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Danielle Gebur: Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft (Buchrezension)

08 Nov

Wechselmodell-Gebur

Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft

Familie // So richtig viel Literatur über das Wechselmodell gibt es in Deutschland nicht. Da ist das 2013 erschienene „Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis“ der Nürnberger Juristin Prof. Hildegund Sünderhauf-Kravets, die schöne Sammlung von Erfahrungsberichten „Eine Woche Mama, eine Woche Papa“ der beiden Journalistinnen Ina Kiesewetter und Petra Wagner, und da sind ein paar andere Publikationen. Üppig ist das nicht gerade.

Die hierzulande bis vor einiger Zeit eher zurückhaltende Auseinandersetzung mit diesem Modell mag darin begründet sein, dass Familien, in denen sich die Eltern gemeinsam entscheiden, auch nach der Trennung ihre Kinder gleichberechtigt und zeitlich annähernd hälftig aufgeteilt großzuziehen, oft unter dem Radar der Institutionen laufen. Solche Eltern kommen eben häufig ohne Einmischung der Instanzen aus. Da ist es nicht verwunderlich, wenn Jugendämter und Familiengerichte mit diesem Modell seltener konfrontiert werden, weil sie in vielen Fällen einfach nicht gebraucht werden.

Zwei Wochenenden pro Monat sind zu wenig!

Mittlerweile werden die Instanzen aber auch beim Thema Wechselmodell offenbar häufiger in Beschlag genommen, weil sich Männer verstärkt nicht mehr ins Abseits des Zwei-Wochenenden-pro-Monat-Papi-Daseins drängen lassen wollen, Frauen ihren Ex-Kerlen aber nicht immer Gleichberechtigung zugestehen wollen, wenn es um die Kinder geht. Da ist es dringend notwendig, die verfügbare Literatur zum Thema auszuweiten.

Bachelor-Arbeit aus Potsdam

Einen Beitrag dazu leistet Danielle Gebur mit der Veröffentlichung von „Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft“. Dabei handelt es sich um ihre Bachelor-Arbeit, die sie 2014 an der Fachhochschule Potsdam vorgelegt hat. Gebur betreibt die Familienhilfe Potsdam, eine Beratungsstelle für Menschen in Krisensituationen, auch für Familien in Trennungssituationen. Die staatlich anerkannte Erzieherin und Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B. A.) und systemisch-lösungsorientierte Therapeutin/Beraterin i. W. lebt in einer Patchwork-Konstellation: Die Kinder ihres Ehemanns wohnen im Wechselmodell mal bei ihr und dem Vater, mal bei der Mutter. Geburs eigene Tochter lebt im Haushalt der Autorin.

Ist das Wechselmodell die Lösung?

Der Autorin geht es darum, das Wechselmodell und dessen Folgen näher zu beleuchten. In der Einleitung erläutert sie dazu: Ist das Wechselmodell eine adäquate Lösung, wenn sich Eltern für eine hälftige Betreuung entscheiden? Wie gehen die Eltern mit der Einflussnahme des anderen Elternteils auf ihr Leben um und wie wirkt sich diese Einflussnahme aus? Wie gestalten Eltern, gerade in konfliktbehafteten Situationen, den Alltag?

In der Folge beschreibt Gebur Trennung und Scheidung als traumatisches Erlebnis mit entsprechenden Folgen speziell für die Kinder – unter anderem können Störungen des sozialen Beziehungs- und Partnerschaftsverhaltens auftreten. Psychische Probleme bis ins Erwachsenenalter sind möglich. Diese Folgen seien aber nicht monokausal auf die Trennung an sich zurückzuführen, sondern vielmehr auf die damit einhergehende emotionale Anspannung und die Konflikte, die verstärkt auftreten.

Kontakterhalt zu beiden Elternteilen

Nach einem Abschnitt über Betreuungsformen nach Trennung und Scheidung kommt Gebur zum Wechselmodell, das sie eingangs definiert, um dann Chancen und Risiken zu untersuchen. Ihr zentrales Argument ist dabei die Tatsache, dass das Wechselmodell es den Kindern mehr als in anderen, gängigeren Umgangsmodellen ermöglicht, ungebrochenen Kontakt zu beiden Elternteilen beizubehalten. Besonderes Augenmerk gilt auch der noch nicht abschließend zu beantwortenden Frage, ob das Wechselmodell auch bei hochstrittigen Eltern anwendbar ist.

Fünf Elternpaare hat Gebur für ihre Arbeit befragt. Sie erläutert die Methodik ihrer Interviews, stellt den sozioökonomischen Hintergrund der Befragten vor und präsentiert anhand einer Tabelle die für die vorliegende Fragestellung wesentlichen soziodemographischen Angaben der fünf Frauen und fünf Männer. Es folgt ein Abschnitt über deren Motivation fürs Wechselmodell.

Mehrheitlich Zufriedenheit bei den Befragten

In der Auswertung ergibt sich mit einer Ausnahme eine große („sehr“) Zufriedenheit der Befragten. Die Mütter und Väter sehen laut Gebur zwar ein Konfliktpotenzial, was die Abstimmung mit dem anderen Elternteil angeht, aber auch Chancen für sich selbst in Form von kinderfreien Tagen und der damit gegebenen Flexibilität bei der Erwerbstätigkeit.

In einem gesonderten Abschnitt geht die Autorin kurz auf die gegenseitige Einflussnahme ein: Im Wechselmodell üben Eltern Einfluss auf das Leben ihrer Ex-Partnerin oder ihres Ex-Partners aus, ein Zustand, den man üblicherweise nach einer Trennung als unangenehm empfinden mag. Dies ist ein wichtiger Aspekt, den Danielle Gebur verständlicherweise im Rahmen ihrer Arbeit nicht vertiefen konnte.

Exkurs zum Einfluss des Ex-Partners

Man verzeihe mir diesen kurzen Exkurs: Wer Kinder in die Welt setzt, muss sich darüber im Klaren sein, dass die Partnerin oder der Partner von nun an unwiderruflich Teil des Lebens sind – auch nach der Trennung. Diese Erkenntnis ist ganz offenbar bis zu manchen Eltern nicht vorgedrungen. Eine Trennung ohne Kind kann dazu führen, dass die oder der vormals Liebste nach einiger Zeit nur noch eine verschwommene Erinnerung an ein anderes Leben ist. Ist die oder der Ex jedoch Mutter oder Vater des gemeinsamen Kindes, sollte das anders sein. Ein Thema, das verstärkte Betrachtung verdient hat.

Den Anstoß geben meist die Väter

In ihrem Fazit verdeutlicht die Autorin, dass die befragten Mütter das Wechselmodell als schwieriger empfinden als die Väter. Der Anstoß dazu sei ohnehin mehrheitlich vom Vater ausgegangen. Gebur betont, wie wichtig es ist, die Chancen des Wechselmodells für Kinder und Eltern hervorzuheben, um den Widerstand dagegen als größten Risikofaktor fürs Gelingen des Modells zu verringern.

Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit, so viel ist klar. Den Anforderungen der Sozialwissenschaften hat Gebur nach meinem Empfinden Genüge getan, da vertraue ich auch darauf, dass ihr Professor sorgfältig gearbeitet hat – er hat ein Vorwort beigesteuert und die Veröffentlichung der Bachelor-Arbeit in Buchform somit gutgeheißen.

Das Buch spricht einige Aspekte an, die vertieft werden müssen, wollen wir uns in Deutschland endlich einmal umfassend mit der paritätischen Doppelresidenz beschäftigen. Das konnte Danielle Gebur im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit nicht leisten, sie liefert jedoch einige gute Anstöße.

„Eine Woche Mama, eine Woche Papa“

Manch potenzielle/r Leser/in wird sich vielleicht vom wissenschaftlichen Duktus abschrecken lassen. Das wäre schade, als Einstieg in die Beschäftigung mit dem Thema Wechselmodell ist das Buch sehr gut geeignet – und problemlos lesbar ohnehin. Ich empfehle, es in Kombination mit oben erwähntem „Eine Woche Mama, eine Woche Papa“ – nach Lektüre dieser beiden kompakten Werke hat man einen sehr guten Einstieg ins Thema.

Mindestens ebenso interessant wie Geburs Arbeit ist die im Anhang zu findende Niederschrift der zehn Interviews, die die – damals angehende – Sozialpädagogin geführt hat. Die Aussagen der anonymisierten fünf Mütter und fünf Väter geben einen tiefen Einblick in ihre Befindlichkeiten. Besonders aufschlussreich und entlarvend war für mich das Interview mit Frau P – derjenigen Mutter, die das Wechselmodell von allen Befragten am negativsten darstellt. Es war so aufschlussreich, dass es mir eine gesonderte Betrachtung wert erschien, zu finden bei Fatherleft, dem Blog von Lutz R. Bierend.

Autorin: Danielle Gebur
Originaltitel: Erziehung im Wechselmodell – Trennungskinder und gelungene Erziehungspartnerschaft
Deutsche Erstveröffentlichung: 10. Dezember 2014
157 Seiten
Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag Marburg
Preis: 24,95 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

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