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Abgeschnitten – Wenn der Name Programm ist

10 Okt

Abgeschnitten

Kinostart: 11. Oktober 2018

Von Philipp Ludwig

Thriller // Ausgerechnet ich durfte mir die Pressevorführung von „Abgeschnitten“ ansehen, der Verfilmung eines Romans von Sebastian Fitzek. Denn vorweg muss ich direkt etwas gestehen: Mit den Büchern des ausgesprochen populären Schriftstellers kann ich kaum etwas anfangen. Ich habe mehrmals versucht, sie zu lesen und auch wiederholt angefangen, die Hörbücher zu hören, aber es packt mich nicht. Dafür sind mir Fitzeks Ideen nicht nur ein Stück weit zu eintönig, es ist für meinen Geschmack auch etwas zu düster, eklig und vor allem: einfach immer eine Spur zu viel psychopathischer Wahnsinn. In so einer Welt will ich nicht leben – und vor allem will ich so eine Welt auch nicht zwingend auf der Leinwand sehen.

Vorlage von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos

Den dem Film zugrunde liegenden Roman hat Fitzek allerdings nicht allein zu verantworten, sondern in Zusammenarbeit mit Michael Tsokos verfasst – der leitet immerhin das Institut für Rechtsmedizin an der Berliner Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin-Moabit. Statt „Hai-Alarm auf Mallorca“ erwartet uns nun „Ekel-Alarm auf Helgoland“, dessen ehemalige englische Bezeichnung während der anhaltenden Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg, „Hell-Go-Land“, hier ganz neue Bedeutung erhält. Zu Gute halten kann man dem Streifen zumindest, das weder Katy Karrenbauer noch Ralf Moeller oder gar schlecht animierte Haie auf der Bildfläche erscheinen. Aber konnte mich „Abgeschnitten“ auch darüber hinaus, trotz meiner akuten Fitzek-Skepsis, ernsthaft überzeugen? Immerhin ist mit Helgoland ja wenigstens einer meiner Lieblingsorte mit von der Partie.

Gerichtsmediziner Paul Herzfeld erfährt Erschreckendes

So prächtig es für den angesehenen Berliner Gerichtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) beruflich läuft, so sehr liegt sein Privatleben in Scherben: Die Ehe schon seit Jahren kaputt, sieht er seine 17-jährige und kurz vor dem Abitur stehende Tochter Hannah (Barbara Prakopenka, „Unter uns“) nur alle paar Monate zum „Alibi-Frühstück“. Eines Tages bekommt er eine besonders übel zugerichtete Frauenleiche auf den Seziertisch. In ihrem Schädel findet er eine Kapsel, in der sich ein Zettel mit einer Handynummer befindet – der Nummer seiner Tochter! In verständlicher Panik ruft er diese sofort an und muss erschrocken feststellen, dass sie entführt wurde. Und das ausgerechnet vom Psychopathen Jan-Erik Sadler (Lars Eidinger, „Dreigroschenoper“), der ein paar Jahre zuvor für die Entführung, Vergewaltigung und Verleitung zum Selbstmord einer ebenfalls jungen Frau vor Gericht stand. Mangels Beweisen wurde Sadler damals zu einer lachhaft geringen Haftstrafe verurteilt, war Herzfeld als verantwortlicher Gerichtsmediziner doch nicht dazu bereit, die fehlenden Beweise zu fälschen und somit eine längere Strafe zu erzwingen. Warum sollte sich Sadler nun ausgerechnet an Herzfeld rächen wollen?

Schnitzeljagd mit Schnippeleien

Dem Gerichtsmediziner steht eine äußerst makabre Schnitzeljagd mit diversen Schnippeleien durch verschiedene Körperteile bevor, um seine Tochter hoffentlich noch rechtzeitig zu finden. Eine heiße Spur führt zur einzigen deutschen Hochseeinsel Helgoland, die von einem schweren Sturm von der Außenwelt abgeschnitten wurde – der Filmtitel nimmt also gleich auf mehreren Ebenen Bezug zum Geschehen. Auf der Insel ist Herzfeld auf die unfreiwillige Unterstützung der Comic-Zeichnerin Linda (Jasna Fritzi Bauer, „Axolotl Overkill“) angewiesen, die durch Zufall in die Geschehnisse hineineingezogen wird und zudem ebenfalls mit ihren eigenen Dämonen aus der Vergangenheit zu kämpfen hat. Ebenso vom Hausmeister des Inselkrankenhauses, Ender Müller (Fahri Yardim, „Jugend ohne Gott“), ein ehemaliger Kollege und Freund Herzfelds. Und was will eigentlich der superreiche, aber auch absolut unfähige Gerichtsmediziner-Praktikant Ingolf von Appen (Enno Hesse) mit seiner Hilfsbereitschaft bei Herzfeld bewirken? Kann man ihm wirklich trauen?

Regisseur Christian Alvart: Wieder mehr Schein als Sein?

Nach dem kürzlich auf DVD und Blu-ray veröffentlichten „Steig. Nicht. Aus!“ habe ich es hier interessanterweise schon wieder mit einer Regiearbeit von Christian Alvart zu tun. Und es lassen sich einige Parallelen in Bezug auf die zahlreichen Schwächen und wenigen Stärken beider Filme erkennen. So ist auch bei „Abgeschnitten“ etwa in der Inszenierung eigentlich kaum etwas zu bemängeln und Alvart beweist erneut, dass er zumindest handwerklich in der Lage ist, beeindruckende Filme zu erschaffen. Das Bild ist fantastisch, ebenso wissen sowohl Kameraarbeit als auch Sounddesign zu überzeugen. Alvart erzeugt so in seinem Film eine durchweg angespannte Stimmung, in der insbesondere das Gefühl des Unwohlseins permanent zugegen ist und man sich jederzeit fragt, welche Grausamkeit als nächstes auf die Protagonisten und somit auch auf uns Zuschauer wartet. War also sein Ziel, eine durchweg düstere Stimmung zu erzeugen, so war er hier erfolgreich. In der winterlichen Szenerie ist alles grau und düster gehalten. Gerade das sturmgepeitschte Helgoland hat Alvart beeindruckend in Szene gesetzt.

Seine einzige Unterstützung auf Helgoland: Hausmeister Ender Müller und Comic-Zeichnerin Linda

Doch ebenso wie bei dem ebenfalls optisch und auditiv toll in Szene gesetzten Autobombenthriller mit Wotan Wilke Möhring beginnt das von Alvart kreierte filmische Kartenhaus schnell zu wackeln, sofern man tiefer unter die blendende Oberfläche schaut. Auch hier haben wir es mit einem Familienvater zu tun, der sich aufgrund eines vollkommen irren Racheplans in einer unmenschlichen Situation wiederfindet. War bei „Steig. Nicht. Aus!“ der Psychoterror aber noch eher subtiler Natur, in der Frage, ob die Bombe irgendwann explodieren wird oder nicht, so wird uns dieser Terror in „Abgeschnitten“ wiederholt mit dem Holzhammer quasi mit voller Wucht vor den Latz geknallt. Es muss auf jeden Fall immer noch ein Stück weit ekliger gehen, noch bestialischer, unmenschlicher und psychopathischer. Dass die Logik in diesem insgesamt doch eher abstrusen und arg konstruierten Racheszenario mehr als nur einmal auf der Strecke bleibt, ist am Ende daher nur wenig verwunderlich. Da sich Regisseur und Drehbuchautor Alvart auch bei „Abgeschnitten“ erneut einer Vorlage bedient hat, stellt sich allerdings die Frage, inwiefern diese erneuten erzählerischen Schwächen ausschließlich ihm zuzuschreiben sind. Gerade bei Fitzek lässt sich der Eindruck nicht verwehren, dass dieser Filme im Stile von „Sieben“, „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Saw“ wohl anscheinend etwas zu viel in der Endlosschleife geschaut haben muss, mischen sich doch gleich eine ganze Reihe an Merkmalen diverser Psycho- und Horrorthriller in seiner Romanvorlage.

„Abgeschnitten“ wird hier einiges

Neben den platten Figuren, den zahlreichen Logiklöchern und der durchweg stets ein wenig zu düsteren Atmosphäre hat mich persönlich vor allem eine Sache gestört: der geradezu fetischisierende Umgang mit dem menschlichen Ekelempfinden. Der Thriller wird seinem Titel „Abgeschnitten“ mehr als gerecht, wird doch munter in allerlei lebendigen wie auch toten Körpern herumgeschnitten. Gerade das erste Drittel „überzeugt“ gleich mit einer ganzen Vielzahl an nicht nur schändlich zugerichteten Leichnamen und Großaufnahmen von Schnittarbeiten in ebensolchen. Lasst euch von dem unten verlinkten und eher harmlos wirkenden Trailer nicht täuschen – handelt es sich hierbei doch um die abgeschwächte Version!

Vor allem Linda fordert die extreme Situation alles ab

Die neben mir ebenfalls etwas zarteren Gemüter unter uns kann ich aber durchaus beruhigen, denn die Frequenz derartiger Ekelszenen lässt erstaunlicherweise im weiteren Verlauf eher nach, statt eventuell auf einen wahren Höhepunkt des Ekels hinzuarbeiten, wie von mir eigentlich erwartet. Gefährlich bleibt das Geschehen für Herzfeld & Co. selbstverständlich weiterhin, nur Gott sei Dank ohne weitere, gerichtsmedizinische Schock-Effekte. Ich war aber gerade zu Beginn von „Abgeschnitten“ mehrfach kurz davor, nahezu angewidert den Saal zu verlassen und dabei sämtliche für dieses Werk verantwortliche Personen zu verfluchen. Aber als gewissenhafter Filmkritiker bin ich natürlich bis zum bitteren Ende geblieben. Dennoch frage ich mich: Brauchen wir derartig überzogene Schock- und Ekelmomente wirklich in diesem Ausmaße? Braucht es so abstrus übel zugerichtete Leichen, umfangreiche Schnittarbeiten in Nahaufnahme, grausame Tötungs- und Foltermethoden oder insbesondere eine nur schwer erträgliche Vergewaltigungsszene einer noch knapp minderjährigen Filmfigur? Ich finde ganz eindeutig: Nein! Zumindest nicht in dem hier dargestellten Ausmaße, wo es vor allem so wirkt, als wenn die Schock- und Ekeleffekte in erster Linie über die doch eher dünne Geschichte hinwegtäuschen sollen.

Bleibtreu bleibt Bleibtreu

Zu den schauspielerischen Leistungen braucht man darüber hinaus nicht allzu viele Worte verlieren. Lässt sich die Besetzung zwar durchaus sehen, so liefern die meisten Protagonisten im Großen und Ganzen doch eher durchschnittliche Leistungen ab: Bleibtreu bleibt Bleibtreu (versucht das bitte zehnmal hintereinander unfallfrei auszusprechen), Lars Eidinger hat das zweifelhafte Vergnügen, hier einen besonders abartigen Psychopathen darzustellen, der in seiner Figurenzeichnung aber auch ein ganzes Stück weit drüber ist, und Fahri Yardim darf mit seinem Hamburger Schnack immerhin den einzigen Comic Relief geben. Einzig Jasna Fritzi Bauer überschreitet als „toughe Göre“ Linda den Status des soliden Mittelmaßes und vermittelt uns einigermaßen glaubwürdig die undankbare Situation ihrer Figur in diesem ungemütlichen Psycho-Schinken. Gleiches gilt für Barbara Prakopenka als gebeuteltes Entführungsopfer Hannah.

Auch weiterhin kein Fitzek-Fan

Zusammengefasst kann ich euch guten Gewissens nur raten: Macht besser einen großen Bogen um „Abgeschnitten“! Außer Ihr mögt die Romane von Sebastian Fitzek oder habt Bock darauf, euch über zwei Stunden lang mal so richtig die Laune verderben zu lassen. Natürlich will ich die zahlreichen Fitzek-Fans da draußen nicht zu sehr vor den Kopf stoßen. Ich werde in diesem Leben aber wohl keiner mehr.

Kann Herzfeld seine Tochter retten?

Länge: 132 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Abgeschnitten
D 2018
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christian Alvart, nach dem Roman „Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos
Besetzung: Moritz Bleibtreu, Jasna Fritzi Bauer, Lars Eidinger, Fahri Yardim, Enno Hesse, Barbara Prakopenka, Christian Kuchenbruch, Urs Jucker
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2018 by Philipp Ludwig

Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 Warner Bros. Pictures Germany

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2018/10/10 in Film, Kino, Rezensionen

 

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2 Antworten zu “Abgeschnitten – Wenn der Name Programm ist

  1. Melanie Wehrmann

    2018/10/12 at 06:19

    Also mit den Büchern hab ich mich bisher nie befasst von Fitzek.
    Ich hatte meiner Mutter aber nen Schwung zu Weihnachten geschenkt.
    Der Trailer sah schon mal interessant und spannend aus.
    Vielleicht finde ich auf dem Weg ja auch doch nochmal zu den Büchern 😀

     
  2. Ma-Go

    2018/10/10 at 15:49

    Das Buch habe ich lustigerweise vor einigen Tagen (ohne zu wissen, dass demnächst die Verfilmung in die Kinos kommt) im Urlaub gelesen. Um es kurz zu sagen: Spannend aber dumm. Die Twists waren derart hanebüchen und die Handlung so voller Logiklöcher, dass ich mir nicht vorstellen kann wie der Film diese ausbessern soll. Ich werde also deinem Rat folgen und einen Bogen um den Film machen 😉

     

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