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Brahms – The Boy II: Böser Puppenjunge

20 Aug

Brahms – The Boy II

Von Andreas Eckenfels

Horror // 2016 avancierte „The Boy“ zum respektablen Hit. Bei Produktionskosten von zehn Millionen Dollar spielte der Puppenhorror weltweit über 74 Millionen Dollar ein. In Deutschland strömten 285.000 Zuschauer in die Kinos, was in der Jahresrangliste für Platz 93 reichte. Immerhin 7.000 Besucher mehr als der dahinter platzierte Kino- „Tatort“ „Tschiller: Off Duty“ mit Til Schweiger zu verzeichnen hatte. Eine Fortsetzung war nicht unbedingt zu erwarten. Dennoch tat sich Regisseur William Brent Bell für Teil zwei erneut mit Drehbuchautor Stacey Menear zusammen. Einen überraschenden Grund für diese Entscheidung nennt William Brent Bell im Interview, welches im Mediabook von capelight pictures abgedruckt ist: Auf Twitter und in anderen sozialen Medien seien Memes zahlreich geteilt worden, in denen es so aussah, als würde Jared Kushner – der Ehemann von Ivanka Trump – der Horrorpuppe Brahms sehr ähnlich sehen. Ich bekam dann einen Anruf von Gary Luccheshi, der die Produktionsfirma Lakeshore Entertainment leitet und mich in dem Telefonat darauf hinwies, dass die Figur Brahms und sein Äußeres Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden sind, berichtet Bell. Vielleicht hat ja auch US-Präsident Donald Trump persönlich ein gutes Wort für seinen Schwiegersohn eingelegt? Wie dem auch sei: Der böse Puppenjunge ist zurück!

Liza macht sich große Sorgen um ihren verstummten Sohn Jude

Während ihr Mann Sean (Owain Yeoman) wieder einmal auf Geschäftsreise weilt, erleben Liza (Katie Holmes) und ihr Sohn Jude (Christopher Convery) einen Albtraum: Mitten in der Nacht werden beide in ihrem Londoner Haus von Einbrechern überrascht. Die Täter werden handgreiflich gegenüber Liza, schließlich ergreifen sie aber die Flucht. Besonders für Jude eine traumatische Erfahrung. Der Junge kommt in Therapie, da er seit dem Überfall kein Wort mehr spricht. Wenn er etwas zu sagen hat, schreibt er es auf einen Zeichenblock. Auch Liza kann Monate nach der verhängnisvollen Nacht noch immer kein Auge zumachen und verlässt nur selten das Haus.

Liebe auf den ersten Blick

Um auf andere Gedanken zu kommen, beschließen Sean und Liza, die Großstadt für einige Zeit zu verlassen und raus aufs Land zu ziehen. Die Familie mietet sich in einem Gästehaus des alten Hellshire-Anwesens ein. Bei einem ersten Spaziergang durch die angrenzenden Wälder entdeckt Jude in der Erde eine Porzellanpuppe, die er ausgräbt und mitnimmt. Schnell wird die Puppe zu seinem besten Freund. Wie er seinen Eltern erzählt, trägt sie den Namen Brahms. Das habe die Puppe ihm mitgeteilt. Zwar blüht Jude durch Brahms zunehmend auf, dennoch häufen sich einige Merkwürdigkeiten: Angeblich hat Brahms eine Liste mit wichtigen Regeln aufgestellt, die hundertprozentig befolgt werden müssen, sonst gäbe es schlimme Konsequenzen, so Jude. Zudem sind auf dem Zeichenblock des Jungen Szenen brutaler Morde gemalt. Liza zweifelt: Hat ihr Sohn einfach eine blühende Fantasie oder hat Brahms ein Eigenleben entwickelt? Als der Schäferhund des Hausmeisters Joseph (Ralph Ineson) tot aufgefunden wird, beginnt die Situation langsam zu eskalieren.

Jude weicht Brahms nicht mehr von der Seite

Es ist nicht gerade einfach, eine Puppe „gruselig“ zu inszenieren – höchstens sie ist so aktiv und zynisch wie etwa die Mörderpuppe Chucky, was dann aber auch in der falschen Regiehand schnell ins Lächerliche abkippen kann. Mit dem gleichen Problem hatte auch „Annabelle“ zu kämpfen. Eine Puppe sitzt nun mal hauptsächlich regungslos herum. Wie soll da Spannung aufkommen? Auch in „Brahms – The Boy II“ versucht William Brent Bell mithilfe von bedrohlicher Musik und Kamerafahrten auf das starre Porzellanpuppengesicht eine unheilvolle Stimmung zu erzeugen. Dabei soll sich das Publikum ebenso wie die von einer wenig geforderten Katie Holmes dargestellten Mutter immer wieder fragen: Hat sich Brahms vielleicht gerade bewegt? Führt der Puppenjunge etwas im Schilde? Das ist alles solide inszeniert, ein verstärktes Unbehagen will sich dabei allerdings nicht einstellen.

Zehn Regeln!? Brahms stellt ganz schön hohe Ansprüche an seine neue Familie

Während im ersten Teil diese Problematik dank einer cleveren Storywendung gelöst wurde, wird dieser Ausgangspunkt in der Fortsetzung nahezu komplett über Bord geworfen. So wird recht lapidar erklärt, dass die Puppe über Jahrzehnte hinweg negativen Einfluss auf seine unterschiedlichen Besitzer nehmen konnte und somit für einige tragische Ereignisse verantwortlich war. Damit funktioniert „Brahms – The Boy II“ zwar als eigenständiger Grusler, bei dem im Grunde keine Vorkenntnisse aus dem Vorgänger vonnöten sind, aber dadurch wird die bekannte Ausgangslage zerstört und ziemlich schlampig eine belanglose Hintergrundgeschichte um Brahms herum gezimmert, die keinen großen Mythos um die Figur erschafft.

Hausmeister Joseph kennt Brahms’ Geheimnis

Ebenso wird anders als im ersten Teil den von Brahms aufgestellten Regeln kaum Bedeutung geschenkt. Einmal wird nach einem Regelbruch ein Tisch umgeschmissen und bei einem Besuch kommt Ärger auf, ansonsten spielen diese zehn Regeln aber kaum eine Rolle. Da hatte die fast völlig auf sich allein gestellte Lauren Cohan („The Walking Dead“) als Kindermädchen im Vorgänger noch wesentlich mehr zu tun, um den Porzellanbuben bei Laune zu halten und nicht zu verärgern. Zudem umwehte „The Boy“ durch das wunderbar verwinkelte Hellshire-Anwesen ein leichter Gothic-Hauch. Diese Wirkung des Hauses wird in der Fortsetzung kaum mehr genutzt.

Brauchen wir einen dritten Teil?

„Brahms – The Boy II“ ist zwar in allen Belangen schlechter als Teil eins. Dadurch, dass der Vorgänger aber auch kein Meisterwerk war, fallen eben die negativen Seiten stärker auf. Von einer Katastrophe ist die Fortsetzung dennoch weit entfernt. Regisseur William Brent Bell baut durchaus ein wenig Grusel-Atmosphäre auf und lässt so sein handwerkliches Geschick erahnen. Man erkennt auch schnell, dass Bell sich unter anderem die „Das Omen“-Reihe als Vorbild genommen hat, was besonders in den Szenen augenscheinlich wird, als die Familie Besuch bekommt. Jude hält zwar keinen Vergleich mit dem Satansbraten Damian stand. Dennoch spielt Bell ganz geschickt mit der vermeintlichen Unschuld, die Jude und die Puppe ausstrahlen. Der Fortsetzung fehlt es einfach an Spannung oder interessanten Einfällen, um wirklich zu fesseln. Das Finale hält natürlich wieder die Möglichkeit für einen dritten Teil offen. Aber wenn das zweite „The Boy“-Kapitel nun das Ende darstellen sollte, wäre sicher auch niemand darüber traurig – höchstens vielleicht Jared Kushner.

Kinofassung oder Director’s Cut?

capelight pictures hat „Brahms – The Boy II“ neben den Standard-Editionen und im Doppelpack mit Teil 1 auch in gewohnter hochwertiger Qualität im schicken Mediabook veröffentlicht. Im Buchteil befindet sich ein ausführliches Interview mit Regisseur William Brent Bell. Ansonsten sind Extras spärlich gesät, dafür ist der Film auf Blu-ray und auf der Single-DVD im etwa drei Minuten längeren „Director’s Cut“ enthalten. Die Fassung ist aufgrund kleiner Änderungen und Szenenverlängerungen der Kinofassung durchaus vorzuziehen. Was geändert wurde, findet ihr detailliert bei den Kollegen von Schnittberichte. Im Mediabook ist wohl bislang weltweit exklusiv der Film auch auf 4K-UHD-Blu-ray enthalten. Auf dieser Scheibe sind sowohl die Kinoversion als auch der Director’s Cut abspielbar – allerdings ist nur die Kinofassung in 4K-Auflösung hinterlegt; der DC lediglich in HD.

Veröffentlichung: 25. Juni 2020 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (4K UHD Blu-ray & Blu-ray), 4K UHD Blu-ray, Blu-ray (wahlweise auch im Doppelpack mit „The Boy“) und DVD (wahlweise auch im Doppelpack mit „The Boy“)

Länge: 87 Min. (Kinofassung, UHD), 91 Min. (Blu-ray, Director’s Cut), 87 Min. (DVD, Director’s Cut)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Brahms – The Boy II
USA/CHN/KAN/AUS 2020
Regie: William Brent Bell
Drehbuch: Stacey Menear
Besetzung: Katie Holmes, Christopher Convery, Owain Yeoman, Ralph Ineson, Daphne Hoskins, Keoni Rebeiro, Joely Collins, Anjali Jay, Oliver Rice
Zusatzmaterial: Kinotrailer, Filmtipps Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Interview mit Regisseur William Brent Bell
Label/Vertrieb: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & Packshots: © 2020 capelight pictures

 

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