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Replicas – In der Tradition von Philipp K. Dick?

29 Jul

Replicas

Von Lucas Gröning

Science-Fiction // Was ist der Mensch? Was macht die ureigene Existenz des menschlichen Wesens aus? Was macht uns so besonders? Wodurch unterscheidet sich der Mensch von anderen Lebewesen? Vor allem: Was unterscheidet den Menschen in einer immer weiter von künstlicher Intelligenz dominierten Welt von der Maschine? Mit diesen Fragen verbinden wir heute in der Popkultur vor allem einen Mann: Philip K. Dick, seines Zeichens einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche seiner Werke wie die Kurzgeschichtensammlung „Electric Dreams“, „The Man in the High Casle“ oder auch „Do Androids Dream of Electric Sheep“ erlangten weit über die Buchvorlagen hinaus große Bekanntheit. Besonders letztgenannter Stoff wurde im Zuge seiner 1982er-Verfilmung „Blade Runner“ durch Ridley Scott in beiden Mediengattungen zum Klassiker. Scott stellte mit seinem Film ebenfalls die Frage nach der menschlichen Existenz und ihrem Verhältnis zu den Maschinen, in diesem Beispiel den sogenannten Replikanten. Am Ende ist es ein Einhorn, welches uns in „Blade Runner“ den finalen Twist des Films offenbart und uns die Beziehung der beiden noch einmal von vorn durchdenken lässt. Ein Motiv, dass Jeffrey Nachmanoff in seiner Regiearbeit „Replicas“ ebenfalls aufgreift. Es ist nicht die letzte Gemeinsamkeit beider Werke, auch wenn Nachmanoff, das sei vorweggenommen, es weit verfehlt, dem selbst zur Sprache gebrachten Vergleich mit dem berühmten Vorbild von Altmeister Ridley Scott gerecht zu werden. Dies wäre zwar zu viel der Erwartung, dennoch provoziert der Film diesen Vergleich an vielen Stellen selbst (das Einhorn sei nur als ein Beispiel genannt), wodurch man um eine Gegenüberstellung schwerlich herumkommt. Nachmanoff, der hauptsächlich durch die Inszenierung einiger TV-Episoden verschiedener Serien sowie seine Arbeit als Drehbuchautor an einigen Folgen der Serie „Homeland“ und Roland Emmerichs Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ bekannt ist, hat sich dafür einen echten Routinier des Genres ins Boot geholt: Schauspieler Keanu Reeves, der durch seine Darstellungen des Neo in der „Matrix-Trilogie“ und des Protagonisten in Richard Linklaters „A Scanner Darkly“ (ebenfalls nach einer Geschichte von Philip K. Dick) bereits Erfahrung im Genre gesammelt hat. Inwiefern sich das auszahlte, soll im vorliegenden Text aufgezeigt werden.

Fragen über Fragen

Die Geschichte dreht sich um den Protagonisten William Foster (Reeves), einen Neurowissenschaftler, der mit seiner Familie, bestehend aus seiner Frau Mona (Alice Eve) sowie den drei Kindern Matt (Emjay Anthony), Sophie (Emily Alyn Lind) und Zoe (Aria Lyrik Leabu) in Puerto Rico lebt. Er arbeitet für das Unternehmen Bionyne, welches versucht, das Bewusstsein aus dem menschlichen Gehirn mitsamt aller Daten auf Maschinen zu übertragen. Das Unternehmen selbst fungiert im Auftrag der Regierung. Durch die Übertragung soll es möglich werden, gefallene Soldaten in einem neuen, stärkeren Körper wieder zum Leben zu erwecken. Alle Versuche schlugen jedoch bisher fehl. Es stellte sich heraus, dass die synthetischen Gehirne nicht in der Lage sind, das menschliche Bewusstsein anzunehmen. Stattdessen wird es abgestoßen, was zu einer Selbstzerstörung der Maschine führt. Der Chef der Abteilung, Mr. Jones (John Ortiz), kündigt das Ende des Auftrags an, sollten Fosters Bemühungen nicht bald von Erfolg gekrönt sein.

Mit dem glücklichen Familienleben ist es bei den Fosters bald vorbei, doch …

Auf der Suche nach dem Schlüssel landen der Familienvater und sein Kollege und Freund Ed (Thomas Middleditch) jedoch weiterhin in Sackgassen, sodass Foster beschließt, zur Ablenkung einen Kurzurlaub mit seiner Familie zu unternehmen. Während der gemeinsamen Autofahrt gerät die Familie in einen Sturm. Durch einen auf die Straße fallenden Baum kommt es zu einem Unfall, in dessen Folge die gesamte Familie bis auf den trauernd zurückbleibenden Familienvater stirbt. Bereits in dem Moment, in dem seine Frau Mona von einem Ast durchbohrt wird, ahnen wir die nächsten Schritte des Protagonisten. William ruft seinen Kollegen Ed an und die beiden machen sich auf die Mission, die einzelnen Familienmitglieder zu klonen und die im Hirn verbliebenen Daten in die Kopien zu transferieren.

Leider keine Antworten

Ein Auftakt wie gemacht, um eine Verhandlung der Themen rund um das Klonen, den Transfer des menschlichen Bewusstseins, der Möglichkeit dieses Unterfangens, und allen damit einhergehenden ethischen und philosophischen Fragen zu beginnen. Diese Ausgangssituation ist wirklich spannend, und auch wir Zuschauer stellen uns diese Fragen ganz automatisch. Schade jedoch, dass wir in dieser Hinsicht die Einzigen sind, lehnt doch „Replicas“ selbst eine klare Verhandlung der sich anbietenden Fragestellungen ab. Ob es überhaupt eine gute Idee ist, das menschliche Bewusstsein in Maschinen (die hier übrigens ebenfalls Replikanten genannt werden) zu transformieren? Keine Stellungnahme. Welches übergeordnete Ziel könnte eine Regierung oder beispielsweise ein Unternehmen des Silicon Valley mit dem Klonen und dem damit einhergehenden unendlichen Erhalt des menschlichen Lebens verfolgen? Keine Stellungnahme. Und auch die eigens aufgeworfenen Problematiken des Films verpuffen teilweise im Nirgendwo. Warum zum Beispiel funktioniert die Übertragung des Bewusstseins auf einen Klon im späteren Verlauf des Films? Eine Erklärung liefert der Film zwar, jedoch eine wenig befriedigende und zugleich unlogisch hergeleitete.

… Vater William sucht nach einem Weg, seine Familie zurückzuholen

Immerhin stellt Mona ihrem Mann zu Beginn die interessante Frage, ob das menschliche Gehirn nicht mehr ist als eine Ansammlung von Daten inklusive einer Mischung aus Elementen der Neurochemie. Damit stößt sie bei William auf Ablehnung, sodass die Frage im Nichts verschwindet und später auch nicht wieder aufgegriffen wird. Die einzige Figur, die Williams Handlung zu Beginn noch konstant hinterfragt – sein Freund Ed –, wirft alle ethischen und moralischen Bedenken im Augenblick des Erfolges sofort über Bord. Der zu erwartende finanzielle Gewinn des Durchbruchs scheint alles zu rechtfertigen, was sich auch im Schicksal des als Antagonist aufgebauten Mr. Jones wiederspiegelt. Ein weiterer interessanter Aspekt tut sich auf, wenn William die Social-Media-Accounts seiner Kinder verwaltet und so zum Beispiel Chatnachrichten der Schulkameraden und Freunde beantwortet, um den Anschein zu erwecken, die Kinder seien noch am Leben, während ihre Klone im Keller in Tanks hochgezüchtet werden. Der Nachricht eines Jungen, der mit seiner Tochter Sophie flirtet und ein Date arrangieren möchte, begegnet William hierbei mit Ablehnung. Was uns als Zuschauer fremd und falsch vorkommt, wird vom Film nicht weiter kommentiert und bleibt als semi-lustiger Gag zur Auflockerung der Story stehen. Man sieht: Der Film bietet genügend Potenzial zur Bearbeitung dieser komplexen Themen, verweigert sich dieser jedoch und man fragt sich, wozu der Vergleich zu Ridley Scotts Meisterwerk an so vielen Stellen erzwungen wird.

Logiklöcher und ein Genrewechsel

Doch auch abgesehen von der Verweigerung, die Thematik auf eine philosophische Ebene zu ziehen, leidet „Replicas“ an einigen Schwächen. Es begegnen uns viele Szenen, gepaart mit Handlungen der Figuren, die auch losgelöst von einem übergeordneten Sinn nicht logisch erscheinen. Wie erwähnt werden die Klone im Keller des Hauses Foster hochgezüchtet. Das Equipment für den Prozess, drei große Tanks und einer Menge weiteres Zubehör, stehlen William und Ed noch in derselben Nacht des Unfalls aus den Laboren von Bionyne. Wieso es zwei Wissenschaftlern gelingt, unbemerkt Materialien im Wert von Millionen aus einer militärisch gesicherten Basis zu entwenden, bleibt das Geheimnis des Films. Selbst an den folgenden Tagen scheint dies niemand bemerkt zu haben. Auch der Diebstahl sämtlicher Autobatterien der Nachbarschaft zum elektrischen Betrieb der Tanks scheint niemanden außer zwei Polizisten zu kümmern, die das aber auch nicht länger interessiert als die kurze Gesprächsdauer während der routinemäßigen Befragung von William. Man fragt sich, wozu dieses Konfliktpotenzial überhaupt aufgeworfen wurde.

Im späteren Verlauf kommt es außerdem zu einigen Konflikten hinsichtlich der fragwürdigen Entscheidungen von William, die er während des Todes seiner Familie getroffen hat. Diese sich meist auf persönlicher Ebene abspielenden Auseinandersetzungen verpuffen jedoch nach kurzen Streitgesprächen. Eine von vorn bis hinten durchdachte und logisch strukturierte Geschichte hat der Film dadurch eher nicht zu bieten, was sich auch in einem Genrewechsel gegen Ende des Werkes ausdrückt. Anstatt ein Science-Fiction-Film zu bleiben, die wichtigen Fragen zu stellen und den Versuch einer Beantwortung zu übernehmen, flüchtet sich der Stoff ins Genre des Thrillers. Dieser Teil macht zwar durchaus Spaß, fügt sich jedoch nur bedingt in die Handlung und die Komplexität der Themen und Motive ein.

Großes Potenzial

Nur um das, nach so viel Negativität, einmal klar zu stellen. „Repilcas“ ist alles andere als ein katastrophaler Film. Die Charaktere, auch wenn sie größtenteils Stereotype repräsentieren, die nötige Komplexität vermissen lassen und man ihr Schicksal bereits nach wenigen Minuten erahnen kann, sind durchaus sympathisch. Das liegt vor allem an den ansprechenden darstellerischen Leistungen. Keanu Reeves spielt seine Rolle routiniert und glaubhaft herunter. Nach zum damaligen Zeitpunkt zwei „John Wick“-Filmen und etlichen Charakterdarstellungen wie in „Im Auftrag des Teufels“ (1997) scheint er den Herausforderungen derartiger Rollen bereits lange entwachsen. Auch die übrigen Darsteller spielen ihre Rollen mit hoher Qualität. Alice Eve überzeugt als sich sorgende Ehefrau, Thomas Middleditch mimt einen glaubhaften und auflockernden Sidekick und John Ortiz nimmt man die Rolle des bösen, von Wirtschaftsinteressen gesteuerten Antagonisten jederzeit ab.

Auch technisch befindet sich „Replicas“ auf ordentlichem Niveau. Die Kulissen sind zu jedem Zeitpunkt perfekt ausgeleuchtet, was einen Gegensatz zum in einer fernen Dystopie angelegten „Blade Runner“ darstellt, zu einem „Replicas“, der eher vor der großen Katastrophe spielen soll, jedoch perfekt passt. Besonders das Farbenspiel des Films sei hervorgehoben: Stechen uns während der Szenen im Versuchslabor des Bionyne-Unternehmens klinisch-kalte und von blautönen durchzogene Bilder ins Auge, stellen die warmen und eher ins rötliche abdriftenden Farben des Familienhauses der Fosters einen Gegensatz dazu dar. In jedem Fall ist der Film durchzogen von Helligkeit, außer in den Nachtszenen beim Unfall inmitten eines Gewitters. Hier wird die düstere Stimmung durch die Beleuchtung unterstrichen und somit auch die Macht der Natur als Gegensatz zur perfekt funktionierenden und durchtechnologisierten Welt der Menschen. Unter dem Strich reicht das jedoch alles nicht, um den Vergleich mit anderen von Philip K. Dick inspirierten Werken zu bestehen. Dafür ist Nachmanoffs Werk unter dem Strich zu anspruchslos. Ein unterhaltsamer Film mit einigen netten Ideen ist dem Regisseur mit „Replicas“ aber in jedem Fall gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 9. Mai 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Replicas
GB/CHN/PUER/USA 2018
Regie: Jeffrey Nachmanoff
Drehbuch: Chad St. John
Besetzung: Keanu Reeves, Alice Eve, Thomas Middleditch, John Ortiz, Emjay Anthony, Emily Alyn Lind, Aria Lyric Leabu, Nyasha Hatendi, Amber Rivera
Zusatzmaterial: Making-of, entfallene Szenen, B-Roll, deutscher Kinotrailer, Originaltrailer
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Concorde Home Entertainment

 
 

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Eine Antwort zu “Replicas – In der Tradition von Philipp K. Dick?

  1. Frank Hillemann

    2019/07/30 at 16:28

    Gab es auch bei Amazon Prime ohne Leihgebühr. Ein Film, den man 1x sehen kann und dann wieder vergessen.

     

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