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Es – We All Float Down Here!

24 Sep

It

Kinostart: 28. September 2017

Von Volker Schönenberger

Horror // Stephen Kings „Es“ gehörte zu den Romanen, denen gern mal das Prädikat „unverfilmbar“ aufgedrückt wird – aus was für Gründen auch immer. Angesichts dessen, wie viele Verfilmungen vermeintlich unverfilmbarer Romane es gibt, erscheint es aber unwahrscheinlich, dass es überhaupt irgendeinen unverfilmbaren gibt. Bei „Es“ war es vermutlich Kings permanentes Wechseln zwischen zwei Zeitebenen, das dazu führte, keinem Regisseur eine Umsetzung zuzutrauen.

Georgies Papierschiff treibt fröhlich dahin

1990 jedoch bewies Tommy Lee Wallace („Mein Nachbar, der Vampir“, „Halloween III – Die Nacht der Entscheidung“), dass es offenbar doch nicht so schwierig ist. Sein fürs Fernsehen gedrehter Zweiteiler genießt nicht zuletzt dank Tim Currys diabolisch-verspielter Darstellung des Clowns Pennywise einen guten Ruf und verzichtet zugunsten der Figuren auf effekthascherische Horrorszenarien. Meine letzte Sichtung liegt lange zurück. Als Fan des Buchs hat mir die Verfilmung gefallen, ich habe sie aber als etwas bieder in Erinnerung. Womöglich hat heute auch der Zahn der Zeit daran genagt, insofern geht die Neuverfilmung des Romans völlig in Ordnung. Nach ihrem Bekanntwerden vor einigen Monaten und den ersten Bildern des neuen Pennywise gerieten viele Horrorfans schier aus dem Häuschen, zumal die Marketing-Kampagne recht geschickt behutsam lanciert worden war. Hypes sind in aller Regel übertrieben, aber angesichts von Andy Muschiettis („Mama“) „Es“-Version lässt sich immerhin konstatieren, dass die Vorfreude berechtigt ist.

27 Jahre

27 Jahre nach der ersten Verfilmung kommt nun die Neufassung ins Kino. Das passt insofern wie die Faust aufs Auge, als das Böse in der Kleinstadt Derry in Maine alle 27 Jahre zum Vorschein kommt – ein passender Zufall, oder gut getimt. Was die Zeitebenen angeht, machen es sich die Produzenten einfach: Es handelt sich um Teil eins eines Zweiteilers. „Es“ erzählt die Geschichte der Heranwachsenden Ende der 80er-Jahre, die für 2019 angekündigte Fortsetzung wird somit 2016 spielen und die Protagonisten als Erwachsene zeigen. Stephen Kings Geschichten geschehen vornehmlich in seinem Heimat-Staat Maine, jedoch in fiktiven Ortschaften. Derry ist wiederholt Schauplatz und existiert tatsächlich nicht.

Ein Clown in der Kanalisation

Im Oktober 1988 bastelt Bill Denbrough (Jaeden Lieberher) seinem kleinen Bruder Georgie (Jackson Robert Scott) ein Papierschiff, das der Knirps draußen im Regen fröhlich durch den Rinnstein treiben lässt, bis es in einem Abfluss verschwindet. Georgie bückt sich danach – und entdeckt dort unten zu seinem Erstaunen einen Clown, der sich freundlich als Pennywise (Bill Skarsgård) vorstellt.

Der Kampf gegen das Böse

Im Juni 1989 gilt der kleine Junge als tot. Nur Bill kann sich nicht damit abfinden, dass Georgie eins der vielen Kinder bleiben soll, die in Derry verschwunden sind. Mit seinen drei Freunden Stanley Uris (Wyatt Oleff), Eddie Kaspbrak (Jack Dylan Grazer) und Richie Tozier (Finn Wolfhard) will er in die Kanalisation der Kleinstadt eindringen und Georgie finden. Derweil müssen sich die Jungs vom „Club der Verlierer“ des brutalen Halbstarken Henry Bowers (Nicholas Hamilton) und dessen Kumpanen erwehren. Bald stoßen mit Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor), Mike Hanlon (Chosen Jacobs) und Beverly Marsh (Sophia Lillis) drei weitere Außenseiter zu Bill und den anderen. Nach und nach offenbart sich dem Septett, dass sie alle von grauenerregenden Erscheinungen heimgesucht worden sind, die ihre schlimmsten Ängste zu verkörpern scheinen. Der Kampf gegen „Es“ hat begonnen.

Bill gibt die Suche nach seinem Bruder nicht auf

Horror und Coming of Age – das passt bei „Es“ ganz wunderbar zusammen. Wir erfahren, dass Freundschaft einiges überwinden kann. Gerade die Besetzung der sieben Mitglieder des Clubs der Verlierer ist ein großer Pluspunkt. Sie sind Außenseiter, jedoch keine zum Fremdschämen. Interessant ist auch, dass sie allesamt nicht nur gegen „Es“ in Gestalt von Pennywise bestehen müssen, sondern auch mit Widrigkeiten durch Erwachsene zu kämpfen haben. Da sind beispielsweise Eddies Mutter (Molly Atkinson), die ihren etwas zu klein geratenen Sohn auf überfürsorgliche Weise von der Welt abschirmen will und so krank hält. Beverlys Vater (Stephen Bogaert) hält seine Tochter für sein Eigentum, mit dem er machen kann, was er will. Der jüdische Stanley hat einen gestrengen Rabbiner (Ari Cohen) zum Vater, der schwarze Mike Hanlon lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seinem Großvater (Steven Williams), der ihn zum Töten von Nutztieren per Bolzenschuss nötigt – und obendrein sieht er sich rassistischen Attacken von Henry Bowers ausgesetzt. Auch dessen Bande zählt fast schon zu den Erwachsenen, jedenfalls nicht mehr zu den Kindern, sodass letztlich kaum eine positiv besetzte Erwachsenen-Figur von Bedeutung in Erscheinung tritt.

Clown Pennywise – Curry oder Skarsgård?

„Es“ steht und fällt natürlich auch mit Pennywise, und zum Clown ist zu konstatieren, dass er großartig gestaltet ist. Bill Skarsgård findet bei aller Ähnlichkeit zu seinem Vorgänger einen eigenen Zugang zu seiner Figur. Wer Tim Currys Pennywise für eine Horror-Ikone hält, hat zweifellos recht. Skarsgårds Interpretation könnte dereinst aber auf einer Stufe mit der von Curry stehen – vielleicht in 27 Jahren. Welche Version man vorzieht, ist reine Geschmackssache. Mir sagt Currys Pennywise etwas mehr zu, der hatte aber auch bereits 27 Jahre Zeit, bei mir zu wirken. Und der erste Auftritt des neuen Pennywise im Prolog ist enorm wirkungsvoll und konsequent inszeniert. Selbst wer die Romanvorlage oder die erste Verfilmung und damit den Ausgang der Szene kennt, wird sich dem brillanten Suspense kaum entziehen können.

Henry Bowers (M.) malträtiert die Jungen

Der diesjährige „Es“ setzt etwas mehr auf visuelle Effekte als die 1990er-Version – und tut das auf beeindruckende Weise und jederzeit stimmig. Auch die Schauplätze gefallen und sind prima in Szene gesetzt, ob die Kanalisation, das überirdische Derry oder einige Gebäude. Etwas übertrieben geraten ist der Einsatz von Jump-Scares; speziell im letzten Drittel geht es phasenweise doch sehr darum, mittels Lautstärkeregler Schockeffekte zu erzeugen. Das hat der Film mit seiner visuellen Kraft gar nicht nötig.

Romanvorlage in Welterstauflage in Deutschland erschienen

Wenig bekannt: Die weltweit erste Ausgabe von Stephen Kings Romanvorlage ist in Deutschland erschienen – 1986 in einer limitierten und sorgfältig produzierten Vorzugsausgabe der Edition Phantasia. In Ganzleder gebunden und mit rotem Samtschuber versehen, sind die 280 Exemplare seit langer Zeit vergriffen und gesucht. Gerät mal eins auf den Sammlermarkt, dann nur zu horrendem Preis. Die erste US-Ausgabe erschien im selben Jahr, aber etwas später. Viele deutsche Leserinnen und Leser von damals werden sicher noch den großformatigen roten Paperback vor Augen haben, den der Heyne Verlag damals in Westdeutschland veröffentlichte. Aber wie kam es dazu, dass ein deutscher Kleinverlag wie die Edition Phantasia weltweit allen ein Schnippchen schlug? Auf meine Nachfrage erinnert sich Verleger Joachim Körber: Der Heyne Verlag hatte damals die Rechte an den Büchern von Stephen King erworben, und wir haben angefragt, ob wir von dem Buch eventuell eine gebundene Lizenzausgabe in der Edition Phantasia herausbringen könnten – bei Heyne sollte es als großformatiges Paperback erscheinen. Heyne hat zugestimmt, und wir haben einen Lizenzvertrag geschlossen. Nun hat Heyne das Buch aber nach einem Manuskript von Stephen King übersetzen lassen und wollte den Titel so schnell wie möglich veröffentlichen – daher erschien das Buch bei uns schon im Frühjahr, in den USA dagegen erst im Herbst, das heißt, nicht nur unsere, auch die Ausgabe bei Heyne und die Ausgabe des Bertelsmann Buchclubs erschienen vor der US-Ausgabe; eine Vorgehensweise, die dann leider ziemlich nach hinten losgegangen ist, denn der literarische Agent von Stephen King hatte nur eine erste Manuskriptfassung geschickt, die übersetzt wurde. King hat dieses Manuskript noch einmal gründlich überarbeitet, weshalb sich die endgültige US-Fassung auch stark von der ersten deutschen Ausgabe unterscheidet. Später erschien dann eine revidierte deutsche Fassung.

Auch Beverly schließt sich dem Club der Verlierer an

Eine vollständige deutsche Übersetzung von „Es“ ist allerdings erst 2011 erschienen. Dafür hat Joachim Körber ebenfalls eine Erklärung: Im Heyne Verlag wurde damals für jedes Halbjahresprogramm ein Titel von King eingeplant, ob es einen gab oder nicht. Die Übersetzungen wurden stets sofort nach den Manuskripten in Auftrag gegeben, die King bzw. seine literarischen Agenten schicken ließen – eine Vorgehensweise, gegen die ich mich immer vehement ausgesprochen habe, denn meist hat King die ersten Manuskriptfassungen, die geschickt wurden, noch einmal überarbeitet, manchmal sogar zweimal. In einigen Fällen traf die revidierte Fassung rechtzeitig ein, damit man die Korrekturen berücksichtigen konnte … was zur Folge hatte, dass ich einige King-Übersetzungen mehr oder weniger zweimal machen musste. Was speziell „Es“ anbelangt, so hatte das Buch ja Alexandra von Reinhardt nach der ersten Manuskriptfassung übersetzt, und nicht besonders gut. Als der Heyne Verlag eine Neuausgabe in gebundener Form plante, habe ich, sobald ich davon erfahren habe, darauf gedrängt, eine revidierte Übersetzung nach der endgültigen englischen Fassung zu erstellen. Der Verlag hat zunächst abgelehnt, dann aber eingelenkt, als viele kritische Stimmen über die alte Übersetzung kamen. Man hat mir schließlich den Auftrag gegeben, die Überarbeitung vorzunehmen, aber da inzwischen viel Zeit vergangen war und der Verlag den Erscheinungstermin nicht verschieben wollte, musste das alles in einem Höllentempo über die Bühne gehen, und offensichtlich sind da immer noch einige Passagen auf der Strecke geblieben. So hat der Verlag offenbar 2010 noch einmal eine Überarbeitung vorgenommen.

Joachim Körber zu den verschiedenen Fassungen

Rechtzeitig zum Kinostart der Neuverfilmung hat Heyne eine neue Taschenbuchausgabe veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung stammt von Alexandra von Reinhardt und – Joachim Körber! Es findet sich allerdings auch der Hinweis „Bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann“. Auch dazu kann Joachim Körber etwas mitteilen: Auch hier, wie oben schon erwähnt: Die leider nicht besonders gute Übersetzung von Alexandra von Reinhardt entstand auf Basis der ersten Fassung von Stephen King. Man hat mich seitens des Verlags gebeten, diese Übersetzung zu revidieren, aber, wie schon eingangs erwähnt, sind mir wohl aufgrund des enormen Zeitdrucks auch noch einige Passagen durch die Lappen gegangen, die dann Anja Heppelmann ergänzt hat. Ich fand die Vorgehensweise des Verlags damals, nach Manuskripten übersetzen zu lassen, immer sehr unglücklich und habe mich stets dagegen ausgesprochen, weil praktisch in jedem Fall irgendwann überarbeitete Fassungen des Autors eintrudelten und wir die ganze Übersetzung überarbeiten mussten. Ich erinnere mich an einen Fall, als mich einmal eine Lektorin empört anrief, wie ich dazu komme, im aktuellen King-Manuskript einfach ganze Absätze wegzulassen und dafür andere selbst dazuzuschreiben. Ich habe ihr entsetzt versichert, dass ich das nie machen würde. Wie sich herausstellte, habe ich nach der korrekten zweiten Manuskriptfassung übersetzt, das Lektorat im Verlag hatte ihr aber die überholte erste Fassung als Vorlage fürs Redigieren geschickt. Im Gegensatz zu mir hat sie dann das doppelte Honorar bekommen, das ihr die Verlagslektorin, die das verbockt hatte, schnell und stillschweigend zugeschoben hat. Ich werde oft gefragt, warum sich meine deutschen Übersetzungen in manchen Fällen vom Original unterscheiden – genau das ist der Grund. Ich kann für meinen Teil nur sagen, dass ich das, was ich vom Verlag zum Übersetzen bekommen habe, immer so gewissenhaft und gut übersetzt habe, wie ich konnte. Hätte man von Verlagsseite gewartet, bis die endgültigen Fassungen im Haus waren, wäre uns das ganze Durcheinander erspart geblieben.

Clown Pennywise verkörpert das ultimative Böse

Soweit die interessante Entstehungsgeschichte der deutschen Fassungen des Romans „Es“. Die Sichtung der Neuverfilmung hat Lust gemacht, ihn mal wieder zu verschlingen. Ob ich dem angesichts der 1.500 Seiten nachgebe, lasse ich mal dahingestellt. Jedenfalls ist Andy Muschietti eine herausragende Modernisierung der Geschichte fürs Kino gelungen, die die Vorfreude auf Teil zwei in die Höhe treibt. Fürs Heimkino ist bereits eine längere Fassung angekündigt.

Nicht sehr vertrauenerweckend

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Die finale Konfrontation naht

Länge: 135 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: It
USA 2017
Regie: Andy Muschietti
Drehbuch: Chase Palmer, Cary Fukunaga, Gary Dauberman, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Finn Wolfhard, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff, Nicholas Hamilton, Jackson Robert Scott, Molly Atkinson
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger


Filmplakat, & Trailer: © 2016 Warner Bros. Ent. Alle Rechte vorbehalten, Fotos: © 2017 Warner Bros. Entertainment Inc. and Ratpac-Dune Entertainment LLC. All rights reserved.

 
5 Kommentare

Verfasst von - 2017/09/24 in Film, Kino, Rezensionen

 

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5 Antworten zu “Es – We All Float Down Here!

  1. Kay Sokolowsky

    2017/09/25 at 19:54

    Lieber Volker, Lob für deine Rezension (ich hab jetzt richtig Lust, das Stück zu gucken) und noch mehr Lob für die interessanten Ausführungen, die Du Joachim Körber entlockt hast. So lief das also bei Heyne! Es erklärt vieles. Und ich werfe mein altes Vorurteil betr. Körber-Übersetzungen jetzt über Bord. Unter solchen Bedingungen kann nun wirklich keiner vernünftig arbeiten.
    Danke, daß ich was lernen durfte bei dir – und bitte immer weiter so.
    „Kehrt heim! Kehrt heim! Kehrt heim!“

     
  2. Otto

    2017/09/24 at 12:24

    Gut, dass es die Neuverfilmung gibt, sonst hätte ich wohl nie erfahren, dass es die neue komplette Romanübersetzung gibt. Hab mir gestern das Buch in neuer Version gekauft, bin sehr gespannt, ob ich Unterschiede bemerke. Allerdings habe ich die damalige Ausgabe Ende der 80er zuletzt gelesen. Ich freu mich sehr auf den Film, schöne Rezension!

     
  3. Tobias

    2017/09/24 at 10:42

    Eine schöne Rezension, in der ich mich größtenteils wiederfinden kann, gerade was die Jumpscares angeht. Ich mag eigentlich keine Horrorfilme, schaue sie quasi nie und habe ihn durch Zufall in einer Sneak gesehen. Am Anfang fand ich ihn noch recht gruselig, gerade die Eingangssequenz im Gulli… gegen Ende verlor der Clown für mich aber seinen Schrecken. Vielleicht lag es auch daran, dass der Fim meiner Meinung nach etwas zu lang ging.

     

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