RSS

Schlagwort-Archive: Thriller

Blood Father – Mel Gibon mischt die Drogengangster auf

Blood Father

Von Volker Schönenberger

Actionthriller // Seine harten Tage hat er eigentlich hinter sich gelassen: Der Ex-Biker, Ex-Knacki und trockene Alkoholiker John Link (Mel Gibson) lebt zurückgezogen in einem Trailerpark, wo er sich als Tätowierer über Wasser hält. Die Zurückgezogenheit findet ein jähes Ende, als seine Tochter Lydia (Erin Moriarty, „True Detective“) in sein Leben platzt, von der er seit Jahren nichts gehört hatte. Lydia hat sich mit einem mexikanischen Drogenkartell eingelassen, nun trachten ihr die Gangster nach dem Leben. Schnell tauchen die ersten Halsabschneider vor Links Trailer auf. Nur das beherzte Eingreifen seines Nachbarn Kirby (William H. Macy, „Fargo – Blutiger Schnee“) verhindert ein Blutbad. Link muss mit seiner Tochter die Flucht ergreifen.

Der Ärger beginnt

Der dreckige Actionthriller wurde in New Mexico gedreht, ist aber eine französische Produktion mit einem französischen Regisseur: Jean-François Richet inszenierte 2005 das Remake „Das Ende – Assault on Precinct 13“ und 2008 die beiden „Public Enemy No. 1“-Filme mit Vincent Cassel. „Blood Father“ folgt nicht gerade neuen Pfaden: Ein vormals am Leben Gescheiterter bekommt auf seine alten Tage Gelegenheit, wenigstens etwas zu kitten – zum Beispiel das Verhältnis zu seiner Tochter. Das kann Action-Ikone Mel Gibson natürlich routiniert herunterspulen. Herausgekommen ist schnörkellose, flirrende Action mit einer ohne Rührseligkeit erzählten Vater-Tochter-Story und schonungslosem Body Count – denn Leben zählen nicht viel, wenn es um mexikanische Drogengeschäfte geht.

Die Nachbarn eilen zu Hilfe

Die gute Besetzung tut ihr Übriges. In einer Nebenrolle als Lydias Gangster-Freund Jonah setzt Diego Luna Akzente. Der Mexikaner ist bereits seit Anfang der 90er-Jahre stetig im Filmgeschäft aktiv, ergatterte aber erst jüngst als Cassian Andor in „Rogue One – A Star Wars Story“ seine erste große Hollywood-Hauptrolle. Als John Links alter Weggefährte tritt Tarantino-Favorit Michael Parks in Erscheinung, der nicht erst seit „From Dusk Till Dawn“ gern gesehener Gast in harten Genrefilmen ist.

John Link ist im Herzen stets Vater geblieben

Drehbuchautor Peter Craig schrieb auch an den Skripts von „Die Tribute von Panem – Mockingjay (1)“, „Die Tribute von Panem – Mockingjay (2)“ und „The Town – Stadt ohne Gnade“ mit. Der rohe „Blood Father“ ist kein Meilenstein des Actionkinos, überzeugt aber als stilsicherer Genrebeitrag.

Ein geheimnisvoller Killer heftet sich an die Fersen der Links

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Mel Gibson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Showdown in der Wüste

Veröffentlichung: 28. Oktober 2016 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 85 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Niederländisch
Originaltitel: Blood Father
F 2016
Regie: Jean-François Richet
Drehbuch: Andrea Berloff, Peter Craig, nach Craigs Roman
Besetzung: Mel Gibson, William H. Macy, Erin Moriarty, Diego Luna, Michael Parks, Miguel Sandoval
Zusatzmaterial: Interviews, B-roll, Original-Trailer
Vertrieb: Splendid Film / WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2017 Splendid Film / WVG Medien GmbH

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Killer Cop – Wenn die Polizei an Grenzen stößt

La polizia ha le mani legate

Von Ansgar Skulme

Thriller // Der Mailänder Drogenfahnder Matteo Rolandi (Claudio Cassinelli) ermittelt gerade heimlich in einem Hotel, als dort ein Bombenanschlag verübt wird. Rolandi bleibt zwar unverletzt, wird jedoch bald persönlich in die Vorgänge hineingezogen. Fortan recherchiert er auf eigene Faust, obwohl derlei Anschläge nicht in seinen Zuständigkeitsbereich gehören. Die Sachlage ist brisant, da die Todesopfer aus aller Herren Länder stammen. Generalstaatsanwalt Di Federico (Arthur Kennedy) übernimmt die Kontrolle über den Fall, sieht sich allerdings mit diversen Widerständen konfrontiert, die auch aus den vermeintlich eigenen Reihen – Politik und Geheimdienst – kommen; selbst der Loyalität anderer Kollegen aus dem Justizapparat kann er sich nicht sicher sein. Die Ermittler sind einem jungen Mann auf den Fersen, der im letzten Moment in das Hotel stürmte, um die Opfer vor dem Anschlag zu warnen. Doch wer sind die wirklichen Drahtzieher im Hintergrund und was sind die Motive?

Der internationale Titel „Killer Cop“ lässt dieses Werk im Vorfeld wie einen billigen Actionfilm aus den 80er- oder 90er-Jahren erscheinen, tatsächlich allerdings handelt es sich um einen nicht nur politisch ambitionierten Film, der das damalige Zeitgeschehen in Italien gut widerspiegelt und auf einige tatsächliche Bombenanschläge aus der jüngeren Vergangenheit anspielt, zudem um einen spannenden Polizeithriller mit Unterhaltungswert und sich in glaubwürdigem Rahmen bewegender Action. Eine hervorragende Synthese aus Unterhaltungskino und Anspruch! Das Ergebnis ist einer der besten Poliziotteschi, ein Vorzeigefilm dieses Subgenres des Thrillers, das in den 70er-Jahren zu den dominanten Strömungen im italienischen Genrekino zählte. Angemerkt werden muss zum Titel „Killer Cop“ ferner auch, dass dieser nur marginal zum Inhalt passt, da er letztlich nur auf einen Randaspekt der Handlung anspielt, ansonsten aber keinen Bezug zu ihr hat. Perfekt wird die Verwirrung durch den deutschen Untertitel der Videoveröffentlichung, „Ein Bulle muss sterben“, der zu allem Überfluss genau das Gegenteil des Haupttitels „Killer Cop“ aussagt – und auf einen anderen Randaspekt anspielt.

Die ihren Meister finden …

Der Originaltitel „La polizia ha le mani legate“ – wie für italienische Filmtitel damals üblich gleich ein ganzer Satz – gibt die Gesamtstimmung des Films, mit dem Verweis darauf, dass der Polizei die Hände gebunden sind, hingegen schlüssig wieder. Rolandi stellt sich schnell als eine Art Einzelkämpfer heraus, aber er ist kein Dirty Harry, sondern ein sehr gebildeter Polizist, ein bürgerlicher Intellektueller, der aus dem Leben gegriffen scheint. „Killer Cop“ erzählt von Zeiten großer Paranoia – die Linken und die Faschisten schimpfen in der Öffentlichkeit gegenseitig aufeinander. Natürlich muss es die jeweilige Gegenseite gewesen sein, die für den Anschlag verantwortlich ist. Welches Spiel die Mächtigen im Hintergrund treiben, bleibt dem Fußvolk verborgen. Worum es eigentlich geht, ist für den Normalbürger buchstäblich zu hoch – und es ist auch gar nicht der Anspruch des Films, so zu tun, als könne man Machtkämpfe und Korruptionsstrukturen, über Instanzen wie die Polizei, die Justiz, die Wirtschaft, die Politik oder den Geheimdienst hinweg, völlig durchschaubar machen. Wie schon bei dem eng mit dem Giallo verwandten Polizeifilm „Der Tod trägt schwarzes Leder“, wird Claudio Cassinelli auch hier wieder von der Musik Stelvio Ciprianis, der sowohl treibenden, hartkantigen Melodien als auch butterweichen, gefühlvollen Klängen stets eine unverwechselbare Handschrift gab, durch die Stadt begleitet und gehetzt. Doch bis hin zu diesem Hauptdarsteller stoßen alle aufrechten Figuren – und nicht nur die – in „Killer Cop“ früher oder später an Grenzen. Vom als Feigling verschrienen Polizisten Balsamo (Franco Fabrizi) bis zum Generalstaatsanwalt. Selbst der Mittäter Ludovisi ist eine tragische Figur. Von Drogensucht zerfressen und ohne seine Brille beinahe blind, erweckt er vor allen Dingen Mitleid – noch erahnt man die gute Seele, die eigentlich in ihm steckt.

Giallo & Poliziottesco: Die Grundströmungen des 70er-Italothrillers

Poliziotteschi erzählen typischerweise vom alltäglichen Kampf aufrechter Polizeibeamter mit allen Widrigkeiten. Hierbei wird die Action mal mehr, mal weniger in den Vordergrund gespielt; teils sind es eher Polizei-Actionthriller, teils durchaus Politthriller. Im Giallo klären zwar auch oftmals Polizisten die Vorgänge auf – dabei geht es jedoch weniger um Politik und gesellschaftliche Machtstrukturen als um das Aufzeigen von Abgründen, einzelnen Tätern, kranken Seelen und dunklen Trieben. Es geht um Morde, Triebtaten und andere bestialische Ausuferungen, die in aller Grausamkeit gezeigt werden; dabei findet eine Art düsterer Ästhetisierung des Todes statt. Der Giallo ist ein Kino der Reize – schockierend und kunstvoll inszeniert, in mehrerlei Hinsicht körperlich, grausam, aber auch sexy und mit Bildern sowie Musik versehen, die unter die Haut gehen. Der Giallo war mehr oder minder die italienische Antwort auf die deutsche Edgar-Wallace-Reihe (1959–1972). Nicht umsonst sind die letzten Wallace-Filme, „Das Geheimnis der grünen Stecknadel“ (1972) und „Das Rätsel des silbernen Halbmonds“ (1972) deutsch-italienische Ko-Produktionen und gleichzeitig Wallace-Film wie auch Giallo.

Der Poliziottesco hingegen ist inhaltlich, wenn auch nicht stilistisch und bildästhetisch, so etwas wie das italienische Nachfolgekonzept zum Film noir. Dieses pessimistische Polizeikino legt den Finger in die Wunde, zeigt auf gesellschaftliche Probleme, auf die mit- und gegeneinander arbeitenden offiziellen und inoffiziellen Strömungen, hat aber naturgemäß keine allwissenden, perfekten Lösungsansätze. Immer wieder werden große, komplizierte Themenkomplexe verhandelt, womit die Poliziotteschi heutigen Politfilmen in nichts nachstehen. Dem korrumpierbaren Staats- und Justizapparat oder einflussreichen Kriminellen stehen im Poliziottesco Individuen gegenüber, die mal aufrecht, mal eher tragisch gegen das System oder mit dem System schwimmen, Teilerfolge feiern, manchmal siegen, manchmal vielleicht aber auch untergehen. Zuweilen, wie auch in „Killer Cop“, sind die Protagonisten im Grunde gänzlich auf sich allein gestellt und suchen trotzdem nach der Wahrheit. Im schlimmsten Fall stellt sich der Staat – in Form einiger korrupter Beamter – gegen den aufrechten Bürger und der Protagonist kämpft wie eine Maus gegen einen Löwen. Immer wieder lehren Poliziotteschi, dass die Protagonisten einen momentan vielleicht recht aussichtslos scheinenden Kampf kämpfen, aber dass die Wahrheit schließlich nie verleugnet oder vergessen werde sollte und im Endeffekt jeder Teilerfolg gegen das Unrecht zählt. Dass Luciano Ercoli ein großer Versteher dieses Genres war, beweist die Tatsache, dass „Killer Cop“ der einzige unter seinen acht Filmen ist, der dem Poliziottesco zuzurechnen ist, und es sich trotzdem um einen Vorzeigefilm handelt, der sehr repräsentativ für Ansinnen und Aussagen der Poliziotteschi erscheint.

Sehr gute Synchronfassung

Alle, die befürchten, dass der Film eine – passend zum internationalen und deutschen Verleihtitel – billige Videosynchronisation erhalten hat, können beruhigt werden. Die Münchner Synchronfassung steht den zahlreichen anderen guten Vertretern des Genres, die in den 70er-Jahren in unsere Kinos kamen, in nichts nach. Fred Maire in der Hauptrolle widerspricht vielmehr sogar allen Klischees und strahlt eine angenehme Entschlossenheit aus, ohne dabei aber jemals den Eindruck zu vermitteln, dass Rolandi letztlich über allem steht. Er mag zwar der Protagonist und ein hervorragender Polizist sein, aber seine Gegner sitzen an noch viel längeren Hebeln. Norbert Gastell passt für Franco Fabrizi so gut, dass man sich kaum eine bessere Besetzung vorstellen kann und macht diese Fabrizi auf den Leib geschneiderte Rolle – halb Lebemann, halb Pechvogel mit menschlichen Ängsten – zu einem echten Kabinettstückchen. Herbert Weicker gibt dem Hollywood-Star Arthur Kennedy – einer von vielen Hollywood-Altstars, die es in den 60ern und 70ern ins italienische Genrekino zog – Größe und Gewicht, die sowohl zu seiner Persönlichkeit als Schauspieler im Kontext dieses Films als auch zur Handlung passen.

Da italienische Genrefilme der 70er-Jahre im deutschen Fernsehen leider traditionell ausgegrenzt werden, man sowohl Poliziotteschi als auch Gialli schon seit Jahren und mittlerweile Jahrzehnten praktisch überhaupt nicht zeigt und zahlreiche dieser Filme sogar niemals im deutschen Fernsehen liefen, muss man vorerst leider mit der bloßen Hoffnung leben, dass die vielen fleißigen Kräfte am DVD-Markt, wie x-rated, filmArt, Camera Obscura, Anolis oder explosive media – die hier nicht genannten mögen mir bitte verzeihen –, diesem Film und noch vielen weiteren Genre-Beiträgen zeitnah eine Veröffentlichung bescheren werden. Schon seit mittlerweile weit über zehn Jahren erscheinen in Deutschland nach und nach hervorragende Gialli und Poliziotteschi in großartigen DVD- und zum Teil auch Blu-ray-Editionen mit viel Bonusmaterial, die ihre Preise wert sind. Auch vor Filmen, die nie synchronisiert wurden, scheuen sich die Labels dabei nicht und präsentieren sie im Original mit Untertiteln. Die Spannung, welche Filme die nächsten sein werden, ist unter den Fans konstant groß. Solange das Warten auf „Killer Cop“ anhält, bleibt der Griff zu DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen aus dem Ausland. Die US-Veröffentlichung enthält auch eine englische Tonspur.

Veröffentlichung (USA): 2. Juni 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: La polizia ha le mani legate
IT 1975
Regie: Luciano Ercoli
Drehbuch: Mario Bregni, Gianfranco Calligarich
Besetzung: Claudio Cassinelli, Arthur Kennedy, Franco Fabrizi, Sara Sperati, Bruno Zanin, Francesco D’Adda, Paolo Poiret, Valeria D’Obici, Giuliana Rivera, Franco Moraldi
Verleih: Produzioni Atlas Consorziate (P.A.C.)

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Death Walks on High Heels – Eine Verbeugung vor dem Giallo

La morte cammina con i tacchi alti

Von Ansgar Skulme

Thriller // In einem Nachtzug auf dem Weg in Richtung Schweiz wird ein polizeilich bekannter Juwelendieb von einem maskierten Killer ermordet. Wie es der Zufall will, wurde Paris gerade erst von einem Diamantenraub heimgesucht, doch das Diebesgut ist verschwunden und auch beim Opfer nicht aufzufinden. Der Mord war also vergebens. Die französische Polizei verhört Nicole Rochard (Susan Scott) – die Tochter des Ermordeten – und ihren Liebhaber Michel Aumont (Simón Andreu), doch diese wissen nichts vom Verbleib der millionenschweren Beute. Bald jedoch wird Nicole mit Anrufen tyrannisiert. Anfangs findet sie die verzerrte Stimme am anderen Ende der Leitung noch lustig, doch wenig später wachsen Angst und ein starkes Misstrauen gegenüber Michel in ihr. Sie flüchtet sich in die Arme des Arztes Dr. Robert Matthews (Frank Wolff), der ihre Strip-Show in einem Pariser Nachtclub bewundert und ihr Avancen macht. Mit ihm könnte sie nach England ziehen und ihrem Alltag entfliehen, doch indessen plant der Killer bereits seinen ersten persönlichen Besuch bei Nicole.

Luciano Ercoli führte bei nur acht Filmen Regie. Diese kamen im Zeitraum von 1970 bis 1977 erstmalig in die Kinos. Die ersten drei seiner Arbeiten sind allesamt dem Giallo zuzurechnen. Hierbei handelt es sich um ein Subgenre des Thrillers, das im italienischen Kino der 60er-Jahre aufgekommen war, Motive von Filmen wie etwa der deutschen Edgar-Wallace-Reihe aufgriff und den Grundton deutlich verschärfte. Der Giallo zeichnet sich durch seine Freizügigkeit ebenso wie durch seine brutalen, oft schockierend realistischen, aber auch gern mal ausgenommen übertriebenen Gewaltdarstellungen sowie kunstvolle Inszenierungen und sehr moderne, fesselnde, teils experimentelle Filmmusikkompositionen aus. „Death Walks on High Heels“ war Ercolis zweiter Film und eignet sich hervorragend als exemplarisches Beispiel für die Funktionsweisen des Giallo. Der Film bündelt diverse Elemente, die den Giallo als Genre ausmachen, in sehr ansehnlicher Art und Weise: sexy, blutig, mit überraschenden Wendungen, vielen schrägen Charakteren, je nach Szene mal mit ausgesprochen betörender, mal frivoler und mal sehr forscher, pulsierender Musik versehen. Themen und Bilder, die man fünf bis zehn Jahre früher im Kino noch nicht zeigen konnte, geben sich im Giallo die Klinke in die Hand.

Spannungsfeld: Erotisierendes Andeuten und schockierendes Zeigen

Vergleicht man diesen Film mit Ercolis einzigem Beitrag zum Poliziottesco, „Killer Cop“ (1975), wird deutlich, dass die stilistischen Parallelen überschaubar sind. Generell hatte Ercoli eine Vorliebe dafür, Bildinhalte durch Verwendung von Spiegeln zu verschachteln, ansonsten jedoch verfolgt „Death Walks on High Heels“ eine sehr eindrückliche, auf den Giallo zugeschnittene Bildsprache, wodurch der Film weitestgehend den Charakter erhält, eine tiefe Verbeugung Ercolis vor dem Genre zu sein. Ercoli, sein spanischer Kameramann Fernando Arribas und sein Cutter Angelo Curi zelebrieren verspielte Langsamkeit und Körperlichkeit sowohl in erotischen als auch brutalen Szenen. Frauen nackt zu zeigen – wenn ihnen nicht gar vom Killer vor dem Mord noch schnell buchstäblich die Kleider vom Leib gerissen wurden – war im Giallo ohnehin üblich. „Death Walks on High Heels“ allerdings kostet auch die Momente des Vorspiels in äußerst erotisierender, fast schon lasziver Art und Weise aus, ohne die Figuren auch nur einmal beim Sex zu zeigen. Die Figur des Robert Matthews wird in die Handlung eingeführt, indem man ihn zeigt, wie er Nicole Rochard bei ihrer Strip-Show beobachtet und filmt, danach tastet sich ihr Liebhaber Michel im Backstage-Bereich im wahrsten Sinne des Wortes an sie heran; später im Film findet sich eine ausgezeichnet konzipierte Szene, in der sich Nicole und Robert beim Essen gegenüber sitzen, während durch Blicke und Bewegungen ihrer Hände oder auch ihres und seines Mundes im Grunde bereits der nachfolgende Sex in allen Details vorweggenommen und symbolisch gezeigt wird. Die Szene endet vor dem Sex, aber man hat das Gefühl, praktisch schon alles gesehen zu haben.

Demgegenüber stehen die Morde, während denen der Killer es geradezu auszukosten scheint, mit seinem Messer auf den Opfern entlang zu fahren und mit ihrer Angst zu spielen. In einer Szene scheint er auf einem der Opfer mit seinem Messer sogar regelrecht ein Muster zu malen und in der Situation zu schwelgen. Der Tod wird hier auf eine bizarre, brutale, den Todeskampf in aller Gänze zeigenden und auskostenden, allerdings künstlerisch auch sehr sensibel konstruierten Art und Weise ästhetisiert – und dies ist eines der zentralsten Merkmale eines gelungenen Giallos. Wichtig zudem: Weder die erotischen noch die blutigen Momente des Films könnten ihre Wirkung so punktgenau, verspielt, melancholisch, aber auch düster und verstörend entfalten, gäbe es dazu nicht die Musik von Stelvio Cipriani, die erotisierend und manchmal voller beschwingter Leichtigkeit, aber auch bedrohlich und voranpreschend stets genau den richtigen Ton trifft. Die Musik ist der Anker des Films. Eine betont sexy eingebundene, Laute hauchende und Melodien ohne Text singende Frauenstimme lädt einerseits die erotische Grundstimmung vieler Szenen auf, wirkt manchmal aber auch so, als stehe der Engel des Todes am Mikrofon, der schon vom nahenden Morden weiß, aber trotzdem ganz wertfrei die Attraktivität und Schönheit des Geschehens melodisch kommentiert, obwohl das Sterben alles andere als schön werden wird. Passend dazu sind einige Szenen, wie etwa das oben beschriebene gemeinsame Essen, in tief rotes, warmes Licht getaucht – Rot, die Farbe der Liebe und des blutigen Todes. Die Pärchen wärmen sich aneinander und der Killer fördert das warme Blut seiner Opfer zutage.

Trash darf sein und muss es manchmal auch

Dazu, dass dieser Film stilistisch etwas sehr Sympathisches hat, gehört aber auch der Faktor, dass sich die Macher nicht zu wichtig nahmen. „Death Walks on High Heels“ ist ausgesprochen kunstvoll und versiert inszeniert, allerdings alles andere als verkünstelt. Immer wieder lockern kuriose Details das Geschehen auf und verweisen darauf, dass die Storys solcher Filme an sich Groschenheft-Charakter haben und es dem Giallo als Filmgenre lediglich eigen ist, gewissermaßen Trivialliteratur der Bahnhofskiosk-Sorte mit Bildern und Klängen aufzuladen, die den Film als Kunst kenntlich machen. Genau dieses Gegensatzpaar von Banalität als Basis und großer Kunstfertigkeit in der Umsetzung macht den Giallo so interessant. Ob es nun die abgehackt-roboterhaft verzerrte Stimme des Killers ist oder die Tatsache, dass man von einer der Figuren – dem von Luciano Rossi gespielten Hallory – als Erstes einen schwarzen Handschuh sieht, der eine Katze festhält, die mit der anderen Hand gestreichelt wird, als sei er eine Mischung aus den James-Bond-Gegenspielern Dr. No und Ernst Stavro Blofeld: Der Film ist gewissermaßen ein offenes Bekenntnis zum Trash-Kino und der gleichzeitige Beweis, dass dieses als Teil der Filmgeschichte ernst genommen werden muss, durchaus sehr kunstvoll aussehen kann und ferner der Beweis, dass solche Versatzstücke, die man auch als Referenzen verstehen kann, nicht automatisch die Überzeugungskraft des Films schmälern, sondern ihn vielmehr sogar noch vielschichtiger machen. Die Tatsache beispielsweise, dass man im Verlauf der Handlung letztlich auf mehrere Spanner trifft und das heimliche, oft lüsterne Beobachten für mehrere Figuren im Film schier geradezu an der Tagesordnung zu sein scheint, zieht sich beinahe wie ein roter Faden durchs Geschehen, der rückblickend zwar recht komisch wirkt, im Film selbst aber oftmals einen eher bedrohlichen Charakter hat.

Kleine Details, wie etwa der völlig aus dem Rahmen fallende, an Dudelsack-Melodien erinnernde Musikeinsatz, als George Rigaud in der Rolle des Captain Lenny das erste Mal auftaucht, und die Tatsache, wie die Musik schon nach Sekunden rabiat wieder endet – ebenso plötzlich und unerwartet, ohne jede Überblendung, wie die Musik zuvor einsetzte –, verraten zudem viel darüber, was für einen Spaß die Macher an dem Projekt gehabt haben dürften. Was für ein Bruch, solch ein abgehacktes, grobschlächtiges Motiv inmitten all der beschriebenen musikalischen Erotisierung der Beziehungen der Charaktere und Ästhetisierung von Gewalt und Tod, die maßgeblich von der Musik gerahmt werden, einzubinden! Immer wieder finden sich kleine Hinweise dieser Art, dass das Geschehen zwar stilistisch oft sehr gehoben aussehen und die Handlung phasenweise sehr beängstigend sein mag, es letztlich aber eben doch nur ein Film ist, der vor allem unterhaltend und nicht bierernst sein soll – und zudem auch nicht in erster Linie der künstlerischen Selbstbeweihräucherung des Regisseurs dient.

Ein starkes Ensemble

Dazu passt auch die Inszenierung der beiden Ermittler, die die zweite Hälfte des Films dominieren. Nicht nur ist an Carlo Gentili als Inspektor Baxter ein echter Kommissar Maigret verlorengegangen, auch die Dialoge dieses britischen Ermittler-Duos und die Art, wie sie gemeinsam auftreten, erhöhen Klischees gewissermaßen zum Ikonischen. Spätestens als Baxter in der englischen Synchronfassung in einer Szene zu seinem Assistenten (Fabrizio Moresco) dann noch „Elementary!“, wie einst Sherlock Holmes zu Dr. Watson, sagt, ist auch hier völlig klar, dass der Film eine Verbeugung vor so manchen Vorbildern ist und nicht nur vor dem Giallo. Dies zeigt sich auch im Schlussbild, wenn einer der beiden Bullen, die den Fall schließlich gelöst haben, dem anderen erst einmal Feuer für seine Zigarette gibt – und das Bild in dieser prototypisch inszenierten Situation einfach angehalten wird, damit der Abspann beginnen kann.

Ercolis Ensemble zeigt sich durchweg von seiner besten Seite: Luciano Rossi, der im italienischen Genrekino häufig Rollen spielte, die in Deutschland Klaus Kinski gespielt hätte, ist hier ganz in seinem Element, Manuel Muñiz als kauziger Fischhändler, mit wichtiger Bedeutung für die Handlung, als Charakterdarsteller gleichsam ein Gewinn und die großen Augen der Rachela Pamenti werden so manchem in der Nacht die Träume verdunkeln. Die Ähnlichkeit der beiden Frauen in Matthews‘ Leben ist zudem bemerkenswert und der besagte George Rigaud sowie José Manuel Martín als Blinder gestalteten ihre Rollen mit der notwendigen Undurchschaubarkeit. Bis zum Schluss wahrt sich der Film das Credo: Jeder, wirklich jeder, könnte immer noch (glaubwürdig) der Mörder sein!

Susan Scott und Simón Andreu waren bereits in Luciano Ercolis Regiedebüt „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ (1970) zu sehen und harmonierten so gut, dass Ercoli sie auch in seinem dritten Film „Death Walks at Midnight“ (1972) als Hauptdarsteller einsetzte – wobei sie auch hier erneut auf Carlo Gentili als Inspektor trafen. 1973 spielte Gentili in „Haie kennen kein Erbarmen“ ein weiteres Mal für Ercoli den Inspektor. Lediglich Frank Wolff fehlte unter den Hauptdarstellern aus „Death Walks on High Heels“ in „Death Walks at Midnight“. Er beging Ende 1971 unter ausgesprochen tragischen Umständen Selbstmord. Das italienische Genrekino verlor mit dem US-Amerikaner einen unter Kollegen sehr geschätzten Schauspieler, der auch in „Death Walks on High Heels“ seine Vielseitigkeit bewies. Die Blicke, mit denen er Nicole Rochard mustert, sagen oft mehr als tausend Worte und nie ist man sich so recht im Klaren, welche Absichten dieser Robert Matthews eigentlich hegt. Ob nun von seiner Nicole vor Erregung im Nachtclub und am Kaminfeuer unter Strom gesetzt oder taff im Trenchcoat auftretend, als sei er der Ermittler: Frank Wolff – der unter anderem der Gegenspieler von Bud Spencer und Terence Hill in dem sehr guten, düsteren Italowestern „Gott vergibt – Django nie!“ (1967) war, in dem das Duo Spencer/Hill erstmals gemeinsam als Hauptdarsteller auftrat – spielte in „Death Walks on High Heels“ eine seiner besten und leider zu wenigen Hauptrollen.

Fast hätte er es geschafft

„Death Walks on High Heels“ ist bis heute nie deutsch synchronisiert worden, geriert jedoch nichtsdestotrotz auf die Agenda des Labels filmArt, das sich in der Vergangenheit bereits ausgiebig um das italienische Genrekino der 70er-Jahre, speziell Polizeifilme und Gialli, verdient gemacht hat. Geplant war eine DVD-Veröffentlichung im Original mit Untertiteln unter dem deutschen Titel „Der Tod küsst dich um Mitternacht“ als Teil 8 der „filmArt Giallo Collection“. Als Teil 9 sollte „Death Walks at Midnight“, unter dem Titel „Die eiserne Hand des Todes“, folgen. Beide Filme sollten in Kombination mit einer CD vom Soundtrack erscheinen und es gab auch bereits ein Cover für beide Veröffentlichungen, im Layout der „Giallo Collection“. Kurzfristig jedoch wurde das Vorhaben auf Eis gelegt und stattdessen eine Veröffentlichung in Kombination mit einer Blu-ray in Aussicht gestellt. In den USA gibt es mittlerweile sogar zwei Blu-ray-Editionen, die seit April 2016 erschienen sind. Auch die erste US-Veröffentlichung von 2006, das „Luciano Ercoli Death Box Set“, war jedoch bereits hervorragend ausgestattet und heiß begehrt, bot beide Filme auf DVD sowie eine CD mit verschiedenen Filmkompositionen von Stelvio Cipriani. Auch damals war auf der DVD neben der italienischen „Originalfassung“, die allerdings – wie für das Italo-Genrekino damals üblich – eine Synchronfassung ist, bereits die englische Synchronfassung zu finden, die insofern durchaus lohnend ist, weil die in Großbritannien spielende Hälfte des Films mit dem entsprechenden britischen Englisch schlichtweg an Authentizität gewinnt, zumal es sich um eine italienisch-spanische Produktion handelt, in der bis auf Frank Wolff niemand mitspielte, dessen Muttersprache Englisch war. Man darf sich jetzt schon darauf freuen, wenn der Film es endlich wirklich in einer deutschen Fassung – und sei sie nur untertitelt – auf DVD schafft. Auch eine Synchronfassung wäre, sofern finanzierbar, aber zweifelsohne angemessen. Der Film hätte es verdient, da er sicherlich mindestens zu den 25 besten Vertretern des Giallo-Kinos zählt. Es wäre nicht der erste Giallo aus den 70ern, der für seine DVD-Veröffentlichung in Deutschland erstmals synchronisiert werden würde – und die Qualität dieser Synchronfassungen ist zum Teil durchaus gelungen, auch wenn sie nicht zeitgenössisch in den 70ern entstanden sind und zudem bei kleinen Studios in Auftrag gegeben wurden.

Übrigens: Die Hauptdarstellerin und gebürtige Spanierin Susan Scott, die eigentlich Nieves Navarro heißt, und Luciano Ercoli heirateten 1972, im Zuge ihrer gemeinsamen Filme, in denen Ercoli sie in vielen erotischen Situationen mit anderen Männern in Szene gesetzt hatte. Die Ehe hielt bis zu Ercolis Tod im Jahr 2015. So romantisch geht es im Giallo eher selten zu. Manche Dinge gibt es bekanntlich nur im Film und manche Geschichten schreibt das Leben.

Veröffentlichung (GB): 20. März 2017 als Blu-ray und DVD
Veröffentlichung (USA): 7. März 2017 als Blu-ray und DVD, 5. April 2016 als Blu-ray und DVD, 28. Februar 2006 als DVD

Länge: 108 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Originaltitel: La morte cammina con i tacchi alti
IT/SP 1971
Regie: Luciano Ercoli
Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Mahnahén Velasco, Dino Verde
Besetzung: Frank Wolff, Susan Scott, Simón Andreu, Carlo Gentili, George Rigaud, José Manuel Martín, Fabrizio Moresco, Luciano Rossi, Claudie Lange, Rachela Pamenti
Verleih: Atlántida Films, Cinecompany
Vertrieb (GB & USA): Arrow Video

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: