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Geheimagent Barrett greift ein – Zellenpest und Satanskäfer

24 Sep

The Satan Bug

Von Volker Schönenberger

SF-Thriller // „Satanskäfer“ („Satan Bug“) nennt sich im Original der Virus, das angetan ist, nach seiner Freisetzung binnen weniger Monate die ganze Welt zu entvölkern. In der deutschen Synchronisation wurde daraus die „Zellenpest“. Okay, kann man machen, klingt hier wie dort spektakulär. Der Wissenschaftler Dr. Hoffman (Richard Basehart) hat die Substanz im in der südkalifornischen Wüste gelegenen unterirdischen Forschungslabor „Station 3“ entwickelt. Dort sind mehr als 40 biochemische Kampftstoffe entstanden. Es kommt, wie es kommen muss: Der Sicherheitschef wird ermordet, die Zellenpest wird geklaut, und das anscheinend vom Direktor der Einrichtung, Dr. Baxter (Henry Beckman) persönlich.

Erpresser droht mit dem Ende der Menschheit

Auftritt unseres Helden: „Geheimagent Barrett greift ein“ – nach einer Viertelstunde bekommen wir Lee Barrett (George Maharis) endlich zu sehen. Drei Monate zuvor war er selbst noch Sicherheitschef von Station 3, doch Aufsässigkeit und ein loses Mundwerk haben ihn den Job gekostet. Nun holt ihn sein alter Boss in den Staatsdienst zurück – allerdings erst, nachdem zuvor mit einem unmoralischen Angebot seine Loyalität getestet wurde. Nun muss er sich mit einer monströsen Erpressung auseinandersetzen: Ein Unbekannter verlangt die Zerstörung von Station 3, andernfalls werde die Zellenpest auf die Menschheit losgelassen. Der Erpresser kündigt eine Demonstration der Wirksamkeit des Virus an …

Sind die Diebe durch den Zaun gekommen?

Er tut es tatsächlich und tötet die Bewohnerinnen und Bewohner einer Stadt in Florida. Dem damaligen Filmpublikum wollte man offenbar allzu schreckliche Bilder ersparen, wir bekommen lediglich einige Schwarz-Weiß-Luftbilder eines Films zu sehen, den sich Barrett und einige Mitstreiter anschauen. Diese Film-im-Film-Methode schafft Distanz, die das grausame Szenario etwas vom Publikum fernhält – clever gemacht, wenn das denn so beabsichtigt war.

Zwischen „Gesprengte Ketten“ und „Vierzig Wagen westwärts“

Regisseur John Sturges inszenierte „Geheimagent Barrett greift ein“ mit dem vergleichsweise schmalen Budget von weniger als zwei Millionen Dollar zwischen zwei Großproduktionen: Mit dem Kriegsgefangenen-Actionthriller „Gesprengte Ketten“ (1963) hatte er gerade einen Welterfolg gelandet, der Steve McQueen in Superstar-Sphären gehievt hatte. Nun bereitete er den Western „Vierzig Wagen westwärts“ mit Burt Lancaster vor, doch da sich der Beginn der Dreharbeiten um etliche Monate hinauszögerte, schob er die Verfilmung eines Romans von Alistair MacLean ein. Der Bestsellerautor hatte „Satanskäfer“ 1962 unter dem Pseudonym Ian Stuart veröffentlicht.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Die Budgetbeschränkungen sieht man dem Agenten-Abenteuer an: Etliche Szenen spielen sich im Innern ab, ob in Station 3 oder anderswo, und sind im Studio entstanden. Seinen Blick für die Inszenierung von Panoramen konnte Sturges mit seinem Kameramann Robert Surtees nur begrenzt einsetzen. Surtees wurde im Lauf seiner Karriere 16 Mal für den Oscar nominiert und gewann ihn immerhin dreimal: für die Kamera von „König Salomons Diamanten“ (1950), „Stadt der Illusionen“ (1952) und „Ben Hur“ (1959). Seine Arbeit für „Geheimagent Barrett greift ein“ ist als Pluspunkt zu werten, was für Innen- wie Außenaufnahmen gleichermaßen gilt. Auch der Score des für 18 Oscars nominierten und 1977 für den Soundtrack von „Das Omen“ auch prämierten Jerry Goldsmith (1929–2004) bringt Spannung.

James Bond lässt grüßen

Der Protagonist Lee Barrett orientiert sich klar erkennbar an einem gewissen James Bond. Der Agent mit der Lizenz zum Töten hatte 1962 in „James Bond 007 – James Bond jagt Dr. No“ seine cineastische Arbeit aufgenommen und rief zügig Epigonen auf den Plan, einer davon eben Lee Barrett. Darsteller George Maharis mangelt es aber etwas an Charisma, um als Lee Barrett Sean Connery alias James Bond Paroli zu bieten. Seine Eigenwilligkeit und Aufsässigkeit kommt nur zu Beginn zur Sprache, wenn aus seiner Akte zitiert wird, spielt aber im weiteren Verlauf keine Rolle mehr. Regisseur John Sturges hatte sich offenbar bewusst einen Fernsehschauspieler gesucht, den er zum Star aufbauen wollte, wie ihm das 1960 in „Die glorreichen Sieben“ bereits mit Steve McQueen gelungen war. Kann eben nicht immer klappen.

Geheimagent Barrett greift ein

Die deutsche Titelschöpfung passt in diesem Fall sogar besser als der Originaltitel, handelt es sich bei „Geheimagent Barrett greift ein“ doch um ein lupenreines Agenten-Abenteuer. Das fantastische Element und die Science-Fiction in Form des Virus nehmen zwar Raum ein, dennoch hätte die wörtliche Übersetzung „Satanskäfer“ das deutsche Kinopublikum in die Irre geführt. Immerhin bekamen deutsche Kinogänger sogar mit Barretts Synchronstimme Bond-Feeling serviert, lieh der deutsche Sprecher Gert Günther Hoffmann doch oft Sean Connery seine Stimme.

Mediabook von Anolis Entertainment

John Sturges war Profi genug, auch mit begrenzten Mitteln und ohne allzu großen Enthusiasmus ein unterhaltsames Abenteuer zu inszenieren. Langeweile kommt trotz der beachtlichen Länge von fast zwei Stunden jedenfalls nicht auf. Etwas überraschend, dass sich Anolis Entertainment für „Geheimagent Barrett greift ein“ entschieden hat, und die Reihe „Phantastische Filmklassiker“ fortzusetzen. Nach einem 80er-Film und zwei 70er-Produktionen sind nun also die 60er-Jahre an der Reihe. Das Mediabook genügt erwartungsgemäß den hohen Ansprüchen, die wir an Anolis-Veröffentlichungen haben. Im Booklet berichtet Mike Siegel Interessantes über den Film und seine Entstehung. Schönes Gimmick auf der beiliegenden Bonus-DVD: eine „Grindhouse“-Fassung des Films in altmodischer Optik inklusive vorgeschalteten zeitgenössischen Trailern und Werbung von damals – nette Idee. Ein neu eingesprochener Audiokommentar von Professor Doktor Marcus Stiglegger rundet das Gesamtpaket gut ab. Wir sind gespannt, womit Anolis die Reihe fortsetzt.

In diesem Fläschchen lauert die Apokalypse

Die Veröffentlichungen der Anolis-Reihe „Phantastische Filmklassiker“:

01. Mutant – Das Grauen im All (Forbidden World, 1982)
02. Willard (Willard, 1971)
03. Ben (Ben, 1972)
04. Geheimagent Barrett greift ein (The Satan Bug, 1965)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Sturges sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet. Ein weiterer lesenswerter Text zu „Geheimagent Barrett greift ein“ findet sich bei den Kollegen von Evil Ed, und auch das „Filmforum Bremen“ hat Lektüre darüber zu bieten.

Veröffentlichung: 31. August 2018 als 2-Disc Limited Mediabook mit zwei Covervarianten (Blu-ray & DVD)

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Satan Bug
USA 1965
Regie: John Sturges
Drehbuch: James Clavell, Edward Anhalt, nach einem unter dem Pseudonym Ian Stuart veröffentlichten Roman von Alistair MacLean
Besetzung: George Maharis, Richard Basehart, Anne Francis, Dana Andrews, John Larkin, Richard Bull, Frank Sutton, Edward Asner, Henry Beckman, Simon Oakland, Lee Remick
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger, deutsche „Grindhouse“-Kinofassung (128 Min.), US-Kinotrailer deutscher Kinotrailer Filmografie John Sturges, deutsche Titelsequenz, amerikanische Radio-Spots, deutscher Werberatschlag, Filmprogramm, Bildergalerie, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Mike Siegel
Label/Vertrieb: Anolis Entertainment GmbH

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 Anolis Entertainment GmbH

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