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Wunder von Mailand – Schön ist es, auf der Welt zu sein

11 Feb

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Miracolo a Milano

Von Ansgar Skulme

Tragikomödie // Wie Moses im Binsenkörbchen wird ein kleiner Junge eines schönen Tages von der alten Lolotta (Emma Gramatica) an einem Fluss, zwischen einigem Blumenkohl, vorgefunden. Sie gibt ihm den Namen Totò und erzieht ihn zu einem herzensguten Wesen. Als die alte Dame bald darauf stirbt, wird Totò in ein Waisenhaus gesteckt, doch auch als er, nun volljährig, schließlich seiner Wege gehen darf, hat niemand dem jungen Mann (Francesco Golisano) seine Lebensfreude nehmen können. Er grüßt wildfremde Menschen auf der Straße, wofür er kaum mehr als irritierte Blicke und Maßregelungen erntet, hilft bald darauf ein paar Bauarbeitern und schließlich auch einem Obdachlosen. Wenig später baut Totò mit den Obdachlosen von Mailand ein eigenes kleines Dorf auf, doch der schwerreiche Geschäftsmann Mobbi (Guglielmo Barnabò) hat es auf das Landstück abgesehen, auf dem die Ärmsten der Armen ihr Heim gefunden haben …

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Das Leben ist schön: Totò und seine Edvige (zu Deutsch: Hedwig)

„Wunder von Mailand“ war der erste Film, den Vittorio De Sica nach „Fahrraddiebe“ (1948) drehte, jenem Drama, das 1950 einen Ehren-Award bei der Oscar-Verleihung gewonnen hatte und in der Internet Movie Database nach wie vor auf Platz 91 der besten Filme aller Zeiten geführt wird. Erneut arbeitete De Sica für „Wunder von Mailand“ mit Cesare Zavattini zusammen, dessen Drehbücher für „Fahrraddiebe“ und zuvor „Schuhputzer“ (1946) jeweils für einen Oscar nominiert worden waren. An diesen Drehbüchern hatte auch Adolfo Franci mitgewirkt, der nun für „Wunder von Mailand“ wieder zum Erfolgsteam De Sica/Zavattini stieß. Ein weiterer Autor aus „Fahrraddiebe“, Suso Cecchi D’Amico, war hier ebenfalls erneut mit von der Partie. Die Vorlage für den Film lieferte ein Drehbuch Zavattinis, das schon im Jahre 1940 fertiggestellt worden und mittlerweile bereits, umgearbeitet zu einer Novelle, erschienen war. Für die Effekte flog man den US-Spezialisten Ned Mann ein – aufgenommen wurden diese dann von Enzo Barboni, der später als Regisseur unter dem Pseudonym E. B. Clucher mit diversen Filmen von Bud Spencer & Terence Hill von sich reden machte, darunter „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ (1970) und „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971). Beste Bedingungen also.

Warum nicht immer Gutes tun?

Von der Minute an, in welcher der erwachsene Totò das Waisenhaus verlässt, ist man gebannt von der lebensfrohen, positiven Energie dieser Figur. Gespielt von Francesco Golisano, einem für den Neorealismus typischen Laiendarsteller, der zum Zeitpunkt des Drehs allerdings bereits zwei andere Filme fertiggestellt hatte und mittlerweile kein unerprobter Laie mehr war. Golisano, eigentlich Angestellter bei der Post, spielt einen Jedermann aus der Mitte des Volkes heraus, der vorlebt, wie es sein könnte, würde man einfach den ganzen Tag lang nur Gutes tun und jede noch so verfängliche oder aussichtslose Situation stets mit einem Blick auf das Positive meistern. Damit gibt er einer ganzen Kolonie von Obdachlosen Hoffnung und Perspektive. Doch als Gutmensch ist dieser Totò freilich auch recht naiv und hat mit den gierigen Kapitalisten jenseits des friedfertigen, improvisierten Dörfchens nicht gerechnet.

Flucht ins Fantastische

Ein wenig desillusionierend ist es schon, dass der Film als Lösung am Ende tatsächlich nur eine Reihe von wundersamen Begebenheiten anbietet – als ob der Raffgier mancher Zeitgenossen tatsächlich nur mit übernatürlichen Mächten beizukommen sei. Die sonderbaren Begebenheiten steigern sich gen Ende immer weiter, bis hin zu einem doch recht absurden Finale. Das Cover der DVD bringt es auf den Punkt: Totò mit seiner Angebeteten auf einem Hexenbesen. Lasst uns fröhlich sein und singen, Augen zu und durch – hex, hex! Es heißt, Steven Spielberg habe sich bei dem Flug auf dem Besen sein legendäres Bild aus „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) abgeschaut, das zeigt wie E.T. mit seinem kleinen Freund auf einem Fahrrad vor dem Mond durch die Luft fliegt. Bei allem Elan, den „Wunder von Mailand“ versprüht, sitzt man am Ende aber doch mit dem Beigeschmack im Sessel, schlussendlich eine Kapitulation vor den herrschenden Zuständen zu Gesicht bekommen zu haben. Ein bittersüßer Abgesang auf die Ärmsten der Gesellschaft, die am Ende eben wirklich kaum eine Chance haben, es sei denn es fiele zufällig ein Hexenbesen vom Himmel. Dann wäre alles schrecklich einfach.

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Der glückliche Gewinner verspeist seinen Preis

Einem einzelnen Genre lässt sich „Wunder von Mailand“ kaum zuordnen. Mal ist er beinahe biblisches Gleichnis, mal eher kindische Fantasterei. Summa summarum kann man ihn durchaus als Tragikomödie verstehen. Interessant ist Rudolf Oertels Betrachtungsweise, der den Film als Synthese aus Realität und Märchen verstand. In Dr. Georg Pagitz‘ Klappentext der DVD ist von einem surrealistischen Märchen die Rede. Irreal auf der einen Seite, durch die neorealistische Darstellerauswahl und Inszenierung aber gleichzeitig auch sehr glaubwürdig – genau darin liegt die gesunde Mischung dieses Werks. Der Film ist ebenso fantasievoll und verspielt, wie aus dem Leben gegriffen und realitätsnah. Das kann im Regelfall eigentlich kaum funktionieren, wurde hier aber umgesetzt.

Hilfe, die Kommis kommen!

In Zeiten, als in Amerika anti-kommunistische Filme wie „The Red Menace“ (1949), „Ich war FBI-Mann M.C.“ (1951) und „Marihuana“ (1952) gerade ihre große Blüte feierten, warnte man auch in Italien vor der roten Gefahr. „Wunder von Mailand“ wurde zum Teil als Umsturzversuch zugunsten des Kommunismus gewertet. Auch international konnte er nur bedingt an den Erfolg von „Schuhputzer“ und „Fahrraddiebe“ anknüpfen. In Cannes gewann der Film den großen Preis des Festivals, eine Oscar-Nominierung blieb diesmal allerdings aus. De Sicas nachfolgende beide Werke, „Umberto D.“ (1952) und „Rom, Station Termini“ (1953) hingegen schafften wieder den Weg zur Verleihung in Los Angeles. Somit war „Wunder von Mailand“ De Sicas einzige alleinige Regiearbeit zwischen „La porta del cielo“ (1945) und „Das Gold von Neapel“ (1954), die in keiner Kategorie eine Oscar-Nominierung erringen konnte. Ob es mit dem politischen Anspruch der Produktion zu tun hatte – wer weiß? Die fachlich versierte Kritik lobte den Film in den höchsten Tönen und er kam gut beim Publikum an, sofern die Zuschauer nicht gerade konservativ waren. Was brauchte es mehr?

Ordentliche DVD-Auswertung

Viele Filme De Sicas sind stärker gefeiert, öfter besprochen worden – da geht „Wunder von Mailand“ eher unter und man muss froh sein, dass er überhaupt auf DVD erschienen ist. Die Restauration ist über jeden Zweifel erhaben, da De Sicas mittlerweile verstorbener Sohn Manuel sie höchstselbst überwachte. Manuel De Sica war Filmkomponist und ab Ende der 60er-Jahre auch für die Filme seines Vaters tätig. Gut so, dass man die Restauration gewissermaßen zur Chefsache erklärte. Bild und Ton sind ansprechend, die italienische Originalfassung wie auch die zeitgenössische Berliner Synchronisation von 1952, mit Klaus Schwarzkopf in der Hauptrolle, in gutem Zustand erhalten. Abstriche gibt es nur beim Bonusmaterial. Das Booklet besteht ausschließlich aus einem Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 1481, während sich der von Pidax selbst initiierte Text mit einigen Hintergrundinfos von Dr. Georg Pagitz lediglich auf ein paar Zeilen auf der Rückseite des Covers beschränkt. Auf der Disc finden sich neben dem Hauptfilm bloß ein paar wenige Trailer zu anderen Pidax-Veröffentlichungen. Heutzutage werden Regisseuren wie De Sica teilweise umfangreiche Liebhabereditionen gewidmet – angesichts dessen hätte man sich zumindest ein wenig mehr Aufwand gewünscht. Und sei es nur in Form eines ausführlichen Booklets.

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Blühende Landschaften – her damit!

Veröffentlichung: 11. Dezember 2015 als DVD

Länge: 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Miracolo a Milano
IT 1951
Regie: Vittorio De Sica
Drehbuch: Vittorio De Sica, Cesare Zavattini, Suso Cecchi D’Amico, Mario Chiari & Adolfo Franci
Besetzung: Emma Gramatica, Francesco Golisano, Paolo Stoppa, Brunella Bovo, Anna Carena, Alba Arnova
Zusatzmaterial: Booklet, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

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Neorealismus: Aus der Mitte des Volkes für das Volk

Fotos & Packshot: © 2015 Al!ve AG / Pidax Film

 

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