RSS

Schlagwort-Archive: Thriller

Brian De Palma (VI): Carlito’s Way – Sein schönster Film?

Carlito’s Way

Von Simon Kyprianou

Gangsterthriller // In der Dokumentation „De Palma“ von Noah Baumbach und Jake Paltrow sagt der Regisseur, als er auf „Carlito’s Way“ zu sprechen kommt, dass er mit diesem Film voll und ganz zufrieden sei; angesichts des finanziellen Misserfolgs äußert er, dass er nicht wisse, wie er einen besseren Film als „Carlito’s Way“ machen könnte. Und in der Tat, „Carlito’s“ Way ist ein hervorragender Film, eine von De Palmas schönsten Arbeiten in einer Filmografie, die reich an schönen Arbeiten ist.

Gangster Carlito kommt aus dem Knast

Brian De Palma zeigt sich hier auf der Höhe seiner Erzählkunst: Als der Mafioso Carlito Brigante (Al Pacino) aus dem Gefängnis kommt, sucht er nach seiner früheren Freundin Gail (Penelope Ann Miller). Sie ist Tänzerin, er schaut ihr vom Dach des Nachbarhauses beim Üben zu. Er steht draußen, im Dunkeln, im Regen, sie tanzt drinnen im Licht. De Palma erzählt hier unglaublich schön mit seinen Bildern von zwei unterschiedlichen Welten, deren Sehnsucht sie aufeinander zu driften lässt. Später klopft der Puerto-Ricaner an Gails Tür, bittet um Einlass, sie fordert ihn spielerisch dazu auf, die Tür einzutreten, wolle er hineinkommen. Carlito hadert mit sich, bevor er sich dann doch mit Gewalt Einlass verschafft. In dieser Szene verdichtet De Palma die Tragik seiner Figur: Carlito will ein besserer Mensch werden, versucht aufrichtig seine brutale Vergangenheit hinter sich lassen, und Gail will das ebenso, aber beide sehnen sich in diesem Moment insgeheim nach dem alten Carlito, der sich nimmt, was er will.

De Palma geht in oben erwähnter Dokumentation auch auf die wunderbar montierte Eingangsszene ein, in Schwarz-Weiß mit Voice-over gedreht. Das Erste, was wir in Farbe zu sehen bekommen, sind die Träume von Carlito: eine Werbeanzeige, die einen Südseestrand zeigt, ein starres Bild, das sich bunt aus dem Schwarz-Weiß herausschält. Die letzten Bilder des Films zeigen wie jenes vormals starre Sehnsuchtsbild plötzlich zu tanzen anfängt. Ebenfalls bemerkenswert ist natürlich die schnittlose Verfolgungsjagd durch die Grand Central Station im Finale. In „Carlito’s Way“ erreicht De Palma einen letzten großen Höhepunkt seiner visuellen Erzählkunst und seines Handwerks. Auch wenn das Spätwerk De Palmas nicht so schlecht ist, wie es oft gemacht wird: „Carlito’s Way“ ist der letzte große Film von Brian De Palma.

Große Schauspielkunst von Al Pacino und Sean Penn

Ironischerweise wird Carlito, der als Nachtclub-Betreiber einer ehrlichen Beschäftigung nachzugehen versucht, ausgerechnet von seinem Freund und Anwalt David Kleinfeld (Sean Penn) – der Carlito zu Beginn wegen eines Verfahrensfehlers aus dem Gefängnis geholt hat – wieder hineingezogen in die Illegalität: Der kokainsüchtige Kleinfeld hat den Gangster Vinnie Taglialucci (Joseph Siravo), den er vertritt, um Geld betrogen, Taglialucci erpresst ihn nun: Hilft Kleinfeld ihm nicht beim Ausbruch, muss er sterben. Die Aktion entgleist völlig, und Carlito versucht mit Gail zu fliehen; sie wollen auf den Bahamas neu anfangen, aber Taglialuccis Männer verfolgen ihn.

Al Pacino ist hervorragend als Carlito, er spielt wunderbar sanft dessen Verletzlichkeit und Unsicherheiten heraus, insbesondere in den Szenen mit Penelope Ann Miller. Aber Sean Penn ist fraglos der schauspielerische Höhepunkt des Films: Er war nie besser als hier, spielt Kleinfeld, diese getriebene, zutiefst verkommene Figur scheinbar ohne Mühe oder Eitelkeiten, mit einer absoluten Selbstverständlichkeit.

Bislang keine deutsche Blu-ray

Bleibt zu hoffen, dass der Film bald eine neue Heimkinoauswertung in Deutschland erfährt. Bisher ist er nur als DVD zu erhalten, diese ist mittlerweile out of print und dementsprechend teuer. Denn ohne Zweifel ist „Carlito’s Way“ De Palmas schönster Gangsterfilm, der auf alle Extravaganzen und Exzesse von „Scarface“ verzichtet und dafür lieber versucht, zu seinen Figuren durchzudringen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Al Pacino und/oder Sean Penn in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. Januar 2004 als DVD

Länge: 139 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Carlito’s Way
USA 1993
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: David Koepp, nach Vorlagen von Edwin Torres
Besetzung: Al Pacino, Penelope Ann Miller, Sean Penn, Luis Guzmán, John Leguizamo,Viggo Mortensen, Joseph Siravo, James Rebhorn, John Ortiz, Ángel Salazar
Zusatzmaterial: Making-of (34:35), Fotogalerie, Original-Kinotrailer
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2004 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Der Eid – Ein Familienvater richtet

Eiðurinn

Von Anja Rohde

Thrillerdrama // Schon im Jahr 2000 erfreut Baltasar Kormákur mit seiner ersten Regiearbeit „101 Reykjavik“ das Kinopublikum. Die versponnene Komödie um einen isländischen Nichtsnutz ebnet den Weg für weitere Regieerfolge, unter anderem das geniale Drama „The Deep“ um das unerklärliche Überleben eines isländischen Fischers im eiskalten Ozean und zwei Hollywood-Produktionen („2 Guns“ und „Everest“). 2015 überzeugt Baltasar mit der Kurzserie „Trapped − Gefangen in Island“: Höchst spannend und mit viel Feingefühl für die Figuren werden mysteriöse Morde in einem durch Unwetter von der Außenwelt abgeschnittenen Dorf aufgeklärt.

Finnur bei seiner Familie …

Die Erwartungshaltung für „Der Eid“, den Baltasar wieder in der isländischen Heimat drehte, ist also hoch. Aber der Film erweist sich als ausgesprochen sperrig. Trotz schöner Bilder von frostigen Landschaften und perfekter Schauspielleistung wird man nur schwer warm mit der Handlung. Oder ist das gewollt?

Vom Perfektionisten zum Kontrollfreak

Finnur (Baltasar Kormákur spielt die Hauptrolle persönlich), Familienvater und Herzchirurg, lebt mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter am Rand von Reykjavik. Seine ältere Tochter Anna (Hera Hilmar) aus erster Ehe ist ausgezogen, das Verhältnis zu ihr ist innig, obwohl sie mitnichten tut, was sich ein Vater wünscht. Die Ausbildung hat sie abgebrochen, sie feiert gern, pfeift auf die Regeln des Erwachsenenlebens. So erscheint sie beispielsweise zur Beerdigung ihres Großvaters deutlich verspätet und in unpassender Kleidung. Drogen gegenüber scheint sie auch nicht abgeneigt, und als sie als Freund den wenig vertrauenserweckenden Óttar (Gísli Örn Garðarsson) zuhause vorstellt, nimmt das Drama seinen Lauf. Finnur erkennt in Óttar die Person, die seiner Tochter offenbar die Drogen verschafft und sie auf die schiefe Bahn bringt. Dagegen muss er etwas unternehmen.

… und in seinem Job

Zu Beginn ein normaler Familienvater, ein perfektionistischer Arzt und ein begeisterter Radfahrer, entwickelt sich Finnur zum entschlossenen Kämpfer für das Wohl seiner Tochter – beziehungsweise das, was er für das Wohl seiner Tochter hält. Obwohl diese ihm unter Tränen versichert, sehr verliebt in Óttar zu sein, ist Finnur überzeugt, diese Liaison beenden zu müssen. Finnurs Perfektionismus, der in den Bereichen Beruf und Sport durchaus positiv zu bewerten ist, entwickelt sich im Bereich Familie zum ungesunden Kontrollzwang und zu einer massiven Selbstüberschätzung, was die Aufgaben eines sorgenden Vaters angeht.

Hippokratischer Eid kontra Vaterliebe

Es bleibt nicht bei verbalen Auseinandersetzungen zwischen Vater und Freund der Tochter, so viel kann verraten werden. Finnur greift zu Methoden, die er als Arzt und somit Menschenfreund eigentlich nicht anwenden darf. Hier kommt auch der Titel des Films ins Spiel: Mit „Der Eid“ ist der „Eid des Hippokrates“ gemeint, eine nicht mehr ganz aktuelle moralische Gebotssammlung für Mediziner, die aber auch heute noch als ethische Richtlinie dahingehend gedeutet wird, dass jeder Arzt sein Leben und seine Arbeit in den Dienst der kranken Menschen und der Menschlichkeit zu stellen hat.

Tochter Anna macht Probleme

„Wie weit würdest du gehen, um deine Familie zu schützen?“ fragt das Plakat. Finnur rutscht im Verlauf der Films in eine Abwärtsspirale und kann in seinem Kampf für das Gute nicht nur Gutes tun. Diese Zwangslage spitzt sich mehr und mehr zu, wird aber im Film zu wenig emotional ausgearbeitet. Denkt Finnur überhaupt darüber nach, was er da gerade tut, oder handelt er blind besessen? Ob es daran liegt, dass Baltasar selbst die Hauptrolle spielt, er also weiß, wie zerrissen die Person innerlich ist, aber versäumt, die moralischen Fragestellungen via Drehbuch nach außen zu transportieren? Oder ist man es als Zuseherin nicht mehr gewöhnt, auf Zwischentöne zu achten, weil es heutzutage zu viele Erklärbär-Filme gibt, die Konflikte dadurch rüberbringen, dass diese immer und immer wieder diskutiert werden?

Sie ist in den Dealer Óttar verliebt

Ist Finnurs Dilemma einfach nur extrem nüchtern inszeniert, damit sich das Publikum selbst ein Urteil über die Hauptfigur und ihr Handeln machen kann oder muss? Steht die kalte isländische Landschaft für die eiskalte Wut, die Finnur antreibt, das Richtige zu wollen, aber das Falsche zu tun?

Diese Fragen hätte ich mir im Presseheft zu „Der Eid“ gewünscht, leider bleiben sie ungestellt. Immerhin antwortet Baltasar an einer Stelle: „… mich faszinieren Thriller, die den Zuschauer in einen moralischen Zwiespalt bringen. Es muss nicht alles schwarz und weiß sein. Ich habe wirklich genug von Filmen, in denen dem Publikum die Message förmlich eingetrichtert wird und wo von vorneherein klar ist, wer gut und wer böse ist. Jeder hat eben sowohl eine helle als auch eine dunkle Seite. Das war ein Ziel meines Films, einerseits Óttar menschlicher erscheinen zu lassen und auf der anderen Seite die dunklen Seiten Finnurs hervorzubringen.“

Finnur sorgt sich um seine Tochter …

Kein schlechter Film, keine schlechte Thematik, und vielleicht dient die kritisierte Sperrigkeit auch einfach dazu, den „Eid“ eine Weile lang nicht aus den Köpfen des Publikums zu bekommen. Aber mit den eingangs erwähnten Baltasar-Kormákur-Knallern kann diese Produktion nicht mithalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Baltasar Kormákur sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

… und legt sich mit Óttar an

Veröffentlichung: 23. Juni 2017 als Blu-ray und DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray), 110 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Isländisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Eiðurinn
ISL 2016
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Ólafur Egilsson, Baltasar Kormákur
Besetzung: Baltasar Kormákur, Hera Hilmar, Gísli Örn Garðarsson, Ingvar Eggert Sigurðsson, Guðrún Sesselja Arnardóttir, Joi Johannsson, Sigrún Edda Björnsdóttir, Margrét Bjarnadóttir, Þorsteinn Bachmann
Zusatzmaterial: Trailer, Wendecover
Vertrieb: Alamode Film

Copyright 2017 by Anja Rohde

Filmplakat, Packshot & Fotos: © 2017 Alamode Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Das Grauen kam aus dem Nebel – Wenn dir das Leben kein bisschen Frieden lässt

La morte risale a ieri sera

Von Ansgar Skulme

Thriller // Tapfer meistert der einfache Angestellte Amanzio Berzaghi (Raf Vallone) die harten Herausforderungen, die ihm das Leben aufgebürdet hat: Nicht nur leidet er selbst unter einer körperlichen Behinderung, die ihn zwingt, am Stock zu gehen, sondern er muss sich zudem alleinerziehend um seine geistig behinderte Tochter Donatella (Gillian Bray) kümmern. Tag für Tag umsorgt er sie liebevoll und bietet der fröhlichen jungen Frau ein behütetes Leben. Alle Vorsichtsmaßnahmen helfen jedoch nichts: Eines Tages geht Donatella nicht ans Telefon, als Berzaghi wie üblich von der Arbeit aus prüfen will, ob alles in Ordnung ist. Die Polizei schaltet sich ein, doch da ihm der reguläre Ablauf nicht schnell genug geht, wendet sich Berzaghi an den erfahrenen Kommissar Duca Lamberti (Frank Wolff) und ermittelt gleichzeitig auf eigene Faust.

„Das Grauen kam aus dem Nebel“ ist ein ambitionierter, kritischer Thriller, von dessen Titel man sich nicht täuschen lassen sollte. Es gibt kaum Nebel und das Grauen taucht an ganz anderen Stellen auf, zudem handelt es sich keineswegs um einen reißerischen Stoff mit einem brutalen Serienmörder im Geiste der deutschen Edgar-Wallace-Filme oder um ein besonders typisches Beispiel für die blutigen, damals gerade im Kino zur großen Blüte gelangenden italienischen Gialli, sondern um die gut gespielte, tragische Geschichte einer Entführung und der verzweifelten Suche eines Vaters nach dem letzten Stück Glück, das ihm geblieben ist und nun entrissen wurde. Auch der Originaltitel (übersetzt in etwa: „Gestern Abend wartete der Tod“) wird dem Film nicht wesentlich gerechter als die deutsche Variante, und so wurde das Werk in der Vergangenheit zuweilen Opfer von falschen Erwartungshaltungen und Missverständnissen; nicht zuletzt, da „Das Grauen kam aus dem Nebel“ thematisch zumindest zum damaligen Zeitpunkt auch für den Regisseur Duccio Tessari eher ungewöhnlich war. Als eine Art Variation von „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) kann sich diese Produktion aber durchaus sehen lassen.

Kann ein Film „überladen“ sein?

Ein Phänomen, über das ich mich bei Kritiken generell häufig wundere, ist die Behauptung, dass ein Film zu überladen sei – also angeblich zu viele Themen abzuhandeln versucht. Ich frage mich dann oftmals, ob ein Film überhaupt „zu“ anspruchsvoll sein kann oder ob es nicht eher das Problem des Betrachters ist, wenn ihn ein Film überfordert, der andere Betrachter nicht überfordert? Für wen genau sind es denn dann zu viele thematische Baustellen und für wen zu wenige? Wer will sich anmaßen zu entscheiden, ab wann ein Film „zu“ komplex ist oder ab wann er „zu“ viele Themenfelder zu behandeln versucht? Grundsätzlich sind Anspruch und Komplexität schließlich etwas Positives und hier als Kritiker auf die Bremse treten zu wollen, ist ein etwas seltsames Ansinnen, das man als Plädoyer für weniger Anspruch im Kino missverstehen könnte. Ein Kino, dessen Niveau sich am „durchschnittlichen“ Zuschauer orientieren solle – wer auch immer das überhaupt ist. Man liest das (Vor-)Urteil vom überladenen Film immer wieder zu diesem oder auch jenem neuen wie auch alten Streifen. Fast schon wie eine Floskel durchzieht es die Geschichte der Filmkritik.

Vergleich mit „Milano Kaliber 9“

„Das Grauen kam aus dem Nebel“ wäre für diejenigen, die die Rede vom überladenen Film gern bemühen, sicherlich ein gefundenes Fressen. „Zu“ politisch die Diskussionen zwischen Lamberti und seiner Frau, die in einer Nebenhandlung nochmal eine ganz neue Dimension eröffnen, „zu“ viel offensive Gesellschaftskritik, „zu“ viel „Weltverbesserei“ und was man dafür nicht noch alles für abfällige Begriffe parat haben mag. Auf diese Weise kann man den Film relativ einfach oberflächlich als „zu links“ abstempeln und im Giftschrank verschwinden lassen. Und bei einem eher unbekannt gebliebenen Werk wie diesem ist es erst recht leicht dahergesagt, ihm Qualität und Niveau abzusprechen. Ich hingegen möchte stattdessen den Vergleich mit Fernando Di Leos als Meilenstein des Gangsterfilms weitgehend anerkanntem Klassiker „Milano Kaliber 9“ (1972) anbringen, in dem Frank Wolff ebenfalls einen Kommissar verkörperte und sich dort einige höchst politische Wortgefechte mit Luigi Pistilli lieferte, die so brillant geschrieben und vor allem gespielt sind, dass Di Leo sie im Film beließ, obwohl er sich bewusst war, dass die Szenen gewissermaßen vom eigentlichen Plot ablenkten. Ganz ähnlich ist es auch hier mit der privaten Seite des Kommissars Lamberti, der von seiner Frau immer wieder hinterfragt wird. Sie wirft ihm vor, er werde langsam alt und habe Angst, die Welt nicht mehr sauber zu bekommen, er hingegen stellt sich offen gegen alle, die immer behaupten sowieso nichts an der Gesellschaft ändern zu können. Sie diskutieren, sie streiten, über die Gesellschaft, über Politik, über soziale Verantwortung – und sie lieben einander trotzdem. Ein authentischer, glaubwürdiger Blick in eine spannende Beziehung. So bildet Lamberti mit seiner von der deutschen Schauspielerin Eva Renzi – der Mutter von Anouschka Renzi – verkörperten Herzensdame ein ebenso spannendes Gegensatzpaar wie mit dem verzweifelt nach seiner Tochter suchenden Berzaghi.

Fernando Di Leo hat für diesen Kommissar Lamberti im Übrigen auch insofern eine Bedeutung, als er „Note 7 – Die Jungen der Gewalt“ (1969) inszenierte, jenen Film in dem der von dem aus der Ukraine stammenden italienischen Autor Giorgio Scerbanenco ersonnene Lamberti erstmals im Kino auftauchte; dort in der Verkörperung von Pier Paolo Capponi, für den es nicht die einzige prägnante Polizisten-Rolle im damaligen italienischen Thriller war. Der Autor Giorgio Scerbanenco gilt als einer der Vorreiter des Giallo in der Literatur, die Figur des Lamberti tauchte allerdings erst 1966 erstmals in einem seiner Romane auf. Bis zu Scerbanencos Tod 1969 folgten daher nur noch drei weitere Auftritte, wobei die Kinoadaptionen praktisch nahtlos anschlossen. 1970 kam neben der Version mit Frank Wolff auch eine französische Verfilmung eines anderen Romans ins Kino, in der Lamberti von Bruno Cremer gespielt wurde. Zuweilen werden diese binnen sehr kurzer Zeit entstandenen Filme auch als Trilogie gewertet, für die „Das Grauen kam aus dem Nebel“ den Endpunkt darstellt. Sie wurden allerdings wahrscheinlich alle drei völlig unabhängig voneinander produziert.

Düstere Stichproben des Abgrunds

Berzaghi, Lamberti und des Letzteren Frau sind nicht die einzigen interessanten Charaktere im Film. Erwähnt werden muss auch Beryl Cunningham in der Rolle der Prostituierten Herrero, die schließlich sogar privat bei der Polizisten-Familie einzieht – eine recht kuriose Konstellation; Cunningham stellt die vom Leben gezeichnete, wackere Frau mit sehr viel Würde dar. Zudem erweist es sich als kluger Schachzug, dass die geistig behinderte Donatella entgegen aller Klischees von einer bildhübschen Darstellerin verkörpert wurde, die zudem auch nicht das Gesicht verzieht, sondern vielmehr zumeist lächelt und strahlt. Dieser Umstand lässt die Szenen, in denen der körperlich obendrein deutlich kleinere Vater sie wie ein Baby umsorgt und ihr zugleich beispielsweise beim Schließen ihres BHs hilft, während sie die ganze Zeit nur am Grinsen ist, zwar recht putzig erscheinen, durchbricht aber das oberflächliche Bild vom geistig behinderten Menschen, dem man seine Erkrankung sofort anmerkt – und zwar gewissermaßen um 180 Grad.

Es mag sicherlich etwas übertrieben sein, dass den zuhälterischen Entführern geradezu eine Frau mit Modelfigur in die Hände fällt, die gleichzeitig das geistige Niveau eines dreijährigen Kindes hat, jedoch gibt diese ungewöhnliche Darstellung dem Film einen wertvollen doppelten Boden hinsichtlich des Urteilens anhand von Äußerlichkeiten. Es sind gerade die Szenen mit Herrero und die Szenen mit Donatella, in denen der Film seine dreckigste Seite zeigt, indem er die Opfer teils vor, teils während und zudem nach den schrecklichen Erlebnissen beobachtet. Dabei geht es nicht um zur Schau gestellte Brutalität, sondern um soziale Abgründe, Missbrauch und Vertrauensmissbrauch, das Ausnutzen von Verzweiflung und Hilflosigkeit, das bloße Benutzen von Menschen als Ware und um die ganz normal scheinenden Kriminellen von nebenan, denen man täglich begegnet, ohne je etwas zu ahnen. Und ja, letztlich geht es auch ganz direkt darum, dass man es hier mit den niedersten Formen kapitalistischer Ausbeutung zu tun hat, ohne dass in diesem aufrechten Film deswegen ein Blatt vor den Mund genommen werden würde. Herrero ist die, die das Grauen gesehen hat und vorläufig entkommen ist. Viele andere jedoch entkommen nicht. Der Film stellt eine erkaltete Gesellschaft in unangenehm trostlosen, herbstlichen Bildern bloß. Der Handlungsort ist Mailand, aber ein wenig fühlt es sich wie das verregnete England an; aufgelockert nur dadurch, dass der Kommissar sich der Jahreszeit wegen mit einer üblen Erkältung herumschlägt, die er mit Nasenspray zu bekämpfen versucht und sich auch darüber hinaus ein pointiertes, gewitztes Zusammenspiel mit seinem Assistenten liefert. Das nonverbale, gestische Interagieren, wenn der Kommissar von seinem Assistenten beispielsweise eine Zigarette einfordert, erweckt den Eindruck, zuweilen von Frank Wolff angeregt improvisiert worden zu sein – und wenn sie gemeinsam so richtig zu Form auflaufen, treiben die beiden Bullen den einen oder anderen Ganoven buchstäblich wie eine Sau durchs Dorf.

Die deutsche Seite des Films

Umstritten ist, wie umfangreich der Einfluss der deutschen Produzenten-Legende Artur Brauner auf „Das Grauen kam aus dem Nebel“ war. Gut möglich, dass Eva Renzi durch ihn in das Projekt kam. Angeblich soll er sogar am Drehbuch mitgearbeitet haben – und das wohlgemerkt als einziger Autor neben Biagio Proietti und dem möglicherweise eher obligatorisch auch als Autor genannten Regisseur Duccio Tessari. Als Drehbuchautor wurde Brauner generell nicht häufig namentlich erwähnt – als Produzent taucht sein Name in der Filmgeschichte etwa zehnmal so häufig auf. Ende der 60er / Anfang der 70er häuften sich allerdings plötzlich einige Filme, an denen Brauner angeblich auch als Autor beteiligt war, darunter mehrere deutsch-italienische bzw. deutsch-spanische Koproduktionen. Zumindest kann man guten Gewissens behaupten, dass „Das Grauen kam aus dem Nebel“ mit Abstand der anspruchsvollste Film ist, für den Brauner Anfang der 70er eine Nennung als Drehbuchautor erhielt; vielleicht sogar der beste unter jenen, die zwischen den frühen 50er- und den tiefen 80er-Jahren entstanden. Ob und wie viel er tatsächlich auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, ist allerdings eine andere Frage.

Die deutsche Synchronfassung wurde unter der Dialogregie des später als Stammsprecher von Tom Hanks, Bill Murray, Jeff Goldblum und Kevin Kline berühmt gewordenen Arne Elsholtz erstellt, der seine erste Synchronrolle bereits 1962 in „West Side Story“ hatte und sich bald auch als Regisseur vieler deutscher Fassungen verdient machte. Er ist im Film zudem als Stimme von Gabriele Tinti zu hören, der den Assistenten des Kommissars spielt. Ein besonderer Kunstgriff gelang Elsholtz mit der etwas gewöhnungsbedürftigen Besetzung von Gerd Martienzen – dem damaligen Stammsprecher von Louis de Funès – als Stimme von Frank Wolff. Martienzen wurde in seiner Karriere häufig in Rollen besetzt, in denen er seine Stimme stark nach oben drücken oder fast schon wie eine Comicfigur intonieren musste. Hier allerdings hört man ihn einmal in seiner normalen Stimmlage und zudem in einer recht gestandenen Rolle voller Überzeugungskraft und Tatendrang – ganz anders als die unzähligen hageren, verschlagenen Gestalten, auf die er Zeit seiner Karriere ähnlich abonniert war wie Gerd Duwner auf das Sprechen von pummeligen Zeitgenossen und von Asiaten. Die Besetzung von Martienzen für Wolff ist umso bemerkenswerter, als Martin Hirthe für Raf Vallone besetzt wurde, der Wolff zuvor in zwei seiner bekanntesten Filme gesprochen hatte: „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Leichen pflastern seinen Weg“ (beide Synchronfassungen von 1969). Elsholtz hatte hier zweimal das richtige Bauchgefühl, da Hirthe für Vallone eine überragend gute Performance gelungen ist, die sehr viel Mitgefühl weckt, während er für Wolff sowieso nicht besonders passend war, sondern nur eine auf Kontinuität basierte Besetzung gewesen wäre. Bis hin zu der beeindruckenden Schlussszene, die einen regelrecht sprachlos zurücklässt, hat die sich teils nah am erstickenden Flüstern orientierende Stimmlage, die der spätere „Tatort“-Kommissar Martin Hirthe für die Rolle wählte, etwas sehr Ergreifendes und Bedrückendes an sich, während die Figur gleichzeitig einen bemerkenswerten, unbändigen Willen und kämpferische, emotionale Kraft ausstrahlt. Der Mann geht am Stock und hat Mühe, zu reden, ohne sofort in Tränen auszubrechen, rastet und ruht jedoch trotzdem nicht, aber verbittert zunehmend – alles nur um seiner Tochter willen, da ihm sonst nichts mehr geblieben ist. Besser und ergreifender als Raf Vallone und Martin Hirthe im Einklang, kann man einen Vater, dessen Kind entführt wurde, wahrscheinlich kaum spielen. Schon allein diese Rolle hilft dem Film zu einer Punktlandung im Ziel, mag man andere Aspekte noch so kontrovers diskutieren.

Ein Warten seit Jahren

Letztlich ergibt für „Das Grauen kam aus dem Nebel“ vor allem die Bezeichnung „Entführungsfilm“ und ein Vergleich mit anderen Dramen und Thrillern, die sich ebenfalls des Themas Entführung, genauer Kindesentführung, bedienen, einen Sinn. Als solcher besitzt das Werk vor allem aufgrund sehr guter, emotional aufwühlender Schauspielerleistungen Überzeugungskraft, auch wenn der Film nicht die meisterhafte Qualität von beispielsweise „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“ (1972) besitzt – einem von Kindesmord und Kindesentführung ausgehenden Giallo, der zu den besten seiner Art gehört und in dem der als James Bond nur einmal zum Einsatz gekommene George Lazenby als verzweifelt nach seiner Tochter suchender Vater die wahrscheinlich beste schauspielerische Leistung seiner Karriere ablieferte. Um in dieser Liga mithalten zu können, fehlt „Das Grauen kam aus dem Nebel“ unter anderem ein gleichsam intensiv mitreißender, beispiellos verstörender Soundtrack. Allerdings hat es durchaus auch seine Vorzüge, dass die Musik hier stattdessen einen trostlos ernüchternden Charakter besitzt, der das Geschehen letztlich umso schockierender macht, weil dadurch immer wieder ein Eindruck von Alltäglichkeit entsteht, während für Berzaghi quälend langsam Stück für Stück eine Welt zusammenbricht. Eine grausame Ruhe, durchbrochen von den Momenten lauter, fröhlicher Musik, in denen er Donatella vor sich sieht, als alles noch in Ordnung war – die ebenso abrupt enden wie sie begonnen haben.

Im Juni 2014 postete das deutsche DVD-Label Subkultur-Entertainment auf Facebook ein Bild von Raf Vallone in einer Szene des Films, das Fans lange Zeit auf eine Veröffentlichung hierzulande hoffen ließ, zumal der Film kurz zuvor auch in den USA auf Blu-ray und DVD erschienen war. Leider ist es bisher aber trotzdem nicht dazu gekommen, sodass man mit den ausländischen Versionen ohne die deutsche Synchronfassung vorliebnehmen oder sich das alte Kaufvideo von Toppic besorgen muss. Wenn man sich vor Augen führt, was über die Jahre schon alles an italienischen Thriller-Klassikern der 70er auf DVD oder Blu-ray zutage gefördert wurde, ist der Film so langsam einmal verdient an der Reihe. Hoffen wir das Beste!

Veröffentlichung (USA): 6. April 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: La morte risale a ieri sera
US-Titel: Death Occurred Last Night
IT/BRD 1970
Regie: Duccio Tessari
Drehbuch: Biagio Proietti, Duccio Tessari, Artur Brauner, nach einem Roman von Giorgio Scerbanenco
Besetzung: Frank Wolff, Raf Vallone, Gabriele Tinti, Gillian Bray, Eva Renzi, Gigi Rizzi, Beryl Cunningham, Checco Rissone, Wilma Casagrande, Marco Mariani
Verleih: Titanus, Cinerama Filmgesellschaft MBH

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: