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Horror für Halloween (XVIII) / Dario Argento (II): Horror Infernal – Mater Tenebrarum bittet zum Tanz im Feuer

10 Okt

Inferno

Von Lucas Knabe

Horrorthriller // Naive Figuren, bunte Lichter, eine fabulöse Inszenierung und ein exzentrischer Score können als Patentrezept der ersten beiden Teile der Muttertrilogie Dario Argentos gelten. Als Sequel zu „Suspiria“ (1977) brachte der italienische Horrorregisseur drei Jahre später unter großen Mühen „Horror Infernal“ („Inferno“, 1980) ans Licht, das bis heute im Schatten seiner großen Schwester lediglich in Kennerkreisen verharrt und eher zu einem Geheimtipp vereinsamt, als zu den Klassikern populärer filmkultureller Avantgarde in einer Geniezeit des Giallo-Horrors zu gehören.

Die junge Autorin Rose Elliot (Irene Miracle) lebt in einem Apartmenthaus in New York City. Eines Abends entdeckt sie in dem Buch „Die drei Mütter“, das sie vom benachbarten Antiquitätenhändler Kazanian (Sacha Pitoëff) erstanden hat, einige beunruhigende Passagen des Autors Varelli (Feodor Chaliapin Jr.): Die Rede ist von drei Hexen: Mater Suspiriorum, Mater Tenebrarum (Veronica Lazar) und Mater Lachrymarum, die in Freiburg, New York und Rom ihre Residenzen haben und diese als Zentren ihrer Macht und Bosheit ausnutzen.

Wie es der Zufall will, stellt sich laut dem Buch ausgerechnet Roses Wohnsitz als Adresse von Mater Tenebrarum heraus, was sie zutiefst beunruhigt und dazu bewegt, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch das waghalsige Nachforschen nach den Geheimnissen um Mater Tenebrarum fordert seinen blutigen Tribut, der alle mit einem grausamen Tod bestraft, die den Mysterien auf die Schliche kommen wollen – oder die ohne ersichtliche Notwendigkeit für etliche bizarre Splatter-/Gore-Szenen von der personifizierten Giallo-Allegorie mit den schwarzen Handschuhen massakriert werden.

Albtraumhafte Konstruktion trifft auf traumhafte Inszenierung

Gab es in „Suspiria“ noch die eine oder andere erhellende Szene, die half, die Konstruktion der düsteren Geheimnisse um Mater Suspiriorum alias Helena Markos in schlüssige Bahnen zu lenken, so muss man in „Inferno“ ordentlich die grauen Zellen bemühen, um in einem Wirrwarr der Ästhetik nicht den Anschluss zu verlieren. Hierbei ist es von Vorteil, „Suspiria“ zu kennen und zu mögen, sodass man die durchaus ähnliche Erzählweise zügig durchblickt, da Absichten der Protagonisten oder gar die Struktur des Drehbuchs keine fundierten Erläuterung finden, welche sich die Mühe machen, dem Zuschauer etwas vorzukauen. Insofern geht Argento bei diesem Film nicht zimperlich mit Erstsehern um. Man wird nach einer konstruierenden, aber sehr dichten Exposition in die Handlung hineingeworfen, was durchaus zu Irritation und Ablehnung führen kann, wenn schon die Bereitschaft schwerfällt, sich Argentos artifiziellem Stil anzunehmen. „Inferno“ serviert keine Antworten, sondern lässt einem die Wahl des Berieselns oder Detektierens – trotz allem erzeugen beide Varianten ein positives Filmerlebnis, egal ob man etwa der obskuren Relevanz des Vollmonds auf die Spur geht, oder einfach vom wohligen Grusel unterhalten werden möchte. Wer nun skeptisch ist, den will ich besonders nach der Sichtung von „Suspiria“ ermutigen, „Horror Infernal“ zu schauen, auch mehrmals, man wird ihn sicherlich im Gedächtnis behalten.

Vertieft man sich in Entstehung und Produktion des Films, bekunden Argento und sein Kameramann Romano Albani in den Extras des 2012er-Mediabooks zügig, dass diese nicht wie der Film selbst mit minuziösem Eifer donnernd voranschritten, sondern von etlichen Problemen gebeutelt waren. So musste etwa Mario Bava, der in die Produktion ohnehin eingebunden war, sogar die Führung am Set übernehmen, da Argento aufgrund einer schweren Infektion mehrere Wochen ausfiel. Daher kursieren auch mehrere Gerüchte um die Aufgabenverteilung und Arbeitsanteile während der Fertigstellung des Films, sodass man immer wieder liest, Mario Bava sei beispielsweise für die ikonische Unterwasserszene verantwortlich, die zu den inszenatorischen und ästhetischen Höhepunkten gehört.

Dem Film ist jenes Tohuwabohu jedoch nicht anzumerken. Hier begegnet man einer makellosen Aufführung, in der nichts dem Zufall überlassen wurde. Die künstlerische Eigentümlichkeit von „Horror Infernal“ mit dem Score Keith Emersons, der Goblin in nichts nachsteht und durch psychedelisch aufpeitschenden Prog-Rock besticht, münden in einer Stimmigkeit, die jedes ASMR-Video auf die Plätze verweist. Aus sicherer Distanz kann man so den Protagonisten zusehen, wie sie sich in einer leblosen Welt von albtraumhafter Anonymität in Argento-typischer Manier in die Spirale des Todes winden. Spätestens nach den ersten 50 Minuten sollten auch Splatter-Fans auf ihre Kosten kommen, wenn etwa eine Glasscheibe als Guillotine enthemmt im lebenden Fleisch versenkt wird.

Ein 80er-Glanzlicht

Als ungeschnittene DVD oder Blu-ray mit deutscher Tonspur ist „Horror Infernal“ aufgrund einer Folgeindizierung rar gesät, sodass man mit Glück auf dem Sammlermarkt eine der von Koch Films veröffentlichten Ausgaben ergattern kann, die zwischen 2012 und 2017 in geringer Auflage als Mediabook erschienen sind. Wem die englische, französische oder italienische Tonspur ebenso zusagt, der kann auf das von ESC Distribution veröffentlichte Mediabook zugreifen, das über französische Internetquellen für unter 30 Euro (Stand Oktober 2019) zu bekommen ist. Auch das für herausragende Editionen bekannte englische Label Arrow Video hat „Inferno“ veröffentlicht. Das exklusiv über einen Online-Händler vertriebene Steelbook mit Blu-ray ist allerdings ebenso vergriffen wie die 2-Disc Edition mit Blu-ray und DVD im gewohnten weißen Schuber und vier Plakatmotiven als Wendecover, bleibt die Blu-ray im Softcase.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 13. Oktober 2017 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs, 4 Covervarianten), 15. Juli 2016 und 24. Februar 2012 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (DVD & Blu-ray)

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Inferno
IT 1980
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento
Besetzung: Leigh McCloskey, Irene Miracle, Eleonora Giorgi, Daria Nicolodi, Sacha Pitoëff, Alida Valli, Veronica Lazar, Gabriele Lavia, Feodor Chaliapin Jr., Leopoldo Mastelloni, Ania Pieroni, James Fleetwood, Rosario Rigutini, Ryan Hilliard, Paolo Paoloni, Fulvio Mingozzi, Luigi Lodoli, Rodolfo Lodi, Dario Argento, Gianni Macchia
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Christian Keßler und Marcus Stiglegger, Intros von Dario Argento und Romano Albani, Fotogalerie, „Of Darkness and Fire“ mit Romano Albani, Fabio Traversari, Pierantonio Mecacci, Luigi Cozzi und Lamberto Bava (97 Min.), „L’Inferno delle tre Madri“ mit Dario Argento, Claudio Argento, Eleonora Giorgi und Leopoldo Mastelloni (23 Min.), „Critics on Fire“ mit Antonio Bruschini und Antonio Tentori (20 Min.), Fragen und Antworten mit Keith Emerson und Irene Miracle (31 Min.), Locations-Tour (4 Min.), deutscher Trailer, englischer Trailer, spanischer Trailer, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Hans Langsteiner
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Lucas Knabe

 

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