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Murders in the Zoo – Eine Lehrstunde in Bösartigkeit

11 Jan

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Murders in the Zoo

Von Ansgar Skulme

Horror // Der notorisch eifersüchtige Zoodirektor Eric Gorman (Lionel Atwill) geht über Leichen, um Männer aus dem Weg zu räumen, die es auf seine Frau (Kathleen Burke) abgesehen haben – oder auch nur abgesehen haben könnten. Als ihm bei einem seiner perfide geplanten Morde der Mediziner Jack Woodford (Randolph Scott) auf die Schliche kommt, gerät Gorman unter Zugzwang, sich auch der Zeugen der ursprünglichen Taten entledigen zu müssen. Doch schließlich gibt es in einem Zoo genügend Möglichkeiten, überflüssiges Humankapital zu verfüttern oder anderweitig bestialisch zu Tode kommen zu lassen …

Höhepunkt des Pre-Code-Horrors

Es gibt ein Phänomen in der Filmwissenschaft, das auf beinahe jedes Genre und jedes Jahrzehnt des jeweiligen Genres zutrifft: Bestimmte Filme werden zum Nonplusultra erhoben und ständig und redundant diskutiert, was implizit den Eindruck erweckt, es hätte damals nur diese Filme im Genre gegeben oder alle anderen seien zumindest völlig bedeutungslos. Für den Hollywood-Horrorfilm der frühen 30er-Jahre kann man diese Filme sehr klar definieren: „Dracula“ (1931), „Frankenstein“ (1931), „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932) und „King Kong und die weiße Frau“ (1933) sowie „Der Unsichtbare“ (1933).

Schon weniger bekannt, da es bereits in den frühen 40ern ein Remake gab, ist „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ (1931). Und „White Zombie“ (1932) verbindet man wohl eher mit der gleichnamigen Metal-Band als mit dem entsprechenden Bela-Lugosi-Film. Noch weniger populär gar ist „Island of Lost Souls“ (1932), wenngleich sich nach diesem Film immerhin die Rap-Formation „House of Pain“ benannte – bezugnehmend auf die im Film von Dr. Moreau genutzte Folterkammer, die er immer wieder zur Drohung als „House of Pain“ bezeichnet.

Lionel Atwill – Pionier des Horrorfilms in Farbe

Von einem Film wie „Murders in the Zoo“ allerdings Wind zu bekommen, ist beinahe unmöglich, wenn man sich nicht tief in die Materie einliest oder systematisch Filme bestimmter Schauspieler sammelt. Dabei ist es an sich naheliegend, dass ein Genre-Beitrag mit Lionel Atwill aus dieser Zeit die Betrachtung lohnen dürfte. Schließlich gelangen Atwill 1932 mit „Der geheimnisvolle Dr. X.“ und 1933 mit „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ bereits durchaus signifikante andere Erfolge im Genre, die zumindest insofern populär sind, als es die ersten Horror-Tonfilme in Zwei-Farben-Technicolor waren. Atwill drehte somit schon mehr als zehn Jahre vor Claude Rains, Boris Karloff oder Bela Lugosi seine ersten Farb-Horrorfilme.

Trotz allem wurde über „Murders in the Zoo“ lange Zeit regelrecht der Mantel des Schweigens gehüllt – wahrscheinlich liegt dies an schlichter Unkenntnis. Ähnlich wie der nicht minder vernachlässigte „Murders in the Rue Morgue“ (1932) mit Bela Lugosi, jedoch noch weitaus exzessiver, ist aber gerade dieser Film von 1933 ein Musterexemplar für die Möglichkeiten, die der Horrorfilm in Hollywood bot, bevor man ab Mitte des Jahres 1934 eine Vielzahl an Zensurkriterien verpflichtend einhalten musste, sofern man seine Filme in US-amerikanischen Kinos präsentieren wollte.

Viel böser als die bekannten Klassiker

Schon in der ersten Szene des Films zeigt sich, mit welcher Ironie und regelrecht einem gewissen Zynismus bei diesem Film mit Trugbildern gespielt wurde. Dieser Film sollte schocken und verstören. Der Streifen beginnt nach dem Vorspann mit einer idyllischen Übersichtseinstellung eines Dschungels im fernen Asien. Wenig später wird das paradiesische Bild jedoch von schmerzverzerrtem Wimmern und Stöhnen gestört. Als man kurz darauf zu Gesicht bekommt, wo diese Klagelaute herrühren und wodurch sie verursacht werden, zeigt sich der klassische US-Horrorfilm von seiner düstersten Seite.

Was hier schon in den Anfangsminuten an psychologischer und körperlicher Gewalt geboten wird, sollte über Jahrzehnte seinesgleichen suchen. Aus diesem Grunde habe ich den Film in meinen Horror-„Top 5“ der 12. Ausgabe von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ auf den ersten Platz gesetzt. Vor allem Tod Brownings „Dracula“, ein großer Klassiker dieser Epoche, ist vollkommen harmlos dagegen. Die größte Stärke von „Murders in the Zoo“ ist gerade die Tatsache, dass hier realer Horror dargeboten wird, keine Monster, keine Kreaturen, nichts Übernatürliches.

Der Wahnsinnige von nebenan

Der Protagonist ist ein geisteskranker Sadist mit Minderwertigkeitskomplexen – und Lionel Atwill beherrschte es wie kein Zweiter, den Wahnsinnigen von nebenan zu verkörpern. Dazu benötigte es kein entstelltes Gesicht oder sonstige Verkrüppelungen, geschweige denn die Maske einer tierischen Bestie. Ein bisschen kann man diesen Eric Gorman sicherlich als eine frühe Abart im Geiste von Hannibal Lecter verstehen: einfallsreich und medizinisch versiert, effizient auf das Töten ausgerichtet, aber nicht ohne sich den Spaß zu machen, seine Opfer zuvor einer kurzen, aber intensiven Todesqual auszusetzen.

In der zweiten halben Stunde dieses recht kurzen Films hat Atwill es bereits geschafft, eine Präsenz des personifizierten menschlichen Grauens aufzubauen. Sobald die anderen Figuren ihm den Rücken zudrehen, bekommt man es mit der Angst zu tun und schon ein einzelner Blick suggeriert seine unerbittliche Entschlossenheit zu morden. Obwohl man von Anfang an weiß, wer der Täter ist, ist der Film hoch spannend und teilweise sogar regelrecht nervenzehrend. Ein Monster in unscheinbarer Menschengestalt, vor dem die potenziellen Opfer schreiend davonlaufen und sich verzweifelt in Räumen einzuschließen versuchen: Lionel Atwill.

Nie in Deutschland veröffentlicht

Dass dieser Film in Deutschland niemals präsentiert und in Schweden gar verboten worden ist, überrascht wenig, da er in seiner seelischen Grausamkeit unter den zeitgenössischen Hollywood-Werken allenfalls mit „Graf Zaroff“ vergleichbar ist. In den USA allerdings wurde der Paramount-Film vor einigen Jahren wiederentdeckt und als Teil einer Raritäten-Kollektion von Turner Classic Movies unter dem Titel „Universal Cult Horror Collection“ veröffentlicht. Universal? Ja, denn dieser war einer von mehreren Hundert Paramount-Filmen aus den 30ern und 40ern, die Ende der 50er-Jahre zwecks Fernsehvermarktung an Universal überantwortet wurden und fortan in deren Rechtestock verblieben. Es handelt sich bei diesem Genre-Highlight also wohlgemerkt nicht um einen Universal-Horrorfilm, obwohl dieses Studio in den 30er-Jahren absolut marktführend im Genre war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lionel Atwill und Randolph Scott sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): Oktober 2009 in der 5-DVD-Box „Universal Cult Horror Collection“ (mit „House of Horrors“, „The Mad Doctor of Market Street“, „The Mad Ghoul“, „The Strange Case of Doctor RX“)

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe: FSK nicht geprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Murders in the Zoo
USA 1933
Regie: A. Edward Sutherland
Drehbuch: Philip Wylie & Seton I. Miller
Besetzung: Lionel Atwill, Gail Patrick, Randolph Scott, Charlie Ruggles, John Lodge, Kathleen Burke, Harry Beresford
Verleih: Paramount Pictures
Vertrieb USA: Turner Classic Movies

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshots: © Turner Classic Movies

 

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