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Horror für Halloween (XXI): … Und die Alpträume gehen weiter – Neues aus der Zwielichtzone

08 Okt

Night Gallery

Von Lars Johansen

Episoden-Horror // Rod Serling, der Drehbuchautor dieses dreiteiligen Pilotfilms wurde durch „The Twilight Zone – Unwahrscheinliche Geschichten“ eine amerikanische Institution des Science-Fiction-Kinos. Na gut, nicht des Kinos im eigentlichen Sinn, aber wenigstens die Sehgewohnheiten vieler fantastischer Autoren und Regisseure hat er durch seine Arbeit nachhaltig verändert. Von 1959 bis 1964 schuf er mit dieser bahnbrechenden Serie eine intelligente und empathische Sicht auf die filmische Fantastik. Er und Gene Roddenberry, Schöpfer von „Raumschiff Enterprise“ („Star Trek“), haben das Genre der Science Fiction nachhaltig verändert. Bei Serling lappte dieses immer schon ins rein Fantastische über. 1969, fünf Jahre nach dem Ende von „The Twilight Zone“, begann er mit der Produktion einer neuen Serie, die „Night Gallery“ beziehungsweise „Rod Serling’s Night Gallery“ hieß und sich mehr auf den Bereich Mystery und Horror konzentrierte. Sie schaffte immerhin drei Staffeln, die teilweise auch in Deutschland ausgestrahlt wurden.

„Ein Häppchen für den toten Erbonkel!“

Am 8. November 1969 startete der Pilotfilm in den USA. Er umfasste drei Segmente, die alle von Serling geschrieben, aber von drei verschiedenen Regisseuren realisiert wurden. Wie schon bei „ The Twilight Zone“ tauchte Serling selbst als Erzähler auf, diesmal in einer Art Museum oder Galerie, wo Bilder hingen, die eine besondere Geschichte enthielten. Für das Drehbuch des Pilotfilms erhielt Serling den „Edgar-Allan-Poe-Award“, die Serie selbst wurde zweimal für den Emmy nominiert. In den 70ern liefen einige Folgen im ZDF im Rahmen der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“. Eine gute Idee, den Pilotfilm mit dem Titel „… Und die Alpträume gehen weiter“ jetzt wieder zugänglich zu machen, denn er ist es wert, gesehen zu werden. Auch wenn die Episoden qualitativ durchaus Unterschiede aufweisen, sinkt das Niveau bei keiner wirklich allzusehr ab.

Auftakt nach M. R. James

Die erste Geschichte „The Cemetery“ ist inspiriert von der Geistergeschichte „Der Kupferstich“ („The Mezzotint“) von Montague Rhodes James: Jeremy Evans (Roddy McDowall) beschleunigt den Tod seines Onkels, indem er ihn eiskalter Luft aussetzt. Nachdem er das Erbe angetreten hat, verändert sich ein Bild, das neben der Treppe hängt und den angrenzenden Friedhof zeigt, auf welchem der Onkel begraben wurde. Eine seltsame Gestalt scheint das Grab zu verlassen und sich dem Haus immer weiter zu nähern. Schließlich klopft es mitten in der Nacht an der Vordertür. Sollte sich dahinter wirklich etwas Dunkles verbergen oder steckt nur der Butler Osmond (Ossie Davis) dahinter, der seinen ehemaligen Herren rächen will? Regisseur Boris Sagal ist ein Routinier, der viel fürs Fernsehen gearbeitet hat und zwei Jahre später mit „Der Omega-Mann“ („The Omega Man“) seinen vielleicht bekanntesten Spielfilm realisierte, der mit Charlton Heston in der Hauptrolle eindrucksvollen Science-Fiction-Horror ergab. Hier haben wir am Ende einen hübschen Dreh, der die rationale Erklärung für das Gesehene ad absurdum führt und in reinem Horror mündet.

„Nein, Großvater, das ist naturblond.“

„The Escape Route“ lautet der Titel des dritten Segments. Hier geht es um einen alten Nazi, Joseph Strobe (Richard Kiley), der in Südamerika lebt und Angst davor hat, erkannt und seiner gerechten Strafe zugeführt zu werden. Jeden Tag geht er in ein Museum und schaut das Bild eines Fischers in idyllischer Landschaft an. Irgendwann gelingt es ihm, sich in das Gemälde hineinzuversetzen und dort zu leben. Eines Tages erkennt ihn ein Überlebender, Bleum (Sam Jaffe), aus Deutschland wieder. Strobe tötet ihn und flieht für immer in das Bild. Das aber ist an eine andere Stelle gehängt worden und so endet er in einem völlig anderen Bild. Regisseur Barry Shear ist ein Fernsehroutinier und so ist die Episode eher konventionell geraten und bietet ein furchtbar moralisches Ende. Die Bösen müssen eben bei Serling bestraft werden und manchmal ist das leider ein wenig vorhersehbar. Trotzdem gönnt man Strobe seine harte Strafe von Herzen.

Regiedebüt von Steven Spielberg

„Eyes“ ist der Name der zweiten Episode und ich habe sie mir bis zum Schluss aufgespart, weil sie zwei großartige Besetzungscoups aufweist. Zum einen ist es eine der letzten Rollen von Joan Crawford, die hier die reiche, böse und hartherzige Claudia Menlo spielt, welche blind ist und einem armen Mann seine Augen abkauft, die ihr von ihrem Arzt, Dr. Frank Heatherton (Barry Sullivan), transplantiert werden, damit sie einmal im Leben für ein paar Stunden sehen kann, um ihre Schätze zu bewundern. Sie erpresst ihn dazu, weil er es als unethisch ablehnt. Aber natürlich geht das nur bedingt gut. Der zweite Coup ist, dass Steven Spielberg hier sein Debüt als Regisseur feiern kann. Beides funktioniert, denn die Crawford ist großartig in ihrer Rolle und Spielberg beweist schon hier, dass er zu Höherem berufen war. Glas und Spiegel tauchen immer wieder symbolisch in den Bildern auf und die Strafe bekommt wirklich eine dramatische Tiefe, die in ihrer gleichzeitigen Banalität der Auflösung Abgründe auftut, welche erstaunliche Qualitäten erreichen.

„Wir transplantieren erst einmal die Haare, dann die Augen und dann …“

Mir persönlich hat die erste Episode am besten gefallen, aber das möge jeder für sich entscheiden, denn endlich kann man „… Und die Alpträume gehen weiter“ wieder sehen. Denn nachdem er 1987 auf Video veröffentlicht worden war, erschien er erst 2019 endlich auf DVD. Extras gibt es leider keine, auch Untertitel für die englische Fassung sind nicht mit an Bord, aber erfreulicherweise hat sich das kleine Label Pidax des Pilotfilms angenommen und ihn in ordentlicher Qualität veröffentlicht. Bei Bild und Ton sollte man von einem Fernsehfilm aus den späten 60ern keine Wunder erwarten, aber das Ergebnis ist solide geworden. Wer angenehmen, nicht unintelligenten Grusel mag, ist hier einigermaßen aufgehoben, und allein Spielberg bei seinen ersten Gehversuchen zuzuschauen, ist den Erwerb jederzeit wert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Spielberg haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

„Spieglein, Spieglein, ich brech’ dir alle Knochen, wenn du mich noch einmal alt nennst.“

Veröffentlichung: 18. Oktober 2019 als DVD

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Night Gallery
USA 1969
Regie: Barry Shear, Steven Spielberg, Boris Sagal
Drehbuch: Rod Serling
Besetzung: Joan Crawford, Ossie Davis, Roddy McDowall, Barry Sullivan, Tom Boswell, Sam Jaffe
Zusatzmaterial: Trailershow
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Pidax Film

 

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