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Archiv für den Monat Dezember 2017

Showgirls – Schundfilm oder verkannte Großtat?

Showgirls

Von Volker Schönenberger

Drama // Nomi (Elizabeth Berkley) trampt nach Las Vegas, um dort als Tänzerin Karriere zu machen. Kaum angekommen, wird ihr Hab und Gut geklaut. Glück im Unglück: Die Näherin und Kostümdesignerin Molly (Gina Ravera) nimmt sie bei sich auf. Die große Laufbahn im Showbusiness beginnt in einem billigen Stripclub. Das Blatt wendet sich, als der größte Star am Stripperinnen-Himmel auf Nomi aufmerksam wird: Cristal Connors (Gina Gershon) ist die Attraktion der angesagtesten Show von Vegas und verschafft Nomi ein Vortanzen. Bald gehört die junge Frau zum Ensemble, aber das reicht der ehrgeizigen Nachwuchs-Tänzerin nicht. Sie will die Nummer eins werden.

In einem billigen Stripschuppen beginnt Nomis Laufbahn

Hm – so recht erschließt sich mir der Bohei nicht, der seinerzeit um Paul Verhoevens Stripperinnen-Drama gemacht wurde. Waren Nacktszenen im Kino Mitte der 90er-Jahre noch so tabuisiert, dass „Showgirls“ solch ein Aufsehen erregen musste? Der niederländische Regisseur zeigt ausgiebig nackte Haut und blanke Brüste, was man für erotisch halten mag. Die Tanzszenen reißen allerdings nicht vom Hocker, da schauen wir uns doch lieber Filme wie Alan Parkers „Fame – Der Weg zum Ruhm“ (1980) und Richard Attenboroughs „A Chorus Line“ (1985) an, die zugegeben etwas anders gelagert sind. Die Eifersüchteleien und Beziehungen innerhalb der Tanz-Szenerie der Story wirken trivial und banal, die schauspielerischen Leistungen lösen bisweilen Stirnrunzeln aus. In Nebenrollen sind Kyle MacLachlan („Twin Peaks“) und Robert Davi („James Bond 007 – Lizenz zum Töten“) zu sehen.

Es hagelt Goldene Himbeeren

Sieben Goldene Himbeeren standen seinerzeit zu Buche. Zwei davon erhielt Hauptdarstellerin Elizabeth Berkley – als schlechteste Schauspielerin und als schlechtester neuer Star. Joe Eszterhas’ Drehbuch wurde ebenso mit dieser zweifelhaften Trophäe prämiert wie Verhoevens Regie, auch als schlechtester Film des Jahres erhielt „Showgirls“ 1996 eine Goldene Himbeere, im Jahr 2000 dann sogar als schlechtester Film des Jahrzehnts. Verhoeven hatte 1996 sogar den Schneid, bei der Verleihung zu erscheinen und seine Regisseurs-Himbeere persönlich abzuholen, das tun die wenigsten Hollywood-Größen. Allerdings ist diese Preisverleihung insgesamt doch eher als Hollywood-Kuriosum zu sehen und weniger als ernsthafte Filmkritik. Das dem Werk oft zugeschriebene Attribut „schlechtester Film aller Zeiten“ erscheint unverdient – da gibt es zahllose weit miesere Machwerke. Obwohl: „Showgirls“ verliert gerade in der zweiten Hälfte mit jeder Szene immer mehr, bis jedes Klischee abgearbeitet ist. In einigen Momenten ist die Frage erlaubt – und nicht wirklich zu beantworten –, was sich Drehbuchautor Eszterhas und Regisseur Verhoeven dabei wohl gedacht haben mögen. Eszterhas hatte zuvor auch das Skript zu Verhoevens „Basic Instinct“ (1992) geschrieben.

Am Ziel der Träume

Oder haben wir es gar mit einem missverstandenen Film zu tun? Es wäre nicht die einzige verkannte Regiearbeit Verhoevens. Das war ihm bereits 1987 mit „RoboCop“ passiert, das geschah ihm auch 1997 mit „Starship Troopers“. Beide Werke wurden als gewaltverherrlichend gebrandmarkt, dabei bieten sie hochintelligente Science-Fiction-Action mit einer gehörigen Portion Satire – und sind glücklicherweise längst rehabilitiert. Ist etwa auch „Showgirls“ als Satire zu verstehen, die das Showgeschäft der USA bloßstellt? Ich gestehe: Mir erschließt sich das nicht. Aber immerhin gelten Quentin Tarantino und Jacques Rivette als Fans des Films, das zählt schon etwas, auch wenn gerade Tarantino natürlich ein bekennender Freund von Schundfilmen ist.

Dank Kultstatus Erfolg auf dem Heimkino-Markt

Was „Showgirls“ seinerzeit an den Kinokassen verlor, holte er später in der Heimkino-Auswertung locker wieder rein – dem Kultstatus sei Dank, den er über die Jahre erlangte. Ich habe ihn nun zweimal geschaut, das ist an sich mindestens einmal zu viel, weil der Film insgesamt doch eher langweilt. Zum Zweck dieses Textes ging das aber in Ordnung und nicht als verlorene Lebenszeit durch. Und trotz „Showgirls“ gehört Paul Verhoeven für mich zu den interessantesten Filmemachern überhaupt. All seine bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Regiearbeiten sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Und Action!

Veröffentlichung: 28. Oktober 2011 als Blu-ray, 31. August 2009 und 23. Januar 2006 als DVD

Länge: 131 Min. (Blu-ray), 126 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Showgirls
F/USA 1995
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Joe Eszterhas
Besetzung: Elizabeth Berkley, Kyle MacLachlan, Gina Gershon, Glenn Plummer, Robert Davi, Alan Rachins, Gina Ravera, Lin Tucci, Greg Travis, Al Ruscio
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © Universum Film

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Ares – Wenn die Konzerne das Sagen haben

Arès

Von Volker Schönenberger

SF-Thriller // Paris in nicht allzu ferner Zukunft: Frankreich ist bankrott gegangen, die Konzerne haben die Staatsschulden übernommen und faktisch die Macht an sich gerissen. Arbeitslosigkeit und Elend sind groß. Der Boxer Reda (Ola Rapace) gehört zu denen, die die Massen mit Spielen ruhig halten sollen. Doping hat ihn gestählt, doch der Einsatz eines neuen Produkts der Pharmaindustrie hat zehn Jahre zuvor einen Schlaganfall verursacht. Zwar hat er sich davon erholt, doch im Ring dient er in den brutalen Vollkontakt-Kämpfen unter seinem Kampfnamen Arès nun vornehmlich als Kanonenfutter. Illusionen über Freiheit und Gerechtigkeit macht er sich keine: „Ich bin mehr für das Geld.“

Das Paris der nahen Zukunft …

Um seine Schwester Carla (Emilie Gavois-Kahn) und deren zwei Töchter kümmert sich Reda dennoch. Als Carla im Gefängnis landet, willigt er in ein gefährliches Experiment ein, um das Geld zu beschaffen, mit dem er ihre Freilassung zu erkaufen hofft: Er lässt sich das neue Dopingmittel HFX verabreichen und tritt erneut im Ring an. Als sein Gegner erweist sich allerdings der unbesiegbar scheinende Ranglistenerste Panzer (Laurent Zivy).

… wird von Unruhen erschüttert

Interessante Kombination: „Ares“ mischt Martial-Arts-Action mit einer dystopischen SF-Thriller-Handlung. Das erscheint nicht unproblematisch: Wer sich auf knackige Ultimate-Fighting-Auseinandersetzungen freut, kommt zwar ab und zu auf seine Kosten, muss sich aber in der Zwischenzeit mit der Science-Fiction-Story befassen. Science-Fiction-Fans ohne Interesse an Kampfsport wiederum werden sich womöglich an den brutalen Auseinandersetzungen stören. Die Fähigkeit, etwas über den Tellerrand zu schauen, hilft somit ungemein, dann erschließt sich einem der Reiz der französischen Produktion, die eine düstere Story in düstere urbane Bilder packt. Hauptdarsteller Ola Rapace überzeugt als wortkarger Einzelgänger, der seine Scheißegal-Haltung abwirft, um seine Familie zu beschützen. Übermäßig gewalttätig geht es aber nicht zu, die FSK-16-Freigabe für die ungeschnittene Fassung erscheint angemessen.

Die Macht der Konzerne

Eine der Aufgaben der Science-Fiction ist es, mit einem Blick auf kommende Zeiten Aussagen über das Hier und Heute zu machen. Das gelingt Jean-Patrick Benes („Vilaine“) mit seinem ersten Langfilm als alleiniger Regisseur sehr gut. Manche Bürgerinnen und Bürger halten Kritik an der Macht der Konzerne für übertrieben. All jene, die das nicht tun, erhalten einen Blick in eine mögliche Zukunft, die vielleicht gar nicht allzu weit von unserer Realität entfernt ist. Braucht die Menschheit, braucht unser System eine Revolution?

Die Herrschenden wollen die Massen ruhig halten

Der schwedische Schauspieler Ola Rapace („Mankells Wallander“) heißt eigentlich Pär Ola Norell. Als er 2001 seine Kollegin Noomi Norén („Prometheus – Dunkle Zeichen“) heiratete, wählten die beiden als neuen Familiennamen Rapace. Die beiden haben einen Sohn, sind aber seit 2011 geschieden.

Reda alias Arès lässt sich dopen

Veröffentlichung: 4. Januar 2018 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray 3D (inkl. 2D-Fassung), Blu-ray und DVD

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Arès
F 2016
Regie: Jean-Patrick Benes
Drehbuch: Jean-Patrick Benes, Allan Mauduit
Besetzung: Ola Rapace, Micha Lescot, Thierry Hancisse, Hélène Fillières, Ruth Vega Fernandez, Eva Lallier, Louis-Do de Lencquesaing, Élina Solomon, Yvon Martin, Pierre Perrier
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2018 Tiberius Film

 

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Soldaten der Apokalypse – Das Massaker von Nogeun-ri

Jageun yeonmot

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Im südkoreanischen Dorf Nogeun-ri geht das Leben einen Monat nach Ausbruch des Koreakriegs seinen gewohnten Gang. Die Polizei durchsucht zwar schon mal ein Haus, und man sorgt sich um das Vordringen der „Roten“, aber der Ort ist so abgelegen, dass nur wenige Nachrichten über das Geschehen dorthin vordringen. Die Männer spielen in der Mittagshitze „Go“, die Kinder streiten, die Frauen wachen über das Alltagsleben.

Nach der Überquerung einer Brücke …

Dann fährt ein Militärjeep vor, und ein japanischer Soldat rät den Dörflern dringend zur Flucht – bald werde die Gegend zum Kriegsschauplatz. Ohne Murren und Knurren oder gar Panik brechen die Dörfler auf. Des Abends lassen sie sich auf einer schmalen Straße von US-Soldaten von der Straße drängen, verbringen die Nacht auf Steinen an einem Flussufer, um morgens weiterzuziehen. Wieder treffen sie auf GIs, die sie von der Straße drängen, damit ein Konvoy von Lastwagen vorbeifahren kann. Kurz darauf erneut ein Halt auf einer Bahntrasse in der Nähe eines Teichs. Rüde untersuchen weitere US-Soldaten das Gepäck der Flüchtenden und nötigen sie, an Ort und Stelle auszuharren. US-Kampfflugzeuge überfliegen den Trupp, und urplötzlich bricht das Inferno aus.

… halten US-Soldaten die Flüchtlinge auf

Bedächtig und ohne jedes Pathos zieht sich die Handlung eine Dreiviertelstunde lang hin, bietet den Zuschauern so mit ruhiger Hand Einblick in eine friedliche Dorfgemeinschaft, die nichts Böses ahnt. Umso nachhaltiger entfaltet sich in der Folge die Wirkung des Gezeigten, wenn in drastischen Bildern das Massaker an einer harmlosen Schar von Zivilisten gezeigt wird. Mit dem ersten Bombeneinschlag in der Menschenmenge lässt „Soldaten der Apokalypse“ die Schrecken des Krieges ganz nah an die Zuschauer heran – der plakative deutsche Titel ist für diese Flüchtlinge gar nicht übertrieben. Etliche Szenen brennen sich ins Gedächtnis, etwa wenn ein kleines Mädchen in einer ruhigen Phase nach einem Glühwürmchen greift und ihm die Finger abgeschossen werden.

Nach einer wahren Begebenheit im Koreakrieg

Beim Massaker von Nogeun-ri starben Ende Juli 1950 hunderte koreanischer Zivilisten, als sie auf der Flucht vor nordkoreanischen Truppen unvermittelt von US-Kampfflugzeugen bombardiert und etwas später auch von US-Bodentruppen beschossen wurden. Die Bluttat ist lange belegt und seitens der USA eingeräumt, neuere Erkenntnisse deuten sogar an, dass es sich keineswegs um ein Versehen handelte, sondern gezielten Massenmord – siehe bei Spiegel Online und der Washington Post.

Es gibt keine Deckung

Vorsicht, Binsenweisheit: Im Krieg sterben Unschuldige und Unbeteiligte, so viel ist sicher. Lee Sang-woo hat diese Erkenntnis in seiner bislang einzigen Regiearbeit zu einer aufrüttelnden Anklage eines verbrecherischen US-Militäreinsatzes aufgearbeitet. Die Antikriegsbotschaft ist unübersehbar, da „Soldaten der Apokalypse“ trotz heftiger Gewalteruption nie exploitativ wirkt. Das Drama hat mehr Beachtung verdient.

Auch nicht für Kinder

Veröffentlichung: 3. Dezember 2012 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Jageun yeonmot
Internationaler Titel: A Little Pond
KOR 2009
Regie: Lee Sang-woo
Drehbuch: Lee Sang-woo, nach dem Tatsachenroman „Kennst du unseren Schmerz“ von Jeon Eun-yong
Besetzung: Mun Seong-kun, Kim Roe-ha, Jeon Hye-jin, Shin Myeong-cheol, Michael Frederick Arnold, Bae Hye-min, Goo Hye-min, Hong Ji-soo, Im Geum-hee, San Im, Jeong Da-eun
Zusatzmaterial: Making-of, Interviews, Highlights, Trailer, Bildergalerie, Wendecover
Vertrieb: KSM GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos: © 2012 KSM GmbH

 

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