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Peter Weir (IV): Mosquito Coast – Es gibt keinen Neuanfang

31 Jul

Mosquito Coast

Von Leonhard Elias Lemke

Abenteuerdrama // „Mosquito Coast“ ist ein gewollt frustrierender Film – was für seine Qualität spricht. Damals, als Zwölfjähriger, als ich ihn auf Video sah, erhoffte ich mir einen Abenteuerfilm mit einem heldenhaften Harrison Ford. Ich wurde enttäuscht und kann ihn heute umso mehr schätzen.

Allie Fox – Idealist oder Egoist?

Allie Fox (Harrison Ford) ist Erfinder. Zig Patente sind bereits angemeldet, die nächsten genialen Einfälle stehen kurz bevor. Allein: Niemand fragt nach seinen Erfindungen. Für einen Farmer soll er eine einfache Kühlvorrichtung konstruieren. Fox stellt ihm sein revolutionäres und potenziell gigantisches Gefrierfach vor – nach einem derart komplexen Gebilde hat sein Auftraggeber aber gar nicht gefragt. In dieser Gesellschaft sind keine Neuerungen für die Zukunft gefragt, sondern Behelfsmittel für die Gegenwart. Eine ökologische Wende hin zum Guten und eine sinnvolle, die Lebens- und Umweltqualität verbessende Technik interessieren nicht. Der schnelle Dollar regiert, koste es, was es wolle. Fox kehrt sich ab von dieser Art der Zivilisation und will noch einmal ganz neu beginnen – im Dschungel, an der Mosquito Coast. Seine Frau (Helen Mirren) und seine vier Kinder im Schlepptau, macht er sich auf, gemeinsam mit den Eingeborenen eine neue, bessere Welt zu schaffen. Doch nach wessen Urteil handelt es sich eigentlich um eine bessere Welt? Ein fanatischer Pastor, südamerikanische Kriminelle und vor allem sein aufkommender Größenwahn und sich zunehmend trübender Blick auf den Sinn des Lebens sowie unsere (geringe) Macht über die Welt stellen sich Fox und seinem (scheinbar) idealistischen Neuanfang in den Weg.

Das Ende der Welt kommt auf leisen Sohlen

Rätselhafte, gewaltige Natur, deren Rache schleichend daher kommt. Der australische Regisseur Peter Weir ist für seine Zivilisationskritiken bekannt. Dabei bietet er in seinen Filmen nur bedingt Lösungen für eine bessere Welt an. Er hält uns einen Spiegel vor und lässt uns die Perversionen der Menschen erkennen oder konfrontiert den Zuschauer mit anscheinend übernatürlichen Phänomenen, die wir nicht verstehen können. 1975 machte er ein „Picknick am Valentinstag“, ließ Menschen an einem objektiv wunderschönen Ort verschwinden. Auf den ersten Blick mag der Film romantisch wirken, bei näherem Hinsehen ist er jedoch der blanke Horror, über allem schwebt eine Aura des Unbekannten, das nicht danach strebt, den Menschen über seine Bewandtnis aufzuklären. Mit wachsendem Unverständnis wird auch die Angst größer – alles scheint möglich. Im den die Gewohnheit liebenden Menschen macht sich Panik breit. Zwei Jahre nach seinem Picknick schickte uns Weir „Die letzte Flut“. Ein apokalyptischer Film, aber kein Katastrophenthriller. Es regnet unentwegt, Aborigines verkünden das Ende unserer schönen neuen Welt. Der Regisseur stellt die Naturvölker in seinen Filmen als überlegene Wesen dar. Sie besitzen noch den Kontakt zum Ursprünglichen, zur Natur, zu Gott oder wie auch immer man es nennen möchte. Sie verstehen noch die Prozesse unseres Planeten. 1998 zeigte er „Die Truman Show“, eine Perversion und Entlarvung wahrer Menschlichkeit. Als Unmenschlichkeit. Jim Carrey ist der Hauptdarsteller einer Sitcom – nur weiß er dies nicht. Der Mensch hat seinesgleichen zu seinem Spielball gemacht, den Respekt vor der eigenen Rasse verloren. Kein Zusammenleben mehr, ein Vorzeichen der Wachablösung auf der Erde.

Die Mosquito Coast als bessere Welt?

Paul Schrader („Katzenmenschen“) schrieb aus Paul Theroux’ Novelle das Drehbuch. Den reinen Menschen gibt es nicht. Ihn erschaffen zu wollen, ist Terror. Protagonist Fox erklärt kopfschüttelnd die Absurdität unserer Gesellschaft: Die Eingeborenen verlassen ihren Dschungel, indem sie doch so reich an Leben sind, um in unserer Welt Handlanger eines kommerziellen und selbstzerstörerischen Systems zu werden. Sie kommen, um ihre eigene Welt – für sie unbewusst – dem Beton gleich zu machen. „Mosquito Coast“, vor über 30 Jahren mäßig erfolgreich in den Kinos gelaufen, ist als Ökofilm – eine mögliche Kategorisierung – 2019 von noch größerer Aktualität. Und diese wird mit jedem Jahr weiter zunehmen.

Eis im Dschungel

Fox’ für die Menschheit potenziell wichtige Erfindungen sind nicht gewollt. Jeder denkt nur an das eigene Wohlsein und nicht an die Gemeinschaft. Und schon gar nicht an den Zustand unseres Planeten. Der Film wird damit zu einem regelrechten Fingerzeig auf das politische Geschehen – besonders unserer Tage: Hier geht es nur um Interessen, Wählerstimmen, Amtsperioden und Zahlen. Der vorausschauende Blick in die Zukunft wird nicht gewagt. Man hat Angst vor dem Kommenden, wohlwissend, dass man nichts zu dessem Wohle beigetragen hat. Daraus folgen Abkehr und Konzentration auf das ausschließlich eigene Glück.

„Wenn man über das 20. Jahrhundert nachdenkt, muss man verrückt werden.“

Auch wenn Fox den fatalen Werdegang der Dinge erkannt hat, so ist er doch weder stark, noch allwissend genug, es besser zu machen. Seine Ideale sind groß, doch auch sie sind verfärbt von der eigenen Sozialisation. Im Grunde genommen steigt er schon mit dem falschen Bein ins Boot, als er sich das Urwalddorf kauft – oder besser: einem betrunkenen Geldhai abluchst. Das Land, das er sich eigentlich wünscht, sollte nicht käuflich sein. Er will dem Dschungel das Eis – die Zivilisation – bringen (was gar nicht benötigt wird, alles wächst frisch nach), die Vorzüge der Wissenschaft installieren – und verseucht, weil niemand die Chemie kontrollieren kann, seine neue Heimat. Das von ihm erbaute Kraftwerk wirkt wie ein Schrein, ein künstlicher Gott, den Fox gebracht hat. Er wird zum Extremisten, mordet, um eine friedliche Welt zu schaffen. Das kann so nicht gelingen.

Er verliert die klare Struktur, die für einen Neuanfang vonnöten ist, durch seinen Hass auf das, was ihm zuwider spricht. Damit bleibt auch er engstirnig und für sich. Wie die Menschen, die er doch so sehr verabscheut. Auch fernab der Konsumtempel kann er keine Gemeinschaft formen, er bleibt in seinem Denken und Tun für sich. Warnende Worte anderer, nächststehender wie Frau und Kinder nimmt er nicht an, um seine Pläne anzupassen. Er wird zum Diktator. Zwar hat er Gutes im Sinn, aber Menschen können nur gemeinsam füreinander entscheiden. Das entgeht Fox.

Der älteste Sohn, Charlie, überzeugend gespielt von einem 16-jährigen River Phoenix, entdeckt seine erste Erotik – „Mosquito Coast“ ist auch ein gelungener Coming-of-Age-Film. Doch sein Vater hat keinen Blick dafür, zu sehr ist er mit sich und SEINER neuen Welt beschäftigt. Der Zuschauer erlebt den Film aus der Perspektive von Charlie, der uns auch als Erzähler führt. Trotz seines jugendlichen Alters wirkt er so viel reifer als sein Vater. Er kommentiert aus der Rückschau und uns wird schnell klar, wie dieser Film enden muss.

Es läuft aus dem Ruder

Die Kirche, die den Menschen eigentlich den wahren (?) Glauben bringen sollte, vereinnahmt die Menschen tatsächlich nur für sich. Sie sollen ihr und nicht der Welt dienen. Konsum und Dienen gehen Hand in Hand und ein gutes Mittel zur Indoktrinierung sind die Medien. Der irre Pfarrer baut im Dschungel eine scheinbar makellose Kirche – und lässt den Gottesdienst in der Kirche vom Fernseher laufen. Die Eingeborenen werden zum Opfer der Manipulation, vorbereitet auf ihren Umzug in die erschlossene Welt oder dafür bestimmt, sich dem Kirchenstaat an der Mosquito Coast zu unterwerfen.

An der Mosquito Coast sind Han Solos und Indiana Jones’ Waffen stumpf

„Mosquito Coast“ ist vielleicht der stärkste Film von Harrison Ford. Er bringt zunächst das Publikum auf seine Seite, man stimmt ihm zu, in seinem unsere Welt verachtenden Blick. Man will, dass das neue Leben seiner Familie gelingt. Man wünscht sich ein Happy End. Doch Peter Weir ist kein Märchenerzähler. Sein Protagonist, Fox, wird vom Subjekt zum Objekt. Er wird Opfer seiner eigenen Pläne, seiner Selbstüberschätzung. Ford gelingt es kongenial, tröpfchenweise den Wahnsinn seiner Figur durchscheinen zu lassen. Seine Rolle ist fatalistisch. Da Selbstaufgabe für diesen Charakter unmöglich ist, steuern wir mit ihm immer schneller auf den großen Knall zu. Der kommt im Film für die Hauptfigur. Für uns sicher auch demnächst.

Eine Blu-ray in guter Bild- und Tonqualität dieses bedeutsamen Films ist ein wichtiges Mosaikstück in einer gut sortierten Filmsammlung. Nun hätte sich aber gerade dieses vielschichtige Werk mit hochkarätigen Namen vor und hinter der Kamera für eine aufwendigere Veröffentlichung angeboten, etwa im Mediabook. So muss man hier auf jegliche Extras oder wenigstens ein Booklet verzichten und sich allein am Film selbst erfreuen. Achtung: Anders als auf dem Backcover angegeben fehlt die englische Fassung, also die Originalsprache – stattdessen findet sich eine spanische Tonspur. Das ist sehr ärgerlich und hinterlässt einen faden Beigeschmack, denn so ein Film ohne den Originalton dürstet ja schon fast wieder nach einer erneuten, erweiterten Auflage. Auf Rückfrage beim Label Pidax zu diesem Fauxpas erhielt der Autor dieser Zeilen leider keine zufriedenstellende Antwort.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Peter Weir sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Helen Mirren unter Schauspielerinnen, Filme mit Harrison Ford in der Rubrik Schauspieler.

Gescheitert?

Veröffentlichung: 1. April 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Spanisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Mosquito Coast
USA 1986
Regie: Peter Weir
Drehbuch: Paul Schrader
Besetzung: Harrison Ford, Helen Mirren, River Phoenix, Jadrien Steele, Hilary Gordon, Rebecca Gordon, Jason Alexander, Dick O’Neill, Andre Gregory Martha Plimpton
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Pidax Film

 
 

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Eine Antwort zu “Peter Weir (IV): Mosquito Coast – Es gibt keinen Neuanfang

  1. valentino

    2019/07/31 at 14:17

    Ich hab den Film seinerzeit als 14-Jähriger das erste Mal in einem kleinen Berliner Programmkino gesehen und war absolut überwältigt. Ich finde ihn auch heute noch ein absolutes Highlight und wie im Text sehr schön beschrieben brandaktuell. Ebenso genial und unbedingt lesenswert ist die Romanvorlage von Paul Theroux, die wie der Film aus der Perspektive des Sohnes Charlie erzählt. Im Buch kommt auch die Veränderung von Fox’ Charakter noch fein gekörnter rüber. Kamera und Darsteller sind absolute klasse. Insbesondere der leider viel zu früh verstorbene River Phoenix.

     

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