgestellter Persönlichkeiten, bei denen junge Frauen als Freiwild benutzt werden.

Captain Rio (r.) setzt Leutnant „Mad Dog“ Meda ein

„Mad Dog – Am Abgrund des Bösen“ lebt vom Zusammenspiel der beiden Ermittler und den überzeugenden Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Es ist allerdings kein Buddy-Movie, die Hierarchien zwischen dem Capitano und dem Leutnant sind klar abgesteckt, auch wenn Meda gern mal auf Anweisungen pfeift. Er ist nicht umsonst als „Mad Dog“ verschrien, sondern trägt ein Trauma mit sich herum, das er nie verarbeitet hat. Kein neues Motiv, wie so viele Elemente der Geschichte üblichen Pfaden solcher Cop-Thriller folgen. Dieser gibt sich raffinierter, als er letztlich ist, aber der Weg zur Auflösung gestaltet sich immerhin fesselnd, wenn auch visuell ohne irgendwelche Ideen, welche die Regiearbeit von Vincenzo Alfieri über das Gros solider Thriller herausragen ließen.

Die oberen Zehntausend wissen, wie man feiert

Für einen italienischen Bezahlsender produziert, wirkt „Ai confini del male“, so der Originaltitel, zwar nicht wie ein Fernsehfilm, Kinoformat will ich ihm aber auch nicht recht attestieren. Es handelt sich dabei um die Adaption des bislang nicht ins Deutsche übersetzten Romans „Il Confine“ („Die Grenze“) des italienischen Schriftstellers Giorgio Glaviano, in dessen Heimatland anscheinend ein Bestseller. Welche italienischen Cop-Thriller könnt Ihr empfehlen?

Meda gibt nicht so schnell klein bei

Veröffentlichung: 9. September 2022 als Blu-ray, DVD und Video on Demand

Länge: 108 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ai confini del male
IT 2021
Regie: Vincenzo Alfieri
Drehbuch: Vincenzo Alfieri, Fabrizio Bettelli, nach dem Roman „Il confine“ von Giorgio Glaviano
Besetzung: Edoardo Pesce, Roberta Caronia, Chiara Bassermann, Massimo Popolizio, Nicola Rignanese, Valentina Oteri, Marcello Prayer, Valentina Pastore, Michaela Dorlan, Luka Zunic
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, Originaltrailer, Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Meteor Film GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Doppel-Packshot: © 2022 Meteor Film GmbH

 

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Indemnity – Die Jagd nach der Wahrheit: Wenn beim Erwachen die ermordete Ehefrau neben dir liegt

Indemnity

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Seit er bei einem Einsatz zwei Kollegen verlor, kämpft der Feuerwehrmann Theo Abrams (Jarrid Geduld) aus Kapstadt mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Von seiner Frau Angela (Nicole Fortuin) und dem gemeinsamen Sohn Wesley (Qaeed Patel) schottet er sich ab, seine Sorgen ertränkt er in Alkohol. Die psychologische Betreuung durch Dr. Gillian Tunbridge (Susan Danford) ignoriert er weitgehend, weshalb seinem Chef Moses Twetse (Hlomla Dandala) keine Wahl bleibt, als Theo außer Dienst zu lassen. Er steht sogar kurz davor, seinen Job komplett zu verlieren.

Feuerwehrmann Theo (l.) bleibt vom Dienst suspendiert

Seine Ehefrau arbeitet als investigative Journalistin und wird von einem Informanten kontaktiert: Samuel Isaacs (Abduragman Adams) ist einem Komplott des Rüstungskonzerns M-Tech auf der Spur, für den er einst gearbeitet hat. Seine Partnerin Mikaela Morris (Kay Smith) ist den Verschwörern bereits zum Opfer gefallen – sie wurde gefangen genommen, gefoltert und ermordet.

Polizei erstaunlich schnell vor der Tür

Es bleibt nicht bei der einen Toten: Als Theo morgens aufwacht, liegt Angela tot neben ihm. Ihm bleibt kaum Zeit, Wesley in den Arm zu nehmen, da klingelt auch schon die Polizei an seiner Tür und verhaftet ihn. Beim Abtransport entkommt er nur knapp einem Mordanschlag durch einen anderen Insassen des Gefängniswagens. Fortan wird er als Gattinnen- und Polizistenmörder gejagt.

Bald darauf wird er als Mörder seiner Frau verhaftet

Es kommt überraschend und wirkt für sich erst einmal überaus unglaubwürdig, über welch beeindruckende Martial-Arts-Fähigkeiten Theo verfügt und wie gut er mit Schusswaffen umgehen kann. Das gehört allerdings zum Plot! Mehr darf darüber an dieser Stelle nicht verraten werden. Ebenso befremdet es etwas, dass er als Held der Geschichte Unschuldige als Geiseln nimmt und an ihnen Gewalt ausübt. Das lässt sich aber gut mit seiner Belastungsstörung erklären, die ihn bisweilen irrational handeln lässt. Auch die Tatsache, dass er überhaupt ein Trauma mit sich herumträgt, ist einerseits zwar nichts Neues im Genre, hat andererseits aber ebenfalls seine Bedeutung für die Story. Insgesamt erscheint mir die Hauptfigur durchaus sorgfältig charakterisiert und porträtiert zu sein und zählt zu den Pluspunkten von „Indemnity – Die Jagd nach der Wahrheit“. Hauptdarsteller Jarrid Geduld trägt seine Rolle gut durch das zweistündige Geschehen.

Immer wieder gern genommen: Verschwörungen

Der Actionthriller wartet mit einigen generischen Versatzstücken des Genres auf, hält sein Publikum aber mit einem fesselnden Plot in Atem. Verschwörungsthriller mit unschuldig Verfolgten kennt man zur Genüge, aber es hat schon seinen Grund, dass sich Verschwörungen im Film und Verschwörungstheorien in der Gesellschaft großer Beliebtheit erfreuen. Im Falle von „Indemnity“ bekommen wir es mit einem ausgefeilten Komplott zu tun, das zwar übertrieben unrealistisch konzipiert wurde, aber zu gefallen weiß. Das dahintersteckende Vorhaben ist aus anderen Filmen bekannt, die ich jedoch besser nicht nenne, um nicht zu spoilern.

General Shard (l.) und Detective Williamson übernehmen den Fall

Theo wird von der Ermittlerin Detective Rene Williamson (Gail Mabalane) und ihrem Boss General Alan Shard (Andre Jacobs) verfolgt (südafrikanische Polizeidienstgrade orientierten sich eine ganze Weile an militärischen Titeln). Anfangs überzeugt, einen Massenmörder zu jagen, stoßen sie im Verlauf ihrer Ermittlungen auf Hinweise und Ungereimtheiten, die sie stutzig werden lassen. Auch das ist nichts Neues, hier aber mit den beiden Figuren ebenfalls gut und glaubhaft gelöst.

Langfilm-Regiedebüt aus Südafrika

Dass Theo neben seiner ermordeten Ehefrau aufwacht, ist an Gnadenlosigkeit und Tragik schon kaum zu überbieten. Für den traumatisierten Feuerwehrmann bleibt das nicht das einzige böse Erwachen. Für Regisseur Travis Taute markiert „Indemnity – Die Jagd nach der Wahrheit“ seinen ersten langen Film. Ein mehr als ordentliches Debüt, das er nach eigenem Drehbuch inszeniert hat. Und da südafrikanische Produktionen international eher ein Stiefmütterchendasein führen, fällt es umso leichter, hier eine Empfehlung auszusprechen.

Halsbrecherische Flucht

Veröffentlichung: 7. Oktober 2022 als Blu-ray, DVD und Video on Demand

Länge: 125 Min. (Blu-ray), 120 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch/Afrikaans
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Indemnity
RSA 2021
Regie: Travis Taute
Drehbuch: Travis Taute
Besetzung: Jarrid Geduld, Gail Mabalane, Andre Jacobs, Nicole Fortuin, Hannes van Wyk, Louw Venter, Susan Danford, Abduragman Adams, Hlomla Dandala, Qaeed Patel, Kay Smith
Zusatzmaterial: deutscher Trailer, Originaltrailer, Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Meteor Film GmbH

Copyright 2022 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & gruppierter Packshot: © 2022 Meteor Film GmbH

 

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