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Gesetz der Rache – Von Recht und Unrecht

Law Abiding Citizen

Von Lucas Gröning

Thriller // „So funktioniert unser Rechtssystem nun mal.“ „Gegen das Schicksal bist du machtlos.“ „Es reicht nicht, es zu wissen, sie müssen es vor Gericht beweisen.“ Es sind Sätze, die in F. Gary Grays Thriller „Gesetz der Rache“ mehrmals erklingen, und immer wieder gleichen sie einer Ohrfeige ins Gesicht derjenigen Person, an welche die Worte adressiert sind. Ganz besonders davon betroffen ist der von Gerard Butler verkörperte Ingenieur Clyde Shelton, der zu Beginn der Handlung Frau und Tochter bei einem Raubüberfall auf sein Haus in Philadelphia verloren hat. Die Mörder, zwei an der Zahl, wurden zwar gestellt, das Strafmaß sorgt jedoch für alles andere als einen gerechten Ausgang des Falls. Während der sadistische Hauptverantwortliche der beiden Einbrecher, Clarence Darby (Christian Stolte), bereits nach drei Jahren aus dem Gefängnis freikommt, wird sein eher passiv wirkender Mittäter Rupert Ames (Josh Stuart) zum Tode verurteilt. Eingefädelt hat diesen Deal der Staatsanwalt Nick Rice (Jamie Foxx), welcher Shelton nun erklären muss, dass die Abmachung das Beste für alle Parteien darstellt, da in einem anderen Szenario beide Täter eventuell straffrei davongekommen wären – so funktioniere das Rechtssystem nun mal. Zurück bleibt ein verbitteter Witwer, der zehn Jahre später einen eigenen Rachefeldzug der Gerechtigkeit unternimmt, mit dem Ziel, alle Beteiligten des sich damals ereignenden Prozesses, vom freigelassenen Darby bis hin zur zuständigen Richterin, ihren aus seiner Sicht gerechten Schicksalen zuzuführen. Nun liegt es vor allem an Nick Rice, dem außer Kontrolle geratenen Shelton den Kampf anzusagen und neben seinen engen Vertrauten, Kollegen und seiner Familie ein ganzes System zu verteidigen.

Duell zweier Stars

Wie bereits erwähnt setzte sich F. Gary Gray für die Inszenierung des Rachethrillers auf den Regiestuhl. Der Amerikaner zeichnete vor „Gesetz der Rache“ unter anderem für „The Italian Job“ (2003) und „Be Cool“ (2005) verantwortlich und etablierte sich im Anschluss mit „Straight Outta Compton“ (2015), „Fast and Furious 8“ (2017) und „Men in Black – International“ (2019) im Mainstream. In den 1990er-Jahren war er außerdem als Regisseur verschiedener Musikvideos, vor allem im Hip-Hop-Bereich, tätig und drehte unter anderem für Dr. Dre, Ice Cube und Cypress Hill. Für „Gesetz der Rache“ holte sich der Filmemacher eine ganze Reihe hochkarätiger Darsteller ins Haus, von denen Jamie Foxx und Gerard Butler sicherlich herausstechen. Foxx sollte den meisten Filmliebhabern durch seine Engagements in einer ganzen Vielzahl von erfolgreichen Filmen bereits ein Begriff sein. Erwähnt seien an dieser Stellen seine Rollen in „Collateral“ (2004), „Ray“ (2004) „Django Unchained“ (2012) und „Baby Driver“ (2017). Für die Darstellung von Soulegende Ray Charles in „Ray“ erhielt er 2005 den Oscar als bester Hauptdarsteller. Bei der gleichen Verleihung war er außerdem als bester Nebendarsteller für seine Rolle in „Collateral“ nominiert. Selbiges ereignete sich bei den Golden Globe Awards 2005 – Trophäe für „Ray“, Nominierung für „Collateral“. Der zweite Superstar im Film ist Foxx’ Gegenspieler Gerard Butler. Der Brite verfügt ebenfalls bereits über eine recht umfangreiche Filmografie, an dieser Stelle herausgehoben seien seine Darstellungen in „300“ (2006), „Rock N Rolla“ (2008) und der „Has Fallen“-Reihe (2013–2019). Er etablierte sich in seiner Karriere vor allem als Schauspieler in Actionfilmen und leichten Komödien, sodass er bis dato nicht in Reichweite eines etablierten Darstellerpreises kam.

Nick Rice (r.) ist ein renommierter Staatsanwalt

„Gesetz der Rache“ dürfte bereits in die Kategorie der anspruchsvolleren Filme fallen, an denen Butler mitgewirkt hat, aber selbst F. Gary Grays Werk stellt sich insgesamt als relativ simpel heraus und lässt die notwendige Komplexität vermissen, die für die Bearbeitung der angesprochenen Themen angemessen wäre. Natürlich stellt der Film durchaus wichtige Fragen rund um die Rechtssysteme demokratischer, westlicher Gesellschaften und um den Begriff der Gerechtigkeit. Was ist überhaupt Gerechtigkeit? Sind westliche Rechtssysteme in dieser Form prädestiniert für das Schaffen von Gerechtigkeit? Ist für das Schaffen von Gerechtigkeit manchmal ein außerjuristisches Handeln von Individuen notwendig? Stellt das Aussetzen von Bürgerrechten in Ausnahmefällen einen legitimen Weg zum Erreichen von Gerechtigkeit dar? Allesamt durchaus komplizierte Fragen, doch die Bearbeitung beziehungsweise Beantwortung dieser stellt sich als relativ einfach heraus: Ist Clyde Shelton in den Anfangszenen ein furchtbares Unrecht widerfahren? Ja! Ist Clarence Darby ein widerlicher Mensch, dessen Strafmaß im Vergleich zu dem seines Komplizen ein schlechter Witz ist? Ja, natürlich! Rechtfertigt diese Tatsache die Taten, die Shelton im Verlaufe des Films vollführen wird? Auf keinen Fall! Ist das Rechtssystem der Vereinigten Staaten perfekt? Nein! All dies sind klare Antworten, die kaum ein Zuschauender des Films weiter hinterfragen wird. Die großen Fragen allerdings, beispielsweise danach, wie ein gerechteres Rechtssystem tatsächlich aussehen könnte, lässt der Film unberührt und bleibt somit relativ gemütlich und abwaschbar. Viel mehr verliert er sich darin, seine Zuseher mit den raffinierten Tricks und der scheinbaren intellektuellen Überlegenheit seines Antagonisten beeindrucken zu wollen, was das ein oder andere mal in unnötigen Logiglöchern gipfelt, jedoch im Großen und Ganzen durchaus unterhaltsam ist.

Einfältig und gefährlich

Gerade in diesem Streben nach Unterhaltsamkeit gibt der Film dann jedoch die einzig wirklich relevante Antwort, mit welcher er die Grenzen seiner diegetischen Welt verlässt: Als Nick Rice bereits kurz davor steht, die Grenzen des juristisch Vertretbaren zu überschreiten, um Shelton zu überführen, fragt ihn ein Polizist völlig zu Recht: „Aber was ist mit seinen Bürgerrechten?“. Der Anwalt entgegnet ihm ein trockenes „Scheiß auf seine Bürgerrechte“, was der Polizist lediglich mit einem Lachen beantwortet. Fröhlich schreiten beide im Anschluss zur Tat. Hinterfragt wird diese Aktion auch im späteren Verlaufe des Films an keiner Stelle. Das ist fatal, liefert F. Gary Gray doch hier auf Kosten eines billigen Witzes einen Präzedenzfall für das Eingreifen des Staates in die verfassungsmäßig legitimierten Grundrechte eines jeden Bürgers. Von einem national bedeutenden Notfall (beispielsweise in Form von Kriegszuständen), bei dem man diesen Eingriff zumindest erwägen könnte, kann hier zudem in keiner Weise die Rede sein. Hier nimmt der Film einen moralisch fragwürdigen Standpunkt ein und lässt diesen im Nachhinein leider unkommentiert. Die Leichtigkeit, mit der Gray und sein Team diese Entscheidung darstellen, erinnerte mich dabei an jene, mit denen Menschen im Jahr 2020 noch immer die Todesstrafe für bestimmte Verbrechen fordern, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, warum dieser Form der Sanktion in weiten Teilen der westlichen Welt ihre Legitimation entzogen wurde. Somit bleibt die einzig ernsthafte Antwort auf eine relevante Frage des Filmes eine äußerst einfältige und gefährliche.

Eine folgenschwere Entscheidung bringt den Familienvater …

Seine trotz allem unterhaltsame Geschichte erzählt der Film auf eine Art und Weise, die von Licht und Schatten geprägt ist. Licht gibt es vor allem auf Seiten der visuellen Erzählung. Die Bilder des Films sind in weiten Teilen sehr stark und sie sind vor allem stark genug, um für sich zu stehen. Wenn Shelton zu Beginn des Films aus der Entfernung beobachtet, wie Rice dem Verbrecher Darby vor laufenden Kameras die Hand gibt, so spürt man förmlich den Schlag in die Magengrube, den der Witwer dadurch kassiert. An vielen Stellen jedoch wird dieser tollen visuellen Erzählung ein Dialog hinzugefügt, der das, was eigentlich klar sein sollte, noch einmal kommentiert und erklärt, sodass es auch wirklich jeder verstanden hat. Diese Erklärung wirkt in weiten Teilen unnötig, weil die Bilder eigentlich so gut sind, dass sich eine weitere Erklärung erübrigt. Hier traut Regisseur Gray seinem Publikum leider nicht genug zu. Exemplarisch sei hier eine der eigentlich besten Szenen des Films genannt, nur dass die Erklärung hier nicht durch einen Dialog transportiert wird, sondern durch den Ton. Gemeint ist eine Paralellmontage in welcher man zum einen die Hinrichtung eines Schuldigen sieht und zugleich ein Cellokonzert der Tochter von Nick Rice. Spielt zu Beginn der Montage noch durchgehend die Musik des Cellokonzerts, während die Szenerie hin und her wechselt, löst sich die Cellomusik gerade dann auf, wenn der unerträgliche Todeskampf des Hinzurichtenden beginnt. Die schöne innerdiegetische, also tatsächlich in der fiktiven Welt gespielte, Musik des Konzertes, welche einen wunderbaren Kontrast zu den schockierenden Bildern hätte geben können, weicht einer bewusst spannungserzeugenden, außerdiegetischen, also für die Figuren nicht wahrnehmbaren musikalischen Untermalung, die auch dem letzten Zuschauenden die Dramatik der zu sehenden Bilder ins Auge drücken sollte.

Steelbook im Director’s Cut

Alles in allem bleibt ein durchaus unterhaltsamer Film, von dem man sich jedoch keine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Rechtssystem der Vereinigten Staaten versprechen sollte. Auf relevante Fragen rund um dieses komplexe Thema gibt der Film mit einer einzigen Ausnahme keine Antwort und diese Ausnahme ist in seiner hingeschluderten Leichtigkeit noch dazu recht einfältig und in letzter Konsequenz brandgefährlich. Die technische und vor allem visuelle Erzählung des Films gelingt zum Großteil, man traut ihr jedoch leider zu selten zu, für sich allein zu stehen, liefert zur Sicherheit lieber nochmal eine Erklärung zu viel und verkauft den Zuschauer dadurch leider oftmals für dumm. Für einen anspruchslosen, unterhaltsamen Nachmittag genügt der Film aber allemal – am besten im Unrated Director’s Cut, welcher am 21. Februar 2020 im Steelbook erschienen ist. Im Gegensatz zur Kinofassung wurden hier viele Szenen noch einmal umgeschnitten, wobei in den meisten Fällen eine längere Laufzeit herausspringt, teilweise behalten die Szenen aber auch ihre ursprüngliche Länge bei, nur die Kameraperspektiven sind andere. Insgesamt springt eine zusätzliche Laufzeit von knapp 11 Minuten dabei heraus, wichtige inhaltliche Veränderungen sind hierbei jedoch nicht zu erwarten, da sich die Unterschiede eher auf Details beschränken. Im Gegensatz zur Kinoversion ist der Director’s Cut außerdem ab 18 Jahren freigegeben, was sich vor allem in expliziteren Gewaltdarstellungen ausdrückt. Vordergründig betrifft dies die längere Folterszene von Clarence Darby in Verbindung mit einer expliziteren Darstellung des „Ergebnisses“ dieser Folter. Ansonsten sind die Unterschiede recht marginal, was aber auch daran liegt, dass der Film insgesamt über nicht allzu viele kürzenswerte Szenen verfügt. Die exakten Unterschiede beider Fassungen können im Schnittbericht nachgelesen werden.

… und andere in große Gefahr

Das Steelbook verfügt über einige sehenswerte Extras. Man findet hier das Feature „Das Rechtssystem“, in welchem einige der Schlüsselaspekte der Rechtsgrundlage der USA erklärt werden, die für den Film wichtig waren. Des Weiteren ist ein kleines Making-of mit dem Titel „Law in Black and White“ zu sehen, sowie ein Featurette zur Entwicklung der visuelen Effekte. Zu guter Letzt findet man neben einer Trailerschau noch einen Blick hinter die Kulissen, sowie Interviews mit einigen Darstellern und Regisseur F. Gary Gray.

Clyde Shelton hat nichts mehr zu verlieren

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Gerard Butler und Jamie Foxx haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Mai 2020 als Blu-ray (Director’s Cut), 21. Februar 2020 als Blu-ray im Steelbook (Director‘s Cut), 31. Dezember 2019 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays mit Kinofassung und Director’s Cut, drei Covervarianten à 777, 666 und 555 Exemplare), 15. November 2019 als Tape Edition Blu-ray (Director’s Cut), 20. Mai 2010 als Blu-ray im Steelbook (Kinofassung), Blu-ray (Kinofassung) und DVD (Kinofassung)

Länge: 119 Min. (Blu-ray, Director’s Cut), 108 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 105 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Law Abiding Citizen
USA 2009
Regie: F. Gary Gray
Drehbuch: Kurt Wimmer
Besetzung: Gerard Butler, Jamie Foxx, Colm Meaney, Bruce McGill, Leslie Bibb, Michael Irby, Gregory Itzin, Regina Hall, Emerald-Angel Young, Christian Stolte, Annie Corley, Richard Portnow, Viola Davis
Zusatzmaterial: Featurette zur Erklärung der rechtlichen Hintergründe einiger Aspekte des Films („Das Rechtssystem“), Making-of „Law in Black and White“, Die Entwicklung der visuellen Effekte, Blick hinter die Kulissen, Interviews mit den Darstellern Jamie Foxx, Gerard Butler, Leslie Bibb und Viola Davis sowie mit Regisseur F. Gary Gray, Trailershow, nur Mediabook: 36-seitiges Booklet mit einem Text von Markus Haage
Label/Vertrieb: Constantin Film

Copyright 2020 by Lucas Gröning

Szenenfotos & Packshots: © Constantin Film

 

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Die Falle von Tula – Der Punkt, an dem das Fass überläuft

The Trap

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Nach Jahren der Abwesenheit im Zwist mit der Familie verschlägt es den Anwalt Ralph Anderson (Richard Widmark) in seine Heimatstadt, wo er die Flucht des Gangsterbosses Victor Massonetti (Lee J. Cobb) aus dem Land vorbereiten soll. Der einstmals ambitionierte Verteidiger befindet sich längst in der Hand des Gangsters, nachdem er sich zunächst in Unkenntnis auf dessen Schergen eingelassen hatte – und die ungewollte Zusammenarbeit dann kein Ende mehr nahm. Für die Durchführung der spektakulären Massonetti-Flucht braucht Anderson allerdings die Hilfe seines Vaters (Carl Benton Reid), der vor Ort als Sheriff tätig ist und seinen zweiten Sohn (Earl Holliman) als Hilfssheriff beschäftigt. Nur mit Unterstützung der Sheriffs ist ein Entkommen über den nahegelegenen Flugplatz möglich. Zwischen den drei Andersons stehen einschneidende negative Erlebnisse miteinander, die die Vater-Sohn-Beziehungen belasten, und zwischen den beiden Brüdern zudem eine Frau: Linda (Tina Louise). Schnell ist absehbar, dass für mindestens einen der Andersons so oder so nur noch die Flucht vor Massonettis Handlangern durch brütend heißes Terrain bleibt, sollte mit dem Plan des Gangsterbosses zur Flucht etwas schieflaufen. Falls man dem Schurken obendrein absichtlich das Handwerk legen will, droht sogar eine gemeinsame Flucht mit ihm durch das schweißtreibende Gelände.

Ralph Anderson steht mit dem Rücken zur Wand

„Die Falle von Tula“ ist ein interessanter Thriller mit stattlichen Action- und Abenteuerfilm-Elementen vor Western-ähnlicher Kulisse, der einen etwas stiefmütterlich behandelten Sektor des klassischen Hollywood-Kinos sehr ansehnlich repräsentiert: die in Farbe und nicht Schwarz-Weiß produzierten Thriller und Noirs der 40er- und 50er-Jahre. Regie führte Norman Panama, der davor und danach fast ausschließlich im Komödien-Genre unterwegs gewesen ist. Panamas langjähriger Produzenten-Partner war Melvin Frank, mit dem er häufig auch gemeinsam Regie führte – bis hin zu dem Kriegsfilm „Die letzte Entscheidung“ (1952), der bereits von ihrem Komödien-Schwerpunkt abwich. Die beiden kannten sich schon aus jungen Jahren, hatten gemeinsam ihr Fach gelernt.

Schluss mit lustig!

1959 findet sich eine spannende, kurzzeitige Weggabelung in der gemeinsamen Ära von Panama und Frank, denn binnen eines Dreivierteljahres starteten zwei gemeinsame Produktionen in den US-Kinos, die gewissermaßen als Doppelschlag vom gewohnten Komödien-Muster des Duos abwichen und nur jeweils einen der beiden als Regisseur ausweisen: Der überragende, innovative Western „Der Herrscher von Kansas“, bei dem Frank die Regie innehatte, und einige Monate zuvor „Die Falle von Tula“, unter der Regie von Panama. Es wirkt rückblickend ein wenig, als seien es wohl genau diese beiden Geschichten gewesen, die Frank und Panama abseits des Komödien-Feldes unbedingt einmal hatten inszenieren wollen. 1958 und 1959 scheinen sie sich für die Realisierung dieser Projekte dann offenbar, wie bei einem Schulterschluss, fast parallel die Zeit genommen zu haben. Paramount Pictures ermöglichte beide Produktionen.

Es geht für beide Seiten um Kopf und Kragen

Das Gespann Melvin Frank / Norman Panama bildet ein relativ entlarvendes Beispiel für ein Phänomen der Filmwissenschaft, das ich sehr bedauerlich finde: Wer nur wenige Beiträge zu einem Genre innerhalb einer Epoche geleistet hat, wird gern einmal vergessen, egal wie klug, visionär, ungewöhnlich oder überzeugend seine Arbeit ist. Das gilt insbesondere dann, wenn derjenige eigentlich auf einen ganz anders gearteten Sektor – in dem Falle die Komödie – spezialisiert war oder zu sein schien. Genres werden stattdessen gern einmal anhand der Filme definiert, die von in diesem Genre häufig vertretenen Regisseuren inszeniert worden sind – auch wenn andere sogar durchaus bekannte Regisseure ebenfalls Beiträge geliefert haben, nur lediglich in dem betreffenden Genre weniger aktiv als ihre angeblich stilbildenden Kollegen oder aber selbst schlichtweg in anderen Genres aktiver gewesen sind. Dass eine einmalige Regiearbeit gebührend besprochen und eingeordnet wird – ob nun einmalig innerhalb des Genres oder einmalig in aller Gänze –, ist eine Seltenheit. Eine Ausnahme wie Charles Laughtons Regie-Tätigkeit an „Die Nacht des Jägers“ (1955) bestätigt bestenfalls die Regel, ist im Grunde aber auch primär der Tatsache geschuldet, dass Laughton durch seine Schauspieler-Tätigkeit glücklicherweise – zumindest rückblickend – genügend verdiente Aufmerksamkeit auf seine einzige federführende Spielfilm-Regiearbeit lenken konnte. Schon eher kann man da Fred Zinnemanns hinreichend geehrten Western-Abstecher „12 Uhr mittags“ als positive Ausnahme vom Fokussieren auf die üblichen Verdächtigen innerhalb der Genres werten. Oftmals scheitert das Ganze sicherlich daran, dass es gern einmal übersehen wird, wenn ein Regisseur nur einen oder zwei Filme zu einem Genre beigesteuert hat, da man diese im Kontext der jeweiligen Genres dann nicht so einfach mit in die Sammlung gespült oder irgendwo vorgeführt bekommt, sondern eher erst dann einmal bemerkt, wenn man zufällig darüber liest oder das Gesamtwerk von einem der Beteiligten zu sammeln versucht. Was man eben nicht kennt, kann man nicht analysieren oder einordnen, sondern bestenfalls unter den Tisch kehren oder ignorieren – und die schlichte Unkenntnis unzähliger Genre-Filme ist leider ein treuer Gefährte all derer, die sich beim Filmsichten zu dogmatisch am sogenannten „Kanon“ von Filmen eines Genres orientieren.

Tänze auf der Rasierklinge

Zugegeben: „Die Falle von Tula“ ist dramaturgisch ziemlich altbewährte Kost und bei weitem nicht mit so vielen Schnörkeln versehen wie „Der Herrscher von Kansas“, der seinerseits ein wirklich wichtiger Vertreter des klassischen Hollywood-Westerns und wahrscheinlich das Bedeutendste unter vielem Guten ist, was Melvin Frank und Norman Panama jemals produziert haben. Aber als farbiger Thriller der ausklingenden Noir-Ära der 40er und 50er, mit Elementen aus mehreren Genres gespickt, ist „Die Falle von Tula“ allemal ein spannender Hingucker. Innerhalb der Diskussion, ob es sich hier noch um einen Noir handelt – zumal dieses Feld für das klassische Hollywood oftmals mit dem Jahr 1958 abgeschlossen wird, in dem der Film zwar gedreht, aber noch nicht veröffentlicht wurde – oder doch eher um einen sogenannten Gangsterfilm handelt oder doch eher einen Actionthriller oder Abenteuerthriller, würde ich mich an dieser Stelle nicht abschließend positionieren wollen. Es kann ja auch mehreres gleichzeitig zutreffend sein und ohnehin zeigt sich daran, welche Spannweite der Film ins Feld führt; ganz ähnlich wie ein anderer in Farbe gedrehter Vertreter dieses Genre-Mix-Spektrums, den ich bei „Die Nacht der lebenden Texte“ bereits besprochen habe: „Blut im Schnee“ (1954). Mehr noch als diesen kann man „Die Falle von Tula“ für das spätere Actionthriller-Kino der 60er und 70er – Explosionen und rasante Autofahrten mitgedacht – durchaus als recht frühen Wegbereiter dergestalt verstehen, dass hier bereits eine vorher selten bis gar nicht dagewesene Vielzahl an Zutaten des Genres zusammentrifft, die auch noch in einem deutlich neueren, moderneren Cocktail desselben Genre-Feldes zu finden sind. Vor allem, wenn man die Farbkameraarbeit in Relation zum zeitgenössischen Handlungsort und den rasanten oder aber betont explosiven Action-Elementen betrachtet, lässt sich an der Inszenierung rückblickend schon die eine oder andere auf Produktionen in der Zukunft verweisende Fußnote ablesen. Während „Blut im Schnee“ noch recht eindeutig im Fahrwasser klassischer Noirs schwimmt und diesbezügliche Versatzstücke mit Elementen anderer Genres innovativ vermischt, steht „Die Falle von Tula“ dem, was man später unter Thriller verstand, letztlich näher als dem Noir. Aus heutiger Sicht kann man behaupten, man würde dem Film anmerken, dass er genau an der Schnittstelle vom Ende des klassischen Film noirs und dem frühen Aufkeimen des Geistes von Filmen wie „Bullitt“ (1968) entstand. In diesem relativ kurzen Zeitfenster, das Ende der 50er eine Tür langsam zu und dadurch gleichzeitig bereits eine andere aufschlägt, die hier in gewisser Hinsicht schon zehn Jahre vorgreift, kann er als Technicolor-Genrebeitrag mit Veröffentlichung vor Beginn der 60er-Jahre, im Sinne eines – mit dem Blick von heute – Epochen verbindenden Projekts, wahrscheinlich sogar beinahe als Unikat gewertet werden, hat in jedem Falle aber allenfalls wenige eindeutige Zwillingsbrüder, die gleichzeitig noch so viel altes Hollywood, aber auch bereits einen Hauch von „Bullitt“ atmen, und zudem in Farbe gedreht worden sind.

Ferner zeigt der Film, warum Lee J. Cobb, der sich schon hier ein paar Mal recht clever am mimischen und gestischen Fundus der Mafiosi-Klischees bedient, in den späten 60er- sowie den 70er-Jahren auch im italienischen Genre-Kino ein gern gesehener Gast war. Besonders legendär dabei sein Auftritt in Damiano Damianis „Don Mariano weiß von nichts“ (1968), wo er einen sehr charismatischen Paten mit kultverdächtig überheblichen Sprüchen spielte. Richard Widmark beweist in „Die Falle von Tula“ währenddessen – in einer ursprünglich für William Holden vorgesehenen Rolle – einmal mehr, wie gut er es beherrschte, seine Bekanntheit als Star in ausgewählten Rollen gegen das Hemd eines normalen, verletzlichen, gar gebrochenen Menschen einzutauschen, der vielleicht zum Helden werden mag, aber dennoch ungemein verwundbar und bodenständig wirkt. Bemerkenswert vor allem angesichts der Tatsache, dass es sich ja eigentlich um gar keinen Normalbürger handelt, sondern einen Anwalt mit dick gefüllter Brieftasche, den er hier spielt, der aber menschlich ungemein hart auf den Boden der Tatsachen zurückgekommen ist. Der große Star Widmark kitzelt also innerhalb eines Action-Streifens das Menschliche und Ruhige, gewissermaßen das Ehrlichste aus einer Figur heraus, die im Grunde aber auch einmal selbst so etwas wie ein Star war oder zumindest von kriminellen Stars engagiert wurde – das ist eine schauspielerische Leistung, die man nicht unterschätzen sollte. Der Filmstar überstrahlt also nicht etwa, sondern macht im Gegenteil sogar eine abgehobene Figur, die sich im Vorfeld der erzählten Geschichte einmal im Kontext von Star-Allüren bewegt hat, auf Anhieb wieder zum kleinlauten, glaubwürdigen Menschen im Kreis seiner Familie.

Die Flucht führt durch brütende Hitze

Tina Louise meistert daneben die einzige Frauenrolle tapfer – eine Figur, die auf ihre Art ebenfalls eine sehr schmerzhafte Bewährungsprobe durchlaufen muss, aus der es beinahe kein Entkommen für sie gibt, ohne sich irgendwie dauerhaft schuldig zu fühlen. Die emotional überzeugend transportierten Auftritte von Carl Benton Reid als Vater, in dessen Brust mindestens zwei Herzen schlagen, und Earl Holliman als sich selbst emotional quälender, zerrissener Bruder der Hauptfigur runden das Gesamtbild in diesem auf sehr wenige Figuren begrenzten Film angenehm ab. Lorne Greene ist in einer seiner letzten Kinorollen zu sehen, die entstanden, ehe er das Zepter beim Serien-Dauerbrenner „Bonanza“ übernahm, hat aber leider nur wenige Szenen – sein Part als enger Vertrauter Massonettis hätte mehr hergegeben.

Die Büchse der Paramount-Pandora

Spätestens durch die Veröffentlichung dieses Films in Deutschland bei Pidax kann man den langen Bann, der hierzulande über Paramount-Klassikern geschwebt zu haben schien, nun wohl endgültig als gebrochen ansehen, denn seitdem Paramount seine Klassiker kaum noch selbst in der Bundesrepublik auf DVD veröffentlichte, herrschte mangels Sublizenznehmern – woran auch immer dieser Mangel nun primär gelegen haben mag – jahrelang eine traurige Flaute. Hoffentlich wird nun der Weg für viele weitere Sublizenzen frei und der reichhaltige Paramount-Klassiker-Fundus endlich ausgiebig auch bei uns auf DVD und Blu-ray verfügbar.

Dass das Bildformat während des Vorspanns oberflächlich betrachtet unsachgemäß beschnitten wirkt, liegt übrigens daran, dass es auch eine sogenannte „horizontale“ Version bzw. „VistaVision“-Version im Format 1,96:1 gibt. VistaVision war eine Format-Erfindung von Paramount – deren Antwort auf CinemaScope. Das Format 1,37:1, welches dem sogenannten „Vollbild“ entspricht und auch hier auf DVD vorliegt, ist für die „spherical version“ genannte Version von „Die Falle von Tula“ aber dennoch korrekt. Man kann sich den Unterschied zwischen beiden Versionen im weitesten Sinne so vorstellen, dass ein Film wie Quentin Tarantinos „The Hateful Eight“ (2015) neben der geläufigen Kinofassung ja auch parallel in einer 70mm-Fassung veröffentlicht wurde. Zwar ist dieser Tarantino auch in der geläufigen Kinofassung natürlich kein Vollbild-Film, allerdings war VistaVision gewissermaßen ein Vorbild für den 70mm-Prozess – und dahingehend greift der Vergleich, denn die übliche Kinofassung von „The Hateful Eight“ sieht ja genau wie die vorliegende DVD-Fassung von „Die Falle von Tula“ eben trotzdem nicht so aus, als hätte man ständig ein nicht mehr alle Inhalte wiedergebendes Bild vor sich und könnte nur in der anderen Fassung alles richtig erkennen. Die damit zusammenhängenden technischen Feinheiten können Fachleute weitaus besser erläutern – ich bin dafür kein Experte. Nichtsdestotrotz ist es im Allgemeinen üblich, die VistaVision-Version der betreffenden Paramount-Filme, sofern eben verfügbar und gewollt, im entsprechend breiteren Format auf DVD zu veröffentlichen. Von vielen Filmen gibt es meines Wissens auch nur diese VistaVision-Fassung als offizielle Version. Warum sich bei „Die Falle von Tula“ eine Vollbild-Variation bis heute behauptet hat, die damals offenbar schon zeitgleich im Kino veröffentlicht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch die Vista-Fassung ist aber für die Nachwelt erhalten und in digitaler Qualität verfügbar.

So erklärt sich jedenfalls die Tatsache, dass für diesen Film eine zwar etwas überraschend wirkende, gewissermaßen aber dennoch offiziell abgesegnete Vollbild-Fassung im Umlauf ist, die sich auch auf der Pidax-DVD findet, obwohl das 1,37:1-Format im Kino eigentlich schon ab der Saison 1953/1954 abgelöst worden war. All das ist insofern hervorzuheben, als es tatsächlich viele Vollbild-Fassungen von CinemaScope-Filmen aus der damaligen Zeit gibt, die wirklich nur durch simplen Zoom zur Vollbild-Fassung werden, so dass also den ganzen Film über auffällig rechts und/oder links Bildinhalte fehlen – was manchmal sogar mit nachträglich eingefügten „Schwenks“ kompensiert wird, die gewissermaßen von rechts nach links oder umgekehrt am Bild entlangfahren. Es ist wichtig, gedanklich eine klare Trennung zu ziehen zwischen solchen Bildfassungen, die hauptsächlich erstellt worden sind, um Scope-Filme an das Format von früheren TV-Geräten anzupassen, wobei man sich allerdings notdürftiger Mittel bediente, und der vorliegenden Fassung des VistaVision-Films „Die Falle von Tula“, die eben eher mit dem Spannungsfeld zwischen einer 70mm-Roadshow-Fassung und einer normalen Kinofassung zu vergleichen ist.

Ihr Vater und eine Frau haben einen Keil zwischen die Brüder getrieben

Farblich macht das Bild der DVD ebenfalls Freude. Etwas missglückt ist lediglich die Qualität der deutschen Tonspur, was mir am grenzwertigen Einsatz digitaler Rauschfilter zu liegen scheint oder zumindest ähnlich klingt. Ein Phänomen, was ich von Pidax so eigentlich nicht kenne, wohl aber aus früheren Zeiten von anderen Labels. Wenn der deutsche Ton der mir vorliegenden „Premiere Nostalgie“-Fassung, so wie hier, klar besser als auf der deutschen DVD ist, gibt mir das zwangsläufig zu denken. Schade, da die deutsche Fassung sehr lohnt – schon allein, weil sie den vielbeschäftigten und hochbegabten Arnold Marquis, der vom fiesen Schurken bis zum großen Helden im Laufe seiner Karriere alle Sparten in großen Mengen abgedeckt hat, für Richard Widmark einmal mehr wunderbar geerdet, besonnen und natürlich präsentiert, während Marquis auf der anderen Seite auch in vielen Rollen für diverse Schauspieler sehr überkandidelt daherzukommen vermochte, wenn es denn von ihm verlangt wurde. Es ist eine Freude, Marquis in „Die Falle von Tula“ gewissermaßen einmal so richtig stinknormal wirkend zu hören. Innerhalb der Masse seiner Rollen findet sich der normale Marquis, der klingt wie von nebenan, natürlich des Öfteren einmal, unter seinen Stars erscheint es mir jedoch vor allem bei Richard Widmark immer wieder besonders authentisch und dabei besonders sensibel getroffen.

Prägnant ist diese Synchronfassung allerdings auch, weil hier zum letzten Mal Wolf Martini als deutsche Stimme von Lee J. Cobb zu hören ist. Martini starb Anfang Juni 1959, knapp drei Monate bevor der Film Ende August in die deutschen Kinos kam, im Alter von nur 48 Jahren. Er hatte Cobb zuvor auch in einer seiner berühmtesten Rollen in „Die 12 Geschworenen“ synchronisiert. Mit Wolf Martini verlor die deutsche Synchronisation eine ihrer im positiven Sinne dreckigsten Stimmen – er passte auf einige hervorragend, wie etwa Sterling Hayden, Ted de Corsia, Anthony Quinn und Ward Bond, aber auch auf Lee J. Cobb in einer idealen Art und Weise, die nur schwer zu toppen ist. Da der Film bereits im Sommer 1958 gedreht wurde und schon im Januar 1959 in den US-Kinos lief, ist es schwer zu bewerten, wie knapp vor Martinis Tod die deutsche Fassung fertiggestellt wurde und ob es eventuell sogar seine finale Synchronrolle gewesen ist. Dass eine Synchronfassung aus den 50ern rund ein Vierteljahr nach dem Tod eines mitwirkenden Sprechers zum Kinostart kommt, ist auch für damalige Verhältnisse, aus meiner Sicht, ein ziemlich auffälliger Zeitraum und scheint auf den ersten Blick nahezulegen, dass er nur wenige Tage nach Beendigung der Arbeiten verstorben ist. Dass die Fassung sehenden Auges bereits frühzeitig fertiggestellt, dann aber ein halbes Jahr oder länger nicht veröffentlicht wurde, kommt mir eher unwahrscheinlich vor, ist aber dennoch im Bereich des Möglichen. Denkbar auch, dass man es einem ursprünglich früher angestrebten Kinostart in Deutschland zu verdanken hat, dass Wolf Martini hier noch zu hören ist. Die Rolle ist wie geschaffen für alles, was ihn als Stimme von Lee J. Cobb auszeichnet, und rundet diese leider letztlich nur kurze Phase, in der er dessen deutsche Stimme war und sich gerade zu etablieren begann, praktisch perfekt ab.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee J. Cobb und Richard Widmark haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 13. März 2020 als DVD

Länge: 81 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Trap
USA 1959
Regie: Norman Panama
Drehbuch: Richard Alan Simmons, Norman Panama
Besetzung: Richard Widmark, Lee J. Cobb, Tina Louise, Earl Holliman, Carl Benton Reid, Lorne Greene, Richard Shannon, Peter Baldwin, Chuck Wassil, Walter Coy
Zusatzmaterial: Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 4906
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Island of the Condemned – Knackis auf die Insel!

Novaya Zemlya

Von Volker Schönenberger

SF-Actiondrama // Irgendwo in einem russischen Knast befragt der Anstaltsleiter seine Gefangenen über ihre Träume – aus was für Gründen auch immer. Will er sie quälen? Die Insassen werden im Jahr 2013 auf einem alten Frachtschiff eingepfercht und deportiert. Es stellt sich heraus, dass die Männer für das „Projekt Terra Nova“ als Versuchskaninchen auserwählt worden sind: 600 Kriminelle erhalten eine ganz spezielle Form der Freiheit: Sie sollen die im Nordpolarmeer gelegene Doppelinsel Novaya Zemlya besiedeln. Da weltweit die Todesstrafe abgeschafft wurde, sind die Gefängnisse anscheinend überfüllt.

Die Knackis balgen sich um …

Immerhin hat Väterchen Russland Vorräte bereitgestellt, die für drei Monate reichen sollen. Ob sie nun Teil eines ohne Skrupel konzipierten sozialen Experiments sind oder einfach nur entsorgt werden sollten – schon bei der Verteilung der Schlüssel für ihre Handfesseln zeigt sich, dass das Gros der Männer aus bösartigen Halsabschneidern besteht. Keine gute Grundlage für den Aufbau einer kleinen Zivilisation. Der besonnene Ivan Georgevitch Zhilin (Konstantin Lavronenko) schaut sich das nicht lange an, er schnappt sich ein paar Vorräte, etwas Ausrüstung und zieht allein von dannen. Kurz darauf schließt sich ihm Sipa (Andrey Feskov) an, der ihm gefolgt ist.

Erinnerung an „Flucht aus Absolom“

Knackis auf einer einsamen Insel – kein nagelneues Sujet. 1994 wagten Ray Liotta und Lance Henriksen die „Flucht aus Absolom“ („No Escape“). 2007 bildeten unter anderen Steve Austin und Vinnie Jones „Die Todeskandidaten“ („The Condemned“). Trotz der Titelnähe zu letztgenanntem Actionfilm findet der russische „Island of the Condemned“ einen eigenen Ansatz. Das knallharte Survival-Abenteuer wirkt auf den ersten Blick wie reine Exploitation, offenbart nach kurzer Zeit aber dramatische Qualitäten und erweist sich sogar als anständig gespielt. Hauptdarsteller Konstantin Lavronenko hat 2007 mit dem Darstellerpreis in Cannes für das russische Drama „Die Verbannung“ immerhin schon internationale Meriten erworben. Ihm und seinen Mitstreitern mit ihren vom Wetter oder dem Leben gegerbten Gesichtern nimmt man ihre Lage jederzeit ab. Hoffnung ist in den Augen der Männer jedenfalls kaum zu erkennen.

… die Schlüssel ihrer Handfesseln

Als Studie über die Verrohung des Menschen funktioniert „Island of the Condemned“ nur bedingt, erweisen sich die Insulaner wider Willen doch als von vornherein verroht. Dystopisches Survival-Abenteuer trifft es ganz gut, und als solches lässt sich das Actiondrama auch vorzüglich schauen. Die heftigen Gewaltausbrüche mit Äxten und anderem Instrumentarium lassen die FSK-18-Freigabe der ungeschnittenen Fassung gerechtfertigt erscheinen, auch wenn die Kamera nie voll drauf hält. Wer auf derben Splatter hofft, wird enttäuscht. Immerhin braucht man nicht zu befürchten, im Regal die falsche Fassung zu ergattern. Zwar ist „Island of the Condemned“ in Deutschland auch unter den Titeln „Cannibal Massacre“ und „Terra Nova – Insel des Todes“ veröffentlicht worden, alle Editionen enthalten aber die Uncut-Version des Films. Die schmutzige kleine Dystopie aus Russland lohnt sich.

Spoilerwarnung für den letzten Absatz

In diesem Absatz spoilere ich zwar nicht den Ausgang des Films, beschreibe aber eine Entwicklung gegen Ende. Wer das Finale ungespoilert erleben will, möge diesen letzten Absatz ignorieren. Einen sonderbaren, gar bizarren Unterton bekommt „Island of the Condemned“ im letzten Viertel, wenn plötzlich UNO-Blauhelme auf der Bildfläche erscheinen, die offenbar mit den russischen Organisatoren von „Projekt Terra Nova“ gemeinsame Sache machen, und kurz darauf eine Schar neuer Gefangener eintrifft, welche Englisch sprechen und orangefarbene Overalls tragen. Was wollten uns die Produzenten damit sagen? Soll das eine Aussage gegen die Vereinten Nationen sein? Oder handelt es sich lediglich um eine skurrile Drehbuchidee? Meine Interpretationsansätze finden dort ihre Grenzen, also macht euch selbst ein Bild!

Veröffentlichung: 30. Januar 2015 (unter dem Titel „Cannibal Massacre“), 3. Oktober 2014 (unter dem Titel „Terra Nova – Insel des Todes“) sowie 18. Februar 2010 (unter dem Titel „Island of the Condemned“), jeweils als Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Novaya Zemlya
Alternativtitel: Cannibal Massacre / Terra Nova – Insel des Todes
Internationaler Titel: Terra Nova
RUS 2008
Regie: Aleksandr Melnik
Drehbuch: Arif Aliev
Besetzung: Konstantin Lavronenko, Andrey Feskov, Marat Basharov, Pavel Sborshchikov, Sergey Zhigunov, Aleksandr Samoylenko, Tommy „Tiny“ Lister, Ingeborga Dapkunaite, Sergey Koltakov
Zusatzmaterial 2010: russischer und US-Trailer, Diashow, Trailer „Nobel Son“ und „Alexander“, Wendecover
Label/Vertrieb 2015: True Grit / Soulfood
Label/Vertrieb 2014: Edel Germany
Label/Vertrieb 2010: SchröderMedia HandelsgmbH & Co. KG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2010 SchröderMedia HandelsgmbH & Co. KG

 

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