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Perfect Skin – Ihr Körper ist seine Leinwand: Faszinierende Tattoo-Kunst

Perfect Skin

Von Andreas Eckenfels

Horrorthriller // Erinnert sich noch jemand an die „Das Duell um die Welt“-Folge, in der Charlotte Roche einen Bungeesprung auf die extreme Art absolvierte? Die Moderatorin und Schriftstellerin („Feuchtgebiete“) stürzte sich nicht etwa mit einem stinknormalen Gummiseil in die Tiefe, sondern sie ließ sich vier Titanhaken in ihren Rücken piercen, an denen dann das Seil befestigt wurde. Respekt an Charlotte Roche für diese Aktion. Wie man sah und hörte, waren es für sie höllische Schmerzen, aber ihre Haut hielt ihr Körpergewicht.

Tätowierer Bob leidet an Parkinson

Einige werden sich zu Recht fragen, wie man sich so etwas freiwillig antun kann. Aber der Faszination, zu sehen, was die menschliche Haut alles aushalten kann, kann sich wohl kaum jemand entziehen. Auch, wenn es in „Perfect Skin – Ihr Körper ist seine Leinwand“ trotz einer FSK-18-Freigabe nicht ganz so extrem zugeht, wird das Publikum auch hier gespalten sein: Soll man hin- oder wegsehen, wenn die Tattoo-Nadeln und Piercing-Geräte fleißig bei der Arbeit sind? Allerdings: Die surrenden Geräusche der Gerätschaften sind auch so schon fies genug.

Perspektivlos in London

Die junge Polin Katia (Natalia Kostrzewa) lebt seit fünf Monaten in London und hat dort eine Zeitlang als Au-pair-Mädchen gearbeitet. Doch lange hat sie es bei der Familie nicht ausgehalten. Nun taumelt sie perspektivlos, ohne feste Bleibe und ohne Job durch die Stadt. Nachdem ihre Freundin Magda (Kasia Koleczek) sie vor die Tür gesetzt hat, kommt sie in der Wohnung von Lucy (Jo Woodcock) unter. Durch sie lernt Katia den älteren Tätowierer Bob (Richard Brake) kennen, der schon bei Lucy häufig die Nadel angesetzt hat. Katia sträubt sich allerdings, ihre makellose Haut verschönern zu lassen. Als sie allein in einem Club feiern geht und sie sturzbetrunken zufällig auf Bob trifft, nimmt Katia sein Angebot an, sie nach Hause zu fahren. Ein Fehler: Als Katia erwacht, findet sie sich hinter Gittern wieder. Bob hat die junge Frau im Keller seines Tätowierstudios eingesperrt und will auf Katias Körper sein bislang größtes Kunstwerk erschaffen.

Bob beginnt bei Katia mit seiner Arbeit

In seinem Regiedebüt wirft der ehemalige Werbefilmer Kevin Chicken einen intensiven Blick auf die Tattoo- und Body-Modification-Szene. Wer sich dieser Subkultur auch nur ein wenig zugeneigt fühlt, sollte sich den Titel unbedingt merken. Dabei ist „Perfect Skin“ allerdings kein Vertreter aus dem Torture-Porn-Genre, wie etwa der thematisch ähnlich gelagerte „Killer Ink – Dein erstes Tattoo wirst du nie vergessen“ von 2015. Vielmehr handelt es sich um einen düsteren Horrorthriller, der mehr Wert darauf legt, die Schönheit der Tätowierkunst zu zeigen, statt auf exploitative Szenen zu setzen.

Der Nachtkönig greift zur Nadel

Mit seinen markanten Gesichtszügen bereichert Richard Brake jede Produktion. Der charismatische Brite war nicht nur in zwei „Game of Thrones“-Folgen als gefürchteter Nachtkönig zu sehen. Genrefans werden sich auch an seine Darbietungen in den Rob-Zombie-Werken „31“ und zuletzt „3 From Hell“ positiv erinnern. Als ruhiger, aber bestimmender Tätowierkünstler fühlt man trotz seiner Taten mit ihm durchaus mit. Auch, weil er seine Gefangene Katia mit viel Respekt, wie eine Muse behandelt. Aber ebenso kann Bob schnell in Rage geraten …

Katia wird immer mehr zum lebenden Kunstwerk

Wie wir erfahren, lebt er in Trennung und hat mit seiner Ex-Frau zwei Kinder, die er nur selten sieht. Weil er eine beginnende Parkinson-Erkrankung hat, beschließt er, jetzt sein Kunstwerk anzugehen. Leider gibt das recht schwache Drehbuch Bob und den anderen Figuren nicht viel psychologische Tiefe mit auf den Weg. Warum dieser freundliche Mann zu so einem drastischen Schritt greift, eine Geisel zu nehmen und sie gegen ihren Willen zu tätowieren, wird nicht ganz klar. Seine Krankheit als Grund heranzuziehen, erscheint mir doch etwas zu mager.

Ebenso ist die Figur Katia nicht gerade sympathisch gezeichnet, weshalb ich kein großes Mitleid für sie verspürte, als ihr Martyrium begann. Zu Beginn wird sie aus der Wohnung ihrer Freundin geschmissen, deren Freund ebenfalls anwesend ist. In polnischer Sprache bedankt sich Katia bei Magda für das Dach über den Kopf und fügt bewusst provozierend hinzu: „Er ist ein Loser und fickt miserabel.“ In einem Café lässt sie Geld mitgehen, welches ein Kunde als Bezahlung auf dem Tisch zurückgelassen hat, und als ihre neue Mitbewohnerin Lucy schnell weg muss, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern, klaut Katia ihr kurzerhand 800 Pfund, die für die Miete gedacht waren. Und was macht Katia mit dem Geld? Sie versäuft es! Somit geschieht es der jungen Frau schon fast irgendwie recht, dass sie als Strafe in Bobs Kerker landet.

Voller Körpereinsatz

An ihrer Darstellerin Natalia Kostrzewa („The Cured“) liegt diese Missgunst an ihrer Figur allerdings nicht. Sie musste für die Rollen einiges über sich ergehen lassen und sicherlich auch ein paar persönliche Grenzen überschreiten. Die täglichen Make-up-Sitzungen für die Tattoos müssen Stunden gedauert haben. Zwar konnte ich es nicht final herausfinden, doch einige Fotos, die von ihr im Internet zu finden sind, lassen darauf schließen, dass Natalia Kostrzewa wirklich den extremen Schritt wagte und sich für den Film eine Glatze schneiden ließ.

Lucy sucht nach ihrer Mitbewohnerin

Die unterkühlt-dichte Atmosphäre und die guten Darstellerleistungen können allerdings nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass es Kevin Chicken kaum gelingt, in der Geschichte Spannung zu erzeugen. Katia ergibt sich recht schnell ihrem Schicksal – und ist, wie schon erwähnt, sowieso nicht sonderlich als Opferfigur geeignet. Von Lucy initiiert, steht auch mal die Polizei in Bobs Tätowierstudio, die nach der Vermissten sucht. Aber sonst fällt hier dem Regisseur recht wenig ein, um ein paar Überraschungen zu erzeugen. So ist „Perfekt Skin – Ihr Körper ist seine Leinwand“ bei Weitem nicht perfekt, dennoch lohnt sich bei dem Horrorthriller das Hinsehen: Denn Bob bei seiner Arbeit beizuwohnen, wie sein Kunstwerk nach und nach immer mehr Gestalt auf dem Körper der gepeinigten Katia annimmt, ist nicht nur für Tattoo-Freaks durchaus faszinierend.

Das schmerzt schon beim Hinsehen!

Veröffentlichung: 18. Oktober 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 102 Min. (Blu-ray), 98 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Perfect Skin
USA 2018
Regie: Kevin Chicken
Drehbuch: Kevin Chicken, Dusan Tolmac
Besetzung: Richard Brake, Natalia Kostrzewa, Jo Woodcock, Sartaj Garewal, Cameron Jack, Kasia Koleczek, Tom Ashley, Emma-Jane Hinds
Zusatzmaterial: Behind the Scenes, Trailer, Trailershow, Wendecover, nur Mediabook: Poster, 24-seitiges Booklet
Label: Pierrot Le Fou
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshots: © 2019 Pierrot Le Fou

 

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The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe: Jagd auf das Atom-U-Boot

Le chant du loup

Von Volker Schönenberger

Militärthriller // Es gibt drei Arten von Menschen: die Lebenden, die Toten und die, die zur See fahren. Mit diesem Sinnspruch beginnt „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“. Die Einblendung schreibt sie Aristoteles zu, im Netz ist von Platon die Rede, aber egal. Ein französisches U-Boot schiebt sich kurz unter der Wasseroberfläche durchs Wasser, wir befinden uns im Mittelmeer vor der syrischen Küste bei Tartus. In Ufernähe schleichen ein paar getarnte Bewaffnete an einem Wachposten vorbei, weitere Kollegen gesellen sich aus einem Loch in der Erde dazu.

Rettungsaktion für Kampfschwimmer

An Bord des U-Boots lauscht die Besatzung, was da draußen vor sich geht. Der Sonar-Akustiker Chanteraide (François Civil, „Katakomben“) liefert dank seines hervorragenden Gehörs äußerst präzise Informationen über andere anwesende Schiffe. Er ist offenbar mit seinem vorgesetzten Offizier D’Orsi (Omar Sy, „Ziemlich beste Freunde“) an Bord gekommen, um die Rettung einiger Kampfschwimmer zu sichern, die das U-Boot aufnehmen soll. Weil Chanteraide ein feindliches U-Boot nicht als solches identifiziert, endet der Einsatz beinahe in einem Fiasko, lediglich das beherzte Eingreifen von Kommandant Grandchamp (Reda Kateb, „Django – Ein Leben für die Musik“) rettet die Mission.

D’Orsi (l.) und Grandchamp bekommen neue Kommandos übertragen

Der Kommandant (Jean-Yves Berteloot) seiner Einheit enthebt Chanteraide seiner Aufgaben, hindert ihn auch daran, nachzuforschen, was für ein Unterwasserfahrzeug er denn da gehört haben mag. Grandchamp erhält das Kommando über ein mit scharfen Atomraketen bestücktes U-Boot, das angesichts der verschärften Weltsituation alsbald zu einer geheimen Zehn-Wochen-Fahrt aufbrechen soll. D’Orsi übernimmt das Kommando über Grandchamps altes U-Boot. Weil Grandchamp ihn anfordert, geht auch Chanteraide an Bord, obwohl er sich gerade in die Bibliothekarin Diane (Paula Beer) verliebt hat.

Glaubwürdig? Wer weiß das schon?

Grafiken von Frequenzanalysen sind für unsereins Bücher mit sieben Siegeln. Insofern kann uns der akustische Analytiker Chanteraide natürlich viel vom Pferd erzählen. Ebenso entzieht es sich meinem Urteilsvermögen, ob die Art und Weise, wie er Geräusche identifiziert, auch nur einigermaßen realistisch geschildert wird. Nehmen wir es einfach hin, dann entwickelt der U-Boot-Thriller gehörig Spannung. Diese steigert sich im Verlauf, als aufgrund einer Verschärfung der weltpolitischen Situation eine atomare Eskalation droht – der Dritte Weltkrieg scheint kurz bevor zu stehen. In der Folge strapaziert die Entwicklung an Bord der beiden U-Boote die Glaubwürdigkeit allerdings enorm. Natürlich gilt auch hier: Der Großteil der Menschheit hat keine Ahnung davon, welche Befehlsabläufe auf einem mit Atomraketen bestückten U-Boot gelten. Insofern: Es kann natürlich sein, dass das Ganze so ablaufen würde, wie es in „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ geschildert wird.

Chanteraide muss sein Gehör präzise einsetzen …

Die Referenz im Sektor der U-Boot-Filme bleibt „Das Boot“ (1981), aber an dem Klassiker von Wolfgang Petersen haben sich schon andere die Zähne ausgebissen. Obendrein schlägt „Le chant du loup“, so der Originaltitel, eine ganz andere Richtung ein – hier geht es nicht darum, wochenlang in einer kleinen Konservenbüchse unter Wasser unterwegs zu sein und ständig unter Wasserbombenbeschuss zu geraten, sondern um eine ganz andere Konfrontation. Daher muss sich „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ eher dem Vergleich mit John McTiernans „Jagd auf roter Oktober“ (1990) mit Sean Connery und Alec Baldwin sowie Tony Scotts „Crimson Tide – In tiefster Gefahr“ (1995) mit Denzel Washington und Gene Hackman stellen – in beiden Filmen geht es ebenfalls um einen drohenden Weltkrieg mit Nuklearwaffen. Und diesem Vergleich hält die bislang einzige Regiearbeit von Antonin Baudry durchaus stand. Zugegeben: Meine Sichtung der beiden US-Thriller liegt etliche Jahre zurück, aber die Spannung ist mir im Gedächtnis geblieben. In „The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ müssen Menschen heikle Entscheidungen von riesiger Tragweite treffen und diese überdenken – diese Tragik überträgt sich aufs Publikum.

Die unbedeutende Bibliothekarin

Als Kommandant der französischen U-Boot-Flotte ist Mathieu Kassovitz („Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“) zu sehen. Chanteraides Liebesgeschichte mit der Bibliothekarin kommt aus heiterem Himmel und hat für den weiteren Verlauf keinerlei Bedeutung. Vielleicht wollte der Regisseur darstellen, dass der Akustik-Analytiker ein Mann mit Gefühlen ist – nur: Welchen Zweck hat er damit verfolgt? Verzeihen wir einem Regiedebütanten derlei Unzulänglichkeiten, er wird es sicher lernen, Handlungselemente künftig relevant einzubinden oder im Zweifel herauszuschneiden. Auch den mit dem zu Beginn eingeblendeten Zitat erhobenen Anspruch löst Baudry nicht ein – um Faszination für Seefahrt oder Unterseefahrt geht es zu keinem Zeitpunkt.

… und gerät dabei unter starken Druck

„The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe“ ist tricktechnisch gelungen und täuscht nicht vor, mehr zu sein, als er sein will – ein fesselnder Militärthriller. Dafür ist das französische Kino nicht unbedingt bekannt, Frankreichs Streitkräfte in der jüngsten Vergangenheit auch nicht dafür, im Weltgeschehen ein „Big Player“ zu sein. Soll hier Imagepflege betrieben werden? Egal, wenn das so fesselnd geschieht wie mit „Le chant du loup“, können wir es akzeptieren. Antonin Baudrys Erstling hat nach der Premiere in Paris am 17. Januar 2019 und einer Kinoauswertung in Frankreich sein internationales Publikum in erster Linie über Netflix gewonnen. Hierzulande gab es ebenfalls keinen Kinostart, aber womöglich öffnet der Film dem Regisseur einige Türen für höher budgetierte Produktionen mit mehr Chancen, ein großes Publikum zu erreichen. Verdient hätte er es.

Veröffentlichung: 7. November 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Le chant du loup
F 2019
Regie: Antonin Baudry
Drehbuch: Antonin Baudry
Besetzung: François Civil, Omar Sy, Mathieu Kassovitz, Reda Kateb, Paula Beer, Alexis Michalik, Jean-Yves Berteloot, Damien Bonnard, Pierre Cevaer, Sébastien Libessart, Paul Granier
Zusatzmaterial: Making-of, Featurette: „Immersion“, Interview mit Mathieu Kassovitz und Omar Sy, deutscher Trailer, Originaltrailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Concorde Home Entertainment

 

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Zum 100. Geburtstag von Martin Balsam: Im Dutzend zur Hölle – Man bleibt in der Familie

Il consigliori

Von Ansgar Skulme

Thriller // Don Antonio (Martin Balsam) hat seine Mafia-Familie in San Francisco gut im Griff – bis eines Tages sein Ziehsohn Thomas (Tomas Milian) aus dem Gefängnis kommt. Dem Don vergeht das erleichterte Lächeln schnell, als der geläuterte Thomas ihn informiert, den Clan verlassen zu wollen. Jedoch hadert Antonio nicht mit sich, weil er nun auf Rache sinnt, sondern weil er väterliche Gefühle für den Abtrünnigen hat und somit vor einem großen inneren Konflikt steht. Die Familie zu verlassen, ist ein Tabu – ganz besonders, wenn man so viel über die anderen Mitglieder weiß wie der versierte junge Anwalt Thomas. Schon bald versucht sich der ambitionierte Garofalo (Francisco Rabal) daran, den Don, nach langen Jahren an der Macht, über diesen Verrat am Ehrenkodex stolpern zu lassen.

Unter den zahlreichen italienischen Thrillern der 70er-Jahre mit Mafia-Bezug zählt „Im Dutzend zur Hölle“ zu einer überschaubaren Gruppe an Filmen, die mit US-amerikanischen Schauplätzen aufwartet und zudem zu einem wesentlichen Teil in den Vereinigten Staaten gedreht wurde. Eine auf US-Boden angesiedelte Italo-Produktion – zwar nicht komplett, aber weitreichend vor Ort realisiert – war für den Regisseur Alberto De Martino allerdings kein Neuland, wie man eindrucksvoll an einem seiner besten Filme, „Exzess – Mord im schwarzen Cadillac“ (1969), sehen kann.

Balsam für die unter Wert verkaufte Nebendarsteller-Seele

Für die Hauptrolle konnte Martin Balsam gewonnen werden, der nach einem langjährigen Nebendarsteller-Dasein in Hollywood – seit Ende der 40er –, Anfang der 70er in italienischen Produktionen die Chance für sich entdeckte, vermehrt größere Filmrollen zu spielen. Er war nicht der einzige US-Schauspieler, der in den 60ern und 70ern in Richtung des florierenden italienischen Kino-Marktes abwanderte. Zu unterscheiden ist dahingehend zwischen Schauspielern, die schon in Hollywood diverse Hauptrollen für ihr Konto gesammelt hatten – wie beispielsweise Joseph Cotten –, und denen, die, wie Martin Balsam, erst in Italien zu Hauptdarsteller-Starruhm gelangten, nachdem Hollywood für sie bis dato so gut wie nur Nebendarsteller-Parts übriggehabt hatte. Für die zweite Kategorie dürfte vor allem Lee Van Cleef als populärstes Beispiel durchgehen.

Selbst sein Nebenrollen-Oscar für „Tausend Clowns“ (1965) hatte Balsam in Hollywood offenbar nicht für große Hauptrollen interessant gemacht. Am 4. November 2019 wäre er 100 Jahre alt geworden. Seine Verbundenheit zu Italien und der dortigen Filmindustrie hielt geraume Zeit über den Höhepunkt des Italo-Kinos hinaus. Martin Balsam starb am 13. Februar 1996 in Rom, und war auch noch in den 90ern in italienischen TV- und Kino-Produktionen zu sehen. Wie schon zwei Jahrzehnte früher abwechselnd mit Beteiligungen an US-amerikanischen Projekten. In den 70ern richtete er seine Karriere klug nach den Möglichkeiten aus, die ihm der italienische und der US-Markt boten und kam auf diese Weise parallel zu guten Hauptrollen in durchaus anspruchsvollen, zumindest aber solide unterhaltenden, nicht selten auch politisch ambitionierten Thrillern in Italien, wie aber auch Nebenrollen in namhaften US-Serien und -Filmen. Man denke nur an „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974) oder „Die Unbestechlichen“ (1976). Schon in den 50ern und 60ern hatte Balsam in Hollywood in diversen sehr berühmten Filmen mitgewirkt – allen voran „Die 12 Geschworenen“ (1957), „Psycho“ (1960) und „Ein Köder für die Bestie“ (1962). Im italienischen Film der 70er wurde er meist als Polizei-Kommissar, vereinzelt auch Anwalt oder Richter besetzt – insofern ist seine Figur in „Im Dutzend zur Hölle“ für seine italienische Phase eher ungewöhnlich.

Der Pate ohne künstliche Maske

Martin Balsams Performance in „Im Dutzend zur Hölle“ war, mitsamt des bei ihm nicht üblichen zarten Oberlippen-Bärtchens, sicherlich eine unmittelbare filmische Reaktion auf „Der Pate“ (1972), ist jedoch eigentlich mehr als das, da Balsam seinem Paten ein durchaus großes Bröckchen Menschlichkeit und väterliche, ja fast schon großväterliche Wärme abgewinnt. Zudem hat es seine Vorzüge, dass er – im Gegensatz zu Marlon Brando – nicht darauf angewiesen war, mit einem Eimer Make-up im Gesicht aufzutreten. Es ist fast schon schade, dass der Film sich mit zunehmender Dauer recht stark auf Action-Elemente verlegt und nicht noch mehr aus dem schauspielerischen Potenzial der Besetzung und der spannenden Figuren-Konstellation – angefangen bei den drei Hauptrollen, die Balsam, Tomas Milian und Francisco Rabal verkörpern – herauskitzelt. Dass Dagmar Lassander am Ende nicht darüber hinauskommt, schmückendes, wenn auch angenehm natürlich wirkendes Beiwerk zu sein und die im damaligen Italo-Kino durchaus namhaften Eduardo Fajardo („Django“) und George Rigaud („Das Geheimnis der blutigen Lilie“) nur in kleinen Rollen zu sehen sind, ist schade und auch irgendwie unnötig. So richtig gänzlich lässt sich die These, Alberto De Martino habe sich vorzugsweise auf die Beziehungen der Figuren in seinen Filmen konzentriert, was teilweise zu Lasten der Spannung gehe, mit „Im Dutzend zur Hölle“ nicht bestätigen, da es dafür ab einem gewissen Punkt einfach zu viele Geschosse hagelt, wenngleich zunächst viele zwischenmenschliche Weichen gestellt werden. Das tragische, sanftmütige Ende entschädigt aber letztlich auch diejenigen, denen ein bisschen weniger Geballer lieber gewesen wäre.

An sich gibt es schon allein verdammt viel her, neben dem sympathischen Balsam in einer nicht liebenswürdigen, aber doch Verständnis erobernden Rolle den Vollblut-Schauspieler Tomas Milian, der stets Wert auf politisch anspruchsvolle Filme in seinem Portfolio legte, mal ausgesprochen ruhig und introvertiert zu erleben. Ausgerechnet Milian, der das italienische Kino in den 60ern vor allem mit energiegeladenen, lauten Auftritten gestürmt hatte, insbesondere als überkandidelter Mexikaner im Italowestern. Wem der ruhige Milian gefällt, der sollte auch einen Blick auf „Der Todesengel“ (1971) werfen – ein interessantes Remake zu Alfred Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ (1951), mit schönen neuen Ideen, einem überraschenden Ende und Milian in der Farley-Granger-Rolle.

Was wäre der Filmwelt für ein riesiges Talent entgangen, hätten die Italiener in den 60ern nicht in einer für den Tonfilm bis dato beispiellosen Form ihre Tore geöffnet und Schauspielern aus aller Welt – auch aus Ländern, die keine international relevante Filmindustrie besaßen – bunt gemischt eine Plattform im Kino gegeben. Dadurch wurde es Menschen wie dem in Kuba geborenen Milian überhaupt erst möglich, zu einem internationalen Star zu werden. Eine solch bunte, erfolgreiche Mischung an Akteuren aus aller Herren Länder hatte es im Grunde schon seit Stummfilmzeiten in keiner Kinoindustrie mehr gegeben. Eine umstrittene, aber mehr oder minder unumgängliche Folge war, dass man sich praktisch grundsätzlich entschied, auf Live-Ton vom Set in den Filmen zu verzichten, die Schauspieler teilweise beim Dreh sogar unterschiedliche Sprachen sprechen zu lassen und demzufolge ausgiebig – auch die italienischen Fassungen – zu synchronisieren. Bedauerlich ist, dass man allerdings noch nicht einmal bei den englischen Muttersprachlern eine gewisse Konsequenz dahingehend erreichte, dass diese sich wenigstens in den englischen Synchronfassungen selbst sprachen, obwohl diese Synchronfassungen auch direkt in Rom angefertigt werden konnten. Das mag aufgrund der Vielzahl an kleinen Produktionen, mit denen der Markt seinerzeit aus Italien überschwemmt wurde, aber auch oft an der Verfügbarkeit der Schauspieler und engen Zeitplänen bis zum Kinostart gescheitert sein.

Die Synchro: Ein Gedicht

Auf der 2015 vom Label filmArt herausgebrachten deutschen DVD ist der Film in ordentlicher Bildqualität und mit der deutschen sowie auch der englischen Synchronfassung enthalten. Dazu gibt es ein Booklet mit Texten zum Film und zum Regisseur, eine kleine Bildergalerie und eine sehenswerte Trailershow zu anderen Raritäten aus derselben filmArt-Italo-Edition. Ein Dutzend Euros reicht für den Erwerb derartiger Liebhaber-Veröffentlichungen zwar nicht, aber das ist als Beteiligung am digitalen Erschließen des italienischen Kinos der 60er & 70er auch angemessen, da sich hier ohne ambitioniertes Hervorpreschen der Labels, inklusive des mühevollen Auftreibens tauglicher Kopien, kein Rad drehen würde.

Die deutsche Synchronfassung überrascht mit der Reaktivierung von Gerhard Geisler nach über zehn Jahren, der Martin Balsam zuvor einzig in „Psycho“ gesprochen hatte und auch danach, bis zu seinem Tod im Jahr 1977, nicht mehr synchronisierte. Diese Besetzung ist eine der passendsten, die Martin Balsam in all den Jahren vergönnt gewesen ist – und ein gutes Beispiel für eine nahezu, wenn nicht gänzlich ideale Sprecherwahl bei einem durch Hauptrollen bekannt gewordenen Schauspieler, die allerdings leider selten zum Einsatz gekommen ist. Gerhard Geisler ist aus heutiger Sicht vor allem als Stimme von Anthony Quinn geläufig, bei dem er ab 1959 als Nachfolger seines bisherigen, seinerzeit überraschend verstorbenen Stammsprechers Wolf Martini etabliert wurde. Die weiteren Rollen veredeln die in München entstandene deutsche Fassung von „Im Dutzend zur Hölle“ zu einem wirklichen Genuss für Fans des Genres und Fans von klassischen Synchros: Zu hören gibt es Christian Wolff („Forsthaus Falkenau“) für Tomas Milian, der schon seit den frühen 60ern nicht nur vor der Kamera, sondern auch im Synchron rege aktiv war – beispielsweise als Stimme von Pierre Brice im ersten Teil der „Winnetou“-Trilogie und in „Old Shatterhand“ (1964) – und der ausgesprochen gut zur ruhigen Tomas-Milian-Variante passt. Daneben „Mr. Spock“ Herbert Weicker für Francisco Rabal; der kernige Klaus W. Krause als Stimme von Carlo Tamberlani, der einen in die Jahre gekommenen Mafiosi spielt; der nicht minder prägnante Leo Bardischewski als deutschsprachige Variante von John Anderson, eines weiteren Hollywood-Gastes in diesem Film; und Manfred Andrae, der für Eduardo Fajardo ähnlich ungewöhnlich, aber interessant besetzt ist wie Christian Wolff für Tomas Milian.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Martin Balsam haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt. Ein lesenswerter Text zu „Im Dutzend zur Hölle“ findet sich auch im Filmforum Bremen.

Veröffentlichung: 23. September 2015 als DVD

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: DVD ungeprüft; Film FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine (Deutsch in einer kurzen Passage, die mit italienischem Ton enthalten ist)
Originaltitel: Il consigliori
IT/SP/USA 1973
Regie: Alberto De Martino
Drehbuch: Adriano Bolzoni, Vincenzo Mannino, Leonardo Martín, Alberto De Martino
Besetzung: Martin Balsam, Tomas Milian, Francisco Rabal, Dagmar Lassander, Carlo Tamberlani, John Anderson, Jackson D. Kane, Eduardo Fajardo, George Rigaud, Franco Angrisano
Zusatzmaterial: Booklet, Bildergalerie, Trailershow zu anderen filmArt-Italo-Veröffentlichungen
Label: filmArt
Vertrieb: Media Target Distribution GmbH

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

 

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