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Polizeirevier 21 – Ein Tag im Leben eines Bullen

09 Dez

polizeirevier_21-us-plakat

Detective Story

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Die Mitarbeiter des 21. Polizeireviers von New York haben alle Hände voll zu tun. Alle Sorgen der Nachbarschaft müssen sie sich anhören, selbst wenn sie nur von einer ulkigen alten Schachtel kommen, die allerlei Unsinn zusammenfantasiert (Catherine Doucet). Neben solchen verrückten Harmlosen stehen die bereits einkassierten Kriminellen regelrecht Schlange: Die eine (Lee Grant) scheint eine notorische Kleptomanin zu sein, der andere (Craig Hill) hat aus Gelegenheit zum ersten Mal jemanden bestohlen, aber dummerweise gleich seinen Chef (James Maloney). Dazwischen ein psychisch gestörtes Zweigestirn: Gennini (Joseph Wiseman) und Abbott (Michael Strong), die nicht nur Dritte, sondern sich auch gegenseitig betrügen und zu jeder Gewalttat bereit scheinen. Während eine Zivilistin wie Susan Carmichael (Cathy O’Donnell) an das Mitleid der Beamten und die Chance auf Rehabilitation appelliert, kennt Detective James McLeod (Kirk Douglas) kein Erbarmen mehr. Einmal hat er jemanden laufen lassen und es bald darauf bereut. Rigoros geht er sogar noch strenger vor, als es sein Chef (Horace McMahon) von ihm erwartet. Vor allem der Fall des Arztes Karl Schneider (George Macready) beschäftigt McLeod schon lange, doch nie hat er die Schuld des Mannes nachweisen können. McLeods Ehefrau (Eleanor Parker) jedoch kennt den Verbrecher sogar noch länger.

„Detective Story“ war in den Jahren 1949 und 1950 ein großer Erfolg am Broadway. Über knapp 17 Monate hinweg wurde das Stück insgesamt 581 Mal aufgeführt, zunächst im Hudson Theatre, danach im Broadhurst Theatre. Auch in Chicago brachte man den Kriminalstoff Ende 1949 auf die Bühne. Dort brillierte Lydia Clarke, die Ehefrau von Charlton Heston, im Blackstone Theater in der Rolle der Ehefrau von Detective McLeod, sie wurde dafür mit dem „Theatre World Award“ ausgezeichnet. Knapp zwei Jahre nach der Bühnenpremiere des Stücks von Sidney Kingsley begannen die Dreharbeiten für die Kinoadaption unter der Regie von William Wyler. Einige Darsteller, namentlich Lee Grant, Horace McMahon, Michael Strong und der spätere „Dr. No“ im ersten James-Bond-Film, Joseph Wiseman, wurden direkt aus der Bühnenproduktion übernommen. Die Hauptrollen besetzte man neu – mit auf der Leinwand populären Stars. So kam nicht nur Eleanor Parker ins Spiel, die mit der Rolle beinahe so erfolgreich werden sollte wie zuvor Lydia Clarke, sondern auch Kirk Douglas, dessen Detective McLeod auf der Bühne von Chester Morris und Ralph Bellamy gespielt worden war. Auch Morris und Bellamy hatten bereits reichlich Kinoerfahrung, ebenfalls als Hauptdarsteller, doch zum damaligen Zeitpunkt waren sie dem Bekanntheitsgrad von Kirk Douglas nicht mehr gewachsen. Auch Alan Ladd war für die Rolle im Gespräch gewesen.

Ein etwas anderer Film noir

Im Grunde ist „Polizeirevier 21“ das Gegenstück zu einem Film noir wie etwa „Stadt ohne Maske“ (1948) von Jules Dassin, der sich ebenfalls akribisch der polizeilichen Ermittlungsarbeit widmet, aber zielgerichtet auf den Straßen New Yorks gedreht wurde. „Polizeirevier 21“ zeigt stattdessen die Arbeit von Polizisten in ihrem angestammten Revier und handelt dies so detailliert wie möglich ab, indem nur ein einzelner Tag porträtiert wird. Feinstes Theater, das örtlich wie zeitlich auf engstem Raum stattfindet. Auf seine Weise ist der Film daher durchaus dem als „Police procedural“ bezeichneten Subgenre zuzurechnen, einschließlich des charakteristischen Elements, dass mehrere miteinander nicht zusammenhängende Verbrechen innerhalb der Geschichte abgehandelt werden. Nur ein Tag im Leben der Polizisten vom 21. Revier, aber so voll von Ideen, guten Beobachtungen und engagierten schauspielerischen Darbietungen! Ein Film rafft die Geschehnisse naturgemäß sogar noch etwas mehr als ein Theaterstück und trotzdem ist William Wyler ein überzeugendes Ergebnis gelungen. Somit fügt es sich auch treffend, dass die höchst effizient gefüllten 99 Minuten folgenden Rekord hervorbrachten: Mit nur etwas mehr als 20 Minuten war Eleanor Parker in diesem Film kürzer als jede andere Schauspielerin zu sehen, die jemals für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert worden ist – bis heute. Die Trophäe allerdings gewann Vivian Leigh, die in „Endstation Sehnsucht“ (1951) eine ihrer wenigen Filmrollen seit „Vom Winde verweht“ (1939) übernommen hatte. Lee Grant war als beste Nebendarstellerin – und das bei ihrem Filmdebüt – ebenfalls nominiert, verlor aber ebenfalls gegen „Endstation Sehnsucht“, genauer gegen ihre Kollegin Kim Hunter. In den anderen beiden Kategorien, in denen „Polizeirevier 21“ nominiert war, ging sowohl der Titel „Beste Regie“ als auch der des „besten adaptierten Drehbuchs“ jeweils an „Ein Platz an der Sonne“ (1951) verloren. Ursprünglich sollte sogar Dashiell Hammett das Drehbuch verfassen, doch dieser lehnte ab, da er bereits Probleme mit den Kommunistenjägern um Senator McCarthy hatte und auf die „schwarze Liste“ geriet.

Ein vorausblickendes Klassewerk

In seiner kompletten Machart, mitsamt seiner teils schrägen Charaktere, erinnert der Film phasenweise an später sehr erfolgreiche TV-Serien wie „Kojak – Einsatz in Manhattan“ (1973–1978) oder auch die Serienneuauflage von besagtem Noir-Klassiker „Stadt ohne Maske“, die unter dem Titel „Gnadenlose Stadt“ in Deutschland lief und von 1958 bis 1963 erstmals gezeigt wurde. Eine starke Parallele zu letztgenannter Serie ist vor allem die Präsenz von Horace McMahon, der im vorliegenden Film wie auch in über 100 Folgen von „Gnadenlose Stadt“ den Chef des jeweiligen Polizeireviers von New York spielte. Beginnend mit der Broadway-Adaption von „Detective Story“ wuchs McMahon diese Rolle geradezu auf den Leib; für seine Darbietungen in „Gnadenlose Stadt“ wurde er 1962 schließlich für den Primetime Emmy nominiert. Aus heutiger Sicht steht „Polizeirevier 21“ sicherlich etwas im Schatten von Wylers epischen Meisterwerken „Weites Land“ (1958) und „Ben Hur“ (1959), der beliebten Romanze „Ein Herz und eine Krone“ (1953) sowie der kraftvollen, mutigen Dramen „Die besten Jahre unseres Lebens“ (1946) und „Infam“ (1961). Bemerkenswert jedoch ist die auch durch „Polizeirevier 21“ manifestierte Vielseitigkeit Wylers, der sich als einer der ganz wenigen unter den größten Regisseuren des klassischen Hollywood-Tonfilms nun wirklich gar nicht auf ein Genre festlegen lässt. Zwar hatte er zu Stummfilmzeiten sehr viele Western gedreht, mit Beginn des Tonfilm-Zeitalters begann er aber eine muntere Reise durch diverse Genres, in denen er immer wieder aufs Neue sein Können zeigte. Zwar drehte Wyler noch einen weiteren Noir – „An einem Tag wie jeder andere“ (1955) mit Humphrey Bogart –, der allerdings ist nur ansatzweise dem Subgenre des Polizeifilms zuzurechnen. Wyler erfand sich einfach immer wieder neu und nahm jede Geschichte ernst. Ohne seine Akribie, so ist es überliefert, wäre ein Film wie „Ben Hur“ auch nie fertig geworden.

Kirk Douglas, der Unberechenbare

Wenn ich mich anlässlich des 100. Geburtstags von Kirk Douglas frage, was ich an ihm als Schauspieler besonders schätze, so ist es die Tatsache, dass Douglas in diversen seiner Rollen – vor allem in den 40ern bis 60ern – etwas sehr Unberechenbares hat. Seine Helden sind oft aufbrausend, brutal, reaktionär oder auch hinterlistig. Gleichzeitig vermochte er auch in Schurkenrollen zu überzeugen und diesen sogar etwas Tragisch-Sympathisches zu geben, wie besonders in Robert Aldrichs „El Perdido“ (1961). Genau dies macht ihn in einem Film wie „Polizeirevier 21“ auch zu einer solch idealen Besetzung. Er kämpft für Recht und Ordnung, ist gleichzeitig aber auch geradezu besessen von Rachegedanken und anderen fixen Ideen, die seinem Detective McLeod schließlich auch privat Probleme bereiten. Eine ähnlich fanatische Besessenheit zeigt sich beispielsweise auch in Billy Wilders „Reporter des Satans“ (1951), aber selbst in der eher ruhigen Rolle in „Wege zum Ruhm“ (1957) gibt es einen Moment, in dem Douglas völlig explodiert und den betagten Adolphe Menjou anschreit. Die Gewaltausbrüche in „Spartacus“ (1960), wie er einem Peiniger die Sehnen durchbeißt und einen anderen in einem Suppentopf ertränkt, sollen sogar unmittelbar von Douglas initiiert worden sein, obwohl die Figur ansonsten einen zumeist eher besonnenen Eindruck macht – von den Schlachten im Film sieht man erst gen Ende etwas. Kurzum: Kirk Douglas spielte seine Figuren mit einer oftmals regelrecht entwaffnenden Konsequenz. Man musste bei ihm bisweilen damit rechnen, dass die von ihm verkörperte Figur sogar auf eine Frau losgehen würde. Damit stand er im Kontrast zu anderen, stärker auf offensichtlich positive Charaktere abonnierten Stars, aber auch zu denen, die zumindest physisch nicht so explosionsartig die Gangart zu wechseln vermochten wie er.

Filmografie mit Highlight-Garantie und Top-Regisseuren

Ferner spricht für Douglas, dass er binnen nur etwa fünfzehn Jahren mit einer Vielzahl an namhaften Regisseuren zusammenarbeitete und in dieser Zeit nur wenige andere Filme kleineren Kalibers drehte. Wilder, Aldrich und Wyler wurden bereits genannt, aber schon sein erster Film „Die seltsame Liebe der Martha Ivers“ (1946) wurde von keinem Geringeren als dem „Im Westen nichts Neues“-Regisseur Lewis Milestone inszeniert. Es folgten „Goldenes Gift“ (1947) von Jacques Tourneur, „Der Jazztrompeter“ (1950) von Michael Curtiz, „Den Hals in der Schlinge“ (1951) von Raoul Walsh, „Der weite Himmel“ (1952) von Howard Hawks, „Stadt der Illusionen“ (1952) und „Vincent van Gogh“ (1956) von Vincente Minnelli, „Der Gehetzte“ (1953) von Edward Dmytryk, „Ein Akt der Liebe“ (1953) von Anatole Litvak, „20.000 Meilen unter dem Meer“ (1954) und „Die Wikinger“ (1958) von Richard Fleischer, „Der Favorit“ (1955) von Henry Hathaway, „Mit stahlharter Faust“ (1955) von King Vidor, „Zwischen zwei Feuern“ (1955) von André De Toth, „Zwei rechnen ab“ (1957) und „Der letzte Zug von Gun Hill“ (1959) von John Sturges, „Der Teufelsschüler“ (1959) vom späteren Bond-Regisseur Guy Hamilton und natürlich seine Zusammenarbeiten mit Stanley Kubrick: „Wege zum Ruhm“ (1957) und „Spartacus“ (1960), wobei letztgenannter Film zunächst von einem anderen großen Regisseur, Anthony Mann, begonnen wurde. Sonderbar ist lediglich, dass Douglas‘ Zusammenarbeiten mit Wyler, Hathaway, Wilder, Walsh und Curtiz aus heutiger Sicht allesamt überraschend wenig beleuchtete Filme dieser wirklich populären Regisseure sind. So hatte Douglas, obwohl sich die Regisseure, mit denen er arbeitete, wie ein „Who is Who in Hollywood?“ lesen, letztlich auch das Pech, nie einen Oscar als bester Schauspieler gewinnen zu können, wenngleich er später für sein Lebenswerk honoriert wurde. Mit William Wyler wollte er nach „Polizeirevier 21“ noch einmal an „Ben Hur“ zusammenarbeiten, doch Wyler bevorzugte Charlton Heston für die Hauptrolle, Douglas weigerte sich, alternativ den Gegenpart des Messala zu übernehmen und produzierte „Spartacus“ als eine Art Trotzreaktion, wie er später zugab. Die Teilhabe am Oscar-Regen, der über „Ben Hur“ hereinbrach, war Kirk Douglas somit nicht vergönnt, Charlton Heston hingegen ergatterte eine der Trophäen.

DVD mit guter Grundausstattung

„Polizeirevier 21“ zählt zu den Klassikern, die das Glück hatten, von Paramount Home Entertainment auf DVD veröffentlicht worden zu sein, ehe das Label die Veröffentlichung seiner alten Schätze in Deutschland einstellte. Andere Labels würden die Paramount-Filme gern lizenzieren, aber man lässt sie nicht. Selbst ein Billy-Wilder-Film wie „Reporter des Satans“ wartet daher bei uns bis heute auf eine DVD-Veröffentlichung, denn während die anderen großen ehemaligen Hollywood-Studios eifrig kooperieren, hütet Paramount seine Klassiker wie ein rohes Ei. Die DVD bietet hervorragendes Bild und sehr guten Ton sowie eine bemerkenswerte Unmenge an Untertiteln, die für das gänzliche Fehlen von Extras ein wenig mit angenehmer Weltoffenheit entschädigen. Die deutsche Fassung sparte zwar den deutschen Namen von Karl Schneider aus und taufte den Schuft stattdessen „Clark Chandler“, ist aber trotzdem sehr gut gelungen und besetzt. Sie enthält einen der wenigen Synchronauftritte von René Deltgen, der dem deutschen Publikum vor der Kamera später als „Der Hexer“ in den Edgar-Wallace-Filmen bekannt wurde. Deltgen sprach Douglas darüber hinaus nur noch in „Reporter des Satans“ und „Zwei rechnen ab“, zählt neben Wolfgang Kieling (u. a. „Vincent van Gogh“) und Gert Günther Hoffmann (u. a. „Wege zum Ruhm“) aber zu seinen rückblickend wichtigsten Sprechern. Seine Interpretation fällt durch Mut zu sehr lauten, aber auch ganz leisen Tönen auf. Am häufigsten – allerdings erst 1958 mit „Die Wikinger“ beginnend – wurde Douglas jedoch von Arnold Marquis synchronisiert, der in höherem Alter zwar nicht mehr so gut passte, in Rollen wie „Spartacus“ aber trotzdem unvergesslich ist. Auch die bis ins hohe Alter durch ihre Fernsehrollen bekannt gebliebenen Schauspieler Günter Pfitzmann („20.000 Meilen unter dem Meer“) und Heinz Reincke („Der Favorit“) liehen Kirk Douglas einmal die Stimme. Apropos Reincke: Als in Deutschland 1968 ein Film mit dem Titel „Polizeirevier 21“ erschien, spielte Heinz Reincke einen gewissen Detective James McLeod. Eine von mehreren Fernsehadaptionen und in Deutschland bereits die zweite nach 1963; Anfang der 70er folgten drei weitere in Italien, Frankreich und Großbritannien. Ferner wurde 1953 in der Reihe „Broadway Playhouse“ auch noch eine Radio-Adaption mit Van Johnson ausgestrahlt sowie 1954 im „Lux Radio Theater“ eine andere Variante mit den aus dem Film bekannten Kirk Douglas und Eleanor Parker. Im Kino allerdings konnte man „Detective Story“ bisher nur als Film von William Wyler erleben – und dieser wird durch ein Remake auf ewig schwer zu toppen sein.

Kirk Douglas bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Goldenes Gift (1948)
Polizeirevier 21 (1951)
Wege zum Ruhm (1957)
Zwei rechnen ab (1957)
Spartacus (1960)

Veröffentlichung: 19. Januar 2006 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Arabisch, Hebräisch, Griechisch u. v. m.
Originaltitel: Detective Story
USA 1951
Regie: William Wyler
Drehbuch: Philip Yordan und Robert Wyler, nach einem Theaterstück von Sidney Kingsley
Besetzung: Kirk Douglas, Eleanor Parker, William Bendix, Cathy O’Donnell, George Macready, Horace McMahon, Gladys George, Joseph Wiseman, Lee Grant, Gerald Mohr
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Paramount Home Entertainment (Germany)

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

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Packshot: © Paramount Home Entertainment, Filmplakat: Fair Use

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