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23 Schritte zum Abgrund – Blinder jagt Kidnapper

23 Paces to Baker Street

Von Simon Kyprianou

Thriller // Obgleich Adaption eines Romans von Philip MacDonald, kann und will Henry Hathaways Thriller seine Verwandtschaft mit Alfred Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ nicht leugnen. Es ist ein Thriller, wie es sie viele gibt, insbesondere in den 50er- und 60er-Jahren, aber durchaus auch später, nur eben vereinzelter, der deutlich und gewollt im Fahrwasser von Hitchcocks Kino schwimmt.

Der blinde Autor Hannon (M.) belauscht die Planung eines Verbrechens

Der blinde Theaterautor Phillip Hannon (Van Johnson) lebt vorübergehend in London in einem schönen Apartment über der Themse. Mit seiner Blindheit hat er sich mittlerweile arrangiert, er bewegt sich frei in seiner Wohnung und auch der Weg in die Bar ein paar Straßen weiter ist kein Problem. Als er seine Bitterkeit dort eines Nachmittags im Whisky ertränken will, hört er Fetzen einer seltsamen Unterhaltung anderer Gäste mit, aus denen er den Schluss zieht, dass ein Mann ein Kindermädchen angestiftet hat, ihm bei einer Kindesentführung in einer Woche zu assistieren. Er nimmt seine Erinnerung des Gesprächs auf Band auf und benachrichtigt die Polizei, die ihn aber natürlich nicht ernst nimmt. Zusammen mit seinem Sekretär Bob (Cecil Parker) und seiner ehemaligen Verlobten Jean Lennox (Vera Miles) nimmt Hannon daher selbst Ermittlungen auf.

Thriller von der Stange, aber schön

„23 Schritte zum Abgrund“ ist sozusagen Stangenware, das aber im bestmöglichen Sinne. Was Classical-Hollywood-Veteran Henry Hathaway hier liefert, ist perfektes Handwerk, dem zuzuschauen großes Vergnügen bereitet. Hathaway inszeniert den Film absolut souverän, vor allem visuell ist er wunderbar – zum Beispiel gibt es immer wieder wirklich schöne Bilder vom verbitterten Hannon auf seinem Balkon und im Hintergrund das vernebelte London im zarten Morgenlicht. Die London-Bilder sind generell sehr gelungen und Hathaway findet auch einen hervorragenden Bruch mit seinen eigenen schönen Motiven, wenn später ein im Krieg zerbombtes und zerstörtes Haus in einer Nacht beinahe zur Todesfalle wird. Es ist auch ein sehr präzise inszenierter Film im Hinblick auf Stimmungen und Figurenzeichnung.

Die Polizei glaubt ihm nicht

Auch eine Gemeinsamkeit zu „Das Fenster zum Hof“: Ein großer Teil der Handlung findet in Hannons Apartment statt. Die Blindheit ist für Hathaway nicht nur das Gimmick seiner Hauptfigur, sondern wird auch zum essenziellen Bestandteil der Handlung und der Inszenierung. Hitchcock sagte einmal in einem Interview, die Figuren im Film sollten immer die in ihrer Situation naheliegendsten Dinge zu ihrer Verteidigung verwenden: Wenn Cary Grant also in „Der unsichtbare Dritte“ auf einer Auktion in Bedrängnis gerät, befreit er sich durch Bieten. Und wenn der Fotograf Jefferies in „Das Fenster zum Hof“ angegriffen wird, blendet er den Angreifer mit Blitzen seiner Kamera. Auch Hathaway befolgt diesen Rat und lässt im hervorragend inszenierten Finale Hannon mit seinen ihm eigenen Mitteln kämpfen.

Leider keine Untertitel

Der Film ist also uneingeschränkt sehenswert, die Blu-ray von Pidax Film ist ebenfalls zufriedenstellend, einziges Manko sind die fehlenden Untertitel, die manche bei der englischen Sprachfassung sicherlich hilfreich fänden.

Mit seiner Freundin Jean stellt Hannon selbst Untersuchungen an

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Henry Hathaway sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Dabei gerät er in Lebensgefahr

Veröffentlichung: 9. Februar 2018 als Blu-ray, 15. Mai 2015 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: 23 Paces to Baker Street
USA 1956
Regie: Henry Hathaway
Drehbuch: Nigel Balchin, nach einem Roman von Philip MacDonald
Besetzung: Van Johnson, Vera Miles, Cecil Parker, Patricia Laffan, Maurice Denham, Estelle Winwood, Liam Redmond, Martin Benson, Isobel Elsom, Natalie Norwick
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © Al!ve AG / Pidax Film

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Logan Lucky – Steven Soderbergh ist zurück

Logan Lucky

Von Simon Kyprianou

Thriller // 2013 hielt Steven Soderbergh auf dem San Francisco Film Festival eine vielbeachtete Rede über den aktuellen Zustand des Kinos und beschließt in als Filmemacher „in Rente“ zu gehen, sein letzter Film sollte der fürs Fernsehen inszenierte „Liberace – zu viel des Guten ist wundervoll“ werden. Vier Jahre später kehrt er mit „Logan Lucky“ doch wieder ins Kino zurück, sein nächster Film – der auf einem iPhone gedrehte „Unsane“ – ist auch schon fertig und wird auf der Berlinale Premiere feiern. Während seiner kurzen, selbst verordneten „Rente“ hat er zwei Staffeln seiner HBO-Serie „The Knick“ gedreht, von Ruhestand konnte also sowieso keine Rede sein.

Die Familie Logan zieht den Überfall gemeinsam durch

„Logan Lucky“ eignet sich gut für Soderberghs Kino-Rückkehr, für den Regisseur der „Oceans“-Reihe ist das Genre des Heist-Films bekanntes Terrain und man merkt dem Film Soderberghs Lust am Inszenieren an. Und sowieso ist das Genre des Heist-Movies ein sehr filmisches Genre, weil es so sehr um Beobachtung geht: die Beobachtung des Ortes, die Beobachtung der entscheidenden Mechanismen, die Beobachtung des Geldflusses – der Raubzug selbst ist dann wie eine Kettenreaktion, auch wunderschön zu beobachten. Und so unterschiedlich die Filme von Steven Soderbergh auch oft sind, sie verbindet, dass der Regisseur vornehmlich an Strukturen, Texturen, Kompositionen und Rhythmus interessiert ist und weniger an Dialogen oder Erklärungen. Folglich macht Soderbergh Kamera und Schnitt unter verschiedenen Pseudonymen auch selbst und auch das vermeintlich von der unbekannten Rebecca Blunt verfasste Drehbuch stammt angeblich von Soderbergh persönlich.

Überfall auf ein NASCAR-Büro

Natürlich erinnert „Logan Lucky“ inhaltlich und strukturell an die „Oceans“-Reihe, es ist eher der Kontext, den Soderbergh austauscht: Aus Las Vegas wird der heruntergekommene Süden, aus den Gentleman-Gangstern mit Charme und Geld werden die etwas dumpfbackigen, von Pech verfolgten Logan-Brüder. Jimmy (Channing Tatum) hatte eine große Karriere als Football-Star vor sich, aber eine Knieverletzung lässt den Traum platzen, jetzt ist der geschiedene Vater arbeitslos und pleite. Immerhin ist seine kleine Tochter obenauf, die eifrig an Schönheits- und Talentwettberwerben teilnimmt. Jimmys Bruder Clyde (Adam Driver) hat im Irakkrieg einen Arm verloren und jobbt als Barmann in einer kleinen Kneipe. Die Schwester Mellie (Riley Keough) arbeitet als Friseurin. Der verzweifelte Jimmy plant einen Überfall auf den Tresor einer NASCAR-Rennstrecke, er hat einen vermeintlich perfekten Plan. Aber dafür müssen sie zuerst den Sprengstoffprofi Joe Bang (Daniel Craig) aus dem Gefängnis holen.

Dafür brauchen sie die Hilfe von Joe Bang

Es ist ein schöner Film geworden, inszenatorisch sicher, Soderbergh erzählt ökonomisch und schnell. Nicht ganz so schön wie „Ocean 11“ oder „Ocean 12“, dafür ist er zu inkonsistent im Tonfall, verlässt sich dann doch nicht immer genug auf seine Bilder und ist immer im Zwiespalt zwischen dem strengen durchstrukturierten Aufbau, den kalten, distanzierten Beobachtungen und der Lockerheit, die von den Figuren kommt – als könne sich Soderbergh nicht entscheiden. Dafür dringt Soderbergh zu seinen Figuren durch und dreht mit „Logan Lucky“ zweifellos den witzigsten Film seiner Karriere, mit wunderbaren Schauspielleistungen, insbesondere von Adam Driver und Daniel Craig.

Filme über Trump-Wähler?

Oft wurde in Rezensionen zu „Logan Lucky“ angemerkt, Soderberghs Figurenpersonal stamme eben aus der gesellschaftlichen Schicht, aus der auch die Mehrheit der Trump-Wähler kommt, aus der weißen Unterschicht, die enttäuscht vom eigenen Land und den Lebensbedingungen ist. Es ist sicher begrüßenswert, dass sich Soderberghs Film diesen Menschen zuwendet, und das sehr emphatisch, ohne sie in ihrer Einfachheit bloßzustellen, aber es ist glücklicherweise auch nicht so, als würde Soderbergh einen aufdringlichen politischen Überbau konstruieren.

Der sitzt leider im Gefängnis

„Logan Lucky“ ist ein amüsanter Film, der sich aber leider zu jedem Zeitpunkt der Handlung so anfühlt, als bleibe er unter Sonderbergs Möglichkeiten, als verstünde der Regisseur ihn nur als Fingerübung. So oder so – jede von Soderberghs Regiearbeiten ist interessant, seine Rückkehr zum Kino erfreulich.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Soderbergh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Hilary Swank in der Rubrik Schauspielerinnen, Filme mit Adam Driver und Channing Tatum unter Schauspieler.

Aber die Logan Brüder haben schon einen Plan

Veröffentlichung: 25. Januar 2018 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray, 4K-UHD-Blu-ray und DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 114 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Logan Lucky
USA 2017
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Rebecca Blunt
Besetzung: Channing Tatum, Adam Driver, Riley Keough, Daniel Craig, Katie Holmes, Katherine Waterston, Seth MacFarlane, Hilary Swank
Zusatzmaterial: Deleted Scenes, Making-of, Interviews
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2018 Studiocanal Home Entertainment

 

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Achterbahn – Hoch spannende Fahrt

Rollercoaster

Von Andreas Eckenfels

Thriller // Am frühen Morgen spaziert in Norfolk im US-Bundesstaat Virginia ein junger Mann (Timothy Bottoms) auf einem Pier entlang. An einer Bank macht er Halt und öffnet seinen Koffer, der Angelausrüstung enthält. Doch heraus holt er ein Fernglas. In aller Ruhe beobachtet der Mann die Holzachterbahn „Rocket“ des Ocean View Amusement Parks, der am anderen Ende des Sees gelegen ist. Er sieht einen Arbeiter, der in schwindelerregender Höhe die Gleise der Achterbahn überprüft. Der junge Mann fasst einen Plan, den er am nächsten Tag in die Tat umsetzt. Bei dem Attentat auf die Achterbahn sterben mehrere Menschen.

Kein Katastrophenfilm

In den 70er-Jahren brachten Katastrophenfilme die Leinwände regelmäßig zum Beben. Die Zerstörungswut kannte in „Airport“ (1970), „Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972), „Erdbeben“ (1974) und „Flammendes Inferno“ (1974) keine Grenzen. Auch „Achterbahn“ wird häufig fälschlicherweise mit dem Siegel „Katastrophenfilm“ abgestempelt, dabei handelt es sich um einen handfesten Thriller. Zwar müssen in dem Werk von James Goldstone („Indianapolis“) eine große Anzahl an Menschen um ihr Leben fürchten. Doch die Bedrohung geht nicht wie sonst üblich von einem technischen beziehungsweise menschlichen Versagen oder einer Naturkatastrophe aus, sondern von einem eiskalten Attentäter, der die Betreiber verschiedener Vergnügungsparks erpresst. Er fordert eine Million US-Dollar, sonst lässt er weitere Achterbahnen im ganzen Land in die Luft gehen. Der Sicherheitsinspektor Harry Calder (George Segal) wird dazu auserkoren, das Geld zu überbringen. Der Beginn eines hochspannenden Katz-und-Maus-Spiels.

Suspense, Angst und Vergnügen

Goldstone nutzt in „Achterbahn“ das Mittel der Suspense im besten Sinne nach Alfred Hitchcock: Der Zuschauer weiß immer ein Stück mehr als die Protagonisten, die den Täter stoppen wollen. Während in der brillant inszenierten Eingangssequenz, in der fast 15 Minuten kaum ein Wort gesprochen wird, und die Musik immer wieder zwischen bedrohlich klingenden Cellos und fröhlicher Jahrmarktsmusik hin und her wechselt, ist die Spannung zum Greifen nahe. Immer wieder rast eine vollbesetzte Bahn über die Gleise. Die Passagiere schreien vor Angst und Vergnügen – doch wann wird der Erpresser die Bombe zünden?

Als Gegenpol zu Timothy Bottoms wortkargem Attentäter, dessen Name und Beweggründe für seine Taten während der kompletten Spielzeit nicht genannt werden, fungiert George Segal als Harry Calder. Der geschiedene Sicherheitsinspektor ist keiner, der sich aus der Verantwortung stiehlt. Er ist überaus pflichtbewusst, mitfühlend – und will unbedingt das Rauchen aufgeben, was für einige Schmunzler sorgt. Calder unterzieht sich deswegen gleich zu Beginn einer Schocktherapie, später sucht er vergeblich nach Zigaretten, die in den Stresssituationen für kurzzeitige Entspannung sorgen sollen. Gleichzeitig hat er aber keine Probleme damit, seinen Vorgesetzten ordentlich die Meinung zu geigen und die werden immerhin von zwei Hochkarätern verkörpert: Henry Fonda und Richard Widmark. In ihrer ersten Kinorolle ist außerdem die damals 14-jährige Helen Hunt (Oscar für „Besser geht’s nicht“) als Calders Tochter zu sehen. Auch der damals noch unbekannte Steve Guttenberg („The Day After – Der Tag danach“) hat einen kurzen Auftritt.

Sensurround lässt die Kinosäle beben

„Achterbahn“ war einer von insgesamt nur fünf Filmen, die im Sensurround-Tonverfahren in den Kinos wiedergegeben wurden. Bei einer Vorführung in den USA soll bei den extrem tiefen Tönen sogar ein Teil der Decke heruntergekommen sein. In der Heimkinovariante kann dieses Gefühl nicht nachempfunden werden. Dafür fährt der Zuschauer aber durch einige eingestreute Egoperspektiven bei voller Geschwindigkeit in der Achterbahn mit.

Beim Kauf auf die Neuauflage achten

Zum 40. Geburtstag hat Koch Films die weltweit erste HD-Version von „Achterbahn“ veröffentlicht – und dies auch noch ungeschnitten. In der vorigen DVD-Fassung von Universal fehlten einige Sequenzen. Bevor die rasante Fahrt losgeht, sollte man allerdings beim Blu-ray-Kauf darauf achten, dass man nicht die Erstauflage mitnimmt. Dort sind die einst fehlenden Szenen nur im O-Ton mit deutschen Untertiteln enthalten. Es handelt sich dabei um einen Fehler, wie ein Koch-Mitarbeiter unter anderem im Cinefacts-Forum bestätigte. Eigentlich sollte der Film in einer komplett synchronisierten Version vorliegen. Ein Austausch der bereits erworbenen Blu-ray ist unter kundenservice@kochmedia.com möglich. Die Neuauflage soll daran zu erkennen sein, dass sie keinen O-Card-Schuber besitzt. Koch Films versendet sie seit Ende Januar an Kunden, die sich bereits gemeldet haben. Zeitgleich sollte sie auch in den Läden stehen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Henry Fonda und Richard Widmark sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 23. November 2017 als Blu-ray, 20. Oktober 2005 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray, ungeschnitten), 114 Min. (DVD, geschnitten)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Rollercoaster
USA 1977
Regie: James Goldstone
Drehbuch: Sanford Sheldon, Richard Levinson, William Link, Tommy Cook
Besetzung: George Segal, Timothy Bottoms, Henry Fonda, Richard Widmark, Harry Guardino, Susan Strasberg, Helen Hunt
Zusatzmaterial: Trailer, Radiospots, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, Interview mit Autor Tommy Cook, Featurette „Die Achterbahn heute“
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels
Packshot: © 2017 Koch Films

 

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