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McLintock! Frauen hauen

02 Dez

McLintock!

Von Lars Johansen

Western // John Wayne hatte 1960 Pech gehabt. Sein mit ursprünglich 192 Minuten überlanger, extrem patriotischer und extrem teurer Film „Alamo“ floppte an den Kinokassen erbarmungslos. Der Star hatte das monumentale Werk zusammen mit seinem Drehbuchautor James Edward Grant produziert und außer der Hauptrolle auch die Regie übernommen. Der Film war Waynes Herzensprojekt und genau so erzreaktionär wie er selbst. „Ich liebe diesen verdammten Republikaner“, sagte John Ford einmal über ihn und bringt damit die Ambivalenz Waynes ziemlich genau auf den Punkt. Jean-Luc Godard hat es anders und doch eigentlich genauso formuliert: „Es ist unmöglich, Wayne nicht zu hassen, wenn er sich für einen Mann wie Goldwater einsetzt. Und es ist unmöglich, Wayne nicht zu lieben, wenn er im vorletzten Akt der ,Searchers‘ plötzlich Natalie Wood in seine Arme nimmt.“ Nun versuchte Wayne seine Weltsicht in preisgünstigeren und nicht ganz so patriotischen Produktionen auf die Leinwand zu bringen. Und so machte er sich drei Jahre später mit dem gleichen Drehbuchautoren daran, eine Komödie auf die Leinwand zu bringen.

Hart, aber …

„McLintock“ lautet der Name des Örtchens, das zum größten Teil dem knurrigen Viehbaron gleichen Namens (John Wayne) gehört. Nun kommt es gleichzeitig zu Konflikten mit neuen Siedlern, Indianern, seiner von ihm getrennt lebenden Ehefrau (Maureen O’Hara) und der gemeinsamen Tochter Becky (Stefanie Powers), die aus dem Internat zurückkehrt. McLintock löst alle Probleme mit zupackender Souveranität. Dazu gehört auch, dass er nicht einschreitet, als der um die Hand seiner Tochter anhaltende Devlin Warren (Patrick Wayne) Becky mit einer Kohlenschaufel verprügelt – auf Beckys Wunsch erschießt McLintock diesen zum Schein. Letzteres ist eine wirklich unerwartete und hochkomische Szene, die positiv konnotierte Prügel jedoch definitiv nicht. Die Prügelszene wiederholt sich noch einmal, aber dieses Mal ist es McLintock, der am Ende des Films mit der gleichen Schaufel seine Frau verprügelt, die danach sanft und nachgiebig ist.

Mit Schlägen eine Widerspenstige zähmen?

Wenn Mike Siegel im ansonsten klugen und kenntnisreichen Booklet schreibt: „[Die Szene] entspricht natürlich nicht mehr unserem heutigen Frauenbild, ist aber im Kontext ihrer Zeit trotzdem vergnüglich anzusehen“, dann irrt er an dieser Stelle. Denn das war damals mindestens unangemessen und peinlich und ist heute unmöglich. Dass es sich um eine Anlehnung an Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ handelt – geschenkt. Natürlich stellt es auch ein Zitat aus John Fords „Die Katze mit dem roten Haar“ („The Quiet Man“, 1952) dar, in welchem Wayne die widerstrebende O’Hara aus den Zug zerrt, sie zu ihrem Bruder schleppt und diesem vor die Füße wirft. Maureen O’Hara berichtet in einem Making-of, welches vor ungefähr 20 Jahren entstanden sein muss und es leider nicht auf diese Veröffentlichung geschafft hat, dass sie bei den Dreharbeiten zu „McLintock“ tatsächlich verprügelt wurde und schmerzhafte blaue Flecken davontrug. Auch wenn man das unter Schauspiel subsummieren mag, bleibt es eine eher widerliche und zutiefst frauenverachtende Szene.

… herzlich

Das ist umso überraschender, weil der Film ansonsten in großen Teilen eine erstaunliche Liberalität an den Tag legt. Da gibt es den Studenten Matt Douglas (Jerry Van Dyke), der McLintock einen Reaktionär nennt, sich dann entschuldigt und behauptet, dass alle jungen Menschen die ältere Generation so zu bezeichnen pflegen. Der entpuppt sich als guter Tänzer, aber als Ehemann für die Tochter wird er nicht in Erwägung gezogen, weil ihm die zupackende Natürlichkeit des jungen Farmarbeiters Devlin Warren fehlt, der am Ende diese für sich gewinnen kann. Aber die Indianer sind hier eben nicht indifferent böse gezeichnet, sondern als ehrenvolle Gegner, deren Häuptling Puma (Michael Pate) seinen schwer verletzten Gegner McLintock im letzten Krieg sogar nach Hause transportiert hat. So setzt sich der Viehbaron gegen den Gouverneur und den völlig überforderten Indianerbeauftragten der Regierung für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein. Er tut dies auf Augenhöhe, will keine Almosen für sie, denn diese kränken die Krieger, welche die Gaben zwar für Witwen und Waisen schätzen, für sich selbst aber ablehnen. Und er will nicht, dass die alten Häuptlinge in ein Reservat gezwungen werden, wo sie wie aufmüpfige Schüler behandelt werden, die sich zu melden haben. So verhilft er ihnen schließlich zur Flucht und zu Waffen, damit der Präsident gezwungen wird, mit ihnen zu verhandeln.

Schlammschlacht ohne Whisky

Wenn das am Ende nur angedeutet und nicht ganz ausgeführt wird, stellt das eine kleine Schwäche des Films dar, der einige dramaturgische Risse aufweist und nicht jeden losen Faden zu Ende verfolgt. Witzig ist es auf jeden Fall, wenn eine ältere Indianerin einem ausgewiesenen Indianerhasser kräftig an den Hintern fasst, da er vor 20 Jahren eine Affäre mit ihr gehabt zu haben scheint, woran er sich aber nicht gern erinnern will. Und wenn es zur großen Prügelei kommt, die sich im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Schlammschlacht auswächst, sind es die Indianer, die distanziert und ein wenig pikiert den sich prügelnden Massen dabei zuschauen. Wenn dann noch einer der Häuptlinge den fehlenden Whisky bei dieser Party bemängelt und darauf zusammen mit den anderen den Schauplatz verlässt, hat auch das eine eigenartige Würde und einen sehr angenehmen Humor.

Rassistengesänge: „Hoch auf dem gelben Wagen“

Erstaunlich modern auch, dass McLintock seiner Tochter das Erbe verweigert, sondern ihr nur eine kleine Farm und etwas Vieh für sie und ihren Ehemann überlassen will, da die großen Ländereien nach seinem Tod zu Allgemeineigentum und einem Park werden sollen, damit die Umwelt nicht weiter zerstört wird. Das ist die andere Seite John Waynes, der selbst als Farmer und Viehzüchter tätig war und genau wusste, welche Gefahr die übergroße Ausbeutung der Natur mit sich bringen kann. Diese Ambivalenz lässt sich immer wieder bei den Filmen nachweisen, bei welchen er Einfluss auf die Produktion nehmen konnte, und das war spätestens seit dem Ende der 50er-Jahre eigentlich durchgehend der Fall. Waynes persönliches Weltbild nahm in den Filmen, in denen er mitwirkte, immer größeren Raum ein.

In… In… In…dianer

Eigentlich waren es schon beinahe familiäre Strukturen, die ihn bei der Filmarbeit begleiteten. So war bei „McLintock!“ sein Sohn Patrick als Schauspieler dabei, sein älterer Sohn Michael fungierte als Produzent. Mit Maureen O’Hara hatte er schon einige Klassiker gedreht, darunter den grandiosen „Rio Grande“ von 1950, in dem es ebenfalls um die Annäherung eines Ehepaars geht, das sich eigentlich getrennt hat. Dort ist es ein Sohn, der die beiden Partner einander wieder näherbringt. Yvonne de Carlo, deren Erfolge schon ein wenig zurücklagen, bekam das Engagement hauptsächlich deswegen, weil sich ihr Ehemann, ein Stuntman, bei den Dreharbeiten zu „Das war der wilde Westen“ („How the West Was Won“, 1962) so schwer verletzt hatte, dass er nicht mehr arbeiten konnte und die Familie zu verarmen drohte. Regisseur Andrew V. McLaglen war der Sohn von Waynes Freund und häufigem Filmpartner Victor McLaglen. Er hatte bislang nur für das Fernsehen gearbeitet und würde danach noch einige Filme mit Wayne und anderen drehen. Über besseres Handwerk ist er nie hinausgekommen und auch hier hat Wayne wohl ein wenig in die Regie eingegriffen.

John Ford hilft aus

Als McLaglen krankheitsbedingt ein paar Drehtage ausfiel, erzählte Stefanie Powers einmal, sei sogar ein misslauniger John Ford auf dem Set erschienen, der sich ein ein wenig darüber geärgert hatte, dass Wayne nicht ihm die Regie übertragen hatte, aber trotzdem bereitwillig einsprang, war doch sein Stammkameramann mit von der Partie. Dieses Familiäre strahlt auch der fertige Film aus, der seinerzeit ein veritabler Erfolg war, aber danach irgendwie ein wenig in Vergessenheit geriet. Er verfügt über ein paar schöne Momente, ist aber auch ganz schön lang geworden.

Da braut sich was zusammen

Die Blu-ray von capelight pictures ist mehr als ordentlich geworden, das Bild wurde gegenüber der amerikanischen Veröffentlichung noch einmal überarbeitet, und das ist dem Ergebnis sehr gut bekommen. Die Extras sind überschaubar, dafür ist das Booklet sehr dick geworden und neben der guten Arbeit von Mike Siegel ist es vor allem der zeitgenössische Comic zum Film, der einen echten Mehrwert darstellt. Kurz, man kann nur dazu raten, zuzugreifen, wenn man Western und John Wayne mag.

Abgefedert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Wayne haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Flaschenpfand und Paybackpunkte

Veröffentlichung: 29. November 2019 als 2-Disc Limited Collector’s Edition im Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 3. Mai 2007 als DVD

Länge: 127 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: McLintock!
USA 1963
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: James Edward Grant
Besetzung: John Wayne, Maureen O’Hara, Patrick Wayne, Stephanie Powers, Yvonne de Carlo, Jerry Van Dyke, Jack Kruschen, Chill Willis
Zusatzmaterial: Making-of von 1963, deutscher Kinotrailer, US-Kinotrailer, 60-setiges Booklet mit einem Text des Filmhistorikers Mike Siegel, seltenen Bildern zum Film und dem vollständig restaurierten „Gold Hey Comic“ zum Film
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label 2007: Paramount
Vertrieb 2007: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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