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Don Siegel (VI) / Clint Eastwood (XVI): Flucht von Alcatraz – Die Sehnsucht nach Freiheit

Escape from Alcatraz

Von Simon Kyprianou

Knast-Thriller // „Flucht von Alcatraz“ ist die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Don Siegel und Clint Eastwood und gleichzeitig auch einer der letzten Filme die Siegel gedreht hat – seine Karriere beginnt bereits Mitte der 40er-Jahre, dauert 1979 also schon stolze 35 Jahre an. Mit „Flucht von Alcatraz“ zeigt sich Siegel am Ende dieser langen Laufbahn als ausgereifter und stilsicherer Handwerker und präsentiert extrem elegant und ökonomisch erzähltes Spannungskino.

Häftling Frank Morris …

In den ersten Szenen sieht man, wie der Verbrecher Frank Morris (Clint Eastwood) in der Nacht mit einem Boot nach Alcatraz gebracht wird. Die letzten Szenen des Films zeigen, wie er und seine Kumpane die Insel über das Meer verlassen – erneut des Nachts; über ihr Schicksal danach erfahren wir nichts. Auch über den Verbleib der realen Vorbilder, auf deren Geschichte „Flucht von Alcatraz“ beruht, ist nichts bekannt. Dazwischen liegen 107 Minuten präzise ausgearbeitetes Spannungskino, angetrieben von der existentialistischen Sehnsucht nach Freiheit.

Das menschenverachtende System Alcatraz

Das Drehbuch von Richard Tuggle – er hat auch Eastwoods Film „Der Wolf hetzt die Meute“ geschrieben – skizziert behutsam ein gelungenes Figurenensemble, das keine Figur zum bloßen Stichwortgeber degradiert. Jede Figur besitzt ihre eigene Geschichte, und der Plan zur Flucht ergibt sich ganz organisch aus dem Zusammentreffen dieser Geschichten und Schicksale. Siegel zeigt den Gefängnisalltag und zeichnet Alcatraz als menschenunwürdiges Gefängnissystem unter der Leitung eines eiskalten Direktors, seine Empathie gehört zweifellos den Insassen, die sich gegen ein solches System zur Wehr setzen. Trotzdem ist sein Stil nüchtern und angenehm unsentimental.

… zieht in Alcatraz ein …

Clint Eastwood ist der ideale Darsteller für die Rolle des Alcatraz-Häftlings, eben weil er ein extrem physischer Darsteller ist und Gefängnisfilme immer auch Körperkino sind – das Kino der eingesperrten, beengten, ihrer Möglichkeiten beraubten Körper, der unter großer körperlicher Anstrengung vollzogene Ausbruch bedeutet das Zurückgewinnen des eigenen Körpers. Die körperlichen Anstrengungen die für den Ausbruch nötig sind – die Stunts sind hervorragend und offenbar von den Schauspielern zu großen Teilen selbst ausgeführt – sind also an sich schon eine Befreiung.

Eine Blume in der San Francisco Bay

Die detailliert gezeigte und entschleunigt dargestellte, aber immer von effektiven Spannungsmomenten durchsetzte Ausbruchsplanung und insbesondere die Durchführung der Flucht in der letzten halben Stunde erinnern an das Kino Jean-Pierre Melvilles, insbesondere an die sich fast in kompletter Stille vollziehende Einbruchssequenz aus „Vier im roten Kreis“. Am Ende bleibt von den Ausbrechern nur eine Blume, die in der Bucht von San Francisco im Meer herumtreibt, alles andere ist ungewiss. „Flucht von Alcatraz“ gehört zu Siegels besten Filmen, sicher auch schön im Double Feature mit John Frankenheimers wunderbarem „Der Gefangene von Alcatraz“ von 1962.

… und muss sich im Knastalltag behaupten

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Clint Eastwood und/oder Don Siegel sind in unserer Rubrik Regisseure zu finden – auch Eastwoods Schauspielarbeiten.

Veröffentlichung: 3. Januar 2013 als Blu-ray, 4. Februar 2003 als DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch
Originaltitel: Escape from Alcatraz
USA 1979
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Richard Tuggle, nach einer Vorlage von J. Campbell Bruce
Besetzung: Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Roberts Blossom, Paul Benjamin, Larry Hankin
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Paramount (Universal Pictures)

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2013 Paramount (Universal Pictures)

 

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Twin Peaks – Der Film: Die letzten Tage der Laura Palmer

Twin Peaks – Fire Walk with Me

Von Simon Kyprianou

Horrorthriller // Nachdem der Verlauf der zweiten Staffel von „Twin Peaks“ 1991 nicht den Vorstellungen von David Lynch entsprach, wollte er mit dem Film „Twin Peaks – Fire Walk with Me“ noch einmal in das Twin-Peaks-Universum zurückkehren. Eigentlich war es von Lynch und seinem Partner Mark Frost angedacht gewesen, den Mörder von Laura Palmer nie zu enthüllen, aber Lynch gab dem Druck des Senders nach und enthüllte ihn in der Mitte der zweiten Staffel. Danach entfernt sich die Handlung von dem ursprünglichen zentralen Mordfall und das Interesse des Publikums nahm stetig ab – obwohl die zweite Staffel wesentlich besser ist als ihr Ruf; einige der schönsten Folgen der Serie finden sich darin.

Rückkehr nach Twin Peaks

Enttäuscht von diesen Entwicklungen wollte Lynch mit dem Film zu seiner eigentlichen Vorstellung von „Twin Peaks“ zurückkehren und als eine Art Sequel zur Serie die letzten Tage im Leben von Laura Palmer nachzeichnen. Der Film konnte auch nicht mehr an den Erfolg der ersten Staffel anknüpfen und wurde vom Publikum und einem Großteil der Filmkritik verrissen.

Dabei fasziniert „Twin Peaks – Der Film“ durchaus. Befreit von der seriellen Struktur und ihren narrativen Zwängen kann Lynch komplett frei drehen: Handlungsstränge werden aufgegriffen und plötzlich wieder fallen gelassen, die Hauptfigur der Serie, Dale Cooper (Kyle MacLachlan), ist gerade mal für wenige Minuten zu sehen, ebenso David Bowie in einer bizarren Nebenrolle.

Der Dämon im Vater

Im Zentrum steht der psychische Zerfall von Laura Palmer (Sheryl Lee), die immer mehr in einen inneren Abgrund gleitet: verfolgt vom Dämon Bob (Frank Silva), der den Körper ihres Vaters (Ray Wise) übernommen hat und der in ihren Körper eindringen will. Sie ist abhängig von Kokain und unfähig, ihr Leid ihren Freunden mitzuteilen. Im Gegensatz zu den Serienepisoden verzichtet Lynch hier auf ein gradliniges Narrativ und erzählt seinen Film eher in einer Aneinanderreihung aufgeladener Momente. Er zeichnet faszinierende Horrorgemälde, Einzelmomente, von denen ein unglaublicher Schrecken ausgeht. Natürlich lässt der Film manche Elemente der Serie vermissen, der Humor und die Campiness beispielsweise, was wohl ein Grund dafür war, dass viele Freunde der Serie ihn nicht mochten.

„Twin Peaks – Der Film“ ist ein Destillat aus Momenten des Zerfalls, ein harter Film, ein glasklares Bild jener Schreckenswelt, die in der Serie permanent angedeutet wird. Am Ende bebildert Lynch sogar ganz explizit die Mordnacht, die in der Serie mühsam rekonstruiert wird, aber doch immer nur eine vage Horrorvorstellung bleibt.

David Lynchs Haus- und Hofkomponist Angelo Badalamenti

Angelo Badalamentis Soundtrack zum Film – seine Musik zur Serie ist ja ein ganz entscheidender Teil ihrer DNA – ist bemerkenswert. Seine Kompositionen, die unbehaglich fließend von Zärtlichkeit zu absolutem Schrecken wechseln können, tragen Lynchs Bilder in all seinen Filmen. Badalamentis Melodien fügen sich wunderbar zu Twin Peaks, einer oberflächlich heilen, zarten Welt, die in Sekundenschnelle zerfallen und den Blick in Abgründe eröffnen kann. Zum Start der dritten Staffel, bei der Lynch nach jahrelanger Regieabstinenz bei allen Folgen Regie führte, lohnt es sich, auch „Twin Peaks – Der Film“ wieder zu entdecken.

Veröffentlichung: 2. November 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 135 Min. (Blu-ray), 130 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Twin Peaks – Fire Walk with Me
Deutscher Alternativtitel: Twin Peaks – Der Film: Die letzten 7 Tage im Leben der Laura Palmer
USA/F 1992
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch, David Engels
Besetzung: Sheryl Lee, Ray Wise, Frank Silva, Moira Kelly, James Marshall, Kyle MacLachlan, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, David Bowie, Heather Graham, Miguel Ferrer, Chris Isaak, Moira Kelly, Peggy Lipton, James Marshall, David Lynch
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2017 by Simon Kyprianou

Packshots: © 2012 Concorde Home Entertainment

 

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Die Narbenhand – Wenn „Meilenstein“ das richtige Wort ist

This Gun for Hire

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Auftragskiller Raven (Alan Ladd) erbeutet eine chemische Formel und ermordet pflichtbewusst den Mann, der sie gestohlen hatte. Sein Auftraggeber Willard Gates (Laird Cregar) jedoch bezahlt ihn mit markierten Geldscheinen und zeigt den angeblichen Diebstahl der Scheine bei der Polizei an. Raven beschließt, sich an Gates zu rächen, dessen Hintermänner offenbar geschäftliche Beziehungen zu den Japanern unterhalten. Dabei trifft er auf die schöne Ellen Graham (Veronica Lake), die in Gates‘ Nachtclub arbeiten soll, um ihn auszuspionieren. Grahams Verlobter, Detective Lieutenant Michael Crane (Robert Preston), ist jedoch bereits hinter Raven her – und mit ihm bald eine ganze Armada an Polizisten.

Raven (l.) lächelt äußerst ungern

„Die Narbenhand“ gilt neben „Die Spur des Falken“ (1941) als wahrscheinlich wichtigster richtungsweisender Vertreter des ganz frühen Film noirs. Die Figur des Raven setzte Maßstäbe für die vielen psychologisch komplex angelegten Antihelden, die der Noir in der Folge hervorbrachte. Basierend auf dem 1936 erschienenen Roman „A Gun for Sale“ des britischen Autors Graham Greene, der in den USA bereits im selben Jahr als „This Gun for Hire“ veröffentlicht wurde – deutscher Titel: „Das Attentat“ –, sorgte der Film zudem für Alan Ladds Durchbruch in Hollywood. Ladd wurde von Fans und Kritik so sehr für seine Darbietung gefeiert, dass er zum Star des Films avancierte, obwohl er im Vorspann noch von Veronica Lake, Robert Preston und Laird Cregar überragt wurde. Besonders eine Szene hat es in sich, in der Raven sein Schicksal als Junge und die Misshandlungen durch seine Tante schildert. Produktionsunterlagen weisen darauf hin, dass es ursprünglich auch Filmmaterial mit dem jungen Raven und seiner Tante geben sollte, das jedoch aus dem finalen Film entfernt wurde. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass dies die bloßen Beschreibungen der Vorfälle durch Raven umso eindrücklicher macht. Insgesamt wurden vor Veröffentlichung des Films aber angeblich mehr als zehn Minuten gekürzt – vermutlich also auch weitere Szenen. Ladd überzeugt, gekrönt von dieser Szene, durchweg als gebrochener Mann, der erst für Geld und schließlich für seine Ideale kämpft. Seine Darstellung des Killers beeinflusste viele nachfolgende Killer-Darstellungen der Filmgeschichte unmittelbar – wobei Alain Delon in „Der eiskalte Engel“ (1967) lediglich eines der offensichtlichsten Beispiele ist.

Nicht nur als Noir wegweisend

Beachtlich ist, dass der Film nicht nur für den Noir und seine Figurenkonzeptionen Maßstäbe setzte, sondern dass die Geschichte auch deutliche Ideenvorlagen für spätere Agentenfilme aufweist – sei es der Plot um die gestohlene chemische Formel oder das Finale im Hauptquartier des Oberschurken. Da darf auch das eine oder andere kuriose Utensil nicht fehlen, das sich der Protagonist zunutze macht, wie in dem Fall eine, wie es diesen nun einmal eigen ist, absonderlich aussehende Gasmaske, die der Protagonist zur Tarnung nutzt, um sich einzuschleichen. Aus heutiger Sicht erstrahlt der Film gewissermaßen in fast alle Richtungen wie eine Arbeit großer Pioniere – da passt es auch recht gut ins Bild, dass es genau dieser Film war, von dessen Set Paramount über seine hauseigene experimentelle TV-Station ein Interview mit Veronica Lake und Alan Ladd live übertragen ließ, das zum damaligen Zeitpunkt nur wenige Haushalte in Los Angeles empfangen konnten, da kaum jemand einen entsprechenden Fernsehempfang besaß.

Taut der Killer auf?

Es verwundert wenig, dass „Die Narbenhand“ allein in den USA im Jahr der Erstveröffentlichung bereits mehr als das Doppelte der Produktionskosten einspielte. Schon im Vorfeld des Drehs hatte Alan Ladd einen langfristigen Vertrag mit Paramount unterzeichnet, nachdem er sich nach langer, ausführlicher Suche schließlich als Besetzung des Raven hatte durchsetzen können. Bis dato hatte die Produktion immer wieder Schwierigkeiten gehabt, in die Gänge zu kommen. Bereits im Jahr der Buchveröffentlichung gab es Pläne für eine Verfilmung. Zunächst sollte Gertrude Michael die Hauptrolle spielen, dann Ida Lupino. Für die männlichen Hauptrollen waren Akim Tamiroff und Ray Milland im Gespräch. Als man 1941 schließlich einen weiteren Versuch wagen wollte, konnte sich der nun auf das Projekt angesetzte Regisseur Frank Tuttle trotz diverser ihm angebotener Stars lange Zeit nicht auf eine Besetzung für Raven festlegen und war schließlich erst zufrieden, nachdem Alan Ladd für die Rolle vorgesprochen und Probeaufnahmen gemacht hatte. Den ihn jagenden Polizisten und Freund von Ellen Graham sollte ursprünglich nun Macdonald Carey spielen, der aber kurzfristig von Robert Preston ersetzt wurde. Nicht unbedingt ein Glücksgriff, da Preston sowohl von Ladd als auch Laird Cregar gehörig die Show gestohlen wird. Die Rolle ist enttäuschend blass und die Darstellung folgt allen nur denkbaren Klischees des Liebhabers der Hauptdarstellerin. Einer der wenigen Schwachpunkte dieses Meilensteins der Filmgeschichte.

Bitte mehr davon!

Paramount setzte Veronica Lake und Alan Ladd im Zuge des Erfolges gemeinsam auf „Der gläserne Schlüssel“ an, ehe Ladd schließlich in „Gangsterfalle“ erneut mit Regisseur Frank Tuttle zusammentraf – drei Filme, alle aus dem Jahr 1942, die seine Karriere unter komplett neuen Vorzeichen erscheinen ließen. Auf den Stoff von „Die Narbenhand“ besann man sich 15 Jahre später noch einmal und gab im Hause Paramount ein Remake in Auftrag: „Short Cut to Hell“, der in Deutschland unter dem Titel „Mit dem Satan auf Du“ erschien. Der Film erlangte vor allem deswegen eine gewisse Bekanntheit, weil er die erste und einzige Regiearbeit des Star-Schauspielers James Cagney wurde.

Auch vor Frauen und älteren Männern wird kein Halt gemacht

Gern mehr würde man von Laird Cregar sehen, der schon bald als aufstrebender Star in Hollywood galt, obwohl er mit seiner fülligen Figur keine typischen Heldenrollen zu verkörpern vermochte. Cregar spielte insgesamt nur 14 namentlich genannte Filmrollen, die im kurzen Zeitraum von 1941 bis 1945 auf den Leinwänden erschienen. Der letzte dieser Filme kam erst posthum ins Kino, da Cregar Ende 1944, kaum über 30 Jahre alt einem Herzinfarkt erlag. Gerade erst war er seinerzeit als Hauptdarsteller entdeckt worden und hatte unter der Regie des deutschen Regisseurs John Brahm in „Scotland Yard greift ein“ (1944), einer Adaption des Romans „The Lodger“, erstmals 1927 von Alfred Hitchcock verfilmt, die Rolle des Jack the Ripper gespielt, worauf mit „Hangover Square“ (1945) unmittelbar eine weitere Hauptrolle in einem Thriller folgte. Bereits 1941 war er außerdem in „I Wake Up Screaming“, einem anderen sehenswerten, frühen Noir zu erleben. „Die Narbenhand“ ist neben dem Stierkämpfer-Epos „König der Toreros“ (1941) und Ernst Lubitschs „Ein himmlischer Sünder“ (1943) aber sicherlich sein bekanntester und erfolgreichster Film. Sowohl seine Darstellung des geldgierigen Feiglings in „Die Narbenhand“ als auch die des Journalisten in „König der Toreros“, der in rasender Verehrung für den Stierkämpfer schwelgt, der jeweils gerade am erfolgreichsten ist, haben etwas Prototypisches und Mitreißendes an sich, womit dem Zuschauer das Gefühl gegeben wird, dass man die Rolle genau so spielen muss wie Laird Cregar es macht. In der Nachbetrachtung seines Schaffens haben Filminteressierte und -historiker unter anderem den bemerkenswerten Aspekt diskutiert, wie er in seiner Rolle in „König der Toreros“ – dem Journalisten, der seine Stierkampf-Helden in der Arena stets frenetisch bejubelt, sie nach oben schreit und schreibt, sich großspurig als Kenner ihrer Fähigkeiten ausgibt und damit vor anderen prahlt, ehe er seine Objekte der Begierde bei Misserfolg schließlich fallen lässt – eine verkappte Homosexualität verankerte, da Cregar selbst homosexuell war und dies vor der Öffentlichkeit geheim halten musste. Wer Lust hat, sich langsam in das Kino der 40er-Jahre hineinzuarbeiten, macht mit der leider überschaubaren Filmografie von Laird Cregar, die diverse Genres umfasst, als Einstieg in jedem Fall nichts verkehrt. Cregar war als Phänomen des aufstrebenden Schauspielers um die 30, der gerade in neue Dimensionen vorstieß, als er auf dem Höhepunkt seines Schaffens aus dem Leben gerissen wurde, für die 40er-Jahre gewissermaßen das, was Heath Ledger für die 2000er-Jahre war und verstörte als Jack the Ripper in seinem vorletzten Film in ähnlich ungeahnter Art und Weise wie Ledger in seinem vorletzten Film, „The Dark Knight“ (2008), als Joker.

Lohnende Veröffentlichung

Auch wenn es etwas überraschend ist, dass ein Film wie dieser vorerst nur auf DVD und nicht als Blu-ray erscheint, lohnt sich der Kauf absolut. Das Bild ist sehr gut und die Neusynchronisation mit Volker Brandt, dem Stammsprecher von Michael Douglas, in der Rolle des Killers Raven atmosphärisch zwar natürlich diskutabel, aber für Neusynchro-Verhältnisse trotzdem gut gelungen. Eine zeitgenössische Synchronisation, die maximal zehn Jahre jünger als der Film ist, existiert nun einmal insbesondere von Filmen der 30er- und 40er-Jahre oftmals nicht oder nicht mehr. Von „Die Narbenhand“ gab es tatsächlich eine deutsche Synchronfassung von 1951, die Stand heute aber nicht verfügbar ist und es möglicherweise auch nie mehr sein wird. Somit muss man mit der 1981 ebenfalls in Berlin entstandenen Synchronfassung vorlieb nehmen. Sprecherin von Veronica Lake war Traudel Haas, deren Stimme vor allem für Kristin Scott Thomas, Diane Keaton und Annette Bening bekannt ist. Als Stimme von Laird Cregar ist Klaus Sonnenschein zu hören, welcher unter anderem der langjährige Stammsprecher von Morgan Freeman war, und sich kürzlich zur Ruhe gesetzt hat. Für Robert Preston hört man Jürgen Kluckert – wie es der Zufall will Sonnenscheins Vorgänger und Nachfolger als Sprecher von Morgan Freeman. Bei so viel Expertise und noch vielen weiteren bekannten Stimmen in kleineren Rollen, muss man sich um die Synchronfassung, trotz dass sie fast 40 Jahre jünger als der Film ist, keine Sorgen machen. Dass der deutsche Titel, wohl bereits auf die 50er-Fassung zurückgehend, reißerisch „Die Narbenhand“ beschreit, obwohl man von Ravens versehrtem Handgelenk im Film nur sehr wenig sieht, sei den Verantwortlichen verziehen. Dass man den etwas umständlichen und luftleeren Titel „This Gun for Hire“ nicht einfach wörtlich übersetzen wollte, ist in diesem Fall sogar gut nachvollziehbar. Angeblich wurde der Film im deutschen Fernsehen zuweilen unter dem Titel „Killer zu vermieten“ ausgestrahlt. Ob dies wohl als satirische Anspielung auf den recht belanglosen Originaltitel gemeint war?

Die Polizei ist Raven auf den Fersen

Die Film Noir Collection von Koch Films:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)
24. Die Narbenhand (This Gun for Hire, 1942)
25. Die rote Schlinge (The Big Steal, 1949)

Veröffentlichung: 18. Mai 2017 als DVD

Länge: 78 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: This Gun for Hire
USA 1942
Regie: Frank Tuttle
Drehbuch: Albert Maltz, W. R. Burnett, nach einem Roman von Graham Greene
Besetzung: Veronica Lake, Robert Preston, Laird Cregar, Alan Ladd, Tully Marshall, Marc Lawrence, Olin Howland, Roger Imhof, Pamela Blake, Frank Ferguson
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Koch Films

 

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