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Schwarzer Regen – Weiterleben und -sterben in Hiroshima

19 Nov

Kuroi ame

Von Volker Schönenberger

Nachkriegsdrama // Am 6. August 1945 ist die 20-jährige Yasuko (Yoshiko Tanaka) gerade bei ihrem Onkel Shigematsu Shizuma (Kazuo Kitamura) eingetroffen, der mit seiner Familie am Rande von Hiroshima lebt. Als über der Innenstadt die Atombombe detoniert, trifft radioaktiver Niederschlag in Form schwarzen Regens die junge Frau und ihre Angehörigen.

Der Abwurf der Atombombe richtet schwere Verwüstungen an

Fünf Jahre später haben sich die Überlebenden damit arrangiert, dass unter ihnen die Strahlenkrankheit wütet und immer wieder ihre Opfer fordert. Shigematsu hat immerhin für Yasuko ein Gesundheitszeugnis organisiert, das belegen soll, dass sie von dem Leiden verschont geblieben ist. Vergeblich hofft er, mit dem Dokument zu belegen, Yasuko sei gesund und gebärfähig und somit als Ehefrau gut geeignet. Die Versuche, sie zu verheiraten, sind zum Scheitern verurteilt.

Entsetzliche Bilder vom nuklearen Inferno

Auch wenn sich die Haupthandlung des Films 1950 abspielt und die Vernichtungswalze der nuklearen Explosion nur in einer kurzen Einstellung zu sehen ist: Es sind schreckliche Bilder, die uns der japanische Regisseur und Drehbuchautor Shōhei Imamura („Die tiefe Sehnsucht der Götter“, „Das Insektenweib“) zumutet, wenn auch in vermeintlich schonendem Schwarz-Weiß inszeniert. Wenn Shigematsu kurz nach dem Atomschlag mit Yasuko und seiner Ehefrau Shigeko (Etsuko Ichihara) durch das zerstörte Hiroshima irrt, bekommen die drei grausam entstellte Opfer zu sehen – Menschen mit entsetzlich verbrannten Gesichtern und herabhängenden Hautfetzen, eine Mutter, die ihr komplett schwarz verkohltes Baby in den Armen hält, weitere übel zugerichtete Leichen allerorten, an Ort und Stelle verbrannt herumliegend, sodass Yasuko über sie stolpert, oder im Fluss treibend.

Auf Yasuko und die anderen im Boot fällt schwarzer Regen

Mit der im Mai 1950 einsetzenden Haupthandlung widmet sich Imamura verstärkt den gesellschaftlichen Konventionen Japans, denen zufolge es unabdingbar erscheint, eine junge Frau zu verheiraten. Shigematsu erweist sich gegenüber seiner Nichte als fürsorglicher Onkel, der für ihr Glück sorgen will. Und das sieht eben so aus, dass er nach Kandidaten Ausschau hält, die er für geeignete Ehemänner hält. Welche Eigenschaften dies sind, muss uns ganz anders sozialisierten Menschen des Westens fremd bleiben. Sich ineinander zu verlieben, bevor man eine Beziehung eingeht, spielt dabei jedenfalls keine Rolle. Für mich blieb dabei allerdings offen, ob Imamura damit Kritik an derlei gesellschaftlichen Zwängen seiner Heimat äußern wollte, da er diesen Aspekt eher neutral abhandelt. Deutlich wird, dass der Regisseur seine Figuren mag, und das gilt insbesondere für Yasuko und Shigematsu. Dessen Wunsch, die junge Frau zu verheiraten, wird nicht zynisch inszeniert, vielmehr strahlt der Onkel gegenüber seiner Nichte Fürsorge aus.

Seelenschmerz lässt Haare ergrauen

Die Folgen der Atombombenabwürfe sind allgegenwärtig, weshalb sich „Schwarzer Regen“ als klares Plädoyer gegen den Krieg interpretieren lässt, was Imamura auch explizit zum Ausdruck bringt, indem Shigematsu äußert, es dürfe keine Kriege mehr geben. Das geht geradezu als Gefühlsausbruch durch, werden Gefühle doch in der japanischen Gesellschaft eher unterdrückt. So ist der Film auch recht nüchtern inszeniert, was es westlich geprägten Zuschauerinnen und Zuschauern erschweren mag, Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Dazu muss man auf andere Signale achten als auf Gesagtes. Gram kann eben auch dadurch zum Vorschein kommen, dass die Haare zügiger als gewöhnlich ergrauen.

Shigematsu (M.) will seine Lieben schützen

Shōhei Imamura gewann beim Filmfestival von Cannes zweimal die Goldene Palme: 1983 für „Die Ballade von Narayama“ und 1997 für „Der Aal“. Der Mitbegründer der japanischen Nouvelle Vague war für seine Heimat zweifellos ein unbequemer Filmemacher, der sich düsteren Aspekten der Nachkriegsgesellschaft des Landes widmete. Er starb am 30. Mai 2006 im Alter von 79 Jahren. Deutsche Publikationen wie „Der Spiegel“ und „Die Welt“ widmeten Imamura berechtigterweise Nachrufe.

In Hiroshima müssen Yasuko (M.), ihre Tante und ihr Onkel schlimme Anblicke ertragen

„Schwarzer Regen“ gewann in Cannes 1989 zwar nicht die Goldene Palme, aber dafür den Grand Prix Technique. Eine besondere Erwähnung beim Preis der ökumenischen Jury des Festivals gab es obendrauf. Beim wichtigsten Filmpreis seiner Heimat, dem Preis der japanischen Akademie, ergatterte das Werk 1990 neun Trophäen, darunter die als bester Film sowie für Regie, Hauptdarstellerin Yoshiko Tanaka, Nebendarstellerin Etsuko Ichihara, Drehbuch, Kamera, Beleuchtung, Schnitt und den Score.

Bis Februar 2022 in der arte-Mediathek

Der deutsch-französische Kultursender arte hat „Schwarzer Regen“ am 30. August 2021 ausgestrahlt. Bis 25. Februar 2022 kann das Werk deutsch synchronisiert in der arte-Mediathek angeschaut werden. Es lohnt sich! Nach dem 1965 in Japan und 1974 in deutscher Übersetzung veröffentlichten Roman „Schwarzer Regen“ entstand ein nicht nur, aber besonders für Japan überaus bedeutsames Nachkriegsdrama in erlesenen Schwarz-Weiß-Bildern, welches die nicht allzu häufig zu vergebende Bezeichnung Antikriegsfilm verdient hat.

Leid und Tod

Veröffentlichung: 24. Juli 2020 und 4. Dezember 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 118 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Kuroi ame
JAP 1989
Regie: Shōhei Imamura
Drehbuch: Shōhei Imamura, Toshirô Ishidô, nach dem Roman „Black Rain“ von Masuji Ibuse
Besetzung: Yoshiko Tanaka, Kazuo Kitamura, Etsuko Ichihara, Shôichi Ozawa, Norihei Miki, Hisako Hara, Keisuke Ishida, Masato Yamada, Tamaki Sawa, Akiji Kobayashi, Kazuko Shirakawa, Kenjirô Ishimaru
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Wendecover
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot: © 2014 EuroVideo Medien GmbH

 

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