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Maigret und der Würger von Montmartre – Noch ein paar Morde bis zum Urlaub

06 Dez

Maigret a Pigalle

Von Ansgar Skulme

Krimi // Eine Nachtclub-Tänzerin hat an ihrem Arbeitsplatz zufällig das Gespräch zweier Männer belauscht, die einen Raubmord planen. Obwohl sie beträchtlich betrunken ist, sucht die Frau nach Schichtende ein nahegelegenes Polizeirevier auf, um von dem Vorfall zu berichten. Dort allerdings glaubt man ihr nicht – eine sturzbesoffene Stripperin kann schließlich viel erzählen, wenn der Tag lang ist. Bald stellt sich diese Einschätzung der Beamten als schwerer Fehler heraus, denn nicht nur das Opfer des Komplotts, auch die Zeugin schwebt in höchster Lebensgefahr – und wenig später bekommt Kommissar Maigret (Gino Cervi) gute Gründe auf den Tisch, seinen redlich verdienten Urlaub vorerst auf Eis zu legen. Aber wer am Tag der Abreise noch mal spontan an einem Tatort vorbeischaut, nur um den Kollegen „Auf Wiedersehen“ zu sagen, obwohl er am Ende ja doch nicht die Finger von solchen Fällen lassen kann, ist eben selbst schuld.

Die Polizei wollte ja nicht hören

Gino Cervi hatte seit den frühen 50er-Jahren durch die Don-Camillo-Filme mit Fernandel internationale Bekanntheit erlangt. Dort spielte er den berüchtigten Bürgermeister „Peppone“ – Camillos ewigen Widersacher. Nachdem es zu Beginn der 60er etwas ruhiger um den Hype geworden war, nahm Cervi eine weitere populäre Rolle an: Von 1964 bis 1972 verkörperte er für die große italienische Rundfunkanstalt RAI Georges Simenons Kommissar Maigret in der Fernsehserie „Le inchieste del commissario Maigret“ (dt. übersetzt: „Die Ermittlungen des Kommissar Maigret“). Die letzte Episode, mit einem mittlerweile über 70 Jahre alten Cervi, wurde erstmals gut ein Jahr vor dem Tod des Hauptdarstellers gesendet. Insgesamt umfasste die Serie 16 Geschichten mit 35 Episoden – ein ähnliches Bild wie im damaligen deutschsprachigen Fernsehkrimi; TV-Krimi-Geschichten in mehreren Teilen zu erzählen, war in den 60ern beliebt. Da sich Cervi aus dem vielseitig aufblühenden italienischen Genrekino seinerzeit überraschend konsequent fernhielt, sind die Rollen überschaubar, mit denen er das Image des „ewigen Peppone“ hätte bekämpfen können. Aber ein Maigret taugt zu diesem Zweck natürlich exzellent. Die Serie half Gino Cervi dabei, dass er nicht für alle Zeiten allein auf Peppone reduziert werden wird und Cervi revanchierte sich gewissermaßen mit einer hervorragenden Leistung. Ich bin mir zwar recht sicher, auch schon in Bezug auf einen oder zwei andere Maigret-Darsteller – wie Rupert Davies zum Beispiel – gelesen zu haben, dass Georges Simenon diesen oder jenen als den besten Maigret bezeichnet haben soll, aber zumindest kann man festhalten, dass Cervi zu Simenons Favoriten zählte.

Die Hürden zwischen „Gut“ und „Besser“

Da die Serie mit Gino Cervi sehr erfolgreich lief, entschied man sich frühzeitig, einen Kinofilm auszukoppeln. Dieser kam gut zwei Jahre nach dem ersten im TV gesendeten Fall auf die Leinwand: „Maigret und der Würger von Montmartre“. Mit Mario Landi wurde der verdiente Regisseur der Serie beibehalten, doch für den Kinofilm durfte Landi in Eastmancolor statt in Schwarz-Weiß drehen. Im Gegensatz zur Serie wurde der Film außerdem deutsch synchronisiert und zeitnah sowohl in West- als auch Ostdeutschland gezeigt. So gehört Gino Cervi zwar bis heute, neben Jean Richard, Bruno Cremer und Rupert Davies, zu den vier Darstellern, die es mit Abstand auf die meisten Einsatzminuten als Maigret brachten, für das deutsche Publikum wurde die Serie – bis auf den Kinofilm – allerdings nicht bearbeitet, während die britische Serie „Kommissar Maigret“ mit Davies damals komplett im ZDF ausgestrahlt wurde und es von der/den äußerst langlebigen französischen Serie(n) mit Richard und dessen Quasi-Nachfolger Cremer zumindest diverse Folgen ins deutsche Fernsehprogramm schafften.

Maigret behält den Überblick

Der Film belegt, dass diese Vernachlässigung der Cervi-Serie bedauerlich ist. Dennoch muss man festhalten, dass „Maigret und der Würger von Montmartre“ zwar kameraästhetisch zu gefallen weiß und Cervi sich gut als charismatischer, routinierter Ermittler macht, dass dieser Krimi gleichzeitig aber auch daran krankt, sich dann doch einfach zu sehr auf seinen Protagonisten zu verlassen. Bis auf das wirklich gute Intro sind die Nebenfiguren größtenteils einfach zu blass und zu langweilig, um hier einen mit aller Konsequenz mitreißenden Kriminalfall zu erzählen, und die Geschichte bietet zu wenige überdurchschnittliche Spannungsmomente, zu wenige überraschende Szenen, zu wenige narrative wie auch stilistische Kniffe, die für Gänsehaut oder etwas in der Art sorgen würden. Am Ende des Films mag man sich dabei erwischen, dass einem die Identität des Mörders beinahe egal ist, da man nicht wirklich um die verbliebenen Figuren bangt und auch zuvor kaum Gelegenheit hatte, um eines der Opfer zu bangen. Natürlich macht sich der Film gut darin, diesen Maigret und seine Eigenheiten zu ikonisieren sowie Paris als Schauplatz zu glorifizieren – sehenswert ist er daher allemal, aber sicherlich kein Meilenstein des 60er-Jahre-Ermittlerkinos; wobei das relativ cool und abgebrüht inszenierte, wenn auch kurze Feuergefecht gegen Ende zugegebenermaßen dann doch positiv überrascht.

Der Mann mit den tausend Gesichtern

Kommissar Maigret gehört zu den legendären Ermittler-Figuren der Krimi-Literatur, die in Film und Fernsehen am häufigsten von unterschiedlichen Schauspielern verkörpert worden sind. Die wenigsten von ihnen brachten es auf immerhin eine Handvoll, geschweige denn eine Vielzahl von Serienepisoden oder Filmen in der Rolle des Maigret. Pidax scheint es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, nach und nach die eine oder andere Maigret-Veröffentlichungslücke auf dem deutschen DVD-Markt zu schließen. Da eine bemerkenswert große Zahl an Maigrets Fernseh- und Leinwandauftritten leider nie deutsch synchronisiert wurde, muss man bedauerlicherweise konstatieren, dass die Lücken, die hierzulande noch geschlossen werden können, wohl mittlerweile überschaubar sind – solange man nicht mit Veröffentlichungen im Original mit Untertiteln oder neuen Synchronisationen beginnt. Zumindest für die Serienepisoden mit Jean Richard, die es auf Deutsch gibt, sowie für drei weitere Kinofilme, die es bisher noch nicht in Deutschland auf DVD geschafft haben, möchte ich an dieser Stelle eine Lanze brechen: Da ist zum einen „Kommissar Maigret sieht rot“ (1963), der letzte von nur drei Filmen, in denen Jean Gabin als Maigret zu sehen war, obwohl er mit seiner Verkörperung der Rolle nachhaltig einige Aufmerksamkeit generierte – und dann sind da „Sein schwierigster Fall“ (1944) und „Der Mann vom Eiffelturm“ (1950), zwar nicht ganz die beiden ältesten Maigret-Filme überhaupt, aber meines Wissens die beiden ältesten, von denen es eine deutsche Synchronfassung gibt oder irgendwann einmal gegeben hat. „Kommissar Maigret sieht rot“ würde endlich die Gabin-Trilogie komplettieren und bräuchte daher dringend eine deutsche DVD-Veröffentlichung; „Sein schwierigster Fall“ bildet den Mittelteil der 40er-Maigret-Trilogie mit Albert Préjean in der Hautprolle – Préjean war der erste Schauspieler, der Maigret in mehr als einem Film hatte spielen dürfen und als solcher gewissermaßen der unmittelbare Vorgänger von Gabin. Trotz ihrer jeweils nur drei Einsätze sind Préjean und Gabin bis heute die beiden Schauspieler, die Maigret am häufigsten in Kinofilmen verkörpert haben; allerdings wurden die anderen beiden Filme mit Préjean wohl nie deutsch synchronisiert, die drei Filme mit Gabin hingegen schon.

Die absolute Highlight-Veröffentlichung wäre aus meiner Sicht aber „Der Mann vom Eiffelturm“. Nicht nur weil es die erste Maigret-Adaption mit US-amerikanischem Produktionshintergrund war, weil Charles Laughton die Hauptrolle spielte und einige Szenen inszenierte, sondern auch weil es der erste Maigret-Farbfilm war und einer der ersten Maigret-Filme, die es nach Deutschland schafften. Ferner kommt „Der Mann vom Eiffelturm“ der Ruf zu, der erste amerikanische Farbfilm gewesen zu sein, der komplett in Paris gedreht wurde. Da er aber lange Zeit gänzlich als verschollen galt und man heute viel schlecht erhaltenes Bildmaterial von der Originalfassung zu Gesicht bekommt, zudem auch erst einmal die klassische deutsche Synchronfassung aufgetrieben werden müsste, ist es schwer zu beurteilen, ob eine ordentliche DVD-Veröffentlichung in Deutschland überhaupt irgendwann machbar sein wird. Ein Meilenstein war diese Produktion in jedem Fall. Nur gleich zu Beginn der 50er folgten im US-Fernsehen noch kleine Maigret-Auftritte mit anderen Schauspielern, die aber nicht in Serie gingen – seither wurde Maigret in den USA weder als Kino- noch TV-Figur zu neuem Leben erweckt. „Der Mann vom Eiffelturm“ ist also eine Art Unikat, war seiner Zeit in gewisser Hinsicht aber trotzdem voraus. Erst 1966 folgten weltweit die nächsten Maigret-Adaptionen in Farbe: „Maigret und sein größter Fall“ mit Heinz Rühmann und – natürlich – „Maigret und der Würger von Montmartre“.

Ein weiteres Puzzleteil

Wer sich bereits über Pidax’ Maigret-Veröffentlichungen der 90er/2000er-Serie mit Bruno Cremer gefreut hat, aber auch die klassischen Varianten mit Rupert Davies und Heinz Rühmann mochte, die das Label ebenfalls herausgebracht hat, und sich dazu vielleicht noch die mittlerweile preislich sehr günstigen Concorde-Classic-Selection-Veröffentlichungen der Gabin-Filme „Maigret stellt eine Falle“ (1958) und „Maigret kennt kein Erbarmen“ (1959) leistet, kann mit „Maigret und der Würger von Montmartre“ nun eine der wohl letzten Lücken im DVD-Regal schließen, was Maigret-Filme und -Serien der 30er bis 60er anbelangt, die es in einer deutschen Synchronfassung gibt. Das reicht dann, trotz der unterschiedlichen Darsteller, Herkunftsländer und Produktionskontexte, so langsam für den Eindruck, als hätte man eine Box mit Maigret-Klassikern zu Hause; nur müsste man sich die Box zu den Discs selber basteln, denn DVD-Boxen mit klassischen Adaptionen gibt es in Deutschland zwar schon von berühmten Detektiven wie Sherlock Holmes, Miss Marple, Charlie Chan, Mr. Moto oder auch – zumindest mit Filmen aus den 70ern und 80ern – Hercule Poirot, aber von Maigret bisher noch nicht. Die Bildqualität der DVD von „Maigret und der Würger von Montmartre“ ist sehr gut und der deutsche Ton hervorragend erhalten, obwohl die Fassung schon so lange nicht mehr ausgestrahlt wurde, dass man sie auch für verschollen hätte befinden können.

Sie will es doch auch!

Ob der damals sehr häufig in Haupt- und Nebenrollen besetzte Arnold Marquis als Stimme von Maigret die cleverste Idee war, ist streitbar, da es dem Vielsprecher Marquis, seiner dauernden Präsenz in Filmen und Serien geschuldet, absolut unmöglich war, Maigret so etwas wie Individualität zu verleihen – genau das hätte der charismatische Ermittler aber gebraucht. Marquis weiß immerhin zumindest schauspielerisch zu überzeugen; rückblickend hätte die Besetzung von Klaus W. Krause als Stimme von Gino Cervis Maigret sicherlich Sinn gehabt, der seit Ende der 50er-Jahre Jean Gabins Stammsprecher war und ihn auch in seinem letzten Maigret-Film „Kommissar Maigret sieht rot“ gesprochen hatte sowie außerdem Gino Cervi im letzten vollendeten Don-Camillo-Film, „Genosse Don Camillo“ (1965) – in „Maigret und der Würger von Montmartre“ hätte man das gut zusammenführen können. Nichtsdestotrotz ist die Synchronfassung solide gemacht, auch wenn es etwas irritierend ist, dass Hans Wilhelm Hamacher, der in der Serie mit Rupert Davies die Stimme von Maigret war, in „Maigret und der Würger von Montmartre“ nun plötzlich als einer von Maigrets Ermittler-Kollegen zu hören ist, welcher zudem auch einige Dialoge mit Maigret führt.

Als Bonus bietet die DVD ein sehenswertes Portfolio an Aushangmaterial aus der BRD sowie der DDR, den deutschen Vorspann sowie einmal mehr den Pidax-typischen Nachdruck des Programmhefts zum Film, das in der Reihe „Illustrierte Film-Bühne“ erschienen ist – hiermit wird stets ein guter Eindruck davon vermittelt, wie die Filme seinerzeit gesehen und beworben wurden. Einen zusätzlichen Text, der extra für diese Veröffentlichung geschrieben wurde, gibt es diesmal aber nur in aller Kürze auf dem Cover. Zu den Veröffentlichungen, in denen das klassische Programmheft mit neuen, exklusiv produzierten Texten kombiniert wurde, gehört diese DVD also nicht; dahingehend muss man sich bei Pidax immer wieder überraschen lassen. Enthalten ist außerdem die französische Synchronfassung, die auf dem Cover ebenfalls verzeichnete italienische Fassung fehlt hingegen. Das ist etwas schade, denn auch wenn der Film in Frankreich spielt, ist es nun einmal eine vornehmlich italienische Produktion, mit hauptsächlich italienischen Schauspielern und einem italienischen Regisseur. Stilecht ist eine französische Fassung zu solch einem Film aber sicherlich trotzdem und ein dankbares Extra für alle, die des Französischen mächtig sind und Maigret mögen.

Der Alptraum aller Gangster – Sackgasse mit Bullen am anderen Ende

Veröffentlichung: 1. Dezember 2017 als DVD

Länge: 99 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Maigret a Pigalle
IT/F 1966
Regie: Mario Landi
Drehbuch: Sergio Amidei & Mario Landi, nach einem Roman von Georges Simenon
Besetzung: Gino Cervi, Lila Kedrova, Raymond Pellegrin, Alfred Adam, Daniel Ollier, José Greci, Enzo Cerusico, Christian Barbier, Mario Feliciani, Riccardo Garrone
Zusatzmaterial: Deutscher Vorspann, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 7723, Bildergalerien
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

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