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Archiv der Kategorie: Rezensionen

Horror für Halloween (XI): The Walking Dead – Nicht Rick und Carl, sondern Boris Karloff

The Walking Dead

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Die Drohungen aus den Kreisen des organisierten Verbrechens haben ihn nicht beeindruckt: Der unbeugsame Richter Roger Shaw (Joe King) schickt den Mobster Stephen Martin (Kenneth Harlan) für zehn Jahre in den Knast. Das überrascht sogar dessen Anwalt Nolan (Ricardo Cortez), der sich kurz zuvor noch siegessicher gegeben hatte. Nun muss Shaw sterben! Um der Öffentlichkeit einen Mörder präsentieren zu können, hecken die Gangster um Nolan einen perfiden Plan aus. John Ellman (Boris Karloff) war vor zehn Jahren von Richter Shaw zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Dem frisch aus dem Knast entlassenen Pianisten wird die Leiche des Juristen untergeschoben und die Bluttat angehängt. Als blanker Hohn wirkt die Tatsache, dass der verbrecherische Anwalt Nolan persönlich Ellmans Verteidigung übernimmt. Folge: das Todesurteil.

Entlastungszeugen kommen zu spät

Die jungen Eheleute Nancy (Marguerite Churchill) und Jimmy (Warren Hull) hatten beobachtet, wie der Tote in Ellmans Auto platziert wurde, sich aber von den Gangstern einschüchtern lassen. Schließlich siegt ihr Ehrgefühl, doch zu spät, um die Exekution zu verhindern. Die Leiche des Unglücklichen wird ins Labor von Dr. Evan Beaumont (Edmund Gwenn) geschafft, für den Nancy und Jimmy arbeiten. Dem Wissenschaftler gelingt mit einer experimentellen Technik das Unvorstellbare: Ellman ins Leben zurückzuholen.

Erst Krimi, dann Science-Fiction, später Horror

Die Mischung aus Kriminalstory, Science-Fiction und Horror war seinerzeit durchaus gängig. Der ebenfalls mit Karloff besetzte „Schwarzer Freitag“ (1940) sei beispielhaft genannt. So wandelt sich im Verlauf der Handlung die Plot-Charakteristik: Als Gangster- und Justizdrama startend, wechselt „The Walking Dead“ im zweiten Drittel zur Science-Fiction, um erst spät zum Horror zu gelangen. Zwar ist Ellman zu keinem Zeitpunkt bewusst, Opfer einer Verschwörung zu sein, dennoch spürt er als Wiedergänger die Schuld derjenigen, die ihn zu Tode brachten. Dies zeigt sich eindrucksvoll in einer Szene, in der der auferstandene Hingerichtete vor einem privat geladenen Publikum Klavier spielt und die Gangster mit starrem Blick fixiert.

Vom Regisseur von „Casablanca“

Ab diesem Moment – etwa 40 Minuten des Films sind vergangen – setzen Regisseur Michael Curtiz („Casablanca“, 1942) und sein Kameramann Hal Mohr („Phantom der Oper“, 1943) vermehrt auf Horrorelemente, vornehmlich mit Perspektiven, Schatten und Karloffs markanter Mimik und Statur. Dabei geht es Ellman gar nicht um Vergeltung, er sucht die Verantwortlichen auf, um herauszufinden, weshalb sie taten, was sie taten: „Why did you have me killed?“ Dass dabei einige Unfalltode zu beklagen sind, ist ein nicht immer elegant konstruierter Nebeneffekt. Schauspielerisch lebt das stark von Karloffs bewegender Darstellung des unglückseligen Ellman. Als skrupelloser Gangster-Advokat bildet Ricardo Cortez („Der Malteser Falke“, 1931) einen starken Gegenpart, gegen diese beiden fallen die übrigen Figuren etwas ab. Ein paar Anleihen beim fünf Jahre zuvor entstandenen Universal-Horrorfilm „Frankenstein“ nahm sich der Regisseur. Als Teil eines für drei Filme geltenden Kontrakts von Boris Karloff mit Warner Bros. markiert „The Walking Dead“ den einzigen Auftritt von Boris Karloff in einer tragenden Rolle eines Films von Michael Curtiz. In dessen Pre-Code-Horrordrama „The Mad Genius“ (1931) trat Karloff lediglich in einer kleinen Nebenrolle in Erscheinung.

Legaler Gratis-Download im Internet-Archiv

Hierzulande ist „The Walking Dead“ im Mai dieses Jahres unter dem Titel „Die Rache des Toten“ in limitierter Auflage von 2.000 Exemplaren auf DVD erschienen. Die Internet Movie Database listet mit „Der wandelnde Leichnam“ einen weiteren deutschen Titel sowie eine westdeutsche Fernsehpremiere am 1. Mai 1979. Ich empfehle die US-Doppel-DVD „Karloff & Lugosi – Horror Classics“ von 2009 mit vier Filmen, die offenbar kürzlich in Neuauflage erschienen ist. Der Film gehört mittlerweile in den Bereich der Public Domain und kann daher gratis und völlig legal im Internet Archive angeschaut und heruntergeladen werden. Es lohnt sich.

Veröffentlichung (D): 10. Mai 2018 als DVD
Veröffentlichung (USA): 11. September 2018 und 6. Oktober 2009 als Teil der Doppel-DVD „Karloff & Lugosi – Horror Classics“ (mit „Frankenstein 1970“, „You’ll Find Out“ und „Zombies on Broadway“)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Curtiz sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Boris Karloff in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: The Walking Dead
Deutsche TV-Titel: Der wandelnde Leichnam / Die Rache des Toten
USA 1936
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Ewart Adamson, Peter Milne, Robert Hardy Andrews, Lillie Hayward
Besetzung: Boris Karloff, Ricardo Cortez, Edmund Gwenn, Marguerite Churchill, Warren Hull, Barton MacLane, Henry O’Neill, Joe King, Addison Richards, Joe Sawyer, Kenneth Harlan
Zusatzmaterial: 2 Retro-Kunstpostkarten
Label/Vertrieb: SchröderMedia HandelsgmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Filmplakat: Fair Use

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Horror für Halloween (IX): Wie schmeckt das Blut von Dracula? Lee lässt sich durch Gage locken

Taste the Blood of Dracula

Von Volker Schönenberger

Horror // Irgendwo in den Tiefen Osteuropas wird der Londoner Geschäftsmann Weller (Roy Kinnear) nach einem Gerangel aus einer Kutsche geworfen. Nachdem er das Bewusstsein zurückerlangt hat, rappelt er sich auf – und erblickt bald darauf Entsetzliches: das Ende von Graf Dracula (Christopher Lee), der gepfählt das Zeitliche segnet.

Lord Courtley (l.) überredet Hargood zu einem blutigen Ritual

Nach diesem dramatischen Prolog lernen wir William Hargood (Geoffrey Keen), Samuel Paxton (Peter Sallis) und Jonathon Secker (John Carson) kennen, die sich als Ehrenmänner geben. Speziell Hargood legt harte moralische Maßstäbe an, wenn es darum geht, dass seine halbwüchsige Tochter Alice (Linda Hayden) es gewagt hat, nach dem Gottesdienst mit Paxtons Sohn Paul (Anthony Higgins) zu sprechen. Tatsächlich frönt das nach außen so biedere Trio lüsternen Freuden, besucht regelmäßig gemeinsam ein Bordell.

Die Auferstehung von Graf Dracula

Dort lernen die drei eines Nachts den jungen Lord Courtley (Ralph Bates) kennen, dessen arrogante Art sie beeindruckt. Dem Bordellbetreiber zufolge ist er vor Jahren von seinem Vater verstoßen worden, der ihn bei einer schwarzen Messe in der Familiengruft ertappt habe. Er sei vom Teufel besessen. Auf der Suche nach dem ultimativen Kick lassen sie sich von Courtley zu einer düsteren Zeremonie überreden: der Auferstehung von Graf Dracula!

Wer kann sich Draculas Charme schon entziehen?

Mit dem eingangs erwähnten Prolog dockt „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ als vierter Hammer-Films-Beitrag zur Dracula-Saga unmittelbar an „Draculas Rückkehr“ („Dracula Has Risen from the Grave“, 1968) an. An sich war Christopher Lee der Rolle überdrüssig, ursprünglich sollte der Film ganz ohne Dracula auskommen: Eine frühe Skriptfassung sah vor, dass Lord Courtley bei der Erweckungszeremonie zum Vampir mutiert. Das passte dem US-Verleih jedoch nicht, sodass Hammer Films Christopher Lee mit einer kräftigen Erhöhung der Gage doch überredete. Tatsächlich übernahm er die Rolle des adligen Vampirs 1970 gleich vier Mal – außer in „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ auch in „Nachts, wenn Dracula erwacht“ von Jess Franco, Hammers „Dracula – Nächte des Entsetzens“ („Scars of Dracula“) und der von Jerry Lewis inszenierten Komödie „Die Pechvögel“ („One More Time“), in der Lee allerdings lediglich einen Cameo-Auftritt in seiner Paraderolle hat.

Das Lotterleben im Bordell

Anfang der 1970er-Jahre neigte sich die Ära der klassischen Hammer-Filme langsam, aber unaufhörlich dem Ende zu. Die Budgets sanken, was dazu führte, dass Vincent Price in „Wie schmeckt das Blut von Dracula?“ anders als vorgesehen doch nicht auftauchte. Er war als vierter im Bunde der Gentlemen mit dem Doppelleben vorgesehen. Das wäre interessant geworden, gleichwohl übt der Film auch ohne Price seinen Reiz aus. Die viktorianischen Kulissen bringen Charme, und wenn Lord Courtley in der Bordellszene zu Beginn der Haupthandlung ein mit Freiern und Huren belegtes Separee nach dem anderen nach der von ihm favorisierten Liebesdienerin durchsucht, fügt das dem Geschehen eine gehörige Prise Frivolität hinzu. Das war den zeitgenössischen Tugendwächtern offenbar zu viel Freizügigkeit – in den Kinos war die Sequenz seinerzeit nur massiv gekürzt zu sehen.

Was mag sich in dem Sarkophag verbergen?

Bei seinem vierten Auftritt als Graf Dracula war Christopher Lee die Rolle so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass er seine Szenen bei aller Lustlosigkeit, die er verspürt haben mag, souverän herunterspielt. Er tritt hier als Racheengel in Erscheinung, die Ursache seines Drangs nach Vergeltung sei aber unerwähnt gelassen, um Spoiler zu vermeiden. So recht passt das meines Erachtens nicht, wenn man Draculas Charakter zu Ende denkt, aber da mag ich spitzfindig sein – jedenfalls bringt es die Handlung in blutige Fahrt. Die Rachsucht des Vampirs kulminiert in einer heftigen Pfählungsszene. So loben wir uns das.

Anolis spendiert exklusive Doku „A Taste of New Blood“

Für die Neuauflage als Mediabook und in herkömmlicher Verpackung hat sich Anolis Entertainment nicht lumpen lassen und eigens eine 44-minütige Doku produzieren lassen. „A Taste of New Blood“ ist mit seinem interessanten Hintergrundmaterial zum Film ausschließlich auf dieser Blu-ray erhältlich. Da Bild- und Tonqualität, Booklet sowie das übrige Bonusmaterial den üblichen Anolis-Standard halten, hat das Label somit einmal mehr ein kräftiges „Daumen hoch!“ verdient.

Eine Vampirin!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Lee sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Graf Dracula mag nach wie vor keine Kreuze

Veröffentlichung: 31. August 2018 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in drei Covervarianten) und Blu-ray, 18. November 2016 als Blu-ray, 24. September 2004 als DVD

Länge: 95 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Taste the Blood of Dracula
GB 1970
Regie: Peter Sasdy
Drehbuch: Anthony Hinds (als John Elder)
Besetzung: Christopher Lee, Geoffrey Keen, Gwen Watford, Linda Hayden, Peter Sallis, Anthony Higgins, Isla Blair, John Carson, Martin Jarvis, Roy Kinnear, Michael Ripper, Ralph Bates
Zusatzmaterial Blu-ray: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Exklusiv-Dokumentation „A Taste of New Blood“ (44 Min.), britischer Kinotrailer, deutscher Kinotrailer, Super-8-Fassungen (120 und 60 Meter), britisches Campaign Book, britische Ad Card, US-Pressbook, deutscher Werberatschlag, Bildergalerie, nur Mediabook: 28-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad
Label/Vertrieb Mediabook & Blu-ray 2018: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb Blu-ray 2016: Studio Hamburg
Label/Vertrieb DVD: Warner Home Video

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment GmbH

 

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Horror für Halloween (VIII): Skinless – Body Horror aus dem Keller des Regisseurs

Skinless

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // „The Ballad of Skinless Pete“ – dieser stimmungsvolle Alternativtitel gefällt mir ausgesprochen gut, aber letztlich haben sich die Macher für das kürzere „Skinless“ entschieden. Mir auch recht. Den hautlosen Pete lernen wir – mit vollständigem Hautkostüm – gleich zu Beginn kennen: Der junge Wissenschaftler Dr. Peter Peele (Brandon Salkil) will den Hautkrebs besiegen. Dazu forscht er privat an einem Parasiten, den er aus dem medizinischen Labor gemopst hat – einem gefräßigen Bandwurm, der in Gewässern auf Borneo entdeckt wurde und aus dem er ein heilendes Serum zu gewinnen hofft.

Peter hat Großes vor – Alice ist skeptisch

Unterstützung erhält Peter von seiner Ex-Kommilitonin Dr. Alice Cross (Erin R. Ryan), für die er mehr empfindet als sie für ihn. Doch seine Forschungen drohen ein abruptes Ende zu nehmen, als ihr Finanzier Neil (Dave Parker) den beiden den Geldhahn abdreht. Da ihn selbst ein großes Melanom unter der Schulter plagt, wagt der Wissenschaftler kurzerhand den Selbstversuch. Am nächsten Morgen entdeckt Peter das Undenkbare: Sein Hautkrebs ist verschwunden. Der Krebs ist besiegt, die medizinische Sensation ist geschafft. Aus der Pharma-Werbung kennen wir jedoch alle den guten Rat: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!

Der erkrankte Wissenschaftler wagt den Selbstversuch

Was folgt, ist ein Body-Horror-Exzess sondergleichen. Und der muss sich natürlich am Großmeister dieses Sektors messen lassen – David Cronenberg („Die Fliege“). Von wegen, Kommando zurück! Wir müssen einen Undergroundfilm mitnichten an der Genre- oder Subgenre-Referenz messen, sondern erst einmal nur daran, ob er uns gefällt. Und jawohl: „Skinless“ hat mir gefallen.

Heureka! Eine Wunderheilung?

Die Grenzen des Budgets offenbaren sich allein schon darin, dass sich ein Großteil des Films im Keller abspielt. Drehbuchautor und Regisseur Dustin Wayde Mills nutzte einfach seinen eigenen Keller als Drehort, auch die übrigen Szenen entstanden dem Vernehmen nach in seiner Behausung. Da er auch die Make-up-Effekte selbst zusammenbastelte, verwendete Mills die dafür notwendigen Mittel und Utensilien, um den Keller für den Film als Labor herzurichten. Dazu passt, dass der Protagonist Peter Peele seine Forschung privat betreibt und somit sowieso kein professionelles Labor zur Verfügung hat – ein gutes Beispiel, wie man aus der Not eine Tugend macht. Ob sich Mills bei der Namenswahl seines Protagonisten an Spider-Man Peter Parker und der Hautabschälung „Peeling“ orientiert hat?

Blutiges von Hand gemacht

Undergroundfilmer haben selten die Möglichkeit, ausufernd CGI einzusetzen, da ihnen die dafür erforderliche Hard- und Software fehlen. Im Sektor blutiger Horrorfilme ist das aber ohnehin zu begrüßen, da wir somit in den Genuss handgefertigter Make-up-Effekte kommen. Das gilt auch für „Skinless“. Ein paar Einstellungen bringen dem geneigten Fan zünftigen Splatters wirklich Freude. Da ich Zersetzungen menschlicher Körper wie die meisten von uns noch nie in der Realität verfolgt habe, kann ich nicht beurteilen, ob das Gezeigte authentisch wirkt. Es erfüllt jedenfalls seinen Zweck. Wo das mal nicht möglich war, greifen Kamera und Beleuchtung kaschierend ein. Zwar kann der Look von „Skinless“ seine Herkunft aus den Niederungen des Undergrounds nie verleugnen, aber er spielt uns auch nicht mehr vor.

Von wegen

Hauptdarsteller Brandon Salkil hat sich seine laut Internet Movie Database bislang 20 Credits ausschließlich im Low-Budget-Bereich erspielt, vorzugsweise mit einem gewissen Dustin Mills auf dem Regiestuhl. Ein eingespieltes Team also, zumal eine gewisse Sherriah Salkil Mills beim Make-up unterstützte und als „Lead Puppeteer“ ausgewiesen wird. Familiäre und freundschaftliche Bande spielen hier offenbar eine Rolle, daran ist auch gar nichts auszusetzen. Wir folgen dem von Brandon Salkil verkörperten Peter Peele gern in seinen Abgrund. Ein „Mad Scientist“ ist er nicht gerade, nur ein wenig übermütig, und er schwankt zwischen Großspurigkeit und Naivität. Sein persönliches Drama in Form der tödlichen Hautkrebs-Erkrankung kommt etwas zu kurz – dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt, erfahren wir eher beiläufig. Diese psychologische Tiefe ist aber vielleicht auch etwas viel verlangt, darum geht es „Skinless“ gar nicht. Glaubwürdig genug ist der Protagonist allemal porträtiert, das gilt ebenfalls für seine Partnerin Dr. Alice Cross. Für Schauspielerinnen und Schauspieler im Laiensegment und etwas darüber ist das Gezeigte völlig im grünen Bereich.

Offenbar ist nun eine Maske erforderlich

Die Story transportiert das, was sie transportieren soll. Wie glaubhaft oder überzogen uns medizinische und wissenschaftliche Details dargeboten werden, entzieht sich sowieso dem Urteilsvermögen von uns Laien. Außerdem hat uns manch großer Hollywood-Blockbuster schon mehr hanebüchenen Unfug präsentiert. Ich bin zwar mit niedrig budgetierten B-Horrorfilmen vertraut, mit dem noch eine Etage tiefer angesiedelten Underground aber bislang nur punktuell in Berührung gekommen. „Skinless“ motiviert mich, ab und zu weitere Schritte in diesem Terrain zu unternehmen. Enthusiastische Selfmade-Filmemacher haben Wohlwollen verdient, erst recht, wenn das Ergebnis so aussieht wie in diesem Fall.

Zweite DVD von Dirt ’n Dust Films

Dirt ’n Dust Films veröffentlicht „Skinless“ hierzulande am 1. November 2018 auf DVD. Es handelt sich um die zweite DVD des jungen fränkischen Underground-/Amateurlabels nach dem in Eigenregie gedrehten und produzierten „Weakness of a Sick Mind“. Mit „After Midnight“ ist bereits der dritte Streich angekündigt – der italienische Anthologie-Film soll noch in diesem Jahr erscheinen. Somit lässt sich konstatieren: Der Underground lebt!

Schmerzhafter Handschlag

Eine deutsche Synchronisation sucht man auf der DVD vergebens. Dafür fehlen einer Unternehmung wie Dirt ’n Dust Films zweifellos die Mittel. Und wenn Labelboss Dominik Pascal Heit in seinem Umfeld ein paar Sprecher aufgetrieben und ein paar Mikrofone angeschmissen hätte, hätte das Ergebnis wohl Schlimmes befürchten lassen. Immer besser, wenn man seine Grenzen kennt. Immerhin hat Dominik seiner Veröffentlichung deutsche und englische Untertitel spendiert. Hier allerdings ist ein Wort der Kritik angebracht – die Untertitel hätten eine gründlichere Korrekturlesung vertragen. Auch das womöglich eine Frage der zur Verfügung stehenden Bordmittel. Dieses kleine Manko, an dem sich ein Großteil der Underground-Kunden vermutlich sowieso nicht stören wird, gleicht das Bonusmaterial der DVD aus: Dustin Mills hat aus seinen Produktionstagebüchern fünf kleine, aber feine Featurettes spendiert, die uns insgesamt eine Dreiviertelstunde lang Details des Entstehungsprozesses von „Skinless“ vermitteln. Auf diese Weise lernen wir den Regisseur besser kennen und erfahren einiges darüber, wie man sich mit wenig Geld, aber vielen Ideen behelfen kann. Prima! Wer Horrorfilme mag und dabei nicht nur auf Hochglanzproduktionen der großen Studios schielt, wird ja vor Billigproduktionen nicht zurückschrecken. Euch sei „Skinless“ bedenkenlos ans Herz gelegt.

Wer braucht schon einen Unterkiefer?

Ein lesenswerter Text zu „Skinless“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Das nimmt kein gutes Ende

Veröffentlichung: 1. November 2018 als DVD, zu bestellen über den Webshop von Dirt ’n Dust Films

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Skinless
Alternativtitel: The Ballad of Skinless Pete
USA 2013
Regie: Dustin Wayde Mills
Drehbuch: Dustin Wayde Mills, Brandon Salkil
Besetzung: Brandon Salkil, Erin R. Ryan, Allison Egan, Dustin Wayde Mills, Dave Parker
Zusatzmaterial: Trailer, Produktionstagebücher: „Building the Lab“ (8:40), „Colorcorrection and J. J. Abrams“ (11:53), „Fake Blood Recipe“ (6:12), „About Ass and Titties“ (12:29), „Gore Slime Goodness“ (7:01)
Label/Vertrieb: Dirt ’n Dust Films

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Plakat: © 2018 Dirt ’n Dust Films

 
 

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