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Der Kampf auf der Insel – Filmkunst ohne Schnickschnack

05 Nov

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Le Combat dans l’île

Von Ansgar Skulme

Drama // Die Ehe von Anne (Romy Schneider) und Clément (Jean-Louis Trintignant) ist ebenso leidenschaftlich wie kompliziert. Das Paar durchlebt eine Achterbahnfahrt – sie eine neugierige, aber labile Schauspielerin, die nicht an ihr Können glaubt, er aufbrausend, eifersüchtig, reaktionär und heimliches Mitglied einer Gruppe von Rechtsterroristen. Sein Mentor ist Serge (Pierre Asso), dessen terroristische Vita bis vor Cléments Geburt zurückreicht. Für Serge schreckt Clément sogar vor einem Mordanschlag nicht zurück, doch in der Folge droht er aufzufliegen. Das Ehepaar findet Zuflucht bei Cléments langjährigem Freund Paul (Henri Serre), einem Linksintellektuellen, der sich bei aller persönlicher Sympathie schnell als klarer politischer Gegenpol zu Clément herausstellt. Auch Serge scheint eine andere Rolle zu spielen als gedacht, Clément verliert das Vertrauen in sein gesamtes Umfeld und Anne gerät zwischen zwei Männer, die schließlich um sie kämpfen werden.

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Clément wird Anne nicht einfach aufgeben

Alain Cavaliers erster abendfüllender Spielfilm entstand gewissermaßen unter Schirmherrschaft seines Lehrmeisters Louis Malle, der im Vorspann die Eigenschaft eines „Supervisors“ zugesprochen bekam. Malle, der unter anderem als Produzent an der Herstellung beteiligt war und seine Wohnung für den Dreh zur Verfügung stellte – schließlich musste in der Nouvelle Vague an authentischen Schauplätzen und nicht im Studio gedreht werden –, verfolgte mit dem Film ein politisches Ansinnen, positionierte sich hier mit Nachdruck am linken Flügel der Nouvelle Vague. Er war unter anderem gegen die Besetzung Algeriens durch Frankreich und stand dadurch im Widerstreit mit einigen anderen Größen der Nouvelle Vague. Doch nicht nur politisch befindet sich „Der Kampf auf der Insel“ auf Konfrontationskurs.

Die hohe Kunst des Mittelwegs

Cavalier ist eine angenehm nüchterne, zuweilen fast schon verstörend sachliche, emotional mitunter distanziert wirkende Regiearbeit gelungen. Immer wieder werden Abschnitte der Geschichte von einem Erzähler vorangebracht, dessen Einbindung an Kommentare in Wochenschauen bzw. Nachrichtensendungen erinnert – insbesondere wenn er das Vorgehen der Terrororganisation zusammenfasst. Im Gegensatz zu nicht wenigen anderen Vertretern der Nouvelle Vague, aber auch beispielsweise des Anfang der 60er aufgekommenen „Neuen Deutschen Films“ erweckt „Der Kampf auf der Insel“ erfreulicherweise nie den Eindruck, vor allen Dingen zwecks Erprobung inszenatorischer Auffälligkeiten und Manierismen des Regisseurs produziert worden zu sein. Es geht hier klipp und klar um die erzählte Geschichte und nicht darum, beispielsweise möglichst viele Jump Cuts zur Schau zu stellen, deren Vorhandensein im Grunde gar keinen narrativen Mehrwert hat, sondern nur der Tatsache dient, andersartig bzw. innovativ zu wirken. Anfang der 60er war das Kino in Europa – insbesondere in Frankreich und Deutschland – stark damit beschäftigt, sich möglichst auffällig, in aller Deutlichkeit von den vorausgegangenen Jahren und Jahrzehnten zu distanzieren. Dies führte mitunter zu reichlich selbstverliebten, inszenatorischen Extrovertiertheiten der Regisseure in ihren Filmen – frei nach dem Motto: Hauptsache man war „nicht mehr 50er“.

Wie sie es Papa beweisen wollten

In Deutschland war seinerzeit albern oberflächlich und generalisierend von „Papas Kino ist tot“ die Rede, wenn es um das Leinwandgeschehen vor 1962 ging, wobei die Bezeichnung „Papas Kino“ ursprünglich wiederum auf Äußerungen François Truffauts zurückzugehen scheint. In diesem Kontext wirkt ein Film wie „Der Kampf auf der Insel“ erfrischend erwachsen, wie ein Vermittler, der zwar nicht die alte Schule glorifiziert, aber eben auch nicht krampfhaft modern zu sein versucht – angefangen damit, dass die Geschichte sogar ein altmodisches Duell ins Zentrum der Handlung stellt und selbiges von vornherein in einem martialischen Titel würdigt, der als Filmtitel für sich allein gestellt erst einmal wenig Aussagekraft hat.

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Sie reden von Ehre, doch verstecken sich mit Hut im Schatten

Gleichzeitig trägt „Der Kampf auf der Insel“ durch seine vielen Schauplätze im Freien und in aus dem Leben gegriffenen Wohnungen, die Abkehr von der Studioproduktion und auch hinsichtlich der Direktheit des Gezeigten – gerade was die Beziehungsszenarien anbelangt – diverse charakteristische Züge der Nouvelle Vague. Auch Louis Malle und Alain Cavalier wollten natürlich andere Filme machen als es in Frankreich zehn Jahre früher üblich gewesen war, aber ihnen war trotz allem auch nicht daran gelegen, sich allen Dogmen ihrer Nouvelle-Vague-Kollegen praktisch bedingungslos zu unterwerfen. In Deutschland verfasste man indessen das sogenannte „Oberhausener Manifest“, bekämpfte im Grunde also alte Dogmen mit neuen Dogmen – das kann man innovativ nennen oder auch nicht. Die Werke von Malle und ähnlich denkenden Kollegen wie Cavalier jedenfalls mögen handwerklich sicherlich formalistischer als etwa die von Jean-Luc Godard erschienen sein, waren aber auch politisch ambitionierter – egal, was man handwerklich davon halten mag.

Stereotypen am richtigen Fleck

Lobenswert ist die nüchterne Anlage der Regie vor allem deswegen, weil die davon kontextualisierten Figuren eigentlich recht extremer Natur sind. Der eine (Trintignant) ist ein radikaler Konservativer, der andere (Serre) ein linker Intellektueller, der so gebildet ist, dass ihn anscheinend gar nichts aus der Ruhe bringen kann, und dazwischen die aufgedrehte Romy Schneider – mal fröhlich und lebenslustig, dann wieder depressiv und widerspenstig – in ihrer ersten Nouvelle-Vague-Rolle. Clément ist unbelehrbar engstirnig, Paul genau das Gegenteil – beide Figuren wirken recht eindimensional – und Anne treibt zwischen beiden Ankern hin und her. Diese Figuren, welche man durchaus als stereotyp bezeichnen kann, in der wiederum sehr um Sachlichkeit bemühten Erzählung und in den oft tristen, stets naturbelassen erscheinenden Bildern, lassen den Film zu einer Art Charakterstudie werden, die politische und gesellschaftliche Schwierigkeiten der Zeit am Extrem verdeutlicht. Mögen die Charaktere noch so zugespitzt sein, macht das vollkommen geerdete Drumherum sie schlichtweg zur Reflexionsebene. Alles verstärkt durch die wirklich aufwühlende, aber gleichzeitig ohne großes Tamtam instrumentierte Musik von Serge Nigg.

DVD lohnt sich für mehrere Zielgruppen

Die DVD von Pidax bietet sehr gutes Bild und die ungekürzte Fassung, welche an wenigen Stellen nur im französischen Originalton vorliegt. Für diese Passagen gibt es optionale deutsche Untertitel, die man während des Films ein- und ausblenden kann, ohne dass sie allerdings bei Anhalten des Films über das Hauptmenü auswählbar sind. Als Bonus gibt es die für Pidax üblichen Standards: ein Booklet von Reiner Boller, das von einem Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne gerahmt wird. Dazu kommt eine Bildergalerie als weiteres zum Film gehöriges kleines Extra. Dank der besonnenen Inszenierung kann man dieses Werk sowohl Freunden der Nouvelle Vage als auch Quereinsteigern, die mehr zu dieser Epoche des französischen Kinos wissen wollen, und sogar Genrekino-Freunden empfehlen, die sich eher für Krimis und Thriller begeistern. Nicht zuletzt ist die deutsche Fassung absolut hörenswert. Romy Schneider hatte nicht nur ein sehr angenehmes Französisch gelernt, sondern ließ es sich auch nicht nehmen, sich auf Deutsch selbst zu synchronisieren. Obwohl sie zum damaligen Zeitpunkt noch recht wenig Synchronerfahrung hatte, sprüht ihr Stimmschauspiel vor Spielfreude und gekonnt artikulierten Nuancen. Daneben sind Thomas Braut als verbissener Clément und der immer sehr unaufgeregt klingende Paul Edwin Roth als Paul hervorragend besetzt. Sie transportieren die gegenläufigen Pole vorzüglich aus dem Original ins Deutsche.

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Anne (l.) und Cécile – einfach nur gute Freunde

Veröffentlichung: 28. Oktober 2016 als DVD

Länge: 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: Deutsch (für die nur im Originalton vorliegenden Passagen)
Originaltitel: Le Combat dans l’île
F 1962
Regie: Alain Cavalier
Drehbuch: Alain Cavalier, Jean-Paul Rappeneau
Besetzung: Romy Schneider, Jean-Louis Trintignant, Henri Serre, Diane Lepvrier, Pierre Asso, Robert Bousquet, Jacques Berlioz, Armand Meffre, Maurice Garrel, Marcel Cuvelier
Zusatzmaterial: Booklet von Reiner Boller inkl. Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 6207, Bildergalerie, Trailer zu anderen Filmen
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

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Clément glaubt an Blutsbruderschaft und das Recht des Stärkeren

Fotos & Packshot: © Al!ve AG / Pidax Film

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