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The Vanishing – Spurlos verschwunden: Der Blick in den Abgrund

19 Dez

Spurlos-1

Spoorloos

Von Simon Kyprianou

Don’t waste your time at film schools, just watch Alfred Hitchcock movies! Everything you have to know (…) is in a Hitchcock film. (William Friedkin)

Psychothriller // Der leider am 20. September 2014 verstorbene George Sluizer bedient sich in „Spurlos verschwunden“ einer grausamen Metapher: Rex (Gene Bervoets) und Saskia (Johanna ter Steege), ein sehr verliebtes junges Paar, bleiben am Anfang mit dem Auto in einem Tunnel stehen. Dunkelheit und Verkehr machen sie nervös, sie streiten sich. Sie sehnen sich nach dem Licht am Ende des Tunnels. Kurze Zeit später, man ist längst wieder versöhnt, machen sie an einer Tankstelle Rast. Saskia will Getränke kaufen – und kommt nicht wieder. Den Rest des Films über wird Rex sie suchen, sie ist sein Licht am Ende des Tunnels, ein Licht das nie scheinen wird.

Wo ist Saskia?

Jahre vergehen, unaufhörlich sucht Rex seine Saskia. Eines Tages nimmt ein Mann mit ihm Kontakt auf. Raymond Lemorne (Bernard-Pierre Donnadieu) will sich mit Rex treffen und ihn zu Saskia führen. Das Licht wird plötzlich greifbar, aber es ist eine Illusion.

Zwei Perspektiven

Der Film wird nach der Entführung aus zwei Perspektiven erzählt, aus der von Rex und aus der des Entführers. Dabei betrachtet der Regisseur den Entführer nicht als Mensch sondern als Unmensch, als das Böse an sich. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine schreckliche Tat zu begehen – und das mit makelloser Perfektion: eine Frau zu entführen und eine unfassbare Grausamkeit an ihr zu begehen.

Vollendung einer monströsen Tat

Sluizers Film ist eine gnadenlose Beobachtung, eine erschütternd nüchterne Chronik der Entstehung dieses Wunsches, seiner Planung, seiner Vorbereitung und seiner Durchführung, gefilmt mit unerbittlicher Perfektion. Es ist ein Film über das Erliegen der Faszination des Bösen. Die verschiedenen Perspektiven machen „Spurlos verschwunden“ zu einem Film über die Kollision des Guten, in Form des naiv verliebten Rex mit dem unmenschlichen Bösen.

Alfred Hitchcock lässt grüßen

Oft bricht Sluizers Liebe zu Hitchcock durch. Ein Beispiel: Lemorne hat ein abgelegenes Haus erworben, um die entführten Frauen dort hinzubringen. Er will herausfinden, ob von dort jemand Schreie hören kann. Daher versteckt er Spinnen in einer Schublade und lässt diese von seiner kleinen Tochter öffnen. Sie schreit panisch, niemand hört es. Diese Szene setzt Hitchcocks Filmmaxime „Show, don’t tell“ um und hätte ihm in ihrer Perfidität zweifellos Freude bereitet.

Von Stanley Kubrick empfohlen

Sluizer taucht seinen Thriller zu Beginn in flirrende Bilder. Vor allem während der Entführung ist die Welt undeutlich, scheint zu verwischen, sie gerät aus den Fugen. Der Rest ist makelloses Handwerk, der düster unheimliche Soundtrack tut sein Übriges. Das Ende ist dann ein absoluter Ultra-Schock, die Krönung eines Thriller-Ungeheuers, der Blick in den tiefsten menschlichen Abgrund.

Remake mit Sandra Bullock

1993 drehte George Sluizer in den USA das Remake seines eigenen Films – mit Jeff Bridges als Entführer sowie Kiefer Sutherland und Sandra Bullock als Opfer.

Stanley Kubrick liebte „Spurlos verschwunden“, sah ihn etliche Male und fand, es sei der erschreckendste Film überhaupt. Dem würde ich nicht widersprechen.

Veröffentlichung: 28. Oktober 2014 als Blu-ray und DVD (USA), 21. Februar 2005 als DVD (D, vergriffen)

Länge: 106 Min. (USA), 102 Min. (D)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Niederländisch (USA), Französisch (USA), Deutsch (D)
Untertitel: k. Ang.
Originaltitel: Spoorloos
NL/F 1988
Regie: George Sluizer
Drehbuch: Tim Krabbé, George Sluizer, nach Tim Krabbés Roman „The Golden Egg“
Besetzung: Bernard-Pierre Donnadieu, Gène Bervoets, Johanna ter Steege, Gwen Eckhaus, Bernadette Le Saché, Tania Latarjet
Zusatzmaterial (nur Criterion): Neues Interview mit Regisseur George Sluizer, neues Interview mit Darstellerin Johanna ter Steege, Trailer, Essay von Filmkritiker Scott Foundas
Vertrieb: Polyband/WVG (D), The Criterion Collection (USA)

Copyright 2014 by Simon Kyprianou

Interviewfilm: © 2014 The Criterion Collection

 

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