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Ravage – Einer nach dem anderen: Brutales im Hinterland

11 Mrz

Ravage

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Bevor die Haupthandlung einsetzt, wissen wir bereits eine ganze Menge, da Prolog-Sequenzen eine Vorschau liefern: Wir hören Entsetzensschreie von Harper (Annabelle Dexter-Jones), Wutgebrüll eines Kerls – offenbar wird der Frau übel mitgespielt, aber sie leistet wacker Gegenwehr. Kurz darauf jedoch erblicken wir sie dick bandagiert in einem Krankenhausbett, und ein Cop (Michael Weaver) verhört sie, glaubt offenbar ihrer Geschichte kein Wort. Sie wurde aufgegriffen und hat dabei einen Polizisten angegriffen.

Was ist mit Harper geschehen?

Nun zur Haupthandlung: Die renommierte und preisgekrönte Naturfotografin Harper will im (fiktiven) Watchatoomy Valley dort gesichtetes Rotwild aufspüren. Als sie vom Kanu aus Schmerzensschreie hört, schleicht sie sich an. Entsetzt muss sie beobachten, wie ein paar Männer einen anderen foltern. Es gelingt ihr, ein paar Fotos des Geschehens zu machen, dann ergreift sie die Flucht. Im Ort wähnt sie sich in Sicherheit, aber bald darauf findet sie sich in den Fängen der Gewalttäter wieder.

Die Naturfotografin und die Rednecks

Eine Frau und ein paar Redneck-Folterknechte in den Backwoods – diese recht simple Konstellation haben wir seit den 1970er-Jahren oft genug gesehen. Aber es muss nicht immer Innovation sein, ab und zu greift der geneigte Horrorfan auch gern zu bewährten Sujets (viele Horrorfans ziehen Bekanntes dem Neuen sogar jederzeit vor). Wenn das so fesselnd inszeniert wird wie bei „Ravage – Einer nach dem anderen“, ist dagegen gar nichts auszusetzen.

Jedenfalls nichts Gutes

Das beginnt beim geschickt eingesetzten Score, der von Beginn an mit kräftig angestrichenem Cello (oder einem ähnlichen Klang aus dem Computer) und geradezu klagenden Lauten allein schon die Spannungsschraube kräftig anzieht, im richtigen Moment aber auch verstummt. „Rape and Revenge“ heißt das Subgenre, in dem wir uns befinden, seit „Das letzte Haus links“ (1972) und „Ich spuck auf dein Grab“ (1978) fest in der DNA des Horrorfilms verankert (Ingmar Bergmans „Die Jungfrauenquelle“ von 1960 sei als Mutter aller „Rape and Revenge“-Filme – und Vorbild für „Das letzte Haus links“ – genannt, hat das Horrorgenre aber nicht stilistisch geprägt).

Kurzer Auftritt von Bruce Dern

Auftritt Bruce Dern. Der gut beschäftigte und nicht zuletzt von Quentin Tarantino unter anderem für „The Hateful Eight“ (2015) wiederentdeckte Schauspieler ist sich offenbar nicht zu schade, in einem harten Indie-Horrorthriller wie diesem mitzuwirken. Sein Part als greisenhafter und kranker Mallincrkrodt ist aber eher ein Gimmick, das die Handlung nicht wirklich voranbringt. Er darf ein paar philosophische Gedanken über das Wesen der Folter absondern, das war es dann schon.

Harper läuft um ihr Leben

Einen besonderen Reiz ziehen Backwoods-Schocker aus der Kombination berückend schöner Landschaften und heftiger, schmutziger Gewalt. So auch hier, immer wieder findet der Kameramann pittoreske Einstellungen, während Gewalt und Tod regieren. „Ravage – Einer nach dem anderen“ verzichtet allerdings auf exploitative Zurschaustellung der Brutalitäten. Wer „Rape and Revenge“ goutiert, weil es darin Vergewaltigungsszenen zu „bestaunen“ gibt, wird in diesem Fall bitter enttäuscht werden. Die durchgehend grimmige Grundstimmung entschädigt dafür aber mehr als genug, wenn man denn eine Entschädigung dafür benötigt, eine Vergewaltigung nicht zu sehen zu bekommen.

Jäger oder Gejagter?

Als ein Manko erscheint es mir, dass Harpers Verhalten nicht immer ganz nachvollziehbar erscheint. Zum einen ist sie an sich clever und hat gute Ideen, wie sie ihre Kontrahenten ausschaltet. Dann wiederum verhält sie sich im Einzelfall alles andere als clever, läuft beispielsweise über offene Weideflächen, wo sie leicht entdeckt werden kann, statt sich am Waldrand entlangzuschleichen (dass gerade niemand in der Nähe ist, kann sie nicht ahnen). Dabei geht sie gemeinhin sehr durchdacht vor, wozu einige Leichtsinnigkeiten gar nicht passen. Nun ist leichtsinniges Verhalten von Opfern im Horrorgenre zwar oft systemimmanent, aber diese werden gemeinhin als weniger clever skizziert als das bei Harper der Fall ist.

Weshalb haut Harper nicht einfach ab?

Am fragwürdigsten erscheint es, weshalb sie nicht einfach die Flucht ergreift, sondern in der Gegend bleibt und sich ihre Peiniger einen nach dem anderen vornimmt. Schon klar, ihr wurde übel mitgespielt, weshalb sie auf Vergeltung sinnt. Aber da sie nach wie vor zu klarem Denken fähig ist, müsste ihr klar sein, dass sie als in der zahlenmäßigen Minderheit befindliche Frau gegenüber den brutalen Hinterwäldlern die schlechteren Karten hat, zumal diese sich in der Gegend auskennen. Auch kommt überraschend, dass sie von jetzt auf gleich in der Lage ist, ihrerseits mit gnadenloser Brutalität zu agieren. Dass ihr Übles widerfahren ist, müsste eher einen Fluchtreflex auslösen als ein „Ich bleibe und lauere einem nach dem anderen auf“. Eine Hintergrundgeschichte wie etwa eine militärische Vergangenheit mit Kampfeinsatz im Ausland hätte das erklärt, unterbleibt aber. Harper ist und bleibt Naturfotografin, und ihre vielfältige Wildnis-Erfahrung macht sie mitnichten zu der toughen Killerin, als die sie sich zügig entpuppt. An Charakterzeichnung mangelt es ohnehin auf beiden Seiten, wobei die Kerle noch oberflächlicher skizziert werden als Harper.

Mallincrkrodt greift zur Spritze

Ein paar Handlungslücken sind anscheinend bewusst gesetzt. So bekommen wir nicht zu sehen, wie die gepeinigte Harper letztlich im Krankenhausbett landet. Der sie verhörende Polizist berichtet es zwar, so recht überzeugend klingt es aber nicht, weshalb ihr Halluzinationen unterstellt werden und warum sie Widerstand geleistet hat – erst recht nicht, wenn man ganz am Ende weiß, was ihr widerfahren ist. Auch trifft offenbar irgendwann ihr Freund oder Bekannter Billy (Chris Pinkalla) ein. Sein Part bleibt aber fragmentarisch und lässt aufgrund fehlender Anschlüsse Fragen offen.

Das Kopfkino ist gefragt

Genug gemeckert, gestehen wir derlei Unsauberkeiten dem Regisseur und Drehbuchautor Teddy Grannan bei seinem Debüt ruhig zu. Er macht ja ansonsten einiges richtig. Kommen wir zur Zurschaustellung von Folter und Gewalt. Ich muss die Gorehounds enttäuschen: Viel Explizites gibt es nicht zu sehen. Das Geschehen spielt sich im Kopf ab. Durchaus ungewöhnlich im „Rape and Revenge“- und „Backwoods-Horror“-Sektor, aber es funktioniert sehr gut. Ein paar Gewaltspitzen bekommen wir zu sehen, aber sie sind schneller vorbei, als es Folterfans lieb ist. Wenn „Ravage – Einer nach dem anderen“ zum Finale einen Bogen zum Prolog spannt, wird es endgültig rabenschwarz. Und eklig (sofern man das Kopfkino einschalten kann). Effektiver Survival-Horror ohne psychologischen Tiefgang mit ein paar Mängeln beim Storytelling, dafür jederzeit packend und atmosphärisch. Unterm Strich empfehlenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bruce Dern haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Wehrlos ist sie nicht

Veröffentlichung: 4. März 2021 als Blu-ray und DVD

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 81 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Swing Low
USA 2019
Regie: Teddy Grannan
Drehbuch: Teddy Grannan
Besetzung: Bruce Dern, Annabelle Dexter-Jones, Robert Longstreet, Michael Weaver, Ross Partridge, Chris Pinkalla, Eric Nelsen, Drake Shannon, Joshua Brady, Bennett Krishock
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Entertainment

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2021 Tiberius Film

 

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