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Billy Wilder (IV): Das verlorene Wochenende – Hollywoods erstes Alkoholikerdrama

16 Apr

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The Lost Weekend

Für diesen Gastbeitrag bedanken wir uns bei Bianca Mewes, die mit ihrem Ehemann Marco den „etwas anderen Filmblog“ Duoscope betreibt.

Drama // Don Birnam (Ray Milland) ist Schriftsteller, allerdings erfolglos. Er lebt bei seinem Bruder und führt eine Beziehung zu Helen (Jane Wyman), die ihn liebt und unterstützt. Denn Birnam ist Alkoholiker. Um nicht mit seinem Bruder über das Wochenende verreisen zu müssen, bedient er sich einer Notlüge und verbringt die Tage allein, mit dem Versprechen, das Trinken aufzugeben. Zunächst scheint er seinen Schwur einhalten zu können, doch das Wochenende ist lang …

Bei diesem Sujet vermutet man Regisseure wie Fred Zinnemann oder William Wyler – und doch ist es der bei uns in erster Linie für seine Komödien gerühmte Billy Wilder, der Hollywood 1945 das erste realistische Alkoholikerdrama schenkt.

Lektüre im Zug

Wilder liest Charles R. Jacksons Roman „The Lost Weekend” während einer Zugfahrt und ist sofort begeistert. „Mich hat diese schonungslose Genauigkeit fasziniert, mit der der Autor zeigt, wohin Alkohol einen Alkoholiker bringt – es war für mich eine Krankenstudie, die Geschichte eines rapiden Verfalls ohne Beschönigungen“, sagt er über seine Themenauswahl. Noch von unterwegs leitet er alle notwendigen Schritte ein, um die Rechte zur Verfilmung zu bekommen und schreibt mit seinem geschätzten Kollegen Charles Brackett das Drehbuch.

Bis 1945 spielten Alkoholiker in Hollywood eher eine – oft slapstickhafte – Nebenrolle. Man erinnert sich an Katharine Hepburn in „Die Nacht vor der Hochzeit“ (1940) und Charlie Chaplin in „Ein Uhr nachts“ (1916). Als dramatische Hauptfigur wurden sie – aufgrund der einhergehenden nihilistisch-depressiven Story – bisher vernachlässigt. Und auch Wilder hat schwere Kämpfe mit dem Studio und den Produzenten zu führen, bevor er sein Projekt umsetzen kann.

Die Prohibition und der Krieg als Hemmschuh

1945 ist die Prohibition gerade gut zehn Jahre überstanden. Wilders Studio Paramount weigert sich zunächst, den Stoff zu verfilmen. Zudem herrscht in Europa Krieg, Amerika ist vor einem Jahr beigetreten. Die Studiobosse sind unschlüssig, das Publikum mit solch einem destruktiven und neuartigen Stoff zu konfrontieren. Darüber hinaus sind die Diskussionen um die Prohibition noch frisch in den Köpfen der Menschen, man will sie nicht erneut lostreten. Doch Wilder hat mit „Frau ohne Gewissen“ ein Jahr zuvor bewiesen, dass er ein Händchen für realistische, düstere Stoffe hat. Sein Thriller um eine intrigante Mörderin und einen Mann, der in ihre Fänge gerät und sich wie ein Spielball für einen Mord benutzen lässt, hat nicht nur mit Konditionen des üblichen Frauenbildes gebrochen, sondern sieben Oscarnominierungen, sowie enormen finanziellen Erfolg eingeheimst. Das Studio stimmt schließlich zu, das Projekt zu finanzieren.

Eine ordentliche Prise Realismus

Billy Wilder schönt in seinem Drama nichts, zeigt in seinem Film die Sucht mit all ihren Begleiterscheinungen und Nebenthemen wie Co-Abhängigkeit, Lügen, Betrügen, Halluzinationen, Delirien, kalten Entzügen und menschlicher Erniedrigung. Die demütigenden Ärzte und Pfleger in der Psychiatrie des Bellevue-Krankenhauses werden beispielsweise so zynisch (und in ihrer Abgestumpftheit negativ) dargestellt, dass auf Jahre kein Krankenhaus einem Dreh mit solchem Sujet mehr zustimmt. Schweißausbrüche, Panikattacken, Zusammenbrüche – nichts bleibt dem Zuschauer erspart, Billy Wilder zeigt die Sucht mit all ihren Schrecken. Realistisch und ungeschönt.

Gekonnt verwebt Wilder in Rückblenden die lange Geschichte von Birnams Sucht mit dem vergeblichen Versuch, mit selbiger endlich zu brechen. Er charakterisiert Birnam als bemühten und doch schwachen Mann, der sich stets von seiner Sucht erniedrigen lässt und seine Mitmenschen für sich instrumentalisiert. Nicht unbedingt ein Sympath.

Verzerrungen, Kamerafahrten, die einem Schwindel gleichen, sich drehende Bilder, geigenähnliche Klänge, die Traumhaftes erahnen lassen – auch bildhaft zeigt Wilder die Sucht mit allen damaligen filmischen Möglichkeiten. Er bedient sich gängiger Assoziationen wie den Ringen von abgestellten Gläsern auf einer Theke, weißen Mäusen, tanzenden Flaschen und vielem mehr. Er unterstreicht die Hilflosigkeit eines Getriebenen, akzentuiert und fokussiert den Wahn der Sucht.

Wer will den Säufer spielen?

Paramount will Cary Grant. Doch der will nicht. Billy Wilder will José Ferrer, doch den will das Studio nicht. Keiner der damals bekannten Schauspieler will Birnam spielen. Einen Alkoholiker. Einen Lügner und Unsympathen. Hinzu kommt, dass das Projekt noch immer als finanzielles Risiko gilt. Der einzige, auf den sich das Studio und Wilder einigen können, ist der bis dahin relativ unbekannte britische Schauspieler Ray Milland. Der zögert zwar auch zunächst, schlägt dann aber zu und spielt seine Rolle mit solcher Intensität und Kompromisslosigkeit, dass er zu Recht den Oscar als bester Hauptdarsteller einheimst.

„Das verlorene Wochenende“ gilt heute als Klassiker, als Wegbereiter ernster und schonungsloser Suchtdramen wie „Der Mann mit dem goldenen Arm“ (1955) und „Barfly“ (1987). Billy Wilder erhält den Oscar für die beste Regie, den besten Film, Ray Milland für seine Darstellung, sowie John F. Seitz für die beste Schwarzweiß-Kamera. Auch finanziell ist der Film ein großer Erfolg.

Selbst bei heutiger Sichtung wirkt der Film realistisch und fesselt bis zum Schluss. Denn im Verlauf des Filmes wird eines deutlich: Selbst das Happy End ist nur ein scheinbares, denn die Sucht ist immer da und Rückfälle sind jederzeit möglich.

Wer mehr über die Produktionsbedingungen und den Drehverlauf sowie über die filmischen Nachfolger von „Das verlorene Wochenende“ erfahren möchte, dem sei unser ausführlicher Artikel bei Duoscope empfohlen.

Keine Beschaffungsprobleme bei der DVD

Die Universal-DVD ist bei uns problemlos in verschiedenen Varianten zu beschaffen. Für eine Referenz-Edition empfiehlt sich der Blick über den Kanal: Das englische Label Eureka hat den Film in herausragender Bild- und Tonqualität mit attraktivem Bonusmaterial in seiner Reihe „Masters of Cinema“ auf Blu-ray veröffentlicht, das Steelbook inklusive ausführlichem Booklet ist ein echtes Schmuckstück – siehe Foto oben.

Billy Wilder bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Das verlorene Wochenende (1945)
Stalag 17 (1953)
Manche mögen’s heiß (1959)
Das Appartement (1960, geplant)
Das Privatleben des Sherlock Holmes (1970)

Veröffentlichung: 16. August 2012 (Edition Jahr100Film), 9. Februar 2006 (Oscar Edition) und 17. Februar 2005 als DVD

Länge: 97Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch u. a.
Originaltitel: The Lost Weekend
USA 1945
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Charles Brackett, Billy Wilder, nach dem Roman von Charles R. Jackson
Besetzung: Ray Milland, Jane Wyman, Phillip Terry, Howard Da Silva, Doris Dowling, Frank Faylen
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Bianca Mewes

Das_verlorene_Wochenende-Packshot-DVD

DVD-Packshot: © 2005 Universal Pictures Germany GmbH

 

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