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Der unheimliche Fremde – Kinder als kleine Erwachsene?

27 Apr

Attention, les enfants regardent

Von Tonio Klein

Drama // Was waren das für Zeiten! Ein abgerissener, durchweg namenlos bleibender Fremder (Alain Delon) kann für sein letztes Geld, ca. 13 Francs, noch tanken. Dann weiß er offenbar auch nicht so genau, was er machen soll, um erst mal nur Randfigur in diesem Film zu sein, der sich auf vier Kinder konzentriert, von größer nach klein: Marlène (ca. 13), Dimitri, Marc und Laetitia (angeblich fünf, wirkt eher wie sechs) sind schon seltsam, von Anfang an: Zunächst sehen wir Dimitri und Laetitia in einer zärtlichen Szene, in der die Kleine mit Hingabe Blumen pflückt und der Große sie für ein vorheriges (nicht mehr im Film vorkommendes) Anschnauzen um Entschuldiugung bittet. Doch gleich darauf wirken sie – nun in Viersamkeit zu sehen – weniger sympahisch. Sie hängen (später zeigt sich: andauernd) vor der Glotze, gucken nicht für alle altersangemessenes Zeugs und behandeln das spanische Hausmädchen Adelita (Adelita Requena), das sie „Avocados“ nennen, äußerst herabassend. Die lässt aber auch schon mal Ohrfeigen sprechen, wenn sie die Kinder ins Bett schickt, um sich im Haus mit ihrem Liebhaber zu vergnügen. Ansonsten kommt nur ab und an die Sekretärin des Vaters vorbei, der zusammen mit Muttern einen Film in Irland dreht. Auch nicht gerade eine Sympathieträgerin. Ist hier eigentlich auch mal jemand ansatzweise nett?

Kindliche Erwachsene

Der Film, was keine Kritik ist, nimmt sich einiges an Zeit, diese trostlos-kalte Atmosphäre der Vernachlässigung und der Gleichgültigkeit zu zeigen. Weil’s halt schneller geht, schicken die Eltern Videobotschaften statt Briefe an die Kinder, und die anwesenden Erwachsenen lassen Regelhülsen und Ohrfeigen statt wirkliches Interesse oder gar Empathie sprechen. Da muss man sich nicht wundern, wenn diese Kinder kleine Erwachsene werden. Aber Kinder sind eben keine kleinen Erwachsenen. Das Kindliche und das Erwachsene prallen in den vieren völlig ungeschützt aufeinander; und das ist eine wahrhafte Karambolage, aus der der Film seine Kraft schöpft. Eine reichlich beunruhigende Kraft, denn man hat den Eindruck, dass die vier aus jedem Bereich vorwiegend das Negative mitnehmen. Genuin böse sind sie nicht, aber allein diese reichlich idiotische Idee, die in der Sonne eingeschlafene Adelita (von der bekannt ist, dass sie nicht schwimmen kann) auf der Luftmatratze ins Meer zu ziehen, statt das gute Stück nah am Ufer umzukippen … genauso unbeholfen, aber durchaus beherzt, sind dann die Rettungsversuche vor allem von Dimitri (Richard Constantini). Es kommt, wie es kommen muss. Und der Fremde hat alles gesehen und wird sich mit diesem Wissen später im Haus der Kinder einnisten …

Das Grinsen wird dem Fremden vergehen

Vorher aber wieder diese Kombination aus kindlichem Hedonismus und erwachsener Kaltschnäuzigkeit: Man kann es ihnen im Grunde nicht verdenken, dass die vier erstmal machen, was man eben gern macht/ausprobiert, wenn weit und breit keine Aufsichtsperson da ist: Alle vier fressen Junkfood wie blöde, glotzen, bis die Augen platzen, und rauchen, bis ihnen schlecht wird, inklusive der kleinen Latetitia (Tiphaine Leroux). Zudem haben sie weder die Bereitschaft noch die Fähigkeit, als „Selbstversorger“ zu funktionieren. Einmal fackeln sie mit einem Geburtstagskuchen beinahe das Haus ab, und die Bude kann man bald nicht mehr Schweinestall nennen – weil das eine Beleidigung von Schweinen wäre. In bemerkenswerter Coolness schwören die vier aber auch, mit niemandem über den „Vorfall“ zu sprechen und anderen zu suggerieren, Adelita lebe noch. Interessanterweise leistet sich der Film im Vorbeigehen Kritik an einem zur inhaltsleeren Ritualhülse gewordenen Katholizismus: Choräle auf dem Soundrack, ein großes Kreuz über Adelitas Bett, ein vom Fremden getragenes Schmuckkreuz, der Schwur ausgerechnet auf die Bibel – und in allen diesen Szenen könnte der Inhalt nicht weiter weg vom gemeinhin christlich Genannten sein.

Schließlich taucht der Fremde mit diabolischem Grinsen, selbstverliebter Attitüde und offenbar Gewaltbereitschaft auf und erpresst die Kinder mit seinem Wissen. Hierbei nutzt der Film nur in einem Punkte ein klassisches Mittel des Terrorkinos, das schon Alfred Hitchcock in „Rebecca“ (1940) kannte: Die Figur der Bedrohung betritt nicht die Szenerie, sondern ist immer schon da. Ansonsten lässt „Der unheimliche Fremde“ Thriller- und Suspense-Elemente weitgehend links liegen – beispielsweise spielt sich vieles im Hellen ab und drängt sich irgendein Kamera- oder Musik-Thrillerkunstwille nicht auf. Darauf kommt es aber auch gar nicht an. Der Film, durchgängig bedrückend unterkühlt, beschäftigt sich eher damit, was aus Kindern in einer Umwelt wie dieser werden kann. So sollte sich der Fremde besser nicht sicher sein, wer hier Bedrohung und wer Bedrohter ist. Wenn die Kinder um die Ecke schauen, weiß man nicht, ob diese Neugier eine der Angst oder eine des Auflauerns ist.

Angstvoll oder lauernd? Das weiß man hier nie so genau

Im Grunde hat sich natürlich durch den Tod Adelitas nicht viel geändert; die vier mussten schon vorher viel zu früh allein zurechtkommen; und auch äußerlich nehmen sie den Habitus von Erwachsenen an. Es mag ja noch ein harmloser und von vielen Mädchen gehegter Wunsch sein, sich mal an Kleiderschrank und Schminktisch der Großen auszutoben, wovon das Ergebnis im obigen Bild zu sehen ist. Aber die Pseudo-Erwachsenheit geht weiter. Marlène (Sophie Renoir), nicht mehr Kind und sicherlich noch nicht Frau, weist die (bei Marlènes Alter grenzwertigen) Avancen des Postboten ein ums andere Mal zurück, muss dann aber aus nicht weiter zu verratenden Gründen die Rolle der Verführerin doch spielen (was übrigens nicht gut klappt). Ansonsten ist die Gruppendynamik auch nicht besser als bei Erwachsenen; da wird ab und an der Dicke der vier (Marc, gespielt von Thierry Turchet) geärgert und müssen die Größeren die Kleineren druckvoll ans Klappehalten gemahnen. Eine interessante Metapher findet sich in einer imposanten Sandburg, die die vier unter Führung Dimitris am Strand errichten, „groß genug für vier“ und „um uns zu verteidigen, gegen die ganze Welt“. Das Lügengebäude der Kinder ist, so hartgesotten sie stellenweise vorgehen, im Grunde ebenfalls auf Sand gebaut, und man fragt sich, warum es nicht sofort bemerkt wird. Aber so ist das eben in einer Welt des Wegsehens. Freunde der Krimi-Logik werden die Nase rümpfen, Freunde der Psycho-Logik können das mögen!

Ob sich der Fremde verhoben hat?

Ein persönliches Wort: Ich habe eine Tochter in etwa in Laetitias Alter. Was würde sie wohl tun, was würden viele Kinder tun, wenn ein geheimnisvoller fremder Einbrecher, der seine Befehle mit der Waffe in der Hand gibt, die Kleine nimmt, als Bedrohungsgeste in die Luft wirft und über dem Kopf trägt (obiges Bild), nach dem Motto: „Ich könnte sie auch fallenlassen, wenn ihr nicht spurt“? Sie würde wohl schreien wie am Spieß und auch von den Körperbewegungen her alles andere als ruhig bleiben. Und das ist ja durchaus keine Reaktion eines „Angsthasen“, sondern höchst sinnvoll. Nichts davon im Film, weder Laetitia noch die anderen betreffend. Erstens sind sie längst abgeklärt, zweitens scheinen sie zu wissen, dass das Schreien sowieso niemand hören würde. Und das hat nicht nur mit der Größe und Abgeschiedenheit des Grundstücks zu tun. Drittens, wie schon angedeutet, sollte man beim Täter-Opfer-Verhältnis nicht sicher sein.

Werden Kinder groß oder spielen sie nur das Fernsehen nach?

Die Kinder sehen, wie gesagt, viel fern, sehr viel fern. Ihre erwachsenen Bezugspersonen sind abwesend; interessanterweise frönen sie beruflich selbst dem schönen Schein der filmischen Illusion. Und die Kinder haben den Bezug zur Realität so weit verloren, dass sie sich mit Mitteln durchs Leben schlagen, auch beim Kampf gegen den Fremden, die sie von der Glotze her kennen. Dass das niemandem auffällt, also irgendwie alle schon in einer Scheinwelt leben, ist vielleicht das Erschreckendste. Nein, die Kinder sind nicht die Bösen, höchstens eine Saat des Bösen, die aufgeht. Aber bei allen sind noch Keime der Menschlichkeit zu sehen. Oftmals gibt es geschwisterlichen Zusammenhalt. Laetitia und Marc, der immer mal wieder die Polizei rufen will, fällt das lügende Vertuschen sichtlich schwer; Dimitri hat am Beherztesten die Rettung Adelitas versucht und Marlène muss am Ende eine Träne vergießen. Fragt sich nur, warum. Selbst sehen! Ich muss gestehen, dass mir außer Alain Delon kaum jemand der Beteiligten bekannt war, auch wenn ich bei dem Namen „Renoir“ hellhörig wurde. Sophie Renoir als Marlène und Claude Renoir hinter der Kamera sind Angehörige der berühmten Künstlerfamilie Renoir. Ausgehend von Sophie: Urgroßvater ist der Maler Auguste Renoir, Großonkel der Filmregisseur Jean Renoir und Vater der Kameramann Claude Renoir, um nur einige zu nennen. Also ein Familienfilm. Ein Kinderfilm. Und kein Film für die ganze Familie.

Hier nicht zu sehen, aber: Die Glotze ist das Leben

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Alain Delon haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 26. März 2021 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Attention, les enfants regardent
F 1978
Regie: Serge Leroy
Drehbuch: Christopher Frank und Serge Leroy, nach einem Roman von Laird Koenig und Peter Dixon
Besetzung: Alain Delon, Sophie Renoir, Richard Constantini, Tiphaine Leroux, Thierry Tuchet, Adelita Requena, Françoise Brion
Zusatzmaterial: Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2021 by Tonio Klein

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2021 Pidax Film

 

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