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Clint Eastwood (IV): American Sniper – Geschichtsklitterung und Patriotismus

23 Feb

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American Sniper

Kinostart: 26. Februar 2015

Von Simon Kyprianou

Kriegsdrama // Dem kleinen Chris Kyle (Cole Konis) bringt sein Vater die Weltordnung bei. Es gibt: Schafe, Wölfe und Schäferhunde. Letzteres zu sein, ist das Gute, die sinnvolle Existenz. Darum wird Kyle (Bradley Cooper) später auch Soldat, sogar erfolgreichster US-Scharfschütze der Geschichte – er will die Welt zu einem besseren Ort machen, von allem Bösen befreien. Durch seine Einsätze ist er ausgebrannt und kaputt. Die Beziehung zu seiner Frau Taya (Sienna Miller) und seinem Sohn (Max Charles) leidet.

Glaubt Clint Eastwood, was er uns da erzählt?

Vielleicht ist Clint Eastwood ja senil geworden. Vielleicht meint er diesen Film aber auch ernst. Jedenfalls glaubt er an das „Schafe-Wölfe-Schäferhunde“-Weltbild. Er glaubt auch an Chris Kyle. Er glaubt an Amerika und er glaubt an den Krieg als sinnvolles Mittel, die Welt von allem Übel zu befreien. Er glaubt an ein simples Gut-bse-Weltbild, mit dem man das Übel einfach ausmachen und bestimmen kann. Die Amerikaner sind gut, alle anderen sind böse, sie sind Terroristen.

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Kyle ist Rekord-Scharfschütze …

Für Zwischentöne ist im simplen Weltbild von „American Sniper“ kein Platz. Für Reflexion über die behandelten Themen ist auch kein Platz. Aus der Geschichte von Chris Kyle, der ja wirklich existierte, hätte man einen Film über die Tragik des Krieges, über die Tragik der Heimkehrer machen können. Eastwood aber hat einen Film über die USA gedreht, dessen unbeflecktes Bild als Weltpolizei von Reflexion nur beschädigt würde.

Ignorant gegenüber der Weltpolitik

Sicher, es gibt ein paar Szenen in denen wir Kyle als Kriegsheimkehrer in desolatem Zustand sehen, aber es ist nicht mehr als ein erbärmlicher Versuch, dem Film eine halbwegs kritische Note beizumischen. Der Film ist gut gespielt, er ist handwerklich einwandfrei, aber das hilft ihm nicht. Es ist ein Film, dem man mit Hass begegnen sollte, denn der Film ist so dumm gegenüber der Weltpolitik, gegenüber der US-Außenpolitik.

Wer war Chris Kyle?

Schon die Wahl der Hauptfigur ist fragwürdig, hat doch der echte Chris Kyle mit seiner Autobiografie eine Kontroverse ausgelöst, die es unmöglich erscheinen lässt, den Film als Drama über das Schicksal der US-Kriegsheimkehrer zu interpretieren. Dass Eastwood die zu Kritik Anlass gebenden Äußerungen Kyles bei dessen Charakterisierung im Film völlig ignoriert, mag den Absichten des Regisseurs geschuldet sein, es hinterlässt aber einen mehr als schalen Beigeschmack.

Ein Antikriegsfilm? Also wirklich, Mr. Eastwood …

Man fragt sich, wie das passieren konnte, hat Clint Eastwood doch erst vor wenigen Jahren mit „Gran Torino“ ein so wunderbar humanistisches Werk geschaffen, das Krieg eine harsche Absage erteilt hat. Dass „American Sniper“ in den USA so gut läuft wie mancher Superheldenfilm, sagt eigentlich schon genug. Die Kritiken in Deutschland sehen da schon ein bisschen anders aus. Dass Eastwood selbst meint, „American Sniper“ sei ein Antikriegsfilm, macht es auch nicht besser. Wenigstens hat die Academy ein Einsehen gehabt – ein Oscar als bester Film, für Hauptdarsteller Bradley Cooper oder das adaptierte Drehbuch wäre ein Hohn gewesen. Sechs Nominierungen hatte es gegeben, herausgekommen ist nur der Oscar für den Tonschnitt, eine technische Kategorie, die ohnehin kaum ein Filmgucker beurteilen kann. Sei’s drum.

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… und fühlt sich in einer Welt voller Waffen pudelwohl

In „Inglourious Basterds“ gibt es zum Ende hin eine Szene in einem Kino, in der Frederick Zoller – fiktiver Nazi-Rekord-Scharfschütze – neben Hitler und Goebbels sitzend einen Propagandafilm mit seinen eigenen „Helden“-Taten ansieht. Er hält es nicht aus und flieht aus dem Saal. Bei „American Sniper“ möchte man es ihm gleichtun und das Kino fluchtartig verlassen. Vielleicht ist das sogar die einzig richtige Art, diesem Film zu begegnen. Das weitaus bessere Scharfschützen-Kriegsdrama jedenfalls ist Jean-Jacques Annauds „Duell – Enemy at the Gates“ (2001) mit Jude Law und Ed Harris.

Für Interessierte bietet das Netz eine große Zahl an Artikeln über die Kontroverse über Chris Kyle und „American Sniper“. Hier eine Auswahl:

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/usa-scharfschuetze-chris-kyle-erschossen-a-881256.html
http://www.moviepilot.de/news/american-sniper-debatte-durch-seth-rogen-michael-moore-142494
http://www.theguardian.com/film/2015/feb/17/clint-eastwood-edited-american-snipers-final-scene-following-request-from-widow
http://time.com/3674546/chris-kyle-american-sniper-interview/
http://www.salon.com/2015/01/25/the_ugly_truth_of_american_sniper_partner/
http://www.salon.com/2015/01/26/american_snipers_biggest_lie_clint_eastwood_has_a_delusional_fox_news_problem/
http://www.newrepublic.com/article/120763/american-sniper-clint-eastwood-biopic-misrepresents-chris-kyle
http://www.huffingtonpost.com/todd-green-phd/american-sniper-and-the-muslim_b_6634768.html
http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jan/06/real-american-sniper-hate-filled-killer-why-patriots-calling-hero-chris-kyle
http://www.nationalreview.com/article/396768/kyle-derangement-syndrome-ian-tuttle

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Mit seiner Frau läuft’s dafür nicht immer so gut

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von oder mit Clint Eastwood sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: American Sniper
USA 2014
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Jason Hall, nach einer Vorlage von Chris Kyle, Scott McEwen und James Defelice
Besetzung: Bradley Cooper, Sienna Miller, Kyle Gallner, Cole Konis, Ben Reed, Elise Robertson, Luke Sunshine, Troy Vincent, Brandon Salgado Telis, Keir O’Donnell
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Filmplakat & Fotos: © 2015 Warner Bros. Ent.

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