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Grüne Augen in der Nacht – Zwei Brüder, eine Tante, viele Katzen und eine Mieze

Eye of the Cat

Von Tonio Klein

Horrorthriller // In der Zeitschrift „epd Film“ gibt es einen Fragebogen mit der Frage „Ein Lieblingsfilm, der Ihnen ein bisschen peinlich ist?“ Da wäre „Grüne Augen in der Nacht“ bei mir ein heißer Kandidat. Ich liebe ihn. Immer noch und immer wieder. Die Blu-ray hat mir Gelegenheit gegeben, eine Jugenderinnerung einerseits aufzufrischen, andererseits zu überprüfen. Und das Ding ist in meiner Wahrnehmung sogar noch besser geworden. Hochspannend, atmosphärisch dicht, aber auch etwas wirr, so hatte ich das in Erinnerung, so hat es sich bestätigt. In dem vorgeblich Wirren kann man sogar eine besondere Stärke sehen! Der Film ist ein erneuter Beweis dafür, dass auch ein B-Team oftmals etwas sehr Gutes schafft, zudem etwas gerade in seiner mangelnden Glätte erfrischend Innovatives. „Grüne Augen in der Nacht“ ist ein Feuerwerk an Ideen, Stilwechseln, Unwahrscheinlichkeiten. Und die Rechnung geht sogar auf! Wobei B-Team nicht ganz stimmt. Gut, wer sind schon die Hauptdarsteller Michael Sarrazin und Gayle Hunnicutt, wer ist der Regisseur David Lowell Rich? Aber: Eine größere Nebenrolle hat Eleanor Parker, die Musik stammt vom Meister Lalo Schifrin, und die Kostüme schuf die legendäre Edith Head, mit 35 Oscar-Nominierungen und acht Oscar-Gewinnen die am häufigsten von der Academy gewürdigte Kostümbildnerin. Die Kamera schließlich führte der großartige Russell Metty, der für die expressiven Farben in vielen Douglas-Sirk-Filmen und für komplexe Kamerafahrten verantwortlich war, zum Beispiel in der Eröffnung von Orson Welles’ „Im Zeichen des Bösen“ (1958). Für die Farbkamera in Stanley Kubricks „Spartacus“ wurde er 1961 mit dem Oscar prämiert. Thomas Brandlmeier hat Metty in seinem Buch „Kameraautoren“ zu Recht ein Kapitel gewidmet. Sie alle haben entscheidend zum Gelingen des Filmes beigetragen.

The Cat in the Head

Die lungenkranke reiche Danielle, genannt Danny (Eleanor Parker) bekommt im Schönheitssalon einen Anfall, was ihre Kosmetikerin Cassia (Gayle Hunnicutt) veranlasst, einen offenbar schon länger gehegten Plan in die Tat umzusetzen. Sie sucht Dannys Neffen Wylie (Michael Sarrazin), einen Herumtreiber, auf, den sie eiskalt wie verführerisch für einen Mordplan einspannt. Obwohl Wylies Bruder Luke (Tim Henry) seit Jahren bei Danny wohnt und sie pflegt, liebt sie nur den Abwesenden, eben Wylie. Kehre er zurück ins Heim der Tante, würde diese ihm sicherlich sofort ihr ganzes Vermögen überschreiben, und dem sowieso drohenden Tod könne man dann nachhelfen. Dummerweise leidet Wylie an Ailurophobie, der krankhaften Angst vor Katzen. Als ein Stubentiger ihm als Kleinkind auf sein Gesicht geklettert war, hatte er befürchtet, das Tier werde „seinen Atem stehlen“ (ein altes Ammenmärchen). Danny hat, was unsere beiden Mörder in spe nicht wissen, Heerscharen von Katzen im Haus …

Leading Cat

Der Film setzt die Tiere so wirkungs- wie geheimnisvoll ein, in den Credits sowie am Schluss als Schatten oder durchs Bild tigernde schwarz-weiße Überlagerungen. Zudem ist erkennbar, dass offenbar bewusst ein Schuss bedrohliche Irrationalität auf den Samtpfoten umherwandelt, denn es ist immer wieder dieselbe rotbraune Katze, die das Geschehen begleitet – obwohl sie nicht zu den Katzen Dannys gehört. Und sie hat zwar nicht neun, aber immerhin zwei Leben, da sie in einer Szene von Wylie weggeschleudert und von Heizstäben im Schönheitssalon gegrillt wird, aber später einfach wieder da ist. Interessanterweise wird dies sogar durch einen nicht minder irrationalen Dialog „erklärt“, wenn Wylie Cassia fragt, wie sie die geröstete Katze erklären wolle und diese nur antwortet, die Katze sei entwischt. Mehr Irrsinn: Vor der Testamentsänderung, zu der es dann tatsächlich kommt, waren die Katzen als Erben eingesetzt! Ist das ernsthaft im US-amerikanischen Erbrecht möglich, können Tiere Zuordnungssubjekte von Eigentum und Vermögen sein? Ich kannte das bislang nur aus dem ein Jahr später erschienenen „Aristocats“, aber bei Disney darf man sich sowieso über nichts wundern. Ferner sagt Wylie zu Danny einmal: „Ich habe dir schon mehr erzählt, als ich weiß“ – wie, bitte, soll das gehen? Und ein Plot Twist gegen Ende kommt dermaßen abrupt, dass er angesichts der bisherigen Charakterisierungen der Hauptfiguren nur sehr schwer vorstellbar ist und reichlich hergesucht wirkt.

Scheinbare Seltsamkeiten in Handlung und Stil

Mittendrin gibt es dann noch einen auffälligen Stilbruch: Gayle Hunnicutt, die die Cassia spielt, ist eine sehr schöne Frau in zeittypisch sehr kurzen Röcken, Mänteln, Kleidern – Edith Head hat bei ihr und den anderen exzellente, extravagante Arbeit geleistet. Zudem ist Cassia berechnend, auch beim Inaussichtstellen, Verweigern und schließlich doch noch Gewähren von Küssen und Sex. Man kann bei dieser Wiedergängerin einer Film-noir-Femme-fatale schon verstehen, dass jemand, zumal ein Drifter wie Wylie, sie nicht von der Bettkante stößt und all ihre Schurkereien mitmacht. Aber dann kommt ein romantisches Intermezzo in einer klassischen, sonnendurchfluteten Montage. Schifrins bedrohliche, bisweilen experimentelle Musik wechselt in zartestes Easy Listening, wie es mit unter die Haut gehenden Harmoniewechseln auch Ennio Morricone oder Bruno Nicolai hätte komponieren können. Die Szene endet mit Cassias „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt“. Ist das nun die Wandlung von der Schurkin zur Liebenden oder eine bewusst falsche Fährte? Eine anschließende Frauenklopperei in einer Hippie-Gruppe ist wiederum völlig anders als der düster-barocke Stil bei Danny und das romantische Intermezzo: Pures camp – mit kritisch-satirischem Unterton, wenn man bedenkt, dass Schilder, die „peace“ fordern, gerade dann eingeblendet werden, wenn die Blumenkindchen (inklusive der anfeuernden Zuschauer) nicht weiter davon entfernt sein könnten.

Ist dieses Tier gefährlicher als die Meute?

Man kann sich schon mal fragen, was das alles soll, und bei ein paar Dingen am Ende kann man das ebenfalls. Warum zum Beispiel wird Luke in sehr auffälliger und daher nicht zufälliger Inszenierung ein Tränchen vergießen, wenn Wylie am Ende sagt, er habe nie vorgehabt, dauerhaft in den Familienschoß zurückzukehren? Sollte Luke nicht gewaltig sauer sein, dass der erst Abwesende und dann Mörderische von Danny übermäßig geliebt wird, während sie Luke nicht nur desinteressiert, sondern mit Hass begegnet? Gut, man kann das als Trauer in einer Geschichte um eine Überfigur (hier nicht Vater, sondern Tante) und das geliebte/gehasste Bruderpaar interpretieren. Als Trauer des einen, weil der andere immer vorgezogen worden war und weil die sklavische Selbsterniedrigung des ersten weder Anerkennung noch wenigstens die Familienzusammenführung bringt. Western erzählen gelegentlich solche Familiengeschichten.

Ich bin der andere?

Hier ist aber alles etwas rätselhafter erzählt, sodass sich noch eine ganz andere Auslegung anbietet. Vorausgeschickt sei, dass meine Interpretation weder zwingend ist noch die Intention des Filmes treffen muss. Aber ein Interpretationsangebot zu machen, das ist, was großer Kunst eigen ist. Also denn: Luke und Wylie, die Brüder, könnten ein und dieselbe Person, also zwei Seiten einer Medaille sein. Man kann viele Zeichen und viele Seltsamkeiten des Filmes so deuten: Luke steht für Unfreiheit, Wylie für Freiheit. In einer Kinder-Rückblende spielt Wylie jemanden, der „Befehl gibt, alle Sklaven freizulassen“. Luke scheint vom Spiel nicht angetan, zumal das etwas pietätlos bei der Beerdigung des Vaters geschieht. Luke wird bei der Tante bleiben (die, so wird angedeutet, die Geliebte des Vaters war und die Mutter indirekt schon zuvor „ins Grab gebracht hatte“). Er wird beim Wiedersehen auch einmal von Wylie als Sklave bezeichnet. Wylie wird sich „freimachen“. Natürlich, da kann man den Film auch wieder moralisch deuten, darf man Freiheit nicht mit Hedonismus verwechseln, denn es gelingt Wylie ja durch seine Flucht nicht, seine eine große Angst loszuwerden.

Interessanterweise ist aber Luke mit seinem Kümmerer-Leben auch nicht zufrieden. Die beiden sind Extreme auf entgegengesetzten Seiten eines nie gefundenen Mittelweges. Da fallen Spiegelungen und Doppelungen auf: Wylie findet ein Buch „Kenne dich und deine Ängste“, das man doch eigentlich ihm selbst zuschreiben sollte, aber es gehört Luke. Wylie, der Sonnyboy, wird oftmals als purer „Beefcake“ mit entblößter Brust gezeigt, einmal aber auch Luke, der überhaupt nicht sexuell interessant zu sein scheint. Dennoch glänzt Lukes durchaus knackiger Oberkörper bei der Arbeit auf einer Leiter (die für Cassia übrigens noch wichtig werden wird) wie glasierte Gänsebrust. Tante Danny berichtet Wylie, Luke habe durchaus eine Freundin habe und sie beobachte die beiden heimlich beim Sex im Gewächshaus. Zum Sex im Gewächshaus kommt es auch zwischen Cassia und Wylie, und auch hierbei wird Danny die Beobachterin sein. Selbst der angedeutete Plot Twist scheint mir geeignet, die gemeinsame Identität der Brüder zu bestätigen. Luke sagt einmal zu Danny: „Ich hoffe, sie ermorden dich“, sodass Wylie die entfesselte Seite von Lukes unterdrücktem dunklen Wunsch sein könnte. Lukes Tränchen mag darauf hindeuten, dass zwei Seelen in einer Brust sich nun doch nicht vereinigen können. Und dass hier jemand „mehr erzählt, als er weiß“, könnte auf das Unbewusste hindeuten, durch das in Wylie immer auch Luke steckt und umgekehrt.

Eiskalte Verführerin oder Opfer? Cassia

Neben alldem ist der Film erstklassiger Spannungshorror. Dabei muss er gar nicht mit expliziten Grausamkeiten aufwarten, sondern reißt lieber die Grenze zwischen dem Normalen und dem Grausamen im Zuschauerkopf ein. Besonders deutlich ist dies bei der Inszenierung der Katzen, nicht der Leading Cat, die immer auch etwas Allegorisch-Irreales hat, sondern bei den Massen in Dannys Haus. Deren gierigen Blick, gefletschte Zähne und blutverschmierte Gesichter zeigt uns der Film in wenigen Szenen in Großaufnahme. Und doch rührt das (sehr rote) Blut „nur“ von dem rohen Fleisch her, mit welchem sie gefüttert und an bestimmte Orte gelockt werden. Dito das Blut auf einem weißen Kleid Cassias, wo es natürlich sehr markant und bedrohlich aussieht. Katzen sind halt mühsam gezähmte Raubtiere und können sich so verhalten, sind aber nicht Tierhorror-Monsterwesen mit ins Absurde gesteigerter planender Intelligenz und/oder Grausamkeit und Superkraft. Es sieht nur so aus in manchen Bildern.

Farbsatter, erstklassiger Psychothriller beyond Hitchcock

Bezeichnenderweise ist die einzige Katze, die einmal einem Menschen eine Wunde zufügt, die Leading Cat. Die anderen tun es aber in der Bildsprache. Obwohl Katzen den Film nicht durchgängig bevölkern, sind sie stets wichtig, auch wenn zum Beispiel in einer spannenden Szene Danny im Rollstuhl eine der in San Francisco so typischen abschüssigen Straßen herunterzubrettern droht. Das ist Hitchcock-Suspense (den „Psycho“-Drehbuchautor Joseph Stefano schrieb) mit Mehrwert: Achtet darauf, wer sie zu retten versucht, wer das nicht vermag, wie sie reagiert und welche Rolle unsere Leading Cat dabei spielt. Kameramann Russell Metty hat nicht nur diese Szene in beunruhigend expressiven Farben eingefangen und kann in einer markanten Szene (Wege der Katze im Schönheitssalon gegen Anfang des Filmes) mit einer seiner kunstvoll-komplizierten Kamerafahrten punkten.

Mit Danny geht’s bergab

Und wofür stehen die Tiere nun? Sicherlich für Ängste einerseits und animalische, bösartige Triebe andererseits. Für mich nicht die Hauptfrage, weil die Katzen, so wie sie hier eingesetzt sind, zunächst einmal ein sehr beunruhigendes Spannungskino bieten und daneben der Blick auf die Menschen lohnt. Das ist alles auf der Thrill- und der psychologischen Ebene so gut gemacht und auf letztgenannter so angenehm offen, dass mich die Erforschung dieser Typen ungemein in den Bann zog. Das Skurrile stört nicht mehr, weil es sich – subjektiv – erklären lässt, ohne sich aufzudrängen. Und weil das so fasziniert, kann auch das Fehlen jeglicher Sympathieträger kompensiert werden, was nicht immer leicht ist. Eine trostlose Bagage ist das: Cassia und Wylie sind Hedonisten, Luke ist Sklave, Danny ist nicht nur ungerechte Übertante, sondern es wird in einer Hand-auf-Bein-Szene angedeutet, dass ihr Interesse an Wylie mehr als nur ersatzmütterlich ist. Zudem ist sie wie gesagt die frühere Geliebte des Vaters und hat letztlich die Stelle beider Erziehungsberechtigter, die tot sind, usurpiert. Der romantische und der Hippie-Ausflug werden im Nachhinein zeigen, dass man der Hoffnung nicht trauen darf und dass es „peace“ nicht gibt, auch keinen Seelenfrieden. Nein, man muss diese ganzen Leute nicht gernhaben. Aber sie lassen einen nicht los. So wie der ganze Film, der noch lange nachwirkt.

Last but not least hat “Grüne Augen in der Nacht” einen exzellenten Lalo-Schifrin-Soundtrack. Der Komponist nutzt weniger Schlagzeug und bietet weniger funky jazz als in seinen bekanntesten Filmmusiken wie der für „Dirty Harry“ (1971), und er schafft etwas ganz Eigenes. Vom erwähnten Easy-Listening-Einschub abgesehen, gelingen ihm hypnotische, in den Melodien minimalistische Klänge, die sich je nach Bedrohung zu einem kakophonischen Rauschen steigern können. Da sind die einzelnen Bestandteile genauso schwer zu erfassen wie die Gefahren für die und von den Protagonisten. Hierbei bedient er sich einerseits der Elektronik, andererseits gelegentlich einem markanten, ungeordneten Streicherpizzicato. Der Ton schleicht sich erst an, um dann in schier chaotische Überwältigung zu münden – so wie die Katzenpfoten. Grandios wie der ganze Film. explosive media hat ihn in hervorragender Bild- und Tonqualität vorgelegt, was bei einem so farb- und akustikbetonten Werk von unschätzbarer Bedeutung ist. Welche Lalo-Schifrin-Soundtracks mögt Ihr besonders gern?

Einmal Cassia rot-weiß, bitte

Veröffentlichung: 20. Mai 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 96 Minuten (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Eye of the Cat
USA 1969
Regie: David Lowell Rich
Drehbuch: Joseph Stefano
Besetzung: Gayle Hunnicutt, Michael Sarrazin, Eleanor Parker, Tim Henry
Zusatzmaterial: Wendecover, Trailer, Bildergalerie, Fernsehfassung
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 explosive media

 

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I See You – Das Böse ist näher als du denkst: Was ist im Haus los?

I See You

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // In einer Kleinstadt in Ohio fährt der zehnjährige Justin Whitter (Riley Caya) mit dem Fahrrad allein nach Hause. Im Wald und bei hellem Tageslicht stoppt ihn etwas, der Junge verschwindet. Die Leitung der Ermittlungen in dem Vermisstenfall bekommt Detective Greg Harper (Jon Tenney) übertragen. Bei ihm hängt gerade der Haussegen schief, weil sich seine Ehefrau Jackie (Helen Hunt) einen Seitensprung erlaubt hat. Auch Sohn Connor (Judah Lewis) hat das mitbekommen und denkt sich sein Teil. Jedenfalls ist die Stimmung im Hause Harper angespannt, um es milde auszudrücken.

Da stimmt doch etwas nicht!

Über all dem versäumt es die Familie zu bemerken, dass sich in ihrem Haus ein paar Kleinigkeiten ereignen, die ganz und gar nicht stimmen. Jackies Lieblings-Kaffeebecher steht plötzlich als Aschenbecher auf dem Dach. Der Fernseher springt unvermittelt an, Greg wird im Kleiderschrank eingesperrt. Ein Glaser gibt gegenüber Jackie an, von einem Mädchen eingelassen worden zu sein. Kurz darauf ist das Besteck der Harpers verschwunden.

Jackie hat mit einem Fehltritt Ehe und Familie aufs Spiel gesetzt

Ich weiß, es gehört nicht in eine Rezension, aber ich muss es loswerden: Helen Hunt sieht furchtbar aus! Ihr Gesicht gleicht einer Wachsmaske. Ich gestehe gern: In den 90ern fand ich sie als Frau mit natürlicher Ausstrahlung toll, als ich sie in „Twister“ (1996) und ihrer Oscar-Rolle in „Besser geht’s nicht“ (1997) erstmals nachhaltig wahrnahm. Es stimmt mich traurig, dass die 1963 in Kalifornien Geborene offenbar mittels Botox, Liften und anderen Maßnahmen versucht hat, den üblen ungeschriebenen Gesetzen Hollywoods zu trotzen und sich auf diese Weise auch als reife Frau für Rollen zu empfehlen. Ein Unterfangen, das selbstredend zum Scheitern verurteilt ist.

Es versaut mir leider in gewisser Hinsicht auch den Film, weil ich nicht in der Lage bin, ihrer Jackie irgendeine ihrer Emotionen abzunehmen. Und bei jeder ihrer Interaktionen mit einer anderen Figur denke ich mir: Was mag das Gegenüber insgeheim über diese Fratze denken? Immerhin äußert eine Figur beim Anblick einiger Fotos an der Wand im Haus der Harpers „Gruselige Mum!“

Hochspannung in der Kleinstadt

Okay, jetzt bin ich das losgeworden, also durchatmen und auf die Qualitäten konzentrieren: „I See You – Das Böse ist näher als du denkst“ ist mordsspannend! Das liegt vornehmlich am reizvollen Gegensatz zwischen den schönen Bildern einer reinlichen Kleinstadt- oder Vorort-Idylle und dem latenten Gefühl der Bedrohung, das sich mit den unerklärlichen Ereignissen ausbreitet. Hinzu kommt natürlich der Fall des vermissten Justin, von dem mit Recht anzunehmen ist, dass er im weiteren Verlauf noch eine Rolle spielen wird.

Ihr Sohn Connor merkt: Im Haus stimmt etwas nicht

Nach etwa 40 Minuten bekommen wir eine erste Erklärung geliefert, mit der „I See You“ unvermittelt eine neue Perspektive einnimmt. Und dann wird es erst richtig interessant, aber darüber solltet Ihr gar nichts mehr lesen. Nach und nach erkennen wir die doppelten Böden. Aber wie geht es weiter? Was wird dabei herauskommen? Ein Thriller-Genuss, dies herauszufinden, auch wenn vielleicht am Ende nicht alles rund, weil überkonstruiert wirkt.

Deutschlandpremiere beim Fantasy Filmfest

Das diesmal ganz in Schwarz gehaltene Mediabook von capelight pictures macht einen edlen Eindruck und enthält im Booklet ein Interview mit Regisseur Adam Randall, das erst nach Sichtung des Films gelesen werden sollte. Fairerweise hat das Label dem Interview selbst eine Spoilerwarnung vorangestellt. Dem Label zufolge hat das Mediabook eine ganz besondere Geschichte hinter sich: Ursprünglich für einen Release im März geplant, hatten wir das Mediabook mit Glow-in-the-Dark-Effekt auf Schrift und der Maske konzipiert. Erst auf den gedruckten Mediabooks sahen wir aber, dass dieser Effekt auf der Maske dazu führt, dass die Glow-in-the-Dark-Partikel eine hässliche graue Umrandung erzeugten. Und die Maske sah so gar nicht mehr nach der Original-Maske aus. Was tun? Trotzdem verkaufen? Schrotten und neu produzieren? Überkleben? Am Ende kam uns die rettende Idee, die wir bei „Army of Darkness“ gesehen hatten: ein erhabener Crystal-Drop-Sticker, der über den Bereich mit dem verunglückten Effekt geklebt wird. Die komplette Auflage wurde somit neu aufbereitet. Jetzt – drei Monate später – ist das gute Stück endlich im Handel und die ersten Sammler haben es bereits zu Hause.
Den Glow-in-the-Dark-Effekt gibt’s übrigens dennoch: auf dem Titel auf Vorder- und Rückseite.
Not macht eben erfinderisch, und mir gefällt diese Lösung ausgesprochen gut. In 20 Tagen gedreht, lief „I See You“ 2019 beim deutschen Fantasy Filmfest. Ein böser kleiner Thriller mit Horrorelementen und einigen Finten.

Veröffentlichung: 12. Juni 2020 als 2-Disc Limited Collecto’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: I See You
USA 2019
Regie: Adam Randall
Drehbuch: Devon Graye
Besetzung: Helen Hunt, Jon Tenney, Judah Lewis, Owen Teague, Liebe Barer, Gregory Alan Williams, Allison Gabriel, Erika Alexander, Jennifer Grace, Adam Kern, Riley Caya, Sam Trammell, Nicole Forester, John Newberg, Teri Clark
Zusatzmaterial: Making-of, Interviews mit Helen Hunt und Regisseur Adam Randall, Trailer, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2020 capelight pictures

 
 

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An einem Freitag um halb zwölf – Blut, Schweiß und eine Träne

An einem Freitag um halb zwölf

Von Tonio Klein

Actionthriller // Ach du Schreck – ein „Corona-Film“, wie es uns Cover und Booklet mitteilen! Damals schon? Zwar hat sich jenseits von Verschwörungsmystikern allmählich herumgesprochen, dass das schlicht „Krone“ heißt, aber der Hinweis („Corona“ hieß die Produktions-GmbH) sorgt dennoch für einen Schmunzler. Jenseits solcher Zufälligkeiten: Es ist ganz interessant, diesen Film als absolutes Greenhorn zu sehen. Und das war ich, ließ auch bewusst die Lektüre des nachgedruckten Filmprogramms sowie des neuen Interviews mit dem Regisseur aus. Da kann es dann passieren, dass man im ersten Drittel ein Versprechen bekommt, welches der Film nicht ganz halten kann. Von der Form her ein klassisches „Heist Movie“ um einen sorgfältig geplanten Raubzug, kommt der Film hart und direkt zur Sache und ist ein Fest der Kamera- und Schauspielführung. Unbarmherzig beäugt ein 360-Grad-Schwenk eine Pokerrunde, in der der sich Zigarettenqualm mit Männerschweiß auf Großaufnahmegesichtern mischt. Scheinbar abrupt wechselt das Gespräch auf den Überfall eines besonders gepanzerten Geldtransporters, in dem sich die für damalige Verhältnisse astronomische Summe von einer Million Dollar befinde. Hochprofessionell werden die Chancen und Risiken erwogen und haben wir die üblichen Verdächtigen: den ruhigen Safeknacker (Jean Servais), den Zauderer Kitson (Ian Bannen, hier als „Jan“), den kalten (aber auch gierigen) Anführer Frank (Rod Steiger) und den durchgeknallten, zynischen und stets absurd gut gekleideten Egomanen Bleck (Peter van Eyck).

Rädelsführer Frank (l.) und der absurd geschniegelte Bleck

Und dann kommt der blonde Lockvogel, den man brauche, noch ohne blonde Perücke: Ginny alias Nadja Tiller. Von ihr habe ich fast nichts gesehen. Und was für eine Frau; sie füllt den Raum mit verführerischer Dominanz, ist sogar die Urheberin des Plans, lässt sich anscheinend von keinem Mann die Butter vom Brot nehmen, wirkt aber auch geheimnisvoll. Diese Aura ist das Kino selbst, dafür ist das Medium gemacht. Tiller hat, was man eine magische Präsenz nennt. Das Spiegelfechten mit Bannen ist Abtasten und Belauern auf allerhöchstem Niveau, und es erfüllt einen dramaturgischen Zweck: Um nicht vor Ginny als mutmaßliches Weichei dazustehen, willigt Kitson trotz schwerer Bedenken ein, mitzumachen …

Tiller verspricht mehr, als der Film halten kann

Von dort ausgehend, wird der Film insgesamt immer noch gut sein, fällt aber auch ein wenig ab. Vor allem, was den extrem starken Eindruck der Tiller im ersten Drittel betrifft. Von Ginny, einer Deutschen, erfahren wir natürlich, dass sie sich ihren Schutzpanzer erst mühsam anlegen musste und dass sie als Zwölfjährige in den Kriegswirren an der „Heimatfront“ offenbar ein hartes Los hatte. Sie kann, wie sich auch bei einem Startkapitalbeschaffungsraub zeigt, eiskalt zuschlagen, aber es hinterher einen Moment lang nicht wegstecken – um dann anscheinend aber recht schnell wieder auf Kurs zu sein. Was hätte man aus der Paarung Tiller/Bannen nach diesem ersten Akt machen können, zumal die beiden auch noch ein Pärchen auf Hochzeitsreise vorspiegeln müssen! Leider muss sich Ginny später im Wesentlichen mit Bleck herumschlagen. Da ist die Tiller nicht mehr die Aktive oder gar Bestimmende, da ist sie die Frau, die sich vor dem Tunichtgut nur noch ekelt, der ihr zudem an die Wäsche will. Schade! Frank und Ginny sind hingegen in gemeinsamer Verlorenheit einander verbunden – darüber hinaus verbindet sie nichts. So ist das fiese Ende letztlich ein gewisser Abklatsch von düster-fatalistischer Todesromantik à la „Vogelfrei“ (1949) von Raoul Walsh. Da kann Regisseur Alvin Rakoff gern behaupten, dass es so ein Finale damals noch nicht gegeben hätte – es stimmt einfach nicht, zumal die Jagd im Berg-Setting des Finales ein wenig an Walshs „Entscheidung in der Sierra“ (1941) erinnert, wovon „Vogelfrei“ ein Remake ist.

Logiklöcher allenthalben …

Recht bedauerlich ist, dass die Umstände des Raubes – Planung wie späteres Schiefgehen – der Logiklöcher einfach zu viele hat. So ein Panzerwagen ist doch wohl sehr schwer, kann aber in einen Campinganhänger gefahren und von einem Pkw dergestalt gezogen werden? Ganz klein scheint der Panzerwagen auch nicht zu sein, wenn man ihn auf offener Straße sieht, aber die Gauner scheinen vorab genau die Spurweite zu kennen, um eine Rampe zu konstruieren und anschließend auch noch locker einen halben Meter Platz neben dem Ding im Trailer zu haben. Zudem bekommt man im angeblich bestgepanzerten Fahrzeug der Welt die Jalousien mal eben mit einem Brecheisen auf. Und erst der Boden muss eine Schwachstelle sein, wenn durch diesen das Blut eines Verwundeten tröpfeln kann! Als sich einer der Männer diesem Verwundeten kaum nähert und sagt: „Er ist tot“, fragt man sich ernsthaft, wie blöd die Räuber eigentlich sein können. Herrgott, einfach mal 20 Sekunden auf den Hals nach Bewegungen gucken (die der Zuschauer im Gegensatz zu den Protagonisten sehr wohl gesehen hat). Es folgt dann zwar eine Szene Hitchcockschen Suspenses per Informationsvorsprung, aber dass wir diesen haben, ist eben derart läppisch, dass auch eine solide Inszenierung diesen Schnitzer nicht wettmachen kann. Schließlich werden, soviel Anstand gibt’s auch unter Räubern, Tote begraben. Wer das schon einmal für einen Hund oder ein Kaninchen im Garten gemacht hat, weiß, wie lange das dauert, und dann erst für mehrere Menschen in einer deutlich steinigeren Gegend – wie durch Zufall kommt niemand vorbei? Die Seltsamkeiten nehmen kein Ende!

… aber ein logisch denkendes Kind

Etwas vorhersehbar, aber immerhin gewitzt und auch einmal mit wohldosierter Komik erzählt, ist, wie ein kluger kleiner Junge den Räubern auf die Spur kommen wird. Interessanterweise wird seine Figur damit eingeführt, dass er als einziger nicht glaubt, das falsche Geturtel zwischen Bleck und Ginny habe etwas mit Liebe zu tun. Vordergründig, weil er noch so klein sei, dass er Knutschen eher als unangenehm empfinde, aber dahinter wird mehr stecken: Er durchschaut die Dinge wie die Menschen.

Ein Junge trickst schwere Jungs aus

Schließlich wird es zu einer Verfolgung über die Serpentinen in der Gegend von Marseille und zum erwähnten Kampf in den Bergen kommen, in einer Landschaft, die fast wie in einem Western aussieht („Vogelfrei“ ist ebenfalls einer und „Entscheidung in der Sierra“ ein Gangsterfilm als moderner Western). Hier geht der Film noch mal richtig zur Sache, der sowieso für eine in Schwarz-Weiß gehaltene Euro-Koproduktion von 1961 ziemlich blutige Gewalt bietet. Hallo – hier spricht definitiv nicht Edgar Wallace! Bei all den Landschaftspanoramen vergisst der Film aber nie seine von Anfang an prägnanten Fokussierungen auf Gesichter – einmal sogar so groß, dass nur die Augenpartien zu sehen sind. Man sage mir nicht, erst Sergio Leone habe das erfunden! Hier wird geblutet, Staub gefressen, verzweifelt, geschossen, gestorben im Schweiße des Angesichts, hier ist das Sonnenlicht vorgeblich heiß, aber durch harte, unbarmherzige Kontraste eiskalt, hier sieht man jede Pore der (männlichen) Gesichter gnadenlos und ungeschönt.

Sehen so Frischvermählte aus? Noch glaubt es die Polizei

Der Film leistet sich zwar ein paar Klischees und Absurditäten, aber an ihm gefällt dann doch, dass er seine minimalistische Gradlinigkeit bis zum Ende durchhält. Reißschwenks und Wischblenden drücken aufs Tempo, hochprofessionell geht es zur Sache (es sei denn, die Gier ist größer als der Professionalismus) und Backstorys wird es bis zum Schluss nur rudimentär geben. Das reicht aber. In dieser harten, trostlosen Welt ist man zu weich, zu verloren und/oder zu gierig. Und weil einer das am Ende merkt, gibt es neben Blut und Schweiß eine Träne. Auch wenn danach keine Zeit für Sentimentalitäten ist.

Rod Steiger als Gaststar? Nein, Hauptfigur!

Wirklich seltsam ist, dass in Credits wie Filmprogramm erst die europäischen Darsteller genannt werden, gefolgt von „und Rod Steiger als …“. Das macht man meist für nicht allzu lange, aber sehr markante „Gastauftritte“ – indes hat Steiger als inoffizieller Banden-Anführer Frank eine Hauptrolle und hätte die Tiller oder er als Erste/r genannt werden müssen. Nun denn, über gewisse Seltsamkeiten darf man sich nicht wundern. Auch, dass in einem Marseiller Nachtclub ein Orchester spielt und wir asynchron und mit weniger Instrumenten Wiener Kaffeehausmusik hören, ist gewöhnungsbedürftig. Letztlich ist das nicht allzu schlimm, zumal die „nichtdiegetische“ (also nicht in der Handlung vorkommende) Filmmusik von stimmigem (wenn auch sich etwas zu oft wiederholendem) Jazz geprägt ist. Ein guter und für seine Zeit heftiger Thriller, der nicht ganz an die besten US-Vorbilder heranreicht und meine Erwartungen bezüglich der Tiller zu Beginn so hochgeschraubt hat, dass er sie nicht ganz erfüllen konnte. Immerhin – schön, dass dieser Film mit (von der Anfangssequenz abgesehen) ansprechendem Bild und passablem Ton vorliegt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Peter van Eyck haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Kapitalbeschaffung und Übung: Raub im Nachtclub

Veröffentlichung: 5. Juni 2020 als DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: An einem Freitag um halb zwölf
Alternativtitel: Vendredi 13 heures / Im mondo nella mia tasca
BRD/F/IT 1961
Regie: Alvin Rakoff
Drehbuch: Frank Harvey, nach dem Roman „On Friday at Eleven“ von James Hadley Chase
Besetzung: Rod Steiger, Nadja Tiller, Peter van Eyck, Jean Servais, Ian Bannen, Marisa Merlini, Memmo Carotenuto, Edoardo Nevola, Carlo Giustini
Zusatzmaterial: Trailershow, Booklet mit Nachdruck Illustrierte Film-Bühne und Interview mit Regisseur Alvin Rakoff, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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