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The Darkest Minds – Die Überlebenden: Oops! They Did It Again

The Darkest Minds

Kinostart: 16. August 2018

Von Paula Bierend

SF-Thriller // Hollywood bleibt in Recycling-Laune: „Die Tribute von Panem“, „Die Bestimmung“, nun „The Darkest Minds – Die Überlebenden“ – sie alle erzählen von einer jungen Heldin, die plötzlich anders ist als alle anderen und somit der Schlüssel ist für die Tür in eine bessere Welt. Der Verantwortung und ihrer Aufgabe fühlt sie sich nicht gewachsen und zweifelt an sich selbst. Doch ihr Team steht hinter ihr (natürlich inklusive einer großen Liebe), und gemeinsam können sie dann wohl doch alles schaffen.

Nur Auserwählte überleben

Die Prämisse dieser „Auserwählten“-Geschichte: Eine geheimnisvolle Krankheit tötet alle Kinder und diejenigen, welche die Pandemie überleben (kreativ „die Überlebenden“ genannt) entwickeln übernatürliche Kräfte – es gibt fünf Gruppen: Die Grünen erweisen sich als hochintelligent, die Blauen haben telekinetische Fähigkeiten, die Goldenen manipulieren Elektrizität, die Roten tun ebensolches mit Feuer und die seltensten und die am meisten gefürchteten Orangenen können die Gedanken und Handlungen anderer Menschen beeinflussen.

Liam befreit sich und andere Camp-Insassen

Ruby (gut und facettenreich gespielt von Amandla Stenberg) ist die junge Heldin von „The Darkest Minds – Die Überlebenden“. Gemeinsam mit drei Verbündeten (Harris Dickinson, Skylan Brooks, Miya Cech) kämpft sie gegen die böse Regierung unter Präsident Snow … Verzeihung: Gray (Bradley Whitford, erinnert optisch mehr an Präsident Snow als Donald Sutherland, der jene Rolle trotzdem großartig ausfüllte). Die Regierung sperrt die Überlebenden in Camps ein und zwingt die vielversprechendsten unter ihnen in die Armee. Was die Eltern dazu sagen, bleibt offen. Die Regierung füttert sie offensichtlich mit Lügen über ein Heilmittel, das bereits den Sohn des Präsidenten kuriert hätte. Alle vier Hauptfiguren sind aus ihren Camps geflohen und suchen nach einem sicheren Ort. Doch gibt es den überhaupt? Niemandem kann vertraut werden, alle sind Feinde, als einzige Lösung erscheint es, die Regierung auszuschalten …

Im Fahrwasser der „Tribute von Panem“

Wer die Romane der „Die Tribute von Panem“-Reihe (erschienen zwischen 2008 und 2010) oder „Die Bestimmung“ (2011) verschlungen hat, den wird der Trailer von „The Darkest Minds – Die Überlebenden“ zweifellos ansprechen, auch wenn er von dem 2012 in den USA veröffentlichten ersten Band der Reihe nichts gehört hat – in deutscher Übersetzung ist der Roman seit 2014 lieferbar. Die Kino-Umsetzung ist aber eher enttäuschend. Es handelt sich um die Adaption des ersten Teils einer fünfbändigen Reihe, und danach hat sich der Film auch stark angefühlt. „The Darkest Minds – Die Überlebenden“ wirkt wie ein langer Prolog, der notwendig ist, um die folgende Geschichte zu verstehen.

Liam, Chubs, Zu und Ruby (v. l.) suchen nach einem sicheren Ort

Der Film hat an sich alle Aspekte einer guten Teenie-Dystopie. Die Gruppe junger Helden, die böse Regierung bzw. Organisation, der obligatorische Plottwist zum Ende und ein tatsächlich recht herzzerreißendes Ende („Find Me“ von Sigma featuring Birdy wurde hier perfekt eingesetzt). Doch es fehlt das gewisse Extra, der „Wow“-Effekt. Es war alles so perfekt nach Rezept gekocht, das fast nichts Unerwartetes passiert. Ab einem bestimmten Punkt ist alles vorhersehbar. Das mag an der Unerfahrenheit der südkoreanischen Regisseurin Jennifer Yuh Nelson liegen, die zuvor lediglich vier Folgen der TV-Serie „Spawn“ sowie die Computertrickfilme „Kung Fu Panda 2“ und „Kung Fu Panda 3“ inszeniert hatte, welche zugegeben recht erfolgreich waren.

Amandla Stenberg überzeugt als Ruby

An Amandla Stenbergs Spiel ist nichts auszusetzen, sie fängt die Unschuld des Charakters sehr gut ein, und trotz der deutschen Synchronisation hat sie es geschafft, mich zu rühren. Doch die Art und Weise, wie die Geschichte verläuft, lässt stark daran zweifeln, dass man gerade tatsächlich einem Menschen dabei zusieht, wie er all das durchlebt. Egal was passiert, Ruby macht weiter als sei nichts geschehen. Wer so ein Camp durchlebt, trägt Narben davon, das hätte mehr thematisiert werden müssen. Alles scheint an Ruby vorbeizuwabern, ohne einen Effekt auf ihr Denken und Tun zu haben – abgesehen davon, dass sie niemandem vertraut und sich aus Angst vor ihren Fähigkeiten nicht anfassen lassen will (was im Verlauf immer unglaubhafter wird, denn es gibt vermehrt Körperkontakt). Es fehlen die moralische Tortur, die Grauzonen, die Echtheit, es fehlt einfach die Menschlichkeit in der Geschichte.

Die frisch Verliebten genießen einen Moment des Friedens

Nichtsdestotrotz bietet der Film ordentliche Unterhaltung. Er wurde halt nach dem altbekannten, gut funktionierenden Erfolgrezept gemacht, um Jugendliche und auch den einen oder anderen Erwachsenen ins Kino zu bekommen. Der prologartige Charakter macht tatsächlich neugierig auf den zweiten Teil, auch wenn zu hoffen ist, dass die Macher daraus mehr herausholen und dieser Jugend-Dystopie Besonderheit einhauchen. Insofern funktioniert die Geldmaschine Hollywoods also.

Empfehlung: „The Young Elites“

Abschließend ein Lektüretipp: Wer eine originelle Variante dieser klassischen „Auserwählten“-Geschichte lesen will, dem sei die „The Young Elites“-Reihe von Marie Lu ans Herz gelegt. Die Romane erzählen eine sehr ähnliche Geschichte wie „The Darkest Minds – Die Überlebenden“, nur dass diese in einer eher mittelalterlichen Gesellschaft spielt, wesentlich interessantere Charakterentwicklungen darstellt und nicht mit dem simplen „Der Auserwählte rettet die Welt“-Plot aufwartet. Marie Lu lässt alles sehr real und menschlich werden, weil sie auch in die menschlichen Abgründe der Helden schaut. Dieses Buch ist eine der wenigen Teenager-Dystopien bei denen sich nicht das Gefühl „Been there, done that“ einschleicht und die auch Erwachsene fesseln kann.

Es kommt zum Showdown

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Darkest Minds
USA 2018
Regie: Jennifer Yuh Nelson
Drehbuch: Chad Hodge, nach einem Roman von Alexandra Bracken
Besetzung: Amandla Stenberg, Harris Dickinson, Miya Cech, Skylan Brooks, Mandy Moore, Bradley Whitford, Gwendoline Christie, Patrick Gibson, Mark O’Brien, Wallace Langham, Golden Brooks
Verleih: Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Copyright 2018 by Paula Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Twentieth Century Fox

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Mission: Impossible – Fallout: Tom Cruise gelingt mal wieder Unmögliches

Mission: Impossible – Fallout

Kinostart: 2. August 2018

Von Lutz R. Bierend

Actionthriller // „Mission: Impossible“ ist schon ein echtes Phänomen. Die aus heutiger Sicht eher alberne 60er-Jahre-Agentenserie, die in Deutschland als „Kobra, übernehmen Sie“ über die Bildschirme flimmerte, wurde 1996 zum ersten Mal zum Spielfilm aufbereitet, aber damals konnte sich wohl kaum jemand vorstellen, dass dieses Franchise es nach zwölf Jahren nun schon auf sechs Kinoauftritte bringt. Allein der Name der titelgebenden Geheimorganisation Impossible Mission Force (IMF) ist so kitschig naiv sixtieslike, dass wohl niemand hätte glauben können, dass überhaupt jemand dieses Werk unterhaltsam finden kann, ohne nicht ein gehöriges Maß an Augenzwinkern und Augenzudrücken mitzubringen. Der Erfolg war damals so zweifelhaft, dass das Studio trotz prominenter Besetzung und Tom Cruise als Produzent ursprünglich nur – nach heutigen Maßstäben lächerliche – 40 Millionen Dollar zur Verfügung stellen wollte.

Vom Protagonisten zum Bösewicht

Zugegeben: Mit Brian De Palma hatte sich Cruise einen Regisseur gesucht, der nicht nur für solide Thrillerarbeit bekannt war, sondern auch neun Jahre zuvor mit „Die Unbestechlichen“ bewiesen hatte, dass er Fernsehserien leinwandgerecht umsetzen und dabei epische Filmmomente schaffen konnte. Für einen Hang zur Selbstironie war De Palma weniger bekannt, und so schaffte er es tatsächlich, einen äußerst unterhaltsamen Blockbuster auf Zelluloid zu bannen, der souverän den Brückenschlag zwischen den eher kitschigen Geheimdienstvorstellungen der 60er zum aktuellen Popcornkino schaffte. Und da man so blasphemisch war, mit Jim Phelps die Hauptfigur der Serie zum Bösewicht zu machen, war die Bahn frei für dessen Zögling Ethan Hunt (Tom Cruise), der von da an zuständig für die Realisierung der unmöglichen Missionen war.

Alte Bekannte, wieder vereint

In der Folge versuchten sich John Woo, J. J. Abrams, Brad Bird und Christopher McQuarrie daran, den Agentengeschichten immer wieder neues Leben einzuhauchen – mit absurder Over-the-Top-Action und einem doppelten bis dreifachen Boden sowie den ikonischen Phrasen „Ihre Mission, sollten sie sie akzeptieren …“ und „Sollten Sie oder Ihr IMF-Team gefangen oder getötet werden, wird der Minister jedes Wissen über ihren Einsatz abstreiten – dieses Band wird sich innerhalb von fünf Sekunden selbst zerstören!“

Zweite Mission für Christopher McQuarrie

Während Gerüchten zufolge beim zweiten Teil das Drehbuch quasi um die Actionszenen des John Woo herum geschrieben wurde, wurde ab Teil drei wieder etwas mehr Wert auf eine fortlaufende Geschichte mit wiederkehrenden Elementen gelegt. Christopher McQuarrie, der seinen Sinn für clevere Plottwists bereits mit seinem oscarprämierten Drehbuch zu „Die üblichen Verdächtigen“ (1995) bewiesen hatte, durfte als erster Regisseur des IMF-Franchise nun zum zweiten Mal nach „Mission: Impossible – Rogue Nation“ (2015) auf dem Regiestuhl Platz nehmen. Auch fürs Skript beider Filme zeichnet er verantwortlich.

Noch nicht einmal der unmögliche Teil der Mission

Die Handlung ist schnell erzählt: Hunt wird immer noch von Albträumen geplagt, an deren Ende seine Ehefrau Julia, die er wegen seiner Feinde in eine neue Identität genötigt hat, im atomaren Feuerball stirbt. Gleichzeitig bekommt er die Aufgabe, waffenfähiges Plutonium zu sichern. Doch er scheitert, weil er sich zwischen dem Leben seiner Partner und dem Erfolg der Mission entscheiden muss und seine Partner wählt. Um sicherzustellen, dass er das Plutonium zurückbekommt, wird der CIA-Killer August Walker (Henry Cavill, „Justice League“) seinem Team zugewiesen. Und es ist ein langer, ereignisreicher und schwer vorhersehbarer Weg, bis Hunts Team wieder vor dem Finale einer unmöglichen Mission steht.

Ohne Augenzwinkern, dennoch nicht lächerlich

Natürlich ist es müßig zu fragen, ob Tom Cruise großartige schauspielerische Leistungen vorbringt, aber der Film erweckt durchaus den Eindruck, dass ihm physisch einiges abverlangt wurde. Der Star zeigt die Qualitäten eines Stehaufmännchens und eine Kondition, die für einen 56-Jährigen beeindruckend ausfällt. Die Schlägerei im Klo eines Pariser Nachtclubs weckt schon Erinnerungen an die eher rohe Gewalt von „James Bond 007 – Casino Royale“ (2006), ebenso wie die Verfolgungsjagd, die Ethan Hunt zu Fuß durch London absolviert. Es ist faszinierend, wie souverän „Mission: Impossible – Fallout“ all die teils absurde Action absolviert und dabei das Augenzwinkern vermeidet, ohne dabei lächerlich zu wirken. Christopher McQuarrie hat eine Geschichte geschrieben, bei der selbst Fans der Reihe an der einen oder anderen Stelle überrascht werden. Was aber am meisten verblüfft, sind die Brückenschläge zu den Handlungssträngen aus den vorangegangen Filmen. Diese verleihen den Figuren eine menschliche Note, die sie mehr sein lässt, als nur ein Vehikel für die nächste Explosion. McQuarrie und Tom Cruise haben quasi den Frank-Capra-Film unter der Agententhrillern zustande gebracht, in welchem die sympathischen Co-Stars – Simon Pegg, Ving Rhames und Rebecca Ferguson – mehr sind als nur die üblichen Sidekicks, welche normalerweise bei Agentenfilmen nicht mehr sind als Stichwortgeber oder Lieferanten für die Hightech-Gadgets des superheldengleichen Helden. Hier sind sie gleichberechtigt dafür verantwortlich, dass diese Mission nicht unmöglich bleibt.

Zwar ohne Begleitung, Seil und Haken, aber auch dies erscheint nicht unmöglich

Natürlich kann man sich „Mission: Impossible – Fallout“ auch einfach ohne Zusammenhang ansehen, um in der lauen Sommernacht eine 147-minütige Achterbahnfahrt zu erleben, aber es schadet nicht, vorher noch einmal in die Teile drei bis fünf reingeschaut zu haben. Meine durchaus kritische Begleiterin (die vorher noch keinen Film des Franchise gesehen hatte) hat der Film blendend unterhalten und sie hat gleich mal nachgeschaut, welche Teile denn schon bei Netflix bereitstehen. „Mission: Impossible“ ist Action-Popcornkino der besseren Art. Wer auf so etwas steht, sollte es im Kino sehen, wo einem beim Fallschirmsprung auf der Großbildleinwand schon mal der Atem stockt und die passende Beschallung immer wieder von der Frage ablenkt, wie man eine Geheimdienstorganisation ernsthaft „Impossible Mission Force“ nennen kann – heutzutage wäre das wohl eher ein „Black Ops Subcontractor“. Solche lästigen Fragen stören nur bei dem Spaß, den der sechste Teil bereitet.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tom Cruise und Simon Pegg sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Unentbehrliche Helfer: Benji (l.) und Luther

Länge: 147 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Mission: Impossible – Fallout
USA 2018
Regie: Christopher McQuarrie
Drehbuch: Christopher McQuarrie
Besetzung: Tom Cruise, Henry Cavill, Ving Rhames, Simon Pegg, Rebecca Ferguson, Sean Harris, Angela Bassett, Vanessa Kirby, Michelle Monaghan, Wes Bentley, Alec Baldwin, Frederick Schmidt, Kristoffer Joner, Wolf Blitzer
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2018 by Lutz R. Bierend

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Paramount Pictures Germany

 

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Das Syndikat – Wer übernimmt Verantwortung, und wie?

La polizia ringrazia

Von Ansgar Skulme

Thriller // In einer Großstadt wie Rom kommt es – mag man das „natürlich“ finden oder nicht – zu einer Vielzahl von Verbrechen: Zwangsprostitution, Raubmord, Korruption, Erpressung, viele andere unschöne Dinge. Kommissar Bertone (Enrico Maria Salerno) ist kaum noch bereit, mit anzusehen, wie ihm die Arbeit als Polizeibeamter durch fragwürdige Gerichtsentscheidungen und dehnbare gesetzliche Vorschriften erschwert wird. Er hat es satt, Kriminelle mit Samthandschuhen anfassen zu müssen und zwischen allen Fronten am Ende noch der Sündenbock zu sein – ob nun für die Justiz, die Medien oder protestierende Bürger. Oberkorrekte Paragraphenreiter wie der Staatsanwalt Ricciuti (Mario Adorf) sind ihm zuwider geworden.

Bertone setzt Maßstäbe

So wütend er auch über die Nachlässigkeiten des Staates bei der Verbrechensbekämpfung ist, bringt Bertone die Konfrontation mit einem gegenteiligen Extrem an seine Grenzen: Eine aus dem Verborgenen agierende Gruppierung beginnt mit einer drastischen Säuberungsaktion gegen alles, was aus ihrer Sicht aus der Gesellschaft verschwinden muss. Plötzlich werden nicht nur die in Bertones Augen Kriminellen zur Zielscheibe, die von der Justiz oft recht vorsichtig behandelt worden sind, sondern auch beispielsweise Homosexuelle, die man als gesellschaftsschädigend abtut, und lautstark politisch Aktive, die man als aufwiegelnde Rädelsführer verdammt, die den Staat schädigen. Alle, die mit dem streng konservativen Gedanken dieses mysteriösen „Syndikats“ an Zucht und Ordnung nicht vereinbar sind, werden zu potenziellen Opfern. Erinnerungen an faschistische Exekutionskommandos werden wach. Bertone muss fortan Jagd in zwei Richtungen machen, damit ihm seine üblichen Verdächtigen nicht durch außerhalb des Gesetzes agierende Milizen vor der Nase weggeschossen werden, und damit faschistoide Kräfte nicht wieder Zugang zu politischer Macht finden.

Das Syndikat macht keine Gefangenen

„Das Syndikat“ gilt heute als großer wegbereitender Vertreter des Poliziottesco. Ob man ihn, wie manch einer behauptet, wirklich sogar als Geburtsstunde dieses Subgenres des italienischen Thrillers bezeichnen kann, sei einmal dahingestellt. Das hängt davon ab, welche Kriterien man an den damaligen italienischen Polizeifilm anlegt. Vergessen wir aber Filme wie „Milano Kaliber 9“ (1971) und „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ (1971) nicht. Regie bei „Das Syndikat“ führte Stefano Vanzina alias Steno, der zuvor zwar schon zahlreiche Filme realisiert hatte, letztlich aber erst ab 1973, durch seine Zusammenarbeit mit Bud Spencer an der Plattfuß-Reihe sowie „Banana Joe“, nachhaltige Bekanntheit erlangte. Seine temporeiche Inszenierung, die auch außerhalb der Verfolgungsjagden und der eher wenigen Schießereien eine hohe Dynamik an den Tag legt, macht den Film, mitsamt der gewohnt forschen Musik von Stelvio Cipriani, zu einem mitreißenden Erlebnis – bis hin zum überraschenden Ende.

Wie weit darf man gehen?

Die große Stärke dieses Films ist die provokativ geführte Eröffnung des Diskurses darüber, wie weit Justiz, Polizei und Bürgerinitiative gehen dürfen, wie viel weiter sie eigentlich gehen sollten, vielleicht auch könnten und wann das Rechtsprechen und ordnende Zuschlagen schließlich zu weit geht. Verbunden mit der Frage, wer sich überhaupt anmaßen darf, zu entscheiden, was Recht und Ordnung eigentlich sind. Bertone wird dabei zu einer tragischen Figur: Mit der Auslegung des Rechts in Italien und dem ständigen Davonkommen von Verbrechern unzufrieden, aber von ehrenwerten Absichten getrieben, wird er schließlich von rechts von einem „Syndikat“ überholt, das ihm vor Augen führt, was passieren kann, wenn man kurzerhand selbst beginnt, Gesetze zu vollstrecken – und dann eventuell sogar noch eigene, selbst gemachte Kriterien als Gesetze versteht.

Mit Vollgas auf der Flucht

„Das Syndikat“ lotet sehr gut die Missstände in einem politisch verunsicherten Staat aus, immer im Kontext der Problematik, welche Herausforderungen sich stellen, wenn es darum geht, auch wirklich konstruktive Lösungen für ebendiese gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zu finden. Wie sich faschistoide Kräfte in Zeiten der Desorientierung ihre Schlupfwinkel suchen, um schließlich gnadenlos zuzuschlagen, wird hier sehr desillusionierend und niederschmetternd in Szene gesetzt. Thematisch topaktuell, auch heute wieder – gut 45 Jahre später.

Wer ist hier das Opfer?

Veredelt wird dieses anspruchsvolle Kino von Enrico Maria Salernos energischer Darbietung in der Hauptrolle, der beim Ausrasten auch schon mal anfängt, wild auf die nächstgelegene Oberfläche zu schlagen, Kriminelle am Kragen zu packen und anzuschreien oder mit dem Zeigefinger wie ein Diktator in der Luft herumzufuchteln. „Das Syndikat“ war vielleicht nicht der erste Poliziottesco, Salerno allerdings zweifelsohne einer der wichtigsten Hauptdarsteller dieses Genres und hier in seiner ersten derartigen Polizistenrolle zu sehen. Daneben Mario Adorf, ungewöhnlich besetzt als zugeknöpfter, aber aufrechter Anwalt, im krassen Gegensatz zu seinen brutalen Rollen in „Milano Kaliber 9“ und „Der Mafia-Boss – Sie töten wie Schakale“ (1972). Wie sich dieser von Adorf gespielte Ricciuti zunehmend als ganz anders als zunächst erwartet entpuppt, das beschert dem Film schließlich ein Gänsehaut-Finale.

Ricciuti kommt ins Grübeln

Stark auch die verschlagene Performance von Cyril Cusack, der sich als Halbgötter aufspielende, angeblich altehrwürdige Pseudo-Staatsdiener, die im Grunde alles nach ihrem Bild zu formen versuchen, bitterböse entlarvt. Die sehr guten Leistungen der Synchronsprecher Manfred Schott (Salerno) und Wolfgang Büttner (Cusack) sollten ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Während Schott damals des Öfteren für Hauptrollen engagiert wurde, sind Büttners Synchronverdienste eher in grandiosen Nebenrollen zu suchen – die populärste darunter sicherlich: Ernst Stavro Blofeld in „James Bond 007 – Man lebt nur zwemal“ (1967), verkörpert von Donald Pleasence. Der Blofeld, dessen Aussehen als Vorbild für Dr. Evil in der Austin-Powers-Trilogie diente, hatte in Deutschland also die Stimme von Wolfgang Büttner. Büttners Rolle in „Das Syndikat“ ist im Grunde aber sogar noch weitaus finsterer.

Der König von Mallorca

Für das deutsche Publikum bietet die Mitwirkung von Jürgen Drews einen zusätzlich spektakulären Aspekt. Man kann jedoch versichert sein, dass Drews seiner Rolle gewachsen war, mag seine Beteiligung aus heutiger Sicht auch schier unglaublich erscheinen. Dass er als Schauspieler keine Übung hatte, bekennt er auch ganz freimütig in dem sympathischen Interview, das sich im Bonusmaterial der Veröffentlichung von Colosseo Film befindet – und hat zudem viele weitere, teils wirklich kuriose Anekdoten aus dieser Zeit, bevor und während er als Musiker berühmt wurde, zu erzählen. Das kleine Bisschen an Extra-Schauspielkönnen und -talent, das Drews hier gerade in Momenten großer Anspannung seiner Figur sicher fehlte, kompensiert sein Synchronsprecher in „Das Syndikat“, Jürgen Clausen, ausgesprochen gut. Man muss zudem betonen, dass sich im damaligen italienischen Genrekino untalentierte „Schauspieler“ relativ ungeniert austoben konnten und des Öfteren sogar recht große Rollen ergatterten, was bisweilen in einem kuriosen Widerspruch zu den an ihrer Seite agierenden alten Hollywood-Stars steht, die hier späte Kinorollen erhielten. Um über den schauspielerischen Leistungen solcher Mimen zu stehen, hätte auch schon eine halb so gute Darbietung wie die von Jürgen Drews in „Das Syndikat“ gereicht! Dieser Film muss unbedingt zum Vermächtnis des Jürgen Drews gezählt werden, da er immer dabei helfen wird, aufzuzeigen, dass es komplett sinnfrei ist, Drews als Künstler auf seine Karriere als Party-König zu reduzieren.

Nichts für Schubladen

Interessant ist der Film auch, weil er recht deutlich werden lässt, wie schwer manchmal die Abgrenzung und Einordnung in das passende Subgenre ist. Einerseits erscheint die bloße Bezeichnung „Thriller“ oberflächlich, wenn man auch Filme als „Actionthriller“ oder „Politthriller“ oder „Horrorthriller“ genauer einsortiert, andererseits verbindet „Das Syndikat“ so viele Elemente, dass die bloße Bezeichnung „Thriller“ hier im ganz positiven Sinne eher so zu verstehen ist, dass er von vielem etwas hat. Es gibt Szenen, die einem Actionthriller alle Ehre machen, grundsätzlich natürlich reichlich Elemente des Polizeifilms, dazu aber auch fundierte Dialoge von hochpolitischer Brisanz.

Nackt fliehen wird peinlich …

Von einem „Politthriller“ erwartet man nach meiner persönlichen Definition nicht unbedingt die rasante Action-Komponente, die dieser Film an den Tag legt (Politthriller können durchaus auch mal sehr dialoglastig sein, da sie ein gewisses Hintergrundwissen erfordern, das dem Zuschauer unter Umständen detailliert vermittelt werden muss). Zudem treten in „Das Syndikat“ nur recht wenige Politiker als Figuren in Erscheinung und auch politische Parteien spielen keine vordergründige Rolle. Dennoch aber sind die Themen und Dialoge äußerst politisch, da es letztlich um die Grundfesten der Gesellschaft geht – und darum, wie man diese erschüttern, wenn nicht sogar aushebeln und außer Kraft setzen kann. Von daher kann ich jeden verstehen, der hier bereits von einem Politthriller sprechen würde.

Neu aufgelegt und aufgepeppt

Colosseo Film hat „Das Syndikat“ erstmals 2011 in einer schönen Doppel-DVD-Edition im Pappschuber veröffentlicht. Neu ist nun aber nicht nur die Blu-ray, sondern auch die Bildqualität der DVD, welcher auch die neue 2K-Abtastung zugrundeliegt. Die Bonus-DVD enthält dieselben Interviews wie bei der ersten Veröffentlichung: In einem ausführlichen, engagiert auf die Beine gestellten Featurette kommen neben Jürgen Drews auch der Schauspieler und Produzent Dieter Geissler („Besessen – Das Loch in der Wand“, „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum“), der einer der Initiatoren hinter „Das Syndikat“ war, sowie der Schauspieler und Autor Peter Berling und Mario Adorf über ihre Arbeit und Erlebnisse vor dem Hintergrund des italienischen Genrekinos der 70er zu Wort. Das Interview mit Drews ist außerdem in einer sehr ausführlichen, separaten Langfassung enthalten. Neu im Bonus der jetzigen Veröffentlichung ist das lesenswerte Booklet von Thomas Hübner. Bleibt zu hoffen, dass auch die anderen beiden deutsch synchronisierten Poliziotteschi mit Enrico Maria Salerno in der Hauptrolle als Ermittler, „Auf verlorenem Posten“ (1973) und „Der unerbittliche Vollstrecker“ (1973), recht bald veröffentlicht werden mögen. Colosseo Film erweist sich mit dieser Edition als große Verstärkung auf dem Markt. Welche italienischen Filme der 60er und 70er wünscht Ihr euch als Nächstes auf DVD und Blu-ray?

Genug ist genug

Veröffentlichung: 25. Mai 2018 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs), 30. September 2011 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: La polizia ringrazia
IT/BRD/F 1972
Regie: Steno
Drehbuch: Steno, Lucio De Caro
Besetzung: Enrico Maria Salerno, Mariangela Melato, Mario Adorf, Cyril Cusack, Jürgen Drews, Franco Fabrizi, Laura Belli, Corrado Gaipa, Giorgio Piazza, Ezio Sancrotti
Zusatzmaterial: Booklet, ausführliche Interviews, Bildergalerie
Label: Colosseo Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Colosseo Film / Al!ve AG

 

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