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Stanley Kubrick (VII): Wege zum Ruhm – Fanal gegen Krieg, Militarismus und Todesstrafe

09 Dez

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Paths of Glory

Von Volker Schönenberger

Der folgende Text enthält Spoiler.

Kriegsdrama // Im Kriegsjahr 1916 stehen sich deutsche und französische Truppen zwischen Ärmelkanal und Schweizer Grenze im sinnlosen Grabenkrieg gegenüber. Die kommandierenden Offiziere schicken ihre Soldaten für minimale Raumgewinne in erbarmungslose Offensiven und den Tod. In seiner Residenz fern der Kampfeshandlungen erhält Brigadegeneral Paul Mireau (George Macready) Besuch von seinem Kommandanten, Divisionsgeneral Georges Broulard (Adolphe Menjou): Das Oberkommando hat beschlossen, dass die Franzosen die von den Deutschen gehaltene Höhe 19 einnehmen sollen, die in Mireaus Zuständigkeitsbereich fällt (im Original „Ant Hill“ – Ameisenhügel genannt). Der Brigadegeneral hält das für aussichtslos, ändert seine Meinung aber schnell, als ihm Broulard das Kommando über das 12. Korps und die Beförderung zum Divisionsgeneral in Aussicht stellt. Mireau sucht den Frontabschnitt auf und trifft in den Schützengräben auf Colonel Dax (Kirk Douglas), dem er die Mission aufträgt, Höhe 19 mit seinen Männern zu nehmen.

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Brigadegeneral Mireau (M.) inspiziert die Truppen an der Front

Es ist eine so zynische wie eiskalte Kalkulation, die der Brigadegeneral gegenüber seinem Untergebenen Dax aufmacht: Etwa fünf Prozent werden im eigenen Sperrfeuer liegenbleiben, eine sehr optimistische Schätzung. Weitere zehn Prozent werden im Niemandsland ausfallen und 20 Prozent bei der Überwindung des Drahtverhaus. Somit verbleiben uns etwa 65 Prozent für die Hauptarbeit. Wenn wir bei dem anschließenden Sturmangriff nochmals 25 Prozent verlieren, so verbleiben uns immer noch genügend Kräfte, um die eroberte Stellung zu halten. Menschenverachtung in Reinkultur.

Kubrick zeigt Kampfhandlungen nur kurz

Den Sturm auf Höhe 19 und damit die einzigen Kampfhandlungen im Film zeigt Regisseur Stanley Kubrick in wenigen Minuten. Der Angriff scheitert schmählich. Die erste Welle der Soldaten bleibt unter enormen Verlusten stecken, die zweite Welle kommt aufgrund des Sperrfeuers der Deutschen gar nicht erst aus ihren Gräben heraus, was Brigadegeneral Mireu wutentbrannt veranlasst, der französischen Artillerie zu befehlen, auf die eigenen Truppen schießen zu lassen, damit sie ihre Stellungen verlassen – ein Befehl, den der Artilleriekommandant Capitaine Rousseau (John Stein) glücklicherweise missachtet. Mireau will ein Exempel statuieren und setzt durch, dass willkürlich drei Männer aus dem ersten Bataillon bestimmt und wegen Feigheit vor dem Feind vors Kriegsgericht gestellt werden. Dax, im zivilen Leben Rechtsanwalt, übernimmt ihre Verteidigung.

Vors Kriegsgericht per Losentscheid

Allein die Auswahl der drei Angeklagten spottet jeder Beschreibung, mit rechtssstaatlicher Methodik hat sie nicht das Geringste zu tun: Der Gefreite Arnaud (Joe Turkel) wird durch das Los bestimmt, der Gefreite Ferol (Timothy Carey) ist bei seinem Vorgesetzten unbeliebt, Caporal Paris (Ralph Meeker) schließlich war Teil eines Spähtrupps vor Beginn der Attacke, bei dem er mitbekam, wie sein Vorgesetzter Roget (Wayne Morris) aus Angst versehentlich einen Kameraden per Handgranate tötete – nun will Roget den unliebsamen Zeugen loswerden.

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Colonel Dax (2. v. r.) muss einen sinnlosen Angriff befehlen …

Ich entsinne mich meiner ersten Sichtung des Films, der Hoffnung, die ich hegte, die Erschießung der drei Angeklagten werde noch im letzten Moment verhindert. Aber natürlich muss sie stattfinden, sie ist die tödliche Konsequenz und ist für die Botschaft von „Wege zum Ruhm“ zwingend erforderlich: Krieg, Militarismus und die Todesstrafe gehören zu den großen Übeln der Menschheit. Dies zeigt uns Kubrick in kontrastreichen Bildern, hier das schmutzige Dasein der Infanterie-Soldaten in den düsteren und engen Schützengräben, dort das üppige Verweilen der Generäle in den prunkvollen und großräumigen Schlössern. Gekonnt arbeitet Kubrick mit Hell und Dunkel, auch die von mir – und zweifellos vielen anderen Erstsichtern – gehegte Hoffnung auf Erlösung der drei unglückseligen Bauernopfer ist auf seine Schnitttechnik zurückzuführen. Sicher auch darauf, dass wir nicht zu sehen bekommen, wie der Richter das Todesurteil verkündet. Dax versucht noch einiges, um Broulard zu bewegen, die Vollstreckung zu verhindern – aber vergebens. Vom Weg der drei Verurteilten aus ihrer Zelle bis zum Akt der Hinrichtung dauert es quälend lange, das verstärkt die Wirkung auf die Zuschauer ungemein. Unmittelbar darauf sehen wir Broulard und Mireau gemütlich beim Essen sitzen und darüber schwadronieren, die drei Männer seien mit Haltung gestorben. Erbärmlich. Immerhin steht Mireau in direkter Folge eine Untersuchung seines Feuerbefehls auf die eigenen Leute bevor – ein schwacher Trost.

Antikriegsbotschaft schwierig herauszuarbeiten

Viele Kriegsdramen – auch herausragende – können das Dilemma nicht lösen, dass sie eine Antikriegsbotschaft verkünden wollen, dafür aber auf eine ästhetisierte Darstellung des Grauens zurückgreifen. Actionhaltige Kampfsequenzen mit vielen Explosionen üben oft eine Faszination aus, die die Antikriegshaltung der Filmemacher zu überdecken geeignet sind. Stanley Kubrick vermeidet das geschickt, indem er einfach kaum Kampfhandlungen zeigt. Auch andere Kriegsdramen sind zu Antikriegsdramen geworden, obwohl oder gerade weil sie auf Gewalt weitgehend verzichten. Bernhard Wickis „Die Brücke“ zeigte 1959 nur kurze Kampfsequenzen, Dalton Trumbos „Johnny zieht in den Krieg“ („Johnny Got His Gun“) verzichtete 1971 vollständig darauf (war aber auch mehr Psycho- als Kriegsdrama) – beide gelten als Meilensteine des Antikriegsfilms. Das ist Kubrick „Paths of Glory“ nach Humphrey Cobbs gleichnamigem Roman zweifellos ebenfalls, als Kriegsdrama und Antikriegsfilm ein Meisterwerk, ein klares Bekenntnis gegen Militarismus und ein Plädoyer gegen die Todesstrafe zu einem Zeitpunkt, als dies in Hollywood noch kaum jemand abgab. In der Schweiz war „Wege zum Ruhm“ bis in die 1970er-Jahre verboten, in Frankreich wurde er jahrzehntelang nicht gezeigt, bei der Berlinale wurde er 1958 nach Intervention des Kommandanten des Französischen Sektors von Berlin aus dem Programm genommen.

Einzige Frau im Film wird Kubricks Frau

Bei den Dreharbeiten im Frühjahr 1957 in München und Umgebung lernte Stanley Kubrick seine spätere Ehefrau Susanne Christiane Harlan kennen, eine Nichte des berüchtigten Nazi-Filmemachers Veit Harlan („Jud Süß“). Sie ist in der Schlussszene von „Wege zum Ruhm“ als deutsche Kriegsgefangene zu sehen, die vor den französischen Soldaten singen muss und diese zu Tränen rührt – übrigens die einzige weibliche Figur im gesamten Film. Als Komparsen waren viele Münchner Polizisten verpflichtet worden, um die französischen Truppen zu verkörpern.

Kein Kassenerfolg, dennoch unerreicht

Stanley Kubrick hatte Kirk Douglas das Drehbuch angeboten, der nach drei Oscar-Nominierungen in den 50er-Jahren ein großer Star war – mit seinem 100. Geburtstag am 9. Dezember 2016 einer der wenigen Überlebenden der Goldenen Ära Hollywoods. Douglas setzte die Verwirklichung des Projekts durch, obwohl er ihm keinen kommerziellen Erfolg prognostizierte. In diesem Punkt sollte er recht behalten: „Wege zum Ruhm“ floppte an den Kinokassen. Dem heutigen Status des Films hat das nicht geschadet – ein enorm wichtiges Werk.

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… und führt seine Männer ins Gefecht

Stanley Kubrick bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Fear and Desire (1953)
Der Tiger von New York (1955, geplant)
Die Rechnung ging nicht auf (1956)
Wege zum Ruhm (1957)
Spartacus (1960)
Uhrwerk Orange (1971)
Shining (1980, Rezension folgt in Kürze)
Full Metal Jacket (1987)
Eyes Wide Shut (1999)

Kirk Douglas bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldenes Gift (1948)
Polizeirevier 21 (1951)
Wege zum Ruhm (1957)
Zwei rechnen ab (1957)
Spartacus (1960)

Veröffentlichung: 25. November 2016 als Blu-ray im Mediabook, 14. März 2008 und 4. Juli 2002 als DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Paths of Glory
USA 1957
Regie: Stanley Kubrick
Drehbuch: Stanley Kubrick, Calder Willingham, Jim Thompson, nach dem Roman von Humphrey Cobb
Besetzung: Kirk Douglas, Ralph Meeker, Adolphe Menjou, George Macready, Wayne Morris, Richard Anderson, Joe Turkel, Bert Freed, Timothy Carey, Kem Dibbs, Emile Meyer
Zusatzmaterial Blu-ray: Filmplakat, Booklet
Vertrieb: Filmconfect Home Entertainment (Blu-ray) Twentieth Century Fox Home Entertainment bzw. MGM (DVD)

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Fotos & Packshot Blu-ray: © 2016 Filmconfect Home Entertainment, Packshot DVD: © Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Eine Antwort zu “Stanley Kubrick (VII): Wege zum Ruhm – Fanal gegen Krieg, Militarismus und Todesstrafe

  1. Liegeradler

    2017/01/02 at 11:07

    Stichwort „Wege zum Ruhm“. Das Stanley Kubrick Archiv gibts jetzt auch in einer kompakten und preisgünstigen Ausgabe: https://kinogucker.wordpress.com/2017/01/02/das-stanley-kubrick-archiv/

     

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