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Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia – Sam Peckinpahs einziger Final Cut

01 Nov

Bring Me the Head of Alfredo Garcia

Von Simon Kyprianou

Actionkrimi // Die schwangere Tochter von Großgrundbesitzer und Gangster El Jefe (Emilio Fernández) gesteht unter der Folter ihres Vaters, ein gewisser Alfredo Garcia sei dafür verantwortlich, dass sie ein Kind erwartet. El Jefe setzt eine Belohnung von einer Million Dollar auf den Kopf von Garcia aus. Der Barpianist Bennie (Warren Oates) bekommt das Angebot mit und wittert eine Chance: Garcia war sein Kumpel und hat mit Bennies Freundin Elita (Isela Vega) angebandelt, daher weiß er aus sicherer Quelle, dass Garcia auf einem Friedhof in der Nähe begraben liegt – profan umgekommen bei einem Autounfall. Doch der Weg zum Friedhof ist lang und Bennie und Elita sind nicht die einzigen, die hinter dem Kopf von Alfredo Garcia her sind.

Auf den Kopf von Alfredo Garcia ist eine Belohung ausgesetzt

Eigentlich könnte man meinen, Sam Peckinpah („The Wild Bunch“) mache aus diesem doch sehr geradeheraus wirkenden Plot einen dichten Thriller, aber das Gegenteil ist der Fall: Der Film lässt sich treiben, schwitzt sich regelrecht aus in heruntergekommenen Bars, Bordellen, Appartements, in langen Autofahrten und ausgedehnten Zwischenstopps. Viele sehen „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“ als Peckinpahs persönlichstes Werk, vielleicht auch, weil es dessen einzige Regiearbeit ist, bei der er das Recht auf den „Final Cut“ hatte, und Bennie als eine Art figurgewordenes Alter Ego des Regisseurs, der zur Entstehungszeit des Films, nach seinen großen Erfolgen auch zu einem Herumtreiber geworden ist, einem Kämpfer gegen die Studios, einem Ausgestoßenen, der jeden Gelegenheitsjob annimmt, das jedoch nie ohne Trotz. Solch eine Figur ist auch Bennie, ein trotziger Herumtreiber, ein stolzer Verlierer, der weiß, dass seine Lebensart funktionieren könnte, würde man ihn nur lassen.

Zartheit trotz Blutfontänen

Dadurch ist der Actionkrimi aber auch ein sehr zarter Film, manchmal jedenfalls, wenn die Träume und Körper der Figuren nicht gerade in tödlicher Zeitlupe unter Blutfontänen von Kugeln zerrissen werden. Die Beziehung von Elita und Bennie ist eine sehr zärtlich und einfühlsam erzählte Liebesgeschichte. Die Freundschaft zwischen Bennie und Alfredo, auch wenn wir Letztgenannten kein einziges Mal lebend sehen, ist grundlegend für den Film: Hat Bennie dessen Kopf in der zweiten Filmhälfte stets in einem blutbeschmierten Sack dabei, benimmt er sich so, als sei Alfredo immer noch lebendig und anwesend, immer noch sein Freund. Der blutige Sack scheint am Ende sogar wichtiger als der Koffer voller Geld.

Herumtreiber Bennie will sie sich sichern

Peckinpahs Filme sehen sich immer wieder harter Kritik ausgesetzt – zu brutal, zu frauenfeindlich –, dabei wird aber verkannt, wie sentimental und romantisch sie eigentlich sind, insbesondere „Bring mit den Kopf von Alfredo Garcia“, aber auch zum Beispiel „Getaway“ (1972). Beides Sehnsuchtsvorstellungen von Träumern, die Welt ein Stückchen näher an ihren Traum heranzurücken. Deswegen sind Peckinpahs Bilder, in diesem Fall die vielen schönen Bilder von Mexiko, auch oft so romantisch. Nur die brutalen Begebenheiten in der Welt machen sie immer wieder für kurze Momente hässlich, in der die Zeitlupe und das Blut die Welt zu einer Fratze verzerrt.

Auch andere sind hinter dem Kopf her

Am Ende rechtfertigt sich Bennie für alle Toten, die die Suche nach dem Kopf gefordert hat, er tut Buße und übt Rache: Wenn die Sehnsucht in einem zu stark wird, dann fängt das Blutvergießen an und die Gewalt zerstört wiederum die Sehnsucht. Alle Peckinpah-Filme enden traurig.

Bennie muss den Kopf seines toten Freundes mit dem Leben verteidigen

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sam Peckinpah haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 12. Juli 2018 als Doppel-Blu-ray und Doppel-DVD, 5. Mai 2016 als Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs), 13. Juni 2008 und 5. März 2007 als DVD

Länge: 112 Min. (Blu-ray), 108 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Bring Me the Head of Alfredo Garcia
MEX/USA 1974
Regie: Sam Peckinpah
Drehbuch: Gordon T. Dawson, Sam Peckinpah
Besetzung: Warren Oates, Isela Vega, Robert Webber, Gig Young, Helmut Dantine, Kris Kristofferson, Emilio Fernández, Chano Urueta, Donnie Fritts, Jorge Russek, Chalo González, Enrique Lucero, Janine Maldonado, Tamara Garina
Zusatzmaterial 2018/2016: Audiokommentar von Mike Siegel, Trailer und TV-Spots, Dokumentation „Passion & Poetry – Sam’s Favorite Film“, Featurette „A Writer’s Journey“, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Label/Vertrieb: Koch Films
Label/Vertrieb 2008er-DVD: Twentieth Century Fox Home Entertainment
Label/Vertrieb 2007er-DVD: MGM

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Fotos & Packshot: © 2018 Koch Films

 

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