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Schonungslos – Vertrauen? Was ist das?

07 Nov

The Price of Fear

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Der Gangsterboss Frankie Edare (Warren Stevens) interessiert sich für Dave Barretts (Lex Barker) Anteile an einer Hunderennbahn und setzt ihn deswegen unter Druck. Auf der Flucht vor Edares Schergen stiehlt Dave ein Auto, um ihnen nicht in die Hände zu fallen. Er konnte schließlich nicht ahnen, dass die Besitzerin des Wagens, Jessica Warren (Merle Oberon), mit ebendiesem gerade einen Mann angefahren und Fahrerflucht begangen hat. Beinahe gleichzeitig gerät Dave außerdem unter Verdacht, für einen fast zur selben Zeit begangenen Mord verantwortlich zu sein. Plötzlich stehen drei empfindlich strafbare Taten im Raum und Dave muss sich entscheiden, ob er den Diebstahl zugibt, als Alibi für den Mord nutzt und wie er beweisen will, trotz allem keine Fahrerflucht begangen zu haben.

Edare (l.) ist auf Barretts Vermögen scharf

An manchen Stellen ist der Film aufgrund dieser Konstellationen fast schon absurd und man muss über den ganzen Schlamassel regelrecht schmunzeln, in den Dave da plötzlich hineingeraten ist. Nicht „Was bin ich?“, aber „Was war ich?“. Diebstahl, Mord oder Fahrerflucht? Welches Schweinderl hätten S‘ denn gern? „Schonungslos“ treibt einige erzählerische Klischees des Film noirs – weniger die kameraästhetischen – auf die Spitze, das Drehbuch hätte passagenweise als Vorlage für eine Parodie des Genres getaugt. Angefangen damit, dass die Story letztlich nur durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle mit drastischen Begebenheiten in die Gänge kommt. Vollendet damit, dass hier anscheinend überhaupt niemandem zu trauen ist. Dave und Jessica verlieben sich, aber trotzdem bleibt die Frau undurchschaubar und wirkt verschlagen; Daves bester Freund im Film, Pete Carroll (Charles Drake), ist ausgerechnet bei der Polizei, dadurch verpflichtet, den Sachverhalt lückenlos aufzuklären und für Dave keine vertrauenswürdige Hilfe. Die Gangster sind sowieso völlig skrupellos, die Tochter des vom Auto angefahrenen Herren (Gia Scala) scheint zwar ein liebes Mädchen zu sein, kocht aber vor Trauer und Wut, und die Ehefrau des Taxifahrers McNab (Mary Field) – an sich eine ganz normale Hausfrau – verfällt hinter dem Rücken ihres Mannes und hinter dem Rücken von Dave spontan der Bestechlichkeit.

Mitfiebern schwer gemacht

Leider gelingt es dem Film allerdings nicht, all das mitreißend zu transportieren. Das geht mit scheinbaren Kleinigkeiten los, wie, dass der Film, im Gegensatz zu Dutzenden anderen Noirs, einen doch recht belanglosen Soundtrack – oder wie es genau genommen korrekt heißt: Score – vorweist. Aber auch die schauspielerischen Leistungen sind zum Teil nicht besonders gut, und dies betrifft vor allem die beiden Hauptrollen: Lex Barker wirkt nicht wie ein Gejagter, sondern viel zu relaxt – vor allem angesichts der Tatsachen, dass ihm eine Mordanklage droht, viele Menschenleben einschließlich seines eigenen auf dem Spiel zu stehen und teils schon verwirkt wurden; dadurch büßt der Film enorm viel Potenzial ein. Merle Oberon ist zwar hinsichtlich der inneren Anspannung ihrer Figur überzeugend, das Techtelmechtel mit Barker allerdings kauft man beiden Seiten überhaupt nicht ab. Damit scheitert der Film auf ganzer Linie an einem Aspekt, der Billy Wilders „Frau ohne Gewissen“ (1944) zu einem legendären Genrebeitrag gemacht hat, obwohl selbst bei diesem Film noch diskutabel ist, wie glaubwürdig es sein mag, dass ein Fred MacMurray gerade einer Barbara Stanwyck sofort völlig verfallen sein soll. Rita Hayworth als „Gilda“ (1946) war da beispielweise ein anderes Kaliber. Gloria Grahame etwa beherrschte es auch grandios, die verführerische Frau, die den Protagonisten beinahe ins Verderben stürzt, auszustrahlen. Barbara Stanwyck war als „Frau ohne Gewissen“ zwar herrlich böse, rätselhaft bleibt aber, wie sie es schafft, MacMurray auf der Stelle den Kopf zu verdrehen. Daran sieht man, dass ein solcher Film auch trotz Ungereimtheiten bestens funktionieren kann, in „Schonungslos“ sind selbige aber einfach zu gravierend.

Hat Barrett nur gedroht oder auch geschossen?

Zwar soll der Regisseur Abner Biberman stets darum bemüht gewesen sein, noch mehr aus seinen Schauspielern herauszukitzeln, doch in „Schonungslos“ sieht man davon nicht viel. Die schwächste Szene dahingehend geht noch nicht einmal auf die Kappe von Barker oder Oberon, sollte hier allerdings trotz Spoiler kurz angesprochen werden. Wer den Film noch nicht kennt: Bitte ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterlesen! Die Passage, wenn die beiden Protagonisten schließlich in McNabs Wohnung gehen und dort dessen Frau antreffen, lässt sich ganz gut an, und der Moment, als Jessica Warren die Frau buchstäblich hinter Dave Barretts Rücken besticht, gehört zu denen im Film, die Noir-Nostalgikern besonders gut gefallen müssten. Dass sie dann den gesuchten Taxifahrer nicht antreffen, dieser noch einmal beim Gespräch mit seiner Frau gezeigt wird, ehe er „natürlich“ ermordet wird, als er gerade drauf und dran ist auszupacken und „natürlich“ bevor Dave und Jessica noch mit ihm reden können, ist so weit alles nett gemacht und eine Verbeugung vor dem Genre. Wie unglaubwürdig ist aber dann die Szene, in der die Ehefrau im Angesicht des Ablebens ihres Gatten plötzlich bei Jessica und Dave vor der Tür steht. Nun gut, sie trägt jetzt Schwarz, aber dafür, dass der Mord gefühlt erst zehn Minuten zuvor passiert ist, merkt man ihr vom Schock beileibe sehr wenig an. So als sei sie angesichts des Toten einfach direkt zum Kleiderschrank gegangen, um die Farbe zu wechseln und sich dann nahtlos auf den Weg zu Jessica Warren zu machen. Was gäbe es in so einem Moment denn auch Wichtigeres zu tun oder erst einmal zu verarbeiten, als direkt zu einer Frau zu fahren, die man gerade erst kennengelernt hat, nur um Dampf abzulassen? All das obendrein noch nicht einmal sonderlich von Trauer gezeichnet. Abner Biberman arbeitete ab Ende der 50er-Jahre hauptsächlich als TV-Serienregisseur. Dies war sein vierter Kinofilm, auf den noch etwa einmal so viele folgten – die meisten davon noch in den 50er-Jahren. Seine beste Regiearbeit war „Schonungslos“ in jedem Fall nicht – so viel kann ich anhand dessen, was ich aus seinem Portfolio bisher gesehen habe, in jedem Fall schon jetzt behaupten.

Phänomen Lex Barker

Sonderbarerweise sieht man Lex Barker, obwohl er gerade diese Rolle nicht besonders überzeugend spielte und Reinhard Glemnitz als seine deutsche Synchronstimme zudem recht unglücklich besetzt ist, aber irgendwie trotzdem immer wieder gern zu. Auch hier. Man muss neidlos anerkennen, dass dieser Umstand Star-Qualitäten beweist. Barkers Präsenz – die Tatsache allein, dass er einfach nur da ist – genügt, um den Film über die Zeit zu schaukeln, und auch wenn man nicht mitfiebert und ihm die Zuneigung zu Jessica bis zum bitteren Ende nicht abkauft, ja selbst obwohl man sich zunehmend bewusst wird, dass der Film mit anderen Hauptdarstellern wahrscheinlich wesentlich cooler wäre, gönnt man es ihm trotzdem, dass er möglichst heil aus der Sache herauskommt. Diese Aura des Lex Barker ist einer der Gründe, warum er eine solch geniale Besetzung als Old Shatterhand in den Karl-May-Western war und warum seine Verpflichtung, das Wagnis, ihn in einen deutschen Film zu holen, zuvor ein solch brillanter Schachzug von Horst Wendlandt gewesen ist. „Schonungslos“ ist sicherlich gleichzeitig auch ein guter Beleg, warum Barker es in Hollywood nicht auf Dauer schaffte – aber seine besten Filme hat er eben sowieso erst später in Europa gedreht, in einer Zeit als in den USA sowieso gerade das Fernsehen wie eine Dampfwalze über das Kino hinwegrollte und sowohl die Quantität der Kinofilme insgesamt als auch der guten Filme beeinträchtigte. Mit seinem späteren Stammsynchronsprecher Gert Günther Hoffmann – der als solcher ein ebenso genialer Schachzug war, wie die Verpflichtung von Barker selbst als Old Shatterhand – hätte man Barker den Part in der deutschen Fassung von „Schonungslos“ am Ende womöglich sogar noch abgekauft, und damit wären auch die Schwachstellen an Merle Oberons Performance weniger ins Gewicht gefallen. Da der Film in Deutschland erst Ende 1959 in die Kinos kam, Barker aber schon vorher in „Duell mit dem Teufel“ (1955), „Das Mädchen mit den schwarzen Strümpfen“ (1957) und der ersten Synchronfassung von „Rebell der roten Berge“ (1957) dreimal von Hoffmann synchronisiert worden war, ehe sich diese Besetzung später als Karl-May-Held – abgesehen vom Auftaktfilm „Der Schatz im Silbersee“ (1962), wo Horst Niendorf zu hören ist – manifestierte, ist die Abwesenheit Hoffmanns in „Schonungslos“ tatsächlich sogar ein wenig ärgerlich.

Solide, löbliche Veröffentlichung

Durch die Veröffentlichung von „Schonungslos“ wird insofern eine wichtige Lücke geschlossen, als es sich hierbei um den vorletzten Hollywood-Film mit Lex Barker handelt, der zwischen seiner Zeit als Tarzan (1949–1953) und seiner Zeit als Star der Karl-May-Filme (ab 1962) entstand, für den ebenso eine deutsche Sprachfassung wie nun auch eine deutsche DVD vorliegt. Der letzte Film dieser Kategorie aus Barkers Karriere, dem nun noch eine DVD-Veröffentlichung in Deutschland fehlt, ist das Technicolor-Abenteuer „Die Intrige der Lily Scarlett“ (1955) – immerhin eine Regiearbeit von keinem Geringeren als William Castle. Der einzige weitere in den USA gedrehte Film mit Barker, der sonst noch in dieses Zeitfenster fällt, „The Girl in the Kremlin“ (1957), wurde meines Wissens bisher nicht deutsch synchronisiert. Selbiges gilt auch für den einzigen Film mit Barker, der während seiner Zeit als Tarzan außerhalb dieser Reihe in die US-Kinos kam: den im 18. Jahrhundert angesiedelten, durchaus sehenswerten Western „Battles of Chief Pontiac“ (1952), mit Lon Chaney Jr. in der Titelrolle und einem sehr guten, fiesen Berry Kroeger als Gegenspieler des Helden – nicht nur Lex Barkers erste Western-Hauptrolle, sondern auch seine erste Filmhauptrolle abseits von Tarzan. Abzuwarten bleibt außerdem noch, ob es der mitten in Barkers 50er-Hollywood-Phase fallende italienische Abenteuerfilm „Die schwarzen Teufel von Ramangai“ (1954) irgendwann einmal auf eine deutsche DVD schaffen wird.

Prelle niemals einen Gangster beim Verhandeln!

Auch wenn Pidax nun schon mehrere Lex-Barker-Filme aus den 50ern, zudem unterschiedlicher Produktionsfirmen, veröffentlicht hat und zuletzt praktisch Vorreiter hinsichtlich der Aufarbeitung dieses Karriere-Bausteins von Lex Barker auf dem deutschen DVD-Markt war, verwundert es ein wenig, dass „Schonungslos“ als Universal-Produktion nicht, genau wie auch seine Universal-Western und der ebenfalls von Universal, mit Barker in einer Nebenrolle produzierte Kriegsfilm „Klar Schiff zum Gefecht“, innerhalb der gleichsam von Universal-Filmen dominierten Film-noir-Reihe von Koch Films erschienen ist. Bei Koch hätte der Film eventuell etwas mehr Bonusmaterial – und sei es nur ein ausführlicheres Booklet – spendiert bekommen, allerdings liefert auch die Pidax-DVD immerhin eigene kleine Texte, die in den obligatorischen Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne integriert wurden, während sich andere Pidax-Veröffentlichungen zuletzt teilweise auf den reinen Nachdruck des klassischen Programmhefts beschränkten. Die Bildqualität der DVD ist sehr gut; der deutsche Ton hat zwar vereinzelt mit leichten Unebenheiten in der Klangfarbe zu kämpfen, die aber gut und sachgerecht, ohne es mit der digitalen Bearbeitung zu übertreiben, ausgebügelt wurden. Die Synchronsprecher von Charles Drake und Warren Stevens wurden im klassischen Programmheft übrigens falsch benannt. Dies ist teils einer falschen Zuordnung der Rollen und Stimmen geschuldet. Synchronfans sollten sich davon nicht irritieren lassen. Man kann es positiv sehen: Unter solch erschwerten Bedingungen macht das Erraten der Stimmen gleich doppelt Spaß.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lex Barker sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Wer lügt, ist erpressbar

Veröffentlichung: 27. Oktober 2017 als DVD

Länge: 76 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Price of Fear
USA 1956
Regie: Abner Biberman
Drehbuch: Robert Tallman, nach einer Vorlage von Dick Irving Hyland
Besetzung: Merle Oberon, Lex Barker, Charles Drake, Gia Scala, Warren Stevens, Phillip Pine, Mary Field, Dan Riss, Konstantin Shayne, Stafford Repp
Zusatzmaterial: Booklet mit Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5033, Begleittext zum Film von Reiner Boller und kleinen Texten zum Schauspielerensemble
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

 

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