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Major Dundee – Sierra Charriba: Ein bisschen Peckinpah

05 Nov

Major Dundee

Von Lars Johansen

Western // In „Mein Name ist Nobody“ gibt es eine Grabstelle, die den Namen „Sam Peckinpah“ aufweist. Dieser hätte in jener Produktion von Sergio Leone wohl Regie führen sollen, wozu es aber nie kam. Vielleicht hätten sich die beiden gut verstanden, beide hatten mit James Coburn zusammengearbeitet und vor allen Dingen teilten sie eine Erfahrung: Beiden wurden nämlich Meisterwerke von den Produzenten zerstückelt. Bei Leone war es „Es war einmal in Amerika“ (1984), das sein Opus magnum werden sollte und erst einmal zurechtgekürzt wurde, bis es in die einfache Denkweise der Produktionsfirma passte und Leone darüber dann, zu früh, starb. Bei Peckinpah war es 1965 „Major Dundee“, der ihn eine vielversprechende Karriere kosten und ihn für ein paar Jahre erst einmal vom großen Kino fernhalten sollte, weil er auf einer schwarzen Liste landete und sich erst langsam wieder hocharbeiten musste.

„Wie soll ich anständig stoisch vor mich hin starren, wenn der Gaul solche Grimassen reißt?“

Die glorreichen Reiter“ („The Glory Guys“) wurde im gleichen Jahr von dem eher zweitklassigen Arnold Laven nach Peckinpahs Drehbuch inszeniert. Die Regie für „Cincinnati Kid“ verlor er nach ein paar Tagen an Norman Jewison, weil er das Drehbuch umgeschrieben hatte und angeblich Nacktaufnahmen von Sharon Tate drehen wollte, was den Produzenten nicht gefiel. 1966 schrieb er das Drehbuch für den Fernsehfilm „Noon Wine“ und führte auch Regie. Der wurde sehr gut aufgenommen und ebnete wieder den Weg. 1968 hat Peckinpah bei „Pancho Villa reitet“, den Routinier Buzz Kulik realisierte, am Drehbuch mitgearbeitet, ehe er 1969 dann „The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz“ drehen konnte, der vielleicht den Höhepunkt seines Filmschaffens darstellt, mindestens aber sein berühmtester Film geworden ist.

Charlton Heston verzichtet auf Gage

Doch zurück in das Jahr 1965. Produzent Jerry Bresler hatte Peckinpah ein relativ großes, ein paar Millionen Dollar umfassendes Budget zur Verfügung gestellt, welches er dann aber schon früh zusammenkürzte. Den Regisseur kümmerte es nicht, er drehte als habe er das große Budget zur Verfügung, was dazu führte, dass das Geld irgendwann zu Ende ging und die Dreharbeiten abgebrochen werden sollten. Darauf verzichtete der Star Charlton Heston auf seine Gage und sorgte so dafür, dass der Film zu Ende gedreht werden konnte. Das ist umso bemerkenswerter, als sich der Star und sein Regisseur gar nicht so gut verstanden, was zu Spannungen am Set führte. Peckinpah hatte außerdem damit begonnen, exzessiv zu trinken, woraufhin Heston wohl sogar bei einigen Szenen die Regie übernahm.

„Ich will ja nicht wie ein Rassist klingen, aber sogar deine Uniform ist farbiger als meine.“

Senta Berger schildert in einem Interview, das der führende deutsche Peckinpah-Experte Mike Siegel mit ihr für seine Dokumentation „Passion & Poetry“ führte, dass es am Set wohl auch Spannungen zwischen Heston und seinem Co-Star, dem aufstrebenden Richard Harris, gegeben habe. Als sie ankam, lief überhaupt nichts richtig rund und Peckinpah, der ihr ihre Rolle als deutsche Arztwitwe auf den Leib geschrieben hatte, weil er sie sehr schätzte, war wohl durch den Alkohol nahezu außer Gefecht gesetzt. Kurz, es stand nicht wirklich gut um die Dreharbeiten.
Der fertige Film umfasste gut zweieinhalb Stunden und wäre vielleicht ein Meisterwerk geworden. In den Kampfszenen hatte Peckinpah schon sehr viel mit Zeitlupe operiert, eine Methode, die bei „The Wild Bunch“ prägendes Stilmittel werden und für viele Regisseure stilbildend wirken sollte. Aber dann griff Jerry Bresler ein, der erst einmal auf zwei Stunden kürzte, die Zeitlupenaufnahmen durch Bilder der Second-Unit-Crew ersetzte, die Musik und die Tonspur so bearbeitete, dass sie ebenfalls ihre Qualität verloren und der so aus dem Meisterwerk eine Ruine zusammenzimmerte, die im amerikanischen Kino komplett unterging und nur in Europa ein wenig besser abschnitt. Erst Jahre später wurde versucht, eine halbwegs adäquate Fassung herzustellen, die Peckinpahs Intention wenigstens ansatzweise entsprach. Diese ist 136 Minuten lang, es fehlt also immer noch einiges, was wohl auch für immer verloren ist. Es gibt auch eine ordentliche (englische) Tonspur und neue Musik, die hochwertiger abgemischt wurden. Trotzdem bleiben diese positiven Veränderungen in erster Linie Kosmetik, die alles zwar besser, aber noch nicht ganz gut aussehen lässt.

Ideengeber für „Westlich von Santa Fé“

Sam Peckinpah hatte seine Karriere beim Fernsehen begonnen und 1958 die Idee zu der Serie „Westlich von Santa Fé“ („The Rifleman“) gehabt, von der er ein paar Folgen auch selber inszenierte und die zu einem sehr großen Erfolg wurde. In dieser Zeit schrieb Peckinpah das Drehbuch zu „Die glorreichen Reiter“, das in vielem wie eine Fingerübung für „Major Dundee“ wirkt. Wir haben zwei Soldaten, die sich eigentlich gut verstehen könnten, aber es steht einiges zwischen ihnen, vor allem eine Frau, die in beiden Filmen von Senta Berger gespielt wird, welche eine Außenseiterin bleiben muss, weil sie sich den gesellschaftlichen Konventionen verweigert. In beiden Filmen geht es um eine militärische Operation, die mehr oder minder zum Scheitern verurteilt ist. Die Parallelen sind offensichtlich.

Feuchte Träume vor der Fototapete

Zu einem anderen ganz großen Western gibt es ebenfalls einige Parallelen, nämlich zu John Fords „Der schwarze Falke“ („The Searchers“) von 1956, denn hier wie dort werden Indianer gejagt, welche Kinder entführt haben. Die Kinder werden befreit, was bei Peckinpah relativ früh geschieht, und die handelnden Akteure erscheinen als moralisch eher zweifelhafte Figuren, deren Motive durchaus egoistischer Natur sind. Ein wenig wirkt „Major Dundee“ manchmal so, als wolle Peckinpah einen Kommentar zu Fords Western abgeben, auch zu seinen Kavalleriewestern, in denen die Soldaten immer so gepflegt aussehen und auch nach verlorenen Schlachten einigermaßen diszipliniert wirken. Hier ist alles ein wenig realistischer und schmutziger und Hestons Rolle hat etwas durchaus Autobiografisches aufzuweisen. Denn sein Major Dundee porträtiert Peckinpah, spätestens, wenn er in Mexiko schwer alkoholisiert versumpft, weil er mit seinen Wunden nicht umgehen kann. Peckinpahs Wunden liegen eher unter der Oberfläche, der empfindsame Künstler kam nur sehr bedingt mit der Realität (auch der des Filmbusiness) klar.

Nord- und Südstaatler gegen Indianer

Die Handlung lässt sich, wie bei allen wirklich guten Filmen, mit wenigen Worten zusammenfassen. Major Dundee (Charlton Heston) arbeitet für die Nordstaaten als Leiter eines Gefangenenlagers, in welchem konföderierte Soldaten einsitzen, darunter mit Captain Tyreen (Richard Harris) auch ein ehemaliger Freund Dundees. Der Apachenhäuptling Sierra Charriba (Michael Pate) überfällt und tötet immer wieder amerikanische Bürger. Dundee beschließt eigenmächtig, ihn zu verfolgen, von ihm entführte Kinder zu befreien und ihn schließlich zu töten. Dazu braucht er auch Freiwillige aus den Reihen der konföderierten Gefangenen. Es kommt zu Spannungen und Reibereien untereinander, bis endlich die letzte Konfrontation mit den Indianern ausgetragen wird.

„Dahinten liegt der Thunberg und der Adorf sieht wie die Klimakatastrophe aus.“

In vielen Szenen lässt sich erahnen, was Peckinpah wohl vorschwebte. Manches funktioniert ausgezeichnet, anderes ist sichtbarer Notbehelf. Nicht alle Beziehungen untereinander sind ausgewogen geschildert, bei manchem ahnt man, dass wohl mehr und anderes geplant war, was sich aber dann nicht mehr realisieren ließ oder verloren gegangen ist. So wie es ist, ist es in Ordnung, aber nicht mehr, obwohl einige Szenen eine Intensität erreichen, die mehr verspricht als der Film letztlich einzulösen in der Lage ist.

Vorbildliches Mediabook von explosive media

Die Mediabook-Veröffentlichung ist auf jeden Fall ziemlich perfekt geworden, Bild und Ton sind ausgezeichnet, Kinofassung und Extended Cut sind beide auf getrennten Blu-rays enthalten, beide verfügen über unterschiedliche Extras, die üppig und zielführend geworden sind. Dazu kommen zwei Musikspuren, damit man wirklich alle möglichen Fassungen sehen kann. Besser kann man es nicht machen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Sam Peckinpah haben wir unter Regisseure aufgelistet, Filme mit James Coburn, Richard Harris und Charlton Heston unter Schauspieler.

„Der Säbel kommt mir zaub’risch vor, ich glaub‘ ich werd’ zu Dumbledore.“

Veröffentlichung: 28.11. 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays)

Länge: 122 Min. (Kinofassung), 136 Min. (Extended Fassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Major Dundee
USA 1965
Regie: Sam Peckinpah
Drehbuch: Harry Julian Fink, Oscar Saul, Sam Peckinpah,
Besetzung: Charlton Heston, Richard Harris, Jim Hutton, James Coburn, Michael Anderson Jr., Marion Adorf, Brock Peters, Senta Berger, Slim Pickens, Michael Pate
Zusatzmaterial: Audiokommentare Glenn Erickson und von Nick Redman, Paul Seydor, Garner Simmons und David Weddle, Featurette „Riding for a Fall“, Mike Siegel: „Passion & Poetry – The Dundee Odyssey“ und „Über das Passion & Poetry Projekt“, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Glenn Erickson
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 explosive media

 

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