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Weltengänger – Optik hui, Inhalt pfui

23 Sep

Chernovik

Von Paula Bierend

Fantasy // Mit „Weltengänger“ verfilmte der russische Regisseur Sergey Mokritskiy („Red Sniper – Die Todesschützin“) den gleichnamigen Roman seines Landsmanns Sergey Lukyanenko („Wächter der Nacht“). Die Prämisse ist vielversprechend, an der Umsetzung hapert es jedoch etwas. Ein wenig wirkt der Film wie ein russischer Versuch, mit den großen internationalen Science-Fiction-Produktionen mitzumischen. Die Spezialeffekte überzeugen teilweise, doch die Geschichte kann da nicht ganz mithalten.

Karriere hui, Liebe pfui

Der Computerspiele-Designer Kirill (Nikita Volkov) wird von seinem Arbeitgeber für die Entwicklung eines bahnbrechenden Spiels gefeiert. Karrieretechnisch stehen ihm nun alle Türen offen. Nur in der Liebe klappt es nicht so recht: Sein Herz gehört der schönen Anna (Olga Borovskaya), die hat ihn jedoch für eine Beförderung und einen neuen Mann verlassen. Sein bester Freund Konstantin ist stets an seiner Seite und hilft ihm, wo er kann.

Kirill erkundet die Welt Gimkim

Alles ändert sich, als plötzlich Renata (Severija Janusauskaite) in seiner Wohnung auftaucht und ihn aus den Erinnerungen aller Menschen, aus allen Unterlagen, Dokumenten und somit aus der Welt löscht. Kirill wurde zum Zöllner zwischen den Welten auserkoren. Er lebt von nun an in einem Turm, von welchem aus er in andere Welten – oder Paralleluniversen – reisen und sogar neue Realitäten erschaffen kann. Sein erstes Ziel wird die Welt Kimgim – ein warmherziger Ort, ohne Kriege oder Revolutionen. Dort lernt er Rosa (Yuliya Peresild) kennen, eine andere sogenannte Funktionale, die Kirll hilft, sich in seiner neuen Realität zurechtzufinden. Funktionale haben übermenschliche Kräfte, sie sind stark, schnell und quasi unsterblich. Kirill wird als einer der mächtigsten Funktionalen gefeiert, dabei aber scharf überwacht. Und seine neue Realität hat auch Schattenseiten: Es gibt strikte Regeln, wie zum Beispiel, dass er sich nur 15 Kilometer von seinem Turm entfernen darf und bestimmte Themen nicht angesprochen werden dürfen. Wer gegen die Regeln verstößt, riskiert die Verbannung in einen Gulag (eine Gefängniswelt, die auf den Gulags der Sowjetunion basiert).

In Arkan liegt der Schlüssel zur Rückkehr

Trotz der vielen Annehmlichkeiten seines neuen Lebens will Kirill nur in seine alte Realität zurückkehren. Als Anna mit ihrem neuen Freund Anton (Evgeniy Tsyganov) im Zollamt auftaucht gibt es für Kirill kein Halten mehr. Kirill erfährt, dass die Welt Arkan den Schlüssel für seine Freiheit darstellt – doch sie wurde seit 60 Jahren nicht mehr betreten. Beim Versuch, Arkan zu finden und sein altes Leben zurückzubekommen, setzt er nicht nur sein, sondern auch Annas Leben aufs Spiel.

Renata (l.) und Rosa beobachten, wie Kirill in der neuen Gesellschaft der Funktionalen gefeiert wird

Zur Geschichte gehören noch sehr viel mehr Aspekte, Figuren und Details, die mehr oder weniger wichtig und essenziell sind, doch primär zu Verwirrung führen. Sieht man den Film zum ersten Mal, weiß man nicht so recht, wo einem der Kopf steht. Vieles passiert auf einmal, etliche Themen werden hastig eingeführt, nur teilweise erklärt und dann liegen gelassen. Regisseur Sergey Mokritskiy erschafft ein großes Chaos aus zu vielen – teils guten – Ideen. Der erste Band der zweiteiligen Buchreihe hat knapp 600 Seiten und es scheint, als sei es dem Drehbuchteam schwergefallen, zwischen bedeutsamen und unbedeutenden Details zu unterscheiden. Die Geschichte fließt nicht angenehm und es fällt sehr schwer zu differenzieren, ob etwas wichtig für den Verlauf der Handlung ist oder nicht. Sieht man „Weltengänger“ ein zweites Mal, fällt es einem leichter zu verstehen, worum es geht und warum die Figuren so handeln, wie sie es tun.

Auch beim zweiten Mal bleiben Fragen offen

Doch auch beim zweiten Gucken gibt es einige Fragen und Lücken im Plot, die nicht geklärt werden. Es passieren teilweise unerklärliche Dinge, die wichtig für die Geschichte sind oder scheinen, aber man kommt nicht so recht dahinter wieso. Das mag daran liegen, dass es sich nur um den Inhalt des ersten Buches handelt, nichtsdestotrotz hätte der Regisseur einige Details besser erklären und bestimmten Charakteren mehr Hintergrund geben können. Zwei Beispiele hierfür sind der Wasserfall in Kirills Zollamt und Annas neuer Freund Anton. Der Wasserfall taucht recht früh im Zollamt auf, und irgendwie scheint jeder genau zu wissen, welche Bedeutung und Funktion er hat. Jeder, der von einer Welt in eine andere reisen will, muss seine Hand durch den Wasserfall stecken, doch den Grund dafür erfahren wir nicht. Anton ist ebenfalls ein Funktionaler und scheint eine wichtige Rolle zu spielen, die über seinen Part als Annas neues Liebesinteresse hinausgeht. Doch welche Gründe er für sein Verhalten hat und was es mit seinem Erzählstrang auf sich hat, wird leider nicht deutlich. Die gesamte Gesellschaft der Funktionalen bleibt unerklärt. Die um sie herum aufgebaute Machtstruktur wird nicht plausibel erklärt, man weiß nur, dass es die Kommission und Kuratoren gibt. Wer über wen befehligt, ist unklar.

Im Zollamt entdeckt Kirill einen mysteriösen Wasserfall

Es mangelt „Weltengänger“ einfach daran, was einen epischen Science-Fiction- oder Fantasy-Film ausmacht: eine fundierte, plausible Welt. Natürlich müssen Science-Fiction und Fantasy bestimmte Prämissen akzeptiert werden, so wie die Möglichkeit der Zeitreise in „Terminator“ oder die Idee der Stromgewinnung in „Matrix“ – und diese Prämissen dürfen dann auch ihre Löcher haben. Aber davon ausgehend, sollte sich eine glaubwürdige Geschichte ergeben, die nicht dauernd neue Logiklöcher aufreißt. „Weltengänger“ ist kein solide gewebter Geschichtenteppich mehr, sondern ein Lochmuster. Einige der Löcher kann man mit eigenen Erklärungen und Interpretationen füllen, andere allerdings nicht.

Sergey Mokritskiy – kein russischer Fincher oder Gilliam

Was mich am meisten gestört hat, abgesehen davon, dass man sich den Großteil des Filmes selbst erklären muss, ist, dass ich den Film wirklich zweimal sehen musste, um ihm ansatzweise folgen zu können. Natürlich gibt es viele Filme, die beim zweiten oder dritten Mal besser werden, weil sich dann Details erklären und die Geschichte dadurch an Tiefe und mit jedem Mal ein bisschen mehr an Großartigkeit gewinnt. David Finchers „Fight Club“ und Terry Gilliams „12 Monkeys“ sind hierfür gute Beispiele, aber Sergey Mokritskiy macht es dem Zuschauer schwer, das Interesse für eine zweite Sichtung aufzubringen und das unterscheidet ihn deutlich von den zwei genannten Regisseuren. Die Geschichte wird plausibler, aber es ist noch immer die gleiche Geschichte, sie gewinnt nicht durchs erneute Gucken. Ich habe „Weltengänger“ beim zweiten Mal nicht plötzlich in einem völlig anderen Licht gesehen, weil ich nun Dinge verstand, die mir vorher rätselhaft erschienen. Lediglich die Verwirrung legt sich ein wenig.

Anna am Strand, den Kirill für sie erschuf

Technisch hat der russische Film mit „Weltengänger“ erstaunlich gut zu Hollywood aufgeschlossen. Aber die Geschichte ist leider überhaupt nicht Blockbuster-tauglich. Vielleicht hätte sich der Regisseur doch ein wenig mehr an Hollywood orientieren und der Geschichte mehr Zeit geben müssen. Dann hätte der Film eine interessante Alternative zum Hollywood-Mainstream werden können. So ist es leider nicht mehr als ein gut gemeinter Versuch.

Tipp: Originaltonspur schauen!

Abschließend ein Tipp: Die Übersetzung aus dem Russischen ist sehr ungenau und gibt den Dialogen teilweise andere Bedeutungen. Wer das nicht zu anstrengend findet, möge „Weltengänger“ mit der russischen Originaltonspur und deutschen Untertiteln schauen.

Kann der Weltengänger seine Liebste aus dem Gulag retten?

Veröffentlichung: 7. September 2018 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Chernovik
Internationaler Titel: A Rough Draft
RUS 2018
Regie: Sergey Mokritskiy
Drehbuch: Maksim Budarin, Denis Kuryshev, Sergery Mokritskiy, Olga Sobenina, nach einem Roman von Sergey Lukyanenko
Besetzung: Nikita Volkov, Severija Janusauskaite, Vilen Babichev, Olga Borovskaya, Oleg Feoktistov, Irina Gorbacheva, Sergei Kapkov, Andrey Merzlikin, Yuliya Peresild, Evgeniy Tsyganov
Zusatzmaterial: Kinotrailer
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Paula Bierend

Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 capelight pictures

 

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